DIE BESTE ZEIT. Das Magazin für Lebensart

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1 DIE BESTE ZEIT Das Magazin für Lebensart Wuppertal und Bergisches Land Februar/März ,50 Euro Caligula und die Würstchen Albert Camus Drama Toshiyuki Kamioka Von der Heydt-Preisträger 2011 Von der Heydt-Museum Gustav Wiethüchter Ragna Schirmer Sinfonieorchester Wuppertal Musikhochschule Man will sein Publikum erreichen Ute Klophaus Anders als mit Worten Joseph Haydn L incontro improvviso Peter Brötzmann Jazz ist ein politisches Genre Dorothea Renckhoff Die Heimkehrerglocke Wolfgang Schmidtke All things you are Günter Krings Ein kreativer Prozess 1

2 Bezugsquellen: Die Beste Zeit Das Magazin für Lebensart erhalten Sie ab sofort: Friedrich-Ebert-Str. / Ecke Laurentiusstr Wuppertal Telefon (0202) Bürobedarf Illert Grabenstraße Wuppertal Telefon (0202) Bücher Köndgen Werth Wuppertal Telefon (0202) Bahnhofsbuchhandlung im Barmer Bahnhof Winklerstraße Wuppertal Telefon (0202) Museums-Shop Turmhof Wuppertal Telefon (0202) Hirschstraße Wuppertal Telefon (0202) Wohn- und Objektbeleuchtung Karlstraße Wuppertal Telefon (0202) Galerie epikur epikur Friedrich-Ebert-Straße 152a Wuppertal Tel.: Jahre Ronsdorfer Bücherstube Christian Oelemann Staasstraße Wuppertal Telefon (0202) Druckservice HP Nacke KG Mediapartner Druck Verlag Friedrich-Engels-Allee Wuppertal Telefon (0202) Hauptstraße Wuppertal Telefon (0202) Bücherladen Jutta Lücke Hünefeldstraße Wuppertal Telefon (0202) Impressum Die beste Zeit erscheint in Wuppertal und im Bergischen Land Erscheinungsweise: 5 6 mal pro Jahr Verlag HP Nacke KG - Die beste Zeit Friedrich-Engels-Allee 122, Wuppertal Telefon V. i. S. d. P.: HansPeter Nacke und Frank Becker Erfüllungsort und Gerichtsstand Wuppertal Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt. Gastbeiträge durch Autoren spiegeln nicht immer die Meinung des Verlages und der Herausgeber wider. Für den Inhalt dieser Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich. Umschlagabbildung: Toshiyuki Kamioka, Foto: Antje Zeis-Loi Kürzungen bzw Textänderungen, sofern nicht sinnentstellend, liegen im Ermessen der Redaktion. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann keine Gewähr übernommen werden. Nachdruck auch auszugsweise von Beiträgen innerhalb der gesetzlichen Schutzfrist nur mit der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages. Trotz journalistischer Sorgfalt wird für Verzögerung, Irrtümer oder Unterlassungen keine Haftung übernommen.

3 Editorial Liebe Leserin, lieber Leser, vor Ihnen liegt die 8. Ausgabe des Kulturmagazins Die Beste Zeit, nun nicht mehr kostenlos, jedoch erneut mit vielen interessanten Artikeln aus allen Bereichen der regionalen Kultur. Als ich im Oktober 2009 die erste Ausgabe in Wuppertal vorgestellt habe, war ich noch recht euphorisch, voller Hoffnung und auch der festen Auffassung, dass ein regionales Kultur-Magazin, inhaltlich anspruchsvoll und klar gestaltet, eine gewisse Berechtigung und Überlebenschance hat als Ergänzung und Gegenpol zur Tagespresse, ohne Gefälligkeitsjornalismus oder als reiner Anzeigenfriedhof und ganz bestimmt ohne jede Vorstellung, aus einem solch ambitionierten Produkt Profit zu schlagen konnte ich Frank Becker als Mitherausgeber gewinnen. Nach einer gewissen Anlaufphase zumindest kostendeckend zu produzieren war aber schon unsere Vorstellung. Inzwischen ist der Enthusiasmus einer gewissen Ernüchterung gewichen, und wir müssen mangels Abonnenten und Anzeigen um ein Fortbestehen des Magazins kämpfen. Im Laufe der letzten 14 Monate sind über 400 kulturjournalistische Seiten entstanden, Hefte haben wir kostenlos in Wuppertal, Remscheid und Umgebung verteilt. Viele bekannte Autoren haben ihre Beiträge ohne Honorar zur Verfügung gestellt. Über Oper, Schauspiel, Tanz, Konzerte, Literatur und Ausstellungen haben wir berichtet, Persönlichkeiten aus dem Bereich der Kultur porträtiert und neue Kunstbücher vorgestellt. Die Arbeit hat stets auch unter dem branchenüblichen Termindruck Freude gemacht und soll es auch weiterhin tun. Nur müssen wir ab jetzt auch der wirtschaftlichen Erfordernis Rechnung tragen, was bedeutet, dass Die Beste Zeit nicht mehr kostenlos zu erhalten sein wird. Diejenigen unserer Leser, die Die Beste Zeit weiterhin lesen möchten können sie bei unseren Partnern erwerben, die es bereithalten das sind: Buchhandlung Nettesheim, Cronenberg Ronsdorfer Bücherstube Buchhandlung v. Mackensen Illert Bürobedarf Museums-Shop des von der Heydt-Museums Lichtbogen Frank Marschang Galerie Epikur Bücher Köndgen Barmen Bahnhofsbuchhandlung im Barmer Bahnhof Skulpturenpark Waldfrieden Druckservice HP Nacke KG Bücherladen Jutta Lücke Wenn Sie das Magazin abonnieren möchten, erhalten Sie es bequem mit der Post ins Haus. Viel Freude beim Lesen und Genießen wünschen Ihnen Ihr HansPeter Nacke und Frank Becker als Mitherausgeber 3

4 1/8 Keine Angst vor Berührung In den schwersten Stunden lassen wir Sie nicht allein. Barbara Neusel-Munkenbeck und die Urne moi seit 1813 Alles hat seine Zeit. Berliner Straße Wuppertal Tag und Nacht RL_Anz_NL_A4_01.indd :50:56 Uhr 4

5 Inhalt Heft 8 Februar/März 2011 Caligula und die Würstchen Albert Camus Drama im Wuppertaler Schauspielhaus von Frank Becker Seite 6 Die Heimkehrerglocke aus dem Tagebuch von Gottlieb Waltz von Dorothea Renckhoff Seite 29 Toshiyuki Kamioka über den frisch gebackenen Von der Heydt-Preisträger von Marlene Baum Seite 9 Wolfgang Schmidtke All the things you are von Frank Becker Seite 32 Von der Heydt-Museum zur Gustav Wiethüchter-Ausstellung von Herbert Pogt Seite 11 Günter Krings Ein kreativer Prozess von Antje Birthälmer Seite 34 Ragna Schirmer spielt Mozart Sinfonieorchester Wuppertal von Frank Becker Seite 16 Neue Kunstbücher Gegenwart und Zukunft der Malerei in Deutschland von Thomas Hirsch Seite 37 Hochschule für Musik und Tanz Man will mit allen Poren sein Publikum erreichen! von Marlene Baum Seite 18 Die Stimme der Poesie und Freiheit die Wuppertaler Else-Lasker-Schüler- Gesellschaft wurde 20 von Heiner Bontrup Seite 39 Ute Klophaus Anders als mit Worten von Thomas Hirsch Seite 23 Schnitzel zur Aufführung von Stefan Otto und Dirk Michael Häger von Frank Becker Seite 41 Die unverhoffte Begegnung Joseph Haydns L incontro improvviso im Opernhaus Wuppertal von Martin Freitag Georges Seite 25 Braque, Amaryllis, 1958 Ernst Höllerhagen Jazz unterm Hakenkreuz die Wiederentdeckung einer Swinglegende von Heiner Bontrup Seite 42 Peter Brötzmann Buchvorstellungen Seite 43 Jazz ist ein politisches Genre von Matthias Dohmen Seite 27 Georges Braque, Amaryllis, 1958 Türme, Treppen, Bügeleisen Jahrbuch Histor. Kommunismusforschung Lurchi, das lustige Salamanderbuch

6 Martin Kloepfer inszeniert Albert Camus Drama als Parabel auf den Kleinmut Deutsche Bearbeitung von Uli Aumüller v.l.: Julia Wolff, Gast, Hendrik Vogt, An Kuohn, Gregor Henze, Piono Popolo, Sophie Basse, Gast, Anne-Catherine Studer, Gast Caligula und die Würstchen Was braucht es, um einen Menschen in derart heiligen Zorn zu versetzen, daß er sich gegen den Tyrannen erhebt? Den Mord am eigenen Vater? Die Schändung der eigenen Tochter? Selbst zum Mord am Geliebten befohlen zu werden oder einer solch schändlichen Tat als Zeuge beizuwohnen? Mehr als das, signalisiert Regisseur Martin Kloepfer in seiner um das erbärmliche Zeitkolorit aktueller TV- Präsentationen bereicherten Inszenierung von Albert Camus selten aufgeführtem Drama um die Selbstbestimmung des Menschen. Die nämlich endet da, wo er auf das unüberwindbar scheinende Hindernis unbegrenzter Autorität zu stoßen glaubt. Vor Kaiser Caligula (Gaius Caesar Augustus, 12-41, römischer Herrscher von 37-41, eine historische Figur) und seiner hemmungslosen Ausübung absoluter autokratischer Macht knicken die Hofschranzen des Imperium Romanum ein, gleich welches Unrecht, welche Erniedrigung ihnen zugefügt wird. Gregor Henze gibt in der Wuppertaler Inszenierung den juvenilen Tyrannen in einer grandiosen Gratwanderung zwischen dem Beobachter 6

7 mit klarem Verstand und seinem Handeln in wachsendem Wahnsinn, in den seine Hybris mündet. Aus dem Kreis der Vertrauten, die den jungen Herrscher bis zum einschneidenden Verlust seiner Geliebten und Schwester Drusilla geführt haben, wird im Handumdrehen ein nur kurz aufbegehrender Haufen von zitternden Opportunisten, der unter den ersten, heftig geführten Schlägen des blutdürstigen Imperators zu niederstem Personal zerfällt. Armselige Würstchen, lassen sie alles, aber auch alles geschehen, bebend vor Eine einzige Figur vermag Caligula wirklich zu widerstehen der an den Rollstuhl gefesselte Dichter Cherea (Thomas Braus), der zwar als denkender Mensch und erklärter Gegner Caligulas mit dessen Duldung energisch den Gegenpart gibt, aber weise genug ist, den Bogen angev.l.: Thomas Braus, Gregor Henze Furcht, das nächste Opfer des skrupellosen Herrschers zu werden. Daß Kloepfer dabei den Blick mehr als nur auch auf das Publikum richtet, sondern es mit parodistischen Mitteln von Beschreibungen moderner Kunst durch Caesonia (grandios: Sophie Basse) und mit grell überzeichneten Schnipseln deutscher TV-Unterhaltung (Lutz Wessel und ebenfalls Sophie Basse) eindeutig in den Fokus seiner Fingerzeige rückt, ist nicht zu übersehen. Ja, die Rede ist in Kloepfers Interpretation von Ihnen und von mir, von uns. Gelähmt von der unnachgiebigen Gewalt des Mannes, der sich für den einzig freien Menschen hält und das nur in sinnlosen Morden glaubt beweisen zu können, der in wahnwitzigen Maskeraden seine makabren Späße treibt, wissen die Erniedrigten nicht die eigene Macht zu nutzen so Scipio (Hendrik Vogt), der mit der blanken Klinge in der Hand vor der Rhetorik des gefesselten Caligula scheitert. Nur zwei Personen schlagen sich aus unterschiedlichen Motiven auf die Seite des von Frauen erzogenen 25-jährigen Kaisers: die ältere, notgeile Kurtisane Caesonia und der aus dem Sklavenstand erhobene Günstling Helicon. Caesonia, weil sie nichts anderes kann, als - durchaus zu ihrem eigenen Vorteil - Liebe geben und Helicon, weil er blind vor Dank und bei aller Intelligenz ( Ich weiß viel, aber es interessiert mich nicht. ) Caligula hündisch ergeben ist, ein Strizzi mit Goldkettchen und Badelatschen. Am erbärmlichen Untergang dieser beiden wird sich auch das Ende des Tyrannen messen. Sophie Basse glänzt in hinreißender Wandlungsfähigkeit, gibt ihrer Caesonia genau den gebrochenen Charakter, der sie zum Bindeglied zwischen Caligulas Liebes-Trauma und seiner am Unmöglichen scheiternden Maßlosigkeit werden läßt. Obwohl privilegiert, wird sie das letzte Opfer der auch aus Hunger nach den eigenen Grenzen mordenden Bestie. Basse tut das komödiantisch und ungemein tief empfindend. 7

8 sichts der Unzuverlässigkeit selbst von Verschwörern nicht zu überspannen. Thomas Braus verkörpert den intellektuellen Hofnarren, einen Philosophen, der auch dem Patriziertum, mit dem er sich zeitweilig verbündet und seinem geld- und einflußgierigen Opportunismus ablehnend gegenübersteht. Caligula ist er nicht nur ein ebenbürtiges, sondern mehr: ein überlegenes Gegenüber. Hier sieht der Maßlose in Minuten des offenen Wortes seine Grenzen, hier vergeht er sich gegen sich selbst, indem er sich dazu erniedrigt, Hand an den Hilflosen zu legen. Doch auch durch solche Selbstbestrafung kann er sich dem eigenen Untergang nicht entziehen. Seinen Sturz provoziert er, der das höchste, bewußt überzogene Ziel nicht erreichen konnte, nämlich den Mond zu besitzen, in restloser Übersättigung selbst. Was er wolle, kann er noch einmal sagen: Nichts mehr! Nur noch alles! Martin Kloepfer macht auch aus dem Tyrannenmord eine Absurdität, er läßt Caligula nicht stilgerecht erstechen, sondern mit Flaschen erschlagen, nachdem er ihn Jonathan Kings Everyone s Gone To The Moon (1965 für eine Woche auf Platz 10 der US-Charts) gebrochen hat singen lassen. Es sind die leisen Töne, die diese Inszenierung ausmachen, viel tiefer dringen als das plakative Verrecken an Gift-Pillen, die angedeutete Vergewaltigung einer Patrizier-Tochter oder der grölende Caligula. Es ist auch dadurch so erschreckend, daß sich die Figuren im Laufe der drei Jahre überspannenden Handlung zwar äußerlich verändern, ihre angstgelähmten, katzbuckelnden Charaktere aber nicht entwickeln. Ein hervorragendes Ensemble, allen voran Gregor Henze, Sophie Basse und Thomas Braus trägt die 105 Minuten ohne Pausen-Unterbrechung sehen wir mal vom hölzernen Spiel zweier Laiendarsteller ab und setzt das Regiekonzept in geradezu unbedeutender Ausstattung brillant um. Camus Caligula wurde zu seiner Entstehung 1945 als Parabel auf Hitler und seinen Hofstaat gesehen. Heute ist nicht nur die Welt voller kleiner und großer, und beileibe nicht nur politischer Hitlers, heute scheint die Bedenkenlosigkeit, mit der solchen Gestalten auch medial Freiraum gewährt wird, grenzenlos. Kloepfer könnte mit seiner Inszenierung einen Hinweis darauf geben wollen. Wenn das sein Plan war, ist die Rechnung aufgegangen. Regie: Martin Kloepfer Ausstattung: Oliver Kostecka Dramaturgie: Sven Kleine Besetzung: Gregor Henze (Caligula) Sophie Basse (Caesonia) Lutz Wessel (Helicon) Thomas Braus (Cherea) Hendrik Vogt (Scipio) Helmut Büchel (Senectus) An Kuohn (1. Patrizierin) Pino Popolo (Octavius) Julia Wolff (2. Patrizierin) Klaus Hille (Lepidus) Anne-Catherine Studer (3. Patrizierin) Wolfgang Möser (Mucius) Weitere Informationen unter: Frank Becker Fotos: Uwe Stratmann 8

9 Man muss das Herz des Stückes spüren Professor Toshiyuki Kamioka ist frisch gebackener Von der Heydt-Preisträger Toshiyuki Kamioka in der Stadthalle Wuppertal Foto: Antje Zeis-Loi Genau eine Woche nach der Preisverleihung und zwischen zwei Konzerten durfte ich ihn sprechen. Für seine selbstverständliche Offenheit möchte ich ihm ganz herzlich danken. Toshiyuki Kamioka war von klein auf Einzelgänger. Am liebsten war es ihm, wenn er im Kindergarten ganz allein in der Ecke des Sandkastens sitzen konnte. Nur mit viel Geduld war das schüchterne Kind dazu zu bewegen, Kontakt zu anderen aufzunehmen. Schon die Aufnahmeprüfung für den Kindergarten schaffte er zunächst nicht, und auch in der Schule glänzte er nicht sonderlich. Es war ihm kaum möglich, vor anderen zu sprechen ohne zu erröten. Diese Zurückhaltung ist ihm bis heute geblieben, und sie macht einen großen Teil seines Charmes aus, gerade weil sie so echt ist. Abgesehen von der Geduld seiner Eltern war der Glücksfall seiner Kindheit der evangelische Kindergarten in Tokio, in den Toshiyuki per Zufall geriet, weil er in der Nähe des Elternhauses gelegen war. Dort hatte er eine Lehrerin, die fantastisch Klavier spielen konnte. Ihr verdankt Kamioka den Zugang zur klassischen Musik. Mit dieser Lehrerin ist er bis heute in Kontakt; sie ist inzwischen 80 und er selbst 50 Jahre alt. Der evangelische Kindergarten brachte für den Knaben nicht nur den Zugang zur klassischen Musik, sondern auch zum Christentum, obgleich weder er selbst noch seine Eltern einer Kirche angehören. Bis zu seinem 16. Lebensjahr ging der junge Kamioka jeden Sonntag in die Kirche, die, obgleich nur ein ganz schlichter Raum, ihm immer etwas ganz Besonderes war: Einmal am Sonntag dort zu sein, hielt für die ganze Woche vor. So wuchs der junge Musiker wie selbstverständlich mit der klassischen Musik und dem christlichen Gedankengut auf, was 9

10 ihm den Zugang zu der umfangreichen geistlichen Musik sehr erleichtert hat. Für einen Japaner ist es vergleichsweise einfach, sich in die europäische Musiktradition einzuarbeiten und einzufühlen, weil die japanische Musik ungleich komplizierter ist, zumal es keine einheitliche Notation gibt. Der Hang zur Einsamkeit ist Kamioka geblieben. Bis heute ist ihm Schweigen lieber, kein Wunder, dass Chopin sein Lieblingskomponist ist. Dieser Vorliebe ist der Dirigent treu geblieben. Nur schade, dass Chopin keine Oper geschrieben hat. Bis heute besitzt Kamioka weder ein Fernsehgerät noch Schallplatten. Deshalb ist er vollkommen authentisch, wenn er Musikwerke einstudiert. Tagelang am Klavier zu sitzen oder Partituren zu studieren erfüllt ihn mit Glück. Aus Begeisterung und Liebe zu einem Stück erwächst dann der Wunsch, diese mit dem Publikum zu teilen. Man muss begeistert sein, man muss das Herz des Stückes spüren und die Musik so lieben, dass man sie mitteilen will und das Publikum unbedingt von diesem Stück überzeugen möchte. Darin liegt die Hauptaufgabe des Dirigenten. Dazu gehört tausendmal Notenlesen, und das Lesen vieler Bücher. Ich möchte des Komponisten bester Freund sein. Doch der Weg zum Konzertpodium ist immer dornenreich. Nach wie vor ist das Lampenfieber ständiger Begleiter, von jeder Probe bis zum Schlussapplaus. Da hilft kein noch so großer Beifall, im Gegenteil, trotz der Freude fühlt sich der Dirigent noch mehr herausgefordert, sein Bestes zu geben. Daher erklärt sich auch die kleine Verzögerung, mit der Kamioka auf der Bühne zu erscheinen pflegt, und die uns, seinem Publikum, so vertraut ist. Sie ist dem Mut geschuldet, den es erfordert, aufzutreten. Da ist es für den Dirigenten ein großes Glück, seine Mannschaft zu haben, auf die er vertraut. Ich bin immer selbstkritisch und nervös und frage mich, ob ich es richtig gemacht habe. Die Musik selbst ist ja ohne Ziel, und ich möchte das Bestmögliche herausholen. Eitles Ego oder Machtgefühle einem Orchester gegenüber kommen diesem Dirigenten erst gar nicht in den Sinn, denn er sieht sich als Liebender und als Diener der Musik. Seine Mannschaft möchte er nicht missen. Natürlich bin ich der Chef, aber es liegt mir überhaupt nicht, ein Machtwort zu sprechen, ich möchte musizieren. Man soll sich ohne Worte verstehen. Die klangliche Wärme, die das besondere Charakteristikum des Streicher- und Bläserklanges der Wuppertaler Sinfoniker ausmacht, resultiert aus der Herzenswärme, die wiederum aus der Liebe zum Werk erwächst. Kamiokas Liebe gilt besonders der menschlichen Stimme. Ein Instrument kann man immer spielen, die Stimme jedoch ist abhängig von Stimmungen, sie kann nicht lügen. Es gibt keine Stimme, die der anderen gleicht, auch jeder Chor hat seinen unverwechselbaren Klang. Die Oper mit ihrer reichen Gefühlswelt immer stirbt da jemand fasziniert ihn. Als Dirigent jedoch muss man diesen permanenten Exaltationen gegenüber distanziert bleiben, denn nur aus der persönlichen Distanz kann man den musikalischen Ausdruck angemessen umsetzen. Der richtige Genuss kommt eigentlich nur zu Hause beim Klavierspielen. Das sagt der Dirigent, der selbst ein herausragender Pianist ist! Nein, es juckt ihn nicht in den Fingern, wenn er mit seinem Orchester einen Pianisten begleitet, sondern ihm geht es ausschließlich um das gemeinsame Musizieren. Nun ist Toshiyuki Kamioka Von der Heydt-Preisträger der Stadt Wuppertal, was sicher auch als Liebeserklärung an den Dirigenten zu verstehen ist. Diesen Preis anzunehmen, ist ihm natürlich schwer gefallen, denn eigentlich hätte ihn doch die Mannschaft verdient. Aber auch Preise anzunehmen muss man eben lernen. Hat Kamioka noch Träume? Ja, Komponieren, Klavierspielen und Dirigieren. Nur die Reihenfolge stimmt nicht, ich bin gerade erst bei Nummer drei, dem Dirigieren. Zum Klavierspielen habe ich zu wenig Zeit, und das Komponieren war schon immer mein eigentlicher Traum. Toshiyuki Kamioka ist 1960 in Tokio geboren. Als Dirigent und Pianist lebt Toshiyuki Kamioka, Foto: Pluszynski und arbeitet er seit 1984 in Deutschland wurde er Generalmusikdirektor in Wuppertal und hat gleichzeitig eine Professur für Dirigieren an der Hochschule für Musik in Saarbrücken inne. Seit er 2009 Generalmusikdirektor am Staatstheater in Saarbrücken geworden ist, bleibt er den Wuppertalern wenigstens als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter erhalten. Mit seiner Mannschaft hat er inzwischen nicht nur das europäische Ausland begeistert, sondern auch seine Landsleute und 2010 waren alle Konzerte in Japan ausverkauft, und die Fans standen Schlange um Autogramme. Vielleicht gibt es eines Tages eine Professur für Dirigieren in Wuppertal? Marlene Baum 10

11 Ausstellung im Von der Heydt-Museum 23. Januar bis 26. Juni 2011 Gustav Wiethüchter Kennen Sie diesen Künstler mit dem schwer auszusprechenden ostwestfälischen Namen? Wahrscheinlich nicht, obgleich er im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine Größe in der deutschen Kunstszene war. Er ist in Vergessenheit geraten, nur einige Kenner in seiner Heimatstadt Bielefeld und in Wuppertal, wo er seit dem Februar 1900 wirkte, können mit seinem Namen etwas verbinden. Das wird sich mit dieser Ausstellung ändern. Nach seiner Ausbildung als Dekorationsmaler in Bielefeld und einer künstlerischen Fortbildung in Berlin wurde er als Lehrer für Malen nach der Natur und Formenlehre an die Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Barmen berufen. Barmen hatte wie das benachbarte Elberfeld seine eigene Kunstgewerbeschule, die zwei Jahre nach der Vereinigung der beiden Städte sowie anderen Gemeinden zur Großstadt Wuppertal 1931 zusammengelegt wurden. Schnell erwarb sich Wiethücher den Ruf eines hervorragenden Pädagogen. Bis zu seinem vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand 1933 hat er nach eigener Aussage annähernd Schüler ausgebildet: vom Anstreicherlehrling über die Textildesignerin bis zu Jankel Adler, einem der vergessenen Künstler von Weltrang. Als guter Pädagoge war Wiethüchter stets darauf bedacht, auf dem jeweils neuesten Stand der Kunstentwicklung in Berlin, im Rheinland und in Paris zu sein, den er dann an seine Schülerinnen und Schüler weiter vermitteln konnte. So arbeitete er in seiner Frühzeit in einem an Ferdinand Hodler erinnernden symbolistischen Stil, um 1920 experimentierte er mit expressionistischen Formelementen, ab der Mitte der 20er Jahre finden sich in seinen Gemälden verstärkt französische Ansätze. Er griff Anregungen Die Ehe um 1920, Pappe, 49 x 41 cm 11

12 von Braque, Bonnard und den Fauves auf; unter seinen Arbeiten auf Papier finden sich postimpressionistische Pastelle, neusachliche Familienporträts sowie Collagen und abstrakte Aquarelle. Diese Vielfalt hat ihm den Vorwurf eingebracht, kein authentisches Werk geschaffen zu haben. Seine Mannigfaltigkeit macht ihn aber wohl eher vergleichbar mit den ganz Großen Kandinsky oder Picasso, die in ihrem Leben auch die unterschiedlichsten Perioden und Stile durchlaufen haben. Wiethüchter entwickelte eine Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten, sein Reichtum an künstlerischen Fähigkeiten scheint unbegrenzt gewesen zu sein. Das Von der Heydt-Museum besitzt seit vielen Jahren eine größere Gruppe an Gemälden von Gustav Wiethüchter heute insgesamt vierzehn. In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erhielt das Museum eine beträchtliche Schenkung von Irmin Sauer-Wieth, Tochter des Künstlers und selbst eine in Wuppertal angesehene Künstlerin. Es waren wohl nur zwei Gemälde des Vaters darunter, aber mehrere Hundert seiner Arbeiten auf Papier: Pastelle, Zeichnungen, Linolschnitte, Aquarelle, Collagen sowie Skizzenhefte, Fotografien, Fotoalben und viele Manuskripte. Wiethüchter war nicht nur ein extrem vielseitiger Künstler, der auch Spitzen für die Wuppertaler Textilindustrie entwarf, sondern auch ein fleißiger Autor, der sich in Zeitungen und Zeitschriften sowie selbstverlegten Broschüren insbesondere zu Themen der Kunst und Pädagogik äußerte. Im Jahre 2009 wurde diese Werkgruppe ergänzt um eine weitere reiche Schenkung, dieses Mal aus dem Nachlass der älteren Tochter Gisela Bonert-Wieth, wohnhaft in Aarau/Schweiz. Auch hier finden sich neben Pastellen und Zeichnungen wiederum zahlreiche Manuskripte aber auch Druckgrafik, die in der Zueignung der Schwester Irmin Sauer-Wieth fehlt. Dazu kommen zwei Dutzend Schülerarbeiten u. a. von den beiden genannten Töchtern. Der Schwerpunkt der großzügigen Schenkung liegt jedoch auf 70 Gemälden von Gustav Wiethüchter. Der Kunst- und Museumsverein verwaltet dieses Konvolut als Stiftung, deren Ertrag zur Erforschung des Lebens des Künstlers sowie zu Ausstellungen und Publikationen über G. Wiethüchter dienen soll. Die Schau, die am 23. Januar eröffnet wurde und bis in den Juni hinein läuft, ist eine Verkaufsausstellung; der größte Teil der 70 Gemälde und eine Vielzahl von Dru- Sommer in Schweizer-Jura,1937, Öl auf Leinwand, 63 x 71 cm 12

13 cken und Pastellen, sowie Wiethüchter- Kataloge früherer Ausstellungen können erworben werden. Der Erlös dient dem Stiftungszweck. Gustav Wiethüchter muss ein beachtliches Oeuvre geschaffen haben, überlebt haben aber nur relativ wenige Gemälde, davon allein 70 in der Sammlung seiner Tochter Gisela. Sehr vieles ist vernichtet, manches hat der Künstler selbst in späteren Jahren zerstört oder übermalt. So fehlt fast das gesamte Frühwerk vor Ende des Ersten Vase mit Spiraea, 1937, Öl auf Leinwand, 67 x 57 cm 13

14 Weltkrieges. Das Museum ist stolz darauf, in der Ausstellung einige der frühen Arbeiten zeigen zu können: Unter dem Apfelbaum von 1901 und Mutterschaft von 1903/06. Das Meisterwerk der ersten Barmer Jahre Prinzessin und Schweinehirt (um 1913/14 ), das seinerzeit in vielen Ausstellungen in ganz Deutschland zu sehen war und in der Presse hoch gelobt wurde, ist verschollen und hat nur in einer Fotografie überlebt. Brücke mit zwei Bäumen, 1928, Öl, Leinwand auf Presspappe, 64 x 54 cm 14

15 Die ersten Ausstellungen Wiethüchters fanden in der Ruhmeshalle, dem heutigen Haus der Jugend, in Barmen statt beteiligte er sich erstmals an einer Ausstellung außerhalb des Wuppertals, in Heidelberg. Sein deutschlandweiter Durchbruch gelang ihm mit dem angesprochenen Meisterwerk. Danach häuften sich die Ausstellungen: elfmal war er auf der Großen Kunstausstellung Berlin, viermal auf der Berliner Sezession, siebenmal in der Preußischen Akademie vertreten und seit 1927 mehrfach auf dem von den Fauves begründeten Herbstsalon in Paris. Er beteiligte sich an der Internationalen Kunstausstellung Dresden 1926, auf der tausend Werke der Avantgarde vom Impressionismus bis zur Gegenwart gezeigt wurden. Selbst in den USA sind seine Werke 1932 ausgestellt worden. Seine letzte Ausstellungsbeteiligung datiert aufs Jahr 1936 in Bochum, die Schau trug den Titel Berg und Mark. Danach kam ihm nicht einmal die Ehre zuteil, auf der Ausstellung Entartete Kunst 1937 in München und anderswo gezeigt zu werden. Da war er schon vergessen. Ein Spätwerk Wiethüchters existiert ebenso wenig wie ein Frühwerk; alles, was nach seinem letzten Besuch 1938 bei seiner Tochter Gisela entstand, und er muss verbissen gearbeitet haben, fiel den alliierten Bombenangriffen zum Opfer. Wuppertal-Barmen wurde im Mai 1943 bombardiert und weitgehend zerstört. Spätestens nach diesem bis dahin schwersten Angriff auf eine deutsche Stadt hat Wiethüchter sein gesamtes Werk ausgelagert: nach Berlin zur Tochter Irmin, zu seinem Bruder in Bielefeld, seinem Sohn Winfried in einer anderen Ecke Wuppertals, der Schwägerin in Kassel und einen kleinen Teil zu seiner Tochter in der Schweiz. Das Wohnhaus der Wiethüchters im ehemaligen Dürerweg (sic!) blieb verschont, auch in der Schweiz fielen keine Bomben, ansonsten wurden alle Ausweichquartiere zerstört oder sind ausgebrannt, kein Werk ist dem Inferno entkommen. Auch das futuristische Gemälde, eine Barmer Stadtansicht, das im Keller der Ruhmeshalle versteckt war, hat zwar die Nazi-Säuberungen überlebt (ein Verdienst des Hausmeisterehepaars Sinss), nicht aber den britischen Luftangriff. Am 7. April 1933 trat das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufbeamtentums in Kraft mit dessen Hilfe jüdische, kommunistische und weitere unerwünschte Künstler aus öffentlichen Ämtern gewaltsam entfernt wurden wie Paul Klee aus der Kunstakademie Düsseldorf, Oskar Schlemmer aus den Berliner Vereinigten Kunstschulen oder Willi Baumeister von der Städelschule Frankfurt. Ob Wiethüchter zuvor schon seinen Dienst freiwillig quittiert hatte oder auf Grund des Gesetzes entlassen wurde, ist bisher nicht bekannt; auch nicht, ob er eine Pension als Professor, zu dem er 1915 ernannt worden war, erhielt oder vom Privatverkauf seiner Arbeiten leben musste. (Die von der Gustav Wiethüchter-Stiftung zu finanzierende Forschung hat noch ein weites Feld vor sich.) Aus seiner antifaschistischen Einstellung hat er auf jeden Fall kein Hehl gemacht. Noch 1935 äußerte Wiethüchter in einem Zeitungsbericht, dass rechte Kunst stilisierter Dreck sei. Die Presse war noch nicht gleichgeschaltet und konnte solche Berichte durchaus noch abdrucken. Es verwundert aber auch nicht, dass Wiethüchter laut eines Briefs seiner Tochter Gisela an Jankel Adler, verhaftet wurde, ja sogar zweimal ins KZ eingeliefert werden sollte; verleumdet und völlig isoliert lebte er die letzten Jahre nur für seine Kunst. Das Wohnhaus am heutigen Gelben Sprung wurde 1943 leicht beschädigt, Wiethüchter ersetzte geborstene Scheiben, deckte ab und reparierte. Dabei zog er sich einen Leberriss zu. Aus dem Krankenhaus wurde er als unheilbar entlassen, man benötigte nach dem zweiten Bombenangriff im Juni 1943, dieses Mal auf Wuppertal-Elberfeld, jedes Bett. Durch die Pflege seiner Frau Elfriede, geb. Boss, überlebte er wohl diese Verletzung, aber an den Spätfolgen starb er unterernährt Ein Jahr später fand im damaligen Städtischen Museum Wuppertal eine Gedenkausstellung mit dem Titel Wieth statt, 1983 die bisher einzige große Retrospektive. Wiethüchter hatte seit mehreren Jahren schon seine Gemälde mit Wieth signiert, als er 1927 nach seiner ersten Beteiligung am Salon d Automne in Paris seinen für Franzosen unaussprechlichen ostwestfälischen Namen in Wieth änderte. So nannten sich auch seine Töchter. Noch schlimmer war es, wenn er nach der Bedeutung seines Namens gefragt wurde. Er gab an, Wiethüchter heiße Viehhüter, was sachlich nicht richtig ist. Dr. Friedel Helga Roolfs von der Kommission für Mundart- und Namenforschung Westfalens, Münster, teile mit Wiet könnte auf Wald, Gehölz bezogen werden. Hüchter könnte außer auf Dickicht, Gestrüpp auch auf Höhe zurückgeführt werden. Herbert Pogt Kurator der Ausstellung 15

16 Sinfonieorchester Wuppertal Ragna Schirmer, Foto: Frank Eidel Ragna Schirmer spielt Mozart Das 5. Sinfoniekonzert der Saison 2010/11 in Wuppertal mit Werken von Messiaen, Mozart und Mendelssohn wurde zum gefeierten Erfolg für das bestens aufgestellte Orchester unter Toshiyuki Kamioka doch vor allem durch die grandiose Gast-Solistin Ragna Schirmer. Wuppertal. Wenn sich an einem nebligtrüben, naßkalten Januarmorgen der große Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal nahezu bis auf den letzten Platz füllt, kann das im Grunde nur bedeuten, daß zum einen Publikumsliebling Toshiyuki Kamioka dirigiert und sich darüber hinaus durch die Ankündigung eines besonderen Solisten ein doppelt herausragender Musikgenuß erwartet wird. So also geschehen am 23. Januar in Wuppertal beim 5. Sinfoniekonzert der Saison, zu dem die Pianistin Ragna Schirmer als Gast eingeladen war. Der Name der auch durch ihre CD-Einspielungen von Werken Haydns, Schumanns und Chopins und die Verleihung des ECHO Klassik 2009 an die Spitze der weltbesten Pianisten vorgerückten Musikerin zog Besucher auch aus der weiteren Umgebung an, die sich die Chance nicht entgehen lassen wollten, Ragna Schirmer einmal im Konzertsaal zu erleben. Sie wurden nicht enttäuscht. Vor ihr Auftreten hatte das Programm ein Lächeln gestellt, Olivier Messiaens Komposition Un sourire für großes Orchester. Im wiederkehrenden Wechsel seiner weichen Melodieblöcke von Streicher und Holzbläsern mit den scharfen Klangkontrasten durch die perkussiven Instrumente entsteht ein entrücktes, zugleich den Hörer entrückendes musikalisches Gebilde von hohem ästhetischem Rang, eine Kleingkeit von gerade mal acht Minuten ein Lächeln eben. Für Ragna Schirmers Auftritt mit Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 22 in Es-Dur KV 482 aus dem Jahr 1785 wurde der große Steinway-Flügel des Hauses aufs Podium gebracht, der unter ihren Händen seine ganze glasklare Klangqualität zeigte. Es wäre ungemein 16

17 spannend, Ragna Schirmer einmal die Mozartschen Klavierkonzerte auf einem alten Walter oder Bösendorfer spielen zu hören, denn ihre Fertigkeit läßt Mozarts Musik so hören, wie man sie sich von ihm selbst vorstellt. Technisch sicher auf Augenhöhe mit dem Rang des damals 29-jährigen Pianisten/Komponisten verinnerlichte Schirmer dessen Musik, zeigte sich trotz des hohen Schwierigkeitsgrades und mancher Klippen des Stückes, das Mozart vermutlich für sich selbst geschrieben hatte, traumwandlerisch sicher. Spürbar aus dem Herzen heraus spielte sie souverän, doch im steten Augenkontakt mit dem Dirigenten, folgte in den Ruhephasen der Hände doch stets konzentriert mit dem ganzen Körper dem Fortgang der Orchesterpassagen. Völlig hingegeben verströmte sie die Musik förmlich, lief im großen Solo-Part des Allegro zu unerhörter Form auf und führte im Verein mit dem Orchester einen ungemein modernen Mozart auf, der Ahnungen von Beethoven und anderer späterer Komponisten bis ins 20. Jahrhundert hinein fühlen ließ. Das Doppel- Paket Schirmer/Kamioka präsentierte eine Sternstunde in Virtuosität, Kongenialität und tiefstem Musikempfinden. Das abschließende Andantino cantabile markierte noch einmal die glückliche Zusammenarbeit mit vielen lächelnden Blicken. Ein großartiges Geschenk für das begeisterte Konzertpublikum, dessen Applaus mit zwei köstlichen Zugaben belohnt wurde. Meeresstille Tiefe Stille herrscht im Wasser, Ohne Regung ruht das Meer, Und bekümmert sieht der Schiffer Glatte Fläche rings umher. Keine Luft von keiner Seite! Todesstille fürchterlich! In der ungeheuren Weite Reget keine Welle sich. Felix Mendelssohn-Bartholdy gehörte der zweite Teil des Vormittags seine Meeresstille und glückliche Fahrt op. 27 entfaltete vor geschlossenem Auge das beeindruckende Bild, das Mendelssohn mit dieser Musik zu Goethes Text gezeichnet hat. Auch die Weiterfahrt unter vollen Segeln bei aufkommendem Wind hat Ragna Schirmer, Foto: Frank Eidel Mendelssohn beschrieben von Kamioka und dem Orchester wunderbar umgesetzt. Glückliche Fahrt Die Nebel zerreißen, Der Himmel ist helle Und Aeolus löset Das ängstliche Band. Es säuseln die Winde, Es rührt sich der Schiffer. Geschwinde! Geschwinde! Es theilt sich die Welle, Es naht sich die Ferne; Schon seh ich das Land! Mit scharfen Tempo ging Kamioka Mendelssohns Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90, die Italienische zum Abschluß des Konzertvormittags an. Dem Ohrwurm- Charakter des 1. Satzes Allegro vivace gab er neue Bedeutung, entwickelte ihn prächtig in allen seinen Variationen und trieb das Orchester so dynamisch an, daß es danach zum seltenen Satz-Applaus kam. Das Thule-Motiv (abermals Goethe) bestimmt den 2. Satz, den Kamioka kunstvoll auströpfeln ließ, gefolgt vom tänzerisch beschwingten, mit weiter Geste angelegten 3. Satz con moto moderato. Das italienischste der Italienischen ist sicher der vierte Satz Saltarello, Presto, der mit temperamentvollen italienischen Tanzmotiven neapolitanisches Lokalkolorit zeichnet. Das Konzert wurde am folgenden Abend an gleicher Stelle vor restlos ausverkauftem Haus mit entsprechendem Erfolg wiederholt. Frank Becker 17

18 Man will mit allen Poren sein Publikum erreichen! Begegnungen in der Hochschule für Musik und Tanz Köln / Abteilung Wuppertal Variation III: Fit für den Auftritt Die Hochschule für Musik und Tanz Köln, Abteilung Wuppertal, lehrt nicht nur die Hauptfächer Instrumental- und Gesangsunterricht, sondern bietet darüber hinaus ein breites Spektrum von sogenannten Bildungs- oder Ergänzungsfächern. Sie sollen den Studierenden umfassende Kenntnisse vermitteln, die zum Verstehen, Vermitteln und Aufführen von Werken unerlässlich sind. Das Angebot ist so vielfältig, dass ich nur in vergleichsweise wenigen Seminaren hospitieren konnte. Um so intensiver waren die Eindrücke, zumal ich während der Hospitationen mehrere Aufführungen miterleben durfte. So wurde deutlich, wie praxisorientiert der Unterricht ist. Es ist schon ein besonderes Gefühl, unter jungen Menschen zu sein, von denen man weiß, dass jeder von ihnen bereits Bühnenerfahrung hat und jeder schwerste musikalische Werke studiert. Deshalb begegnen sich Dozenten und Studierende, anders als Lehrer und Schüler in der Schule, irgendwo auf Augenhöhe. Eigentlich seid Ihr ja Profis, sagt Frau Professor Dr. Corinna Vogel. Sie lehrt Musikpädagogik, Bewegung und Tanz an den Hochschulen in Köln und in Wuppertal. Frau Vogel gehört auch zu den Dozenten, die den neuen Studiengang Elementare Musikpädagogik mit konzipiert haben. Dieser bietet neben der Lehrbefähigung für ein Instrument oder für Gesang eine Fülle von weiteren Fächern und bildet besonders vielseitig qualifizierte Musiker aus. Absolventen können an Schulen, Musikhochschulen, in der musikalischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Familien und Senioren an verschiedenen Institutionen arbeiten. Vorausgesetzt werden Musikalität, Kreativität und enorme Vielseitigkeit, und entsprechend reichhaltig ist das Studienangebot. Schon jetzt können sich Studierende dieses Faches kaum vor Angeboten von Musikschulen, Grundschulen und anderen Institutionen retten, sagt Frau Vogel. Die Studenten sind dabei, Formab- Bewegung/Tanz Foto: Michael Büsching 18

19 schnitte eines modernen Musikstückes in Körperbewegungen zu übertragen. Dazu wird etwa mit dem Ellenbogen ein Kreis beschrieben oder mit dem Knie ein imaginärer Rhombus auf den Boden gemalt, oder man schreitet eine bestimmte Form im Raum ab. Dann positioniert sich die Gruppe auf dem Boden zu einem Quadrat oder zum Kreis oder baut ein Haus mit ihren Körpern. Auf diese anschauliche Weise kann man Kindern durch Körpererfahrung musikalische und mathematische Formen vermitteln, lange bevor diese in der Schule erlernt werden können. Den Beginn einer weiteren Übung gibt die Dozentin vor: Alle nehmen ihr Instrument und legen es auf einen Stuhl. Notenpulte stehen davor, Notenblätter liegen auf dem Boden. Es ist vollkommen still. Nun soll jeder ein Notenblatt auswählen und in irgendeiner Weise damit in Interaktion treten, sogar Flieger dürfen gebaut werden. Jetzt wird die Stille durch verschiedene Papiergeräusche unterbrochen. Schließlich geht jeder an seinen Platz und spielt nach aleatorischen Prinzipien aus seinen Noten, entweder irgendwelche Takte oder Zeilen, einmal, mehrmals oder rückwärts, ganz nach Wunsch, auch dann, wenn das Notenblatt soeben zu einem Papierschiffchen geworden ist. Nach einem zweiten Durchgang werden brauchbare Ergebnisse fixiert, und die Studenten, die zugleich in die Rolle des Lernenden und des Lehrenden schlüpfen, sollen sich Gedanken darüber machen, wie es weitergehen könnte. Die Improvisation bleibt also kein Selbstzweck, sondern es wird immer reflektiert, was passiert, selbst dann, wenn es nur ein Ausprobieren war. Damit kreative Prozesse gelingen, in die alle Sinne integriert sind, bedarf es einer Atmosphäre der Ruhe und des Vertrauens. Der Lehrende muss alles zulassen können, aufmuntern und anregen. Aus gutem Grund ist die Teilnahme an diesen Fächern für Studierende des Bachelor of Music in Education Pflicht. Die gewonnenen Erfahrungen können unmittelbar erprobt werden, denn die Musikhochschule kooperiert mit städtischen und privaten Musikschulen. Ein besonderer Höhepunkt ihrer Arbeit war für Frau Vogel und ihre Studierenden die Zusammenarbeit mit der Pina Bausch Tänzerin Ruth Amarante, die auf eigenen Wunsch mehrere Wochen lang in der Gruppe hospitiert hat. Weniger improvisiert und reflektiert wird bei Joanna Jankowska, die Bühnentanz lehrt. Ihr Unterricht orientiert sich am klassischen Ballett: Alle Positionen und Schrittfolgen sind genau definiert und werden in französischer Sprache angegeben. Das bedeutet nicht, dass weniger gelacht wird, auch, wenn der Schweiß fließt. Meine Arbeit macht mir Freude, wenn Bewegung/Tanz Foto: Michael Büsching 19

20 ich sehe, dass sie einen Sinn hat, sagt die Künstlerin. Sie hat in Warschau als Solotänzerin auf der Bühne gestanden und für die Wuppertaler Bühnen so manche Choreographien konzipiert. Seit acht Jahren arbeitet sie mit Studenten. Die meisten von ihnen sind Sänger, denn für diese ist das Fach vier Semester lang Pflicht. Aber es kommen auch andere, weil sie merken, wie hilfreich Körperbeherrschung auch für das Instrumentalspiel und für die persönliche Ausstrahlung sein kann. Nimm das Kinn höher, Schultern nach unten, Ellenbogen locker, korrigiert die Lehrerin beim klassischen Training an der Stange. Der zweite Teil der Stunde ist folkloristischen Charaktertänzen gewidmet. Sechs Tänze aus verschiedenen Ländern wie Frankreich, Griechenland, Russland, Rumänien oder Amerika sind bereits einstudiert, was die Choreographie anbetrifft; für die geplante Aufführung im Januar Bewegung/Tanz wird derzeit an den Feinheiten und am Ausdruck gearbeitet. Das Erlernen der Tänze geht unglaublich schnell: Die Dozentin erklärt eine Schrittfolge, tanzt sie vor, dann üben die Studierenden einmal trocken und dann mit Musik, und schon haben alle verstanden! Für den Laien ist das kaum zu fassen Musiker haben eben ein besonderes Gedächtnis. Für zukünftige Bühnenauftritte ist mehr und mehr Vielseitigkeit gefragt. Der Sänger muss genau wissen, wie er mit seinem Körper umgeht, denn man singt mit dem ganzen Körper. Dazu werden Drehungen auf der Diagonalen geübt: Halte die Arme vor Dir wie einen Korb, nimm den Kopf mit beim Drehen. Finde eine Orientierung, damit Dir nicht schwindelig wird, bleibe beim Vorgehen auf der halben Spitze. Eine Fülle von Anweisungen, die jedoch helfen, den Körper mit dem Raum zu koordinieren. Mit der Konzentration auf Foto: Christian Nielinger einen Punkt im Raum kann man sogar das Lampenfieber kontrollieren, erklärt Frau Jankowska. Zum Schluss wird die Diagonale im Charlestonschritt gequert, denn auch moderne Tänze muss ein Sänger beherrschen. Und beendet wird die Stunde mit der korrekt und elegant ausgeführten klassischen Verbeugung, die bei den Damen natürlich anders aussieht als bei den Herren. Eine Studentin, die zunächst gar nicht überzeugt war von der Notwendigkeit dieses Studienfaches, hat der Lehrerin später eine Karte geschickt: Sie haben mich gelehrt, das Tanzen zu lieben. Stefanie Siebers lehrt Schauspiel und Sprecherziehung. Beide Disziplinen sind für das künstlerische Studium ebenso unerlässlich wie für die angehenden Pädagogen, denn auch diese werden vor Publikum stehen. Im heutigen Seminar geht es um die Präsenz, wobei die körperliche Präsenz nicht zu trennen ist von der der Sprache. Die Präsenz des Körpers überträgt sich auf die Stimme, sagt Frau Siebers. Auch ihre Stunde bietet mehrere Übungen: Zunächst werden Strophen aus einem unbekannten Gedicht vorgetragen. Probiert, mehr zu geben, versucht zu experimentieren, gebt alles, ermuntert die Dozentin. In der folgenden Übung geht es allein um die Präsenz des Körpers, des Blickes und der Gedanken. Wie kann man sein Publikum fesseln und mit ihm in Dialog treten ohne ein Wort zu sprechen? Du musst die Leute gewinnen wollen, denke schau mich an, schau mich an! Sofort werden die Blicke intensiver, die Körperhaltung wacher. Wie schwer das alles ist, wird besonders aufschlussreich beim Vorlesen einer Gebrauchsanleitung für ein Handy. Wir müssen selbst spannend finden, was wir erzählen, sonst machen wir uns langweilig. Jetzt ist gefragt, was vorher geübt wurde: langsam und deutlich vorlesen und dem Zuhörer Zeit geben, tatsächlich dem komplizierten Text zu folgen. Dabei gibt es natürlich viel Gelächter, aber schließlich klappt es immer besser. In einer anderen Übung soll der Vortragende, mit dem Rücken zum Publikum 20

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