Ergebnisprotokoll der Seminarsitzung vom 26. Mai. Thema: Heine und die Frühromantik

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1 Westfälische Wilhelms- Universität Münster Germanistisches Institut SoSe 2006 Abteilung für Neuere deutsche Literatur Proseminar: Heinrich Heine. Die romantische Schule Dozent: Prof. Dr. Achim Hölter Protokollantin: Ergebnisprotokoll der Seminarsitzung vom 26. Mai Thema: Heine und die Frühromantik 1 Einleitung 2 Die bedeutendsten deutschen Frühromantiker 2.1 LUDWIG TIECK und WILHELM HEINRICH WACKENRODER 2.2 FRIEDRICH VON HARDENBERG (NOVALIS) 2.3 AUGUST WILHELM VON SCHLEGEL 2.4 FRIEDRICH VON SCHLEGEL 3 Literaturverzeichnis 3.1 Primärliteratur 3.2 Lexika 1 Einleitung Die Stadt Jena ist um 1800 Lebensstätte vieler junger Schriftsteller. Zu dem Kreis der Frühromantiker gehören unter anderem TIECK, NOVALIS, die Brüder SCHLEGEL, BRENTANO, SCHELLING UND FICHTE. Die vorliegende Arbeit wird sich mit den ersten vier Autoren beschäftigen, deren Biographien, Werke und Beziehungen zueinander punktuell beleuchten. Dabei wird eine kurze Leseprobe jedes Autors als Einstieg in die Arbeit benutzt. Eine wichtige Gemeinsamkeit aller Frühromantiker ist, dass sie junge Studenten sind, als ihre literarische Karriere beginnt. Ebenso sind sie junge Erwachsene als die französische Revolution ausbricht. GOETHE stellt für sie die Vatergeneration dar. Die hier beschriebenen Frühromantiker stehen alle in irgendeinem Verhältnis zu ihm. Über die Darstellung der Vitae und Werke hinaus wird versucht, den Blick auf die Positionierung HEINES zu diesen Autoren, seiner Vatergeneration, zu richten. 1

2 2 Die bedeutendsten deutschen Frühromantiker 2.1 LUDWIG TIECK UND WILHELM HEINRICH WACKENRODER LUDWIG TIECK wird am 31. Mai 1773 in Berlin geboren. Dort verstirbt er auch im Alter von 79 Jahren am 28. April Er wächst in Berlin auf und lernt schon zu seiner Schulzeit seinen späteren Schreibpartner WILHELM HEINRICH WACKENRODER kennen. Sie studieren zusammen in Halle, Göttingen und Erlangen. WACKENRODERS literarisches Werk ist insgesamt nicht so umfangreich wie das von TIECK, da er schon in jungen Jahren, mit 25, am 13. Dezember in Berlin 1798 stirbt. TIECK und WACKENRODER schreiben mehrere Werke zusammen, darunter Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders. (1795/ 96) oder Phantasien über die Kunst, für Freunde der Kunst (1799). Für einen ersten Zugang zu diesen Werken sollte man klären was mit Herzensergießungen gemeint sein könnte und wieso der göttliche Raphael auf der ersten Innenseite des Werkes Herzensergießungen dargestellt ist. Wichtig an dieser Stelle ist, dass das Werk zuerst anonym erscheint und die Fiktion von TIECK und WACKENRODER tatsächlich aufgeht. Die Leser glauben, dass ein Mönch Autor des Werkes ist. Diese Vorstellung passt auch wunderbar zu der Konnotation von Herzensergießungen, da es offensichtlich um eine emotionale Betrachtung der Kunst gehen soll. Die Ratio soll außen vor bleiben, das Herz als Sitz der Affekte steht im Mittelpunkt. Es sei an dieser Stelle betont, dass alle Frühromantiker Studenten waren, d.h. sie kannten sich im akademischen Milieu aus, waren keine fanatischen Naturliebhaber oder ähnliches. Der göttliche Raphael ist zu der Zeit absoluter Lieblingsmaler der Romantiker. In Göttingen, Studienort mehrerer Frühromantiker, unterrichtet Zeichenlehrer G.M Fiorillo, Archivar des Kupferstichkabinetts, die Studenten in italienischer Kunstgeschichte. So auch WACKENRODER UND TIECK. Sie schreiben die Herzensergießungen im Beisein ihres Professors. Dennoch bringen sie eine entscheidende neue Betrachtungsweise auf. Sie schreiben eine unakademische Kunstkritik. Beide sind emsige Studenten, haben die schulische Analyse gelernt und beherrschen sie. Die Entscheidung fällt ganz bewusst gegen eine akademische Sicht auf die Kunst. TIECK UND WACKENRODER wollen dem zentralen Begriff der Kunstkritik des 18.Jahrhunderts nachgehen, der analysis of beauty 1. Es geht darum zu verstehen, warum das Schöne schön ist. Die beiden Frühromantiker wollen herausfinden, warum der göttliche Raphael sie so ergreift. Dies ist der erste Schritt zur Romantik. 1 basierend auf WILLIAM HOGARTHS Analysis of beauty von

3 TIECKS wichtigste Novelle ist Der blonde Egbert. Die Geschichte handelt von Bertha, ihrem Mann Egbert und dessen Freund Walter.Bertha erzählt Walter eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Sie ist als junges Mädchen in den Wald gegangen und traf dort eine alte Frau mit ihrem Hund. Dort blieb sie eine gewisse Zeit. Walter sagt daraufhin, er könne sich gut vorstellen wie Bertha den kleinen Stromian füttert. Walter kann den Namen des kleinen Hundes nicht wissen, Bertha hat ihn nie erwähnt, und so tötet Egbert Walter, da er ein böses Geheimnis vermutet. Daraufhin stirbt Bertha und Egbert wird verrückt. Er geht wahnsinnig und sterbend in den Wald und hört in seinen letzten Lebenszügen die alte Frau und ihren Hund Stromian. Die Rittergeschichte ist in diesem Roman sehr peripher. Im Zentrum stehen das Märchenhafte, der Zauber und das Übernatürliche. Würde man die Novelle einordnen wollen, wäre es ein Art Kunstmärchen, eine Märchennovelle. Besonders daran ist, dass die Geschichte schlecht ausgeht. Egbert ist auch kein richtiger Held. Er ist klein, wenig heldenhaft und verliert am Ende alle seine Sinne. Dieser Roman ist ein Schlüsseltext für die Zwei-Welten-Erschaffung, die dem heutigen Leser extrem postmodern erscheint. Auch in den 1980ern/ 1990ern war es sehr schick die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmen zu lassen. Diesen Kunstgriff verwendet schon TIECK sehr erfolgreich in seinem Egbert. Er baut zwei Ebenen auf, zum einen Berthas Geschichte, zum anderen die Realität. Die Schnittstelle zwischen den Ebenen ist der Hundename, der beiden bekannt ist. TIECK problematisiert so auf intellektuelle Weise die Wirklichkeit. Es geht nicht beispielsweise um die Magie der Natur und das Unvermögen des Menschen diese zu verstehen. TIECK holt die Geschichte näher heran. Es ist die unscharfe Realität, die den Leser verwundert zurücklässt. LUDWIG TIECK schreibt viel. Er verfasst z.b. ein Theaterstück unter dem Titel Der gestiefelte Kater (1797). Der Inhalt ist dem heutigen Leser häufiger von den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm bekannt, die ihr Werk 15 Jahre später, 1812, herausbringen. Beide Texte speisen sich aus einer gemeinsamen älteren Quelle. So schrieb am französischen Hof von Ludwig XIV. CHARLES PERRAULT verschiedene Märchen, darunter auch den char bottée. Schon im Prolog des Stücks wird deutlich, dass keine einfache Umsetzung des Märchens zu erwarten ist. Es werden Theaterzuschauer gezeigt, einfaches Volk, die sich auf der Bühne über das Stück unterhalten. Die Akteure fühlen sich als Zuschauer nicht ernst genommen, da es ein Kindermärchen ist, das ihnen präsentiert werden soll. TIECK zeigt Theater im Theater. Der Zuschauer ist Zuschauer ist Zuschauer. TIECK verwendet eine geistige Operation, die für die Frühromantikern sehr charakteristisch ist. Es ist der Kunstgriff der unendlichen Reflektion. TIECK dreht die Schraube in seinen folgenden sechs Theaterstücken, darunter z.b. Verkehrte Welt, immer ein Stückchen weiter. 3

4 Das gleiche Mittel verwendet z.b. auch LUIGI PIRANDELLO knapp 120 Jahre später. In seinem Schauspiel in drei Akten 6 Personen suchen einen Autor. Ein zu verfassendes Stück. von 1921 hebt er die Unterscheidung Akteur und Zuschauer vollends auf. Dieses erste Stück der Trilogie von Pirandellos Theater im Theater ist sein bedeutendstes Werk 2.2 FRIEDRICH VON HARDENBERG (NOVALIS) FRIEDRICH VON HARDENBERG (NOVALIS) wird am 2. Mai 1772 in Oberwiederstedt geboren. Er stammt aus einer alten adeligen Familie. Sein Vater, Salinendirektor und Gutsbesitzer, erzieht ihn streng pietistisch. Novalis studiert in Jena, Leipzig und Wittenberg. Doch auch sein Leben endet früh. Er verstirbt am 25. März 1801 in Weißenfels mit 28 Jahren an einer Lungenerkrankung. Heute gilt er als bedeutendster Jenaer Frühromantiker. NOVALIS wird entscheidend durch den deutschen Idealismus, vertreten durch J.K. LAVATER und J.G. HERDER, beeinflusst. Er strebt nach einer progressiven Universalpoesie, d.h. einer Einigung aller Wissens- und Erkenntnisbereiche. Die Erkenntnisstufen sollen seiner Meinung nach in der Dichtung fixiert werden, da nur die Dichtung in der Lage sei die Analogien zwischen den Disziplinen aufzuzeigen. NOVALIS knüpft einige Freundschaften zu den Vertretern der frühromantischen Szene. Zu seinen Freunden zählen Schiller, die Brüder Schlegel, Schelling und Tieck. NOVALIS bringt einen charakteristischen Zug der Frühromantik in seinen Werken zum Ausdruck, u.z. das Konzept des Fragmentarischen. Das Unfertige wird als Prinzip verstanden. Die offene Form des Fragments ist nicht festgelegt, die Texte werden im Sinne kleiner Maschinen verstanden, die durch ihre Neigung zur Offenheit immer neue Kräfte freisetzen können. Sein Roman Heinrich von Ofterdingen (1802) wird heute als fragmentarischer Bildungsroman bezeichnet. Dieses Werk verfasst Novalis als Antwort auf Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96), dem ultimativen Kultroman der Romantiker. NOVALIS feiert das Werk zu Beginn euphorisch, lehnt es dann aber ab und will dem viel gefeierten GOETHE etwas entgegensetzen, Heinrich von Ofterdingen. In dem Roman geht es um einen Minnesänger, den es tatsächlich gegeben haben soll. NOVALIS verwendet den historischen Namen, erfindet die Figur aber komplett. Die Geschichte ist im Hochmittelalter angesiedelt, um Die Frühromantiker haben eine Leidenschaft für das Mittelalter. Sie kennen sich fraglos aus und verwenden auch gerne mittelalterliche Ausdrucksformen, wie z.b. Ahndung, Gemüt oder Heiligtum. Diese Begriffe kann man auch als Leitbegriffe des romantischen Stils bezeichnen. So wie es auch JOSEPH VON EICHENDORFF in seinem Werk Ahnung und Gegenwart (1815) versteht. 4

5 Er verdichtet die Leitbegriffe der Romantiker in seinem ersten Prosawerk. EICHENDORFF gehört zu HEINES Generation, schreibt aber mit einem starken Fokus auf Katholizismus, Mittelalter und Romantik. Ein weiteres wichtiges und bekanntes Werk von NOVALIS sind seine Hymnen an die Nacht (1800). Dieses Werk zeigt für viele Wissenschaftler die innere Entwicklung des Novalis vom Heinrich bis kurz vor seinen Tod. Er führt viele Weltsymbole wie Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Dies- und Jenseits an und verleitet den Leser dazu eine gewisse Todessehnsucht bei dem Autor selbst zu unterstellen. 2.3 AUGUST WILHELM VON SCHLEGEL AUGUST WILHELM VON SCHLEGEL kommt am in Hannover zur Welt. Er stirbt am 12 Dezember 1845 in Bonn. Er studiert in Göttingen Theologie und Philologie und habilitiert 1796 als Privatdozent in Jena. Er gibt mit seinem Bruder Friedrich die romantische Zeitung Athenaeum von 1798 bis1800 heraus, die zahlreiche Artikel von Frühromantikern und deren gedanklichen Ziehvätern publiziert. SCHLEGEL macht die Bekanntschaft mit Mme de Stael, wird ihr Reisebegleiter und literarischer Berater, bis zu Staels Tod 1817 in Paris. Um die Jahrhundertwende erarbeitet er sich einen guten Ruf als Privatdozent. Ein Schüler von ihm ist HEINRICH HEINE. Dieser ist zu Beginn außerordentlich beeindruckt von seinem Lehrer. In seiner [ Die] romantischen Schule (1833) beschreibt HEINE, wie verwundert und nervös er als junger Student vor dem erhabenen Lehrer steht und seiner Vorlesung lauscht. Die ehrwürdige Haltung gegenüber SCHLEGEL währt nicht lange. Der Schüler HEINE wendet sich von den Überzeugungen des Lehrers ab und schreibt kritisch über Schlegel und dessen Lehren. Die Fehde von A.W. SCHLEGEL und HEINRICH HEINE geht aber noch tiefer, weit in das Privatleben hinein. So äußert sich HEINE beispielsweise in seiner [ Die] romantischen Schule mit spöttischem Unterton zu Schlegels Hochzeit mit Sophie Paulus, der Tochter eines Kirchenrats. AUGUST WILHELM wird als schöpferischer Dichter häufig durch seinen geistig und dichterisch überlegenen Bruder Friedrich in den Schatten gestellt. Seine Stärken liegen in der Nachempfindung und Bildungsdichtung, gut erkennbar in seinem Gedicht Cervantes aus dem gleichnamigen Zyklus. Für die Frühromantiker gibt es drei wichtige Galionsfiguren der Literatur. Dazu zählen DANTE, SHAKESPEARE und CERVANTES. Sein Don Quichote ist so interessant für die Frühromantiker, da die Wirklichkeit mit der Fiktion vermengt wird. Die Aufklärer nennen diesen Zug unsinnig, die Frühromantiker schätzen ihn. Mit zahlreichen Übersetzungen und Aufarbeitung huldigen sie ihren Vorbildern. 5

6 Das Gedicht Cervantes von A.W. SCHLEGEL ist aber eine andere Art von Würdigung. Schlegel verpackt die Biographie und einzelne Werke von CERVANTES in die klassische Form des Sonetts. SCHLEGEL schreibt in einer Ich-Fiktion aus Cervantes Perspektive, legt dem Vorbild die autobiographische Darstellung in den Mund. 2.4 FRIEDRICH VON SCHLEGEL FRIEDRICH VON SCHLEGEL wird am in Hannover geboren. Er verstirbt am 12. Januar 1829 in Dresden an einem Schlaganfall. Er schließt erst eine Kaufmannslehre ab, bevor er das Studium der Philosophie, Altphilologie, Kunstgeschichte und Jura aufnimmt. Auch Friedrich gelangt in den Kreis der Jenaer Frühromantiker um Er pflegt den Umgang mit NOVALIS und TIECK, bricht aber die Freundschaft zu SCHILLER mit einer Kritik an dessen Musen- Almanach. Er gilt als geistreicher und vielseitiger Programmatiker. Mit seinem Bruder gibt er die romantische Zeitschrift. Athenaeum heraus. Darin schreibt SCHLEGEL selbst in der populären Form des Fragments über die Stellung der Romantik. Er schlägt die Brücke zwischen den Romantikern der Frühromantiker und ihnen selbst und präsentiert mitunter ein ästhetisches Programm der Romantik. Friedrich besticht durch seine sprachliche Prägnanz und pointierten Aussagen. Er schreibt gerne auch Aphorismen, die die Verbindung von Dichtung, Philosophie und Religion anstreben. Er ist ein anregender Denker, führt damit den wissenschaftlichen Gestus in die Diskussion ein. FRIEDRICH SCHLEGEL verkörpert die Theorieseite der Frühromantik und wird dafür auch von HEINE geschätzt. 6

7 3 Literaturverzeichnis 3.1 Primärliteratur WACKENRODER, WILHELM HEINRICH; TIECK LUDWIG (1795): Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders. Insel-Verlag, 1938 Leipzig (=Insel-Bücherei,Bd.534) TIECK, LUDWIG (1797): Der blonde Egbert. In: Volksmärchen. 144 Mikrofiches der dt. Literatur. Saur Verlag München [u.a.] TIECK, LUDWIG (1797): Der gestiefelte Kater. 128 Mikrofisches der dt. Literatur. Saur Verlag München [u.a] NOVALIS (1799): Heinrich von Ofterdingen. Teil 1, Die Erwartung. Hrsg. von Klaas, Maria Gabriele. Mit Einl. und Anm. von M.G. Klaas. Schöningh Verlag. Paderborn. (=Schöninghs Textausgaben, Bd. 243) 3.2 Lexika Werklexikon: Sechs Personen suchen einen Autor. WILPERT, GERO VON (Hrsg): Lexikon der Weltliteratur, Alfred Kröner Verlag, S (vgl. Wilpert-LdW, Werke, S. 1184) Werklexikon: Ahnung und Gegenwart. WILPERT, GERO VON (Hrsg): Lexikon der Weltliteratur, Alfred Kröner Verlag, S (vgl. Wilpert-LdW, Werke, S. 24) Dt. Literatur-Lexikon. Biographisch-bibliographisches Handwörterbuch nach Autoren und anonymen Werken. WILPERT, GERO VON (Hrsg.): Lexikon der Weltliteratur, Bd.1, 2.erw.Aufl., Alfred Kröner Verlag, Stuttgart S. 1451/1452,

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