THE PICTURE SURVIVES Zur Geschichte der Kriegsberichterstattung Korea - Vietnam - Afghanistan - Globaler Krieg gegen den Terror

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1 THE PICTURE SURVIVES Zur Geschichte der Kriegsberichterstattung Korea - Vietnam - Afghanistan - Globaler Krieg gegen den Terror DISSERTATION ZUR ERLANGUNG DES AKDADEMISCHEN GRADES DES DOKTORS DER PHILOSOPHIE AN DER UNIVERSITÄT KONSTANZ FACHBEREICH GESCHICHTE UND SOZIOLOGIE VORGELEGT VON: PHILIPP FRAUND

2 THE PICTURE SURVIVES Zur Geschichte der Kriegsberichterstattung Vietnam - Afghanistan - Globaler Krieg gegen den Terror DISSERTATION ZUR ERLANGUNG DES AKDADEMISCHEN GRADES DES DOKTORS DER PHILOSOPHIE AN DER UNIVERSITÄT KONSTANZ FACHBEREICH GESCHICHTE UND SOZIOLOGIE VORGELEGT VON: PHILIPP FRAUND TAG DER MÜNDLICHEN PRÜFUNG: REFERENT: HERR PROFESSOR DR. RAINER WIRTZ REFERENT: HERR PROFESSOR DR. LOTHAR BURCHARDT

3 Titelbild entnommen aus: Hammond, William H.: Reporting Vietnam: Media and Military at War; Lawrence 1998, S. 73

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5 1 Einführung Quellenlage Anmerkungen zur verwendeten Literatur Globale Berichterstattung zu Kriegszeiten Der Zweite Weltkrieg als Beispiel Der Zweite Weltkrieg auf dem Europäischen Kriegsschauplatz Der Zweite Weltkrieg auf dem Pazifischen Kriegsschauplatz Totaler Krieg und Totale Berichterstattung Exkurs: Zerfall der Anti-Hitler-Koalition und Ausbruch des Kalten Krieges Die Ära McCarthy als Faktor des Kalten Krieges Der heiße Krieg im Kalten Krieg Korea Der vergessene Krieg Historischer Kontext Einsatz von Journalisten in diesem vergessenen Krieg MacArthurs Landungsunternehmen in Inchon Der Krieg in Korea als forgotten war Vietnam Der erinnerte Krieg Historischer Kontext Der Kampf um die Unabhängigkeit Vietnams Der französische Krieg in Indochina Wendepunkt Dien Bien Phu Das Engagement der USA in Vietnam Die Amerikanisierung des Krieges Die Ereignisse im Golf von Tonking und ihre Folgen Die Tet-Offensive vom Frühjahr Der Fall Vietnams an den Kommunismus Zwischenfazit I

6 5 Kriege nach Ende des Vietnamkrieges, 1975 bis Der Krieg um die Falkland-Inseln Historischer Kontext Der argentinische Entschluß zur Invasion auf den Falklandinseln Berichterstattung Lehren aus diesem Krieg Die Operationen Urgent Fury (1983) und Just Cause (1989) Formulierung einer eigenen amerikanischen Pressepolitik für Kriegszeiten Die amerikanische Invasion in Grenada Operation Urgent Fury Die amerikanische Invasion in Panama Operation Just Cause Zwischenfazit Der 11. September 2001 und die Folgen Berichterstattung über den 11. September Der Global War on Terror Operation Enduring Freedom Krieg gegen Afghanistan Historischer Kontext Afghanistan vor der sowjetischen Invasion Die sowjetische Invasion in Afghanistan Der Krieg der Mudjaheddin gegen die sowjetischen Invasoren Der Bürgerkrieg Der Krieg der USA gegen die Taliban Operation Iraqi Freedom Krieg zur Befreiung des Irak Historischer Kontext Der Kampf um die Öffentliche Meinung Der Krieg gegen Saddam Hussein Operation Iraqi Freedom Berichterstattung Zwischenfazit Mediale (Kriegs-) Berichterstattung Anspruch und Wirklichkeit Das Ereignis in der Erinnerung II

7 7.2 Krieg als Ereignis Journalismus im Krieg Ausblick Vom Überleben der Bilder Literatur und Quellenverzeichnis Quellen Edierte Quellen Gedruckte Quellen Ungedruckte Quellen Bildquellen Film- und Videoquellen Literatur Anhang Verzeichnis der Abkürzungen Verzeichnis der Abbildungen Ausgewählte Dokumente Code of Practice des Rory Peck Trusts vom November Public Affairs Guidance (PAG) On Embedding Media During Possible Future Operations /Deployments In The U.S. Central Command s Area Of Responsibility, 28. Februar III

8 Danksagung Nach dem Irak-Krieg 2003 geriet die Kriegsberichterstattung der Medien in das Kreuzfeuer der Kritik. Durch die Einführung des Systems der Embedded Journalists hatte die Kriegberichterstattung eine neue Form bekommen und neue Dimensionen gewonnen. Die in diesem Zusammenhang von den Kritikern oftmals gezogene Parallele zu den Propaganda-Kompanien der Wehrmacht war Anlaß, die Entwicklung der Kriegsberichterstattung anhand ausgewählter Kriege aufzuzeigen. Herrn Prof. Dr. Rainer Wirtz danke ich für die Bereitschaft, dieses komplizierte und langwierig zu bearbeitende Thema als Dissertationsprojekt angenommen und immer wieder mit kritischen wie auch hilfreichen Fragen und Anregungen vorangebracht zu haben. Für seine Bereitschaft, als Zweitgutachter zu fungieren und in langen Gesprächen manche unklaren Punkte innerhalb des historischen Teils der Arbeit auszuräumen, danke ich Herrn Prof. Dr. Burchardt herzlich. Den Mitarbeitern in den Hauptredaktionen Aktuelles und Außenpolitik des Zweiten Deutschen Fernsehens danke ich für die Bereitschaft, mir immer wieder beratend zur Seite zu stehen. Insbesondere Stefan J. Pauli von der Hauptredaktion Aktuelles sei an dieser Stelle herzlich für seine nimmermüde Hilfsbereitschaft bei der Beantwortung meiner zahlreichen und nicht immer einfachen Fragen zu helfen, gedankt. Auch Paul Amberg, Yvette Gerner, Robert Bachem, Gudrun Kirch, Liane Makhoul, Dietmar Ossenberg, Claudia Ruete, Michael Renz und Elmar Theveßen sei an dieser Stelle für ihre Hilfsbereitschaft in Sachen Materialbeschaffung und Zugang zu Materialien herzlich gedankt. Die kollegiale Zusammenarbeit in diesen beiden Redaktionen gehört zu den schönsten und prägendsten Zeiten meiner Ausbildung. Großer Dank gebührt ebenfalls dem Generalsekretär der Commission Internationale d'histoire Militaire (CIHM), Prof. Dr. Piet Kamphuis, der mich mit manch wertvollem Konferenzbeitrag der CIHM-Konferenzen unterstützte. Ferner danke ich Dr. Bianka Adams, Dr. Jeffrey C. Clarke, Dr. Joseph P. Harahan, Dr. Edward J. Marolda, Col. Prof. Dr. Allan R. Millett, Dr. Charles D. Melson, Dr. Charles P. Neimeyer, Dr. Hans Pawlish von der United States Commission on Military History (USCMH), die jederzeit bereit waren, meine Fragen im Bezug auf die Zugänglichkeit mancher Quellen innerhalb des verschlungenen Dokumentensystems des Pentagons zu beantworten und mir mit vielen guten Hinweisen und hilfreichen Kontakten zur Seite standen. Ohne sie wäre es ungleich schwieriger gewesen, manche Teile dieser Arbeit zu recherchieren. Aus der Vielzahl von Personen, die von mir in den letzten Jahren mit Fragen zu Details bezüglich Medien und Militär angefragt wurden, seien noch die Mitarbeiter der Pressestelle des ZDF genannt, die bereit waren, mir binnen kürzester Zeit das nachgefragte Informationsmaterial zuzusenden. Auch den Mitarbeitern der Dresdner Sprengschule gebührt an dieser Stelle der Dank für die unkomplizierte Hilfe bei der Beantwortung meiner Fragen zu speziellen sowjetischen Munitionstypen. Vielfältige Unterstützung habe ich auch aus dem Kreis der Studienfreunde erfahren. Besonders danke ich Nicole Hahlweg, die jederzeit bereit war, sich meine Überlegungen anzuhören, und mir manch guten Ratschlag erteilte. Meinen Eltern ist diese Arbeit in Dankbarkeit gewidmet. IV

9 1 Einführung At their worst the military wraps itself in the flag and the media wraps themselves in the First Amendment and neither party listens to the other. Peter Andrews 1 Neben die drei klassischen staatlichen Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative ist eine vierte Gewalt getreten: die Medien. 2 Die Ausübung und Vermittlung moderner Politik ist ohne die Medien nicht mehr denkbar. Sie haben der Politik eine vollkommen neue Arena zur Darstellung ihrer Akteure, ihrer Ziele, Ideen und Visionen gegeben. Ohne die Medien ist auch die Implementation von Politik heute nicht mehr vorstellbar. 3 Die Gefahr, daß Medien hierbei im Sinne der Politik instrumentalisiert werden, ist gerade im Zeitalter weltumfassender Kommunikation nicht mehr zu leugnen. In den letzten Jahren haben sich alle Medien freiwillig oder unfreiwillig, wissentlich oder unwissentlich instrumentalisieren lassen. 4 Besonders anfällig für Instrumentalisierung sind die elektronischen Medien. Inbesondere das Fernsehen und das Internet sind an dieser Stelle zu nennen. Diese beiden Medien sind existentiell auf das Vorhandensein von Bildern angewiesen. Bilder auch die bewegten Videobilder des Fernsehens sind aber von allen Informationsträgern das für Manipulationsversuche anfälligste Medium. Als Beispiel hierfür seien die Ereignisse des 11. September 2001 genannt: Beinahe alle Fernsehsender der Welt übertrugen an diesem Tag die Bilder der brennenden und später einstürzenden Doppeltürme des World-Trade-Centers. 5 Jede Zeitung brachte am folgenden Tag ein, wenn nicht sogar mehrere Bilder jenes Ereignisses auf der Titelseite 6. Damit machten sich die Medien aber selbst vermutlich unbewußt zum Transporteur der perversen Botschaft dieser Bilder und dieses Ereignisses: Die Rechnung der Terroristen, mit ihrem Anschlag die maximal mögliche mediale Aufmerksamkeit zu erhalten, ging voll und ganz auf. 1 Zitiert nach Paul, Christopher; Kim, James J.: Reporters of the Battlefield. The Embedded Press System in Historical Context; Santa Monica 2004; in: (Letzter Zugriff ), S. 7 2 Vgl. Hallin, Daniel C.: The Uncensored War. The Media and Vietnam; New York, Oxford 1986; S. 3 4, im folgenden zitiert als Hallin: Uncensored War..., siehe hierzu auch Büttner, Christian; von Gottberg, Joachim; Metze-Mangold, Verena [Hrsg.]: Der Krieg in den Medien; Frankfurt 2004, S. 7; im folgenden zitiert als Büttner; von Gottberg; Metze-Mangold: Editorial..., siehe auch Schulz, Andreas: Der Aufstieg der "Vierten Gewalt". Medien, Politik und Öffentlichkeit im Zeitalter der Massenkommunikation; in: Historische Zeitschrift 1 / 2000; S , im folgenden zitiert als Schulz: Vierte Gewalt..., siehe ferner Schildt, Axel: Das Jahrhundert der Massenmedien. Ansichten zu einer künftigen Geschichte der Öffentlichkeit; in: Geschichte und Gesellschaft 2 / 2001; S , im folgenden zitiert als Schildt: Jahrhundert der Massenmedien..., 3 Vgl. Büttner; von Gottberg; Metze-Mangold: Editorial..., S. 7 4 Vgl. Büttner; von Gottberg; Metze-Mangold: Editorial..., S. 7 5 Der Musiksender VIVA entschloß sich aber, keine Livebilder von den Ereignissen in New York zu zeigen, sondern sendete analog zu den Gepflogenheiten der ehemaligen Sowjetunion ein Schwarzbild. Vgl. Lauterbach, Jörn: Der mediale Umgang mit dem Terror. Fernsehsender werfen Programm komplett um - Rekordauflagen bei Zeitungen; in: Die Welt, 13.September 2001, S Sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte an diesem Tag ein Bild auf der Titelseite. Etwas, das in der 50-jährigen der Geschichte der FAZ bis dahin insgesamt nur 30 Mal geschehen war. Vgl. (Letzer Zugriff ), siehe auch Kapitel 6 der vorliegenden Arbeit; siehe auch Lauterbach, Jörn: Der mediale Umgang mit dem Terror. Fernsehsender werfen Programm komplett um - Rekordauflagen bei Zeitungen; in: Die Welt, 13.September 2001, S. 35 Seite 1

10 Am Beispiel des 11. September läßt sich die Zwickmühle, in die die Medien bei solchen Ereignissen geraten, aufzeigen: Die Medien müssen, und dies gilt um so mehr für das Fernsehen, aktuell von dem Ereignis berichten. Angesichts des Ausmaßes und der Bilderflut, die der Einschlag der beiden Flugzeuge in das World-Trade-Center produzierte, blieb während der diversen Livesendungen keine Zeit mehr für kritische Reflektionen, Ursachenforschung oder für die Suche nach Sinnzusammenhängen. Aus dem dargelegten Konflikt ergibt sich nun die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen einer aktuellen Berichterstattung. Hier ist insbesondere nach dem Prozeß der redaktionellen Entscheidungsfindung darüber, ob und in welcher Weise aktuell über ein Ereignis berichtet werden soll, zu fragen. Angesichts der Tatsache, daß die wenigsten aktuellen Berichte im Fernsehen aus Material bestehen, das für den jeweiligen Sender exklusiv gedreht wurde, stellt sich die Frage nach der Qualität des Ausgangsmaterials der Berichte. Hierbei sind besonders die internen Methoden der Qualitätssicherung analog zum historischen Handwerkszeug der inneren und äußeren Quellenkritik zu beachten. Innerhalb einer Redaktion ist in aller Regel ein Redakteur für die Fertigstellung eines Beitrages verantwortlich. Ihm stehen Materialien von Nachrichtenagenturen, aus dem eigenen Archiv und von den Kollegen vor Ort zur Verfügung. Aus diesen Quellen entsteht dann am Schneidetisch bzw. Schnittcomputer ein Fernsehbeitrag. Dieser Schritt des editorischen Umgangs mit dem Quellenmaterial birgt zugleich die größte Gefahr der Veränderung von kontextuellen und inhaltlichen Zusammenhängen, die die gesamte Objektivität eines Beitrages und auch die des Reporters in Frage stellen können. Die Grundfrage allerdings, ob ein Reporter überhaupt objektiv ist bzw. sein kann, soll an dieser Stelle zwar angesprochen, aber nicht diskutiert werden, da diese Frage schon beinahe metaphysische Dimensionen aufweist. Hierbei spielen unter anderem Faktoren wie der berufliche Werdegang, die Ausbildung, das Wissen und nicht zuletzt die Persönlichkeit des Reporters eine Rolle. Ferner ist zu fragen, ob sich in den Biographien der Journalisten sowohl Kontinuitäten als auch Diskontinuitäten ausmachen lassen. Diese Frage basiert auf der Annahme, daß die durchschnittliche Karriere eines Journalisten ca. 40 Jahre im Beruf umfaßt. Im 20. Jahrhundert mit seinen vielen Kriegen besteht also ein gewisser Anlaß zu vermuten, daß ein Journalist nicht nur einen Krieg, sondern mehrere erlebt hat. Daher erscheint es sinnvoll, der Frage nachzugehen, ob jemand, der einmal über einen Krieg berichtet hat, dies noch einmal tun wird, oder ob er lieber vom Redaktionsschreibtisch aus den Einsatz der Kollegen koordiniert. Wenn das der Fall ist, dann kann nicht pauschalisierend von dem e i n e n Typus des Kriegsreporters gesprochen werden. Es muß auch nach dem Geschlecht des Kriegsreporters gefragt werden. Arbeiten in diesem Metier auch Frauen und wenn ja ab welcher Zeit und an welchem Ort sind sie im Einsatz? Vor allem die Frage des Ortes ist hier interessant: Berichten Frauen auch von der Frontlinie oder sind sie eher in der Etappe zu finden? Vor allem ist aber auch festzustellen, ob der Reporter über eine durch langjährigen Aufenthalt vor Ort oder langjährige Beschäftigung mit dem Berichtsgebiet erworbene Kenntnis verfügt, oder ob er das Thema lediglich bearbeitet, weil er gerade auf dem Dienstplan steht. Die Gefahr, den Manipulationsversuchen der verschiedenen an einem Konflikt beteiligten Parteien aufzusitzen, ist groß, wenn sich der Redakteur oder Reporter mit den Gegebenheiten vor Ort nicht auskennt. Wenn aber schon der Journalist vor Ort dieser Gefahr ausgesetzt ist, kann der Zuschauer daheim überhaupt nicht mehr unterscheiden, ob die Bilder e c h t oder gestellt sind. Sie wirken auf ihn alle gleich dramatisch. Seite 2

11 Bilder seien es Photos oder Fernsehbilder scheinen auf den ersten Blick dem Rezipienten einen authentischen Eindruck des Geschehens zu vermitteln. Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, daß jene Authentizität trügerisch ist. Zu jedem Bild gehören ein Kommentar oder eine Bildunterschrift, die den Inhalt des Bildes in den Kontext des Geschehens einordnen. Auch wenn die Bilder, die eine Kamera liefert, unter technischen Gesichtspunkten objektiv sind, so sind sie aus zwei Gründen dennoch subjektiv: Zum einen ist der Photograph oder Kameramann, der sein Motiv auswählt; zum anderen erfaßt die Kamera das Geschehen, das sich außerhalb ihres Blickoder Bildwinkels abspielt, nicht. Der Rezipient erfährt daher nicht, was sich links und rechts neben dem Motiv ereignet hat. Aus diesem Grund kann Bruce Cumings zu Recht die Frage stellen, warum ein geöffneter Verschluß so wenig sieht: It took the Gulf War, however, to show us the full totalizing potential of war television: the medium as the only message. Our first global network, CNN, kept its round-the-clock eye open during the weeks long air-war and the hours-long ground war and yet nothing was seen. Now and then the insubordinate cameras, such as CNN s in Baghdad, caught television guided missiles lumbering slowly over the skyline, like telephone poles floated up from the ground and set adrift on mysterious currents, disappearing into the bull s eye of some military targets. [ ] How can an open shutter see so little? 7 So sind zum Beispiel gerade jene Bilder, die den pakistanischen Mob zeigen, wie er nach dem Freitagsgebet in Peshawar amerikanische und israelische Flaggen verbrennt, als Symbol für den Haß auf den Westen ziemlich eingängig. Was aber nie thematisiert wird, sind die Erfahrungen, die die Kameraleute gemacht haben, die diese Bilder lieferten. Die Ausschreitungen begannen medienwirksam beim Eintreffen der Kamerateams und endeten beim Erlöschen des Rotlichts auf der Kamera. Die Bilder indes suggerieren etwas vollkommen anderes: Der islamistische Haß auf den Westen bricht sich nun auch in Pakistan, dem engen Verbündeten der USA im Global War on Terror 8, in aller Öffentlichkeit Bahn. 9 So kommt Hans Leyendecker, langjähriger Mitarbeiter des Nachrichtenmagazins Der Spiegel und Leitender Politik-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, in seinem Buch Die Lügen des Weißen Hauses zu dem Schluß, daß mit Bildern getäuscht, getrickst und betrogen [wird]. [...] Der Kamera ist es gleich, ob sie 24 Bilder Wahrheit oder 24 Bilder Unwahrheit pro Sekunde aufnimmt. 10 Neben den klassischen Formen der Berichterstattung wie Reportagen und Dokumentationen ist die Berichterstattung über aktuelle Ereignisse das dominierende Element der Berichterstattung im Fernsehen. Reportagen und Dokumentationen brauchen in aller Regel in Vorbereitung und Produktion längere Zeit, so daß diese beiden Formen des Berichtens auch als die Hohe Schule des Fernsehens gelten. Die aktuelle Berichterstattung hingegen wird zumeist als das ungeliebte Brot- und Buttergeschäft eines Journalisten wahrgenommen. Gilt doch für die meisten Nachrichtenformate die alte Redaktionsweisheit: Ist der Reporter auch noch so fleißig, es bleibt bei 1 Minute 30. Hierbei wird auf die klassische Länge eines Nachrichtenbeitrages angespielt, der idealerweise alle relevanten Informationen in einer Minute und dreißig Sekunden zusammenfas- 7 Cumings, Bruce: War and Television; London, New York 1992, S. 1 2; im folgenden zitiert als Cumings: War and Television..., 8 In Zukunft werden die Begriffe Global War on Terror, Globaler Krieg gegen den Terror und das Akronym GWOT (GLOBAL WAR ON TERROR) synonym verwandt. Zur Genese des Begriffs GWOT siehe Woodward, Bob: Bush at War; New York, London, Toronto 2003, S ; im folgenden zitiert als Woodward: Bush at War..., 9 Vgl. Kröger, Uwe: Die Bilder brauchen Skepsis. Aus der Praxis der Afghanistan-Berichterstattung; in: Zweites Deutsches Fernsehen [Hrsg.]: ZDF-Jahrbuch 2001; Mainz 2002, S , hier S. 80, im folgenden zitiert als Kröger: Bilder brauchen Skepsis..., 10 Leyendecker, Hans: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht; Reinbeck bei Hamburg 2004, S , im folgenden zitiert als Leyendecker: Lügen des Weißen Haueses..., Seite 3

12 sen sollte. Bei der Berichterstattung über aktuelle Ereignisse muß zwischen dem Alltagsgeschäft dem Pflichtteil eines Journalisten und der Kür unterschieden werden. Das Alltagsgeschäft besteht beispielsweise in der Berichterstattung über solche vorhersehbaren und planbaren tagesaktuellen Ereignisse wie zum Beispiel den Parteitag einer politischen Partei. Die Kür hingegen besteht in der Berichterstattung über aktuelle, aber nicht vorhersehbare und nur teilweise planbaren Ereignisse. Zwei Beispiele mögen diese Situation illustrieren: Die Ereignisse des 11. September 2001 konnten nicht vorhergesehen werden und daher konnte in keinster Weise geplant werden, wie in der Berichterstattung zu reagieren ist. Der Tod des Papstes im April 2005 hingegen war aufgrund der langen Leidensgeschichte und des immer sichtbarer werdenden körperlichen Verfalls Johannes Paul II. vorhersehbar und somit redaktionell planbar. Ein Faktor, der gerne übersehen wird, ist der Umstand, daß die Produktion von Fernsehen in aller Regel Teamarbeit ist. So ist der Korrespondent vor Ort ohne Kameramann und Tonassistent ziemlich verloren, da erst diese beiden Kollegen in der Lage sind, die Vorstellungen des Korrespondenten in Bild und Ton umzusetzen. Ohne die Crew des Feedpoints 11 nutzen die schönsten Bilder wenig, da sie wohl nie ein Zuschauer zu Gesicht bekommen wird. Dies gilt allerdings nur für die klassischen Fernsehteams bestehend aus Redakteur, Kameramann und Ton- / Kameraassistent. Der immer beliebter werdende VJ (Videojournalist) ist Redakteur, Kameramann, Tonassistent und Cutter in Personalunion. 12 Eine Sonderform der aktuellen Berichterstattung stellt die Kriegsberichterstattung dar. Prinzipiell gelten auch für sie die gleichen Regeln wie für die normale aktuelle Berichterstattung, jedoch ist das Arbeitsumfeld in den meistens Fällen ein vollkommen anderes als das gewohnte. Auch gelten hier oft andere Regeln im Umgang mit Kontakten und offiziellen (Presse-)Stellen. Auch das Verhalten im Kriegsgebiet unterscheidet sich grundsätzlich von dem in befriedeten Gebieten. Ferner ist das Lagebild in einem Krieg meistens extrem verworren, und in vielen Fällen läßt sich heute nicht mehr genau sagen, wo die Frontlinie wenn es denn überhaupt eine gibt verläuft. Obwohl das folgende Zitat auf den Soldaten im Felde gemünzt ist, läßt sich die Aussage auch analog auf den Berichterstatter vor Ort anwenden: A soldier or sailor isn't told what goes on around him. Headquarters doesn't broadcast a play-by-play description of the game; it's too huge, confused and complex. [...] 13 Medien und Militär scheinen in Friedenszeiten grundsätzlich in einer Art friedlicher Koexistenz nebeneinander zu existieren. Der Soldat als elementarer Teil des Militärs ist zugleich auch Teil der Gesellschaft, die zumindest in demokratischen Gesellschaftssystemen Kontrolle über die Streitkräfte ausübt. Die Medien wiederum leisten, in ihrer Rolle als vierte Gewalt, einen Teil der Kontrollfunktion der Gesellschaft, indem sie über die Streitkräfte berichten. In aller Regel Unter einem Feedpoint versteht man die Einrichtung, von der aus Beiträge in die Heimatredaktion überspielt werden können. Die Überspielung kann entweder von einer Fernsehanstalt oder von einem Übertragungsfahrzeug (SNG = SATELLITE NEWS GATHERING) aus erfolgen. Der neueste technische Trend besteht darin, den Beitrag nicht mehr 1:1 auf die MAZ (MAGNETISCHE AUFZEICHNUNG) beim Heimatsender zu überspielen, sondern den Beitrag als Datei via FTP (FILE TRANSFER PROTOCOL) zu übertragen. Dieses Verfahren ist allerdings wenn nicht auf File-basierten Formaten gedreht wird ziemlich zeitaufwendig. Vgl. Miroschnikoff, Peter: Die beste Lebensversicherung ist Teamwork. Aus 30 Jahren Krisen- und Kriegsberichterstattung; in: Deutsche Welle [Hrsg.]: "Sagt die Wahrheit: Die bringen uns um!". Zur Rolle der Medien in Krisen und Kriegen (= DW-Schriftenreihe, Bd. 3); Berlin 2001, S , hier S. 37, im folgenden zitiert als Miroschnikoff: Lebenversicherung,. Zum Themenkomplex des Videojournalisten siehe ausführlich Streich, Sabine: Videojournalismus. Ein Trainingshandbuch; Konstanz 2008, im folgenden zitiert als Streich: Videojournalismus, Hamm, Bradley; Shaw, Donald L.; Daniel, Douglass K.: World War II, The Asian Theater & The Korean War; in: Copeland, Douglas A. [Hrsg.]: The Greenwood Library of American War Reporting, Vol. 6; Westport / Conn., London 2005, S. 14, im folgenden zitiert als Hamm; Shaw; Daniel: American War Reporting, Vol. 6..., Seite 4

13 werden die Streitkräfte aber nur dann zum Thema in den Medien, wenn sich in ihnen ein Skandal ereignet, wenn seitens der Regierung teuere, in ihrem Sinn aber umstrittene Rüstungsprojekte oder Auslandseinsätze verabschiedet werden. 14 Wenn zuvor von einer Art friedlicher Koexistenz von Militär und Medien die Rede war, so stimmt dies nur teilweise: Medien werden gerade in höheren Stäben und Offiziersrängen oftmals als natural enemies 15 wahrgenommen. Hier brechen alte Konflikte der verschiedenen politischen Lager auf, die das Weltbild und die Denkweisen, die b e l i e v e s y s t e m s, der Angehörigen des jeweiligen politischen Lagers bestimmen. So werden Journalisten von Soldaten oftmals als (links-)liberal, grundsätzlich anti-militaristisch gestimmt und weniger patriotisch gesinnt als sie selbst wahrgenommen. 16 Dies führt dazu, daß seitens des Militärs immer eine gewisse Vorsicht im Umgang mit den Medien zu beobachten ist. Diese grundsätzliche Vorsicht führt aber wiederum dazu, daß sich die Medien umso kritischer mit dem Militär auseinandersetzen, je vorsichtiger von dessen Seite agiert wird. In diesem Zwiespalt zwischen notwendiger Geheimhaltung und dem Recht der Öffentlichkeit auf Information gerät das Militär als Instanz unter extremen Druck der öffentlichen Meinung. Angesichts dieser Rollenverteilung kann man auch von aktiven und passiven Rollen sprechen: Zu Friedenszeiten spielen die Medien die aktive Rolle, indem sie das Militär wie oben geschildert stellvertretend für die Öffentlichkeit kontrollieren. Das Militär hingegen nimmt die passive Rolle ein, indem es auf das Interesse der Öffentlichkeit reagiert. Diese Rollenverteilung ändert sich in Zeiten von Krieg drastisch: Aus der friedlichen Koexistenz wird nun ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit, in welchem beide Seiten auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind. Dieses Verhältnis wird von dem britischen Journalisten Philip Knightly so beschrieben: [...] Correspondents have to choose because the aims of the military and the media are irreconcilable. The military wants to win the war as quickly as possible and preferably, because the face of battle is horrific, away from the public eye. The media wants to observe the military in action, bear witness, and record the first draft of history. [...] 17 Die demokratische Kontrolle der Streitkräfte ist nun nicht mehr so wichtig. Es entsteht eine Art Burgfrieden als innenpolitischer Konsens, nach dem Kritik am Vorgehen der Streitkräfte zumindest unangebracht, wenn nicht sogar unerwünscht ist. So konnte nach dem 11. September 2001 und nach dem amerikanischen Gegenschlag gegen Stellungen der Taliban und der Al Kaida in Afghanistan ein Vertreter des amerikanischen Fernsehsenders Fox-News die Marschrichtung ausgeben, daß Tote und Verwundete in der Zivilbevölkerung grundsätzlich keinen Nachrichtenwert [haben] 18, ohne daß die Öffentlichkeit empört aufgeschrieen hätte. Vor dem Krieg gegen Saddam Hussein im Jahre 2003 gab der amerikanische Präsident George W. Bush die Parole aus, daß es für den Rest der Welt nur zwei Möglichkeiten des Verhaltens gäbe: entweder für oder ge- 14 Siehe den sogenannten Folter-Skandal von Coesfeld, die Foto-Affäre aus Afghanisten und die Diskussion um die Verlängerung des Mandates für die ISAF-Einsätze in Afghanistan. 15 Zitiert nach Knightley, Philip: First casualty, from the Crimea to Vietnam. The war correspondent as hero, propagandist and myth maker; Baltimore 2004, S. 368, im folgenden zitiert als Knightley: First casualty..., 16 Vgl. Kellner, Douglas: Kriegskorrespondenten, das Militär und Propaganda. Einige kritische Betrachtungen; in: Korte, Barbara; Tonn, Horst [Hrsg.]: Kriegskorrespondenten: Deutungsinstanzen in der Mediengesellschaft; Wiesbaden 2007, S , hier S. 18, im folgenden zitiert als Kellner: Kriegskorrespondenten, das Militär und Propaganda, Knightley: First casualty..., S. xi 18 Zitiert nach Brender, Nikolaus: Der Umgang mit den Bildern des Terrors; in: Zweites Deutsches Fernsehen [Hrsg.]: ZDF-Jahrbuch 2001; Mainz 2002, S , hier S. 70, im folgenden zitiert als Brender: Umgang mit den Bildern des Terrors..., Seite 5

14 gen die Vereinigten Staaten von Amerika zu sein. 19 Dieses Diktum schloß, auch wenn das so explizit nie gesagt wurde, die Medien mit ein. Für die amerikanischen Medien schien der Entschluß festzustehen: [They] wrapped themselves in the American flag and substituted patriotism for impartiality. 20 Wichtig für die Redaktionen der verschiedenen Medien ist im Kriegsfall, möglichst umfassend über den Krieg berichten zu können. Dazu gehört, neben den Meldungen der Nachrichtenagenturen 21 als geradezu klassische Informationsquellen, auch die Entsendung von Korrespondenten in das jeweilige Kriegsgebiet. Dies geschieht vorwiegend aus zweierlei Gründen: Zum einen zeigt die Redaktion, daß sie in der Lage ist, jemanden dorthin zu entsenden und dann auch von dort wieder in die Redaktion berichten zu lassen. 22 Zum anderen gibt man damit dem ganzen Geschehen ein Gesicht, an dem sich der Zuschauer orientieren kann. Abgesehen davon, daß mit diesem Gesicht auch das Medium ein menschliches Antlitz erhält, erhöht sich auch der Wert des Mediums als Marke. Daß ein Fernsehsender heute auch als Marke verstanden werden muß, erklärt sich aus der sich immer weiter diversifizierenden Medienlandschaft. In Zeiten, in denen die einzelnen Programme immer austauschbarer werden, muß sich ein Fernsehsender immer stärker als Marke definieren, um den Zuschauer ansprechen zu können. So sind beispielsweise die ständigen Verweise der öffentlich-rechtlichen Sender auf ihr weltumfassendes Korrespondentennetz zum einen der Versuch, der Politik klarzumachen, daß dieses Netz nicht umsonst zu haben ist und deshalb der öffentlich-rechtliche Rundfunk als gebührenfinanziertes Modell nicht zur Disposition gestellt werden darf; zum anderen sind sie aber auch der Versuch, durch die damit gezeigte Kompetenz in Sachen Nachrichten und Personal vor Ort so etwas zu schaffen wie ein Etikett für seriöse, fundierte Berichterstattung und Kompetenz in Information. 23 Neben der Definition solcher abstrakten Begriffe wie Kompetenz in Information sind auch Personen notwendig, um diese Marke mit Leben zu füllen. Daher gibt es für die Hauptnachrichtensendungen Moderatoren, die immer wieder nur für diese Aufgabe eingesetzt werden. Diese A n c h o r s bilden die Schnittstelle zum Zuschauer. Durch sie wird es dem Zuschauer ermöglicht, eine emotionale Bindung zum Moderator und damit auch zur Nachrichtensendung und letztlich auch zum Sender aufzubauen. Gleichzeitig erzeugen sie durch die ihnen zugeschriebene journalistische Kompetenz einen Schein von Objektivität, der beim Zuschauer den Eindruck erwecken soll, der Anchor habe all seine journalistische Kompetenz in die Produktion dieser Nachrichtensendung gesteckt. Wie wichtig diese Anchors mittlerweile sind, zeigt sich beispielsweise am Medienecho auf die personellen Veränderungen in den Tagesthemen und dem heute-journal. 24 Aber nicht nur die 19 Vgl. Knightley: First casualty..., S. xi 20 Knightley: First casualty..., S. xi 21 Zur Arbeitsweise und zum Selbstverständnis der Nachrichtenagenturen im allgemeinen siehe Segbers, Michael: Die Ware Nachricht. Wie Nachrichtenagenturen ticken; Konstanz 2007, im folgenden zitiert als Segbers: Die Ware Nachricht..., 22 Vgl. Miroschnikoff: Lebenversicherung, S In diesem Zusammenhang ist auch die seit einiger Zeit im Fernsehen zu sehende Werbekampagne ARD + ZDF. Ihr gutes öffentliches Recht zu sehen 24 Nur eine kleine Auswahl der Schlagzeilen über Tagesthemen und heute-journal des Jahres 2007 ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit: Grimberg, Steffen; Denk, David: Der Tag geht, Kleber kommt; Heute vor 30 Jahren gingen "Tagesthemen" und "heute-journal" zum ersten Mal auf Sendung. Die Nachrichtenmagazine erklären die Welt - wem man lieber zuguckt, ist Geschmackssache, in: die tageszeitung, 2. Janauar 2008, S. 17; Tieschky, Claudia; Keil, Christopher: "Am Ende steht für mich Erkenntnisgewinn"; Gespräch mit der neuen "Tagesthemen"-Moderatorin Caren Miosga über Respekt, Nadelstreifen und Tom Buhrow; in: Süddeutsche Zeitung, 7. Juli 2007, S. 23; Siepmann, Julia: Eine Journalistin, so bunt und ehrlich wie ihr Kiez; Dunja Hayali - das neue Gesicht des ZDF; in: Welt am Sonntag, 17. Juni 2007, S. B 3; Keil, Christopher: Schnupper, schnupper; Harald Schmidt (ARD) moderiert mal das "heute-journal" (ZDF); in: Süddeutsche Zeitung, 19. April 2007, S. 16; Leyendecker, Hans: Änderung der Änderung; Die Sprunghaftigkeit der ARD-Hierarchen macht ratlos; in: Seite 6

15 Abbildung 1: Der neue Anchor des ZDF "heute-journals" in der Dekoration des Nachrichtenstudios. Das Bild datiert auf den Februar Quelle: ZDF-Bilderdienst The Picture Survives Anchors prägen das Gesicht eines Fernsehsenders. Zuschauerbindung ist heute für den einzelnen Fernsehsender überlebenswichtig. Ohne sie kann heute kein Fernsehsender mehr auskommen, da die Möglichkeit des wahllosen Herumzappens dazu geführt hat, daß der Zuschauer immer mehr sein eigener Programmdirektor werden konnte. Zur Definition eines Fernsehsenders als Marke gehört aber auch das jeweilige ganz spezifische graphische Erscheinungsbild des Senders. Dieses verpaßt dem Sender erst die Corporate Identity, anhand derer er in der Vielzahl der heute empfangbaren Kanäle wiedererkannt werden kann. Ferner muß dabei auch berücksichtigt werden, daß die Markenbildung auch zu einem gewissen Teil dem aktuell herrschenden Zeitgeist geschuldet ist. In Zeiten, in denen ganze Zeitschriften davon leben, der Leserschaft zu erklären, welcher Prominente welches Label zu welchem Anlaß getragen hat das also dann folglich in sein muß können sich wohl auch Fernsehsender nicht diesem Markenfetischismus entziehen. Der Versuch eines Fernsehsenders, sich als Marke zu definieren, ist also auch der Versuch, der programmlichen Beliebigkeit der ungezählten Fernsehkanäle, auf die der Zuschauer heute zurückgreifen kann, etwas entgegenzusetzen. 25 Wenn dem aber so ist, so muß die Frage gestellt werden, ob bei all diesen Versuchen, sich als Marke zu definieren, eine ernstzunehmende und seriöse Kriegsberichterstattung überhaupt noch möglich ist. Abbildung 2: Das Logo des ZDF im Wandel der Zeiten. Quelle: ZDF-Bilderdienst Im Falle eines Krieges sind die Journalisten vor Ort auf das Wohlwollen des Militärs angewiesen, wollen sie überhaupt etwas zu berichten haben. 26 Das Klischee, das vorwiegend durch den Krieg in Vietnam geprägt wurde, nach dem der Journalist morgens an der Hotelbar noch seinen Kaffee trinken und dann, langsam wach werdend, zum Flughafen fahren kann, um mit der nächsten Maschine zur nächstbesten Einheit zu fliegen, um dann am Abend an der Hotelbar seinen Bericht zu verfassen und danach noch den einen oder anderen Drink zu nehmen, ist heute nichts mehr als ein ziemlich plattes Klischee. 27 Das Handbuch A short guide to news coverage in Viet Nam 28 des damaligen Büroleiters der Nachrichtenagentur AP in Saigon, Malom Browne, für Journalisten in Vietnam zeichnet ein etwas anderes, vermutlich realistischeres, Bild vom Kriegs- Süddeutsche Zeitung, 5. April 2007, S. 17; Starke, Anna: Die neue Quoten-Frau. So nett, so seriös: Die "Tagesschau"- Sprecher haben eine neue Kollegin. Mit Judith Rakers um 20 Uhr versucht die ARD zum Urmodell nachrichtlich-femininer Ernsthaftigkeit zurückzukehren; in: (Letzter Zugriff ) 25 Vgl. Schawinski, Roger: Die TV-Falle. Vom Sendungsbewußtsein zum Fernsehgeschäft; Zürich , S. 17, im folgenden zitiert als Schawinski: TV-Falle, 26 Vgl. Miroschnikoff: Lebenversicherung, S Vgl. hierzu die einschlägigen Erinnerungen der lange Zeit in Saigon stationierten Journalisten wie etwa Peter Arnett, Horst Fass oder David Halberstam. Siehe auch Hammond, William M.: Who were the Saigon Correspondents, and does it Matter? (With an Appendix on the Embedded Reporters of the Iraq War); in: Ionescu, Mihail E. [Hrsg.]: War, Military and Media from Gutenberg to Today (= Acta XIX. International Congress of Military History); Bucharest 2004, S , im folgenden zitiert als Hammond: Who Were the Saigon Correspondents..., 28 (Letzer Zugriff ) Seite 7

16 geschehen in Vietnam. In Wirklichkeit haben beide Seiten diametral entgegengesetzte Interessen: Der Korrespondent möchte so viel wie möglich, so schnell wie möglich über einen Konflikt berichten, während die Militärs so wenig wie möglich, so spät wie möglich über den selben Konflikt berichten wollen. 29 Nicht nur der Gegensatz zwischen so viel und so schnell wie möglich und so wenig und so spät wie möglich, sondern auch die schiere Vielzahl an Anfragen an das Militär machen die Zusammenarbeit mit dem Militär nicht eben leicht. Wie sehr aber oftmals die Herausgeber und Chefredakteure Teil des Establishments sind und daher ein Interesse an guten Beziehungen zu militärischen Stellen haben, macht zum Beispiel die Rede des Chefredakteurs der britischen Nachrichtenagentur Reuters 30 vor seinen Redakteuren und Mitarbeiten am 27. Juli 1939 deutlich. Er sprach darüber, wie Nachrichten, die Auswirkungen auf die offizielle Sphäre haben, in Kriegszeiten behandelt werden sollten. Seinen Mitarbeitern riet er, sich immer der führenden Stellung, der großen Reputation von Reuters bewußt zu sein und dementsprechend zu handeln. 31 In dieser Arbeit soll auch eines der Grundprobleme der Berichterstattung über Kriege thematisiert werden: Der Zwang, eine Nachricht zu bringen auch wenn es eigentlich gar nichts Neues zu berichten gibt. In den letzen 30 Jahren hat sich das Tempo der Berichterstattung erheblich beschleunigt. Der Puls der Medien hat sich analog zum Puls der Zeit erhöht. Die Schlagzahl, mit der Nachrichtenredaktionen heute arbeiten, ist in einem derartigen Maße gestiegen, daß oftmals für eine genaue Nachprüfung der Fakten keine Zeit bleibt. Die Redaktion des Medienmagazins des NDR-Fernsehens ZAPP konnte dies etwa in ihrer Sendung vom 14. März am Beispiel der Äußerungen des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck zur CO 2 -Bilanz der Atomkraft illustrieren. Während Becks Äußerungen an jenem Tag auf allen Kanälen auf und ab liefen und seitens der Nachrichtenredakteure nicht kritisch geprüft wurden, kamen die kritischen Recherchen der Nachrichtensendungen erst mit mindestens eintägiger Verspätung. 33 So kommt es, daß Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen weitergegeben werden, ohne auf Bestätigung durch andere Agenturmeldungen zu warten. 34 Auch der oben beschriebene Reporter vor Ort sieht sich diesem Druck ausgesetzt. Oftmals von der Redaktion eiligst in Marsch gesetzt, steht er vor der Kamera und muß versuchen, die wenigen Informationen, die er hat, zu einem sinnvollen Text zusammenzusetzen. 35 In der modernen Medienwelt ist es so, daß das Medium, wie Bruce Cumings es so treffend formuliert, selbst oftmals zur eigenen Nachricht verkommt. Die Möglichkeit, sich binnen weniger Sekunden durch die gesamte Welt, von Kontinent zu Kontinent, zu schalten, trägt nur in den seltensten Fällen zur Erhellung des Lagebildes bei. Leider ist es allzuoft der Fall, daß der Reporter vor Ort an der Aufgabe, dem Zuschauer das Ereignis in einer Minute und dreißig Sekunden zu 29 Vgl. Knightley: First casualty..., S Zu jener Zeit (1939) firmierte Reuters noch unter dem Namen Reuter. Die Umänderung des Namens erfolgte erst später. 31 Vgl. Read, Donald: The Power of News. The History of Reuters ; London, New York 1992, S. 217; im folgenden zitiert als Read: Power of News..., 32 NDR Sendung ZAPP, Sendedatum: , Sendezeit: Uhr 33 Das heute-journal des ZDF brachte am einen Bericht zu Becks Äußerung, in dem gezeigt wurde, wie unbegründet und haltlos die Äußerungen Becks sind. 34 Vgl. Segbers, Michael: Die Ware Nachricht. Wie Nachrichtenagenturen ticken; Konstanz 2007, im folgenden zitiert als Segbers: Die Ware Nachricht..., S , der Autor listet hier einige der peinlichsten Fehlmeldungen der Nachtrichtenagenturen auf und schildert für einen konkreten Fall das Zustandekommen der Falschmeldung und deren drastische Konsequenzen. 35 Vgl. Miroschnikoff: Lebenversicherung, S. 38 Seite 8

17 erklären, scheitert. In diesem Fall wird die technische Möglichkeit, den Reporter vor Ort in die Sendung schalten zu können, zur einzigen Nachricht, gleichsam der Devise folgend: Es ist etwas passiert und wir waren mit einem Reporter dabei. In den meisten Fällen handelt es sich dann auch noch um Fallschirm-Journalisten 36, die aus der heimischen Redaktion kommend, in das Kriegs- oder Katastrophengebiet eingeflogen wurden und mit den lokalen Gegebenheiten wenig bis überhaupt nicht vertraut sind. Diese Unerfahrenheit mit den Gegebenheiten wird dann zum Problem, wenn der Reporter vor Ort nur so kurz wie nötig vor Ort bleibt und dadurch keine Gelegenheit hat, etwas über die Situation vor Ort zu lernen. 37 Dieser Umstand wurde schon vom Büroleiter der Washington Post in Saigon, Peter Braestrup, kritisiert: Braestrup added that many legitimate reporters were on the scene for only short periods of time, often less than a week. This was just long enough to give their work at home some semblance of cachet but hardly enough for them to learn much about the war. 38 Die Zusammenarbeit von Militär und Medien in Kriegszeiten ist Gegenstand zahlreicher Untersuchungen und Darstellungen. 39 Aus der Vielzahl von Kriegen, die sich seit dem Jahr 1960 ereignet haben, wurden für diese Arbeit nur die Kriege ausgewählt, die eine Veränderung in der Berichterstattung und im Verhältnis zwischen dem Militär und den Medien mit sich gebracht haben: der Vietnam-Krieg, der Krieg um die Falkland-Inseln, der Golfkrieg von 1991 und schließlich die beiden Kriege in der Folge des 11. September in Afghanistan und gegen den Irak. Außer acht gelassen wurden die unzähligen Kriege in Afrika sowie in Mittel- und Lateinamerika. Lediglich die im Jahre 1989 erfolgte amerikanische Invasion in Panama soll hier erwähnt werden, da sie für das Verständnis der späteren Pressepolitik des Pentagons von entscheidender Bedeutung ist. Korrekterweise muß die Frage nach dem Verhältnis von Militär und Medien in umgekehrter Reihenfolge gestellt werden. Schließlich berichten ja die Medien über das Militär und bringen ihm dadurch eine gewisse Aufmerksamkeit entgegen. Auch wenn das Forschungsfeld aus dem angelsächsischen Sprachraum kommend mit Military-Media Relations bezeichnet wird, so ist in dieser Arbeit doch eher das Verhältnis der Medien zur kriegsführenden Macht als das Verhältnis der kriegsführenden Macht zu den Medien von Interesse. Was zuerst nach Wortklauberei klingt, wird dann logisch, wenn die Annahme, daß die Medien ja über den Krieg und das Militär berichten wollen, in diese Überlegungen eingeführt wird. Dann nämlich wird klar, daß ein Großteil der Definitionsmacht und Deutungshoheit über die Ereignisse nicht mehr in Händen des Militärs liegt. Damit ist es dem Militär nicht mehr möglich, seine Sichtweise der Dinge ungefiltert an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Wenn aber die Deutungshoheit über die Ereignisse in die Hände der Medien übergangenen ist, dann ist es gerechtfertigt, von Media- Military Relations zu sprechen. 36 Zititert nach Munz, Richard: Im Zentrum der Katastrophe. Was es wirklich bedeutet, vor Ort zu helfen; Frankfurt, New York 2007, S. 34, im folgenden zitiert als Munz: Im Zentrum der Katastrophe..., 37 Vgl. Cumings: War and Television..., S. 1 2 ; Miroschnikoff: Lebenversicherung, S Zitiert nach Hammond: Who Were the Saigon Correspondents..., S An dieser Stelle seien nur einige Publikationen hierzu genannt, unter anderem Young, Peter; Jesser, Peter: The Media and the Military. From the Crimea to Desert Strike; Basingstoke 1997, im folgenden zitiert als Young; Jesser: Media and the Military...,; Hudson, Miles; Stanier, John: War and the Media. A random Searchlight; Phoenix Mill 1997, im folgenden zitiert als Hudson; Stanier: War and the Media...,; Nikiforov, Nikolai Ivanovic: War and Mass Media. Problem Analysis; in: Ionescu, Mihail E. [Hrsg.]: War, Military and Media from Gutenberg to Today (= Acta XIX. International Congress of Military History); Bucharest 2004, S , im folgenden zitiert als Nikiforov: War and Mass Media...,; Rid, Thomas: War and Media Operations. The US Military und the Press from Vietnam to Iraq; London, New York 2007, im folgenden zitiert als Rid: War and Media Operations...,; Thrall, Trevor A.: War in the Media Age; Cresskill / New Jersey 2000, im folgenden zitiert als Thrall: War in the media age..., Seite 9

18 Diese Änderung der Begrifflichkeit hat nun aber zur Folge, daß sich die klassische Form der Tradierung und damit auch die Kultur des Erinnerns ändert. Wurden Kriege früher über die Erinnerung des Einzelnen und die Lageberichte in den Zeitungen tradiert, so finden Kriege heute trotz eines erheblichen Aufwandes in der Berichterstattung weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Anders formuliert: Trotz der Tatsache, daß immer mehr über Kriege berichtet wird, wird das, was über diese Kriege wirklich bekannt ist, immer weniger. Als im Dezember 2001 die amerikanischen Truppen in Afghanisten gegen die letzen Kämpfer von Taliban und Al Qaida vorgingen, konnte man den Fernsehberichten lediglich entnehmen, daß die Kämpfe weitergingen. Dazu sah man feuernde Panzer und Kondensstreifen am Himmel, die angeblich amerikanische Kampfflugzeuge darstellen sollten. Was aber genau vor sich ging, das kann bis heute nicht rekonstruiert werden. Bis zum Fall von Bagdad im April 2003 brachte das ZDF 45 Sondersendungen über diesen Krieg. 40 Selbst mit Unterstützung eines ehemaligen Generals der Bundeswehr konnte zu keiner Zeit ein genaues Lagebild gewonnen werden. Ein beliebtes Mittel der jeweiligen Machthaber, zu erreichen, daß weniger berichtet wird, ist die Zensur der Berichte. Folgt man der Definition des Dudens, so ist Zensur eine behördliche Prüfung mit einem gegebenenfalls einhergehenden Verbot von Druckschriften und anderen Medien. Dieser Erklärung muß aber für die vorliegende Arbeit erweitert werden, da diese Definition manche Formen der behördlichen Einflußnahme auf den Journalismus nicht abdecken kann. So nimmt sie beispielsweise von der Möglichkeit der Selbstzensur, der sprichwörtlichen Schere im Kopf, keine Notiz, obwohl sie in den letzen Jahren immer wichtiger geworden ist. Unter anderem werden die diversen subtilen Methoden der Pressezensur davon nicht erfaßt. Auch wenn das chinesische Staatsfernsehen es wohl nie zugeben würde, ist doch die Tatsache, daß alle Livebilder des olympischen Fackellaufs durch die Welt mit ungefähr einer Minute Verzögerung ausgestrahlt wurden, um nötigenfalls unliebsame Bilder unterdrücken zu können, eine dieser subtilen Methoden der Pressezensur. Schließlich sieht der Zuschauer so nur Bilder voller Harmonie. Desweiteren läßt diese Definition die vielfältigen Formen der Behinderung von Journalisten in der Ausübung ihres Berufes außer acht. Ferner sind die Form und der Grad der Zensur das wohl wichtigste Kriterium bei der Beurteilung des Einflusses der ausgewählten Kriege auf die Geschichte der Kriegsberichterstattung. Der Krieg gegen den Irak im Jahre 2003 brachte eine neue Spezies von Berichterstatter hervor, den Embedded Journalist. Dieser sollte, so die Pläne des amerikanischen Verteidigungsministeriums, einer Einheit der US-Streitkräfte zugeteilt werden, er sollte diese Einheit während des gesamten Krieges begleiten und über sie wie auch über den Verlauf des Krieges berichten. Bald wurde Kritik an diesen Plänen laut. Die Kritiker stellten die Objektivität der Embedded Journalists grundsätzlich in Frage: Ein Journalist, der einer militärischen Einheit zugeteilt ist, mit ihr lebt und damit auch das Schicksal dieser Einheit teilt, könne so die Argumentation der Kritiker niemals neutral und objektiv berichten. Ihm fehle die notwendige Distanz zu den Ereignissen, über die er zu berichten hat. Grundlage der Kritik war die Frage, ob ein Reporter, der vor Ort über einen Krieg berichtet, seiner Arbeit mit der gebotenen Sorgfalt und Distanz nachgehen kann. Eine Zensur im Sinne der Definition des Duden gab es im Irak-Krieg bei den Embedded Journalists zumindest auf dem Papier auch, jedoch setzten die Verantwortlichen lieber auf die Schere im Kopf des Reporters, der, da er ja eben mit der Einheit lebt und so zu einem Teil von ihr geworden ist, wohl nichts berichten wird, was seiner Einheit und damit auch ihm schaden könne Vgl. Zweites Deutsches Fernsehen [Hrsg.]: ZDF-Jahrbuch 2003; Mainz 2004, S Zur Bedeutung der militärischen Einheit für den einzelnen Soldaten siehe Fraund, Philipp: Zur Funktion einer Elite - Das United States Marine Corps als Stifter nationaler Identität; in: Hofmann, Wilhelm; Lesske, Frank Seite 10

19 Das klassische Beispiel dafür, was passieren kann, wenn keinerlei Zensur in einem Kriegsgebiet ausgübt wird, ist der Krieg, der sich von 1960 bis 1975 in Vietnam und Süd-Ost-Asien abspielte. Dies war der einzige Krieg, über den die westlichen Medien ohne jede Form von Zensur berichten konnten. Gleichzeitig steht dieser Krieg im Ruf, der bestdokumentierte Krieg überhaupt zu sein, ein Einschätzung, die sich erstens auf die Intensität der Berichterstattung über die gesamte Dauer des Krieges und zweitens auf die Zahl der Journalisten vor Ort stützt. 42 Folgt man den Erhebungen des Centers of Military History der U.S. Army, waren 5098 Journalisten in Vietnam akkreditiert. 43 Damit verbunden war jedoch eine teilweise kritischere und skeptischere Berichterstattung, als dies den offiziellen Stellen lieb sein konnte. Gleichwohl scheiterte, wie zu zeigen sein wird, die Einführung einer Pressezensur schon zu Beginn des amerikanischen Engagements in Vietnam. Dies führte dazu, daß sich die Legende, die Medien hätten durch ihre Berichterstattung maßgeblich zur Beendigung des Krieges beigetragen, bis heute hartnäckig hält. Es wird zu fragen sein, ob diese Legende weiterleben kann. Zwischen diesen beiden Extremen in der Berichterstattung und Zensur verliefen weitere Kriege und Konflikte, in denen sich die Einschränkungen und Zensurmaßnahmen immer weiter verfeinert haben. Rekonstruiert man den Verlauf der Einschränkungen und Zensurmaßnahmen in der Berichterstattung über Kriege, so scheint der Schluß nahezuliegen, daß sich diese Maßnahmen von Krieg zu Krieg verschärft haben. Hierbei scheint es sich eher um eine Form von institutionellem Lernen zu handeln als um ein zufälliges Produkt. So läßt sich das Diktum des amerikanischen Militärhistorikers Samuel Eliot Morison Military men are often accused of planning every new war in terms of the last one. 44 in diesem Fall eher auf die Berichterstattung der Presse anwenden als auf die Planungsstäbe der Militärs. Daraus läßt sich aber der Schluß ableiten, daß die Presse oftmals in die Berichterstattung über einen Krieg so einsteigt, wie sie es im Krieg zuvor auch getan hat. Wenn dem aber so ist, dann stellt sich die Frage, ob nur die Militärs Lehren aus den vergangenen Kriegen gezogen haben. Bei einem Blick auf die Umstände der Berichterstattung zeigt sich aber, daß der Lernprozeß der Medien oftmals spät einsetzt und sich nicht so sehr mit den Vorwürfen der Kritiker gegen die Medien befaßt, sondern oftmals nur schaut, wie über den letzten Krieg bei der Konkurrenz berichtet wurde; welche Mittel und Techniken sie eingesetzt hat, um die Berichterstattung sicherzustellen. In dieser Art und Weise findet auch innerhalb der Sendeanstalten und Verlagshäuser ein institutioneller Lernprozeß statt, der sich aber von dem der Militärs grundlegend unterscheidet. Dieser unterschiedliche Lernprozeß hängt unter anderem damit zusammen, daß die Konkurrenzsituation der verschiedenen Medien untereinander viel größer ist als die des Militärs. Ferner besteht zumindest der Verdacht, daß es sich bei den Medien um extrem selbstreferentielle Institutionen handelt, die mehr an der Nabelschau untereinander interessiert sind als an der Verbesserung der Berichterstattung. In diesem Fall trifft das alte Credo der Verfechter einer freien Marktwirtschaft, nach dem sich über Angebot und Nachfrage auch die Qualität ändert, [Hrsg.]: Politische Identität visuell; Münster 2005, S , hier S , im folgenden zitiert als Fraund: Funktion einer Elite..., 42 Vgl. unter anderem die Fragestellung in Shaughnessy, C. A.: The Vietnam Conflict. "America's Best Documented War"?; in: The History Teacher 24 / 2 / 1991; S , im folgenden zitiert als Shaughnessy: Vietnam Conflict..., 43 Zahlenangabe entnommen aus Hammond: Who Were the Saigon Correspondents..., S Zitiert nach Morison, Samuel Eliot: The Battle of the Atlantic. September May 1943; Boston 1984, S. 3, im folgenden zitiert als Morison: Battle..., Seite 11

20 nicht zu. Es ist vielmehr zu beobachten, daß die Qualität des Fernsehprogramms im Allgemeinen wie auch die Qualität der Kriegsberichterstattung im Speziellen in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Anzahl der empfangbaren Programme steht. Daher erscheint es notwendig zu sein, die Berichterstattung über Kriege durch den kritischen Blick des Historikers zu würdigen. Der Blick von außen gerade auf das selbstrefentielle System der Medien scheint umso nötiger, je mehr die Medien in der modernen Gesellschaft die Funktion einer Deutungsinstanz wahrnehmen. 45 Dadurch, daß die Medien eben diese Funktion wahrnehmen, wird ihnen bzw. den Bildern und Informationen, die sie liefern, eine Objektivität zugeschrieben, deren Anspruch sie aber in den seltensten Fällen gerecht werden können. Wenn ihnen aber dieses nicht einzulösende Objektivitätsversprechen zugeschrieben wird, dann muß danach gefragt werden, wie es zu dieser Zuschreibung kommt und ob sich die Berichterstattung dieser Erwartungshaltung angepaßt hat. 1.1 Quellenlage Kriege und Konflikte sind so alt wie die Menschheit selbst. 46 In dem Maße, wie sich die Natur, das Erscheinungsbild des Krieges, über die Jahrhunderte geändert hat, scheint sich auch die Art und Weise, wie über Kriege berichtet wird, geändert zu haben. 47 Folgt man John Keegan und den Entdeckern der Psychoanalyse um Sigmund Freud, so reicht Krieg bis in die dunkelsten Tiefen der menschlichen Seele, dorthin, wo das Ich rationale Ziele auflöst, wo der Stolz regiert, Emotionen die Oberhand haben und der Instinkt herrscht. 48 Wenn er aber in diesen Ebenen der menschlichen Seele existiert, dann ist der Mensch gewissermaßen genetisch auf Krieg programmiert. So erschreckend diese Vorstellung ist, sie gehört zu den Grundlagen der politischen Theorie, aber auch zu den Fundamenten der großen monotheistischen Religionen. Aus dieser Vorstellung heraus entwickelten sich auch die ersten Versuche zur Begrenzung und Einhegung des Krieges. 49 Die Versuche, Krieg zu begrenzen, hatten ihre Ursache vermutlich in dem Schrecken, den 45 Siehe hierzu auch den Titel des Sammelbandes von Korte, Barbara; Tonn, Horst [Hrsg.]: Kriegskorrespondenten: Deutungsinstanzen in der Mediengesellschaft; Wiesbaden Vgl. Knott-Wolf, Brigitte: Zwischen Sensationsmache und Propaganda. Über Macht und Ohnmacht der Kriegsberichterstatter; in: Deutsche Welle [Hrsg.]: "Sagt die Wahrheit: Die bringen uns um!". Zur Rolle der Medien in Krisen und Kriegen (= DW-Schriftenreihe, Bd. 3); Berlin 2001, S , hier S. 15; im folgenden zitiert als Knott-Wolf: Sensationsmache und Propaganda, 47 Hierzu ausführlich Münkler, Herfried: Die neuen Kriege; Reinbeck / Hamburg , im folgenden zitiert als Münkler: Die neuen Kriege..., siehe auch Black, Jeremy: War in the new Century; London 2001, im folgenden zitiert als Black: War in the new Century..., siehe auch Keegan, John: Die Kultur des Krieges; Reinbeck / Hamburg , im folgenden zitiert als Keegan: Kultur des Krieges..., siehe ferner Frieser, Karl-Heinz: Blitzkrieg- Legende. Der Westfeldzug 1940; München , im folgenden zitiert als Frieser: Blitzkrieg-Legende..., auch Roth, Günter: Das Verhältnis von Politik und Kriegsführung. Ein Streifzug durch die Militär- und Kriegsgeschichte; in: Militärgeschichtliches Forschungsamt [Hrsg.]: Ideen und Strategien Ausgewählte Operationen und deren militärgeschichtliche Aufarbeitung (= Operatives Denken und Handeln in deutschen Streitkräften, Bd. 3); Herford, Bonn 1990, S , im folgenden zitiert als Roth: Verhältnis von Politik und Kriegsführung..., siehe auch Vegetius, Flavius Renatus: Epitoma rei militaris; Aarau, Frankfurt / Main 1986, im folgenden zitiert als Vegetius: Epitoma..., siehe ferner Fürbeth, Frank: Zur deutschsprachigen Rezeption des "Epitoma rei militaris" des Vegetius im Mittelalter; in: Brunner, Horst [Hrsg.]: Die Wahrnehmung und Darstellung von Kriegen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit; Wiesbaden, S , im folgenden zitiert als Fürbeth: Rezeption der "Epitoma rei militaris"..., 48 Keegan: Kultur des Krieges..., S Vgl. Keegan: Kultur des Krieges..., S. 22. Zu den theologischen wie auch philosophischen Versuchen, den Krieg einzuhegen, siehe unter anderem Kleemeier, Ulrike: Grundfragen einer philosophischen Theorie des Krieges. Seite 12

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