Was den Deutschen. blüht

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1 Was den Deutschen blüht Hält der Öko-Boom, was er verspricht? FOCUS sprach mit Machern und Vordenkern. Ihre Prognose fällt ernüchternd aus. Die Zukunft mag grün sein, rosig ist sie dennoch nicht Auch die Wirtschaft hat neuerdings ihre Modefarbe: grün. Sie steht für saubere Technologien aber mehr noch für die Hoffnung, dass Umweltschutz-Innovationen Deutschland aus der Krise holen und Millionen Arbeitsplätze schaffen können. Das European Climate Forum etwa veröffentlichte 2009 unter Mitwirkung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft das Strategiepapier Wege aus der Wachstumskrise. Die Autoren stellten in Aussicht, dass durch ein entschlossenes Umsteuern (in Richtung Energie- und Ressourceneffizienz, Umwelttechnologien und Klimaschutz) die Arbeitslosigkeit noch vor 2020 auf knapp zwei Millionen Menschen reduziert werden kann. Damit wären in zehn Jahren 1,5 Millionen mehr Menschen in Arbeit als heute. Folgerichtig preist Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) die enormen Wachstumspotenziale einer kohlendioxidarmen Wirtschaft. Der Umweltwirtschaftsbericht, den sein Vorgänger Sigmar Gabriel (SPD) erstellen ließ, scheint die These zu stützen. Ihm zufolge arbeiteten 2006 neuere Zahlen sind nicht verfügbar 1,8 Millionen Menschen im Umweltschutzbereich, immerhin mehr als zwei Jahre zuvor. Das Versprechen ist groß. Leider ist es größer als die Wirklichkeit. Denn ein paar Kapitel weiter listen die Autoren auf, woher das beeindruckende Wachstum kommt: Etwa die Hälfte des Anstiegs ist auf eine verbesserte Datenlage und Methodik zurückzuführen. So tauchten beispielsweise die Angestellten der Wasserwirtschaft, die unter anderem das Leitungsnetz warten, früher nicht in der Statistik auf. Wie also steht es wirklich um den grünen Boom? FOCUS- Redakteure machten sich auf die Suche. Sie trafen Unternehmensberater, Autozulieferer und Solarunternehmer. Sie sprachen mit Ökonomen und Energieexperten. Es war die Suche nach einer großen Hoffnung mit ambivalenten Ergebnissen. R. THIELICKE / S. FRANK / J. SCHUSTER Gewinn mit Klimaschutz Globales Marktpotenzial für grüne Technologien Strukturwandel Auf 2100 Milliarden Euro schätzt McKinsey den Weltmarkt für Clean Tech. Ein Großteil ersetzt bestehende Technologien neue Jobs entstanden laut Umweltwirtschaftsbericht im Umweltschutz 50 % dieses Anstiegs gehen auf eine verbesserte Datenlage und Methodik zurück 48 FOCUS 22/2010

2 Grüner ist schöner Diese Filiale eines Modelabels steht im südkoreanischen Seoul. Entworfen hat sie das Architekturbüro Mass Studies

3 1 McKinsey ı München Claudia Funke ist eine agile Frau, aber nicht überschwänglich. Sie ist freundlich, aber nicht herzlich. Sie ist so, wie man sich eine Direktorin bei McKinsey, einer der größten Unternehmensberatungen der Welt, vorstellt. Ihr Arbeitgeber residiert nahe Münchens Altem Botanischen Garten, die Konferenzräume sind schmucklos und kühl. Was hier verhandelt wird, so der Subtext, sind die Fakten. Claudia Funke leitet den Geschäftsbereich Clean Tech und betreut damit alle Produktionstechnologien, die sauber und Energie sparend sind. Sie richtet ihr Augenmerk auf Energieerzeuger oder sparsame Technologien zur Stahlherstellung. Ihr Problem beginnt schon bei der ersten Frage: Was genau ist eigentlich grün? Jeder hat seine eigene Antwort. Volkswagen etwa verzichtet für seine BlueMotion-Technologie auf konkrete Angaben und spricht nur von Autos, die durch verbrauchsreduzierende Maßnahmen besonders effi zient sind. Der Konzern Siemens orientiert sich daran, wie viel Kohlendioxid eine Technologie im globalen Durchschnitt ausstößt. Für Kraftwerke etwa liegt der Wert bei 578 Gramm pro Kilowattstunde. Grün ist, was darunter liegt. Als das Unternehmen seine Umsätze für 2007 in diesem Bereich erstmals addierte, kam es auf 17 Milliarden Weniger Dreck Die Corex- Technologie von Siemens zur Stahlherstellung verringert den CO 2-Ausstoß Euro und wandelte sich von einem Tag auf den anderen zum weltgrößten Produzenten von Umwelttechnologie. Funke kritisiert derartige Zahlenspiele nicht, schließlich sind die Großunternehmen wichtige Kunden. Nur indirekt wird deutlich, dass sie strengere Kriterien für sinnvoller hält. Die Verbesserung der Energieeffi zienz muss mindestens 50 Prozent betragen, sonst besteht die Gefahr, dass alles grün ist, sagt Funke. Für diese Technologien sieht McKinsey für 2020 ein weltweites Umsatzpotenzial von 2100 Milliarden Euro, vor allem generiert im Verkehrs- und Energiesektor. Wenn zehn Prozent davon auf Deutschland entfallen, bedeutet das Arbeitsplätze, so Funke. Doch die gute Nachricht hat eine Kehrseite. Im Gegenzug fallen auch Jobs in traditionellen Bereichen weg. Denn der Sinn der neuen Technologien ist ja gerade, herkömmliche Verfahren zu ersetzen. Damit kommt auf Deutschland ein Strukturwandel zu, der viele klassische Qualifi kationen überfl üssig macht. Die Frage ist: Wer profi tiert am Ende? Energieeffizienz kann deutlich steigen Produktivitätsentwicklung Luft nach oben Menschliche Arbeit ist teuer, deshalb ist sie besonders effi zient organisiert, wie eine McKinsey-Analyse zeigt. Nun erwarten Experten, dass Material- und Energieeffi zienz folgen 50 FOCUS 22/2010

4 3 Bosch ı Ludwigsburg Fotos: Siemens, Amprion, Robert Bosch GmbH Kluge Netze Computer stimmen die Stromproduktion auf den Bedarf ab. In diese Smart-Grid-Technologie will SAP investieren 2 SAP ı Walldorf Ökologisch korrekt kommt der Kontakt über eine Telefonkonferenz zu Stande. Die Gesprächspartner sind über Deutschland verteilt, und keiner reist eigens nach Walldorf in die Zentrale eines der weltgrößten Software-Unternehmen. Die virtuellen Treffen gehören zum Programm. Dank neuer Videotelefonie-Systeme fl ogen die Mitarbeiter des Konzerns vergangenes Jahr 30 Prozent weniger, und nicht nur wegen der Wirtschaftskrise, beteuert Daniel Schmid, Nachhaltigkeitsbeauftragter bei SAP. Wer über Green IT reden will, die Rolle der Informationstechnologie für den Umweltschutz, ist bei SAP daher nicht ganz falsch. Der Auftakt ist erfrischend ehrlich. Wir reden nicht mehr nur über Green IT, weil Informationstechnologie selbst in Summe nicht unbedingt grün ist, sagt Sven Denecken, verantwortlich für die Kundenbetreuung in Sachen Nachhaltigkeit. Computersysteme produzieren weltweit zwei Prozent der Kohlendioxid- Emissionen und damit ebenso viel wie der Flugverkehr. Im Gegenzug aber hilft Informationstechnologie beim Energiesparen. Einer europaweiten Studie zufolge kann sie dazu beitragen, im Jahr 2020 rund 15 Prozent der CO 2-Emissionen zu vermeiden. Die Planung in Logistikfi rmen verbessert sich, weniger Lkws fahren ohne Ladung. Die Energieerzeugung lässt sich genauer auf den tatsächlichen Bedarf abstimmen. Die US-Raffi nerie Valero etwa rechnet allein durch intelligentes Energiemanagement mit Einsparungen zwischen 60 und 180 Millionen Dollar. Denecken geht davon aus, dass in zwei bis drei Jahren keine SAP-Software mehr ohne Funktion zur CO 2 -Bilanzierung verkauft wird. Wie groß der grüne IT-Boom ist, kann oder will der Software- Konzern nicht sagen. McKinsey schätzt das weltweite Potenzial für 2020 auf 30 Milliarden Euro. Da Produkte entstehen, die es vorher nicht gab, dürften auch Arbeitsplätze hinzukommen. Selbst wenn viele davon an Programmierer in Indien oder China gehen: Die Computerbranche steht damit besser da als Deutschlands bedeutendster Industriezweig, die Autohersteller. Denn gerade sie haben beim Klimaschutz wenig zu gewinnen. Wenn Bosch-Manager Wolf-Henning Scheider das Technikzentrum seines Konzerns in Tamm bei Ludwigsburg besucht, arbeiten um ihn herum 500 Ingenieure an der Zukunft der Mobilität. In den oberen Stockwerken tüfteln sie am Computer neue Ideen aus, im Erdgeschoss realisieren die Ingenieure ihre Gedanken dann in großen Werkstätten. Die grüne Zukunft, hier wird sie Schraube um Schraube zusammengesetzt, getestet und notfalls wieder auseinandergebaut. Wer den Technikern zuschaut, ahnt: Sie kommt nicht über Nacht und nicht im nächsten Jahr. Die Revolution ist eine Evolution. Der Verbrennungsmotor beherrscht noch mindestens bis 2020 die Szene, sagt Scheider. 30 Prozent weniger Verbrauch können wir mit seiner Verbesserung in den kommenden Jahren wohl erreichen. Deutsche Hersteller stehen dennoch vor einem großen Problem. Die Zukunft gehört mehr und mehr den Kleinwagen. Sie sind zwar sparsam, den Herstellern bringen die Modelle allerdings weniger Gewinn. Das US-Analyseunternehmen Bernstein Research beispielsweise rechnet vor, dass der Oberklassewagen Audi Q7 in der Produktion Euro mehr kostet als ein Fiat 500. Der Handel bietet ihn allerdings für Euro mehr an. Mit alternativen Antriebssystemen dürfte sich der Trend nicht umkehren, heißen sie nun Brennstoffzelle oder Akkuantrieb. McKinsey-Berater Christian Malorny geht deshalb davon aus, dass neue Antriebstechnologien für Deutschland keine weiteren Jobs bedeuten. 85 Milliarden Euro werden die deutschen Autohersteller bis 2020 mit der Elektrifi zierung des Autos umsetzen, schätzt der Auto-Experte büßen im Gegenzug jedoch 80 Milliarden Euro ein. Wenn asiatische Hersteller ihren technologischen Vorsprung beim Elektroantrieb ausbauen, könnten die Einbußen sogar noch größer ausfallen. Bosch-Manager Scheider sieht der Entwicklung zumindest nach außen hin gelassen entgegen. Die asiatischen Hersteller will er bald eingeholt haben. Nicht immer war der Erste auch der Beste, sagt er süffi sant. Der Satz klingt nach, während die Reise nach Bonn geht. Hier hat Solarworld seinen Sitz, einer der Pioniere der Gewinnung von Sonnenenergie. Wie geht es ihm jetzt? Zweispurig Bei Bosch müssen die Ingenieure Elektroantrieb und Verbrennungsmotor entwickeln. Die Zahl der Jobs bleibt dennoch gleich 51

5 4 Solarworld ı Bonn Der Firmensitz ist ein ehemaliges Wasserwerk im Stadtteil Plittersdorf. Gründer Frank Asbeck residiert standesgemäß in der obersten Etage. Den großen Besprechungstisch habe ich selbst gebaut, erläutert er stolz. Benutzen könne man ihn allerdings nicht so recht, denn das splittrige Holz hat die Angewohnheit, Jackets und Anzüge zu zerstören. Da drängt sich eine Assoziation auf, die Asbeck nicht gefallen wird: Wie der Tisch, so das Unternehmen. Es verliert an Substanz stand die Solarworld-Aktie noch bei 48 Euro, mittlerweile ist sie bei acht Euro angekommen. Der Umsatz wächst zwar kräftig allein im ersten Quartal 2010 um 28 Prozent. Aber es bleibt immer weniger hängen. Unterm Strich waren es im gleichen Zeitraum nur noch gut fünf Millionen Euro. Zu schaffen macht Solarworld vor allem China. Ein Drittel der Solarzellen auf dem Weltmarkt kommt mittlerweile aus Fernost. Die Arbeitskosten von Herstellern wie Yingli oder Suntech liegen bei etwa vier Prozent. Solarworld hingegen kommt auf knapp neun. Asbeck schimpft über Chinas massive Subventionspolitik, über billige Kredite und niedrige Umweltstandards. Was er verschweigt: Beim Geld ist auch Deutschland ziemlich freigiebig. Lange, und wie es aussieht, zu lange, hat die hiesige Solarbranche von üppig bemessenen Subventionen gelebt. Allein die 2009 neu in Betrieb genommenen Anlagen kosten Stromkunden durchschnittlich eine halbe Milliarde Euro jährlich. Der Bundestag hat kürzlich zwar beschlossen, die Vergütung um elf bis 16 Prozent zu senken, doch die Regelung hängt im Bundesrat fest. Nach wie vor kostet damit jeder Solar-Arbeitsplatz die Stromkunden je nach Rechenart zwischen Euro (Bundesverband Solarwirtschaft) und Euro (Rheinisch- Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung). Der Druck, die Produktionskosten zu senken, hielt sich in Grenzen. Das ging so lange gut, bis chinesische Hersteller auf den Markt drängten. Mittlerweile sitzen vier der zehn weltgrößten Solarunternehmen in dem fernöstlichen Land. Besser steht die ebenfalls hochsubventionierte Windbranche da. Viele Anbieter haben einen Exportanteil von 80 Prozent oder mehr. Die Technik wurde hier mitentwickelt, unterstreicht Wolf- Sonnenarbeit mit Subventionen Solarworld-Gründer Frank Asbeck klagt über Wettbewerbsverzerrungen - profi tiert aber selbst davon gang Haag, Energie-Experte der Unternehmensberatung A. T. Kearney. Hiesige Anbieter haben daher nach wie vor klare Wettbewerbsvorsprünge gegenüber Konkurrenten, zum Beispiel aus Fernost. Die gut Jobs hierzulande scheinen derzeit sicher zu sein. Künftig könnten sogar noch einige hinzukommen. Windräder auf hoher See wie der kürzlich eröffnete Offshore-Park Alpha Ventus können sehr viel mehr Strom produzieren als an Land, das dürfte die Technologie in naher Zukunft wettbewerbsfähig machen. 24 weitere Projekte sind bereits genehmigt. Dafür ist allein an der Nordseeküste zuletzt eine halbe Milliarde Euro in den Ausbau von Häfen und Werften, in neue Fabriken zur Kabel- oder Sockelproduktion gefl ossen. So wird etwa ein Teil des Containerterminals Bremerhaven als Montage- und Umschlaglatz für Offshore-Anlagen dienen und damit die starken Einbußen im Hafenumschlag in Zeiten der Wirtschaftskrise ausgleichen. Aber wie schon in der Autoindustrie steht eher ein Strukturwandel an als ein gesamtwirtschaftlicher Boom. Gelingt die Speicherung des Öko-Stroms viel versprechende Ansätze wandeln die Elektrizität in Wasserstoff oder Methan um, werden mehr und mehr fossil befeuerte Kraftwerke verschwinden. Zudem soll der gesamte Stromverbauch sinken. Als Folge dürften bei den Energieerzeugern künftig eher weniger Menschen arbeiten als heute, so zumindest eine Analyse des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung. Ihr wirklich grünes Wunder könnte stattdessen ein Branche erleben, die auf den ersten Blick weder High Tech noch wirklich sauber ist: die Bauwirtschaft. Foto: dpa Weltmeistertitel ohne Wert Installierte Solaranlagen 9,8 3,4 2,6 Quelle: EPIA 35,2 Installierte Windkraftanlagen 26,0 25,8 Frische Brisen und Schattenseiten In Deutschland liefert die Photovoltaik nur ein Prozent des Stroms, Wind dagegen immerhin 6,4 Prozent Quelle: WWEA

6 5 HOCHTIEF ı Essen Unscheinbar steht das Gebäude neben dem himmelstürmenden Glastempel des Energieriesen RWE. Dabei ist das Bürohaus aus braunem Stein die Zentrale von Hochtief, einem der weltgrößten Baukonzerne. Hier wartet Bernhard Bürklin, ein überaus sachlicher Mann mit rahmenloser Brille, ein Ingenieur durch und durch. Gemeinsam mit Branchenkollegen hat er die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ins Leben gerufen, die unter anderem die Energieeffi zienz von Bürogebäuden oder Hotels beurteilt. Bau und Betrieb von Gebäuden verbrauchen hierzulande die Hälfte der primären Rohstoffe, erklärt Bürklin und folgert: Wir können einen immensen Beitrag zum Klimaschutz liefern. Doch auf eine zentrale Frage fehlt ihm die Antwort: ob die höheren Baukosten für Energie sparende Großprojekte sich rechnen. Bürklin beteuert, dass in den USA Gebäude mit dem dort verbreiteten Nachhaltigkeitssiegel LEED deutlich höhere Mieten oder Verkaufspreise erzielen. Die Daten dazu fehlen allerdings. Piet Eichholtz versucht seit Jahren, sie zu ermitteln. Inzwischen weiß der Ökonom von der Universität Maastricht, dass zumindest in den USA Behörden eher in umweltschonenden Gebäuden zu fi nden sind, aber vielleicht nur, weil sie nicht ihr eigenes Geld ausgeben oder Vorbild sein wollen. Handelsunternehmen mit geringen Gewinnspannen mieten sich dagegen eher in ineffi zienten Bauwerken ein, aber möglicherweise nur wegen des bloßen Gefühls, dass es billiger ist. Ob grüne Gewerbebauten fi nanziell sinnvoll sind, diese Frage kann ich nicht beantworten. Bei Ein- bis Zweifamilienhäusern legen die verfügbaren Daten nahe, dass dem so ist. Nach Aussage von Lars Testorf von der Förderbank KfW rechnet sich deren energetische Sanierung innerhalb des Nutzungszeitraums von etwa 30 Jahren nahezu vollständig. 1,8 7,0 5,0 Sauber gebaut 6,7 8,9 Ausgaben für Energie sparendes Bauen und Sanieren Mehr als nur begrünt Das Frankfurter Westend-Duo führt Hochtief als Beispiel für nachhaltiges Bauen an So sehen es auch viele Eigenheimbesitzer riefen sie mehr zinsgünstige KfW-Kredite für Energiesparmaßnahmen ab als je zuvor. Noch immer werden damit zwar nur zwei Prozent der Häuser saniert deutlich weniger als jene drei Prozent, die nötig sind, damit Deutschland sein Klimaschutzziel erreicht. Verteuert sich jedoch die Energie massiv, dürfte die Quote steigen. So könnten bis 2030 tatsächlich jene 290 Milliarden Euro zusätzlich ins Baugewerbe fl ießen, die Immobilienanalyst Tobias Just von DB Research als Maximum ermittelt hat. Das wäre wirklich ein grüner Boom. 6 Fraunhofer-Institut ı Karlsruhe Das Ende der Reise bestimmt ein kleines Wort: netto. Es steht für: was am Ende übrig bleibt. Es ist nicht viel, und so ist der Ort, an dem man es errechnet hat, durchaus passend. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) liegt gänzlich unspektakulär am Rande einer Wohngegend in Karlsruhe. Hier hat Wolfgang Schade im Auftrag der EU ein Projekt in Angriff genommen, dessen Umfang allein schon wenig Raum für Illusionen lässt. Er wollte herausfi nden, welche wirtschaftlichen Folgen auf Europa zukommen, wenn die Staatengemeinschaft bis zum Jahr 2050 tatsächlich 80 Prozent der Treibhausgas-Emissionen einspart. Kurz vor Beginn der Klimakonferenz in Kopenhagen kam der Bericht heraus. Beachtung fand er kaum, denn sein Ergebnis passte nicht in die Stimmungslage. Schades Team ermittelte ein Minus beim Bruttoinlandsprodukt zwischen 1,7 und 2,7 Prozent. Die Wirtschaft wächst also nicht um 87 Prozent, sondern um 85 Prozent. Das grüne Wirtschaftswunder könnte im Kampf um den Erhalt bestehender Arbeitsplätze enden, prophezeit Schade. Das Resultat ist zugegeben weit positiver, als Skeptiker argwöhnen. Verglichen mit einem Minus von 20 Prozent, das der britische Ökonom Nicholas Stern für den Fall eines ungebremsten Klimawandels voraussagt, ist es sogar eine frohe Botschaft. Und doch trägt Schades Bericht die Hoffnung zu Grabe, auf Europa warte ein neues Wirtschaftswunder. Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat die Verquickung von Umweltschutz und Jobversprechen ohnehin immer geärgert. Wir müssen mit dem Arbeitsplatzargument aufhören, fordert der Ökonom. Klimaschutz ist Klimaschutz und keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Wenn die erhofften hunderttausenden Jobs nicht entstehen, lassen wir ihn dann sein?, fragt er rhetorisch und schiebt eine Provokation hinterher: Ich wünsche mir sogar, dass saubere Technologien sehr kapitalintensiv sind und wenig Personal benötigen. Erst mit der Automatisierung würden die Technologien effi zient und billig genug, um am Markt zu bestehen. 54 FOCUS 22/2010

7 Himmel über Berlin Ein Wanderfalke hält vor dem Fernsehturm Ausschau nach Beute Die City wird wild Falken, Füchse und Wildschweine wissen, wo es schön ist: Während auf dem Land die Artenvielfalt abnimmt, entwickeln sich Metropolen zu Refugien für frei lebende Tiere Vom Turm des Roten Rathauses aus starten sie zu ihren Jagdausflügen. Hoch über der Berliner Innenstadt kreisen die Wanderfalken, um bis zu 300 Stundenkilometer schnell herabzustoßen und ihre Beute zu greifen vorzugsweise Tauben. Für die Falken sind die Städte keine Städte, erklärt der Landschaftsplaner und Berliner Jagdreferent Derk Ehlert, sondern gigantische Felslandschaften mit viel Nahrung darin. Und so haben die Vögel sich die City als Lebensraum erwählt wie zahlreiche andere Wildtiere auch. In Alaskas größter Stadt Anchorage tummeln sich im Sommer etwa 300 Schwarzbären und 60 Grizzlys, vor allem, um Lachse zu jagen. In Bukarest stöbern Wölfe in Mülltonnen nach Fressbarem. Durch die Vororte Mumbais streifen immer wieder Leoparden, durch Berlin 6000 Wildschweine. Füchse haben sich die komplette deutsche Hauptstadt in Reviere aufgeteilt, und es singen dort im Frühjahr 1300 Nachtigallen- Männchen mehr als in ganz Bayern zusammen. Weg vom Land, hinein in die Stadt: Tiere treffen diese Entscheidung ebenso wie Menschen in zunehmendem Maße. Es ist ein großer Umzug, der lange unbeachtet blieb sofern es nicht zu Konflikten kam, etwa mit marodierenden Schwarzkitteln in den Gärten. Nun aber erfährt das städtische Wildtierleben wachsende Aufmerksamkeit. So erschienen dieses Jahr unter anderem der Bildband Wilde Tiere in der Stadt (Knesebeck Verlag, s. rechts unten) und der Führer Stadtfauna 600 Tierarten der Stadt Zürich (Haupt Verlag). Während auf dem Land die Artenvielfalt teils drastisch zurückgeht vor allem wegen der intensiven Agrarwirtschaft, entwickelten sich die ergrünenden Citys zu Refugien für zahlreiche Spezies. Die Städte sind zu Inseln der Vielfalt geworden in einem Meer an Monotonie, urteilt Josef Reichholf, Schweinereien in der Hauptstadt 56

8 Souverän auf Streifzug Viele Stadtfüchse Berlins bewegen sich sicher durch den Straßenverkehr Abstimmung mit den Flügeln Siedlungsdichte der Nachtigall 1,1 0,1 0,01 Die Frischlinge jagen einander im Spiel 0,5 Landfl ucht der Sänger Nachtigallen ziehen Großstädte der freien Natur vor Quelle: Stadtnatur von J. Reichholf, oekom Verlag, 2007 Fotos: alle Knesebeck Verlag aus dem Buch Wilde Tiere in der Stadt Münchner Professor für Naturschutz und Ökologie. Mit seinen 140 Brutvogelarten übertrifft Berlin so gut wie alle deutschen Naturschutzgebiete. Und das ohne teures Ansiedlungsprogramm: Die Tiere kommen von selbst, betont Ehlert. Was uns öde anmutet, bewerten Vögel ganz anders Die Neuankömmlinge zeigen dabei bisweilen Vorlieben, die den Ansichten von Naturschützern eklatant widersprechen. Zwischen den Start- und Landebahnen des Münchner Flughafens etwa fanden Forscher 600 Brutreviere der Feldlerche, die in Deutschland als gefährdete Art auf der Roten Liste steht. Eine solche Siedlungsdichte gibt es kaum woanders in Mitteleuropa, schreibt Reichholf in seinem Buch Stadtnatur (oekom Verlag). Was uns öde und von höllischem Lärm geplagt anmutet, bewerten die Vögel ganz anders. Warum aber leben so viele Tiere lieber zwischen Betonschluchten als auf dem freien Land? Wichtige Gründe sind: Die Städte bieten unterschiedlichste Lebensbedingungen: an den Gebäuden sonnige Südlagen und kühle Schattenseiten, dazwischen Büsche und Rasenflächen. Hinzu kommen meist Flüsse und Seen während auf dem Land oft einförmige Monokulturen vorherrschen. Die Böden in den Citys sind nicht überdüngt, und es darf oft Grünzeug wuchern, das außerhalb als Unkraut bekämpft wird. So merkwürdig es klingen mag: Die Stadt lässt mehr natürliches Werden zu als das Land, kommentiert Reichholf. In Wohngegenden ist die Jagd normalerweise verboten. Dadurch bilden die Gebiete Inseln des Friedens und der Sicherheit, so Ökologe Reichholf. Für viele größere Tiere gilt die Redewendung Stadtluft macht frei! Daran ändert auch der Straßenverkehr wenig Autos sind berechenbarer als Jäger. Die Füchse in Berlin haben zwar in ihrem ersten Lebensjahr eine hohe Todesrate, berichtet Stadttierexperte Ehlert, aber dann wissen sie, wie der Hase läuft, und werden meist älter als ihre Artgenossen auf dem Land. Im Schutz der City wagen sich Fuchs und Co. zunehmend auch am Tag an die Öffentlichkeit sodass Naturfreunde sie dort oft besser beobachten können als in freier Wildbahn. Dass die meisten Säugetiere sich nur nachts hinaustrauen, ist unnatürlich, meint Reichholf. Die verringerte Scheu vieler Tiere in der Stadt führt uns vor Augen, wie sie sein und leben könnten, wenn ihnen draußen nicht so sehr nachgestellt würde. CHRISTIAN PANTLE / MITARBEIT: SEBASTIAN JUTZI Bilder aus Berlin Die Aufnahmen stammen aus dem neuen Buch des Naturfotografen Florian Möllers. Fotos fi nden sich auch auf 57

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