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1 DIE ZEIT PREIS DEUTSCHLAND 4,00 WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT T WISSEN UND KULTUR 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 Der Sturm aufs Alterslos schön Gymnasium Titelillustration: Thomas Kuhlenbeck für DIE ZEIT/Agentur Fricke Die Lieblingsschule der Deutschen hat so viel Zulauf wie nie. Lehrer, Schüler und Eltern kämpfen nun mit einer Wirklichkeit, die sich dramatisch verändert hat CHANCEN SEITE Auch Models kommen in die Jahre: Ein Mode-Heft über die Kunst des Alterns, u. a. mit Heidi Klum ZEITmagazin Es geht nicht Mit jedem Tag schwinden Christian Wulffs Chancen, seine Affäre zu überstehen VON GIOVANNI DI LORENZO Von Dieben lernen Das Urheberrecht hat weiter einen hohen Wert aber es muss sich auch neuen Medien und Konsumenten anpassen VON THOMAS FISCHERMANN SYRIEN In der Kampfzone Der Schriftsteller Jonathan Littell ist in die belagerte Stadt Homs gereist. In der ZEIT legt er Zeugnis ab Politik Seite 3/4 Er kann die Schlacht nicht mehr gewinnen. Drei Motive lassen Christian Wulff noch in seinem Schloss ausharren: der feste Wille, es einigen Medien zu zeigen, von denen er sich reingelegt und verfolgt fühlt. Die Überzeugung, dass er am Ende seiner Amtszeit etwas Bleibendes hinterlassen kann, zum Beispiel seine Initiativen zur Integration aller in Deutschland lebenden Menschen. Und schließlich die Hoffnung, dass irgendwann seine Affäre verdrängt und vergessen sein wird. Aber mit jedem Tag werden die Chancen, seine Affäre zu überstehen, schlechter. Spitzenpolitiker müssen mehr Kritik und Demütigungen einstecken, als es jede andere Berufsgruppe vermutlich ertragen könnte. Doch die Notwendigkeit, sich immer wieder zu verpanzern, macht Politiker nicht zu tumben Menschen. In aller Regel behalten sie ein feines Sensorium dafür, ob sie bei den Leuten ankommen oder nicht. Ob Empfang, Reise oder Rede sein Amt kann Wulff nicht mehr schützen Christian Wulff muss es geradezu physisch spüren: dass es viele Absagen beim Empfang aus Anlass der Berlinale am vergangenen Sonntag gab, weil sich offenbar schon Filmschaffende die Frage stellten, ob ihnen die Teilnahme schaden könnte, wohlgemerkt an einer Veranstaltung des deutschen Staatsoberhaupts. Es kann Wulff nicht entgangen sein, mit welcher Respektlosigkeit ihm am darauffolgenden Tag Journalisten begegneten, als er darum bat, bei seinem Staatsbesuch in Italien wie üblich nicht über Innenpolitik, in seinem Fall also über die eigene Affäre, sprechen zu müssen. Und Christian Wulff weiß bestimmt, welche Orgie aus Spott und Häme er jetzt beim Karneval erfahren wird. Er wird womöglich große Erwartungen in eine gründlich vorbereitete Rede setzen, die er am 23. Februar während der Gedenkfeier für die Opfer der Zwickauer Neonazi-Zelle im Konzerthaus am Gendarmenmarkt halten will. Dieses fremdenfeindliche Verbrechen schreit zum Himmel, und Wulffs Anteilnahme ist sicher nicht geheuchelt. Aber man möchte den Beobachter kennenlernen, der dabei die Frage ausblenden kann, ob die betroffenen Migranten die Solidarität des Bundespräsidenten brauchen oder ob der Bundespräsident nicht viel eher die Rede braucht, um wieder politische Bedeutung zu erlangen. Ob Empfang, Reise oder Rede sein Amt kann Wulff nicht mehr schützen. Seine letzten Trümpfe stechen nicht mehr. Einer war noch bis vor Kurzem, die Kraftprobe mit den feindlichen Medien zu bestehen, weil er auch einen Teil der Bevölkerung hinter sich hatte, der bei aller Kritik am Bundespräsidenten in der nicht enden wollenden Berichterstattung eine Hetzjagd und damit eine Anmaßung von Journalisten sah. Das Aufbauschen eines Bobbycar-Geschenks und anderer Nichtigkeiten zu Geschichten auf der Seite eins hochmoralisch argumentierender Zeitungen, ganz zu schweigen von schlüpfrigen Andeutungen über frei erfundene Begebenheiten aus dem vermeintlichen Privatleben der Wulffs, ist tatsächlich eine Affäre für sich. Vermutlich wird man von den daran beteiligten Medien jedoch nie ein Wort der Selbstkritik vernehmen. Allerdings hat es Christian Wulff bis heute nicht vermocht, das, was Medien zu Recht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückten, vollständig zu entkräften: zuallererst die bis heute nicht ganz aufgeklärten Umstände seines Privatkredits sowie die Tatsache, dass er den niedersächsischen Landtag darüber getäuscht hat; die Enthüllungen über seinen engsten Mitstreiter Olaf Glaeseker; und schließlich die erstaunliche Zuwendung, die der damalige Ministerpräsident von wohlhabenden Freunden immer wieder erhielt. Inzwischen ist es gar nicht mehr so wichtig, ob Wulff zum Beispiel dem Filmproduzenten David Groenewold gefällig gewesen ist (auch wenn schon der Antrag auf Aufhebung der Immunität durch die emsig prüfende Staatsanwaltschaft Hannover den unverzüglichen Rücktritt zur Folge haben dürfte). Dramatischer für ihn ist, dass ihm kaum noch einer glauben kann, wenn er etwa behauptet, er habe die von Groenewold bezahlte Rechnung für einen Hotelaufenthalt auf Sylt bei seinem Gönner bar beglichen. Zwei große Stützen hat Wulff noch. Die wichtigste ist die Bundeskanzlerin, deren Interessenlage klar zu sein scheint: Auf dem Höhepunkt ihres Ansehens will Angela Merkel sich nicht zu Verhandlungen mit der SPD herablassen, um nach dem Rücktritt Wulffs einen akzeptablen Nachfolger zu finden. Die andere Hilfe für Wulff stellt bisher das gesammelte Schweigen seiner Freunde dar von Geerkens über Schmidt und Groenewold bis hin zu Glaeseker. Beide Stützen sind aber zweifelhaft. Die Abhängigkeit von der Kanzlerin schränkt Wulff in seiner Unabhängigkeit gegenüber der Bundesregierung ein, was schlimm genug ist. Darauf angewiesen zu sein, dass keiner seiner Getreuen sich je verplappert, muss jedoch ein Albtraum sein. Wenn es auch noch zu einem Strafverfahren gegen Olaf Glaeseker kommen sollte, dann fände die Affäre Wulff erst recht keine Ruhe mehr. Die repräsentative Demokratie braucht funktionierende Verfassungsorgane. Für das Amt des Bundespräsidenten kann Christian Wulff das nicht mehr voll gewährleisten. Ein Ende mit Schrecken kann er nicht mehr herbeiführen, weil seine Affäre längst zu einem Schrecken ohne Ende geworden ist. Was er aber vielleicht noch tun kann, ist kapitulieren. Weil es Dinge gibt, die auf Dauer niemand ertragen kann. Christian Wulff sollte sich und uns das nicht länger antun. Dieser Leitartikel entsteht unter dem Eindruck einer wunderbaren Aufnahme des britischen Trios Marconi Union. Distance heißt das Album, und man kann es kostenlos im Internet herunterladen. Die Tracks sind auf den Seiten für Raubkopierer leicht zu finden. Diese Musik wurde aber trotzdem gekauft, und zwar für 21 Euro bei einer Internet-Musikvertriebsfirma aus Glasgow. Allein schon deshalb, weil das viel praktischer war als Kopieren: Am Ende reichte ein Knopfdruck. Vor dem Kauf durfte man in zahllosen Hörproben stöbern, das hat Spaß gemacht. Die Musik wurde ganz zügig heruntergeladen, und beim Abspielen zeigt der Computer nun schön groß das zugehörige Albumcover an. Sogar die Tonqualität ist besser als die der üblichen komprimierten Musik draußen im Netz. Zwischen den null Euro für die illegale Filebörse und den 21 Euro für die Musikwebsite aus Glasgow spielt sich das ganze Drama um Acta ab. Um ein Haar hätte die deutsche Regierung dieses Abkommen gegen Urheberrechtsverletzungen unterzeichnet, das neue Grundlagen für den grenzüberschreitenden Kampf gegen Musik-, Film- und Markenpiraten gelegt hätte. Und was könnte auf den ersten Blick einleuchtender sein? Wer Kulturgüter schafft, soll davon profitieren dürfen. Die Null-Euro-Variante ist fast immer Diebstahl, und es ist auch moralisch falsch, wenn Musiker, Filmemacher und Autoren für ihre Arbeit nichts bekommen. Für Deutschland mit seiner weltweit bedeutenden Kulturindustrie wäre es wirtschaftlich wohl besonders schädlich. Die Null-Euro-Fraktion ist nicht für alle Zeit auf Gratismedien festgelegt Wenn man allein aus dieser Perspektive auf das Thema schaut, dann muten die Acta-Proteste bizarr an. Da gehen also Zehntausende Menschen in Deutschland und Hunderttausende weltweit auf die Straße, Proteststürme fegen durch das Internet, weil es den Raubkopierern von Filmen, Musik, Büchern oder Software an den Kragen gehen soll? Mag sein, dass die vorgetragene Kritik an dem Abkommen vielschichtig ausfällt es wurde ja anscheinend in Hinterzimmerdiplomatie von Lobbygruppen durchgepeitscht, Rechtsbegriffe sind darin schwammig definiert und dergleichen mehr. Aber man darf sich auch nichts vormachen: Den Demonstranten geht es vor allem darum, dass die 21-Euro-Fraktion nicht schon wieder eine zusätzliche rechtliche Handhabe gegen die Null-Euro- Fraktion bekommen soll. Bloß: Die Leute, die dort so leidenschaftlich auftreten, sind längst ein bedeutsamer Teil der Bevölkerung. Sie sind jung, und sie werden mehr. Sie werden Wahlen entscheiden. Die Industrie und ihre Lobbygruppen mögen die herrschende Rechtsauffassung auf ihrer Seite haben. Die Demonstranten vertreten einen Teil der Bevölkerung, der sich in seiner Lebenspraxis einfach nicht mehr daran hält. Man kann mit denen jetzt hin und her diskutieren, welche Seite moralisch und juristisch recht hat. Man kann sich aber auch den Ärger sparen. Viel spricht dafür, dass die Null-Euro-Fraktion gar nicht darauf festgelegt ist, für alle Zeiten kostenlos Medien aus dem Netz zu beziehen. Es gibt neue Geschäftsmodelle, die bereits funktionieren und bei denen die Kulturschaffenden auch zu ihrem Geld kommen. Nur eben anders. Vorreiter ist bislang die Musikindustrie. Sie schlägt sich schon seit dem Ende der neunziger Jahre mit Raubkopierern im Internet herum und das klassische Produkt dieser Branche, die auf Tonträgern konservierte Einspielung, wird wohl nie mehr zum großen Gewinnbringer. Konzerte aber und der Verkauf von Fan-Artikeln, Sponsoring und Werbung mit Musikern, der limitierte Verkauf besonders ansehnlich gepresster Retro-Schallplatten, kostenpflichtige Alben-Vorabveröffentlichungen, Digitalaufnahmen in besonderer Tonqualität für High-End- Anlagen: Für eine längst totgesagte Branche ist da gerade ein erstaunlicher Boom zu erleben. Neuerdings ist es ausgerechnet das Internet, das vielversprechende Geschäftsmodelle eröffnet die den Kulturschaffenden in Film, Literatur oder Musik eigentlich Hoffnung machen können. Mit sogenannten Cloud-Diensten, angeboten etwa von der Firma Apple, kann man einmal gekaufte Filme oder Musikdateien auf all seinen Geräten irgendwo auf der Welt nutzen, vom Mobiltelefon bis zum Fernseher. Das erleichtert den Medienkonsum ungemein. Dienste zur»sozialen«mediennutzung wie Spotify ermöglichen einen Dialog unter den Mediennutzern über die gerade angesagten Mu sikalben oder Filme und liefern die entsprechenden Medien sozusagen nebenbei. Dienste wie Pandora beobachten ihre Kunden und erraten, welche Künstler denen alternativ auch mal gefallen könnten. In einigen Fällen kommt übers Netz ein besonders enger Kontakt zwischen Künstlern und Fans zustande was erstens die Hemmschwelle zum Datenklau senkt, weil man gute Bekannte selten beklaut. Zweitens erschließt es neue Finanzierungsmöglichkeiten. Der gerade auf der Berlinale gefeierte Trashfilm Iron Sky wurde von Fangruppen mitfinanziert, die sich zuvor im Internet fanden. Da sind also nicht nur Diebe im Netz. Es entsteht auch, auf ganz neue Weise, ein enger Austausch zwischen Kulturschaffenden und Mediennutzern. Darauf lässt sich aufbauen. Wenn die Kulturwirtschaft und ihre Lobbys sich hingegen weiterhin als verlängerter Arm des Industriezeitalters verstehen, wird ein Teil der Bevölkerung einfach über sie hinwegrollen. ZEIT ONLINE Die Piraten wählen einen neuen Chef: Doppelinterview mit den Top-Kandidaten Weitere Informationen im Internet: PROMINENT IGNORIERT Bruni schmückt In Nogent-sur-Marne bei Paris regt sich Protest, weil ein Denkmal zur Erinnerung an die italienischen Einwanderinnen die Gesichtszüge der italienischen Einwanderin Carla Bruni tragen soll. Man empört sich darüber, dass eine wohlhabende Frau jene Armen vertreten darf, die einst den Federschmuck für die Reichen und Schönen herstellten. Doch wer könnte die Arbeiterinnen mehr ehren als eine, die den Schmuck trägt und bezahlt? GRN. Kleine Fotos (v.o.n.u.): Todd Cole; Youtube/ AFP/Getty Images; Eric Feferberg/pool/REA/ laif; Wolfgang Kumm/dpa (l.) ZEIT ONLINE GmbH: ZEIT-Stellenmarkt: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Hamburg Telefon 040 / ; ABONNENTENSERVICE: Tel *, Fax *, **) 0,14 /Min. aus dem deutschen Festnetz, max. 0,42 /Min. aus dem deutschen Mobilfunknetz PREISE IM AUSLAND: DKR 43,00/NOR 60,00/FIN 6,70/E 5,20/ Kanaren 5,40/F 5,20/NL 4,50/A 4,10/ CHF 7.30/I 5,20/GR 5,70/B 4,50/P 5,20/ L 4,50/HUF 1605,00 AUSGABE: JAHRGANG C 7451 C

2 2 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 POLITIK Worte der Woche» Mit Herzblut und Leidenschaft.«Adolf Sauerland, am Sonntag abgewählter Bürgermeister von Duisburg, über seine Beziehung zum Amt»Das ist so Abzocke. Jetzt so eine Art Kindersoli einzuführen.«horst Seehofer, bayerischer Ministerpräsident, zur Idee junger Unionsabgeordneter, kinderlose Menschen stärker zu besteuern»griechenland kann man nicht outsourcen wie einen überflüssigen Unternehmensbestandteil.«Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender, zu dem Vorschlag, Griechenland zum Austritt aus der EU aufzufordern»wir warnen Sie, dass wir die sofortige Ausgabe von Haftbefehlen fordern werden.«der Vorstand von POESY, der griechischen Polizeigewerkschaft, droht den Mitgliedern der»troika«vor ihrem nächsten Griechenlandbesuch»Der riesige Pazifische Ozean ist groß genug für China und die USA.«Xi Jinping, chinesischer Vizepräsident, über die strategischen Interessen beider Länder»Auf diesen Gebieten unseres Staates bestimmen die Kartelle die öffentliche Sicherheit.«Guillermo Galván Galván, mexikanischer Verteidigungsminister, über Regionen seines Landes, die von der Drogenmafia kontrolliert werden DIE NACHRICHT Abgesagt Westerwelle hat keine Zeit NÄCHSTE WOCHE IN DER ZEIT «Von Reykjavík bis Kopenhagen hatten fünf Außenministerien monatelang an dem Termin gefeilt. Die Außenminister von Island, Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark wollten am 4. Mai Guido Westerwelle in Berlin treffen. Sie wollten ihm sagen, warum Deutschland als europäische Führungsmacht für sie wichtig sei, welche Hoffnungen sie hegen, wo und wie man noch stärker auf Deutschland zähle. Doch Westerwelle sagte das Gespräch ab. Auf Nachfrage der ZEIT heißt es aus dem Auswärtigen Amt:»Der Bundesaußenminister hätte gerne an dem Treffen teilgenommen, hat aber zu dem Zeitpunkt nach jetzigem Stand länger geplante Termine im Ausland.«Die abgewiesenen Skandinavier sind irritiert.»sind deutsche Politiker denn nun imstande, Verantwortung für Europa zu übernehmen oder nicht?«, fragt einer ihrer Diplomaten. BIT ZEITSPIEGEL Ausgezeichnet Für seine Fotoreportage Japan, wie es war, ist nicht mehr, die am 28. April 2011 im ZEITmagazin erschien, wurde der Fotograf Paolo Pellegrin jetzt mit dem zweiten Platz beim renommierten World Press Photo Award ausgezeichnet. Pellegrin war für das Magazin auf der japanischen Hauptinsel Honshu unterwegs und fotografierte das Land nach dem verheerenden Tsunami. Pellegrin, 47, veröffentlichte 2011 im ZEITmagazin die Fotokolumne Paolo Pellegrins Expeditionen. DZ endet die Vorlesegeschichte Heimliches im Hinterhof von Antonia Michaelis und damit auch der Krimi-Winter der Kinder- ZEIT. 15 Folgen lang haben die Kinderdetektive Pelle, Bella und Max in Berlin- Kreuzberg ermittelt. Das große Finale des Falls lesen Sie in der kommenden Ausgabe. In den Folge wochen stellen wir auf der Seite zehn preisgekrönte Kinder- und Jugendfilme vor. KINDERZEIT Manchmal können auch Uniformen Halt geben: Bundespräsident Christian Wulff am Montag zu Gast in Rom Im römischen Exil Nur die Hände verraten ihn: Mit Christian Wulff auf Staatsbesuch in Italien VON TINA HILDEBRANDT Müsste nicht irgendetwas zu sehen sein? Furchen, die sich ins Gesicht gegraben haben? Züge, die Anstrengung und Anspannung verraten? All das sucht man vergebens in der Miene des Bundespräsidenten. Die Jahre der Macht haben ebenso wenig Spuren hinterlassen im Gesicht von Christian Wulff wie die Wochen der Ohnmacht. Die Haare sind unmerklich grau geworden, das Gesicht darunter jedoch wirkt fast jugendlich, es verrät nichts von dem, was in Wulff vorgeht. Der Präsident scheint seltsam unberührt von dem, was um ihn herum vorgeht. Der Tag, an dem Christian Wulff seinen Staatsbesuch in Italien antritt, die erste größere Reise seit Beginn der Affäre um Hauskredite, Urlaubsreisen und Sponsorenwerbung, ist der Tag, an dem die Zeitungen darüber berichten, dass Adolf Sauerland, der Oberbürgermeister von Duisburg, von der Bevölkerung abgewählt worden ist. Zwar habe jeder als unschuldig zu gelten, dessen Schuld nicht erwiesen ist.»doch unabhängig davon gibt es auch eine politische Verantwortung«, hatte Wulff nach der Tragödie bei der Loveparade erklärt. Christian Wulff ist im Amt, immer noch. Jeden Tag tauchen neue Fragen auf, die Staatsanwaltschaften prüfen, ob sie das Ermittlungsverfahren gegen den früheren Sprecher des Bundespräsidenten auf das Staatsoberhaupt selbst ausdehnen sollen. Wulff hat sich entschieden, so zu tun, als gäbe es das alles gar nicht. Der Präsident spielt Normalität. Worauf kann dieser Bundespräsident jetzt noch hoffen? Der Präsident sitzt noch nicht, sein Flugzeug ist noch nicht gestartet, da bricht die Fiktion schon brutal zusammen. Ob es stimme, dass er nur aus Angst um seinen Ehrensold nicht zurücktrete, will ein Reporter des sterns bei der Begrüßung wissen.»wenn es einer herausfindet, dann Sie«, sagt Wulff und lächelt. Seine Frau zwinkert dem Frager freundlich zu. Italien sehe dem Besuch des deutschen Staatsoberhaupts mit allergrößten Erwartungen entgegen, erklärt Wulff wenig später im kleinen Konferenzraum des Airbus, es hoffe auf Anerkennung für seine Anstrengungen.»Glauben Sie im Ernst«, fährt ihm der stern-reporter in die Parade,»dass wir uns dafür interessieren, was Sie zu Italien sagen?es ist mir klar«, entgegnet Wulff,»dass Ihnen völlig egal ist, wohin wir fliegen.«nur ein bisschen hebt er dabei die Stimme, dann redet er weiter über seine Besuche im Ausland, wo sich übrigens niemand für»die Dinge«interessiere, die die Medien ständig ansprächen. Getreu der diplomatischen Devise, dass im Ausland nicht über die Innenpolitik gesprochen werde, wolle er nun dazu auch nichts mehr sagen. Alles habe schließlich seinen Platz, seinen Ort. Zehn Minuten dauert die Begegnung mit der Presse, dann meldet sich der Bordcomputer mit einem Bing!, und der Präsident bittet die Journalisten, ihre Plätze einzunehmen.»wir haben nicht genug Fallschirme für alle«, sagt er. Damit sind die Fronten geklärt. Was aber ist der Platz des Bundespräsidenten, was seine Rolle? Worauf kann er noch hoffen? Das ist unklarer denn je. Erster Eindruck: Der Präsident leidet an einer Art politischem Locked-in-Syndrom er sieht die anderen, die anderen sehen ihn, aber die Verständigung ist unmöglich. Wulff kommt nicht aus seinem Amt heraus, aber er kommt auch nicht herein. Er funktioniert auf eine Art immer weiter, bei der man nicht weiß, ob man ihn bewundern oder den Kopf schütteln soll. Und gleichzeitig funktioniert nichts mehr. Der Präsident steckt in einer Parallelwelt fest. Rom, Montagmittag: Im Hof des Quirinalspalasts wartet die Ehrengarde, eine Kapelle, Männer in fünf Sorten Uniformen, 20 Pferde. Die Rüstungen blitzen in der Mittagssonne, die Reiter haben ihre Degen gezückt. Dann erscheinen das deutsche und das italienische Staatsoberhaupt, die deutsche Hymne ertönt, dann die italienische. Auf Italienisch werden Befehle gebrüllt seltsam, wie sich die militärischen Rituale in ihrer Überholtheit auf der ganzen Welt gleichen, eine verwaiste Form ohne Inhalt. Dieses Mal wirkt die Zeremonie passend. Wie sich alles entleert und verkehrt hat. Zu Beginn der Affäre war der Präsident verstummt. Es folgte eine Entschuldigung, die keine war, dann ließ Wulff andere für sich sprechen. Der Präsident verkehrt mit dem Volk über seinen Anwalt. Nun spricht er wieder, was bleibt ihm anderes übrig, nachdem er sich entschlossen hat, einfach weiterzumachen, durchzuziehen. Jetzt kehren sich die Worte gegen ihn. Jeder Satz hat einen doppelten Boden, in jeder Formulierung steckt eine Selbstentlarvung: Wenn er von einer Schuldenkrise spricht, die sich zu einer Vertrauenskrise ausgewachsen habe, wenn er über die Trittbrettfahrer des Kapitalismus spricht, wenn er das Wort»Vertrauen«gebraucht. Nach ihrem Treffen treten die Präsidenten vor die Presse, Giorgio Napolitano, 85 Jahre alt, Wulff, der mit seinen 52 Jahren ein junger Präsident sein wollte, einer, der für Erneuerung steht. Man sei wirklich auf einer Linie, versichert Italiens Staatsoberhaupt Napolitano. Wulff hebt die Bedeutung des sozialen Zusammenhalts hervor und erklärt, Gerechtigkeit sei»eine der zentralsten Fragen weltweit«. Dann ist der Reporter vom stern wieder da. Was die Präsidenten gegen Korruption in ihren Ländern unternähmen? Die Gesetze in Deutschland würden sehr konsequent angewandt, das wüssten Investoren weltweit zu schätzen, entgegnet Wulff mit unbewegter Miene. Deutschland habe da»ein Renommee zu verteidigen«. Sein Kollege Napolitano sagt, Italien stehe»nicht ganz so gut da«. Es gebe Gesetze, aber es sei eben auch»eine Frage der Gewohnheit«. Eine Frage der Gewohnheit. Wie, fragt sich ein erstauntes Publikum seit sechs Wochen jeden Tag, geht es eigentlich gewohnheitsmäßig zu, bei Wulff, in der Politik allgemein? Die Unschuldsvermutung ist dahin, für die Wörter, für die Politiker, für die Presse. Dahin ist auch die Vorstellung, dass doch irgendwie klar sein müsse, was in Ordnung ist, und was nicht. Die meisten sind sich einig: Die Summe dessen, was Wulff sich geleistet hat, das geht nicht. Inzwischen sind mehr Deutsche dafür, dass der Bundespräsident zurücktritt, als dass er im Amt bleibt. Mal geht es um geleaste Autos, mal um günstige Zinskonditionen, mal bittet ein Freund in einem Hotel darum, dass niemand etwas über den gemeinsam verbrachten Urlaub erzählt. Im täglichen Kleinklein der Vorwürfe geht unter, dass die Republik derzeit etwas ziemlich Spektakuläres erlebt: Das Staatsoberhaupt hat sich im Amt verschanzt. Welche Folgen wird das für die Republik haben? Niemand traut sich derzeit eine Prognose zu. Nur, dass es gar keine Konsequenzen hat, das scheint derzeit am unwahrscheinlichsten. In Italien kann man die ersten Folgen besichtigen. Achtzig Prozent seiner Arbeit seien Außenpolitik, hat Wulff zu Beginn seiner Amtszeit erklärt. Das klang nach einem etwas anderen Amtsverständnis und einer selbstbewussten Ansage: Der Präsident als oberster Botschafter seines Landes. Nun, da Wulff ein Präsident ohne Volk ist, wirkt jede Reise ins Ausland wie eine Flucht ins Asyl. Hier in Italien fragt niemand danach, wer die letzte Urlaubsreise bezahlt hat, niemand kennt Carsten Maschmeyer, einen der großzügigen Freunde Wulffs, bei dem Stichwort Nord-Süd-Dialog grinst man nicht. Christian Wulff kann sich darin bestärkt sehen, dass die Wirklichkeit mit dem, was die Medien berichten, nichts zu tun hat. Nach dem überraschenden Rücktritt von Horst Köhler hatte Angela Merkel sich bewusst gegen einen Quereinsteiger entschieden. Ein echter Politiker sollte her, einer, der das Geschäft kennt, der nicht so empfindlich ist, ein Profi. Doch kaum im Amt, begann auch Wulff unter dem Köhler-Syndrom zu leiden: Mochten die Medien auch maulen, vom Präsidenten komme kein entscheidender Impuls Wulffs Erfahrung im täglichen Erleben war, ähnlich wie bei Köhler, eine andere. Wo der Bundespräsident hinkommt, wird er respektvoll begrüßt, er muss Autogramme geben. Wer ihn mag, der sagt das gerne. Wer ihn nicht mag, der schweigt, schließlich pöbelt man das Staatsoberhaupt nicht von der Seite an. So stellt sich für den Amtsinhaber das subjektiv berechtigte Gefühl ein: Wo ich auch hinkomme, die Leute finden mich toll. Mag der Amtsinhaber auch nicht mehr funktionieren, die Hülle tut es zuverlässig. Für einen kurzen Moment wirkt Wulff in Italien beinahe glücklich Das gilt für das Amt, und das gilt auch für Christian Wulff selbst. Nie entgleiten ihm die Gesichtszüge, er lässt sich nichts anmerken. Am 23. Februar findet der Trauerakt für die Opfer der Terrorzelle NSU statt. Spätestens da soll der Befreiungsschlag gelingen. Wenn etwas einen Hinweis darauf gibt, dass Christian Wulff irgendwo tief drinnen doch ahnt, dass er diesen Befreiungsschlag nicht mehr erleben wird, dass jede Reise seine letzte sein könnte, dann sind es seine Hände. Sie kneten, sie ringen miteinander, sie gleiten rastlos am Redepult entlang, als suchten sie Halt auf einer abschüssigen Ebene. Was einen guten Politiker auszeichne, will ein Student am Dienstagnachmittag in der Universität Bocconi in Mailand wissen, deren Präsident Mario Monti war, bevor er Ministerpräsident wurde. Es ist keine Fangfrage eines Journalisten, es ist die ehrlich gemeinte Frage eines jungen Mannes, der noch etwas von der Politik erwartet. Die Politik, sagt Wulff, verliere Glaubwürdigkeit, wenn auf Zeit gespielt werde, statt den Problemen wirklich auf den Grund zu gehen. Und dass jeder Einzelne eine»verantwortungsethik«haben müsse, sich fragen solle: Was ist gut für die, für die ich Verantwortung übernommen habe? Anstatt immer nur sein eigenes Ziel vor Augen zu haben. Vielleicht, so Wulff, habe das auch etwas mit dem erreichten Wohlstand zu tun. Es ist nicht klar, an wen er gerade denkt. Dann spricht er über seine Vision von einer zukünftigen Welt. Er träume davon, dass man mit dem Zug nach Indien und Afghanistan fahren könne, sogar in den Iran, ohne Grenzen, ohne Terror, eine einzige friedliche Welt. Er hat wieder Platz auf dem Podium genommen, seine Hände haben Halt gefunden, er lehnt sich nach vorne. Auf der Leinwand, die seine Rede überträgt, erscheint Wulffs Kopf in Großaufnahme mit den Kopfhörern für die Übersetzung. Er sieht so aus, als rede er vor der UN-Vollversammlung. Deutschland ist ganz weit weg. Der Präsident wirkt glücklich. A Foto: Wolfgang Kumm/picture-alliance/dpa; Illustration: Ulf K. für DIE ZEIT Mail aus: NEAPEL Von: Betreff: Parken und lieben Weil die Wohnungen teuer und gut bezahlte Jobs selten sind, ist das eigene Auto der wichtigste Rückzugsort für junge Italiener. Oft erfüllt la macchina die Funktion des Schäferkarrens: Als Straße der Liebenden ist etwa die Via Appia Antica in Rom bekannt. Dort parken am Wochenende immer noch Dutzende von Autos zwischen den antiken Grabmälern, die Fenster mit Zeitungspapier verhüllt. Denn die Intimität im Auto ist prekär und manchmal sogar gefährlich, wie die Geschichte des»monsters von Florenz«beweist. Zwischen 1968 und 1985 ermordete das»mostro«acht Pärchen, die sich der Liebe wegen im Auto an abgelegene Orte zurückgezogen hatten. Und in Neapel forderte die Camorra auf einem Liebes-Parkplatz sogar den»pizzo«, die»schutzsteuer«, von den Paaren. Da ist es nur billig, dass die Stadt am Fuße des Vesuv rechtzeitig zum Valentinstag die Einrichtung eines kommunalen Liebestreffs beschlossen hat. Schließlich war der heilige Valentin, der Freund der Liebespaare, Italiener. Ihm zu Ehren soll nun in Barra, einem Viertel am südöstlichen Stadtrand Neapels, ein Parkplatz zum»love Parking«umgerüstet werden, mit Sichtschutzwänden zwischen den Parkboxen und einem Wachdienst. Es handele sich um ein»projekt gegen die Heuchelei«, heißt es in dem Antrag, der von einer breiten Mehrheit angenommen wurde: Jungen Bürgern müsse»das Recht auf das Ausleben ihrer Sexualität in einem sicheren Umfeld«garantiert werden. Der Parkplatz soll für alle Paare geöffnet sein, auch für gleichgeschlechtliche. Und Barra macht Schule: In der Innenstadt werden andere Liebesplätze folgen. Mail aus: ACHILTIBUIE Von: Betreff: Professor, stotternd Am Dienstagmorgen fand Richard Dawkins seinen Meister. Der Atheist und Evolutionsbiologe veröffentlichte eine Studie seiner Stiftung für Vernunft und Wissenschaft, die beweisen sollte, dass die große Mehrheit britischer Christen gar keine Christen seien. Als Beleg führte er an, dass sie ihre Bibel nicht kennen würden und nur ein Drittel derer, die bei der letzten Volkszählung das entsprechende Kästchen ankreuzten, das Matthäusevangelium als das erste Buch des Neuen Testaments identifizieren könnten. Das Nachrichtenmagazin Today der BBC konfrontierte den gern seine intellektuelle Überlegenheit zur Schau tragenden Oxford- Professor»für Verständnis der Wissenschaft in der Öffentlichkeit«mit dem Priester Giles Fraser. Der kam vergangenen Herbst zu Prominenz, als er sich weigerte, einer Zwangsräumung der Occupy-Zelte vor der Londoner St.-Paulus-Kathedrale zuzustimmen, und sein Amt als Domherr niederlegte. Fraser ist einer der scharfsinnigsten Denker der anglikanischen Kirche. Er fragte Dawkins in aller Unschuld, ob er den vollen Titel von Darwins Buch über die Entstehung der Arten kenne.»natürlich«, schoss Dawkins zurück.»über die Entstehung der Arten in Tier-, ähm, im Tier- und Pflanzenreich... durch natürliche Züchtung, ähm... dann kommt noch ein Nachsatz, oder... oder die Erhaltung der vervollkommneten Rassen...«Der große Biologe stotterte wie ein Schüler, der seine Vokabeln nicht gelernt hat. Er tat mir fast leid. Mail aus: BRÜSSEL Von: Betreff: Belgische Strenge Baustellen gehören für den Belgier zum Savoir-vivre, das Um- und Anbauen ist Teil der Lebensart. Als wir vor einem halben Jahr nach Brüssel zogen, fuhren die Bagger, die die nächstgelegene Hauptstraße aufrissen, noch in sicherer Entfernung. Streng genommen, hätte man damals nur noch linksherum aus unserer kleinen Straße herausfahren dürfen, aber so streng sind die Belgier nicht. Die blaugelben Bauzäune markierten zwar die gröbsten Löcher, ließen aber immer einen Weg offen. Und rechtsherum geht es nun mal schneller. Doch die Bagger rückten näher. Eines Morgens hatte die Baustelle die Höhe unserer Straße erreicht. Ohne Vorwarnung und diesmal ohne Lücke. Nun ging es weder links- noch rechtsherum, was besonders misslich war, weil der Weg in die entgegengesetzte Richtung durch eine Einbahnstraße versperrt ist. Doch so streng sind die Belgier nicht. Wir fuhren fortan wie alle anderen Anwohner gegen die vorgeschriebene Fahrtrichtung, um unsere Straße überhaupt verlassen zu können. Eine Woche später fanden wir ein Schreiben des Bezirksbürgermeisters in unserem Briefkasten, in dem dieser sich für die Unannehmlichkeiten entschuldigte und mitteilte, bis auf Weiteres sei die Einbahnstraßenregelung aufgehoben. Mittlerweile ist die Baustelle auf der Hauptstraße weitergewandert. Dafür hat uns der Bezirksbürgermeister wieder geschrieben. In unserer Straße würden von dieser Woche an die Bürgersteige erneuert. Ob nun wieder die Einbahnstraßenregelung gilt, ist offen. Aber so streng sehen das die Belgier ja nicht.

3 POLITIK KAMPF UM SYRIEN 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 3 TÜRKEI Mittelmeer SYRIEN Homs Damaskus IRAK JORDANIEN ZEIT-Grafik KAMPF UM SYRIEN Was passiert wirklich in Syrien? Vom Libanon aus reiste der Schriftsteller Jonathan Littell (»Die Wohlgesinnten«) zu den Kämpfern gegen Assad. Er verbrachte gut zwei Wochen, von Mitte Januar bis Anfang Februar, an der Seite der Rebellen (Seite 3 und 4). Der zweite Teil seiner Reportage folgt in der nächsten Ausgabe. Außerdem: Wie kam es im Sicherheitsrat zum Nein gegen die UN-Resolution (S. 5)? Und: Weil der Westen nicht eingreift, zieht es vermehrt radikale Islamisten in den Bürgerkrieg (S. 4). Fotos, die Aufständische aus Syrien schmuggelten: Proteste im Norden des Landes (o.) ; eine Verletzte nahe Homs Fotos (Ausschnitte; v.o.n.u.): Local Coordination Committees in Syria/AP Photo; ddp/ap Photo; J.-J. Ceccarini/laif Die verbotene Stadt Heimlich über die Grenze, in die Hochburg der syrischen Rebellen: Eine Reise nach Homs VON JONATHAN LITTELL 1. Auf die andere Seite des Spiegels»Von Anfang an«, sagt der Schleuser mit einem maliziösen Lächeln, das seinen riesigen Bart zerfurcht,»haben sie mich al-ghadab genannt, die Wut. Dabei lache ich doch die ganze Zeit!«Untersetzt, in einer schwarzen Trainingshose, ein Handy in jeder Hand, so sitzt der Wütende in einer eiskalten Wohnung in Tripoli, im Norden des Libanons. Zwei Männer begleiten ihn, den Libanesen, vermutlich Schmuggler.»Als es angefangen hat«, erzählt er uns,»stand ich kurz davor zu heiraten. Ich hatte die Wahl: Revolution oder Hochzeit.«Im Juli bildeten sich die ersten Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA), des militärisch organisierten Widerstands gegen das Assad-Regime. Da begann er, als Kurier für sie zu arbeiten: Er transportierte Verletzte, Medikamente oder Journalisten wie uns. Seine Familie ist wohlhabend:»ich mache das nicht des Geldes wegen.«frühmorgens, es regnet in Strömen. Einer der zwei Libanesen sitzt am Steuer eines Minivans und bringt uns, die Posten der libanesischen Armee umfahrend, über die kleinen Straßen des Libanon-Gebirges zu einer weiten, steinigen Ebene. Syrien liegt genau vor uns. Irgendwo am Straßenrand warten drei junge Männer mit Motorrädern auf uns. Auch sie sind keine Profis, sondern Bauern aus der Gegend, mit roten, schwieligen Händen. Sie fahren uns über schlammige Straßen an Siedlungen und Feldern vorbei, wir passieren schlecht gekleidete Kinder, Bienenkörbe, ein paar Pferde, bis wir an ein Haus kommen, in dem uns Bauern lächelnd Kaffee einschenken. Dann ein Funkspruch: Die Luft ist rein, wir fahren zu einem anderen Haus im gleichen Dorf. In diesem Moment kommt eine SMS des Tourismusministeriums auf dem Handy an, auf Englisch:»Willkommen in Syrien.«Wir sind auf die andere Seite des Spiegels gewechselt. Der Wütende holt einen Pick-up, wir pferchen uns ins Fahrerhäuschen und fahren los. Felder, Obstgärten, holprige kleine Straßen; zügig überholen wir einen Offizier der FSA in einem Fahrzeug, passieren dann an einer Brücke eine Straßensperre, die von Kämpfern gehalten wird. Sie kontrollieren den Strom aus Pick-ups und Lastwagen, Schmuggler aus dem Libanon, die alles transportieren, was den Leuten hier fehlt. Eine Flagge weht über der Straßensperre, schwarz, weiß und grün mit drei roten Sternen, die Flagge der syrischen Revolution. Das Telefon des Wütenden klingelt ohne Unterlass; überall hat die FSA Wachposten, die Alarm schlagen sollen, sobald es Truppenbewegungen gibt oder eine der besonders gefährlichen beweglichen Straßensperren des Militärs auftaucht. Ein Freund des Wütenden, ein Deserteur der syrischen Sicherheitskräfte, wird am folgenden Tag an einer solchen Straßensperre getötet, ganz in der Nähe, mit dem Maschinengewehr erschossen, als er zu fliehen versucht. Der Wütende bewahrt neben sich am Steuer eine Handgranate auf; wenn er geschnappt wird, dann nicht lebend. Ein großes Netzwerk von Zivilisten unterstützt die FSA und die Revolution. Auf jeder Etappe unseres Weges nach Homs fährt ein Fahrzeug oder ein Motorrad vor, um zu prüfen, ob die Straße frei ist. Während wir uns fortbewegen, sind immer Leute vor uns, um uns herum, hinter uns; die Telefone hören nicht auf zu klingeln, um die neuesten Informationen zu verbreiten. All das geschieht in einer Gesellschaft, in der Baath-Partei und mukhabarat, der Geheimdienst, ein engmaschiges Netz aus Polizei- und Geheimdienstleuten geknüpft haben, ein Netz, in dem jahrzehntelang der Alltag des Landes und die ganze Bevölkerung gefangen war. Jetzt ist es, als hätte die Gesellschaft sich ein zweites Netz geknüpft, beinahe ebenso effizient, bestehend aus Aktivisten, Standespersonen, Geistlichen und, immer häufiger, aus Armeekräften, aus jenen Deserteuren, aus denen sich die FSA zusammensetzt. Dieses»Gegennetz«leistet dem anderen Widerstand, kreist es ein und schafft es sogar, es teilweise verschwinden zu lassen. Wenn man sich zwischen der libanesischen Grenze und Homs bewegt, wird es sichtbar. Natürlich hat es immer passiven Widerstand gegen das Netz des Regimes gegeben. Doch jetzt hat sich das zweite Netz komplett von seinen Verstrickungen mit dem ersten befreit. Es ist, als hätte sich die syrische Gesellschaft seit dem Frühling verdoppelt, als koexistierten zwei parallele Gesellschaften in diesem Land, miteinander verstrickt in einen tödlichen Kampf. Erstaunlich auch die politische Intelligenz der gewöhnlichen Syrier, die an dem Aufstand beteiligt sind. Abu Abdo, einer unserer Fahrer, fragt:»also, habt ihr hier irgendwelche Salafisten gesehen, wie es Baschar behauptet?das hängt davon ab«, sagt Marni, der Fotograf.»Was verstehst du unter einem Salafisten?Eben. Das Wort bedeutet zweierlei. Die syrischen Muslime folgen einem moderaten Pfad, und um rechtschaffen zu leben, müssen sie dem Vorbild eines frommen Ahnen folgen. Das ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes. Die anderen, die dschihadistischen und terroristischen Strömungen, die sind eine Erfindung der Amerikaner und der Israelis. Das hat mit uns nichts zu tun.«später, als wir auf einem Bauernhof eine lange Pause machen, äußert er sich kritisch über die Oppositionsparteien:»Anders als 1982 in Hama ist es heute das Volk, das sich erhebt. Die Muslimbrüder, die Kommunisten, die Salafisten und andere politischen Gruppierungen rennen ihm jetzt hinterher, um sich an die Spitze der Bewegung zu setzen. Doch die syrische Straße verweigert sich der Politisierung der Bewegung. Sie nimmt Hilfe an, ganz gleich, woher sie kommt, doch diese Hilfe darf nicht an Bedingungen geknüpft sein. Die Menschen sind nicht aufgestanden, um eine präzise politische Forderung zu erheben, sondern als Reaktion auf Unterdrückung und Demütigung. Das syrische Volk ist wie in einem Hühnerstall gehalten worden: Du hast das Recht gehabt, zu essen, zu schlafen, Eier zu legen, und das war s. Es gab keinen Platz für das Denken. Das war Nordkorea mitten im Nahen Osten.«Wir fahren an einer großen Chemiefabrik vorbei, von der ein ekelhafter Gestank ausgeht; weiter hinten erstreckt sich der See von Homs, eine dünne blaue Zunge; Wolken bedecken den Horizont, doch dahinter strahlt die Sonne und erhellt die schlammige, chaotische, von diesem Dinosaurier des Industriezeitalters mit seinen riesigen gelben Pulverhaufen beherrschte Landschaft. Wir erreichen die Autobahn Damaskus Homs, hoch gelegen und viel befahren, wie in normalen Zeiten. Sie ist das letzte Hindernis, das wir überwinden müssen, streng bewacht von der regulären Armee. Doch auch hier hat die FSA ihre geheimen Methoden. Hinter der Autobahn wartet ein Auto mit zwei jungen Kämpfern auf uns. Rasch fahren wir los. Der Siedlungsteppich wird dichter, wir erreichen den ersten Vorort der Stadt. Etwas weiter, mitten auf der breiten Straße, kontrolliert eine Straßensperre der FSA die Kreuzung. Das befreite Viertel Baba Amr befindet sich gleich dahinter. 2. Bei den Deserteuren»Baba Amr, das ist ein Staat im Staat.«Der Soldat B., der das sagt, ist ein schöner Mann mit feinem Gesicht und leuchtenden Augen. Sie sind ebenso von seinem Glauben wie vom Fasten beseelt, das er einhält, seit er sich im Dezember der FSA angeschlossen hat. Er ist kein Deserteur wie die meisten JONATHAN LITTELL Geboren in New York, aufgewachsen im Süden Frankreichs: Der Autor reiste bereits mehrfach in Krisengebiete, so 2001 nach Tschetschenien und 2008 nach Georgien seiner Kameraden, sondern ein Zivilist aus Aleppo, der sich, von den Verbrechen des Regimes schockiert, entschied, zu den Waffen zu greifen. Sein Satz stammt aus der Zeit vor dem 4. Februar, dem Tag, an dem die syrische Armee das Stadtviertel Baba Amr unter Trommelfeuer nahm und einige Hundert Tote hinterließ. Es ist eines jener Kleineleuteviertel am Stadtrand, wohin Bürgerliche normalerweise keinen Fuß setzen, mit dicht nebeneinander stehenden vier- oder fünfstöckigen Betonblocks, die meisten unfertig; Gassen, in denen zwei Autos nur schwer aneinander vorbeikommen, bevölkert von Arbeitern und verschleierten Frauen. An den Straßenecken bieten fliegende Händler das traditionelle Bohnengericht Ful an, das mit den Fingern gegessen wird. Jugendliche tragen von ihren Müttern gestrickte Schals und Mützen, in Schwarz- Weiß-Grün oder auch in Blau- Orange: den Farben der Revolution und denen von Al-Karama, dem Fußballverein von Homs. Vor der Al-Dschilani-Moschee stapeln sich leere Katafalke für Särge, bereit zum Gebrauch, dahinter sind schon zwei Gräber ausgehoben, für den Fall, dass der Friedhof wegen Heckenschützen unerreichbar wird. Die FSA hält das Gebiet von Baba Amr. Hier ist man an einer regelrechten Front, die mitten durch verwüstete Wohnungen verläuft, voll Schmutz und Trümmer, umgestürzter Sofas, verbrannter Fernsehgeräte, zerfetzter Betten, die Wände von Einschüssen, von Granatsplittern durchsiebt. Im Westen, gegenüber den Obstgärten und dem Stadion, liegt das Viertel Haqura, wo wir seit fast einer Woche bei einer Einheit der FSA wohnen. Außer zwei, drei Standhaften sind alle Zivilbewohner geflohen. Die ins Niemandsland führenden Gassen sind mit Sandsäcken verbarrikadiert Hindernisse, die keinen Panzer aufhalten können. In die Hauswände und die Mauern der Gärten sind Öffnungen gebrochen, damit die Kämpfer sich dahinter verschanzen können. Der Kommandoposten des Befehlshabers Hassan liegt an einer ziemlich breiten Straße, und wir sitzen oft Tee trinkend rund um ein Kohlebecken auf dem Bürgersteig. An einem Morgen werden wir von länger als sonst anhaltenden Salven geweckt. Soldaten stürmen in die Wohnung, rütteln die noch Schlafenden wach, zerren Maschinengewehre, Munitionsgurte und russische Panzerfäuste aus dem Raum, der als Waffenkammer dient. Wir laufen hinter ihnen her zum Kommandoposten, dann in eine Straße mit Wohnhäusern. Wir rennen eine Treppe hinauf. Oben, in einem verwüsteten Zimmer, feuert ein Kämpfer MG-Salven durch ein von einer Granate gerissenes Loch. Aus dem Wohnzimmer schießt ein anderer mit einer Kalaschnikow. Der Geruch von Schießpulver hängt in der ganzen Wohnung. Man erklärt uns: Ein Heckenschütze habe angefangen, von dem großen, im Bau befindlichen Haus gegenüber auf Zivilisten zu schießen, und schon vier verwundet. Die FSA schießt zurück, um ihn zu vertreiben. Das wird fast vier Stunden dauern, in denen wir uns von einer Wohnung zur anderen hangeln, um zu beobachten. Die Stellungen der regulären Armee sind nicht weit, zweihundert, vierhundert Meter, man kann die Sandsäcke deutlich sehen, wenn man einen Blick riskiert. Die FSA versucht nicht, die feindlichen Stellungen einzunehmen, sondern will nur die Heckenschützen zum Rückzug zwingen. Der Schutz der Zivilbevölkerung wird von den Kämpfern der Freien Armee als ihre wesentliche Aufgabe gesehen.»im Prinzip sollte die Armee neutral sein«, betont Leutnant Abdel Rassak Atlas, einer der Anführer der Einheit Al-Faruk, der sich brüstet, im Juni vergangenen Jahres der erste übergelaufene syrische Offizier gewesen zu sein.»wir sind hier, um das Volk und die Nation zu schützen.«b., der Freiwillige aus Aleppo, der, wenn es Nacht wird, seinen Kameraden herrliche Gedichte in klassischem Arabisch vorträgt, drückt sich lyrischer aus:»wir kämpfen für unsere Religion, für unsere Frauen, für unser Land und zuletzt dafür, unsere Haut zu retten. Sie kämpfen nur dafür, ihre Haut zu retten.«nahezu alle Kämpfer der FSA mussten vor ihrer Fahnenflucht an Unterdrückungsmaßnahmen des Regimes teilnehmen. Nur sehr wenige sind bereit zuzugeben, dass sie Menschen getötet haben.»ich? Ich habe in die Luft geschossen«, sagen fast alle. Aber ihr Ekel vor dem, was sie tun mussten, ihre Schuldgefühle sind deutlich spürbar. Ein ehemaliger Soldat:»Wir wurden auf die Straße geschickt, um gegen bewaffnete Gangs zu kämpfen. Ich habe keine bewaffnete Gang gesehen. Die Offiziere sagten zu uns: Munition spielt keine Rolle schießt, schießt, so viel ihr könnt. «Die Deserteure beschreiben eine Armee in völliger Auflösung. Mehrere Male bekommen Offiziere der FSA in meiner Gegenwart genaue und Fortsetzung auf S. 4

4 4 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 KAMPF UM SYRIEN POLITIK Demonstration nahe Damaskus (l.), Panzer im Stadtviertel Baba Amr von Homs Fotos: Reuters (l.); youtube/afp/getty Images Fortsetzung von S. 3 detaillierte Informationen von Offizieren, die noch im Dienst sind. Von ihnen erhalten sie auch, für Geld oder für die gute Sache, Waffen und Mu nition. Leutnant Atlas erzählt mir, wie er im Mai versucht hatte, mit anderen Offizieren eine Meuterei zweier Brigaden und eines Bataillons zu organisieren.»alles war bereit. Aber die anderen wollten aus Angst vor der Luftwaffe nicht bis zum Äußersten gehen.«das erklärt den Sinn einer Flugverbotszone, wie sie bei jeder Demonstration gefordert wird eine Forderung, die im Westen überrascht, da Baschar al-assad im Gegensatz zu Gaddafi noch nicht seine Luftwaffe gegen Zivilisten eingesetzt hat.»wenn wir eine Flugverbotszone bekämen«, wiederholt Atlas,»würde die Hälfte der Armee meutern. Das Regime wäre am Ende.«Während die Familie Assad und viele Angehörige der syrischen Führungsschicht der religiösen Minderheit der Alawiten angehören, sind die überwältigende Mehrzahl der Kämpfer der Freien Armee Sunniten. Man sieht es an ihren Symbolen, an den Namen der Einheiten, wie»chalid ibn al-walid«(»ein bedeutender Heerführer des Propheten«) oder»kawafil Schuhada«(»Die Karawanen der Märtyrer«). Das wird von vielen heftig kritisiert.»warum wählen sie solche Namen?«, ruft M. aus, ein nach Beirut geflohener Aktivist, auch er ein Sunnit.»Es ist unsere Revolution, nicht die des Propheten! Wir haben unsere eigenen Märtyrer, deren Namen sie verwenden könnten.«am Ende dieser»sunnitisierung«der Re vo lution lockt der Dschihad, die Verwandlung des Kampfes in einen islamistischen Feldzug. Das ist wahrscheinlich die größte Gefahr, die der Freien Armee droht, denn das würde Baschar al-assad in die Hände spielen. Doch dieses Argument entmutigt die Offiziere der FSA nicht, zumindest nicht die in Homs. Abdel Rassak Atlas sagt ausdrücklich:»wenn es so weitergeht, werden wir noch wie Al- Kaida. Wenn die Welt uns im Stich lässt und Assad unterstützt, sind wir gezwungen, zum Dschihad aufzurufen, damit Kämpfer aus der ganzen muslimischen Welt zu uns stoßen und den Konflikt internationalisieren.«atlas betont, das sei nicht seine persönliche Einschätzung: Das militärische Komitee von Homs hat darüber diskutiert, und alle waren derselben Meinung wie er. Andere Offiziere bestätigten es mir später. Es muss deutlich gesagt werden, dass diese Vorstellung nicht das Ergebnis einer religiösen Radikalisierung ist, sondern ein, wenn auch naives, strategisches Kalkül. Atlas zufolge könnte ein Aufruf zum Dschihad in ein Chaos wie im Irak führen, womöglich sogar zu einem regionalen Krieg, und dieses Risiko würde den Westen nötigen, endlich einzugreifen. Dieser junge syrische Offizier kennt kaum die Welt außerhalb seines Landes, deren Logik und Zwänge. Aber er drückt den Appell der gegen das Regime aufgestandenen Massen aus:»das Volk will, dass die Nato eingreift!«das hörte sich vor einem Monat noch anders an. Die Verzweiflung hat das Blatt gewendet. 3. Eine zivile Revolution Seit elf Monaten wird in Syrien der Tagesrhythmus von den Demonstrationen bestimmt. Die wichtigste ist die am Freitag. Auch an diesem 20. Januar in Baba Amr verläuft sie nach einem unabänderlichen Ritual. Nach dem Mittagsgebet rufen die Männer in der Moschee»Allahu akbar!«und strömen zur Tür hinaus. Draußen warten zwischen Trauben von tobenden Kindern die Aktivisten mit ihren Fahnen und Spruch- bändern. Der Zug formiert sich, schlängelt sich durch die Gassen, die Menschen ziehen, Slogans skandierend und Schilder mit den Namen oder den Fotos von Märtyrern hochhaltend, einen Boulevard entlang, vorbei an einem Haus, auf dem manchmal Heckenschützen des Regimes lauern. An den Kreuzungen stehen bewaffnete Posten der FSA. Auf einer breiten Straße, die durch das Viertel führt, vereinigt sich der Zug mit anderen Zügen. Ich steige mit Rebellen, die die Demonstration filmen, auf ein Dach, um das Schauspiel von oben zu überblicken: Es sind mindestens zweitausend oder gar dreitausend Menschen.»Wenn nicht auf die Demonstranten geschossen würde, wäre ganz Homs auf der Straße«, sagt ein alter Herr zu mir. In der Stadtmitte legen Hunderte junge Männer einander die Arme auf die Schultern und tanzen zu Revolutionsliedern. Auf einer Seite steht eine Masse verschleierter Frauen, ein Meer von weißen, rosa oder schwarzen Tüchern, die rituelle Freudenschreie ausstoßen und mit den Männern die Slogans der Anführer aufnehmen. Die Balkone ringsum quellen über von Menschen. Es herrscht eine Atmosphäre grimmiger, verzweifelter Fröhlichkeit. Gleich nach Ende der Demonstration umringen mich Dutzende junge Männer und versuchen, mir ihr Leid mit ihren hoffnungslosen vier englischen Wörtern zu erklären. Jeder zeigt mir seine Narben von Schlagstöcken, von Elektroschocks, Kugeln oder Granatsplittern. Der Bruder des einen wurde von einem Heckenschützen erschossen, als er die Straße überquerte, die Mutter des anderen kam bei einem Bombenangriff ums Leben, alle wollen alles auf einmal erzählen. Sie schwenken ihre Handys:»Chouf, chouf! Schau dir das an!«ein Leichnam, gezeichnet von Spuren der Folter, ein anderer mit eingeschlagenem Schädel, noch ein anderer, dessen einzelne Wunden die Kamera festgehalten hat, Löcher in der Leistengegend, am Bein, im Hals. In einer Erste-Hilfe-Station in al-khaldiye im Norden der Stadt zeigt eine junge Krankenschwester noch vor dem Tee Bilder aus ihrem Smartphone: auf dem Display ein auf dem Boden liegender sterbender Mann und ein Arzt, der vergeblich versucht, ihn zu intubieren, genau hier, am Fuß des Sofas, auf dem ich jetzt sitze. Er war Taxifahrer, er hat eine Kugel ins Gesicht bekommen und liegt in einer riesigen Blutlache, sein Gehirn ist auf dem Boden verteilt.»siehst du die Hände da?«, fragt die Krankenschwester.»Das bin ich.«jedes Handy in Homs ist ein Museum des Schreckens. Das Beeindruckende bei den Demonstrationen ist die Kraft, die von ihnen ausgeht. Sie dienen nicht nur als Ventil, zum Abreagieren der Tag um Tag angesammelten Spannung. Sie geben den Teilnehmern auch neue Energie, jeden Tag etwas mehr Kraft und Mut, um die Morde, die Verwundungen und Trauerfälle zu ertragen. Die syrische Revolution besteht eine Seltenheit weder allein dank der Waffen der FSA noch nur dank des Mutes der Aufständischen, sondern auch dank der Freude, dank Gesang und Tanz. Den Kern des zivilen Widerstands bilden die Aktivisten. Einer, der für Information zuständig ist, lässt sich Abu Bilal nennen einer von denen, die tagtäglich von der Unterdrückung berichten. Wir verbringen mehrere Tage mit ihm und seinen Freunden in einem unauffälligen Haus kaum ein paar Hundert Meter von der Zitadelle von Homs entfernt, von wo aus die Sicherheitskräfte des Regimes ohne Unterlass mit MGs in die Straßen feuern. Jeden Morgen zwängen wir uns mit zwei oder drei Leuten in ein Auto, die, den Heckenschützen trotzend, losfahren, um Beerdigungen, Verwundete und Tote zu filmen. Omar Telaoui ist einer der bekanntesten Aktivisten. Er zeigt sich in seinen Videos ohne Maske mit einem Schal in den Farben der Revolution um den Hals, und skandiert bei jedem Opfer eine kurze zornige Rede über Ort, Datum und Umstände des Todes. Abends im Haus stürzen sich Omar, Abu Bilal und die anderen auf ihre Notebooks. Je nach den Möglichkeiten einer wackligen Internetverbindung stellen sie ihre Filme bei YouTube ein, verschicken die Links über die Sozialen Netzwerke und geben arabischen Fernsehsendern Interviews. Westliche Medien verwenden nur sehr wenige dieser Quellen, wegen Zweifeln an ihrer Verlässlichkeit. Doch stellen diese manchmal wackligen Bilder, die in unmittelbarer Nähe der vom syrischen Regime begangenen Gräuel aufgenommen werden, eine unschätzbare Informationsquelle dar das Werk von Leuten, die dabei tagtäglich ihr Leben riskieren. Dazu sagt mir einer der Aktivisten eines Abends:»Unsere Eltern wurden von der Angst unterdrückt. Wir haben die Mauer der Angst durchbrochen. Entweder wir siegen, oder wir sterben.«der zweite Teil folgt in der kommenden Ausgabe Aus dem Französischen von ULI AUMÜLLER und LUISA SEELING Jonathan Littell Kapert die Revolution! Al-Kaida wittert eine Chance: Radikale Islamisten unterwandern den Widerstand gegen das Assad-Regime VON JOCHEN BITTNER Auf den ersten Blick wirkt es wie Realsatire, was der Al-Kaida-Chef zum Syrien-Konflikt sagt. Er freue sich, so Aiman al-sawahiri am vergangenen Wochenende in einer Videobotschaft, dass das syrische Volk einen»dschihad«gegen den Diktator von Damaskus führe. Baschar al-assad sei»der Schlachtersohn eines Schlachters«. Jeder Muslim in der Region müsse sich gegen ihn erheben. Ein verzweifelter Überlebensruf eines sterbenden Terrornetzwerkes könnte man meinen als strebten die Aufständischen in Syrien einen Gottesstaat an. Und doch liegt eine ernsthafte Gefahr in Sawahiris Einmischung. Denn die radikalen, militanten Islamisten, die im Nahen Osten schon in den 1970er Jahren versucht hatten, die weltlichen Regime zu stürzen, sind keineswegs verschwunden. Sie haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nur andere, ferner liegende Schlachtfelder gesucht: Afghanistan, Tschetschenien, Irak. Ursprünglich ging es diesen Salafisten aber darum, den sogenannten nahen Feind zu bekämpfen, also die»unislamischen Herrscher«von Kairo bis Damaskus. Sawahiri selbst begann seine Terrorkarriere vor fast vierzig Jahren als Anführer einer Gruppe, die in Ägypten einen Staatsstreich gegen den damaligen Präsidenten Anwar al-sadat plante. Nach Sadats Ermordung 1981 unterdrückten die Geheimdienstapparate in der ganzen Region die Islamistenbewegung ebenso brutal wie erfolgreich, auch und gerade in Syrien. Zwischen 1979 und 1982 tobte ein blutiger Konflikt zwischen Islamistengruppen und dem Baath-Regime. Er endete erst, als Hafis al- Assad die sunnitische Stadt Hama mit Granaten beschießen ließ und wahrscheinlich mehrere Zehntausend Menschen tötete. Für Al-Kaida, kurzum, ist die syrische Revolution die Gelegenheit, ihre Wurzeln wiederzubeleben. Wie viele Alt- und Neufundamentalisten dem Sammlungsaufruf folgen, weiß noch niemand. Im Irak immerhin waren es Tausende. Der dortige Al-Kaida-Ableger (»Der Islamische Staat Irak«) schreibt jetzt auf seiner Internetseite:»Viele Syrer haben Seite an Seite mit dem Islamischen Staat Irak gekämpft. Es ist gut zu hören, dass irakische Kämpfer nun in Syrien ankommen, um dort mit ihren Brüdern zu kämpfen.«auch die jordanischen Muslimbrüder rufen Dschihadisten in der ganzen Welt auf, nach Syrien zu strömen, um die Regierung Assad zu stürzen. Es sei gut möglich, vermuten amerikanische Geheimdienstler, dass die jüngsten Bombenanschläge in Aleppo und Damaskus von Al- Kaida-Zellen verübt worden sind. Belege dafür gibt es nicht. Aber die Möglichkeit ist plausibel. Die New York Times berichtet detailreich, dass im Nordwesten des Iraks ein schwunghafter Handel mit Raketenwerfern, Granaten, Gewehren angelaufen sei. Dasselbe Kriegsmaterial, das einst von Syrien in den Irak geschickt worden sei, werde nun retour versandt. Das ist nur logisch. Ob Amerikaner oder Assad aus Sicht islamischer Fundamentalisten sind beides illegitime Besatzer muslimischer Länder. Anders als im Irak freilich gibt es in Syrien eine Mehrheitsopposition, die Hilfe aus dem Westen, sogar von der Nato, nur zu gern in Anspruch nähme und sich deshalb gegen eine dschihadistische Vereinnahmung wehrt (siehe Seite 3). Doch da eben diese Hilfe nicht in Aussicht ist, steht zu befürchten, dass sich der Konflikt innerhalb des Syrien-Konflikts verstärkt. Eine islamistische Infektion des syrischen Aufstands jedenfalls hat begonnen.

5 POLITIK KAMPF UM SYRIEN 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 5 Desertierte Soldaten (l.), die Stadt Homs unter Feuer von Assads Truppen Fotos: Reuters (l.); Local Coordination Committees/picture-alliance/dpa Die Helfer des Mörders Der Chinese zögert, der Russe hebt den Arm: Wie es im Sicherheitsrat zum Veto gegen die Syrien-Resolution kam VON MATTHIAS NASS New York Es gibt diese Tage, an denen sich Politik verdichtet. An denen widersprüchliche Interessen zur Entscheidung drängen. Manchmal geht es an solchen Tagen, buchstäblich, um Leben und Tod. Der 4. Februar 2012 war ein solcher Tag. An diesem Tag stimmte der UN-Sicherheitsrat über Syrien ab nach elf Monaten mörderischer Gewalt. Russland und China legten ihr Veto ein gegen eine Verurteilung des Assad-Regimes und erteilten ihm damit, wie der Vize-Außenminister Katars sagte, die»lizenz zum Töten«. Wie kam es dazu? Die Chronologie eines Scheiterns. Drei Stunden lang haben sie miteinander gerungen, sieben Botschafter, in einem engen, fensterlosen Raum im Kellergeschoss des UN-Gebäudes in New York. Meeting Room GA-TSC-14 ähnelt eher einer Verhörzelle der New Yorker Polizei als einem Verhandlungsort hoher Diplomaten. Die Mitarbeiter warten draußen, hängen herum in der German Lounge mit ihren ehedem modernen braunen Sesseln; die Bundesregierung hat sie den Vereinten Nationen in den siebziger Jahren geschenkt. Es ist Donnerstag, der 2. Februar. Um Uhr Ortszeit verlassen die Vertreter der USA, Russlands, Chinas, Frankreichs, Großbritanniens, Deutschlands und Marokkos mit versteinerter Miene den Raum. Draußen warten mindestens 100 Journalisten, mehr als 20 TV-Sender haben ihre Kameras aufgebaut.»wir hatten eine nützliche Diskussion«: Auf diese Sprachregelung haben sich die sieben verständigt. Sie scheinen doch geschafft zu haben, was dem gesamten Sicherheitsrat mit seinen insgesamt 15 Mitgliedern zuvor nicht gelungen war. Jetzt müssen sie die Resolution ihren Regierungen zur Entscheidung vorlegen,»ad referendum«, wie es in der Sprache der Diplomaten heißt. Es ist hoch hergegangen hinter der Tür von Raum GA-TSC-14, der während der jahrelangen Renovierungsarbeiten am Hauptsitz der UN wie alle Räumlichkeiten des Sicherheitsrats ins Kellergeschoss der Generalversammlung verlegt worden ist. Witali Tschurkin, der Russe, hat getobt, wollte die Verhandlungen abbrechen. Li Baodong, der Chinese, saß meist schweigend dabei. Die Russen wollen Assad verurteilen aber genauso auch die Opposition Europa, die USA, Marokko, als einziges arabisches Land im Sicherheitsrat: Sie wollen die Resolution zu Syrien jetzt; sie wollen den Krieg des Assad-Regimes gegen das eigene Volk unzweideutig verurteilen und in Damaskus einen politischen Übergangsprozess in Gang setzen. Genau das möchten die Russen verhindern. Sie wollen die Schuld an der Eskalation der Gewalt zu gleichen Teilen Assad und der Opposition anlasten; und um keinen Preis wollen sie eine Resolution akzeptieren, die als Ermutigung zum Regimewechsel verstanden werden könnte. Wie bei allen Konflikten hat es seine Zeit gebraucht, bis die Weltgemeinschaft reagiert. Erste Vorstöße der Europäer, Syrien vor den Sicherheitsrat zu bringen, scheitern im Juni und Juli 2011 am hartnäckigen Widerstand nicht nur Russlands und Chinas, sondern auch der Schwellenländer Brasilien, Indien und Südafrika. Ein Grund dafür ist Libyen. Die Nato, so heißt es, sei über das Mandat der Vereinten Nationen hinausgegangen, habe es für ihr eigentliches Ziel, den Sturz Gaddafis und einen Regimewechsel in Tripolis, missbraucht. Darum gehe es dem Westen auch in Damaskus. Im September unternehmen die Europäer einen neuen Vorstoß. Sie wollen Sanktionen gegen Assad verhängen. Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind in dieser Phase die treibenden Kräfte. Warum engagiert sich Deutschland, als nichtständiges Mitglied für zwei Jahre in den Sicherheitsrat gewählt, so stark im Fall von Syrien? Neben den humanitären Zielen gibt es dafür auch politische Gründe.»Für die Deutschen war es eine Gelegenheit, die moralische Autorität zurückzugewinnen, die sie in Libyen verloren hatten«, sagt Richard Gowan vom Center on International Cooperation der New York University. Auch die Franzosen und die Briten wollen»den Showdown«im Sicherheitsrat, sagt Colum Lynch von der Washington Post, dessen Blog Turtle Bay bei den Diplomaten in New York Pflichtlektüre ist. Die Regierung Obama dagegen sei zu dieser Zeit»nicht auf Kampf aus gewesen«. Die Amerikaner versuchen gerade, ihre Beziehungen zu Moskau zu verbessern. Und sie wollen Russland nicht mutwillig in ein Veto treiben. Ein zerstrittener Sicherheitsrat, fürchtet US- Botschafterin Susan Rice, werde Assad nur stärken. Die Hoffnung der Europäer, die Russen an Bord holen zu können, hält sie für naiv. Am 4. Oktober stimmt der Sicherheitsrat erstmals über Syrien ab. Russland und China votieren mit Nein, Brasilien, Indien und Südafrika enthalten sich. Die Europäer sind mit ihrem ersten Anlauf gescheitert. Doch etwas Erstaunliches geschieht. Im Protest gegen Assad wird die Arabische Liga zur Wortführerin. Der Arabische Frühling hat diese Versammlung von Autokraten verändert. Am 2. November suspendiert sie die Mitgliedschaft Syriens. Am 19. Dezember schickt sie eine Beobachtermission nach Damaskus, die jedoch kläglich scheitert. Es ist nicht allein der demokratische Umbruch in Ländern wie Tunesien, Libyen und Ägypten, der die Arabische Liga in die Konfrontation mit Assad treibt. Die Feindschaft zum Iran bestimmt das Handeln der Golfstaaten mindestens so sehr wie das Leiden ihrer sunnitischen Glaubensbrüder in Syrien. Stürzt Assad, dann verlieren die Mullahs in Teheran ihren wichtigsten Verbündeten. In einer Suite reden Clinton und Lawrow miteinander, ergebnislos Am 31. Januar kommen Nabil al-arabi, der Generalsekretär der Arabischen Liga, und Katars Ministerpräsident Scheich Al-Thani in den Sicherheitsrat. Großer Auftrieb: Amerika, Frankreich und Großbritannien haben ihre Außenminister geschickt. Der arabische Fernsehsender Al-Dschasira sendet fünf Stunden lang live. Dramatisch beschwört al-arabi den Sicherheitsrat:»Lassen Sie das syrische Volk nicht im Stich!«Die Verhandlungen über eine neue Resolution beginnen am nächsten Tag. Die Russen, und in ihrem Windschatten die Chinesen, leisten erbittert Widerstand. Punkt für Punkt wird der Re so lu tionsent wurf verwässert. Kein Waffenembargo! Keine Handelssanktionen! Kein Sperren von Auslandskonten! Keine Untersuchungskommission! Zurück zum Donnerstag, dem 2. Februar. In New York geht der zweite Verhandlungstag zu Ende. Europäer, Amerikaner und Araber sind mit ihren Zugeständnissen bis an die Grenze des Zumutbaren gegangen. Russlands Botschafter Tschurkin glaubt, sein Widerstand habe sich gelohnt. Der erzielte Kompromiss, so hofft er, werde die Zustimmung seiner Regierung finden. Er soll sich täuschen. Als er mit seinen Kollegen vor die Tür des Konsultationsraums tritt, ist es in Moskau bereits Freitag. An diesem Tag tagt Russlands Nationaler Sicherheitsrat in der Präsidentenresidenz Gorki außerhalb Moskaus. Anwesend: Präsident Dmitri Medwedew und Premier Wladimir Putin, der Verteidigungsminister und die Chefs der Geheimdienste. Außenminister Sergej Lawrow legt dem Gremium den Resolutionsentwurf vor. Die Antwort: Njet! Aber die Russen möchten ein Veto vermeiden. Lawrow, ehemals selbst UN-Botschafter, beherrscht das Spiel auf der diplomatischen Klaviatur meisterhaft. Am Sicherheitsrat vorbei schickt er seiner US- Kollegin Hillary Clinton neun Ergänzungen zum Resolutionsentwurf. Verurteilt werden sollen auch die»attacken bewaffneter Gruppen gegen staatliche Institutionen und Stadtteile«. Der Sicherheitsrat soll sich dem Zeitplan der Arabischen Liga für einen politischen Neubeginn in Syrien nicht anschließen, er soll ihn nur»in Betracht ziehen«. Hillary Clinton ist zu dieser Zeit auf dem Weg zur Münchner Sicherheitskonferenz. Sie ruft Lawrow an: Nicht annehmbar! Inzwischen haben die Amerikaner die Vorschläge Moskaus an die Verbündeten weitergegeben. Auch deren Urteil ist einhellig: Inakzeptabel! Samstag, 4. Februar. Im Konferenzsaal des Bayerischen Hofs in München betreten Hillary Clinton und US-Verteidigungsminister Leon Panetta um neun Uhr die Bühne der Sicherheitskonferenz. Es geht um die Zukunft der Atlantischen Allianz und den Aufstieg Asiens. Syrien ist nur ein Randthema. Nach ihnen spricht Lawrow. Zu Syrien kein Wort. Hinter den Kulissen aber, in einer Suite des Hotels, reden Clinton und Lawrow noch einmal miteinander; auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle drängt seinen russischen Kollegen, die Syrien-Resolution nicht zu blockieren. Doch da ist die Entscheidung längst gefallen. Mancher ahnte das schon Tage vorher. Henry Kissinger hatte auf dem Rückweg von einer Chinareise Zwischenstation in Moskau eingelegt und Premier Putin getroffen. Als eine Gruppe europäischer UN-Botschafter, die sich nach Kis- singers Rückkehr mit ihm treffen wollte, um über sein neues China-Buch zu sprechen, wegen der Zuspitzung im Sicherheitsrat um Verschiebung bittet, sagt der ehemalige US-Außenminister, man solle sich nicht allzu viele Hoffnungen machen. Putin werde der Resolution nicht zustimmen. In München ist es 18 Uhr, als mittags New Yorker Zeit der UN-Sicherheitsrat zusammentritt. Wieder geschieht etwas Ungewöhnliches. Tschurkin bittet darum, die 15 Botschafter sollten erneut ohne Mitarbeiter im Konsultationsraum zusammenkommen. Offenbar will er sich schützen, Moskau hat seine Kompromisslinie ja abgelehnt. Hinter geschlossenen Türen liest Tschurkin die Weisung seiner Regierung vor, jene neun Punkte, die Lawrow tags zuvor Hillary Clinton übermittelt hat. Die Europäer kennen sie bereits. Dann das Erstaunliche: Alle im Raum, mit Ausnahme des Chinesen, lehnen die Änderungsvorschläge aus Moskau ab. Auch die neuen Mächte Brasilien, Indien und Südafrika, die sich bei der Abstimmung im Oktober noch enthalten hatten. In der Nacht hat es im syrischen Homs die bisher schlimmsten Angriffe mit mehr als 200 Toten gegeben. Und dieser 4. Februar ist der 30. Jahrestag des Massakers von Hama, bei dem auf Befehl von Assads Vater wahrscheinlich mehrere Zehntausend Menschen umgebracht wurden. Tschurkin gibt bekannt, Lawrow werde in wenigen Tagen nach Damaskus reisen. Er bittet um Aufschub. Die anderen erklären: Nach dem Massaker können wir nicht mehr abwarten. Tschurkin kämpft nicht länger. Er kennt alle Tricks der Verfahrensordnung, aber er wendet sie nicht an. Russlands Vertreter hat resigniert. Die 15 Botschafter verlassen den Kon sul ta tions raum, machen sich auf den Weg in den großen Saal des Sicherheitsrats mit dem berühmten Hufeisentisch. Auch dieser Saal ist in den Keller der Generalversammlung umgezogen. An Russlands Veto, das wissen alle, ist nicht zu rütteln. Aber was ist mit dem Chinesen? Im Saal des Sicherheitsrats wird er von arabischen Diplomaten bestürmt. Li Baodong entzieht sich dem Drängen. Dann die Frage des Präsidenten.»Wer stimmt mit Ja?«13 Arme schnellen hoch.»mit Nein?«Der Chinese zögert, schaut auf den Russen. Erst als Tschurkin den Arm hebt, folgt ihm Li Baodong zögernd. Die Botschafter treten vor die Kameras. Explanation of vote, die Erklärung des Abstimmungsverhaltens, auch das gehört zum UN-Ritual. Sie sei»angewidert«, schäumt US-Botschafterin Susan Rice.»Eine Schande, die zum Himmel schreit«, empört sich der deutsche Vertreter Peter Wittig. Nur wenige Tage später macht die Arabische Liga erneut Druck. Der Sicherheitsrat, fordert sie, solle Blauhelme nach Syrien entsenden, um die Kämpfenden zu trennen. Bisher haben die Vereinten Nationen Friedenstruppen aber erst dann entsandt, wenn die Kämpfe ruhten. Wie soll es in Syrien dazu kommen? Die Vetomächte haben Assad gegeben, was ihm der Sicherheitsrat hätte entreißen müssen, die»lizenz zum Töten«.

6 6 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 POLITIK Staatenlos Die EU will einen Staat retten, den es gar nicht gibt: Griechenland muss ganz neu aufgebaut werden VON MATTHIAS KRUPA UND MICHAEL THUMANN Foto: Yannis Behrakis/Reuters Athen/Brüssel Größer könnte der Kontrast kaum sein. In Athen: ausgebrannte Ruinen, wütende Demonstranten, Dutzende Verletzte. Ein Land im Ausnahmezustand, eine Gesellschaft, die vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu zerbrechen droht. Zweitausend Kilometer entfernt, in Brüssel: schwarze Limousinen, schwere Aktentaschen, ernste Mienen. Schon wieder ein Treffen der europäischen Finanzminister. Rettungsroutine. Doch es gibt in diesen Tagen keine Routine, in Brüssel genauso wenig wie in Athen. Griechenlands Wirtschaft stürzt ab, um noch mal knapp sieben Prozent im Jahr Die Europäische Union steht vor einer gänzlich neuen Aufgabe. Sparen reicht nicht, schadet bisweilen sogar. Was jetzt zu tun ist, lässt sich nicht mit Milliardenbeträgen bewerkstelligen, auch wenn nun weitere Kredite von mindestens 130 Milliarden Euro lockergemacht werden sollen. Die Aufgabe ist größer. Sie lautet: Staatsaufbau. State building kannte man bislang vor allem aus kriegsversehrten Regionen. Nun geht es um ein EU-Land. Denn der Staat, den man vor der drohenden Pleite bewahren will, er existiert so gar nicht. Das ist die bittere Erkenntnis, fast zwei Jahre, nachdem die EU und der Internationale Währungsfonds (IWF) das erste Hilfspaket für Griechenland geschnürt haben. Griechische Behörden haben viele beschlossene Reformen nicht umgesetzt. Das Land tritt auf der Stelle. Woran liegt das? Was kann die EU tun? Am Syntagma-Platz gegenüber dem griechischen Parlament sind alle Ampeln ausgefallen. Die Demonstranten haben bei den Ausschreitungen am vergangenen Sonntag die grünen Lampen zerstört, so als wollten sie, dass hier im Herzen Athens nichts mehr vorangeht. Die Fußgänger, die die sechsspurige Straße überqueren wollen, sammeln sich an ihrem Rand. Die Menge wird größer, baut Druck auf. Plötzlich betritt einer die Fahrbahn, die Wagen bremsen, die Masse setzt sich in Bewegung. Die Minute der Fußgänger. Bald werden die Fahrer nervös, Motoren heulen auf, die Menschen bleiben stehen, die Autos fahren an. Beide Seiten folgen keiner wohlgeplanten Ampelschaltung, keinem System mehr, sondern nur noch dem starken Druck der anderen Seite. So ungefähr funktioniert derzeit die griechische Politik. Zugespitzt ist das jüngste Spar- und Reformpaket das Ergebnis einer Erpressung der EU- Mitgliedsstaaten, des angedrohten Geldentzugs, der heraufziehenden Pleite. Doch bei jeder Bewegung in Richtung Reformen kommt sofort der Druck von der anderen Seite: Die Interessenverbände klagen ihr Recht ein, die Wählerklientel fordert ein Ende der»von außen diktierten Maßnahmen«, die Gewerkschaften organisieren Streiks. Die Reformen bleiben liegen, bis die EU wieder Druck aufbaut und mit Bankrott droht. Es fehlt die systematisch durchdachte Reform. Was Athen vor ein oder zwei Jahren versprochen hat, wird nicht umgesetzt: die Öffnung geschlossener Berufe, der Abbau kafkaesker Vorschriften, der Umbau von Ministerien, der Verkauf von Staatsbetrieben. Das liegt am griechischen Staat. Griechenland hat Ministerien, die nur äußerlich ihren Pendants in Westeuropa ähneln. Typische breite, mehrstöckige Sechzigerjahrekästen mit zu eng gebauten Vestibülen, in die Jahre gekommenen Aufzügen, endlosen Linoleumkorridoren, von denen links und rechts viele kleine Büros abgehen. So weit die Ähnlichkeit mit den Behörden der meisten EU- Staaten. Doch arbeiten diese Ministerien häufig nicht als Teil einer gut abgestimmten Regierung, sondern eher als abgeschottete Fürstentümer. Der Minister, der Generaldirektor, der Abteilungsleiter alle achten darauf, dass ja nichts von ihrer Macht verlorengeht. Viele sind für vieles zuständig, keiner verzichtet auf Kompetenzen und blockiert lieber alle anderen, als dass er sie vorangehen sieht. Die Minister stimmen sich nicht ab, ebenso wenig die Mitarbeiter verschiedener Ressorts. EU-Reformer in Athen verzweifeln daran. Sie vermissen Zusammenarbeit, eine effiziente Regierungsstruktur. Stefanos Manos ist ein Politiker, der weiß, wie alt dieses Problem ist. Manos wird vom linken Mainstream in Griechenland als»neoliberaler«angefeindet, sein Büro liegt gegenüber der US-Botschaft, dem Hasstempel vieler Demonstrationszüge. Als Umweltminister der konservativen Regierung von Ministerpräsident Mitsotakis erbte Manos Anfang der neunziger Jahre ein verschlepptes Umweltschutzgesetz, dem neun Ministerien zustimmen mussten. Fünf Jahre wanderte der Entwurf über die Schreibtische. In einer Kabinettssitzung rastete Manos aus, zog das Gesetz aus der Tasche und forderte von seinen Kollegen, es sofort zu unterschreiben. Überrumpelt signierten sie, der Premier duldete die Effizienzattacke seines Ministers. Übergreifende Arbeitsgruppen aus mehreren Behörden würden schon existieren, sagt Manos.»Aber die treffen sich nicht, um zu entscheiden.«es gäbe keinerlei Druck. Im Gegenteil, Reformen hätten nur Streit mit Lobbygruppen, anderen Ministern und Wählern zur Folge.»Wer nichts tut, ist auf der sicheren Seite«, sagt Manos. Das verursache zwar große Verluste, aber bestrafe nicht die Verursacher. Das Problem ist viel älter als der 72-jährige Stefanos Manos. Schon der junge griechische Nationalstaat kämpfte im 19. Jahrhundert damit, aus den ererbten Resten osmanischer Administration eine funktionierende Verwaltung zu schaffen. Wenige weitsichtige Führer und europäische Berater hinterließen hier eine Neuerung und da eine Reform. Aber ein wirklich moderner, effizienter Staat entstand nicht. Aus europäischer Sicht deprimiert es am meisten, dass Griechenland just in jenem Moment, als es 1981 der Europäischen Gemeinschaft beitrat, weit zurückfiel. Der damalige sozialistische Premier Andreas Papandreou, Vater des im November zurückgetretenen Giorgios Papandreou, nutzte die Subventionen aus Brüssel für den zügigen Ausbau des Klientel- und Hängemattenstaates. Statt Leistung zählte Loyalität zur Partei, statt Verbesserung die Versorgung mit Posten und Pensionen. Seine Nachfolger haben dieses System nie durchbrochen, der konservative Premier Kostas Karamanlis hat es bis 2009 noch erweitert. Und die EU hat sich dafür fast drei Jahrzehnte lang nicht interessiert. Die europäischen Regierungschefs saßen zwar gemeinsam an einem Tisch. Über die Schulter oder gar in die Bücher schauten sie sich nicht. Diese Zeiten sind unwiderruflich vorbei. So weit wie nun Griechenland hat sich noch kein Mitgliedsstaat der EU entblößen müssen. Was dabei zum Vorschein kam, erscheint auf den ersten Blick paradox: ein Gerippe, das zu viel Fett angesetzt hat. Ein aufgeblähter Apparat ohne Strukturen; eine Regierung mit 19 Ministerien, aber ohne Zentrum. Der Mann, der helfen soll, diesen Staat gleichzeitig schlanker und schlagkräftiger zu machen, sitzt in einem jener schmucklosen Brüsseler Verwaltungsgebäude in Zimmer 00/067. Horst Reichenbach leitet die sogenannte Task Force für Griechenland, eine Gruppe von etwa 40 EU-Beamten, die seit einem halben Jahr in Brüssel und Athen im Einsatz sind. Offiziell sollen sie die griechischen Behörden darin unterstützen, die notwendigen Reformen umzusetzen. Doch auch die Mitarbeiter der Task Force haben die Erfahrung gemacht, dass diese Behörden häufig gar nicht funktionieren. Reichenbach formuliert es zurückhaltend, aber unmissverständlich:»die Griechen sind gut darin, Pläne zu machen. Aber sie sind nicht so gut darin, diese Pläne auch umzusetzen.«bereits im November hat die Task Force aufgeschrieben, was in Griechenland geschehen müsste. Die Liste reicht von der Reform des Steuerwesens über die Straffung der öffentlichen Verwaltung bis hin zu Antikorruptionsmaßnahmen. 15 Mitarbeiter der Task Force arbeiten ständig in Athen. Fast täglich sprechen sie mit den dortigen Ministerien. Hinzu kommen Fachleute, die von den übrigen EU-Mitgliedsstaaten vorübergehend nach Athen geschickt werden. Ein schwedischer Gesundheitsexperte, ein deutscher Verwaltungsfachmann, Steuerbeamte aus Belgien, Österreich, den Niederlanden und sogar aus Bulgarien sind darunter. Manche von ihnen kommen nur für wenige Tage, andere bleiben mehrere Monate, um die griechischen Kollegen zu beraten. Dabei operiert die Task Force auf einem schmalen Grat. Denn auch wenn Griechenland in seinen Entscheidungen längst nicht mehr souverän ist, können die Reformen nur gelingen, wenn die Griechen sie auch selbst betreiben. Reichenbach vermeidet sogar das Wort»helfen«, aus Sorge, es könnte zu paternalistisch klingen. Lieber spricht er von»technischer Unterstützung«. Doch die Wortwahl ändert nichts daran: De facto organisiert die Task Force einen Teil des notwendigen Staatsaufbaus. Dass Griechenland nicht wieder auf die Beine kommen kann, wenn die staatlichen Strukturen fehlen diese Erkenntnis spiegelt sich auch in dem neuen Programm, über das die Finanzminister der 17 Euro-Länder am kommenden Montag entscheiden wollen. Zwar verpflichtet dieses Programm die Griechen zu weiteren Sparmaßnahmen. Die Ausgaben im Gesundheitswesen müssen um mehr als eine Milliarde Euro gekürzt werden; die Mindestlöhne sollen um etwa ein Viertel sinken. Und auch die Militärausgaben, die lange Zeit unangetastet blieben, werden um 300 Millionen Euro gekappt. Doch die meisten der 48 Seiten des Programms beschreiben Strukturreformen. Manches daraus findet sich fast wortgleich in dem Bericht der Task Force. Etwa die Forderung,»stabile Strukturen für die Koordination zwischen den Ministerien zu schaffen«. Mit anderen Worten: Der Wirtschaftsminister soll künftig wissen, was der Arbeitsminister treibt. Und der Ministerpräsident soll persönlich über die Umsetzung der Verwaltungsreformen wachen. Die Griechen müssen ihren Staat neu erbauen, ihre Schulden verringern und die Wirtschaft in Schwung bringen, am besten alles gleichzeitig. Widersprüche sind dabei kaum zu vermeiden. So fordert die EU von den Griechen, die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst bis Ende Zu viele Beamte Anzahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst in Griechenland geplanter Stellenabbau: bis Ende bis Ende Polizisten schützen das Parlament in Athen vor Demonstranten (Bevölkerung insgesamt: 10,8 Mio) 1,08 Millionen Deutschland: Bevölkerung insgesamt: 81,8 Mio. Beschäftigte im öffentlichen Dienst: 4,6 Mio. ZEIT-Grafik/Quelle: Griechische Regierung, OECD, Stat. Bundesamt 2015 um zu reduzieren. Das ist angesichts der grotesk hohen Zahl der Staatsbediensteten (siehe Grafik) zwar verständlich. Doch dieselben Beamten, die nun um ihren Job fürchten, werden gebraucht, um die Verwaltung zu modernisieren. Und als Verbraucher sollen sie auch noch den Konsum ankurbeln. Alles zugleich wird kaum gelingen, weshalb das neueste Reformprogramm nicht das letzte sein wird. Ein Austritt Griechenlands aus dem Euro würde das Problem für den Rest Europas nicht lösen. Auch mit Drachme bliebe Athen in der EU als gefährlich geschwächter Partner, nicht als moderner Staat. Europäer und Griechen werden gemeinsam meistern müssen, was seit Griechenlands Beitritt 1981 überfällig ist.

7 POLITIK 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 7 Neun Neonazi-Morde in sieben Jahren, verübt mit dieser Waffe. Unsere Sicherheitsarchitektur kann nicht bleiben, wie sie ist Ein anderes Kaliber Der Bundestags-Untersuchungsausschuss zu den Neonazi-Morden vereint die Parteien. Aber für wie lange? VON MARIAM LAU Foto (Detail): Polizei/dapd Die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) hat den Bundestag nicht nur schockiert. Sie hat die Stimmung unter den Innenpolitikern verändert. Der NSU- Untersuchungsausschuss ist der erste, den alle Parteien gleichermaßen wollten. Nie zuvor haben CDU und Linke im Reichstag gemeinsam ein Projekt betrieben. Zudem hat keine Fraktion, wie sonst bei Untersuchungsausschüssen üblich, ihre Hardliner geschickt. Nicht Ulla Jelpke und Hans Christian Ströbele steigen für die Linke und die Grünen in den Ring, sondern die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und der Berliner Rechtspolitiker Wolfgang Wieland. Bei beiden kann man davon ausgehen, dass sie nicht einfach nur nachweisen wollen, wie der politische Gegner den Terror begünstigt oder gar gefördert hat. Sie wollen wirklich etwas wissen und Veränderungen in Gang setzen. Sebastian Edathy, Ausschussvorsitzender und Sozialdemokrat, wird aus seiner eigenen Partei mit Skepsis betrachtet. Er zeigt keine Neigung, eventuelle Versäumnisse von SPD-Politikern wie Otto Schily, Sigmar Gabriel oder Frank- Walter Steinmeier kleinzureden. Der SPD-Fraktion sitzt der BND-Untersuchungsausschuss noch in den Knochen, in dessen Verlauf vor allem die Sozialdemokraten eine schlechte Presse bekamen. Das soll sich nicht wiederholen. Für die Union ist Clemens Binninger entsandt worden ein ehemaliger Streifenpolizist mit mittlerer Reife, der sich zum Kommissar weitergebildet hat und für sein Engagement in Sachen Staatsund Verfassungsrecht vom Land Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde. Er hat bei der Polizei in New York einen Auslandsaufenthalt verbracht, bevor er Abgeordneter wurde. Es sind die polizeilichen Fahndungspannen, die ihn als Profi ärgern: die zwei Jahre 2000 bis 2001, als die Behörden in Thüringen und Sachsen dem Neonazitrio wegen anderer Delikte auf den Fersen waren und die Mordserie begann, ohne dass jemand zugriff.»vier Morde in der Zeit, als sie noch richtig gesucht wurden!«, sagt Binninger.»Wer hat da versagt?«einen Riesenkomplex von 19 Jahren im Leben des Zwickauer Trios soll der Untersuchungsausschuss betrachten: von der Radikalisierung Zschäpes, Mundlos und Böhnhardts in den neunziger Jahren bis zur»blackbox«-zeit, den Jahren zwischen 2007 und 2011, in denen scheinbar nichts passierte. CDU-Mann Binninger hat die beinahe zwei Jahrzehnte in vier Phasen eingeteilt. So soll die Arbeit handhabbar werden. Ein Ermittlungsbeauftragter soll gefunden werden; vielleicht ein ehemaliger Verfassungsrichter, der Akten vorsichtet. Sonst ist das Papiergebirge nicht zu bewältigen. Wie steht es um den Rechtsextremismus in Deutschland wirklich? Und was muss sich an unserer Sicherheitsarchitektur ändern, damit sich so etwas wie der NSU-Terror nicht wiederholt? Das, so sagt der SPD-Abgeordnete Edathy, seien letztlich die Ziele des Ausschusses. Er hat für ihn auch den Charakter einer»enquête-kommission, die Handlungsempfehlungen gibt«. Die möchte nur nicht jeder haben. Zu den vielen Problemen, mit denen sich der U-Ausschuss wird herumschlagen müssen, gehört die föderale Behördenkonkurrenz. Dass jetzt zusätzlich eine Bund-Länder-Kommission eingerichtet wurde, die ebenfalls den NSU-Terror untersuchen soll, ist ein Zugeständnis an die Länder, die keine Akten an den Bundestag weiterleiten wollen. Ausdrücklich geweigert hat sich bislang zwar nur der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU), auf den der Ausschuss allerdings auch nicht angewiesen ist, weil die Täter vermutlich nicht in seinem Bundesland operiert haben. Soll die Polizei arbeiten wie ein Geheimdienst? Das will doch keiner Fast alle anderen, vor allem die besonders betroffenen Länder Thüringen, Sachsen und Bayern, haben schnell Kooperationsbereitschaft signalisiert. Aber die Länder wollen nicht, dass am Ende die Verantwortung ausschließlich bei ihnen, ihrer Polizei und ihren Verfassungsschutzämtern landet. Clemens Binninger, der auch im Parlamentarischen Kontrollgremium für die Geheimdienste sitzt, hat den Unionskollegen aus den Ländern signalisiert:»wir haben kein Interesse daran, euch vorzuführen. Aber wir brauchen Akten und Zeugen.«Keiner der amtierenden Innenminister war damals schon in Verantwortung eine gute Voraussetzung für größere Offenheit. Wenn es gar nicht anders geht, kann ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss allerdings auch Amtshilfe einklagen. Der überparteiliche Zusammenhalt der Parlamentarier im U-Ausschuss wird noch einigen Belastungen ausgesetzt werden. So kommt man um die Frage der Kompetenzen des Verfassungsschutzes nicht herum ein Punkt, der auch zwischen den schwarz-gelben Koalitionspartnern umstritten ist.»der Verfassungsschutz soll alles können, aber nichts dürfen so kann man Rechtsextremismus nicht erfolgreich bekämpfen«, findet Binninger. Kooperationsverbote zwischen Bund und Länderbehörden, der Zwang zur Löschung von Daten alles müsse überprüft werden. Aber auch die FDP hat mit Serkan Tören und Hartfrid Wolff zwei Vertreter geschickt, die in Sachen Datenschutz gesprächsbereit sind. Für die Grünen hat Wolfgang Wieland schon Bereitschaft signalisiert, unter bestimmten Bedingungen einer Antiterrordatei zuzustimmen. Eine Abschaffung des Verfassungsschutzes, wie sie von manchen Oppositionpolitikern favorisiert wird, will von den Innenpolitikern im Ausschuss kaum einer.»das würde bedeuten, man müsste der Polizei geheimdienstliche Kompetenzen geben. Das kann niemand ernsthaft wollen«, findet Wolfgang Wieland. Als die Mordserie aufgedeckt wurde, war die Bestürzung in der CDU groß.»die haben gemerkt, dass sie das Thema Rechtsextremismus unterschätzt haben«, glaubt SPD-Mann Edathy. Er erinnert an Anträge aus der CDU-Fraktion, Programme gegen Rechtsextremismus auf null herunterzufahren. Nun fürchten manche Christdemokraten, der Ausschuss werde all das auch zum Thema machen. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion Hans-Peter Uhl (CSU) warnte deshalb früh, der U-Ausschuss dürfe nicht zum»kampfinstrument«werden. Aber auch»linke«erklärungsmuster werden herausgefordert. Edathys Auffassung zum Beispiel, wonach die Konzentration aller Mittel auf den Islamismus nach 2001 schuld sei am Behördenversagen im Fall der NSU, teilen weder Christdemokraten noch Grüne. Der geplante Neonazi-Anschlag von München sei verhindert worden; das Verbot des rechtsextremen Netzwerks Blood & Honour wäre ohne die Zuarbeit des Verfassungsschutzes nicht möglich gewesen. Umgekehrt seien sechs schwere Anschläge von Islamisten verhindert worden, der Aufwand sei also mehr als gerechtfertigt. Einig sind sich die Ausschussmitglieder, die sich lange untereinander kennen und teilweise duzen, auch über eines: Der Ausschuss soll nicht missbraucht werden für die Neuauflage eines NPD-Verbotsverfahrens, auch wenn die Zusammenhänge zwischen Partei und Terror natürlich Thema sein werden. Wenn die Beteiligten bei ihrem Engagement und ihrer Disziplin bleiben, den parteipolitischen Anfechtungen weiter die Stirn bieten, hat der NSU-Untersuchungsausschuss das Zeug zu einer echten parlamentarischen Sensation.

8 8 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 POLITIK Sandra soll es richten Sandras Geschichte (2) Wann entscheidet sich, welchen Weg ein Kind nimmt? Und welche Rolle spielt dabei die Schule? Seit dem vergangenen Sommer begleiten wir die heute elfjährige Sandra und berichten in den kommenden Jahren über ihren Werdegang. Um sie in ihrem Alltag nicht zu stören, haben wir ihren Namen geändert. Auch ihr Gesicht zeigen wir nicht. Die zweite Folge schildert Sandras erstes Halbjahr an ihrer Stadtteilschule in einem Hamburger Problemviertel. Hamburg-Neuwiedenthal Wer in Hamburg mit der S-Bahn bis hinaus nach Neuwiedenthal fährt und dort den Bahnhof auf der richtigen Seite verlässt, der kommt nach ungefähr hundert Metern zu einer vierspurigen Asphaltschneise, der Cuxhavener Straße. Jenseits der»cux«, wie die Anwohner sie nennen, beginnt eine andere Welt. Kleine Straßen winden sich hinauf auf die bewaldeten Anhöhen der Harburger Berge, nach hundert Metern übertönt das Rauschen des Winds den Straßenverkehr. Nach zweihundert Metern kann es passieren, dass ein Reh den Kopf aus dem Wald steckt. Das Mädchen, das hier wieder Sandra heißen soll, wohnt auf der anderen Seite der S-Bahn in einem der vielen dreistöckigen Mietshäuser. Vor einigen Jahren wurden sie frisch gestrichen, rosarot, sonnengelb und himmelblau, wie um ein bisschen Freundlichkeit in die Welt zwischen den grauen Betontürmen der größeren Mietskasernen zu bringen. Im Sommer hat die ZEIT (Nr. 28/11) zum ersten Mal über Sandra berichtet: eine zehnjährige Grundschülerin, Tochter einer alleinerziehenden Mutter und eines dunkelhäutigen US-Amerikaners. Ein Mädchen, dem seine Lehrer damals zutrauten, später einmal das Abitur zu schaffen und den sozialen Aufstieg, der in Stadtteilen wie Neuwiedenthal so wenigen gelingt. Ein Mädchen, das sich nie damit begnügt hat, mittelmäßig zu sein, das zu Hause so viel Unterstützung bekommt, wie Zeit und Geld es zulassen. Wie wird es ihr ergehen? Es ist eine Expedition in einen Teil der Bildungslandschaft, den wenige ZEIT- Leser aus eigener Anschauung kennen, und zugleich ein Ausflug in die Zukunft der deutschen Schulen. Seit auch die CDU vom dreigliedrigen System aus Gymnasium, Real- und Hauptschule abrückt, ist bundesweit ein neues Schulsystem jedenfalls in Umrissen erkennbar. Es wird Gymnasien geben und einen zweiten Schultyp für alle, die dort nicht aufgenommen werden. In Hamburg heißen diese Schulen Stadtteilschulen, auch sie sollen einige ihrer Schüler zum Abitur führen. Seit den Sommerferien gehört Sandra als Fünftklässlerin zur ersten Generation der Stadtteilschüler. Noch etwas ändert sich gerade: Vor drei Jahren hat Deutschland eine UN-Konvention ratifiziert, die verlangt, dass körperlich und geistig behinderte Kinder an Regelschulen unterrichtet werden, wenn ihre Eltern es wollen. Hamburg ist mit der Umsetzung der neuen Rechtslage weiter als andere Bundesländer, weshalb zu Sandras Schulklasse nun fünf Kinder zählen, die im Jargon der Schulbehörden einen»besonderen Förderbedarf«haben. Leben in einem Problemviertel, Migrationshintergrund, eine alleinerziehende Mutter und lernbehinderte Mitschüler das könnten Gründe sein, sich um Sandras Zukunft zu sorgen. Es ist Sandra selbst, die solche Befürchtungen schnell zerstreut. Elf Jahre ist sie nun alt, aber wer mit ihr spricht, muss sich diesen Umstand ständig neu ins Bewusstsein rufen. Das liegt zum einen an ihrer Körpergröße, sie ist über einen Meter fünfzig groß, aber mehr noch an ihrer gradlinigen Art. Würde sie nicht zwischen ihre knappen, klaren Auskünfte gelegentlich glucksend und kichernd vorgetragene Anekdoten mischen, man könnte glauben, sie wollte auf dem Weg zum Erwachsenwerden die Pubertät auslassen.»liegt deutlich über den altersgemäßen Erwartungen«, das haben ihre Fachlehrer in einem Lernentwicklungsbericht 31-mal angekreuzt. Sandra ist Klassensprecherin, gerade hat sie das beste Zeugnis in ihrer Klasse bekommen, nur Einsen und Zweien. Ihr Sportlehrer nennt sie»außerirdisch«. Ein Schüler weint im Klassenzimmer weil er sich vor seinen Eltern fürchtet Auch über Sandras neue Schule, die Stadtteilschule Süderelbe, lässt sich viel Gutes sagen. Das Wichtigste ist: Sandra geht gern hierher. Sie mag ihre Lehrer und hat, wie sie sagt, kein Lieblingsfach, weil alle Fächer ihr Spaß machen. Die Lehrer sind stolz auf die Tradition ihrer Schule, die noch vor einem Jahr eine Gesamtschule war. Aus ihrer Sicht ist die Aufgabe, ganz unterschiedlichen Schülern zugleich gerecht zu werden, die hohe Schule der Pädagogik. An der Gesamtschule wurde sie schon immer gepflegt; nun, da Kinder hinzukommen, die früher die Hauptoder die Realschule besucht hätten, ändert sich für die Lehrer nicht viel. Die Stadtteilschule biete den»kommoderen Weg«zum Abitur, meint Sandras Grundschullehrerin, und so scheint es zu sein. 21 Schüler in einer Klasse, davon können Gymnasiasten nur träumen, und meist kümmern sich zwei Lehrer gleichzeitig um diese kleine Lerngruppe. Die Wochenenden hat Sandra für sich, ohne Hausaufgaben auch dies ein Luxus, den gleichaltrige Schüler der Lernmaschine G 8 kaum kennen. Mobbing und Markenkleidung seien an Sandras Schule keine Themen, versichern Lehrer, und von Eltern hört man es nichts anders. Der Speiseplan im Schulkiosk zeugt von engagierten Eltern, und Sandras Mutter ist geradezu hingerissen vom ersten Auftritt des Chors, in dem ihre Tochter nun singt. In vieler Hinsicht ist dies eine sehr heile Welt. Sie hat ihre Schattenseiten. In der Sprache der Schulbürokratie fällt Sandras neue Schule in die Kategorie KESS 2. Das ist die zweitschlechteste von sechs möglichen Einordnungen und bedeutet»eher stark belastete soziale Lage von Schülerinnen und Schülern«. KESS 2, das kann heißen, dass einer von Sandras Mitschülern einen halben Schulvormittag weinend im Klassenzimmer sitzt, weil er irrtümlich, wie sich später herausstellt fürchtet, wieder bei seinen Eltern leben zu müssen. Dass ein Lehrer glaubt, ein notorischer Störenfried tobe sich draußen auf dem Sportplatz aus, während Sandra der Ansicht ist, der Junge verlasse den Unterricht nur, um draußen zu rauchen. Dass zum ersten Elternabend kaum die Hälfte der Eltern erscheint und ausgerechnet jene fehlen, mit denen die Lehrer dringend hätten sprechen wollen. Und da sind Timm und Erol (die wie alle Kinder in diesem Artikel in Wirklichkeit anders heißen). Timm kennt Sandra noch aus der Grundschule. Er ist ein Nervenbündel auf Beinen, sein unbändiger Bewegungsdrang ist ihm sogar dann anzusehen, wenn er nur steht, wippend und mit den Armen schlackernd. Schon die Aufgabe, Schulbücher aus seiner Tasche zu holen, sei für Timm eine Konzentrationsübung, die er nicht im mer bewältige, erzählt seine Lehrerin. Als sie nach wochenlangen Bemühungen endlich Timms Mutter ans Telefon bekam, hörte sie, dass diese mit einem Anruf schon gerechnet hatte. Ja, Timm nehme neuerdings kein Ritalin mehr. Erol ist ein anderer Fall. Ein heller Kopf, belesen und so charmant, wenn er möchte, dass der Vater eines Mädchens aus der Klasse beim Elternabend schon besorgt Fragen stellte. Meist möchte er nicht. Sandras erste Erfahrung mit Erol war eine Beschimpfung, die ihre Mutter mit»straßenmädchen«übersetzt und die Sandra in Tränen ausbrechen ließ. Erol ist auch in der rauen Welt Neuwiedenthals eine Ausnahmeerscheinung. Er wandert von Schule zu Schule und von Heim zu Heim wie der schwarze Peter beim Kartenspiel; die Stadtteilschule ist seine fünfte Station. Schulpsychologen glauben, er könne längstens zwei Stunden am Tag unterrichtet werden, in Gruppen von maximal zehn Schülern. Seine Lehrerin erfuhr davon, als Erol gemeinsam mit Timm ihre neue Klasse schon eine Woche lang aufgemischt hatte. Bildungsehrgeiz ist selten und kostbar in einem Viertel wie Neuwiedenthal Kinder wie Erol und Timm sind ein Grund dafür, dass es Schulen wie die Stadtteilschule Süderelbe überhaupt gibt. Vor allem in Großstädten, in Gegenden wie Neuwiedenthal, funktionierte das alte dreigliedrige System nicht mehr. Die Hauptschulen waren zu Restschulen verkommen. Dort»ballen sich die sozialen, sprachlichen und ethnischen Probleme derart, dass sie kaum mehr zu beherrschen sind«, hieß es einmal in der ZEIT. Es ist ein Integrationsproblem, das dieser Satz beschreibt, und Kinder wie Sandra sollen es nun lösen. Für ihre Klasse ist Sandra ein Glücksfall. Es gibt»ämter«zu verteilen, aufräumen, die Tafel wischen, den Papierkorb leeren. Sandra sei die Einzige in der Klasse, die das organisieren könne, sagt ihre Lehrerin. Sie schwärmt von einem vorbildlichen Referat, das Sandra zusammen mit einer Mitschülerin hielt und über das die Klasse dann diskutierte. Solche»Zugpferde«seien für ihre Klassen unschätzbar, sagt der Koordinator der Eingangsstufe. Es kommt vor, erzählt Sandra, dass sie Timm während des Unterrichts nach draußen begleite, um ihn nach Konflikten mit Mitschülern oder einem Lehrer zu beruhigen. Man könnte das für ein faires Angebot halten: Als ein Zugpferd ihrer Klasse trägt Sandra dazu bei, dass Kinder wie Erol und Timm eine Zukunft haben dafür kann sie selbst sich bis zum Abitur neun Jahre Zeit lassen, sie ist Teil einer kleinen Lerngemeinschaft, die zumindest in den ersten Jahren meist von zwei Lehrern gleichzeitig betreut wird. Auf den zweiten Blick ist das Angebot nicht mehr ganz so gut. Sandra und ihre Mitschüler verdanken die zweite Lehrerin weder Timm und Erol noch der Einordnung ihrer Schule in die Kategorie KESS 2. Die zweite Leh- Sinnloses Sammelsurium Die Familienpolitik verteilt Geld aber niemand blickt mehr durch, wen sie eigentlich fördern will VON ELISABETH NIEJAHR In den kommenden Wochen fallen in Berlin mehrere Entscheidungen, an denen sich ablesen lässt, wie es die Regierung mit der Generationengerechtigkeit hält. Innenminister Hans-Peter Friedrich, CSU, soll der Bundesregierung ein Demografiekonzept vorlegen. Bis Ostern kommt der Gesetzentwurf zum umstrittenen Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kleinkinder nicht in Kitas betreuen lassen. Außerdem wird bis Ende März über die Eckwerte des Bundeshaushalts für 2013 gerungen. Dann muss das Kabinett über einen Entwurf beschließen und damit auch über die Frage, ob das vor fünf Jahren eingeführte Elterngeld weiter von Jahr zu Jahr teurer werden darf und ob das neue Betreuungsgeld zusätzlich finanziert wird. In dieser Situation hat die Junge Gruppe der CDU-Bundestagsfraktion vorgeschlagen, von Kinderlosen eine neue Zwangsabgabe zu verlangen. Das damit eingenommene Geld soll gespart werden für die Zeit, in der noch weniger Arbeitnehmer Sozialleistungen für Rentner finanzieren müssen. Auch Eltern mit nur einem Kind sollen für diese sogenannte Demografie-Rücklage etwas zahlen, erst ab zwei Kindern soll die Abgabe unterbleiben. Angeblich hat die Bundeskanzlerin die Junge Gruppe bei einem Treffen ermuntert, neue Ideen zum Thema Generationengerechtigkeit zu entwickeln und dafür öffentlich zu streiten. Von der Idee einer neuen Zwangsabgabe hält sie allerdings nichts. Viele Ökonomen und Demografieexperten halten den Ansatz der Jungpolitiker indes für gut. Bloß: Er würde ein Hauptproblem der deutschen Familienpolitik nicht verkleinern, sondern vergrößern: In den vergangenen Jahrzehnten ist ein Sammelsurium an Hilfen und Abgaben für Familien entstanden, das auch Fachleute nicht mehr überblicken. So ist es für ein junges Paar, das über eine Familiengründung nachdenkt, nahezu unmöglich, zu erfahren, wie stark die Unterstützung durch den Staat am Ende ausfallen wird. Es ist zwar umstritten, ob und wie stark sich Geburtenraten durch Geld vom Staat verändern lassen. Sicher ist aber, dass finanzielle Anreize dann am ehesten wirken, wenn es ohne Fachstudium möglich ist, sie zu kennen und zu verstehen. 187 Milliarden Euro gibt der deutsche Staat nach einer Aufstellung der internationalen Wirtschaftsorganisation OECD für Familien aus, mehr als jedes andere der insgesamt dreißig untersuchten Industrieländer. Die Ergebnisse dieser Politik überzeugen nicht: Die Geburtenrate ist niedrig, der Anteil der Kinder in Armut hoch. Viele Mütter in Teilzeit würden nach einer Studie des Familienministeriums gerne mehr arbeiten, scheitern aber an zu wenig Betreuungsangeboten. Der Zwang zu sparen, dem sich die Bundesregierung momentan stellen muss, ließe sich auch als Chance verstehen: Die Koalition könnte entscheiden, wen sie mit ihrer Familienpolitik unterstützen will und wen nicht. Im Moment soll allen irgendwie geholfen werden: Das Elterngeld soll zur schnellen Rückkehr in den Beruf ermuntern, das Betreuungsgeld belohnt das Gegenteil. Der März wäre ein guter Monat, um mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Statt ständig darüber nachzudenken, welche neuen Leistungen man einführen könnte, wäre es möglich, Prioritäten in der Familienpolitik zu setzen. Das Sparen kann dazugehören: Auch Anti- Schulden-Politik ist Kinderpolitik.

9 POLITIK 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 9 Auf der Stadtteilschule gehört die 11-Jährige zu den stärksten Schülern ihrer Klasse. Aber ist das für sie ein Vorteil? VON FRANK DRIESCHNER rerin ist Sonderpädagogin, eingestellt für die behinderten Mitschüler. In einer Parallelklasse, erzählt die Lehrerin, gebe es fünf Kinder wie Timm, aber keinerlei zusätzliche Förderung. Entscheidend jedoch ist, wer das Angebot der Stadtteilschulen annimmt. Das wohlhabende Bürgertum zeigt sich bislang nicht interessiert eher verirrt sich ein Reh nach Neuwiedenthal, als dass ein Kind aus den Villen jenseits der»cux«hier zur Schule ginge. Aber auch die Schülerschaft aus dem Stadtteil zerfällt nun, und Schulleistungen sind dafür nicht der einzige Grund. Aus Sandras ehemaliger Grundschulklasse besuchen zwei Kinder das Gymnasium, weil ihre Lehrer ihnen das zutrauten, und zwei weitere, denen die Lehrer davon strikt abgeraten haben. Naemi ist darunter, die zu Hause mit ihrer Mutter Englisch und die afrikanische Sprache Twi spricht.»i want her to work hard and become someone«, sagt ihre Mutter. Mit ihren Putzjobs finanziert sie nicht nur die Familie, sondern auch einen Nachhilfelehrer. Dann ist da Sandras beste Freundin, die ebenfalls keine Gymnasialempfehlung hatte und nun eine private Stadtteilschule besucht. Ihre Eltern betreiben ein kleines Lebensmittelgeschäft; 200 Euro im Monat bezahlen sie für die Schulausbildung. Die Eltern eines weiteren Mitschülers können sich die Privatschule nicht leisten und schicken ihr Kind zu einer weiter entfernten Schule in einer weniger belasteten Gegend. Bildungsehrgeiz ist selten und kostbar in einem Viertel wie Neuwiedenthal. Derzeit richtet er sich offensichtlich vor allem darauf, den Besuch der örtlichen Stadtteilschule zu vermeiden. Tritt man einen Schritt zurück, wird ein Muster sichtbar. Die Abschaffung der Gesamtschule hat eine Fluchtwelle an die Gymnasien ausgelöst, mehr als die Hälfte aller Kinder werden dort inzwischen angemeldet. Und je ärmer ein Wohngebiet ist, desto häufiger treffen die Gymnasiallehrer auf Kinder, die an ihren neuen Schulen nicht mithalten können. In Sandras Klasse ist zu spüren, wie wenig die Kinder zu Hause zum Lernen angehalten werden. Wenn die Lehrerin fragt, wer denn für die Mathearbeit geübt habe, kommt es vor, dass nur drei Hände sich heben obwohl ein Test der Klasse kurz zuvor gezeigt hatte, wie wenig sie den Stoff beherrscht. Es ging um einfache Grundbegriffe der Geometrie. Sandra hatte sich vorbereitet und schrieb eine Zwei. Sieht man sich aber ihre Arbeit an, stellt man fest, dass auch ihr nicht völlig klar ist, was es bedeutet, zwei Geraden seien parallel. In Englisch ist ihr Stoff für eine Fünftklässlerin anspruchsvoll, der Dialog, dessen Sätze sie in die richtige Reihenfolge bringt, könnte auch eine gleich alte Gymnasiastin beschäftigen. Sandra hat diese Aufgabe zusammen mit anderen weiter fortgeschrittenen Schülern in einem Nebenraum ihrer Klasse bearbeitet, eine ältere Schülerin kontrollierte ihre Lösungen. Und im Fach Deutsch gibt es ein echtes Problem: Die Fantasiewelten der Jugendromane interessieren Sandra nicht und bleiben ihr darum verschlossen. Die Folge:»Sie liest schlecht«, sagt ihre Lehrerin ein bemerkenswertes Urteil über eine Schülerin mit der Deutschnote Zwei. Der Sohn der Lehrerin besucht die gleiche Stufe in einem Gymnasium im wohlhabenden Stadtteil Blankenese. Schon jetzt seien die Leistungsniveaus bei der Klassen nicht vergleichbar, sagt sie. Immerhin habe der elfjährige Timm sich jetzt»das Rauchen abgewöhnt«vielleicht wird Sandra inzwischen auch etwas träge. Zu Beginn des Schuljahrs hatte sie sich noch»mehr Hausaufgaben«gewünscht; inzwischen fügt sie sich wenig begeistert den Anforderungen ihrer Lehrer, die mehr von ihr erwarten als von schwächeren Schülern. Zu Beginn des zweiten Halbjahrs gab es einige Veränderungen. Erol ist nicht mehr da; Sandra hörte, er habe in seinem Heim einem Mädchen die Nase gebrochen und sei in einer geschlossenen Einrichtung in einem anderen Stadtteil untergebracht worden. Demnächst wird er wohl in seiner sechsten Schule angemeldet werden. Es gehe ihm»beschissen«das schrieb er Sandra noch auf Facebook. Timm nimmt inzwischen wieder Ritalin, was ihn ruhiger macht, aber nicht leistungsfähiger. Die Schule bemüht sich, ihn als Schüler mit»besonderem Förderbedarf«anerkannt zu bekommen. Außerdem, erzählt seine Lehrerin, habe Timm sich nach eigenem Bekunden»das Rauchen abgewöhnt«. Und Sandra? Ein Sozialarbeiter der Schule hat sie aufgefordert, ihren Einfluss auf Timm besser zu nutzen. Ihre Deutschlehrerin hat spezielle Leseübungen für sie zusammengestellt. Ihr Klassenlehrer möchte, dass sie die Clique ihrer Freundinnen anhält, sich mehr auf den Unterricht zu konzentrieren. Und er hat Sandra davor gewarnt, ihren guten Noten zu vertrauen. Sie könne mehr erreichen, glaubt er. Siehe auch Chancen Seite Foto: Dennis Williamson für DIE ZEIT Sandra geht nicht aufs Gymnasium, sondern auf eine Stadtteilschule. Sie ist Klassensprecherin und hat das beste Zeugnis. Ihr Sportlehrer nennt sie»außerirdisch«

10 Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 POLITIK Fast wieder Die Krise ist ihr Triumph: Angela Merkel scheint unbesiegbar Volkspartei Aus dem Trümmerhaufen der schwarz-gelben Koalition geht die CDU verblüffend gestärkt hervor VON MATTHIAS GEIS Eigentlich hat die Union alle Elemente für eine veritable Krise beisammen: Sie ist ganz auf eine einzige Führungsfigur fixiert, ihr Programm ist konturlos geworden, und sie regiert in einer schrecklichen Koalition. Das reicht im Grunde für den Niedergang. Doch nun erlebt die Partei ein unerwartetes Hoch. Möglicherweise liegt das an der dominanten Kanzlerin, der programmatischen Unschärfe und dem desolaten schwarz-gelben Bündnis. Was bislang als Nachteil galt, sorgt nun vielleicht für eine Renaissance. Zumindest schlägt derzeit das Pendel für die Union ins Positive. War die 40-Prozent-Marke in den vergangenen Jahren nur noch eine sture Reminiszenz, mit der ratlose Unionspolitiker ihre besseren Tage heraufbeschworen, gibt es nun erste Umfragen, bei denen die magische Zahl in Reichweite gerät. Das ist eine kleine Sensation. Das Umfrageinstitut Forsa ermittelte vergangene Woche 38 Prozent für die Union, bei den anderen Meinungsforschern ist die Partei noch nicht ganz so weit. Aber auch dort zeigt der Trend seit Monaten stetig nach oben. In der CDU nimmt man die Zahlen zurückhaltend erfreut. Auch darin ist die Vorsitzende inzwischen stilbildend. Angela Merkels Coolness in schwierigen Situationen entspricht eben die Nüchternheit, wenn sich das Blatt einmal wieder zum Guten wendet. Allenfalls ein wenig Genugtuung lässt CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe erkennen. Man freue sich über die wachsende Zustimmung und fühle sich bestätigt. Da passt es zur gedämpften Freude, dass führenden CDU-Politikern, die über den Aufwärtstrend nachdenken, zuerst eine eher hydraulische Erklärung einfällt: der Austausch im bürgerlichen Lager. Natürlich korrespondiert das aktuelle Hoch der Union mit dem Sturzflug des liberalen Partners. Der hat im Laufe der Legislaturperiode zehn Prozent an Zustimmung verloren. Gemessen an dieser frei flottierenden»bürgerlichen«klientel, ist der Aufschwung für die Kanzlerpartei in den Umfragen sogar noch recht bescheiden. Im Vergleich zur Bundestagswahl gewinnt die Union derzeit etwa die Hälfte der FDPflüchtigen Wähler hinzu. Die andere Hälfte aber erreicht sie (noch) nicht. Dennoch, wie es der Union gelingt, alle negativen Auswirkungen der Koalition von sich fernzuhalten, das ist schon spektakulär. In den Umfragen schreibt eine überwältigende Mehrheit die Verantwortung für das desolate Regierungsbündnis allein den Liberalen zu. Für die lassen sich derzeit kaum noch statistisch belastbare Prognosen erstellen, die Union aber gewinnt. In ihren Reihen herrscht ohnehin seit dem Herbst 2009 die Überzeugung, dass das historische Bundestagswahlergebnis der Liberalen sich weniger aus originären FDP-Anhängern, sondern aus frustrierten CDU-Sympathisanten erklärt, die»ihre«partei mithilfe einer starken FDP aus der Großen Koalition herausbrechen wollten. Nun also ebnen die Liberalen mit ihrer desaströsen Koalitions-Performance den Rückweg ihrer Wähler zur Union. Doch es gibt gewichtigere Gründe. Dass Deutschland seine ökonomische in eine politische Führungsrolle in Europa verwandelt, ist die gravierendste Veränderung, die Angela Merkels Kanzlerschaft hervorgebracht hat. Das Land trotzt nicht nur einer schier unendlichen Krise, es profitiert von ihr, ökonomisch wie politisch. Das scheint inzwischen auch den Deutschen zu gefallen. Jedenfalls steigt die Popularität der Kanzlerin, die für diese Entwicklung steht. Dass das stur gegen die Krise prosperierende Land inzwischen zu einer Art europäischem Modell- und Ausnahmefall geworden ist, dürfte einer der Gründe sein, warum nicht nur Merkel, sondern nun auch ihre Partei an Vertrauen gewinnt. Merkels aktuelle Stärke spiegelt sich auch darin, dass die Opposition ihr Krisenmanagement zwar harsch kritisiert, doch im entscheidenden Moment verlässlich stützt. Inzwischen rätseln die SPD und ihre Troika öffentlich, wie sie der Kanzlerin im nächsten Wahlkampf beikommen soll. Die Wähler fangen an, der CDU ihre Modernisierung abzunehmen Durch die wachsende Zustimmung verschiebt sich auch die Gemengelage innerhalb der Union. Denn die konservativen Kritiker der Kanzlerin haben seit je die schwachen Wahlergebnisse der letzten Jahre ins Feld geführt, um vor den vermeintlich bedrohlichen Folgen des Modernisierungskurses zu warnen. Doch das Rezept der Konservativen mit traditionellen Positionen zu traditioneller Stärke hat nicht einmal mehr die Kraft eines ungedeckten Versprechens, sollte der Aufwärtstrend für die Union andauern. Ohnehin ist ja nicht so sehr die Existenz der Konservativen in der Partei verwunderlich, sondern ihre Wirkungslosigkeit. Bedenkt man die Kehrtwenden von der Abschaffung der Wehrpflicht über den Atomausstieg bis zur Hinwendung zum Mindestlohn, die Merkel allein in dieser Legislaturperiode vollzogen hat, würde man sich über eine schlagkräftige innerparteiliche Opposition kaum wundern. Und neben den programmatischen Zumutungen musste die Partei ja nicht nur den Machtverlust in Nordrhein- Westfalen und Baden-Württemberg verkraften, sondern auch noch mit Koch, Wulff, Oettinger, Rüttgers, von Beust den Abgang einer ganzen Führungsgeneration. Das Hoch für die Union zeigt an, dass die Wähler beginnen, der Partei den programmatischen und personellen Umbruch abzunehmen. Darauf haben die Vertreter einer pragmatischen, unideologischen, modernisierungswilligen CDU Röttgen, Altmeier, von der Leyen, Gröhe lange gewartet. Nie haben sie eine echte Alternative darin gesehen, ihrer Partei die Zumutungen in der Familien-, Integrations-, Energie- oder Sicherheitspolitik einfach zu ersparen. Dagegen stand purer Realismus. Nur, dass sich die Modernisierung irgendwann auch in wachsender Zustimmung niederschlagen würde, davon waren auch die Reformer nie restlos überzeugt. Selbst sie befürchteten manchmal, mit ihrem Kurs vielleicht doch mehr tradi- tionelle Wähler zu vergraulen als neue hinzuzugewinnen. In diese Wunde legen die Traditionalisten immer wieder den Finger, auch wenn sie praktikable politische Gegenvorschläge zur Politik der Kanzlerin in der Regel schuldig bleiben. Sie artikulieren das Unbehagen an der Modernisierung. Bislang ist diese Klage eng mit dem Misserfolg bei Wahlen verknüpft. Doch wenn Merkels Kurs bei den Wählern wachsenden Zuspruch findet, werden ihre konservativen Gegner weiter an Gewicht verlieren. Die Union unter Merkels Führung taugt nicht mehr zur politischen Kampfgruppe nach dem Modell der alten Hessen-CDU. Sie taugt auch nicht zum Feindbild. Die harten Gegensätze zu SPD und Grünen sind verschwunden. Die Merkel- Union tendiert zum unaufgeregten Konsens. Für ein scharf konturiertes»bürgerliches«programm hingegen in der Energiepolitik, gegenüber Ausländern, bei der inneren Liberalität, selbst in der Steuerpolitik gibt es in der Bundesrepublik kaum mehr Spielraum. Das hat das christ-liberale Experiment eindrucksvoll demonstriert. Doch aus dem schwarz-gelben Trümmerfeld rettet sich allein die Union. Als seriöse, ideologieferne, nach allen Seiten hin anschlussfähige Querschnittspartei kann es ihr gelingen, die zentrale Rolle im bundesdeutschen Parteiensystem zu erobern. Die programmatischen und habituellen Opfer, die dafür nötig waren, hat sie erbracht. Ganz so rosig allerdings wird die Zukunft dann doch nicht werden. Merkels Partei wird vielleicht stark genug sein, um zu regieren, sie wird dabei jedoch auf Partner aus dem rot-grünen Spektrum angewiesen sein. Aber für eine durch und durch pragmatisch gewordene Union hat selbst diese Aussicht ihren Schrecken verloren. Vor nicht einmal einem Jahr, als Angela Merkel die Atomwende vollführte und Baden-Württemberg verloren ging, war nicht abzusehen, wie sie sich davon je wieder erholen sollte. Inzwischen erscheint eine dritte Wiederwahl nicht mehr ausgeschlossen. Selbst eine dritte Koalitionsvariante, nach Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb vielleicht mal Schwarz-Grün, würde man ihr und ihrer Partei inzwischen ohne Weiteres zutrauen. Foto: Oliver Lang/dapd Februar Mittwoch 38 % CDU 27% SPD 13 % GRÜNE 3 % FDP PIRATEN 8 % 7 % LINKE 4 % Sonst. Renaissance aus Trümmern Im Niedergang der FDP findet die CDU fast zur alten Stärke zurück?wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre... ZEIT-Grafik/Quelle: Forsa 30 % CDU 23% SPD 28 % GRÜNE 3 % FDP 9 % LINKE 7 % Sonst April 6 Mittwoch

11 POLITIK 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 11 Ihre korrupte Rektorin wurden sie schon los: Selbstbewusste Schülerinnen in Sanaa»Wir werden dich kriegen!«jemens Revolution ist unvollendet geblieben, denn der Ex-Diktator genießt Straffreiheit. Die Jugend des Landes will das nicht hinnehmen VON CHARLOTTE WIEDEMANN SAUDI- ARABIEN Der Deal Jemen wählt am 21. Februar. Der bisherige Vizepräsident soll Nachfolger von Präsident Ali Salih werden. Nach einem international verabredeten Deal bekam Salih als Gegenleistung für seinen Amtsverzicht umfassende Straffreiheit zugesichert. Die Führungen der Oppositionsparteien willigten ein, zum Unwillen ihrer Basis. Sie bilden mit Salihs Partei jetzt eine»regierung der Versöhnung«, die im Volk wenig Vertrauen genießt. Die treibende Kraft der Veränderung, die Jugendrevolution, blieb außen vor. OMAN Sanaa/Jemen Eine Demonstration von Frauen im Jemen ist wie eine schwarze Wand, aus der sich plötzlich ein Schrei erhebt.»bismillah«, im Namen Gottes! Hoch und hell, wie bei einem dissonanten Mädchenchor, fliegen die Stimmen durch die doppelte Kunststoffgaze der Gesichtsschleier, die Worte so scharf herausgestoßen, als könnten sie noch jenen Mann erreichen, der gerade das Land verlassen hat, im Schutze völliger Immunität: Präsident Ali Abdullah Salih.»Salih«, hebt der schwarze Chor an,»wir schicken dir diese Botschaft: Wir werden dich vor Gericht kriegen! Jugend! Es ist Zeit zum Reinemachen! Das Volk will einen neuen Jemen!«Der Zug setzt sich in Marsch, einige Tausend schwarze Gestalten, zornig und grazil. Vorne eine junge Frau mit Mikrofon, sie trägt Handschuhe, verbirgt sogar ihre Hände. Welch ein seltsamer clash of civilizations: Internationale Diplomatie, gedeckt auch von Europa, hat dem scheidenden jemenitischen Präsidenten eine Straffreiheit verschafft, die pauschal seine 33 Amtsjahre abdeckt, diverse Kriege im Inneren und einige Massaker während der jüngsten Revolution inbegriffen. Und diese bis zur Wimper verschleierten Jemenitinnen, denen der Westen demokratisches Denken (und Emanzipation) erst beibringen möchte, verlangen Recht, Rechenschaft, Strafe. Sanaa, Jemens Hauptstadt, gleicht in diesen Tagen einer Bühne, auf der Szenen von Hoffnung und von Bitterkeit in rasender Folge wechseln. Hoffnung, die Präsidenten-Wahl kommende Woche könne die Tür zu friedlichem Neubeginn öffnen. Bitterkeit, weil dies eine Wahl ohne Wahl ist, mit einem vorab diktierten Sieger, Salihs Vize, dessen Beiname wichtiger ist als sein Name: der Mann, der immer nickte. Er traut sich, Anschläge fürchtend, kaum aus dem Haus. Tage eines Umbruchs ohne Titel; was bricht wohin? Salih ist weg und doch geblieben. Seine Verwandtschaft kontrolliert Militär, Polizei und Staatsschutz, das Militär beherrscht die zivilen Apparate. Abends, wenn Sanaa wegen Strommangels im Dunkeln versinkt, strahlt Salihs gewaltige Präsidentenmoschee einsam durch die Nacht; die Minarette funken rote Lichtsignale, wie zur Warnung. Unter den arabischen Revolutionen ist Jemen das Schmuddelkind. Arm, wild, weit weg, unverständlich. In Sanaa, zwischen den Sandsäcken der letzten Checkpoints und den Einschusslöchern, beginnt man zu begreifen, dass sich Jemens Revolution vor allem durch Tragik auszeichnet. Eine gewaltfreie Jugendbewegung wird bekämpft wie eine Kriegspartei, dann zur Geisel genommen vom abtrünnigen Armee- Flügel, missbraucht für den Machtkampf der alten Eliten, schließlich erstickt von Realpolitik. Und trotzdem weigert sich diese Revolution zu sterben. Ihre Zeltstadt am Universitätsplatz wird größer statt kleiner, dehnt sich aus wie ein übervölkertes Stadtviertel, halb Basar, halb Camp, mit Friseurläden, fliegenden Ständen, Popcorn, Parfümverkäufern. Seit einem Jahr harren viele hier aus, das größte und längste Occupy der Welt. Zur besten Zeit war dies ein Ort der Utopie, des freien Austauschs. Seminare, Foren, Debatten. Nun überwuchert alte patriarchale Kultur die Pflänzchen des Neuen; Stämme und Parteien infiltrieren den Platz, bauen sich VIP-Zelte, mit Ziegeln und gaffenden Männerbünden. Neben Gandhi-Plakaten lungern Soldaten aus den abtrünnigen Einheiten herum, in staubigen braunen Militärmänteln wie Söldner eines vergangenen Jahrhunderts.»Wir wollen auf dem Platz hier heiraten«, sagt der junge Ali Und mittendrin dann doch reinster, unbeeindruckter Idealismus. Ali Hassan Abu Ali, 23, am Arm die Narbe eines Streifschusses, kein Anführer, nicht berühmt. Seine Gruppe heißt Ana Yemeni Ich bin Jemenit. Das ist der Gegenentwurf zur Gesellschaft der Stammesloyalitäten. Seit einem Jahr teilt Ali sein Leben auf zwischen Job und Revolution. Vormittags sitzt er mit gebügeltem Karohemd in der Personalabteilung des Ölministeriums, wo es, wie er sagt, Listen fiktiver Mitarbeiter gibt, deren Gehälter direkt die oberen Chargen kassieren. Nachmittags und nachts lebt er auf dem Platz; das Gruppenzelt aus Plastikplanen und Latten hat eine ordentlich montierte Steckdose, Symbol für die Bereitschaft zum Ausharren.»Ich bleibe hier, bis Salih vor Gericht kommt«, sagt Ali. Auf vier Jahre richtet er sich ein; seine Hochzeit hat er bereits einmal verschoben,»wir werden hier auf dem Platz heiraten«. Ana Yemeni, jeder als Bürger mit gleichen Rechten in einem zivilen Staat, der sich als Nation versteht statt einer Familien-Militär-Herrschaft mit ihrem korrumpierenden Dynastie- Prinzip. Dieser Traum verbindet den Jemeniten Ali Abu Ali mit den jungen Revolutionären in Kairo und Tunis. Doch im Jemen hat dieser Traum die Gräben der fraktionierten Gesellschaft nicht überbrückt. Die Jugend kann nur demonstrativ einen anderen Jemen vorleben, umgeben von den Bildern ihrer Märtyrer. Mehr als tausend Tote gab es, unbewaffnete Demonstranten.»Wenn wir jetzt nach Hause gehen würden«, sagt Ali,»dann ließen wir sie ein zweites Mal sterben.«unvergessen Karama-Freitag, der»freitag der Würde«, der blutige 18. März Die Scharfschützen standen auf dem Dach eines Gebäudes, das Gebet wurde zur Falle, 56 Tote, 320 Verwundete. Viele schwer verkrüppelt, ein kleiner Junge quer durch die Augen blind geschossen. Nach Karama-Freitag war klar: Salih muss gehen. Nun steht Karama-Freitag nur noch für den Schmerz und das Unbegreifliche: Niemand wird zur Verantwortung gezogen. Der Eigentümer des Gebäudes, der sein Haus den Scharfschützen überließ, wurde nach kurzer Haft freigelassen: ein hoher Regierungsbeamter mit militärischem Rang. Die Fenster im ersten Stock sind jetzt eingeschlagen; jemand hat ein Barett des Eigentümers aufgehängt an einem leeren Bilderrahmen. Es baumelt im Wind, wie an einem Galgen. Kann jemand Straffreiheit ertragen, dessen Kind blind geschossen wurde? Immer mehr sind angesteckt von dieser neuen Idee: Ich habe Rechte Niemand hat mehr Leid gesehen als der Chirurg der Revolution, Mohammed al-qubati, 39, der umtriebige und ganz bürgerlich wirkende Leiter des Feldlazaretts. Allein die dort ausgestellten Fotos grauenhafter Kopfverletzungen sind mehr, als unsereins ertragen kann. Und doch ist ausgerechnet dieser Arzt voller Optimismus. Einen Schwarm von Patienten auf Krücken hinter sich herziehend, führt er die beachtliche Professionalität des Lazaretts vor, den OP-Raum, den Röntgen-Raum, die vielen Medikamente, alles gespendet, und irgendwann versteht man: Al-Qubati will uns einen kultivierten Jemen zeigen.»es wird Zeit, dass die internationale Gemeinschaft uns zuhört«, sagt er.»die Jemeniten sind keine Hinterwäldler. Sie lassen ihre Waffen zu Hause und kämpfen für ihre Rechte.«Und dann sagt er noch:»wir haben etwas beizutragen zur Entwicklung der Welt.«Auf der sechsspurigen Ringstraße von Sanaa steht der Verkehr still. Ein Sit-in blockiert die Fahrbahn, das ist die Luftwaffe! Soldaten in blauen Uniformen sitzen, paradieren, salutieren, um den Rücktritt ihres Kommandanten zu erzwingen, ein Halbbruder von Salih. Der Aufstand begann klassisch-dramatisch: Ein Leutnant schleuderte vor versammeltem Offizierskorps seinen Schuh auf den General. Im nächsten Akt wurde schon die Landebahn des Flughafens besetzt. Die Atmosphäre bei den»freien Männern der Luftwaffe«ist bemerkenswert zivil. Jeder trägt eine Klarsichthülle um den Hals, darin der Dienstausweis und eine Karte mit Forderungen. Obenan: Rückzug der Salih-Verwandtschaft von sämtlichen Kommandoposten!»Das jemenitische Militär wurde degradiert zum Bodyguard einer Familie«, erklärt ein Oberst. In der Mittagspause sitzen alle Ränge gemeinsam beim Essen auf dem Straßenpflaster, wie im Pfadfinder-Lager, essen Reis mit Soße vom Packpapier.»Die Revolution der Institutionen«, so nennen die Jemeniten eine Protestwelle, die seit Dezember Hunderte von Einrichtungen erfasst hat, nicht nur in Sanaa. Richter setzen sich auf die Straße für eine unabhängige Justiz. Vor der größten Geburtsklinik des Landes stehen Gynäkologinnen mit Transparenten,»damit die Leiterin uns endlich zuhört«. In Staatsbetrieben, an der Universität, bei der Müllabfuhr begehrt die Basis auf gegen Korruption, Willkür, schlechte Bezahlung. Annan al-mehdar war 34 Jahre lang eine stille Sekretärin in der Iskan-Bank; nun steht sie seit zwei Wochen jeden Tag protestierend vor einem Regierungsgebäude, als Anführerin einer Riege von Kolleginnen, alle bis zum Lid verschleiert. Ihr Chef, dessen Unterschlagungen sie enthüll- ten, hetzte seine Leibwächter auf die Frauen, ließ auf sie schießen. Annan lässt sich ihre Angst nicht anmerken. Das Erstaunlichste aber ist: Sie ist Mitglied von Salihs Partei, er ist für sie eine Vaterfigur. Und wurde doch angesteckt vom Wertewandel, von dieser grassierenden neuen Idee: Ich habe Rechte. Sie ergreift sogar die Jüngsten. Amal und Subaida, beide 12, tragen über ihren weißen Schulkopftüchern ein zartrosa Schriftband:»Wir wollen eine Schulleitung, keine Bande von Banditen!«Unter den 4000 Mädchen ihrer Senan-Hatrom-Schule hat sich ein Sturm gegen die Rektorin erhoben. Sie sei grausam, habgierig, bereichere sich gar am Verkauf der Aufnäher für die Schuluniformen! Amal, Subaida und ihre älteren Mitverschwörerinnen zeigen stolz Prellungen auf Armen und Beinen. Die Polizei hat das Schulgelände gestürmt, die Mädchen filmten die Prügelein mit Handys, brachten dann alles zum»medienzelt«der großen Revolutionäre. Die Rektorin ist nun suspendiert. Konturen eines neuen Jemen. Werden sie halten, dauerhaft sein, wenn nach der Wahl ein nationaler Dialog beginnt? Der Norden, der Süden, die Konfessionen alle müssen ZEIT-Grafik Sanaa Sanaa lernen, einander auf neue Weise zu akzeptieren. Wenn Sanaa nicht föderale Strukturen zulässt, wird der Süden gehen. Ausländische Krisenberater geben sich die Klinke in die Hand, Botschafterrunden tagen in Permanenz, Gelder fließen für Jemen, das Mündel. In hoch bezahlten Analysen bekannte Textbausteine: failed state, Al-Kaida auf dem Vormarsch. Als hätte sich nichts geändert. Wenn Tawakol Karman, eine Anführerin der Freiheitsbewegung und Friedensnobelpreisträgerin, von einer Auslandsreise zurückkehrt, betet sie am Flughafen; für einen Moment sieht es aus, als küsse der Papst die Erde. Eine Geste der Demut und des Stolzes. Ihre Partei, die islamistische Islah-Bewegung, richtet eine Feier für sie aus. Großer Bahnhof mit Nationalhymne, JEMEN JEMEN Blumenmädchen und einer singenden Männergruppe:»Der neue Je- Golf von Aden men wird kommen wie eine schöne Braut.«Die Feier ist ein Meisterstück interner Diplomatie. Islah hat im Bündnis der etablierten Oppositionsparteien die Straffreiheit für Salih abgenickt und ruft zur Wahlbeteiligung auf. Tawakol Karman propagiert den Golf von Aden ZEIT-Grafik 300 km Wahlboykott und will Salih vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen. Doch die Partei zu verlassen wäre unklug; sie lebt ohnehin mit Morddrohungen. Trotzdem verzichtet Jemens berühmteste Tochter auf jeglichen Schutz. Und sie vermittelt jedem, der ihr zuhört, die Gewissheit, den Beginn einer neuen Ära zu erleben.»unsere Revolution ist politisch und sozial«, ruft die 33-Jährige an diesem Mittag in die Halle.»Wir verlangten nicht nur vom Diktator zu gehen, wir verlangen auch von der schlechten Kultur: Geh! Ich sage den Frauen: Hebt stolz eure Köpfe, weicht niemals mehr zurück!«foto: Abdurahman Hussain für DIE ZEIT

12 Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 MEINUNG POLITIK ZEITGEIST Angie liebt Nick JOSEF JOFFE: Warum Merkel Wahlhilfe für Sarkozy liefert aus Eigeninteresse»Le couple franco-allemand«oder, auf Deutsch,»das Tandem«war nie frei von Krächen. Aber die Ehe hält seit fünfzig Jahren seit jenem 22. Januar 1963, als Adenauer und de Gaulle den»freundschaftsvertrag«unterzeichneten. In dieser Zeit sind anderswo Bündnisse und»strategische Partnerschaften«en masse zerfallen, und darin liegt die eigentliche Botschaft: Deutschland und Frankreich brauchen einander wie ein altes Ehepaar, das alle Versuchungen abgeschüttelt und sich im Bewährten eingerichtet hat. Nicht dass Deutschland und Frankreich je ihre Rivalitäten aufgegeben hätten oder dass der eigentlich Schwächere Paris je die Furcht vor seinem unruhigen Nachbarn verloren hätte, dieser unheimlichen Macht, die dreimal in 70 Jahren angegriffen hatte, von 1870 bis De Gaulle hatte den Élysée-Vertrag schon kurz nach der Unterzeichnung mit Rosen und jungen Mädchen verglichen, die blühen und vergehen. Heute gilt: Der Pakt ist eine von den»blumen, die manchmal über Nacht blühen«, wie es in dem Song von Geraldine Olivier heißt. Heute sind Angela Merkel und Nicolas Sarkozy in neuer Liebe zueinander entbrannt, im politischen Sinne, versteht sich. Angie macht unverhohlen Wahlkampf für Nick, der s auch nötig hat, liegt er doch in den Umfragen dezidiert hinter seinem sozialistischen Gegner François Hollande. Ein Novum ist das nicht. Schon 1983 ermahnte François Mitterrand den Bundestag, ja nicht in den Nuklear-Neutralismus abzugleiten, also die Pershings zu stationieren, falls Moskau nicht abrüste. Damit votierte er gegen die SPD und für Helmut Kohl, der dann im Herbst die Wahlen gewann und die Raketen prompt ins Land ließ. Merkel hat ein nicht minder starkes Interesse an der Wiederwahl Sarkozys. Zumindest in seinem Wahlkampf redet Hollande wie ein Altsozialist, der mit höheren Staatsausgaben, Defiziten und mithin Schulden Frankreichs wackelnde Bonität nur noch weiter schwächen würde. Dann wäre Deutschland ganz allein in der Schlacht um Foto: Becker & Bredel/dpa (O. Lafontaine und S. Wagenknecht bei einer Karnevalsveranstaltung, Saarbrücken, ) Der Lärm der Mehrheit Dürfen wir fliegen, wenn andere darunter leiden müssen? VON FRANK DRIESCHNER HEUTE: Hut auf Da sitzen sie, Schulter an Schulter, Kopf an Kopf und schauen verdammt verliebt aus. Napoleon, Verzeihung, Oskar Lafontaine, ist unverkennbar. Aber sie? Sie trägt die Haare offen, ihr Gesicht ist rosig und der Blick so weich, dass man sich verwundert fragt: Ist sie das wirklich? Die Sahra Wagenknecht aus dem politischen Berlin, das wandelnde Rosa-Luxemburg-Zitat, mit hochgestecktem Dutt, mit Rock, mit marxistischen Fastwahrheiten auf der Zunge? Unklar ist ihre Verkleidung. Will sie wirklich Joséphine sein, Napoleons erste Liebe, die er schließlich verlassen hat? Oder doch Marie Louise, Napoleons zweite Braut, die ihn sitzen lässt? Alles Spekulationen. In diesen Tagen ist Karneval, aber bei diesem Paar wirkt es, als hätten sie seine Verkleidung zu Hause gelassen. Manche Menschen müssen erst ein Kostüm anziehen, um nicht verkleidet zu wirken. ABT BERLINER BÜHNE Sturm im Netz Foto: Vera Tammen für DIE ZEIT Josef Joffe ist Herausgeber der ZEIT den Euro, von Portugal bis Griechenland umzingelt von lauter Krisenstaaten. Ein deutscher Horror, wie Bismarcks»Albtraum der Koalitionen«. Auf wen soll sich Merkel denn sonst stützen? Auf Rom und Madrid, auf London und Warschau, die beide nicht in der Euro-Zone sind? Die frische Liebe ruht also auf kalten Interessen, dem stärksten Fundament der Beziehungen zwischen Staaten. Nick braucht Angie, und sie braucht ihn. Wie eigentlich immer in der deutsch-französischen»ehe«, bloß heute mehr denn je. Dass die SPD nun den Pariser Sozialisten helfen will, zeugt von ideologischer Solidarität, aber nicht von Weitsicht. Wenn Hollande als Präsident tatsächlich täte, was er verheißt, würde das nicht dem deutschen Interesse dienen, wer immer hier auch regiert. Die»Troika«scheint das zu wissen, Steinbrück auf jeden Fall. Bliebe nur die Peinlichkeit eines sozialistischen Sieges. Adenauer hatte 1960 gegen Kennedy gewettet, Merkel (ein wenig) gegen Obama. Beide haben eine Zeit lang geschmollt, aber Hollande wird sich das nicht leisten können. Er wäre auf Berlin genauso angewiesen wie Sarkozy. Interessen sind stets stärker als Ideologien. Deshalb hat die Ehe seit fünfzig Jahren gehalten. Es liegt nahe, sich über den Protest der Fluglärmgegner zu ärgern. Man sieht sie vor sich, die jüngste Generation des Wutbürgertums, wie sie sich gerade noch ohne Anflug eines schlechten Gewissens über die Bewohner von Berlin-Reinickendorf oder des Frankfurter Ostends erhoben hat, an Bord irgendwelcher Ferienflieger, um auf den Bahamas oder den Malediven Ruhe und Erholung zu suchen. Und wie sie nun, da sich die Einflugschneisen den eigenen Wohngebieten nähern, die Menschenrechtsverletzungen in der Lärmhölle des Luftverkehrs beklagt, als hätte sie soeben ein neues Umweltproblem entdeckt. Der Ärger über die Protestierer währt aber nur kurz. Die Demokratie kann blind sein gegenüber den Bedürfnissen von Minderheiten, und vielleicht ist es das Verdienst dieser neuen Bewegung, darauf hinzuweisen. Könnte es sein, dass diese Demonstranten ganz einfach recht haben? Dass Clara, die sich bei ihren Hausaufgaben nicht konzentrieren kann, und Giovanna, die immer müde ist, weil die Flugzeuge sie morgens viel zu früh wecken dass ihnen und all den anderen Kindern, die ihre Eltern neuerdings zu Fluglärmdemonstrationen begleiten, wirklich Unrecht geschieht? Ein erstes Indiz ist die Art der Argumente, die den Demonstranten entgegenschallen. Derart ungeniert verweisen Branchenvertreter und Planer auf die wirtschaftlichen Vorteile, den Standortwettbewerb der Städte, die Interessen der Luftfahrt und der heimischen Industrie, dass eine Gegenfrage naheliegt: Seit wann darf man das? Seit wann dürfen Mehrheiten Einzelnen oder Minderheiten um wirtschaftlicher Vorteile willen nahezu beliebige Schäden zufügen? Dies ist, zugegeben, ein grobschlächtiger Einwand. Jeder kann seine Anliegen vor das Verfassungsgericht tragen, wo im Zweifel Grundrechte und Menschenwürde den Ausschlag geben. Und um beliebige Schäden geht es bei genauerer Betrachtung ja nicht, sie sind, im Gegenteil, sorgsam zugemessen. Die gerade noch zulässige Anzahl der»lärmereignisse«pro Nacht, deren Intensität und die Höhe der Gebühren im Fall einer Überschreitung: Was Fluggesellschaften Clara und Giovanna antun dürfen, ist genau geregelt. Es lohnt allerdings, sich klarzumachen, wie es zu diesen Regelungen kam. Nachzulesen ist das in der Urteilssammlung des Bundesverfassungsgerichts, BVerfGE 56, 54, Stichwort Fluglärm. Die erste Überraschung: Die alte, angeblich unentscheidbare Frage nach den Gesundheitsschäden ist längst höchstrichterlich entschieden:»zumindest in Form von Schlafstörungen lassen sich Einwirkungen auf die körperliche Unversehrtheit schwerlich bestreiten.«und wie sind solche»einwirkungen«zu rechtfertigen? An dieser Stelle, das ist die zweite Überraschung, wird die Rechtsfindung kafkaesk. Wie die körperliche Unversehrtheit der Bürger zu schützen sei, hätten»staatliche Organe in eigener Verantwortung zu entscheiden«, urteilte das Verfassungsgericht. Und da die Bundesregierung nicht vollständig untätig geblieben sei, sondern immerhin eine»projektgruppe Lärmbekämpfung«gebildet, Experten angehört und Schallschutzvorschriften erlassen habe, liege der Fall einer evidenten Pflichtverletzung nicht vor womit die Klage zweier Fluglärmopfer als»offensichtlich unbegründet«zurückgewiesen wurde. Das heißt: Was Clara und Giovanna aushalten müssen, gesundheitsgefährdend oder nicht, entscheidet innerhalb sehr weiter Grenzen die Politik. Beruhigend ist das nicht: Im Streit um den Fluglärm steht eine vergleichsweise kleine Zahl von Geschädigten der großen Mehrheit der Nutznießer gegenüber und die Entscheidungen in diesem Interessenkonflikt fallen in einer Sphäre, in der das Mehrheitsprinzip gilt und Kampagnenfähigkeit und Lobbyarbeit so viel wert sind wie gute Argumente. Umso wichtiger ist es, die Argumente der Branche zu prüfen. Angeblich geht es um die Verteidigung unseres Wohlstands. Sollte dann nicht auch der Verlust an Lebensqualität und die, vorsichtig formuliert, eingeschränkte Bewohnbarkeit nicht ganz kleiner Landesteile berücksichtigt werden? Und ist es auch nur ökonomisch sinnvoll, die Gesundheit etlicher Bürger für den Gegenwert von ein paar Schallschutzfenstern zu verkaufen, um sie dann zulasten einer Solidargemeinschaft zu erheblich höheren Kosten halbwegs wiederherzustellen? Entscheidend aber ist eine andere Frage: Was dürfen Mehrheiten Minderheiten zumuten? Versuchen wir es mit einer einfachen Antwort: nichts, was deren Vertreter nicht selbst in Kauf zu nehmen bereit wären. Würde der Fluglärmstreit nach dieser schlichten Regel entschieden, ein allgemeines Nachtflugverbot und großzügige Regelungen zur Entschädigung der Lärmopfer wären längst Gesetz. Wer Tweets sät, wird Shitstorm ernten. Wollen wir das? Lieber nicht Ansgar Heveling hat einen Tweet gesät und einen Shitstorm geerntet. Der Shitstorm ist etwas Wildes, Ungezähmtes, das in diesen Wochen aus den Tiefen des Netzes bricht und dem, der ihn entfesselt, in einer Sekunde Augen und Ohren verschließt und die Haare zu Berge stehen lässt. Wer in einem steht, hält auch besser den Mund. Was in der wirklichen Welt früher Streit, Dissens oder Auseinandersetzung genannt wurde, wird nun durch herzhafte Natürlichkeit ersetzt, mehr oder minder virtuell. Viele haben darauf gewartet, die deutsche Debattenkultur auf diese Weise zu pimpen. Christian Wulff beispielsweise umtost ein solcher Tornado, und zwar ein besonders lang anhaltender, auch wenn Wulff (»Alle Kameras dabei?«) das nicht wahrhaben will. Die Umschlagsgeschwindigkeit ist hoch, und die Anwürfe bleiben weich. Was soll es sonst sein, Aufwind? Ansgar Heveling übrigens ist ein CDU-Bundestagsabgeordneter, der sich vor ein paar Tagen zum Spaß mit der Netzgemeinde anlegte, um mal zu sehen, was so drinsteckt in der Netzgemeinde. Die Berliner Bühne gesteht hier, dass sie während der Eröffnungsparty der Berlinale gleich zweimal auf Heike Makatschs Kleid getreten war. (»Sie stehen schon wieder auf meinem Kleid.«) Andererseits: Warum trug sie so ein unpraktisches Ding? Man hätte gleich etwas Böses twittern können oder noch einmal drauftreten, es hätte mehrere Möglichkeiten gegeben, einen Sturm zu entfesseln. Aber seien wir ehrlich, mit Blick auf Heveling und Wulff: wieso eigentlich? THOMAS E. SCHMIDT DURCHSCHAUEN SIE JEDEN TAG. POLITIK WIRTSCHAFT MEINUNG GESELLSCHAFT KULTUR WISSEN DIGITAL STUDIUM KARRIERE LEBENSART REISEN AUTO SPORT Foto: Ismail Zetouni/Reuters ARABISCHER FRÜHLING Libyens schwerer Weg Vor genau einem Jahr begann der Aufstand gegen Diktator Gaddafi. Heute herrscht Aufbruchstimmung. Doch nicht alles läuft so, wie es sich die Revolutionäre vorgestellt haben. Petra Ramsauer berichtet aus Libyen Foto: ZEIT ONLINE DR. MAX Risiko Klima-Klempner Geo-Ingenieure wollen Vulkan spielen, um den Klimawandel aufzuhalten. Schwefelpartikel, in die Stratosphäre geblasen, sollen das Sonnenlicht reflektieren. Computersimulationen zeigen, wie riskant das ist Foto: John Macdougall/AFP/Getty Images MOBILITÄT Mach s wie Kopenhagen Die dänische Hauptstadt fördert den Fahrradverkehr vorbildlich. Auch in Deutschland sind Fahrradstädte machbar, sagt der Däne Mikael Colville-Andersen. Aber mit Radwegen allein ist es nicht getan Foto: Lothar Heidtmann/dpa GESCHICHTE»Land unter«in Hamburg Vor fünfzig Jahren suchte die schlimmste Sturmflut der jüngsten Geschichte die Nordseeküste heim. In Hamburg versagten die Vorwarnsysteme. 340 Menschen starben. Inzwischen haben die Menschen dazugelernt Anspruchsvoll debattieren Diskutieren Sie mit Redakteuren und Autoren von ZEIT ONLINE auf Google Nutzer sind schon dabei Täglicher Newsletter Erhalten Sie zweimal täglich eine Auswahl der wichtigsten Themen auf ZEIT ONLINE, am Wochenende einmal täglich ZEIT ONLINE auf Facebook Werden Sie einer von über Fans von ZEIT ONLINE auf Facebook und diskutieren Sie aktuelle Themen mit uns auf ZEIT ONLINE twittert Folgen Sie ZEIT ONLINE auf twitter.com, so wie schon mehr als Follower. Sie erhalten ausgewählte Hinweise aus dem Netz auf

13 POLITIK MEINUNG 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 13 IMMER SCHLIMMER Meine Offenbarung Ansichten einer Kulturpessimistin VON SUSANNE GASCHKE DAMALS: Hut ab Da sitzen sie, Kopf an Kopf, und schauen selig: der Vater und sein Sohn, als halte Maria ihr Jesuskind. Der feiste Sohn soll Napoleons Thronfolger werden und die Macht erben, die er mühsam mit Kriegen und Hochzeiten gemehrt hatte. Napoleons Ehefrau Marie Louise von Österreich schaut skeptisch. Ja, sie hat ihm ein Kind geboren, aber sie verabscheut diesen skrupellosen Machtmenschen. Sie war Napoleons zweite, junge Frau, die er wollte, weil sie so gut in sein Machtportfolio passte. Und weil er unbedingt einen Sohn wollte. Die erste verließ er, als die Ehe kinderlos blieb. Nach 14 Jahren ließ er sich scheiden. Seine Scheidung war die erste nach dem Code civil, dem zivilen Gesetzbuch. Napoleon war ein Vorreiter, aber kein Vorbild. Am Ende wird sein Schwiegervater die Waffen gegen ihn führen und der kleine Mann auf einer Insel sterben, verlassen und verbannt. ABT Unsere Angst vor dem Nachbarn Bislang lebte er in Sicherungsverwahrung, nun wohnt Hans-Peter W. bei uns in Hamburg. Was wir tun können VON THIES HAGGE Seit Mitte Januar wohnt Hans-Peter W. bei uns im Hamburger Stadtteil Jenfeld. Fast 30 Jahre war er hinter Gittern, weil er schwere Gewalttaten begangen hat. Erst im Gefängnis, anschließend in Sicherungsverwahrung. Doch dann hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass Menschen nicht unbefristet in Sicherungsverwahrung gehalten werden dürften. Menschen wie W. mussten freigelassen werden. Durch Zufall kam er zu uns nach Hamburg. Zwei weitere entlassene Täter folgten. Ausgesucht hat sich diese Situation keiner der nun Beteiligten, weder der Hamburger Senat noch die Jenfelder Bürger und auch nicht die ehemaligen Sicherungsverwahrten. Jetzt stehen sie sich gegenüber als Vertreter unvereinbarer Ansichten und Interessen, voller Misstrauen, Ratlosigkeit und Angst. Angst davor, dass ein Mann wie W. wieder versuchen könnte, eine Frau zu vergewaltigen oder einem Menschen sehr wehzutun. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes hat nun mit all seinen Konsequenzen eine deutsche Stadt erreicht. Der Senat wurde nicht gefragt, was sie von dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes hielt, sondern musste es einfach umsetzen. Mit sehr hohem Aufwand bemüht man sich seitdem, wirklich nichts falsch zu machen. Mit einem riesigen Personalaufwand an Polizei, privaten Sicherheitskräften und Sozialpädagogen soll alles getan werden, um zu verhindern, dass die ehemaligen Sicherungsverwahrten rückfällig werden. Zudem wählte die Stadt den Weg größtmöglicher Transparenz, um die Bevölkerung Hamburgs und Jenfelds über die Unterbringung zu informieren. Eine eigens dafür engagierte Agentur für Kommunikation half ihr dabei, Schreiben aufzusetzen und Veranstaltungen zu organisieren. Bei einer dieser Veranstaltungen in der Hamburger Bundeswehr-Universität in Jenfeld traten sogar gleich drei Senatoren auf, um zu signalisieren, wie ernst man die Sorgen und Ängste der Einwohner nahm. 300 Einwohner waren da, der Abend endete in einem Fiasko. Eine Teilnehmerin sagte, dass sie ja auch gegen die Unterbringung von ehemals Sicherungsverwahrten in Jenfeld sei, aber sie würde dennoch gern hören, was die Senatoren zu sagen hätten. Sie wurde ausgepfiffen und niedergeschrieen. Mir fiel an diesem Abend nicht nur die Hilflosigkeit der Einwohner auf, sondern auch die der Politiker. Sie hatten das Urteil des Europäischen Gerichtshofes durchzusetzen gegen den erklärten Willen großer Teile der Bevölkerung, die jeden Tag im Stadtteil demonstrieren und Mahnwachen abhalten. Für die Politiker musste sich der Abend anfühlen wie eine Niederlage. Auch die Nachbarn und Anwohner des ehemaligen Seniorenheims, in dem mittlerweile die ehemaligen Sicherheitsverwahrten untergebracht sind, wurden nicht gefragt, was sie von dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes hielten. Plötzlich sind sie mit der Situation THIES HAGGE ist evangelischer Pastor der Friedenskirche in Hamburg-Jenfeld. Er war auch Initiator der Arche, einer Anlaufstelle für benachteiligte Kinder in dem Stadtteil konfrontiert, dass sie Nachbarn von Menschen werden, vor denen sie Angst haben, weil sie wissen, dass es Gründe gegeben hat, diese Männer so lange Zeit wegzusperren. Sie wissen, dass sie nicht freigelassen wurden, weil die Gründe für die Sicherungsverwahrung weggefallen wären, sondern weil ein Gericht ein grundsätzliches Urteil gefällt hat. Die Menschen haben das Gefühl, jetzt ein Risiko tragen zu müssen, für dessen Entstehung sie nicht verantwortlich sind. In Gesprächen mit Jenfelder Bürgern und Mitgliedern meiner Gemeinde habe ich echte existenzielle Angst gespürt, gemischt mit dem Gefühl, sich nicht wehren zu können. Unter denen, die nun regelmäßig protestieren, sind mit Sicherheit auch einige Scharfmacher und Hysteriker. Auch die Lokalpresse hat nicht gerade zu einer Aufklärung beigetragen. Aber die meisten Bürger spüren echte Sorge und ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihren Familien und Nachbarn. Ich kenne diese Menschen aus der Kirche. Es sind keine schlechten Menschen, und ich kann ihre Sorge verstehen. Und die ehemaligen Sicherheitsverwahrten, die unter den Augen der Öffentlichkeit und unter polizeilicher Überwachung leben? Auch sie haben sich das alles nicht ausgesucht. Von meinen regelmäßigen Besuchen in Gefängnissen weiß ich, dass es unter den Häftlingen einige gibt, die sich dort am besten aufgehoben fühlen. Die hinter Mauern erstmals das Gefühl bekommen haben, ein sicheres Leben zu leben. Nicht bedroht durch sich selbst oder andere, zuverlässig daran gehindert, zu Dingen verführt zu werden, von denen sie wissen, dass sie ihnen und anderen schaden. Es gibt Menschen, die im Gefängnis erstmals ein Leben in geordneten Abläufen und damit auch Zufriedenheit erleben. Ob die Männer, die jetzt in unserem Stadtteil leben, lieber in der Sicherheitsverwahrung geblieben wären, weiß ich nicht. Selbst wenn, es hätte ihnen nichts genutzt: Sie mussten in Freiheit gehen. Jetzt führen sie ein Leben, in dem sie rund um die Uhr von mehreren Polizeibeamten verfolgt werden. Sie können sich der Bewachung genauso wenig entziehen wie der Verachtung und der Angst der Öffentlichkeit. Diese Männer wollten eigentlich nicht nach Hamburg- Jenfeld, nachdem sie von den Protesten ihrer zukünftigen Nachbarn gehört hatten. Dass sie in diesem Klima nicht zur Ruhe kommen würden, haben sie befürchtet und das auch bekundet. Ich frage mich, ob es überhaupt einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation geben kann oder ob wir als Gemeinschaft einfach lernen müssen, mit ihr zu leben. Ich glaube, es hilft, zu wissen, dass niemand für diesen Konflikt verantwortlich ist, nicht der Senat, nicht die Anwohner und auch nicht die ehemaligen Sicherheitsverwahrten. Ein Schwarz-Weiß-Denken, Polarisierungen und Schuldzuweisungen bringen uns nicht weiter. Ein an die Politik gerichtetes»ihr da oben macht doch mit uns hier unten sowieso nur was ihr wollt, uns fragt keiner!«oder umgekehrt ein an die Bürger gerichtetes»ihr egoistischen Wutbürger lasst euch doch nur von euren irrationalen Ängsten beherrschen«vergiftet die Stimmung nur weiter. Nicht im Gegen ein ander, nur im Miteinander besteht eine Chance, die Situation zu beruhigen. Aber wie stellt man ein solches Miteinander her? Ich schlage vor, dass zwei oder drei Senatoren gemeinsam mit vier oder fünf Vertretern der Bürgerinitiative die ehemaligen Sicherungsverwahrten besuchen und mit ihnen reden. Die Erkenntnisse aus diesem Gespräch könnten sie der Öffentlichkeit mitteilen. So könnte ein Gefühl des Eingebundenseins entstehen und die empfundene Ohnmacht gelindert werden. Die Gruppe könnte einen unabhängigen und bisher unbeteiligten Moderator oder Mediator hinzuziehen, der gemeinsam mit den Betroffenen Ideen entwickelt, die die Situation für alle Beteiligten erträglicher machen. Ich frage mich, ob die Straßburger Richter und auch die deutschen Gerichte im Blick hatten, was die Freiheit der ehemaligen Sicherungsverwahrten mit der Freiheit von Menschen macht, die mit ihnen zusammenleben müssen. Abgesehen davon, wie es in Jenfeld weitergehen wird, bin ich davon überzeugt, dass sich die Gerichte auch dieser Frage stellen sollten. In ganz Deutschland sind 70 ehemals Sicherungsverwahrte von dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes betroffen. Theoretisch könnten sie alle freikommen, es sei denn, es liegt eine schwere psychische Krankheit vor. Theoretisch ist Hamburg-Jenfeld nur ein Ort in Deutschland, dem viele folgen könnten. Abb. (Detail): A. Menjaud,»Napoléon Ier, Marie-Louise et le roi de Rome«, 1812/ akg; Fotos: N.Sturz (r.); B. Beutner (u.) Herrn Joffe von gegenüber kennen Sie bereits. Nun möchte ich mich Ihnen als neue Kolumnistin vorstellen. Müsste ich die Position Josef Joffes, skandalös verkürzt, zusammenfassen, dann so: Er denkt groß, ist für Israel und versucht meistens, die Amerikaner zu verstehen. Das alles gilt für mich auch, nur in etwas geringerer Intensität. Da aber die Susanne Gaschke Anforderungen an Transparenz im Journalismus größer werden, will ich hier radikal offenlegen, welche Erkenntnisinteressen mich darüber hinaus leiten und wovon ich besessen bin. Erstens: Diese Kolumne unterstützt rücksichtslos meine Lieblingsmarken (ohne Einwilligung der Hersteller), die ich zum Leben brauche: den Champagner Veuve Durand; Rügenwalder Teewurst; Lego; die SPD. Zweitens: Der Kulturpessimismus wird in Deutschland zu Unrecht geächtet. Man kann sehr seriös dafür argumentieren, dass alles den Bach runtergeht. Drittens: Ich habe vor Kurzem einen offenen Brief unterzeichnet, in dem Kolleginnen deutsche Chefredakteure dazu auffordern, mehr Frauen in deutsche Chefredaktionen zu berufen. Es ist also klug von unserer Chefredaktion, mir diese Kolumne zu geben, denn wenn der Quotendruck wächst, kann sie sagen: Immerhin haben wir eine Kolumnistin. Ob sie das rettet, weiß ich allerdings nicht. Viertens: Kiel. Hier wurde ich geboren, hier studierte ich, hier wohne ich. Neulich war der Chefredakteur in Kiel. Er fragte mich, warum ich hier so gern lebe. Wir Kieler sind das Urteil, unsere Stadt sei hässlich, gewöhnt. Wir murmeln dann etwas von Zerstörung im Krieg und Wiederaufbau in einer ungünstigen Architekturphase. Aber eigentlich brauchen wir uns nicht zu verstecken: Deutschland ist das Land der kleineren Großstädte, der Städte wie Kiel eben. Was in Kiel passiert, kann überall passieren. Wenn man Kiel versteht, kann man Deutschland nicht missverstehen. Ziele für Kiel: Wiedereröffnung des Flughafens. Ansiedlung eines Sternerestaurants und einer seriösen Fischbrötchenbude. Sprengung von Teilen der Innenstadt. Keine Sorge: Nächste Woche wird es weniger egomanisch zugehen. Dann schreibe ich über Rocker, falls Christian Wulff nicht noch irgendetwas Neues macht.

14 IN DER ZEIT TITEL Schule: Der Sturm aufs Gymnasium 14 Foto: Sabine Gudath für DIE ZEIT Foto (Ausschnitt): A-way!/Allphoto Foto: Alex Trebus für DIE ZEIT nah Erleiden Sie einen Anfall! Für ihre Recherchen ist die ZEIT-Mitarbeiterin Cosima Schmitt schon nach Delhi und Quito geflogen. Diesmal checkte sie ein, ohne abzuheben: Als eine von 260 Testpassagieren hatte die Berlinerin mit Helm und grüner Weste vergangene Woche den Betrieb auf dem neuen Flughafen Berlin Brandenburg zu simulieren. Man hatte noch etwas auszusetzen: Einige Komparsen gingen am falschen Gate verloren, andere befiel Platzangst in engen Sicherheitsschleusen. Bei der Eröffnung am 3. Juni wird bestimmt alles klappen REISEN SEITE 73»Zu alt, zu dick, zu fremd«auf der Berlinale erhält Meryl Streep den Ehrenbären für ihr Lebenswerk. Demnächst könnte sie für ihre Rolle der Margaret Thatcher ihren dritten Oscar gewinnen. Im Gespräch mit Katja Nicodemus berichtet die Schauspielerin über ihre Ängste und das Durchhalten im Showbusiness FEUILLETON S. 55 Ade, du mein lieb Heimatland VON SEYRAN ATEȘ Die Autorin ist Rechtsanwältin in Berlin und hat sich vor allem für Frauen aus der Türkei eingesetzt. In diesem Beitrag erläutert sie, warum sie ihren türkischen Pass abgibt und nur den deutschen behalten wird GLAUBEN & ZWEIFELN SEITE 68 POLITIK 2 Wulff Der Präsident zerstört sein Amt VON TINA HILDEBRANDT 3 Kampf in Syrien Der Schriftsteller JONATHAN LITTELL berichtet aus der belagerten Stadt Homs Syrien wird zum Schlachtfeld für Glaubenskrieger VON J. BITTNER Warum es zur Blockade im UN-Sicherheitsrat kam VON MATTHIAS NASS 6 Euro-Krise Wie Griechenland zu einem funktionierenden Staat werden soll VON MATTHIAS KRUPA UND MICHAEL THUMANN 7 Neonazimorde Der Bundestag versucht zwanzig Jahre Polizeiversagen aufzuklären VON M. LAU 8 Bildung Wie die Schülerin Sandra sich durch die fünfte Klasse kämpfen muss VON FRANK DRIESCHNER 9 Familienpolitik Finanzielle Anreize funktionieren nur, wenn man sie auch verstehen kann VON ELISABETH NIEJAHR 10 CDU Das unerwartete Hoch VON MATTHIAS GEIS 11 Jemen Der Revolution droht ein tragisches Ende VON CHARLOTTE WIEDEMANN 12 Zeitgeist VON JOSEF JOFFE Fluglärm Wie viele Flugzeuge wollen wir über unseren Häusern ertragen? VON FRANK DRIESCHNER 13 Sicherheit Die Angst vor freigelassenen Straftätern VON T. HAGGE Immer schlimmer VON SUSANNE GASCHKE DOSSIER 15 Libyen Wird es gelingen, Gaddafis Anhänger mit den Revolutionären zu versöhnen? VON WOLFGANG BAUER 18 WOCHENSCHAU Winter Wenn es kalt wird in Nizza VON ANNIKA JOERES Asche Was Ranguns führender Wunderheiler empfiehlt VON ANGELA KÖCKRITZ Preise Was kostet die Welt? Eine Website gibt Antwort GESCHICHTE 19 Rechte Gewalt Neonazis terrorisierten bereits die DDR VON OLIVER REINHARD 20 Exil Europas Musikelite in den USA zum 50. Todestag des Dirigenten Bruno Walter VON VOLKER HAGEDORN WIRTSCHAFT 21 Samsung Der unbekannte Gigant aus Korea VON MARCUS ROHWETTER Leo Kirch Eine Abrechnung 23 Portugal Die Angst vor dem nächsten Euro-Pleitefall VON KARIN FINKENZELLER 24 Griechenland Muss das Land den Euro aufgeben? VON M. SCHIERITZ 25 Schattenwirtschaft Geschäfte am Hauptbahnhof VON A. KUNZE 26 Ökonomie Wie viel Verantwortung tragen Volkswirte für die Krise? VON PETRA PINZLER UND THOMAS FISCHERMANN 27 Krisen Wie Ökonomen sich besser vorbereiten wollen VON THOMAS FISCHERMANN Mahner Warum Volkswirte nicht gehört werden ein Interview mit Ifo-Chef Hans-Werner Sinn 28 GELD SPEZIAL Berlin-Neukölln lockt Investoren VON MARCUS PFEIL 29 Die Risiken der Immobilien- Anlage VON DANIEL SCHÖNWITZ 30 Aktien Die Kurse deutscher Unternehmen steigen zu Recht VON ARNE STORN Geld und Leben 31 Nachhaltigkeit Es geht nicht nur um Ökologie! Eine Entgegnung VON M. MOLDASCHL UND N. STEHR Opel Die Rüsselsheimer stecken in der Strategiefalle VON DIETMAR H. LAMPARTER Ökonom Die These von der Mäßigung VON PHILIP FAIGLE 32 Was bewegt Payback-Gründer Alexander Rittweger? VON GEORG ETSCHEIT WISSEN 33 Hochschule Das Urteil zur Professoren-Besoldung Atommüll Die Asse auszuräumen ist viel aufwendiger als gedacht VON HANS SCHUH 34 Kernkraft Fukushimas Folgen für die US-Debatte VON DIRK ASENDORPF 35 Seuchen Streit um Grippeviren aus dem Labor VON ULRICH BAHNSEN 36 Biologie Hat Darwin doch (nicht) abgeschrieben? VON MATTHIAS GLAUBRECHT Wissenschaft Mathematiker boykottieren den Elsevier-Verlag VON CHRISTOPH DRÖSSER 37 Infografik Die Jahrhundert- Sturmflut von Hamburg Medizin Sind künstliche Linsen sinnvoll? VON JOSEPHINA MAIER 41 KINDERZEIT Karnevalskostüme Wie lebten Prinzessin, Ritter und Cowboy wirklich? VON JUDITH SCHOLTER 42 Kinder- und Jugendbuch LUCHS: Kitty Crowthers»Annie«ist ein großes Bilderbuch-Werk»Mein glückliches Leben«VON UTA BURKHARDT FEUILLETON 53 Besuch Alice Schwarzers Lebenswerk ist in Gefahr VON MORITZ VON USLAR 55 Berlinale Meryl Streep im Gespräch mit Katja Nicodemus Ein Zwischenbericht aus Berlin 56 Pop Zum Tod von Whitney Houston VON THOMAS GROSS 57 Sachbuch D. Dath/B. Kirchner»Der Implex«VON A. CAMMANN 58 Belletristik Steve Sem-Sandberg»Die Elenden von Łódź«VON IJOMA MANGOLD 58 Politisches Buch H.-J. Vogel/ S. Maischberger»Wie wollen wir leben?«von GUNTER HOFMANN K. H. Roth/J.-P. Abraham»Reemtsma auf der Krim«VON VOLKER ULLRICH 59 Belletristik John Banville»Die Unendlichkeiten«VON S. MAYER 60 Diskothek 61 Architektur Wie baut man eine Bank in der Bankenkrise? VON HANNO RAUTERBERG Kino Steven Spielbergs»Die Gefährten«VON JÖRG LAU 62 Kunst Im unfreien Saudi-Arabien regen sich die Künstler VON WERNER BLOCH 63 Kunstmarkt Eine Kirche wird Galerie VON TOBIAS TIMM 64 Mainz Fünf schwarze Darsteller auf der Bühne VON MARTIN EICH 66 Essay Wenn Philosophen Romane lesen VON THOMAS ASSHEUER 67 Hipster Mark Greif, der neue Medienstar VON ADAM SOBOCZYNSKI 68 GLAUBEN & ZWEIFELN Menschenrechte Warum ich meinen türkischen Pass zurückgebe VON SEYRAN ATEŞ REISEN 69 Neuseeland Unterwegs per Postschiff mit dem Briefträger der Marlborough Sounds VON STEFAN NINK 71 Poblet Im Zisterzienserkloster kommen Touristen schweigend zur Ruhe VON W. A. HANISCH 72 Norwegen Beim Eismusikfestival in Geilo VON WOLFGANG GEHRMANN 73 Berlin Brandenburg Als Testpassagier auf dem neuen Flughafen 75 Gondeln Die ungewöhnlichsten Skilifte der Saison VON NADINE OBERHUBER Lesezeichen CHANCEN 81 Gymnasien Deutschlands beliebteste Schulform erfindet sich neu VON MARTIN SPIEWAK 82 Wie drei Gymnasiallehrer den steten Wandel ihrer Schulen erleben 83 Der Bildungshistoriker Heinz- Elmar Tenorth über Vergangenheit und Zukunft des Gymnasiums 85 Beruf Alltag eines Redenschreibers VON CATALINA SCHRÖDER Kompakt Wie geht man mit Angst im Berufsleben um? 102 ZEIT DER LESER RUBRIKEN 2 Worte der Woche 22 Macher und Märkte 39 Stimmt s?/erforscht & erfunden 54 Wörterbericht 57 Gedicht/Wir raten zu 58 Taschenbuch/Impressum 59 Das Letzte/»Klarer denken«101 LESERBRIEFE AUSGABE: FEBRUAR 2012 Die Zukunft: Eine Begegnung mit Heidi Klum in Los Angeles und die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Die Gegenwart: Eveline Hall ist 66 Jahre alt und das erfolgreichste Model Deutschlands jenseits der 40. Ein Gespräch Die Vergangenheit: Der weltberühmte Tenor José Carreras bedauert es, dass er zu selten von seiner Mutter träumt Dionne Bromfield singt Sie ist gerade erst 16 geworden und trägt schon so schwere Erwartungen: Dionne Bromfield singt Soul, der zum Bestseller taugt. Noch dazu ist sie die Patentochter der verstorbenen Amy Winehouse. Kann sie deren Erbe antreten? Eine exklusive Video-Session Die so gekennzeichneten Artikel finden Sie als Audiodatei im»premiumbereich«von ZEIT ONLINE unter Anzeigen in dieser Ausgabe Link-Tipps (Seite 36), Spielpläne (Seite 39), Museen und Galerien (Seite 64), Bildungsangebote und Stellenmarkt (ab Seite 84) Früher informiert! Die aktuellen Themen der ZEIT schon am Mittwoch im ZEIT-Brief, dem kostenlosen Newsletter Foto: Todd Cole Foto: ZEIT ONLINE

15 DOSSIER WOCHENSCHAU Asche: Was Ranguns führender Wunderheiler empfiehlt S. 18 GESCHICHTE Neonazis in der DDR: Es war eine gut organisierte Szene S Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 15 Ein Bewohner von Abu Hadi begutachtet sein Heim. Freiheitskämpfer zerstörten die Häuser des Dorfs, in dem Gaddafi geboren wurde ALGERIEN EUROPA Mittelmeer Tripolis Misrata Syrte LIBYEN ÄGYPTEN Fotos: Theodor Barth für DIE ZEIT/www.theodorbarth.de Der durchlöcherte Frieden ZEIT-Grafik 2000 km Wird es in Libyen gelingen, Gaddafis Anhänger mit den ehemaligen Rebellen zu versöhnen? Eine Reise zu Folterknechten, dem Psychologen der Revolution und dem Mann, der Gaddafi aufstöberte VON WOLFGANG BAUER In der Stadt, die alles besaß und jetzt alles verloren hat, in diesem Ort der Geächteten, in Syrte, kauert Imad Sliman auf dem Fußboden seines Hauses und presst die Hände gegen die Ohren. Von draußen dringt der Lärm schwerer Explosionen. Unter ihm bebt der Boden. Imad beugt sich so weit nach vorn, dass er mit der Stirn fast den Teppich berührt.»ich bin müde«, sagt der 35-Jährige.»Es muss doch mal aufhören!«im Nachbarzimmer schreien seine Kinder. Ein weiteres Mal geht ein heftiger Ruck durch das Haus,»Panzergranate«, sagt Imad. Der Geruch von Sprengstoff tritt durch die Türritzen.»Mörser«, sagt Imad bei einem Dröhnen kurz danach. Es ist Anfang Februar. Gaddafi ist seit drei Monaten tot, seine Armee ist geschlagen, und doch ist für Imad der Krieg nicht vorbei. Der Krieg, sagt er, war für ihn nie schlimmer. Die Zone 2 in Syrte, das Wohnviertel von Imad, in dem er aufwuchs, seine»goldenen Tage«verbrachte, war Gaddafis letzte Bastion. Nach dem Fall der Hauptstadt Tripolis floh der Didaktor in seine Geburtsstadt. Am Ende blieben den Resten der libyschen Armee nur anderthalb Quadratkilometer: die unmittelbare Nachbarschaft von Imad Sliman. Noch immer fahren die Bewohner den Schutt der Zerstörungen an die Strandpromenade, laden ihn ab, nur wenige Meter von Imads Haus entfernt.»ich sage ihnen, macht das nicht, zwei Nachbarn wurden schon verletzt, aber die Leute hören nicht auf mich.«sie stecken den Müll in Brand, bergeweise, das Holz zerborstener Dachbalken, Möbeltrümmer, Isolierwolle, vermischt mit Blindgängern aller Kaliber. Vor Syrte steht jeden Abend eine meterhohe Flammenwand, in der Munitionsreste explodieren. Im Minutentakt splittern Metallschrapnelle in die Häuserzeilen. Ein Schauspiel der Selbstzerstörung, auf das Scharen junger Männer starren, die vor Kurzem noch für Gaddafi kämpften. Sie sitzen auf Plastikstühlen und können den Blick nicht von den Flammen wenden. Die Stadt Syrte war die Bühne für Gaddafis Fantasien Libyen ist nach dem Bürgerkrieg in seine Regionen zerfallen. Sie trennen tiefe Narben, die jetzt zu eitern beginnen. Die schlimmste Wunde im Land ist zwischen den Nachbarstädten Syrte und Misrata gerissen. Im Krieg haben sich die Orte gegenseitig verwüstet.»wir betrachten Syrte vorläufig nicht mehr als Teil von Libyen«, sagt das Mitglied des Nationalen Übergangsrates Suleiman Fortia in Misrata.»Die meisten hassen Misrata«, erklärt Suleiman Ahmed Abu Aboschwische in Syrte.»Sie haben uns alles genommen.«das Verhältnis dieser beiden Städte kann über die Zukunft des Landes entscheiden, über Frieden oder Unversöhnlichkeit. Ob es den neuen Mächtigen gelingt, die Feinde von einst in einem Staat zu vereinen. Oder ob die Revolution des 17. Februar 2011 schon bald zur nächsten führt. Der Gegenrevolution. Das Haus, in dem Imad Sliman geboren wurde, ist heute zur Hälfte verschwunden. Es steht in der ersten Reihe zur Küstenstraße nach Misrata, ganze Räume sind aus ihm gebrochen. In scharfen Zacken hängen Trümmer von Wänden und Zimmerdecken über dem Gebäudestumpf. Imads Familie hat sich tief ins Innere zurückgezogen, wo sich im Erdgeschoss 19 Menschen in den letzten drei intakten Räumen drängen. Dort hat der Grundschullehrer die verrußten Wände mit weißer Farbe bestrichen, er besorgte neue Teppiche. Halbwegs wohnlich ist es nun, wäre da nicht der Brandgeruch. Imad redet schnell, gehetzt, er will erzählen, davon, dass seine Frau unter den Explosionen eine Fehlgeburt erlitt und dass zwei seiner drei Kinder immer noch ins Bett nässen. Der Lehrer führt durch die Ruine, zeigt die Türen, die er mit Sperrholzplatten vernagelt hat, damit die Kinder nicht in den Abgrund fallen. Hilflose Versuche, Schutz zu bieten, wo es keinen Schutz geben kann. Zwei mehrstöckige Nachbarhäuser drohen auf das Gebäude zu kippen. Das Gebilde aus zerschmetterten Wänden hält noch ein einziger Pfeiler.»Was soll ich tun?«, fragt Imad. Ingenieure des Übergangsstadtrates rieten ihm, sofort auszuziehen.»ich war überall, um nach einer Wohnung zu fragen. Nichts, nur Vertröstungen.«Die Hälfte der 1200 Häuser in Zone 2 sind unbewohnbar geworden. Gleichzeitig ist Syrte Zufluchtsort für Flüchtlinge aus ganz Libyen. Sie bevölkern die Stadt und die Dörfer im Vorland, jeden Winkel, Lagerhäuser und Container. Es sind versprengte Unterstützer des alten Regimes und Angehörige von Stämmen, die aus den Vororten von Misrata vertrieben wurden. Weil von hier aus das Stadtgebiet der Aufständischen monatelang beschossen wurde, wird ihnen jetzt kollektiv die Rückkehr verwehrt. Imad steigt hinauf aufs Dach, auf dem noch die Patronen von Gaddafis Scharfschützen liegen. Hoch über Syrte zeigt er das Viertel im weiten Bogen: zerhackt und zerschlagen. Syrte und Misrata. Wie sich die Rollen verkehrt haben. Die Hauptstadt der»vereinigten Staaten von Afrika«hatte Gaddafi aus seinem Geburtsort machen wollen. Syrte, Einwohner, durchzogen von vierspurigen Paradeachsen, ist eine Kollektion an Repräsentationsbauten, die Bühne für Gaddafis Fantasien. Libyens größte Versammlungshalle für 3000 Menschen steht hier, eine gigantische Anlage zur Verköstigung von Staatsgästen, VIP-Hotels, zwei Residenzen des Despoten. Syrte, die Unantastbare. Noch im September ernannte Gaddafi sie zur Hauptstadt Libyens. Mit ihm sah sie nun auch sich selber fallen. In Misrata, der Hochburg der Revolution, herrschen Bürgerbrigaden Misrata hingegen ist Industrie, drittgrößte Stadt Libyens, Einwohner, ebenfalls reich, aber eine Stadt, die sich ihren Wohlstand hart erarbeitete. Das ist das Selbstverständnis der Misrati. Standort eines der wichtigsten Häfen ist Misrata, Sitz vieler alter Kaufmannsfamilien und des einzigen Stahlwerkes des Landes. Bürger leben hier und nicht Beduinen wie in Syrte. Als sich die Bewohner im März 2011 gegen Gaddafi erhoben, kesselte er die Stadt ein und ließ sie mit Panzern und schwerer Artillerie beschießen. Er schickte Scharfschützen auf die Hochhäuser. Viele der Soldaten kamen aus Syrte. Lange sah es so aus, als könne sich die abgeschnittene Stadt nicht halten, doch mit der Nato-Unterstützung änderten sich die Kräfteverhältnisse. Die Misrati schlugen mit ihren Bürgerbrigaden die reguläre Armee zurück. Ihre Milizen jagten die Anhänger Gaddafis durch das Land und stellten ihn schließlich im Oktober in Syrte. Es waren Misrati, die ihn erschossen, Misrati, die seine Leiche tagelang in einem Kühlcontainer zur Schau stellten. Ihre Brigaden sind mittlerweile einer der wichtigsten Machtfaktoren im Staat. Schon heißt es unter Libyern, halb anerkennend, halb eingeschüchtert:»willkommen in der Republik Misrata«.»Ihr foltert!«, sagt Donatella Rovera von Amnesty International ihrem Gegenüber, Mohammed Fortia.»Einzelfälle!«, erwidert er. Die beiden begegnen sich in der Sofalandschaft eines Hotels in Misrata, zufällig.»ihr habt die Einwohner der Vororte vertrieben! Ihr verbrennt ihre Häuser!Was sollen wir denn mit denen machen?«, sagt Fortia, ein Mittsechziger, sanft im Umgangston, der politische Chef einer 3000 Mitglieder starken Miliz. Früher war er Ärztlicher Direktor der Poliklinik.»Die haben unsere Frauen vergewaltigt!«rovera und Fortia kennen sich seit den Tagen der Einkesselung Misratas.»Ihr könnt die doch nicht kollektiv bestrafen«, sagt Rovera entsetzt.»unsere Jungs würden die nachts umbringen«, sagt Fortia. Um Misrata schließt sich ein Ring aus Siedlungen seiner ehemaligen Sklaven. Die Kaufleute der Stadt hatten sie vor Jahrhunderten aus Schwarzafrika hierher verschleppt. Das ist lange her. Doch die gegenseitige Fremdheit ist nie gewichen. Es gibt in der Stadt wie in ganz Libyen einen tief verwurzelten Rassismus.»Würden Sie so reden, wenn man Sie selber vergewaltigt hätte?«, sagt Fortia, aggressiver jetzt. Rovera schnappt nach Luft, und Fortias Telefon klingelt. Seine Miliz meldet ihm die Festnahme eines möglichen Gaddafi-Unterstüt zers.»komm mit«, sagt Fortia, steigt in seinen Audi und fährt los. Mohammed Fortia steuert das Gelände eines Sportvereins an. Hier befindet sich das provisorische Hauptquartier seiner Brigade. Es gibt so viele dieser Brigaden in Misrata, und keiner besitzt Szenen aus Syrte, von links: Imad Sliman, dessen Haus zerstört wurde; Zone 2, in der Gaddafi sich verschanzte; Verbrennung von Müll am Strand, wobei Kampfmittel explodieren; zerstörte Waffen von Gaddafis Armee mehr den Überblick. Die Zahlen schwanken zwischen 125 und 242. Sie tragen die Namen von Raubtieren wie»tiger«und»adler«. Der Krieg ist vorbei, doch trauen sie dem Frieden nicht. Sie wollen sich erst dann entwaffnen lassen, sagt Fortia, wenn es eine stabile neue Regierung gibt. Das Gatter öffnet sich für ihn, Bewaffnete in Zivil grüßen. Der Gefangene ist bereits in der Verhörzelle. Drei Milizionäre schreien ihn an. Vom Hof aus lässt sich das gut beobachten, durch zwei offen stehende Türen. Das Brüllen der Wächter wird lauter, Fortia übersetzt widerwillig. Ein Dröhnen dringt aus der Verhörzelle, ein dumpfes Geräusch wie von einem Schlag. Fortia wendet sich ab, die Milizionäre entdecken ihn, sie schließen die Tür. Fortia läuft zur Teeküche der Brigade, in der ein Milizionär an der Spültheke abwäscht. Sein rechtes Handgelenk ist geschwollen und bandagiert. Wie er sich verletzt hat? Er lächelt, sieht ins Wasch becken.»ich habe neulich vor Wut an die Wand geschlagen.«systematisch stellten sie Gaddafi-Anhängern nach, erklärt Fortia beim Tee. Aus dem ganzen Land brächten sie Verdächtige nach Misrata. Der Mann, den sie jetzt verhörten, sei ihnen beim Auswerten von Videos von Pro- Gaddafi-Demonstrationen aufgefallen.»wenn er nichts gemacht hat, lassen wir ihn wieder laufen.«wenn doch, sperrten sie ihn ein. Eine Gruppe Männer aus Syrte kauert im Hof, sie waren im Minibus nach Tripolis unterwegs. Fortia geht hastig an ihnen vorbei, vier Wärter schreien sie an, die Männer blicken zu Boden. Ein Bewacher geht auf die Festgenommenen zu, die Lederpeitsche lässig über die Schulter geworfen, dann fährt Mohammed Fortia eilig davon. Er wird über diese Nacht nie wieder sprechen. Der Hass des Krieges hat viele Handelswege unterbrochen Am nächsten Tag verkündet die Organisation»Ärzte ohne Grenzen«ihren Rückzug aus Misrata. Sie hat im Zentralgefängnis die Insassen versorgt, wo sie immer wieder Patienten behandelte, die kurz darauf unter der Folter starben. Der Krieg liegt in Misrata nur ein halbes Jahr länger zurück als in Syrte. Aber während es in Syrte nach Asche riecht, nach Brand und Feuer, duftet es in Misratas Innenstadt schon hier und da wieder nach Kaffee und Kebab. Die Läden haben weitgehend geöffnet, überall neue Fenster. Doch sind die Geschäfte leer, die Verkäufer langweilen sich hinter ihren Tresen.»Die Kunden aus Syrte und dem Umland kommen nicht mehr«, klagt ein Händler. Die Geschäftswelt der Stadt ist auf den lokalen Markt zurückgeworfen, der Hass hat die Handelswege unterbrochen. Es sind auf den 240 Kilometern, die die beiden Städte trennen, sieben Kontrollpunkte zu passieren. Die wichtigeren von ihnen sind wuchtig übereinandergestapelte Schiffscontainer, die Tore simulieren. Milizionäre aus Misrata verlangen Ausweispapiere. Wer als Wohnort Gaddafis Heimatstadt eingetragen hat, ist nervös. Viele aus Syrte versuchen die Durchfahrt erst gar nicht. Der Asphalt der Küstenstraße ist eine Chronik der Gewalt. Kreuz und quer ziehen sich die Furchen von Fahrzeugketten. An Stellen, an denen der Belag kreisförmig angeschmolzen ist, hat die Nato Panzer bombardiert. Je näher Syrte kommt, desto schlimmer werden die Zerstörungen. Die Stadtmitte schließlich sieht aus wie ein einziger großer Bombentrichter. Nur wenige Autos fahren von außerhalb hierher. Es scheint, als sei die Belagerung immer noch nicht aufgehoben. Bisher hat kein Regierungsvertreter Syrte besucht, niemand vom Übergangsrat. In der Stadt liegt eine Besatzungstruppe aus Dar- Fortsetzung auf S. 16

16 Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 DOSSIER Links: Zerstörtes Haus in Syrte. Rechts: Billardspieler in Misrata Fortsetzung von S. 15 na, der libyschen Hochburg der Salafisten, die das Gesetz der Scharia durchsetzen wollen. Sie verhaften Betrunkene und Männer, die ihre Frauen betrügen. Dass ihnen die Revolution ausgerechnet die islamischen Extremisten geschickt hat, empfinden die Syrter als besondere Schmach. Es gibt bislang nur wenige zaghafte Versöhnungsversuche. Einer der Ersten, die vermitteln wollen, drei Monate nach Kriegsende, ist der Psychologe Farej Mahdawi, der Gründer einer kleinen Hilfsorganisation. Er sagt:»es ist ein Skandal, wie mit dieser Stadt umgegangen wird.«der Sprecher des Gaddafi-Stammes hat Mahdawis Einladung akzeptiert, doch jetzt schaut er Mahdawi nicht in die Augen, wendet sich ab. Suleiman Ahmed Abu Aboschwische weiß, wen er vor sich hat. Den Feind. Mahdawi gehört zu den Revolutionären der ersten Stunde. Er half in Frontlazaretten, evakuierte Zivilisten und transportierte Lebensmittel an die Feuerlinie.»Wir wollen die Kräfte der Zivilgesellschaft in der Stadt wecken«, sagt Mahdawi ihm. 30 Ärzte und Rechtsanwälte habe er in Syrte bereits um sich geschart. Er wolle nichts, was der andere nicht auch wolle. Das Gesicht von Abu Aboschwische verzieht sich zu einer Grimasse. Abu Aboschwische ist ein großer, hagerer Mann, Ende fünfzig, elegant, er trägt einen schwarzen Mantel. Der Psychologe der Revolution beugt sich zu ihm vor, faltet die Hände.»Wir haben gestern mit dem Militärchef von Misrata gesprochen. Wir haben erreicht, dass sie die Ausrüstung eures Flughafens zurückgeben. In der nächsten Woche schon.ich will das Zeug nicht«, entgegnet Abu Aboschwi sche.»nicht mehr brauchbar.«außerdem, sagt Feraj Mahdawi, habe Misrata zugesagt, etliche der gestohlenen Müllfahrzeuge zurückzugeben.»was ist mit unseren Verwundeten?«, fragt der Gaddafi-Mann. Die Gesundheitsministerin der neuen Regierung weigere sich, verletzte Regimesoldaten zur Behandlung ins Ausland zu schicken wie Zehntausende Kämpfer der Gegenseite auch.»wie kannst du da erwarten, dass wir die Vergangenheit vergessen.«es dauert anderthalb Stunden, bis sich Abu Aboschwische seinem Gegenüber zuwendet. Eine weitere halbe Stunde vergeht, bis er die Hand auf die Schulter von Feraj Mahdawi legt. Als sie danach ohne Begleitschutz durch das Hinterland fahren, ins Geburtsdorf Gaddafis, den Unterschlupf Tausender geflohener Anhänger, bemüht sich Mahdawi, keine Angst zu zeigen.»die hätten uns vor wenigen Wochen noch zusammengeschossen«, murmelt er. Mahdawi lässt sich die Zerstörungen vorführen. Ausgebrannte Häuser, Rußfahnen über allen Fensterhöhlen. Der Psychologe hatte ursprünglich zwei Milizionäre des örtlichen Revolutionsrates um Unterstützung gebeten, aber die haben abgelehnt. Sie seien verhindert. Doch das Experiment, wie er es euphorisch nennt, gelingt. Abu Aboschwische und er beschließen gemeinsame Projekte, etwa die Instandsetzung der örtlichen Telefonzentrale. Oder die Beschaffung neuer Möbel für den Schlafsaal eines Mädchencolleges.»Das Gute ist«, sagt Mahdawi und klopft begeistert auf die Wände der ausgebrannten Polizeistation,»das Haus steht noch.«er zieht aus dem Müllhaufen intakte Polizeischutzschilde und Helme.»Kann man alles wiederverwenden. Man braucht hier nur zwei Mann, die anpacken.«die Menschen müssten sich aus ihrer Erstarrung befreien.»es ist schwierig«, sagt Abu Aboschwische zu den meisten von Mahdawis Ideen.»Es ist nicht unmöglich!«, wirft Mahdawi ein. Da sehen sich beide an, für einen kurzen Moment entspannt, und lachen. Im Fernsehen schauen sich die Menschen Bilder der Toten an In der Hauptstadt Tripolis ist die Revolution mit sich selber beschäftigt. Der Weg zum neuen Staat ist lang. Zunächst muss das Gesetz zur Abhaltung der Wahlen verabschiedet, darauf im Juni das Nationalparlament gewählt werden. Seit Kriegsende diskutieren die Mitglieder des Übergangsrates über die Zusammensetzung. Die Muslimbrüder bevorzugen das Parteiensystem, weil sie als Einzige landesweit vertreten sind. Die Liberalen wollen eine Mehrheit der Religiösen verhindern und tendieren zur Persönlichkeitswahl. Es wird debattiert, ob Libyen in zehn Wahlbezirke aufgeteilt werden soll oder in 22. Misrata streitet mit Bengasi, Sintan mit Tripolis. Das sind unerhörte Freiheiten in einem Land, in dem der Clan der Gaddafis 42 Jahre lang bis ins Detail alles entschied. So viele Probleme, so lange unterdrückt, gibt es in diesem Land. Alle auf einmal drängen sie an die Oberfläche. Die Sieger von Misrata, die den Krieg nie wollten, keine Soldaten waren, nur Studenten, Handwerker und Lehrer, sie können sich schwer an den Frieden gewöhnen. Die Überlebenden sitzen zu Hause vor dem Fernseher und schauen auf die Toten. In einer Endlosschleife zeigt der Lokalsender von Misrata die Bilder der Gefallenen, untermalt mit Trauermusik. Die Überlebenden flanieren nachts in den Straßen und schießen von Zeit zu Zeit mit ihren Gewehren. Einfach so, ziellos in die Dunkelheit hinein. Es gibt Menschen, die Weiterbildungskurse besuchen, kostenlos, eine Art Beschäftigungstherapie. Andere kehren immer wieder in die Garagen ihrer Freiwilligenbrigaden zurück, liegen dort auf Matratzen, die nach Katzenpisse stinken, und lassen die Tage vergehen.»wir rauchen jetzt dreimal so viel wie im Kampf«, sagt einer von ihnen. Sie wollen anknüpfen an ein Leben vor dem Krieg und haben keine Ahnung, wie das geht. Der Kämpfer, den sie in Syrte mehr hassen als alle anderen aus Misrata, der mit einem Handgriff ihre Welt zerstörte, als er Gaddafi aus seinem letzten Versteck zog, ist heute ein gebrochener Mann. Ahmed will aus Angst seinen Nachnamen geheim halten.»ich bin ein Wrack«, sagt der 25-Jährige, klein, zart, mit Zittern in der Stimme.»Es gibt keine Nacht, die ich durchschlafen kann.«alle paar Stunden schrecke er auf.»kämpfer, die nach dem Krieg behaupten, sie seien okay, lügen.«im Gespräch bei ihm zu Hause ringt er mit den Tränen. Der Tiefbauingenieur hat den gesamten Befreiungskrieg mitgemacht, von der Belagerung seiner Heimatstadt bis zur Eroberung der Hauptstadt. Nach sechs Von oben: Der Psychologe Mahdawi (li.) redet mit dem Sprecher des Gaddafi-Clans in Syrte; Freiheitskämpfer in Tripolis; Kampfbrigade im Keller eines Versicherungsgebäudes in Tripolis Monaten lag er vor Syrte und beschoss Gaddafis letzte Bastion mit seiner Panzerfaust.»Wir hatten denen die Chance gegeben, die Stadt zu verlassen, ihnen eine Frist gesetzt, die dann zweimal verlängert.«es treffe sie keine Schuld, dass Syrte so schwer zerstört worden sei. Es schwingt kein Triumph mit, wenn er erzählt, nur Müdigkeit. Die Haut Gaddafis habe sich seltsam angefühlt, als er ihn aus dem Regenwasserrohr zog, ihm ins Gesicht schlug, am letzten Tag des Krieges. So menschlich. Ganz weich. Ahmed hatte als Erster die Gruppe Flüchtender gesehen, wie sie am Ende ihrer Kräfte über eine Wiese liefen, schließlich Schutz suchten in Betonrohren. Zwei Leibwächter will Ahmed auf dem Weg dorthin erschossen haben, einen davon, als der schon das Gewehr weggeworfen hatte.»er hat noch kurz davor auf mich geschossen!«ahmed war der Erste an den beiden Abwasserrohren, sieben Meter lang, 70 Zentimeter hoch, er schoss hinein, sagt er, mit seiner Kalaschnikow, tötete alle in der ersten Röhre, feuerte auch kurz in die zweite, dann ergaben sich die Insassen. Dass es Gaddafi war, erkannte Ahmed erst, als er vor ihm stand, mittlerweile umringt von vielen Menschen.»Ich hatte ihn bis dahin nie gesehen, nur im Fernsehen, er war ja fast wie ein Gott.«Der Tiefbauingenieur riss ihn an den Haaren, ohrfeigte ihn, trat ihn in den Hintern.»Was ist hier los?«, hörte ihn Ahmed murmeln, bevor Gaddafi von anderen weggeführt wurde, Ahmed auf der Wiese zurückblieb. Gaddafi wurde auf dem Weg nach Misrata erschossen, und niemand, klagt Ahmed, habe ihm bis heute gedankt. Die Zeit zwischen Krieg und Frieden sitzt er bei sich zu Hause ab, zunehmend verbittert. Er verdient 300 Dinar im Monat, umgerechnet 180 Euro, das Einheitssalär für Kriegsteilnehmer, ob sie nun für oder gegen Gaddafi waren. Manchmal schlendert Ahmed hinaus auf das Gelände der türkischen Baufirma, seinen Arbeitsplatz. Das Areal ist verlassen, nur ein Wachmann grüßt ihn mit müder Handbewegung.»Angeblich soll neulich der Manager aus Istanbul gekommen sein, um die Lage zu prüfen«, sagt Ahmed, der immer noch nicht weiß, wann es hier weitergeht. Ein paar andere Ingenieure stehen an diesem Morgen vor den verschlossenen Büros der Firma und tauschen Neuigkeiten aus. Ahmed hat einige Wochen lang Wachdienste für seine Brigade übernommen. Ein Waffenlager bewachte er, ein Krankenhaus, 24-Stunden-Schicht, für ein paar Dinar. Er entschied sich, ganz damit aufzuhören.»es ist vorbei«, sagt er.»ich werde in meinem Leben keinen Schuss mehr abfeuern. Ich habe meinen Teil getan.«nach Syrte ist Ahmed nie wieder gefahren. Die Revolutionsführer bekommen Angst vor den eigenen Revolutionären.»Wir müssen sie außer Landes bringen«, sagt Mohammed al- Muntasser in Misrata, einer der reichsten Unternehmer des Landes, Mitglied im Nationalen Übergangsrat.»Egal wie. Wir schicken sie zur Behandlung weg, wir geben ihnen Stipendien.«Für eine Milliarde Dollar hat der libysche Staat seine jungen Männer in den vergangenen Monaten ins Ausland verfrachtet. Manchmal reicht schon ein verrenkter Daumen. Die Krankenhäu-

17 DOSSIER 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 17 Links: Ein Museum bei Syrte, das ausgeraubt und von den Rebellen als Waffenlager genutzt wurde. Rechts: Kinder auf einem Panzer in der Tripolis-Straße in Syrte, hier tobten die heftigsten Kämpfe Fotos (S ): Theodor Barth für DIE ZEIT ser und Rehazentren Europas sind voll von ihnen. Sie wohnen zum Teil in Fünf-Sterne-Herbergen. Das neue Libyen, für das sie kämpften, zahlt ihnen Minibar und Telefonate nach Übersee, dazu noch monatlich 1500 Euro Taschengeld. Die Prämie der Revolution. Libysche Journalisten kritisieren heftig das Milliardengeschenk.»Wir müssen Zeit gewinnen, bis die Wirtschaft läuft«, sagt Al-Muntasser.»Die brennen uns sonst alles unter den Füßen weg.«der Militärrat von Misrata hat die Auflösung von sechs Frei wil li gen briga den erzwungen, weil sie völlig außer Kontrolle geraten waren. Plündernd und prügelnd waren sie durchs Land gezogen. Der Krieg war für die Wirtschaft wie ein Kolbenfresser, nur sehr langsam läuft sie wieder an. Die alten Gesetze gelten nicht mehr, neue sind noch nicht geschaf fen. Ausländische Investoren warten auf die gewählte Regierung und auf klare Rechtsgrundlagen. Die Banken leiden unter Bargeldmangel, je nach Stadt geben sie pro Kunde nur 700 Dinar, 430 Euro, monatlich frei. Firmen bekommen keine Kredite für den Wiederaufbau, die dringend benötigten Gastarbeiter aus Ägypten keine Einreisevisa. Dazu kommen unklare Besitzverhältnisse. Gaddafi hatte 1979 das halbe Land enteignet, Geschäftsleuten einen Großteil ihrer Immobilien genommen. Jetzt fordern sie das Verlorene wieder ein. Doch je länger es dauert, Fabriken und Büros wieder zu öffnen, desto größer wird die Gefahr eines erneuten Umsturzes. In Misrata haben empörte Demonstranten bereits den Wech sel des revolutionären Stadtrates erreicht. Sie blockierten die Zufahrt seiner Büros so lange, bis er in Wahlen einwilligte. In einer Woche ist es so weit, die ersten freien Wahlen in Misrata seit 42 Jahren. Nie gleichen sich Syrte und Misrata so sehr wie im verzweifelten Rausch der Abendstunden. Betrunken wanken junge Männer durch die Straßen, die Pupillen groß wie Artilleriegeschosse. In Syrte treffen sie sich in den wenigen Cafés, die nach den Kämpfen aufmachten, sie sitzen in langen Reihen auf den Bürgersteigen, es riecht nach Marihuana.»Gras!«, ruft einer von ihnen.»gaddafi!«, ruft ein anderer.»er lebt!er wird wiederauferstehen.«während der Jahrestag der Revolution am 17. Februar näher rückt, kommen in Syrte jeden Tag neue Gerüchte auf. Der nach Niger geflohene Gaddafi-Sohn Saadi habe einen Zaubertrank und wolle ihn der Leiche des Vaters injizieren, um ihn zum Leben zu erwecken. Ein Aufstand der Gaddafi-Treuen stehe bevor. Die Kinder rufen es in Syrte fröhlich von den Balkonen.»Allah! Libyen! Muammar!«Jeder zweite Haushalt hat im Kampf für Gaddafi einen oder mehrere Angehörige verloren. Ihr Tod war nicht umsonst, sagen die Trauernden. Ihr Tod hatte einen Sinn.»Bleib im Wagen«, sagt der Übersetzer und geht allein voraus. Er will sicherstellen, dass niemand den Besuch sieht. Dann winkt er ins Haus einer Familie, die bei den Kämpfen in Syrte ihren Jüngsten verlor. Fast alle Männer haben hier auf der Seite Gaddafis gefochten, sie gehören zu seinem Stamm. Haben Regimetreue früher Journalisten festgenommen, möchten sie jetzt mit ihnen reden. Damit ihre Sache nicht vergessen wird. Von oben: Denkmal für gefallene Studenten; Ahmed, der Gaddafi in Syrte überwältigte; Proben eines Schülertheaters zum ersten Jahres tag der Rebellion am 17. Februar in Tripolis Das Gewehr hat Muneer (Name geändert) in der Verschalung der Zimmerdecke versteckt, auch die Porträts Gaddafis, die bis vor Kurzem an den Wänden hingen. Mit 27 Jahren ist er der älteste von fünf Brüdern. Der Teppich, auf den er sich setzt, ist grün, auch die Polstergarnitur, in Libyen die Farbe Gaddafis.»Bei den Kämpfen haben wir in diesem Raum unsere Verletzten behandelt.«zusammen mit den Jungs aus der Nachbarschaft, die meisten jünger als 25, habe er 30 Tage lang die Rebellentruppen am Ortsrand von Syrte aufgehalten, sagt er.»wir haben an etwas geglaubt.«sein Bruder habe sich früh freiwillig gemeldet, er starb bei den Kämpfen in Tripolis. Das berichtete ihm sein Neffe, der kurz darauf in Syrte ebenfalls ums Leben kam. Wo er begraben ist, ob er überhaupt begraben wurde, das wird die Familie vermutlich nie erfahren. Im Fernseher läuft das arabische Programm von Russia TV. Muneer erträgt die Märtyrerbilder der neuen libyschen Fernsehsender nicht. Wie dort aus den Mördern seines Bruders Nationalhelden werden. Die Schmäh gesänge auf Gaddafi. Fernsehen in Libyen ist das Fernsehen der Sieger. Die Familie kam erst vor wenigen Tagen in ihr Haus zurück, noch unsicher und ängstlich. Immer wieder werden ehemalige Gaddafi-Kämpfer in ihren Wohnun gen verhaftet und in die Gefäng nisse von Misrata verschleppt. Muneer wagt sich zwischenzeitlich an seinen Arbeitsplatz, die Personalverwaltung einer Regierungsagentur.»Da habe ich keine Sorge, da sind alle für die Grünen«, die Anhänger des alten Regimes. Kurz nachdem die Rebellen seine Nachbarschaft eingenommen hätten, sei er mit der Familie geflohen. Mehr als einmal hätten die Rebellen gedroht, ihn umzubringen, weil er ein Gaddafi ist. Das steht in seinen Ausweispapieren. Seine Hände waren blutig gerissen, er hatte sich beim Häuserkampf verletzt.»du hast für Gaddafi gekämpft!«, hielten ihm die Wachtposten vor. Doch jedes Mal redete er sich heraus. Der Nachbar zur Linken, erzählt Muneer weiter, verlor den Sohn und floh nach Bengasi. Der zur Rechten, dessen zwei Söhne binnen drei Tagen getötet wurden, ist nach England gegangen. Muneer schaut die ganze Zeit auf den Fernsehmonitor. Der Sender Russia TV hielt Gaddafi bis zum Schluss die Treue. Muneer zeigt auf die Bilder der blutigen Demonstrationen in Kairo.»Die Araber brauchen einen starken Mann«, sagt er.»sieh dir das an. Demokratie ist ein schöner Traum, den wir nie erreichen können.«muneer hat Gaddafi verehrt, er sei eine starke Persönlichkeit gewesen. Sie seien vom selben Blut, sagt Muneer.»Libyen ist ein Land der Wunder. Du wirst hier bald Erstaunliches erleben«in Misrata proben jetzt Kinder in Theatersälen für den ersten Jahrestag der Revolution. Sie singen und tanzen. Entlang der einst schwer umkämpften Tripolis-Straße errichten Bauarbeiter neue Lichtmasten. Auf einer Hauptkreuzung hebt ein Bagger das Fundament für eine 40 Meter hohe Revolutionsfahne aus. Die ersten Gefallenendenkmäler sind gebaut, in den Parks von Schulen und Universitäten, als Erinnerung an getötete Schüler und Studenten. Es werden erste Parteien gegründet und Ansprachen gehalten. Die Redner loben die»glorreiche Revolution«. In Syrte ist nichts von den Feierlichkeiten zu spüren. Die wenigen Menschen, die hier für die Revolution gekämpft haben, bewegen sich nervös durch die Stadt, aus Angst vor Anschlägen und Autobomben.»Ihr Ratten!«, ruft man ihnen zu.»libyen«, sagt der Gaddafi-Getreue Muneer,»ist ein Land der Wunder und Überraschungen. Du wirst hier bald noch Erstaunliches erleben. Pass gut auf dich auf.«er lacht dabei.

18 WOCHENSCHAU 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 18 Nummernboy Beckham Sollen sich die Männer jetzt Unterhosen von David Beckham kaufen? Die Antwort ist Ja. Denn man kann das Haus nicht mehr verlassen, ohne am Straßenrand Beckham zu sehen. Er hat nichts an, nur eine seiner verdammten Hosen. Überall Anzeigen, Plakate und an urbanen Bushaltestellen diese Poster, die alle paar Momente wechseln. Da bewegt sich was, unwillkürlich schaut man hin: Beckham! Fährt man mit den Kindern im Auto durch die Stadt, hört man sie von hinten zählen.»neun!zehn!elf!«sie spielen das Wer-sieht-wie-oft-Beckham-Spiel.»Zwölf!Kuck mal, die dicke Hose!Die ist ausgestopft!die ist nicht ausgestopft.klar ist die ausgestopft.nicht.«frage an den Fahrer:»Ist die etwa ausgestopft?mit Schaumstoff!Bist du sicher?aber hallo!glaub ich nicht.dann frag mich doch nicht.dreizehn! Ich hab dreizehn!«die Küste heizt Was geschieht in einer Gegend, in der es nie kalt ist, wenn es mal nicht ganz so warm ist? Von der Côte d Azur berichtet ANNIKA JOERES Fotos: Mauritius (groß); Angela Koeckritz für DZ (u.l.); privat; Alasdair McLellan/H&M (o.) Schnee auf den Dächern von Nizza und in den Häusern glühen die Drähte Der Festivalpalast in Cannes liegt im Dunkeln, und auch die palmengesäumte Strandpromenade von Nizza knipst ihre Laternen erst abends um neun an: Wenn in Europa Winter herrscht, gehen in Südfrankreich die Lichter aus. An der Côte d Azur und in der Provence erleben die Franzosen die kalten Tage als bedrohlich. Jederzeit könnte die Atomstrom-Versorgung aus dem 200 Kilometer entfernten Rhône-Tal zusammenbrechen. Die vor drei Jahrzehnten verlegte und bis heute einzige Hochspannungsleitung reicht kaum für die vielen Heizungen, die bei Minusgraden laufen. Halb Südfrankreich heizt elektrisch. Wer nach der Arbeit nach Hause kommt, dreht die Heizung hoch, stellt die Waschmaschine an und wärmt eine Quiche im Ofen auf schon kommt das Stromnetz an seine Grenzen: Am Mittwochabend letzter Woche brauchte Frankreich mehr als 100 Gigawatt Leistung, neuer Landesrekord. Deutschland begnügte sich mit der Hälfte. Die Franzosen sind die besten Stromkunden. Wenn es in Europa ein Grad kälter wird, braucht der Kontinent 5 Gigawatt Leistung mehr, Frankreich davon allein 2,5 Gigawatt. Und so bitten digitale Infotafeln in der Stadt Nizza und den umliegenden Dörfern:»Bürger, spart Strom! Zwischen 18 und 20 Uhr keine Wäsche waschen und die Heizung herunterdrehen!«dabei ist von der sibirischen Kälte am Mittelmeer wenig zu spüren. In Nizza sinkt die Temperatur auch in der Nacht nur auf minus zwei bis drei Grad. Tagsüber sind es zehn Grad. Aber die sonnenverwöhnten Südfranzosen finden es kalt. Sie gehen in Pelzmantel und Moonboots zum Strand und bestellen Sauerkraut mit Würstchen als hochkalorisches Tagesgericht. In den Drogerien stapeln sich die Heizlüfter für die kühlen Badezimmer. Eine Zentralheizung hat kaum jemand. Man stöpselt Radiatoren zimmerweise an die Steckdose und lässt die Drähte glühen.»lange Zeit wurden die Franzosen dazu ermuntert, die am wenigsten effiziente Heizform zu wählen«, sagt der Energieexperte Roger Beaufort vom Pariser Bureau Horizons. Weil die Atomkraftwerke jahrzehntelang zu viel Strom produzierten, war der staatliche Konzern EDF froh um jede Elektroheizung.»In öffentliche Gebäude, in Sozialwohnungen und in staatlich geförderte Neubauten wurden systematisch Radiatoren eingebaut«, sagt er. In den letzten Jahren habe sich der Trend noch verstärkt: Mussten alte Zentralheizungen renoviert werden, schreckten viele Eigentümer vor den hohen Kosten zurück und schraubten für wenige Hundert Euro Radiatoren an die Wand. Auch jetzt sind die kleinen weißen Geräte, halb so groß wie deutsche Heizkörper, in den Baumärkten sehr begehrt. Man nennt sie salopp»wand- Toaster«. Es gibt an die 300 verschiedene Modelle, von 70 Euro an aufwärts. Die von den 59 Atomkraftwerken im Land produzierte Energie ist noch immer günstig: Eine Kilowattstunde kostet 11 Cent, halb so viel wie Strom in Deutschland. Die französischen Atomkraftwerke müssen in den kommenden Jahren für viele Milliarden Euro renoviert werden. Der Pariser Energieminister Eric Besson stimmt das Volk schon darauf ein, künftig ein Drittel mehr für Strom bezahlen zu müssen. Nach der Verkündung des deutschen Atomausstiegs hatte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy noch gelästert, dass im Nachbarland nun die Lichter ausgehen könnten und Frankreich mit der nuklearen Produktion unabhängig bleibe. Schon jetzt muss Frankreich in den kalten Monaten Energie aus Deutschland importieren, neuerdings, welche Pointe, Solarstrom. Der Atom-Schwindel habe die Franzosen zu Strom-Junkies gemacht, schimpft Adelaide Colin von Greenpeace Frankreich. Schon als Kind sei sie mit der Schule ins Kraftwerk gefahren.»strom wurde uns als unendliche Quelle präsentiert.«nicht nur im Süden des Landes sind die Fenster einfach verglast und die Wände schlecht gedämmt. Von 2013 an macht eine europäische Richtlinie damit Schluss. Neubauten müssen dann ohne Radiatoren auskommen. Einstweilen wird Strom nur gespart, wenn es sein muss. Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi geht mit gutem Beispiel voran und hat in der vergangenen Woche persönlich die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet. Die Tageszeitung Nice Matin belohnte ihn mit einem Bericht auf der Titelseite. Kaufleute sollen ihre Schaufenster nicht mehr ins Licht rücken, Privatpersonen nur das Nötigste kochen. Unbenutzte Räume sollten kalt bleiben. 18 Grad zu Hause reichten bei Weitem aus! So könnten die Mittelmeer-Anwohner dieses Jahr den kältesten Winter aller Europäer erleben.»hier, leck mal!«kraft durch Asche verspricht U Shein, Ranguns führender Wunderheiler. Ein Praxisbesuch VON ANGELA KÖCKRITZ Was kostet die Welt? Fragen an Fabian Walker von eardex.com zu internationalen Preisvergleichen Birma, das seit 1988 Myanmar heißt, ist ein an Wundern reiches Land. Unweit des Rathauses in Rangun drängen sich die Wahrsager, Handleser und Astrologen, versprechen Erkenntnis, Gesundheit und Lebensglück. Betriebswirtschaftlich gesehen, handelt es sich um eine knallharte Konkurrenzsituation, die dem, der sich durchsetzen möchte, eisernen Willen und ein Alleinstellungsmerkmal abverlangt. Und da wären wir bei U Shein, dem berühmtesten aller Wunderheiler Myanmars. Wer einen Fuß in seine weitläufige Praxis setzt, taucht in einen Redefluss ein, dem man so schnell nicht wieder entsteigen wird. Zwischenfragen zu stellen ist müßig. U Shein, 86 Jahre alt, beweist seine Kraft an sich selbst.»sechsundachtzig.«er spannt die Muskeln an.»fass an! Nicht zu glauben, was?«er klopft sich auf die Brust,»harte, feste Knochen. Nicht das, was Alte hier sonst so haben, mmmh?«er posiert wie ein Bodybuilder.»In Deutschland habe ich beim Armdrücken gewonnen.«er streckt dem Übersetzer den Arm ins Gesicht.»Hier, leck mal. Meine Haut schmeckt nicht nach Salz wie bei anderen Menschen. Na los, zier dich nicht so, leck endlich!«er zeigt Fotos, die ihn beim Ringen mit Menschen aller Hautfarben zeigen. Er springt auf und joggt auf der Stelle herum. Er ruft:»sechsundachtzig!«er tanzt, irgendwas zwischen Polka und Rumpelstilzchen,»SECHS- UNDACHTZIG, SECHSUNDACHTZIG, SECHSUNDACHTZIG!«Und dann erzählt er. Er war zehn, da ihm die Schwester im Schlaf erschien. Nicht die leibliche Schwester, sondern eine, die er aus einem früheren Leben kannte. Beide waren sie Königskinder. Nach dem Tod wurden sie zu Engeln. U Shein aber kehrte auf die Erde zurück. Die Schwester blieb im Himmel, sie steht ihrem Bruder bei. Im ersten Traum riet sie ihm:»trink nicht, geh nicht zur Armee.«Natürlich hörte er nicht auf sie. Als er 17 war, trat er in die Armee ein, die damals noch die britische war, zur Kolonialzeit. Zwei Tätowierungen auf den Unterarmen zeugen davon; U Shein benutzt seinen Körper wie eine PowerPoint-Präsentation. Das eine Tattoo zeigt ein dolchdurchstoßenes Herz, das andere zwei Hände, die sich fest umschließen, das Zeichen britisch-birmanischer Freundschaft. Die Briten gingen, U Shein blieb in der Armee, die nun jene eines unabhängigen Landes war und gegen den kommunistischen Untergrund kämpfen musste. U Shein diente als Sanitäter, er zeigt die von Einschüssen vernarbten Beine. Er lacht.»da habe ich der Schwester geglaubt. Kein Krieg und kein Alkohol mehr.«er ließ sich ins Hauptquartier verlegen, wurde Sergeant und Militärarzt, Chirurg. Nebenher heilte er Menschen mit seinen Händen. U Shein zeigt die Hände. Innen sind sie so runzelig, dass man alles darin erkennen kann, die Mona Lisa oder einen Wolpertinger. U Shein weist auf ein paar Linien.»Das ist die Spitze der Shwedagon-Pagode.«Er zeigt das Foto dazu, Posieren und dozieren: U Shein preist sein Pulver welche Ähnlichkeit!»Und hier die Rundung des Goldenen Felsens.Und das hier ist ein Fisch.«Was das zu bedeuten habe? U Shein schaut irritiert, die Frage versteht er nicht. Eine Gehilfin eilt herbei, ein junges Mädchen. Mit einer Handbewegung lässt er sie in Ohnmacht fallen und wieder erwachen, wieder und wieder. Er lässt sie bellen wie einen Hund. Für was das gut sei? U Shein verzieht das Gesicht:»Für nichts.«die Hände sind gut, den Durchbruch aber brachte der goldene Stein. U Shein war 43 Jahre alt, als ihm die Schwester den nachts unters Kopfkissen legte, sie hatte ihn von einem indischen Magier. Wunder könne der Stein vollbringen, sagte die Schwester, und doch sollte es 20 Jahre dauern, bis U Shein die alchemistische Formel gefunden hatte: Zink und Gold und andere Metalle, die man dem Wunderstein beifügen muss, auf dass goldene Asche entsteht.»anfangs wollte die keiner nehmen. Dann gab ich sie einigen Patienten, die keine andere Wahl hatten, und das Ergebnis sprach sich herum.«einfach alles könne die goldene Asche heilen, sagt U Shein. Gehirntumore und Wahnsinn, Trunksucht und Aids. Ordner um Ordner, Fotoalbum um Fotoalbum, Krankenakte um Krankenakte zieht er hervor. Ulrich, Beate, Natascha, Deutschland, Schweiz, Russland, die ganze Welt. Vorher-nachher-Fotos, glückliche Mails in holprigem Englisch, endlich sei man geheilt. U Shein kam international zu Würden, das Qi-Mag-East-West Medicina Alternativa Institute in London lobt ihn, der Verein Schamanismus und Heilen in München.»Die Deutschen waren die Pioniere.«U Shein hat jetzt Geld. Er zeigt die Bündel aus aller Welt. Die Uhr, eine goldene Rolex, besetzt mit Diamanten,»eine chinesische Patientin«. Das goldene Armband aus dem Jahr 1913, k. u. k. Dynastie, ein Porträt von Franz Joseph I.,»ein Österreicher, der mir danken wollte«, die goldene Kette,» Dollar« Dollar verdient U Shein im Monat, ein Vermögen. Und der magische Stein?»Ist in der Fabrik.«20 Arbeiter stellen die goldene Asche her, in München gibt es eine Repräsentanz, betrieben von einem Geschäftspartner. U Shein produziert in Import- und in Exportqualität,»die Dosierung an Asche ist höher«. Und, ja, er könne sich vorstellen zu vergrößern:»von mir aus würde ich es nicht tun, doch wenn jemand investieren möchte, wäre ich offen.«deutschland sei ein Markt,»doch wie groß der ist, weiß ich nicht, da müsste man Marktforschung betreiben«. Er habe ja Zeit.»Schau her, auf diesem Foto bin ich 83 und sehe viel älter aus. Weiße Haare, graue Haut. Dann habe ich selbst angefangen, goldene Asche zu nehmen. Und jetzt?«u Shein greift sich ins Haar.»Die Haare dunkler, die Haut gesünder, weniger Falten.«Hundert werde er werden, sagt U Shein,»aber mindestens«. DIE ZEIT: Herr Walker, was kostet die Welt? Fabian Walker: Das war genau meine Frage, die ich immer auf Reisen hatte. Und da hab ich nie eine Antwort drauf gefunden. Das Internet bietet nun die Möglichkeit, sich weltweit auszutauschen. Man muss nur die Plattform dafür schaffen. ZEIT: Und jetzt betreiben Sie in Köln eardex.com, kurz für earth index, ein Portal mit Preisen von Quito bis Budapest. Wie funktioniert das? Walker: Jeder kann Preise eingeben und vergleichen. Man kann Hotel- und Restaurantkosten nachschauen oder Mieten. In der Kategorie»Trademarks«stehen dann nur Produkte, die es weltweit gibt, wie Marlboro, Evian, Nutella, der ipod nano oder Ikeas Billy-Regal. ZEIT: Ein Produkt ist der Big Mac, der in Peking umgerechnet 1,75 Euro kostet und in Hamburg 3,69 Euro. Warum McDonald s und nicht Burger King oder einfach nur»ein Hamburger«? Walker: Der Big Mac ist, wie Coca- Cola, überall zu haben. ZEIT: Auf der Website sprechen Sie von»lebenshaltungskosten«. Ist das nicht irreführend, denn die Menschen anderswo verdienen doch nicht dasselbe wie in Deutschland? Einem Bukarester erscheint etwas teuer, was einem New Yorker billig erscheint. Walker: Wir betrachten nur die Ausgaben. Wir haben keine Vergleichswerte, wie viel in den unterschiedlichen Ländern verdient wird. Das bieten wir nicht an. ZEIT: Für wen ist Eardex interessant? Walker: Zunächst ist Eardex für alle Reisenden interessant. Außerdem für Leute, die ins Ausland gehen oder dort bleiben, also Expats, Auswanderer, Studenten. Aber man könnte sich auch die Frage stellen, was kostet was, wenn man zum Beispiel von Berlin nach München ziehen will. ZEIT: Und was ist mit den Preisen auf Kreuzfahrtschiffen? Walker: Das ist eine lustige Idee, ja. Ich habe vor zwei Jahren mal auf einem deutschen Marineschiff Filmaufnahmen gemacht. Wir waren im Roten Meer unterwegs, und die haben natürlich ihre eigenen Preise an Bord. Und bei Kreuzfahrtschiffen Fabian Walker, 34, dreht sonst Dokumentarfilme. Jetzt hat er eine Website wäre das ähnlich. Das könnte eine Weiterentwicklung werden. ZEIT: Gibt es schon überraschende Erkenntnisse? Walker: Dazu ist es nach drei Monaten noch zu früh. Wir haben regen Zulauf, gerade viel aus Südamerika, weil wir dort eine gute Presse hatten. Sobald wir die ersten Auswertungen machen können, werden wir so was wie die Top Ten herausgeben. ZEIT: Besteht nicht die Gefahr falscher Eingaben? Walker: Deswegen braucht man eine Anmeldung. Das ist eine Hemmschwelle. Und wir haben automatische Kontrollmechanismen eingebaut. ZEIT: Können Benutzer die Preise diskutieren? Walker: Das wollen wir noch einrichten. ZEIT: Die Website ist sehr professionell gestaltet. Wie finanziert man solch einen Aufwand? Walker: Erst einmal privat. Vier Leute haben da ein Jahr lang Arbeitskraft reingesteckt, die nicht bezahlt wurde. Deshalb mussten wir gucken, dass wir nebenher noch Geld verdienen. Außerdem haben wir Erspartes in Eardex gesteckt. ZEIT: Sie sprechen auf der Website von der»community«und der»weisheit der Massen«. Das klingt wie Wikipedia. Walker: So selbstlos wie Wikipedia sind wir nicht, wobei man auch nicht weiß, was da im Hintergrund alles verdient wird. Wir wollen nicht Face book werden. Aber wir würden gerne herausbekommen, was wir hineingesteckt haben. ZEIT: Wie soll das gehen? Walker: Wir hoffen, dass sich mehr und mehr Leute angesprochen fühlen, je sinnvoller das Angebot wird, je mehr Preise da sind. Wir wollen dann versuchen, diesen Service an Reiseveranstalter zu verkaufen. Für Privatnutzer soll er kostenlos bleiben. ZEIT: Wird es eine App für Smart phones geben? Walker: An der sind wir dran. Da drückt der Schuh am meisten, weil die Leute auch mit Smartphones reisen. Wünschenswert ist es natürlich, dass vor dem Supermarktregal sofort die Preise eingegeben werden können. Das dauert aber noch. Das Gespräch führte FOKKE JOEL

19 Die Musik im Exil: Bruno Walter und die Emigranten in den USA S Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 GESCHICHTE Rechte Demonstranten mit der»reichskriegsflagge«im Januar 1990 in Leipzig Wotansbrüder und Weimarer Front Fotos: Walter Schmidt/NOVUM (o.);museum für Hamburgische Geschichte Die Neonazis in der DDR waren kein versprengter Haufen, sondern eine gut organisierte Szene, die mehr als Anhänger zählte und die Obrigkeit schier kapitulieren ließ VON OLIVER REINHARD Es ist eine gewaltige Menge, fast zu gewal tig für die Zionskirche in Ost- Berlin. Über 2000 Fans strömen am 17. Oktober 1987 zum Konzert der Westberliner Punkband Element of Crime und ihren DDR-Kollegen Die Firma. Es wird ein denkwürdiges Ereignis: Kurz nach 22 Uhr stürmen 30 Skinheads das Konzert, brüllen»sieg Heil!«,»Juden raus aus deutschen Kirchen!«und»Kommunistenschweine!«und verletzen viele der geschockten Fans. Anschließend setzen sie ihr Treiben draußen fort unter den Augen einer Streife der Volkspolizei. Erst Tage später berichten DDR-Medien über den Überfall. Doch ist dort weder von Skins die Rede noch von Neonazis. Vielmehr von»rowdytum«so lautet die verbindliche Sprachregelung für Jugendrandale im SED-Staat. Diesmal aber geht das Verschleierungskalkül nicht auf. Zwar ist der Angriff auf die Zionskirche kein Einzelfall, dennoch läutet er eine Wende im Umgang der DDR-Behörden mit den Neonazis im Lande ein. Wenn auch nur für kurze Zeit. Bis dahin galt im»besseren Deutschland«Rechtsextremismus ausschließlich als West import. Schon 1950, ein Jahr nach Staatsgründung, hatte die SED dekretiert, in der DDR seien»die Wurzeln des Faschismus ausgerottet«. Tatsächlich aber blieb völkisch-nationales Gedankengut nach 1945 auch östlich der Elbe lebendig und sichtbar: in Hakenkreuzschmierereien, Friedhofsschändungen, geheimem Hitler-Kult, in der Gewalt ge gen Juden,»Homos«und kommunistische Funk tionäre. Besonders handgreiflich wurden die Ostnazis bei Fußballspielen. Die Staatsmacht war umfänglich informiert. Zwischen 1965 und 1980 zählte sie Hunderte Vorfälle. Die Täter waren mitnichten allesamt»asoziale Außenseiter«: Die Stasi erfasste in der Nationalen Volksarmee und selbst in den eigenen Reihen 700»neofaschistische«Vergehen. Sogar in der MfS-Elitetruppe, dem Wachregiment Feliks Dzierzynski. Das nahm man durchaus ernst. Seit 1983 sammelte die Staatssicherheit, was sich sammeln ließ. Doch solange es eben ging, wurde das Problem unter den Teppich gekehrt, obwohl es immer heftiger rumorte. Mitte der Achtziger galt bereits jede vierte MfS-Ermittlung wegen»staats feind licher Hetze«Neonazis. Trotzdem tat Stasi-Chef Erich Mielke alle Nachrichten über die bedrohliche Zunahme des Rechtsextremismus im Arbeiter-und- Bauern-Staat als»wichtigtuerei«ab. Was er und viele mit ihm nicht wahrhaben wollten: Die sich kontinuierlich vertiefende wirtschaftliche, soziale und damit auch politische Legitimationskrise der DDR trieb immer mehr Untertanen in die Opposition, die aber mitnichten nur bürgerrechtsbewegt, reformsozialistisch-demokratisch war. Da gab es auch jene, die in stiller Nische vom deutschen Kaiserreich träumten und jene, die heimliche Nazis waren. Ihr Bindeglied war der Hass auf das»schweinesystem«ddr. Es gibt Sprengstoffattentate und Mordanschläge auf Ausländer Dieser Hass entlud sich zunehmend auch in Attacken auf die ohnehin diskriminierten»vertragsarbeiter«aus Asien und Afrika. Und man rückte enger zusammen. In Berlin gründeten sich Organisationen wie die»lichtenberger Front«und die»ns-kradstaffel Friedrichshain«, zudem die»gubener Heimatfront«, in Halberstadt die»wotansbrüder«, die»weimarer Front«und eine»ss-division Walter Krüger Wolgast«, in deren Reihen auch Lehrer und städtische Beamte waren. Seit 1983 verfünffachte sich die Zahl rechtsextremer Gewalttaten. Als Stasi und Innenministerium dies 1988 bilanzierten, hatte sich jedoch endlich etwas verändert. Auslöser des Wandels war der Überfall auf die Berliner Zionskirche gewesen. In einer wahren Aktionismuswelle wurden zwischen Oktober 1987 und Januar Ermittlungsverfahren gegen 108 Skinheads eingeleitet. Etliche wurden verurteilt, auch die Zionskirchen-Täter. Nun debattierte man intern auf höchster Ebene: Am 2. Februar 1988 beschloss das Politbüro, alle»erscheinungen von Neofaschismus«zu unterbinden. Eine stille Sensation, denn damit gab die Greisenriege erstmals zu, dass der Faschismus auch im antifaschistischen Staat real existierte. Allerdings natürlich als West import ware. Die wenigen ausführlichen Artikel über die Nazis im eigenen Land, die nun in einzelnen Magazinen erscheinen durften, folgten der Linie des Politbüros: Dergleichen sei»dem Sozialismus wesensfremd«und werde in der DDR»durch das Einwirken neofaschistischer Kräfte aus der BRD bei einzelnen Personen hervorgerufen«. Immerhin gründete das Innenministerium eine»arbeitsgruppe Skinhead«und siedelte sie bei der Kriminalpolizei an. Der Leiter, Oberstleutnant Bernd Wagner, sollte eine»einstiegsanalyse«verfassen und Repressionsstrategien empfehlen. Doch Wagner und seine Kollegen wussten, dass sie es längst nicht mehr mit einem flüchtigen Jugendphänomen zu tun hatten. Was da unter ihren Augen ablief, war ein Prozess, der die gesamte Gesellschaft bedrohte. Wagner entwarf ein Forschungskonzept, das die Mitarbeit von Soziologen vorsah. Und die Zeit drängte: Auf Magdeburger Betriebe wurden Sprengstoffanschläge verübt. In Karl-Marx-Stadt überfielen Rechte ein»ausländisch«wirkendes Mädchen und ritzten ihm einen Davidstern in den Arm. In Dresden schlugen Skinheads einen Mosambikaner zusammen. In Halle verprügelten fünf junge Männer einen weiteren Afrikaner. Einen dritten warfen Rechte nahe Riesa aus dem fahrenden Zug. Der Hass kam mitten»aus der jungen Arbeiterklasse«. Die Täter waren fleißig, diszipliniert, engagiert, hatten beste Sozialprognosen und wachsende Unterstützung in der Bevölkerung. Zu dieser Erkenntnis kam die Soziologengruppe der Berliner Humboldt-Universität, die nun im ministeriellen Auf trag forschte. Obendrein stellte Studienleiterin Loni Niederländer fest: Zwar gab es Kameradenhilfe aus dem Westen, jedoch»keine überzeugenden Hinweise, daß der Westeinfluß eine Existenzbedingung für Skinheads«sei. Fazit: Das Problem war hausgemacht. Ein Achtel der DDR-Jugend findet,»der Faschismus hatte auch gute Seiten«Die wahren Dimensionen gingen zur selben Zeit aus Studi en des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung unter Walter Friedrich hervor: 2 Pro zent der DDR-Jugend bekannten sich zur Skinszene, 4 Pro zent sympathisierten, 30 Prozent hießen rechte Aktivitäten gut. Etwa ein Achtel fand,»der Fa schismus hat te auch gute Seiten«. Ebenso viele glaubten:»hitler wollte das Beste für das deutsche Volk.«Bernd Wag ners AG Skinhead erfasste unterdessen über 1000 ge walttätige Nazis, zudem 6000 organisier te. Insgesamt bezifferte sie das Milieu auf mehr als Personen. Die Ergebnisse waren ein Schock. Die Staatsführung reagierte umgehend: Die Studien landeten im Giftschrank, die Berliner Forschungsarbeit wurde beendet, die AG Skinhead aufgelöst. Obwohl die Untauglichkeit allein strafrechtlicher Maßnahmen bewiesen war, griff man weiter ausschließlich darauf zurück. Das wurde immer öfter nötig. Gab es in der DDR 1988 noch 185 rechtsradikale Delikte, schnellte deren Zahl 1989 auf über 300. Bernd Wagner und seine Kollegen wollten sich gleichwohl nicht damit abfinden, dass alle Mühen vergebens, dass all ihre Erkenntnisse verschlossen bleiben sollten, und spielten sie dem regimekritischen Regisseur und Autor Konrad Weiß zu. Der verfasste daraufhin den Essay Die neue alte Gefahr. Anfang 1989 trug Weiß daraus auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin vor. Was die Besucher hörten, war in seiner Deutlichkeit ungeheuerlich: Niemals sei in der DDR der Nationalsozialismus selbstkritisch aufgearbeitet worden.»die Drahtzieher und führenden Köpfe des neuen Faschismus in der DDR sind nicht im Westen zu suchen [ ]. Sie sind das Produkt unserer Gesellschaft.«Kurz darauf erschien der Text in der Untergrundzeitschrift Kontext. Um endlich eine offene Diskussion zu erzwingen, war es allerdings zu spät. Die öffentlichen Debatten hatten längst ein anderes Ziel. Als 1989 die Mauer fiel, strömten mit allerlei Glücksrittern und Abenteurern auch Aktivisten westdeutscher Rechtsparteien ungehemmt ins Land. Obwohl sie schon vorher Kontakte zu Ost-Glaubensbrüdern gehabt hatten, trauten sie ihren Augen kaum, welch blühende Landschaften sie vorfanden. Im Januar 1990 gründete sich die Nationale Alternative, die erste und letzte rechtsextreme Partei der DDR. Der Rechtsradikalismus im»beitrittsgebiet«blieb den neuen Sicherheitsbehörden nicht verborgen. Doch als Bernd Wagner ihnen seine Erkenntnisse präsentierte, konnte er die Reaktion nicht fassen. Auch sie glaubten ihm nicht. Auch sie wollten das Ausmaß des Rechtsextremismus Ost nicht wahrhaben. So konnten west- und ostdeutsche»kameraden«über Jahre hinweg ungestört feste Strukturen aufbauen. Der Mythos von der neonazifreien DDR wirkt bis heute nach. Ob Zwickauer Terrorbande, ob Aufmärsche wie dieser Tage in Dresden anlässlich des Gedenkens an die Bombenangriffe vom Februar 1945: Wann immer es zwischen Ostsee und Erzgebir ge zu rechten Umtrieben kommt, halten dies viele Menschen, nicht nur in Ostdeutschland, für rein westgemacht. Dabei wuchs auch da 1989 nur zusammen, was zusammengehört. SCHAUPLATZ: HAMBURG ZEITLÄUFTE Land unter Eine Doppelausstellung in Hamburg erinnert an die Flutkatastrophe vor fünfzig Jahren Aus dem Nordpolarmeer kam der Sturm, und er drückte zusammen mit der Flut der Nordsee erbarmungslos auf die Mündung der Elbe. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 brach das Wasser alle Dämme und riss in und um Hamburg mehr als 300 Menschen in den Tod. Wie der Große Brand von 1842 und der»gomorrha«-bombenangriff 1943, so gehört die Flutkatastrophe zu den kollektiven Traumata von Deutschlands größter Hafenstadt. Ganz so unerwartet allerdings, wie oft geschildert, traf es Hamburg nicht. Zehn Jahre zuvor waren in Holland bei einer ähnlichen Katastrophe fast 2000 Menschen gestorben. Man hatte an der Elbe daraus gelernt, doch kamen die geplanten Um- und Neubaumaßnahmen viel zu spät. Im Rathaus der Hansestadt und im Museum für Hamburgische Geschichte erinnert jetzt eine eindrucksvolle Doppelausstellung an die große Flut, die das Tor zur Welt fast aus den Angeln hob.»die große Flut«, Hamburger Rathaus bis zum 4. März, Museum für Hamburgische Geschichte 24. Februar bis 2. September; Tel. 040/ in wenig drollig ist es schon, dieses Paar E Merkel/Sarkozy. Wenn man ihn sieht, wie er sie umtanzt da fällt einem gleich der hyperaktive, multi taktile King Louie aus Disneys Dschungelbuch wieder ein, der dem Menschenkind Mogli immer näher rückt und es drückt und schüttelt, weil er endlich wissen will, wie die Deutschen Feuer machen. Aber nicht doch, nein. Nein, es ist ein ganz anderes berühmtes Paar, das da im Hintergrund des historischen Raumes aufscheint: Helmut Kohl und Lothar de Mai zière! Unvergessen, wie der Kanzler der Einheit seinem lieben kleinen DDR- Freund 1990 im Wahlkampf zu Hilfe eilte. So wird es kommen. Steht der Beitrittsartikel 23 noch im Grundgesetz? Wir sehen schon das schwarzblauweißrotgoldene Fahnenmeer auf der Place de la Concorde: Nous sommes un seul peuple! Das karolingische Reich, nach dem wir uns alle seit Jahrtausenden verzehren Paris und Berlin bleiben Hauptstadt, Regierungssitz wird Aachen. Bienvenu in der Öcher Republik! B.E.

20 GESCHICHTE 16. Februar 2012 DIE ZEIT N o 8 20 Vertreibung ins Paradies Der Exodus europäischer Musiker in die USA nach 1933 war vielleicht der größte Talenttransfer der Weltgeschichte. Zu den Exilanten gehörte auch der berühmte Dirigent Bruno Walter, der vor 50 Jahren in Beverly Hills gestorben ist VON VOLKER HAGEDORN Vom Fenster seines Leipziger Hotelzimmers aus kann er sie gut sehen, die Braunhemden. Sie versammeln sich zum Flaggenhissen auf dem Roß platz gleich ge gen über. Unterwegs in der Stadt ist er Zeuge geworden, wie sie einen Bäckerjungen vom Rad rissen und traten, nur weil er nicht den Hitler gruß entboten hatte. Nun aber bilden sie die Drohkulisse für einen Fußtritt ganz anderer Art. Es geht um ihn, um den Gewandhauskapellmeister Bru no Wal ter. Sein Kon zert in zwei Tagen, am 17. März 1933, solle»verhindert«werden, heißt es, aber so leicht ist die Direktion des Hauses nicht zu beeindrucken. Man hat seinen Leipziger Bürgerstolz. Und man hat Kontakte, es wird telefoniert. Zum Beispiel mit Winifred Wagner in Bayreuth. Hitlers Vertraute ist sicher, Übergriffe seien»ganz gegen den Willen«des neuen Reichskanzlers. Doch es hilft alles nichts.»aus Gründen der öffentlichen Sicherheit«darf das Konzert nicht stattfinden.»aus Gründen der öffentlichen Sicherheit«? Die Nazis sind in diesen Tagen noch ein wenig vorsichtig. Aber einen so bekannten Dirigenten kann man nicht heimlich vertreiben. Die New York Times nennt gleich am 17. März den wahren Grund für das Verbot: Walter entspreche»nicht den von den Nationalsozialisten favorisierten rassischen Standards«, da sein ursprünglicher Name Schlesinger laute. Die Zeitung hat schon oft über Walter berichtet, wenn er in New York dirigierte. Und die Amerikaner wissen, was sie an ihm haben, als er sechs Jahre später für immer zu ihnen kommt als einer von Zehntausenden Emigranten. Bruno Walter, der vor fünfzig Jahren, am 17. Febru ar 1962, in seinem Haus in Beverly Hills starb, war wohl der berühmteste Dirigent unter all den Mu si kern, den Komponisten und Musikwissenschaftlern, die in der Zeit des»dritten Reiches«in die USA emigrierten. Nach Schätzungen sind mindestens 1500 europäische Musiker über den Atlantik geflüchtet. In dieser Konzentration war es wohl der größte Talenttransfer der Weltgeschichte. Trotzdem hat man sich lange Zeit fast nur für die literarische Emigration interessiert, wie die Musik wissen schaftlerin Dörte Schmidt noch 2008 in dem Buch Musik und Musiker im Exil bedauernd feststellt. Als Walter floh, war Arnold Schönberg schon seit fünf Jahren in den USA,»ins Paradies vertrieben«, wie er in Hollywood schrieb. Dort, in Kalifornien, lebten inzwischen auch die Komponisten Erich Wolfgang Korngold und (zeitweilig) Hanns Eisler, während Paul Hindemith 1940 nach Connecticut ging. Im selben Jahr kamen Darius Milhaud aus Frankreich und Béla Bartók aus Ungarn. Es kamen Igor Strawinsky, Kurt Weill, die Diri genten Otto Klemperer und Erich Leinsdorf, Pianis ten wie Rudolf Serkin und Arthur Schnabel, Geiger wie Adolph Busch und Bronislav Huberman und ganze Ensembles wie das Kolisch- Quartett aus Wien. Dazu berühmte U-Musiker, der Operettenkönig Emmerich Kálmán oder Friedrich Hollaender, der Komponist des Blauen Engels, und rund neunzig Musikwissenschaftler. Die Wirkungsgeschichte dieses unglaublichen Exodus ist noch ungeschrieben. Nichtjüdische Emigranten wie Bartók, Busch, Hindemith, Strawinsky sind die wenigsten; zu etwa 97 Prozent war das Exil rassistischer Verfolgung geschuldet. So kann man es dem exzellenten Online-Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit entnehmen, das seit 2005 an der Uni Hamburg entsteht (und jetzt mangels Etat eine Bauruine zu werden droht). Es kamen die Besten, und sie kamen mehrheitlich aus jüdischen Familien. Eine Gemeinsamkeit, der die unterschiedlichsten Biografien und Ästhetiken gegenüberstehen. Vielleicht lassen sich einige Linien verbinden? Der»Fall Walter«eignet sich dafür wie kein anderer. Seine Kindheit erlebte der Musiker im Kaiserreich, am 15. September 1876 kommt er in Berlin zur Welt. Vater Schlesinger ist Buchhalter in einer Sei den firma. Von»dürftiger Abkunft«, wie sein Sohn schreibt, ist dieser Mann erfüllt vom»drang zum Höheren«. Stefan Zweig hat betont, wie charakteristisch dieser Drang für die jüdischen Familien jener Zeit war:»selbst der Vermögendste wird seine Tochter lieber einem bettelarmen Geistmenschen zur Gattin geben als einem Kaufmann.«Der Dirigent Erich Leinsdorf, 1937 aus Österreich emigriert, ergänzt nüchtern:»juden haben sich auf die Bereiche konzentriert, in denen ihnen die Entfaltung ihrer Talente erlaubt war.«die Mutter spielt Klavier, die Begabung des zweiten Kindes wird früh entdeckt. Als»kleiner Mozart«richtet sich Bruno Schlesinger auf eine Pianistenkarriere ein. Doch als er in der Berliner Philharmonie den Dirigenten Hans von Bülow erlebt, weiß er: Nichts anderes»kommt in Betracht«. Dass er tatsächlich der ge borene Dirigent ist, stellt jener Musiker fest, in dessen Bannkreis er mit 18 Jahren gerät. Es ist der Kapellmeister der Hamburger Oper, Gustav Mahler.»Also Sie sind der neue Korrepetitor, können Sie gut Klavier spielen?ausgezeichnet«, sagt der Jüngling, und Mahler lacht. Eine Zusammenarbeit beginnt, die den jungen Musiker bald auf die Höhe der Zunft katapultiert. Um eine Stelle in Breslau zu bekommen, nennt er sich erstmals Bruno Walter, und dabei bleibt es. Dass dies ein Akt der Assimilation ist, verschweigt er in seinen 1946 erschienenen Erinnerungen ebenso wie seine Konversion zum Katholizismus vor Antritt eines Postens im damals russischen Riga so wie sich auch Mahler für Wien hat taufen lassen. Er habe sich»bei zunehmender Reife«, schreibt Walter in seinen Erinnerungen,»der christlichen Lehre«zugewandt.»Rasiren Sie Ihren Bart ab, ehe Sie in Wien eintreffen«, schreibt Mahler im Sommer 1901 an Walter und erklärt das nicht weiter. Hof opern direk tor Mahler hat den 24-Jährigen als Kapellmeister engagiert. Bruno Walter, der im selben Jahr die Sopranistin Elsa Korneck heiratet, ist im Zentrum der Musik angekommen, aber auch in einer Stadt, deren populistischer Bürgermeister Karl Lueger den Antisemitismus»zu einer Macht im öffentlichen Leben«gemacht hat. Umso schärfer artikuliert sich hier, rund um Gustav Mahler, den auch die junge Avant garde verehrt, die Gegenmacht des Geistes. Signifikant viele jener Musiker, die sich Jahrzehnte später als Emigranten in den USA treffen, prägen dieses Wien oder werden von ihm geprägt vom Komponisten Arnold Schönberg bis zum Pianisten Paul Wittgenstein. Schon im Kaiserreich macht ihm der Antisemitismus zu schaffen»meine eigene Verpflanzung verlief ohne Krisen«: Bruno Walter bei einer Orchesterprobe in den USA Walter kennt sie alle. Mit Schönberg und Alexander von Zemlinsky gründet er, der damals selbst komponiert, einen Verein der»schaffenden Tonkünstler«. Im Palais des kulturbegeisterten Industriellen Karl Wittgenstein fühlt er sich»ans Herz genommen«. Musikalisch ist man dort konservativ, und Walter missfällt das nicht. Was Wiens Großkritiker Julius Korngold gegen Atonalität als»krankheitssymptom«schreibt, hält Walter auch dann noch für triftig, als die Nationalsozialisten solche Musik zur»entarteten«erklären. Andererseits hat er sich seine Begeisterung für Wagner nie vom Wagnerianer Hitler nehmen lassen. Kunst aus politischen Erwägungen zu verbannen, sagt er später, sei schlicht faschistisch. Auf die Vorläufer der Nazis trifft Walter nicht nur in Wien, wo er bis 1912 mehr als 850 Mal am Pult der Hofoper steht, sondern auch in München. Im Wagnerjahr 1913 wird er hier Generalmusikdirektor. Größere Teile der Presse bezweifeln sofort seine»stilistische Sicherheit«im Umgang mit Wagner was im Code der Antisemiten schlicht bedeutet, hier dirigiere ein»artfremder«. Als das Gezischel nicht nachlässt, greift Walters Nachbar aus der Poschingerstraße ein erklärt Thomas Mann in einem Artikel, Walter sei deutsch»seinem Geiste, seinem Herzen, seiner Bildung und Liebe, wenn auch meinetwegen nicht seinem Blute nach«. Manns Bewunderung vertieft sich noch, als Walter 1917 die legendär gewordene Uraufführung von Hans Pfitzners Palestrina dirigiert erscheinen an Münchens Mauern»blutrote Plakate mit dem unheimlichen Hakenkreuz«, wie sich Walter erinnert, der in diesem Jahr die Stadt verlässt. Sein früherer Mitstreiter Arnold Schönberg hat schon 1921 die Vergiftung des Alltags erlebt und wurde, wie er schreibt,»zu lernen gezwungen, daß ich kein Deutscher, kein Europäer, ja vielleicht kaum ein Mensch bin [...], sondern, daß ich Jude bin«. Denn just als Schönberg im Sommer 1921 mit der Familie in Mattsee bei Salzburg Urlaub machte, veröffentlichte die Gemeindeverwaltung einen Aufruf, der im Interesse einer»judenreinen Sommerfrische«den nichtarischen Gästen die Abreise nahelegte. Ein Exil vor dem Exil nimmt da Umrisse an. Auch für Bruno Walter. Als er 1922 zu einem ersten Gastspiel in den USA aufbricht, ist ihm die Heimat schon fremd geworden. Zwar leitet er ab 1924 die Städtische Oper Berlin, wird 1929 Gewandhauskapellmeister, aber die Frage»Wie lange noch?«bleibt. Sie beschäftigt viele auch einen brillanten Musikwissenschaftler, der mangels Professur gezwungen ist, sein Geld als Kritiker zu verdienen: Alfred Einstein, dem Walter einige der enthusiastischsten Rezensionen in Berlin verdankt waren gerade mal 1,2 Prozent des Lehrpersonals an deutschen Hochschulen jüdischer Herkunft, bei weiter fallender Tendenz in der Weimarer Republik. Musikhistorikerin Pamela Potter weist 1999 in dem Buch Driven into Paradise The Musical Migration from Nazi Germany to the United States nach, dass sich für die»offizielle«deutsche Musikwissenschaft durch die Vertreibung kaum etwas änderte, aber jeder zweite bedeutende US-Musikologe bis 1950 ein Emigrant war. Einstein bekam 1939 eine Professur in Massachusetts und schrieb innerhalb von acht Jahren Werke, die heute Klassiker sind wie sein berühmtes Buch über Mozart.»Ich kann meinem Führer gar nicht genug danken«, resümierte er. So ähnlich reagierten die Londoner auf Bruno Walters Auftritt nach seiner Vertreibung aus dem Reich.»Deutschland hat seinen größten Dirigenten dem Rest der Welt geschenkt«, schrieb eine Zeitung. In Amsterdam war der Bahnhofsplatz schwarz von Menschen, die ihn mit einem niederländischen Freiheitslied begrüßten. In Wien dauerte der Applaus beim ersten Konzert des»heimgekehrten«eine halbe Stunde. Nach den Erfahrungen in Leipzig und Berlin war er mit der Familie nach Wien gezogen. Hier fühlt er sich zu Hause, den Antisemiten zum Trotz. Hier lässt er sich noch 1936 zum Staatsoperndirektor machen. Er dirigiert auch in Salzburg,»und von einem Gipfel der Berchtesgadener Berggruppe drohte abends ein leuchtendes Hakenkreuz zu uns herüber«. In dieser Zeit, an drei Juni tagen im Wien des Jahres 1935, entsteht eine Aufnahme, die uns durch alles Schellackrauschen hindurch erreicht in ihrem glühenden Drang. Mit den Wiener Philharmonikern, mit der Sopranistin Lotte Lehmann und dem Tenor Lauritz Melchior realisiert Bruno Walter den ersten Akt von Wagners Walküre und lässt seinen Siegmund durch einen Wald fliehen, dessen Dunkel in den geschärften Basslinien, den halb drohenden, halb verzweifelten Bläserschreien eine ebenso abgründige wie reale Gegenwärtigkeit hat.»wes Herd dies auch sei, hier muß ich rasten«, Siegmund spricht es mehr, als dass er es singt. Die Individualisierung jedes Tons, jedes Tempos, jeder Phrase lässt allen Opernnebel zurück. Hier wird wahrhaftig Existenz verhandelt. Das muss hören, wer bezweifelt, dass Kunst und Leben nicht zu trennen sind, wer wissen will, warum dieser Dirigent zu den ganz Großen zählt und wie man Wagner aus dem Überwältigungspathos seiner dumpferen Bewunderer befreit. Hier ist seine Musik schlank und aufklärend und wird zum Leben gebraucht. Mit diesem Siegmund auf der Flucht tritt Bruno Walter seine eigene Flucht schon an, ehe die Wiener, die ihn jetzt noch feiern, den»anschluss«bejubeln. Die Nachricht vom Einmarsch der Wehrmacht erreicht ihn auf einer Konzertreise in Amsterdam. Noch schrecklicher ist im Jahr darauf wohl nur die vom Tod seiner jüngsten Tochter Gretel: Wegen ihrer Liebesaffäre mit dem gefeierten Don-Giovanni-Darsteller Ezio Pinza hat ihr Ehemann sie und sich erschossen. Im November 1939 trifft Bru no Walter mit Frau und Tochter Lotte in New York ein, eine von ungezählten Musikerfamilien in jenen Tagen.»Eine solche Zentralisierung großer Musiker hat es nie vorher gegeben«, schreibt der Kritiker Artur Holde, selbst aus Deutschland geflohen. In der Emigrantenzeitung Der Aufbau warnt er Neuankömmlinge in des vor zu großen Erwartungen. Die wirtschaftliche Basis des Musikbetriebs bleibe labil. Wer Musik als»internatio na le Sprache«verstehe, übersehe den an dersarti gen Geschmack der Amerikaner. Zudem sei en die Musiker hier gut ausgebildet:»besonders ihre technische Geschicklichkeit tritt ohrenfällig zu Tage.«Selbst beste Kräfte haben es schwer, sodass der berühmte Geiger Adolf Rebner, in dessen Quartett auch Paul Hindemith gespielt hat, sich hilfesuchend an Arnold Schönberg wendet und zur Antwort bekommt:»1. Geduld haben, 2. alles annehmen, was irgendwie ein Erwerb ist; 3. und vor allem den Mut nicht verlieren, denn 4. Sie werden etwas finden, wenn es auch ein bis zwei Jahre oder noch länger dauert...«für Schönbergs Schwager Alexander von Zemlinsky dauerte es zu lange. Wie Walter war er 1933 nach Wien zurückgezogen. Für die Ausreiseerlaubnis 1938 mussten er und seine Frau Reichsmark bezahlen, und in New York galt sein Name wenig. Der mittellose 67-Jährige ließ sich darauf ein, Schlager zu schreiben. Er erkrankte, erlitt mehrere Schlaganfälle und starb vier Jahre darauf, im März Deutsche Musiker prägen bald den Sound von Hollywood Mondäner Schwung: Bruno Walter in einer amerikanischen Zeitschriftenillustration Wenn schon ein Mann von seinem Format scheiterte und einer wie Béla Bartók lange darben musste, lässt sich denken, dass den happy endings der Emi grati on viele Tragödien gegenüberstehen. Selbst im Erfolg des Erich Wolfgang Korngold steckt ein Drama hatte Bruno Walter als Pianist das Klaviertrio des 12-jährigen Wiener Wunderkindes aus der Taufe gehoben, und mit seiner üppig glühenden Klangsprache hatte sich Korngold später grandios durchgesetzt. In den USA wurde er zu einem der begehrtesten unter den vielen deutschsprachigen Komponisten, die in Hollywood Karriere machten (allein Fried rich Hollaender schrieb an die 150 Filmmusiken, darunter Songs für den Westernklassiker Der große Bluff mit Marlene Dietrich und James Stewart). Aber während Korngold Errol Flynn als Robin Hood durch Nachklänge Wagners und Mahlers reiten ließ ein Sound, der bis heute Hollywoods Blockbuster bestimmt, sehnte er sich nach der Kunstmusik und nach Wien, kehrte 1949 zurück und war tief enttäuscht, dass man ihm die kalte Schulter zeigte. Ihm brach buchstäblich das Herz mit 60 Jahren. Bezeichnenderweise ist eines seiner populärsten Werke heute das Violinkonzert, in dem er 1945 auf Filmkompositionen zurückgreift und genial»großes Kino«mit absoluter Musik verschmilzt. Da reißt die Leinwand, man sieht, das Meer ist echt, und spürt den Wind. Auch das Violinkonzert, das Arnold Schönberg 1936 am Pazifik vollendete, verrät, wie die neue Umgebung den Stil be leben konnte: Leuchtender schrieb er nie. Dass Schönbergs Tennispartner George Gersh win den Druck des Vierten Streichquartetts bezahlte, dass das Kolisch-Quartett dieses und andere Streichquartette Schönbergs im Filmstudio von United Artists aufnehmen konnte, zeigt, welche Vorzüge die Nachbarschaft am Pazifik bot. Die Hügel am Sunset Boulevard werden gern als»weimar unter Palmen«bezeichnet, weil hier rund um Thomas und Heinrich Mann die literarischen Emigranten Zuflucht fanden doch die Zahl der Musiker ist höher. Und keiner hat beide Kreise so verbunden wie Thomas Manns Freund Bruno Walter, der den Schriftsteller (noch vor Adorno) beim Romanprojekt Doktor Faustus musikalisch beriet. Gleich nach der Ankunft hatte Walters Familie ein»hübsches, einstöckiges Haus ganz im Grünen«bezogen, in Beverly Hills.»Meine eigene Verpflanzung verlief ohne Krisen«, schreibt er am Ende seiner Memoiren. Tatsächlich hatte er schon kurz nach der Ankunft fünf Konzerte mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra gegeben, zwei Monate später ebenso viele mit Arturo Toscaninis NBC Symphony Orchestra in New York, und zwischen diesen beiden Städten lagen viele andere, in denen man ihn feierte. Walters opulente Diskografie zeigt seine Präsenz, sei nen Platz zwischen Toscanini, Klemperer, Furtwäng ler. Sie verrät aber nichts von der Wirkung, die sich durch Kontakte der Musiker untereinander ergab und die bis heute zu hören ist, wie beim inzwischen 88-jährigen Pianisten Menahem Pressler, Mitbegründer des legendären Beaux Arts Trio. Als Knabe aus Magdeburg über Italien nach Palästina geflohen, machte er seit 1946 in den USA Karriere; bei Bruno Walter nahm er Unterricht.»Er kannte alles«, sagt Pressler.»Er hat nie befohlen. Nur gebeten. Wie er mir die Musik erläuterte! Wie er das gesehen hat. Diese Wärme.«Wenn Pressler spielt, hört man, was er selbst seinen Schülern sagt:»du musst jeden Schritt empfinden.«am Morgen nach seinem Konzert in Leipzigs Gewandhaus sitzen wir in einem Hotel nahe der Stelle, an der Bruno Walter 1933 durchs Fenster auf die SA-Horden blickte.»emigration ist eine furchtbare Sache«, sagt Pressler,»eine furchtbare Sache.«Walter habe ihn schon deswegen gemocht, weil er, Pressler, seinen Namen von Max Jakob zu Menahem hebräisiert hatte. Er erzählt, wie er eines späten Abends in Beverly Hills zu Gast bei Walters Nachbarin am Bedford Drive 610 war, bei Alma Mahler. Pressler spielte für sie.»es gab damals keine Aircondition, die Fenster waren geöffnet, und ich fragte: Sollen wir nicht lieber die Fenster schließen, damit die Nachbarn nicht gestört werden? Und sie«, Pressler lacht,»sie sagt: Der Schlesinger kann ruhig wach bleiben.«abb.: Lebrecht Music & Arts/culture-images; Fotos: Eric Schaal/Pix Inc./Time Life Pictures/Getty Images

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