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2 zweite, verborgene zu vermuten. Mehr als alle anderen Tiere interpretierten sie die Welt, die sie umgab, und begannen, die Muster, die sie zu erkennen glaubten, durch Geschichten miteinander zu kommunizieren und zu tradieren. Sie konnten Feinde und mögliche Beutetiere nicht nur an ihren Fährten erkennen, sie abstrahierten diese Muster auch und gaben ihnen Persönlichkeiten, die sie einander, unabhängig von einem unmittelbaren Anlass und über die Generationen hinweg, überlieferten. Sie begannen, Ordnung in das Chaos ihrer Erfahrungen hineinzuprojizieren und hinter der sichtbaren Welt eine unsichtbare zu vermuten, die sie nach ihrem Bilde schufen. Alles, was sich bewegte, musste eine erste

3 Ursache haben, nichts durfte bloß zufällig und sinnlos passieren. Wie in ihren eigenen Gruppen sahen diese Jäger und Sammler und die frühen Ackerbauern auch in dieser unsichtbaren Welt Konflikte zwischen Vätern und Söhnen, Geschichten von verbotener Liebe und unsterblichem Hass, von Herrschaft und Widerstand, von Besitz, von Begehren und Verlust. So stand hinter jeder Erscheinung eine Absicht, die erklärbar war, eine Struktur für jede mögliche Erfahrung. Alles weist über sich hinaus, alles bedeutet etwas. Dieses grundlegende Muster der Welt muss von jedem Individuum aufs Neue erobert werden. Kleinkinder haben einen enormen Hunger nach Geschichten, verstehen ihre Struktur aber nicht. Die ersten Geschichten,

4 die sie selbst erzählen, imitieren das, was sie hören, ohne die Struktur zu durchschauen.»es war einmal ein großer Baum«, erzählt ein zweijähriges Mädchen,»und eine große, braune Kuh, und dann fiel ein Mann aus den Wolken und tat sich weh.«diese rudimentäre Erzählung illustriert die verwirrende, aus scheinbar unzusammenhängenden Fakten bestehende Welt, die Kleinkinder bewohnen, eine Welt, in der die Existenz des Weihnachtsmanns nicht weniger wahrscheinlich ist, als dass viele große Menschen in ein winziges Flugzeug passen, dass irgendwo dort oben fliegt. Auch Tierjunge lernen nicht nur elementare Fähigkeiten (Walkälber müssen schwimmen lernen), sondern auch die Welt um sich herum zu ordnen: Nahrung, Hierarchie, Freund/Feind, erlaubt/verboten.

5 Eines aber scheinen nur menschliche Kinder zu suchen. Sie lieben es, erschreckt und geängstigt zu werden, wenn es in einem sicheren Kontext stattfindet. Sie sind süchtig nach erschreckenden Ritualen. Damit schaffen sie auch ein intuitives Verständnis von Fiktion. Die Bedrohung ist nur gespielt. Ich kann diese Situation meistern, sie wird vorbei sein, wenn ich will. Kinder haben ein unglaubliches Verlangen nach Situationen, die ihnen erlauben, in eine (oft bedrohliche, aber immer strukturierte) Fiktion hinein- und wieder herauszugleiten. Nach einigen Jahren entwickelt sich die narrative Ordnung einer Kindergeschichte zu einer endlosen Kette von Begebenheiten: und dann Und dann Und dann. Es dauert, bis Kinder lernen, dass es nicht reicht, Dinge

6 einfach aneinanderzureihen, dass sie einen Zweck haben müssen, eine Situation aufgelöst werden muss, ein Bogen geschaffen, eine Ordnung mit Anfang, Mitte und Ende. Kinder sind süchtig nach Geschichten und nach Wiederholung, gerade weil sie ihre Struktur noch lernen müssen, um sich selbst die eigenen Erfahrungen erzählen zu können. Sie hören dieselbe Geschichte immer wieder, weil sie die Ordnung in sich aufsaugen und ihnen erst dieses Wissen erlaubt, einen kleinen Teil der Welt selbst zu interpretieren und zu erobern. So lernen Sie Erfahrungen zu ritualisieren, die sonst nichts anderes wären, als auf sie einprasselnde Zufälle. Sie lernen zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht, sie beginnen die Motivationen anderer zu verstehen, ihr eigenes Verständnis der

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