Tauschsysteme. Eine Alternative zur bestehenden Geldordnung?

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1 Tauschsysteme. Eine Alternative zur bestehenden Geldordnung? Hausarbeit zur Übung Kooperation in Staat und Wirtschaft. Formen und Wirkungen von Geld Leitung: Prof. Dr. Harald Spehl WS 2004/05 Vorgelegt am von: Dominik Weis Bruchhausenstr. 17, Trier, Tel. 0651/ FS Soziologie (Diplom) Schwerpunkt TRS Matrikelnummer:

2 0. Inhalt 0. Inhalt Einleitung Unser heutiges Geldsystem Geld als Tauschmittel Fiat-Geld Zins Eine Alternative zu unserem Geldsystem: Komplementärwährungen Das Entstehen von Komplementärwährungen in der Vergangenheit Entstehung und Funktionsweise des LETSystems Seniorengenossenschaften Chancen und Probleme der Tauschsysteme mit Komplementärwährungen Soziale Ebene Wirtschaftliche Ebene Ökologische Ebene Diskussion: Tauschsysteme als nachhaltiges Wirtschaftsprinzip? Fazit Literatur

3 1. Einleitung Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen einer Übung zum Thema Formen und Wirkungen von Geld. Da unsere gegenwärtige Gesellschaft von vielen Problemen, Fehlentwicklungen, Missständen und Ungerechtigkeiten geprägt ist, erscheint es sinnvoll und erforderlich, über eventuelle Alternativen nachzudenken, die dazu beitragen können, bestehende Mängel zu beseitigen. Ein möglicher Ansatzpunkt hierzu ist unser heutiges Geldsystem, das für einige dieser Entwicklungen (mit-) verantwortlich gemacht werden kann. Bei einer kritischen Betrachtung des Geldsystems muss man sich zwangsläufig die Frage stellen: wie kann man es denn anders machen? Einen interessanten Ansatz bilden hierbei die ohne offizielles Geld in vielen Ländern existierenden Tauschsysteme, die mittels einer eigenen Verrechnungseinheit bzw. Komplementärwährung funktionieren; zwei unterschiedliche Formen sollen in dieser Arbeit vorgestellt werden. Zunächst aber sollen einführend unser gegenwärtiges Geldsystem kurz dargestellt und einige Probleme herausgearbeitet werden, die in dessen spezifischen Eigenschaften begründet liegen (Kapitel 2). Auf diesem Wissen aufbauend widmet sich Kapitel 3 den möglichen Alternativen, den Komplementärwährungssystemen. Vorab soll ein geschichtlicher Überblick das Entstehen paralleler Währungsformen in der Vergangenheit skizzieren, bevor in Kapitel 3.2 und 3.3 heutige Beispiele des geldlosen Tauschhandels erläutert werden, das LETS sowie die Seniorengenossenschaften. Im 4. Kapitel schließlich werden die Chancen und Probleme, die sich durch die alternativen Währungsformen ergeben, genauer analysiert, und zwar auf den drei Ebenen Gesellschaft (4.1), Ökonomie (4.2) und Ökologie (4.3). Abschließend werden in Kapitel 4.4 die Chancen der Tauschsysteme diskutiert, einen Beitrag zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise leisten zu können. 2

4 2. Unser heutiges Geldsystem 2.1 Geld als Tauschmittel Geld in seiner ursprünglichen Funktion kann als eine Übereinkunft innerhalb einer Gemeinschaft, etwas als Tauschmittel zu verwenden 1 verstanden werden. Unabhängig von seiner Erscheinungsform heute für gewöhnlich in Form von Münzen, Scheinen oder in elektronischer Form, in anderen Zeiten und Gesellschaften auch bspw. als Muscheln, Steine, Eier, Nägel, Zigaretten 2 dient Geld also zunächst dazu, den Gütertausch zwischen den beteiligten Parteien zu vereinfachen und zu erleichtern. Dass das Geld heute weit von dieser ursprünglichen Funktion entfernt ist, mag schon dadurch deutlich werden, dass nur noch ein Bruchteil der durchgeführten Finanztransaktionen tatsächlich an Waren- und Gütertausch gebunden ist 3. Zwei weitere zentrale Eigenschaften unseres Geldes sind zudem zum Verständnis dieser Arbeit kurz zu erläutern, zum einen die Eigenschaft des Geldes als Fiat- Geld, zum anderen der Zins. 2.2 Fiat-Geld Seit dem Zusammenbruch des Bretton-Wood-Systems im Jahre 1971 ist unser Geld, resp. der Dollar als Weltleitwährung, nicht mehr an den Goldstandard gebunden, er ist also nicht mehr wie bis dahin durch ein Edelmetall gedeckt. Aus dem Versprechen, das das Geld darstellte und das ihm seinen Wert verlieh, einen Dollar gegen ein gewisses Maß ein Gold einzutauschen, ist das Versprechen geworden, einen Dollar gegen einen Dollar einzutauschen; 4 es ist also nicht mehr durch einen konkreten Wert, wie ein Edelmetall, gedeckt, sondern nur noch ausschließlich durch Vertrauen. 1 Lietaer, Bernard A.: Das Geld der Zukunft. Über die zerstörerische Wirkung unseres Geldsystems und Alternativen hierzu, München 2002, S vgl. ebd., S vgl. bspw. Hamm, Bernd: Struktur moderner Gesellschaften, Opladen 1996, S. 152, oder Herrmannstorfer, Udo: Scheinmarktwirtschaft. Arbeit, Boden, Kapital und die Globalisierung der Wirtschaft, Stuttgart 1997, S vgl. Lietaer, S

5 Dieses ungedeckte Geld wird als Fiat-Geld bezeichnet, das heißt aus dem Nichts geschaffen durch Bankdarlehen gegen die Zahlung von Zinsen. 5 Seinen Wert erhält das Geld dadurch, daß es im Verhältnis zu seinem Nutzen knapp ist 6, es steht also nicht unbegrenzt zur Verfügung, sondern wird von den Zentralbanken, die die jeweilige Währung herausgeben, künstlich knapp gehalten um den Wert aufrecht zu erhalten. 7 Durch diese begrenzte Verfügbarkeit können nicht alle gleichermaßen am Wirtschaftsgeschehen, das auf diesem Geldsystem aufgebaut ist, teilhaben. 2.3 Zins Der unser Geldsystem dominierende Zins trägt nach Bernard Lietaer drei Auswirkungen in sich: er fördert die Konkurrenz zwischen den Teilnehmern des Systems, er verlangt unbegrenztes Wirtschaftswachstum und manifestiert bestehende Macht- und Besitzverhältnisse. 8 Da Geld, wie wir in Kap. 2.2 gesehen haben, knapp ist (und gehalten werden muss), schürt der Zins einen Wettbewerb um die vorhandene Geldmenge. Nimmt man einen mit Zinsen belasteten Kredit auf, muss man diesen nach einer vorher festgelegten Zeit plus Zinsen (und evtl. Zinseszinsen) zurückbezahlen, es wird also erwartet, dass man sein erhaltenes Guthaben in dieser Zeit vermehrt. Dies kann bei gleich bleibender Geldmenge nur auf Kosten anderer geschehen, da bei einer festgesetzten Gesamtmenge nicht alle gleichzeitig ihr Guthaben vermehren können. Will man nicht ex ante den Bankrott eines Teiles der Bevölkerung in Kauf nehmen, ist die einzige Lösung aus diesem Dilemma ein stetiges Wachstum, inkl. dem Wachsen der Geldmenge, um eine Rückzahlung der Zinsen überhaupt möglich zu machen. Dieser Wachstumszwang lässt sich allerdings nicht in alle Ewigkeit weiter steigern, da dem Wachstum irgendwann natürliche Grenzen gesetzt sind. 9 5 Lietaer, S Jackson; McConnell: Economics, Sydney 1988, zit. nach Lietaer, S vgl. Lietaer, S vgl. ebd., S vgl. hierzu bspw. Creutz, Helmut: Das Geldsyndrom. Wege zu einer krisenfreien Marktwirtschaft, Frankfurt/M. 1995, S Oder all gemeiner: Meadows, Dennis: Die Grenzen des Wachstums, Stuttgart,

6 Der dritte Aspekt ist der aktuell vielleicht problematischste: der Zins sorgt für eine Umverteilung des Kapitals von unten nach oben, plakativ formuliert macht er die Armen ärmer und die Reichen reicher. Je reicher man ist, d.h. je mehr zinsbringendes Sach- und Geldvermögen man besitzt, umso größer ist der Anteil, den man aus dem Topf der abkassierten Zinsen erhält. Die größten Verluste tragen diejenigen, die über keine nennenswerten verzinsten Vermögenswerte verfügen. Sie zahlen nur, ohne etwas zurückzuerhalten. 10 Vor dem Hintergrund der problematischen Aspekte, die unserem Geldsystem innewohnen, soll in den folgenden Kapiteln einige alternative Systeme vorgestellt werden, die eines gemeinsam haben: Das in diesen Projekten verwendete Geld ist auf seine zentrale Funktion, einen Tausch zu vereinfachen, reduziert. Es wird weder künstlich verknappt, noch benötigt es Zins und Zinseszins. Es handelt sich hierbei um Tauschsysteme, die sogenannte Komplementärwährungen verwenden, d.h. sie haben nicht den Anspruch, unser herkömmliches Geldsystem abzulösen, sondern können neben diesem existieren und Aufgaben wahrnehmen, die dieses heute nicht mehr oder nicht mehr lange in der Lage ist, zu erfüllen. 10 Lietaer, S

7 3. Eine Alternative zu unserem Geldsystem: Komplementärwährungen 3.1 Das Entstehen von Komplementärwährungen in der Vergangenheit Alternative Systeme zu unserem Währungssystem sind zwar in den letzten Jahren verstärkt aufgekommen, die Idee zu einer zinsfreien Ersatz- oder Nebenwährung, die allen heutigen Tauschsystemen zugrunde liegt, ist allerdings schon etwas älter. Frühe Formen von Komplementärwährungen gehen auf die Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell ( ) zurück, der die Problematik des Zinses schon sehr früh erkannte und stattdessen die Konzeption eines Schwundgeldes einführte. Geld sollte statt mit Zinsen mit einer Umlaufsicherungsgebühr belegt werden, die ein Horten von Kapital über längere Zeit unmöglich macht und das Geld immer wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückfließen lässt. 11 Auf diesem Prinzip sind auch heute noch die sogenannten Regionalwährungen sowie einige Tauschsysteme aufgebaut. Angewandt wurde dieses Prinzip erstmals in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Nach der Nachkriegsinflation in Deutschland, in der das Vertrauen in die allgemeine Währung drastisch sank, sowie weltweit in den 30er Jahren im Zuge der Weltwirtschaftskrise entstanden in etlichen Regionen und Gemeinden Parallelwährungssysteme, die neben der offiziellen Währung existierten, aber für alle Beteiligten eher gewährleisten konnten, daß die Menschen ein Tauschmittel hatten, das ein weiteres Funktionieren der Wirtschaft ermöglichte und so Arbeitsplätze sicherte 12. Dies konnten die herkömmlichen Landeswährungen für viele Menschen aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit nicht mehr leisten, da das Geld knapp war und insbesondere Erwerbslosen nicht zur Verfügung stand. Dies führte dazu, dass die Menschen in ihren Gemeinden dazu übergingen, sich eigenes Geld zu kreieren, mit dessen Hilfe sie Tauschaktionen durchführen und optimieren konnten, unabhängig von der ohnehin kaum verfügbaren Landeswährung. 11 vgl. hierzu bspw. Lietaer, S ebd., S

8 Dank der beschriebenen Umlaufsicherungsgebühr, die das Geld mit zunehmender Zeit abwertet, wurde es ständig im Umlauf gehalten, wodurch die wirtschaftlichen Aktivitäten enorm angekurbelt wurden. Die bekannteren und erfolgreichsten Beispiele sind die Wära-Tauschgesellschaft in Schwanenkirchen ( ) sowie das österreichische Wörgl-Experiment Anfang der 30er Jahre. Trotz der großen wirtschaftlichen Erfolge 13 wurden beide Projekte schließlich von den jeweiligen Landeszentralbanken untersagt, da sie gegen das staatliche Geldmonopol verstießen. Auch in den USA erhielten lokale Komplementärwährungen zu dieser Zeit einen beachtlichen Zulauf, aber auch Tauschsysteme, die auf jegliche Art von Geld verzichteten und in denen schlicht Arbeitskraft gegen Naturallohn eingetauscht wurde. 14 Erst im Jahr 1983 wurde das Prinzip des Tauschens auf lokaler Ebene mittels eigener Währung wieder aufgegriffen, in Form der heute in vielen Ländern bekannten Local Exchange Trading Systems (LETS). 3.2 Entstehung und Funktionsweise des LETSystems Eine heute relativ weit verbreitete Form des organisierten bargeldlosen Tausches von Gütern und Dienstleistungen ist das sogenannte LETS (Local Exchange Trading System). Erstmalig gegründet wurde ein solches Tauschsystem 1983 von Michael Linton in Kanada. 15 In den folgenden Jahren erlebte diese Art des Tauschnetzwerkes eine rasche Verbreitung, hauptsächlich in Nord- und Südamerika, Australien, Neuseeland und Westeuropa. Auffällig hierbei ist, dass LETSysteme ähnlich wie die Komplementärwährungssysteme der 30er Jahre hauptsächlich dort ins Leben gerufen werden, wo viele Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen sind und infolgedessen einen erschwerten Zugang zu finanziellen Ressourcen, Gütern und Dienstleistungen haben. 13 In Wörgl bspw. sank die Arbeitslosenzahl aufgrund des Notgeldes um 25%, die Steuereinnahmen stiegen an, zahlreiche öffentliche Bauprojekte wurden mit diesem Geld finanziert (vgl. hierzu PAYSYS: LETSysteme und Tauschringe. Ein Handbuch über Formen und Ausgestaltungsmöglichkeiten lokaler Verrechnungssysteme, Frankfurt/M. 1997, S. 29.) 14 vgl. ebd., S vgl. a. a. O. 7

9 Wie funktioniert ein LETSystem? Ein LETS ist eine lokal oder regional organisierte Gruppe, innerhalb derer Dienstleistungen und Waren jeglicher Art über ein bargeldloses Verrechnungssystem miteinander getauscht werden. Es ist im Prinzip nach dem Muster einer Geldwirtschaft aufgebaut, allerdings verzichtet es auf das offizielle Geld als Tauschmittel. Stattdessen wird eine eigene (meist elektronische) Zweitoder Komplementärwährung 16 als Tauschmittel verwendet, die wertmäßig an die Landeswährung gekoppelt sein kann oder eine reine Zeitwährung darstellt. 17 Die Zeitwährung bewertet jede geleistete Arbeit als gleich wertvoll, eine Stunde Staubsaugen hat den gleichen Wert wie eine Stunde Steuerberatung oder Webdesign, wohingegen an Landeswährungen geknüpfte Verrechnungseinheiten bei der Bewertung der Arbeit einen gewissen Spielraum lassen. Die Teilnehmer eines solchen Tauschringes tauschen ihre Leistungen bzw. Güter in Eigenverantwortung untereinander, abgerechnet wird dies über eine Tauschzentrale, eine Art Clearing-Stelle, die für jedes Mitglied ein eigenes Konto führt und über alle Transaktionen Buch führt. Neben der Kontoführung dient die Zentrale auch als Informationsplattform für Angebot und Nachfrage, für gewöhnlich, indem sie eine Tauschzeitung mit den jeweiligen Geboten und Gesuchen der einzelnen Mitglieder herausgibt. Findet ein Angebot (oder eine Nachfrage) einen Interessenten, treten die Teilnehmer in direkten Kontakt miteinander und vereinbaren die Transaktion untereinander. Hierbei wird dann der entsprechende Betrag (bspw. eine Stunde oder das entsprechende Äquivalent in der Tauschwährung) dem Konto des Anbieters gutgeschrieben und dem des Leistungsempfängers abgezogen. Alle Kontostände, Umsatzvolumen, Angebote und Nachfragen sind transparent und jederzeit für alle Mitglieder überprüfbar, was einen Missbrauch des Systems verhindern soll. Die Konten der Teilnehmer beginnen mit einem Nullsaldo, das heißt das Geld wird überhaupt erst durch die Transaktion geschaffen, indem ein Teilnehmer ins Minus geht und sein Konto belastet und der Tauschpartner eine Gutschrift in gleicher Höhe erhält. Da Tauschsysteme auf Zinsen verzichten und daher eine Verschuldung gefahr- und risikolos möglich, ja sogar zwingend notwendig ist, um 16 im Gegensatz zu den Regionalwährungen kein materielles Geld. 17 vor allem in den USA ist diese Form sehr weit verbreitet, oft wird als Währung der sog. time dollar benutzt, die Einheit, in der gerechnet wird, sind also reine Arbeitsstunden. Vgl. hierzu Lietaer, S

10 Tauschaktionen durchführen zu können, ist es nicht erforderlich, erst Geld zu besitzen, um am Wirtschaftsleben teilnehmen zu können. Jede Transaktion schafft neues Geld. 18 Neben dem fehlenden Zins, der ein übermäßiges Horten dieses Geldes nicht sinnvoll erscheinen lässt, da man keinen zusätzlichen Nutzen aus der Vermehrung seines Guthabens und dem damit verbundenen Verzicht in der Gegenwart erzielen kann, erheben einige Tauschsysteme eine Umlaufsicherungsgebühr (vgl. Kap. 3.1). Dadurch wird gewährleistet, dass die Teilnehmer aktiv bleiben und gesammeltes Guthaben auch wieder ausgeben, wodurch anderen ein neues Guthaben entsteht, da es bei zu langem Horten nach und nach seinen Wert verlöre. Zurzeit existieren in Deutschland 226 registrierte Tauschringe mit knapp Mitgliedern 19, die durchschnittliche Zeitinvestition pro Mitglied liegt bei 4,5 Stunden im Monat. 20 Weltweit betrachtet variieren die Zahlen von Mitgliedern in 450 Tauschvereinen in Argentinien 21 über Teilnehmer in bis zu 600 Gruppen in Großbritannien 22 bis zu 70 LETS-Netzwerken in Neuseeland Im Gegensatz zum Fiat-Geld, vgl. Kap Birkhölzer, K.; Kramer, Ludwig: Grundstrukturen und Erfolgsbedingungen Sozialer Unternehmungen in Deutschland, Berlin 2002, S Ergebnis einer emp. Untersuchung eines Münchner Tauschrings, vgl. Kristof, Kora; Nanning, Sabine; Becker, Christiane: Tauschringe und Nachhaltigkeit, Wuppertal Papers Nr. 118, November 2001, S vgl. ebd., S vgl. Bauckhage, S vgl. Paysys, S

11 3.3 Seniorengenossenschaften Eine den LETSystemen verwandte Form des lokal organisierten Tausches sind die in den USA entstanden Seniorengenossenschaften sowie deren japanischen Äquivalent, das Hureai Kippu-System 24, das dort eine rasche Verbreitung findet gab es bereits über 300 solcher Gruppen in Japan. In Deutschland wurde das System der Seniorengenossenschaften 1991 vom baden-württembergischen Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung als Modellversuch eingeführt und finanziert (LETS S. 44) und verbreitete sich auch im übrigen Bundesgebiet in einigen Regionen. Die Funktionsweise ähnelt der der in Kapitel 3.2 beschriebenen LETS. Es werden Leistungen erbracht, die nicht mit herkömmlichem Geld bzw. der Landeswährung abgegolten werden, sondern mit einer zinsfreien Zeitwährung, für jede erbrachte Leistung werden Zeitpunkte auf einem Konto gutgeschrieben. Im Mittelpunkt steht hierbei die Versorgung älterer und bedürftiger Menschen. Aktive Mitglieder einer Seniorenhilfe-Organisation können Dienste für die passiven, nicht mehr arbeitsfähigen Mitglieder übernehmen, wie z. B. Hilfe beim Einkauf, im Haushalt, oder auch bei körperlicher Pflege 25 ; die dadurch verdienten Zeitpunkte können später im Bedarfsfall zum gleichen Zwecke wieder eingesetzt werden oder an andere Menschen (bspw. Eltern) übertragen werden. Anders als bei den Tauschringen, die auf einen regen Austausch und eine schnell umlaufende Währung angewiesen sind, kann und soll das Zeitguthaben in den Seniorengenossenschaften gespart und erst in schlechten Zeiten aufgebraucht werden, indem dann solche Hilfe in Anspruch genommen wird und die Helfer wiederum mit den gesammelten Zeitpunkten bezahlt werden. Aber auch passive Mitglieder ohne angespartes Zeitguthaben können von diesem System profitieren, kann eine Leistung nicht mit Zeitpunkten abgeglichen werden, wird stattdessen eine geringe Verwaltungsgebühr gezahlt, um damit die laufenden Kosten der Organisationen zu decken vgl. hierzu Kristof u. a., S diese wird in Japan bspw. höher bewertet und angerechnet als einfachere Tätigkeiten (vgl. Lietaer, S. 325.) 26 vgl. Bauckhage, S

12 4. Chancen und Probleme der Tauschsysteme mit Komplementärwährungen 4.1 Soziale Ebene Wie wir in Kap. 2.3 gesehen haben, birgt unser auf dem Zins aufgebautes herkömmliches Geldsystem erhebliche Probleme gerade im sozialen Bereich, denen die Tauschsysteme teilweise entgegenwirken können. Während der Zins bspw. konkurrierendes Verhalten der Wirtschaftssubjekte untereinander fördert, verstehen sich LETSysteme als Ort gelebter Nachbarschaftshilfe. Als Basis für wirtschaftliches Handeln dient statt dem Konkurrenzprinzip die Kooperation, gegenseitiges Vertrauen und Solidarität und Zusammenhalt untereinander, der durch gegenseitige Hilfe (und deren Inanspruchnahme) entsteht. Ein weiteres wichtiges Nutzungsmotiv von Tauschringmitgliedern sind soziale Kontakte und das Gruppenzugehörigkeitsgefühl; über die Tauschaktionen und auf Mitgliedertreffen treten die Teilnehmer miteinander in Kontakt, tauschen sich aus und lernen sich womöglich näher kennen, Vereinsamungstendenzen und sozialer Isolation kann somit tendenziell entgegengewirkt werden. Darüber hinaus tragen die Seniorengenossenschaften und die japanischen Seniorenhilfen zur Generationenverständigung und Empathiefähigkeit bei, indem junge Menschen älteren helfen und somit auch deren Situation miterleben. Während sogar die Qualität der in diesem Rahmen erbrachten Leistungen von vielen Japanern als höherwertiger empfunden wird als regulär bezahlte, wird obendrein ein signifikanter Anstieg gänzlich freiwilliger Hilfeleistungen beobachtet, auch von Menschen, die gar nicht direkt in dem System beteiligt sind und kein eigenes Zeitkonto besitzen. 27 Als problematisch kann die einseitige Ausrichtung der beiden Systeme empfunden werden: Hilfeleistungen in Seniorenhilfen sind im Hinblick auf den persönlichen Nutzen ausschließlich auf die Zukunft gerichtet, es wird kein gegenwärtiger materieller Nutzen erzielt. LETSysteme hingegen sind genau entgegengesetzt konzipiert, die gegenwärtige Bedürfnisbefriedigung steht von manchen Systemen explizit durch den Einsatz von Schwundgeld untermauert im Vordergrund, ein Vorsorgen für die Zukunft dagegen ist nicht möglich, da Sparen 27 vgl. Lietaer, S

13 durch Guthabenobergrenzen verhindert wird. Zudem sind nicht arbeitsfähige Menschen nicht aktiv in das System integrierbar, sie können keine eigenen Leistungen mehr erbringen und somit aufgrund fehlenden Guthabens auch keine fremden in Anspruch nehmen. Auch wenn manche Tauschringe sich auf Spendenbasis für bedürftige Menschen engagieren, bleibt dies ein eklatanter Schwachpunkt der LETS. 4.2 Wirtschaftliche Ebene Wirtschaftliche Gründe sind ein zentrales Motiv der Gründung bzw. Teilnahme an Tauschsystemen. LETSysteme bieten eine zusätzliche Möglichkeit der Bedürfnisbefriedigung, da man sich diese Leistungen sonst nicht leisten könnte 28. Nicht zufällig entstehen Tauschringe häufig in strukturell schwachen Regionen mit hoher Arbeitslosenzahl. Gerade nicht erwerbstätige Personen verfügen über ein erhebliches Maß an ungenutzten Zeitressourcen, 29 die in Tauschnetzen sinnvoll und den individuellen Fähigkeiten und Interessen entsprechend eingesetzt werden können. Dadurch erwirtschaftetes Guthaben in Form von Zeitpunkten oder anderen Verrechnungseinheiten kann für Güter und Dienstleistungen eingesetzt werden, deren Zugang finanziell schwächer gestellten Menschen in unserem gegenwärtigen System oftmals aufgrund fehlender Mittel verwehrt bleibt. 30 (vgl. Lietaer, S. 286) Noch deutlicher wird dies im Bereich der Seniorenhilfe-Systeme. Ältere oder körperlich eingeschränkte Menschen können in diesem Rahmen Dienste in Anspruch nehmen, die für sie mit Geld oftmals nicht zu finanzieren sind, auf die sie aber unter Umständen angewiesen sind. Konsequent verfolgt könnte dieses System also durchaus als eine nichtmonetäre Form der privaten Altervorsorge genutzt werden, neben der normalen Krankenkasse, die die notwendige medizinische Betreuung garantiert. 31 Somit könnten Pflege- bzw. Krankenversicherung zwar nicht vollkommen ersetzt, aber bei einer breiteren Anwendung erheblich entlastet werden. 28 Kristof u. a., S vgl. Paysys, S vgl. Lietaer, S vgl. ebd., S

14 Beiden Formen den Tauschringen wie den Seniorenhilfen gemein ist ihre arbeitsschaffende Wirkung. Die Eigenschaft der verwendeten Tauschwährung als wechselseitige Kreditwährung 32, die von den Beteiligten bei einer Transaktion selbst als gleichzeitiges Soll und Haben geschaffen 33 wird bewirkt, dass sie im Gegensatz zum knappen Fiat-Geld unbegrenzt zur Verfügung steht, solange Transaktionspartner gefunden werden. Das Geld kann also nicht zur Neige gehen, die vorhandene Arbeitskraft kann genutzt werden für nachgefragte Leistungen, die im regulären Wirtschaftssystem aufgrund fehlenden Kapitals nicht finanziert (und damit auch nicht nachgefragt) werden können. LETSysteme bieten darüber hinaus aufgrund ihrer räumlichen Begrenztheit die Möglichkeit, die lokale Ökonomie zu stärken. Das geschaffene Geld, die Arbeitskraft und damit die erbrachte Wertschöpfung bleiben innerhalb der Region bzw. innerhalb des Tauschkreises und können nicht nach außen abfließen. Dies stellt gerade für strukturschwache Regionen eine große Chance dar, bzw. im herkömmlichen System eine Gefahr, da gerade schwache Regionen stark von einer Abwanderung der Arbeitskräfte und einem Abfluss der Leistungen betroffen sind. Ein Problem ist bislang die nicht ausreichend geklärte bzw. uneinheitlich geregelte rechtliche Handhabe gegenüber Tauschsystemen. Während LETS in Deutschland bspw. im besten Fall von den Behörden toleriert oder ignoriert werden, im Normalfall die Teilnehmer allerdings wie normale Wirtschaftssubjekte behandelt werden und je nach Ausmaß ihrer Tätigkeit im Tauschring regulär Gewerbesteuer zahlen müssen oder ihr Verdienst auf Arbeitslosengeld und Sozialhilfe angerechnet wird, erfahren Komplementärwährungssysteme in anderen Ländern teils eine massive Unterstützung. In Großbritannien etwas werden LETS als begrüßenswerte Initiativen zur Förderung der Gemeinschaft 34 betrachtet, darüber erwirtschaftete Leistungen werden bei der Einkommensrechnung für die Sozialversicherung nicht berücksichtigt. 35 In Australien, Irland 36 und Neuseeland 37 werden LETSysteme darüber hinaus sogar staatlich gefördert und als Initiativen zur Bekämpfung der 32 ebd., S a. a. O. 34 ebd., S vgl. ebd. 36 vgl. hierzu Bauckhage, S vgl. hierzu Lietaer, S

15 Arbeitslosigkeit 38 bewertet, da Erwerbslose oder Sozialhilfeempfänger über ihre Tätigkeiten in Tauschnetzwerken ihre Qualifikationen erhalten 39 und neue Fähigkeiten erwerben 40, wodurch die Chancen auf eine Rückkehr auf den regulären Arbeitsmarkt verbessert werden. 4.3 Ökologische Ebene Das ökologische Potential der Tauschsysteme liegt in ihrer lokalen Ausrichtung verankert. Da innerhalb der Systeme der Austausch von Gütern und Leistungen auf relativ eng begrenztem Raum stattfindet, sind keine langen Anfahrts- oder Transportwege vonnöten, was sich energie- und umweltschonend auswirkt. 41 Ein weiterer Beitrag zum Umweltschutz wird durch die in Tauschringe vielfach angebotenen Reparatur- und Wartungsarbeiten 42 geleistet, da so eine Neuanschaffung von Gebrauchsgegenständen und der damit einhergehenden Entsorgung nicht mehr benötigter Güter vermieden werden kann. Auch eine gemeinschaftliche oder Mehrfachnutzung von Gebrauchsgütern (wie bspw. PKW) kann Neukäufe überflüssig machen und so zur Ressourcenschonung beitragen Diskussion: Tauschsysteme als nachhaltiges Wirtschaftsprinzip? In allen drei Bereichen, die das Konzept der Nachhaltigkeit umfasst auf der sozialen, der ökonomische sowie der ökologischen Ebene besitzen die auf einer zinsfreien Komplementärwährung basierenden Tauschsysteme (sowohl LETS als auch Seniorenhilfen) spezifische Stärken und Chancen, aber eben auch Probleme. Der wichtigste Grund, warum eine nachhaltige Wirkung derzeit kaum auszumachen ist, ist die bislang marginale Bedeutung und fehlende Größe der Bewegung. Was in der Theorie gut klingt, findet sich in dieser Form in der praktischen Umsetzung nur selten wieder. Zu gering sind die tatsächlichen Umsätze und Tauschtransaktionen in den meisten Systemen, zu wenig umfassend das Angebot der Teilnehmer, so dass nur ein außerordentlich geringer Teil des 38 Bauckhage, S vgl. Lietaer, S vgl. Bauckhage, S vgl. Paysys, S vgl. ebd., S vgl. Kristof u. a., S

16 Warenkorbes eines Haushaltes ( ) auf diese Weise abgedeckt werden kann. Die Orientierung zur ersten Ökonomie bleibt für die Existenz des Einzelnen weiterhin ausschlaggebend. 44 Wollen Tauschsysteme zu einer wirklichen nachhaltigen Alternative zum bestehenden Wirtschaftssystem werden, müssen derartige Probleme überwunden werden. Durch eine Verbesserung und Verbreiterung des Angebots (auch auf Güter des täglichen Bedarfs), die nur durch eine Ausweitung der Mitgliederzahl und vor allem durch eine Heterogenisierung der Mitgliederstruktur erzielt werden kann, kann eine stärkere Relevanz für das alltägliche Leben herbeigeführt werden. 45 Auch eine bessere Vernetzung mit den Kommunen 46 könnte zu einer größeren Akzeptanz und Relevanz beitragen, bspw. indem Gemeinden Mitglieder in Tauschsystemen werden und die Möglichkeit schaffen, kommunale Steuern in der Tauschringwährung abzugleichen. 47 Schließlich kann auch eine Verknüpfung der beiden unterschiedlichen Konzepte Tauschring und Seniorenhilfe zu einer breiteren Akzeptanz beitragen, da beide Ideen spezifische Vorteile aufweisen (gegenwärtige Bedürfnisbefriedigung vs. Altersvorsorge), die sich allerdings in diesen Organisationsformen gegenseitig ausschließen, wodurch ein großer Teil einer potentiellen Zielgruppe von vorneherein ausgeschlossen wird. Gelingt es, diese Probleme zu überwinden, mehr Menschen für den Gedanken des geldlosen Wirtschaftens zu begeistern und dann für eine heterogenere Angebotspalette zu sorgen, sowie die LETS-Idee mit dem Prinzip der Altervorsorge zu kombinieren, könnten die Tauschsysteme aus ihrem bisherigen Nischendasein heraustreten und einen tatsächlichen, spürbaren Beitrag zur lokalen Nachhaltigkeit leisten. 44 Stransfeld, Reinhard: Regionale Ökonomie als räumlicher Orientierungsansatz für integrierte Nachhaltigkeit Eine Bestandsaufnahme. Materialienband 2A. Hg: Forschungszentrum Karlsruhe GmbH, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Berlin 1999, S vgl. Kristof u. a., S vgl. hierzu a. a. O. 47 vgl. Paysys, S. 42 und

17 5. Fazit Die Probleme, die sich aus unserem heutigen Geldsystem ergeben, erfordern eine Suche nach möglichen Alternativen. Diese könnte theoretisch in den bargeldlosen Tauschsystemen mit ihren eigenen Komplementärwährungen zu finden sein. Komplementär bedeutet, dass diese in der jetzigen Form tatsächlich nur neben dem regulären Geld existieren und dieses nicht gänzlich ersetzen können. Sowohl auf sozialer, wie auch auf ökologischer und sogar auf der wirtschaftlichen Ebene können Parallelwährungen aber Funktionen erfüllen, die durch unser heutiges System nicht mehr ausreichend abgedeckt werden, so dass ein gleichzeitiges wirtschaftliches Handeln in beiden Systemen für viele Menschen sinnvoll sein könnte. Aus ihrem Schattendasein heraustreten können derartige alternative Konzepte allerdings nur durch einige systemimmanente Änderungen, wie die Verknüpfung der Tauschringidee mit dem Prinzip der Seniorenhilfe und eine stärkere Ausrichtung des Angebots auf alltägliche Bedürfnisse, sowie durch eine bessere Integration in unser gesamtgesellschaftliches System. Dies kann nur eine bessere Kooperation der Kommunen und der Staaten mit den Tauschsystemen geschehen, wie es von einigen Ländern bereits vorgemacht wird. Unter diesen Voraussetzungen können Tauschnetzwerke tatsächlich zu einer gesellschaftlichen Alternative für viele Menschen werden und mit zunehmender Bedeutung und Größe auch einen spürbaren Beitrag zu einem nachhaltigen Wirtschaften leisten. 16

18 6. Literatur BAUCKHAGE, Manon; WENDL, Daniel: Tauschen statt Bezahlen. Die Bewegung für ein Leben ohne Geld und Zinsen, Hamburg 1998 CREUTZ, Helmut: Das Geldsyndrom. Wege zu einer krisenfreien Marktwirtschaft, Frankfurt/M HAMM, Bernd: Struktur moderner Gesellschaften, Opladen 1996 HERRMANNSTORFER, Udo: Scheinmarktwirtschaft. Arbeit, Boden, Kapital und die Globalisierung der Wirtschaft, Stuttgart 1997 LIETAER, Bernard A.: Das Geld der Zukunft. Über die zerstörerische Wirkung unseres Geldsystems und Alternativen hierzu, München 2002 MEADOWS, Dennis: Die Grenzen des Wachstums, Stuttgart, 1972 PAYSYS: LETSysteme und Tauschringe. Ein Handbuch über Formen und Ausgestaltungsmöglichkeiten lokaler Verrechnungssysteme, Frankfurt/M Internetquellen: BIRKHÖLZER, K.; KRAMER, Ludwig: Grundstrukturen und Erfolgsbedingungen Sozialer Unternehmungen in Deutschland, Berlin 2002 (www.sozialeoekonomie.de/anlagen/pdf/bestandsaufnahme_soziale_unternehmen.pdf) KRISTOF, Kora; NANNING, Sabine; BECKER, Christiane: Tauschringe und Nachhaltigkeit, Wuppertal Papers Nr. 118, November STRANSFELD, Reinhard: Regionale Ökonomie als räumlicher Orientierungsansatz für integrierte Nachhaltigkeit Eine Bestandsaufnahme. Materialienband 2A. Hg: Forschungszentrum Karlsruhe GmbH, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Berlin 1999 (http://www.itas.fzk.de/zukunftsfaehigkeit/materialienband_2a.pdf) 17

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