8 Innovation Leader 2020: Rien ne va plus

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1 Erscheinungsort Wien, Bohmann Druck und Verlag GmbH & Co KG, Leberstraße 122, 1100 Wien, P.b.b., 02Z031058M Wirtschaft Innovation Wissenschaft austriainnovativ.at Innovation Leader 2020: Rien ne va plus 24 Interview: Extrembergsteigerin Kaltenbrunner zu Erfolg & Misserfolg 50 Das Geheimnis der Stradivari

2 Zum Einstieg 3 Inhalt 2 15 Editorial Kurzmeldungen 4 need2know 8 Coverstory: Was kostet der Innovation Leader? ExpertInnen antworten Norbert Regitnig-Tillian, Chefredakteur Würde man auf dem Stephansplatz in Wien PassantInnen fragen, was sie von der FTI-Strategie Österreichs halten, erntete man wahrscheinlich zum Großteil Achselzucken, Keine Ahnung oder Ist mir egal. Gerade das aber sei, so meinen ExpertInnen, das Problem. Das Desinteresse an Forschungs- und Innovationsthemen in der Bevölkerung. Geht es dabei doch um die Zukunft des Landes, und ob Österreich wettbewerbsfähig bleibt oder nicht. Ob das selbstgesteckte Ziel der Bundesregierung, bis 2020 Innovation Leader zu werden, noch erreichbar ist, daran zweifeln indes schon ein Großteil der ExpertInnen. Wie man es dennoch schaffen könnte wenn auch mit etwaiger Zeitverzögerung lesen Sie in der Coverstory ab Seite 8. Vielleicht könnten Österreichs Innovatoren auch etwas von Gerlinde Kaltenbrunner, ihres Zeichens Extrembergsteigerin, lernen. Sie hat alle 14 Achttausender ohne Sauerstoff bezwungen, meisterte Extremsituationen und Tiefpunkte mit Beharrlichkeit, guter Planung und Training. Und sagt: Mit Begeisterung geht Vieles. Auch der Innovation Leader? Man wird sehn Eine informative Lektüre wünscht Ihnen Norbert Regitnig-Tillian 8 Wie schafft es Österreich noch, das selbstgesteckte Ziel, Innovation Leader zu werden, zu erreichen? ExpertInnen geben Antwort. 25 Die Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner will Menschen mit ihren Vorträgen inspirieren, ihre eigenen Wege zu gehen. Impressum: Medieninhaber und Verleger: Bohmann Druck und Verlag GesmbH & Co.KG., A-1110 Wien, Leberstraße 122, Telefon: +43-1/ , Fax: +43-1/ ; DVR: Geschäftsführung: MMag. Dr. Gabriele Ambros Komm.Rat Gerhard Milletich, Chefredakteur: Dr. Norbert Regitnig-Tillian DW 435, AutorInnen dieser Ausgabe: Mag. Alfred Bankhamer, Harald Hornacek, Leopold Lukschanderl, MMag. Sylvia Seiser; Verlagsleitung: Joachim Zieger, Marketing & Sales: Mag. Sandra Kreuzer DW 560, Grafik Design und Produktion: Elisabeth Pirker/OFFBEAT, Druck: Druckerei Odysseus, Haideäckerstraße 1, A-2325 Himberg, Titelfoto: istock.com, Erscheinungsweise: 6-mal jährlich, Abonnementpreis: 54,50 Euro, das Abonnement ist spätestens 30 Tage vor Bezugsjahresende schriftlich kündbar. Alle Rechte, auch die Übernahme von Beiträgen nach 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, sind vorbehalten. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit ist bei Personen nicht durchgängig die männliche und die weibliche Form angeführt. Gemeint sind selbstverständlich immer beide Geschlechter. Wirtschaft & Innovation 14 Staatspreis Multimedia und E-Business: Die Gewinner 16 Interview: Jost Bernasch, Leiter Virtual Vehicle, zum autonomen Fahren und Forschungsförderung 20 Wirtschaftsnews 22 Österreichische Eurostars 23 Serie Recht: verstärkter Kündigungsschutz für Mütter in Teilzeitarbeit 25 Interview: Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner zum Meistern von Extremsituationen 27 Serie Best Practice: Der CEO als Innovator 28 Förderung von Forschungskompetenzen für die Wirtschaft 29 Serie Steuer: Neue Regeln für GmbH-Gewinnausschüttungen 30 Schwerpunkt Wien: Alles Bildung 37 Tomorrow Today II Smart Grids 2.0 IV F & E News VII Innovationskalender VIII Scientific Papers 46 Smart Factory: OÖ-Forschung auf der Industrieleitmesse in Hannover Wissenschaft & Innovation 48 Neues aus aller Welt 50 violineforensic: Das Geheimnis der Stradivari 52 Science Talk: Citizen Science in Österreich 54 Schwerpunkt Salzburg/Bayern: Natürliche Energiespeicher 57 CD-Labor: Biotechnologie der Hautalterung zum Schluss 50 Skurriles

3 16 Wirtschaft & Innovation Zur Person Der Geschäftsführer des Virtual Vehicle Research Center in Graz, Dr. Jost Bernasch, leitet das Forschungszentrum seit Davor war er für das BMW Research & Development Center München als Projektmanager und Leiter der Fahrsimulation tätig. Der diplomierte Informatiker und Betriebswirt promovierte an den Universitäten München und Dortmund zum Thema Echtzeitbildverarbeitung zur Fahrzeugumfelderfassung, also im gerade sehr gefragten Gebiet der Fahrerassistenzsysteme. Dr. Bernasch ist u. a. Gründer und Vorsitzender des Grazer Symposiums Virtuelles Fahrzeug (GSVF) und Vorsitzender des Internationalen Akustikkongresses (ISNVH) in Zusammenarbeit mit der SAE. Veranstaltung Vom 18. bis 20. Mai 2015 findet das 8. Grazer Symposium Virtuelles Fahrzeug statt. Nähere Infos:

4 Wirtschaft & Innovation 17 Interview Nicht am Durchschnitt orientieren Jost Bernasch, der Leiter des Virtual Vehicle Research Center Graz, zum Thema autonomes Fahren und Elektromobilität, den Stellenwert von COMET-Programmen und ob Deutschland etwas richtiger macht als Österreich. Interviewer: Norbert Regitnig-Tillian Austria Innovativ: Das Virtual Vehicle ist mit 200 Forschern eines der größten monothematischen Forschungsprojekte Österreichs. Was sind Ihre Schwerpunkte? Jost Bernasch: Virtual Vehicle ist ein international aktives Forschungszentrum für Fahrzeugtechnologie. Im Mittelpunkt stehen Technologien für leistbare, sichere und umweltfreundliche Fahrzeuge, und zwar für Straße und Schiene. Als national und international gefragter Partner arbeiten wir mit mehr als 150 Firmen und Forschungseinrichtungen an Themen, die das leichte, energieeffiziente, intelligente und sichere Fahrzeug möglich machen. Wichtige Aspekte sind die Verknüpfung von numerischer Simulation und experimenteller Auslegung sowie die umfassende Simulation komplexer Systeme wie z. B. automatisierte Fahrerassistenzsysteme. AI: Kann man schon ausschließen, dass Hacker ein Fahrzeug kapern oder sich Computer beim autonomen Steuern verhaspeln? JB: Gegen einen gezielten Angriff von außen können auch die besten Systeme aufgrund ihrer zunehmenden Vernetzung mit externen Systemen wie Infrastruktur oder Car-2-Car nur bedingt geschützt werden. Getrennte Kommunikation in sicherheits-kritische und weniger kritische Anwendungen ist ein Ansatz. Dem Verhaspeln des Computers ist durch eine höchstmögliche Funktionssicherheit zu begegnen hier forschen wir an zuverlässigen und übergreifenden Systemarchitekturen, um die funktionale Sicherheit des Fahrzeuges umfassend zu gewährleisten. Autonomes Fahren wäre heute schon möglich. Aber es fehlt an den rechtlichen Grundlagen. AI: Stichwort Autonomes Fahren: Wann glauben Sie werden die ersten autonomen Fahrzeuge auf der A2 von Graz nach Wien unterwegs sein? JB: Autos wären technisch heute bereits dazu in der Lage. Jedoch sind die notwendigen rechtlichen Grundlagen noch nicht vorhanden. Meine Schätzung: Von einigen Feldversuchen abgesehen könnte ich mir das gut im Jahr 2020 vorstellen. Aber schon heute gibt es viel Technik bereits in Serie wie Notbremsungen oder Stopand-Go-Fahrten. Auf jeden Fall setzen alle großen Fahrzeughersteller auf Vernetzung und automatisiertes Fahren, denn: Das Auto der Zukunft wird stark vernetzt, noch sicherer und umweltfreundlicher sein. AI: Welche Herausforderungen sind noch zu lösen? JB: Schätzungen besagen, dass etwa 100 Millionen Kilometer gefahren werden müssten, um mit konventionellen Methoden die Straßenzulassung für ein autonomes Fahrzeug zu erlangen ein Ding der Unmöglichkeit. Gefragt sind daher neue virtuelle Testund Simulationsmethoden, um die Entwicklung hochautomatisierter und enorm komplexer Fahrfunktionen beherrschbar zu machen. AI: Elektromobilität ist auch ein großes Thema. Allerdings lassen E-Fahrzeuge auf sich warten. Werden Plug-in-Hybride, also E- Mobile mit Verbrennungsmotoren so wie von großen Fahrzeugherstellern angekündigt, tatsächlich bald die Straßen bevölkern? JB: Die EU wird die Obergrenzen für CO 2 -Emissionen von Fahrzeugflotten weiter senken, die Strafzahlungen bei einer Überschreitung fallen empfindlich aus. Allerdings bezieht die Be rechnung der Emissionen die elektrische Reichweite der Plug-in-Hybride von

5 18 Wirtschaft & Innovation rund 30 bis 50 Kilometer mit ein. Daher sehe ich eine deutliche Zunahme dieser Fahrzeuge. Ihre Technik wird auch wertvolle Erkenntnisse für die reine E-Mobilität liefern. Die Kosten für Batterien werden weiter sinken und im urbanen Bereich wird die lokale Emissionsfreiheit essenziell werden. Andere Einfluss größen wie Ölpreis oder lokale Fahrverbote für konventionelle Fahrzeuge könnten den Trend zur E-Mobilität noch beschleunigen. AI: Es ist erstaunlich, dass Österreich, das ja keine eigenen Original Equipment manufacturer (OEM) im Land hat, einen hohen Stellenwert in der Zulieferindustrie hat. Was sind die Gründe? JB: Fahrzeugtechnik hat eine lange und erfolgreiche Tradition in Österreich. Der Standort ist international gefragt und die Fahrzeugindustrie ist einer der Top-5-Industriezweige Österreichs. Mit Global Playern wie AVL List und MAGNA, zahlreichen Zulieferern sowie den rund 200 Netzwerkpartnern des Automobil Cluster (AC) Styria stehen der Standort Graz und die Steiermark dabei an vorderster Front. Grundlage für diesen Erfolg ist die Ausbildung erstklassiger Fachkräfte und eine pragmatische, anwendungsorientierte Ausrichtung auf Innovationen. Universitäten sowie außeruniversitäre Forschungsstätten arbeiten eng mit der Industrie zusammen. Ein gesunder Pragmatismus und kreativer Geist ergänzt die exzellente Ingenieursausbildung, z. B. an der TU Graz. AI: Welche Rolle spielt dabei das Virtual Vehicle? JB: Unsere ambitionierten Forschungsprojekte schaffen eine solide Verbindung von universitärer Forschung und industrieller Entwicklung, mehr als 150 Partner in Europa sind ein schöner Beleg dafür. Wir bringen unsere Expertise in internationalen Gremien und europäischen Technologie-Roadmaps ein und helfen damit, unseren Standort Graz als gefragte Technologiedrehscheibe zu positionieren. Es gelang z. B. einige weltweit renommierte Kongresse erstmalig nach Österreich zu holen. Wir fördern aber auch hochqualifizierte Nachwuchskräfte mit unserer Unterstützung von Diplomarbeiten und Dissertationen in der angewandten Forschung. AI: Wird Virtual Vehicle international überhaupt als ernstzunehmender Gesprächspartner wahrgenommen? JB: Der Weg vom Start-up im Jahr 2002 bis zu einem international beachteten Forschungszentrum ist uns in relativ kurzer Zeit gelungen. Dies zeigt sich unter anderem an der beachtlichen Zahl von 25 EU-Projekten, die wir leiten und an denen wir beteiligt sind. Eine aktuelle Auswertung der letzten fünf Jahre im Bereich Surface Transport listet uns in den Top-10 der erfolgreichsten Projektpartner in Europa gemeinsam mit etablierten Institutionen, die über jahrzehntelange Reputation und ein Vielfaches der Forschungsmittel unseres Zentrums verfügen. Wir werden als relevanter Player auf der europäischen Forschungsbühne akzeptiert. AI: Die Steiermark ist aktuell im Bereich des COMET-Programms sehr erfolgreich. Jetzt gibt es Überlegungen, das Forschungsprogramm finanziell zu kürzen. JB: Das Forschungsförderprogramm COMET ist eine europäische Erfolgsstory und in der Steiermark dank der Unterstützung des Landes, der TU Graz und der Industriepartner bemerkenswert erfolgreich. Langfristig planbare und stabile Forschungsbudgets generieren nicht nur eine enorme Wertschöpfung, sondern bilden auch die Basis, um mehr EU-Fördermittel nach Österreich zu holen. Dieses Potenzial sollte man weiterhin nutzen und eher forcieren, als durch Kürzungen zu gefährden. AI: Was wäre eine Konsequenz aus den Kürzungen? JB: Sie könnten die bisher erarbeitete Position deutlich schwächen. Nur ein stabiles finanzielles Fundament sichert strategische Partnerschaften mit internationalen Playern, ich nenne neben AVL, Magna und Siemens auch BMW, Audi und Porsche. Stabilität ist auch notwendig, um das Gewinnen langfristiger EU-Projekte nicht zu gefährden. Die konsequent aufgebauten und anerkannten Assets der COMET-K2-Zentren sind zugleich eine wertvolle Basis für das Erreichen von Innovation-Leader-Zielen. Das COMET Programm ist eine europäische Erfolgsstory. Sie sollte nicht durch Kürzungen gefährdet werden. AI: Österreich ist angetreten, in Europa zur Gruppe der Innovation- Leader-Länder aufzusteigen. Bis jetzt hat das aber nicht funktioniert. Woran kann das liegen? JB: Österreich steht prinzipiell ganz gut da. Den leichten Rückgang im Ranking sehe ich aber als Hinweis, eher vorhandene Stärken weiter auszubauen und sich nicht an Durchschnittswerten zu orientieren. Was gut funktioniert, sollte weiter gestärkt werden, damit man in die Spitzengruppe aufschließt. AI: Sie kommen aus Deutschland einem Innovation-Leader-Land und haben dort auch in der Privatwirtschaft geforscht. Macht man dort etwas richtig(er)? JB: Österreich hat eine grundsolide Wirtschaft und eine Fülle innovativer Unternehmen; die Aufwendungen für F & E sind hoch, WissenschaftlerInnen publizieren in Top-Magazinen. Aber Deutschland liegt in unterschiedlichsten Innovationsbewertungen deutlich vorne. Im Automobil bereich hat es den Vorteil, dass dort drei der weltweit umsatzstärksten Automobilhersteller angesiedelt sind. In deren Umfeld haben sich ganze Ökosysteme damit verbundener Unternehmen, aber auch Forschungseinrichtungen etabliert. Das wirtschaftliche Ummünzen von Wissen in finanziellen Erfolg gelingt in Deutschland aus meiner Sicht etwas besser. Entscheidend ist nämlich, Forschungsergebnisse konsequent bis zur Marktreife weiterzuentwickeln und damit in Innovationen umzuwandeln. Zudem wurden systematisch Rahmenbedingungen geschaffen, die es Universitäten und Forschungseinrichtungen ermöglichen, sich als langfristiger Partner, berechenbar für strategische, technisch bedeutsame Themen der Industrie, zu etablieren die Fraunhofer-Gesellschaft ist eines der international bekanntesten Beispiele hierfür. Die österreichische COMET-Initiative kann beitragen, einen ähnlich erfolgreichen Weg zu beschreiten. Der Innovationsstandort wird dadurch gestärkt. Diesen Weg sollte man konsequent und mutig weitergehen. n

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