Handel mit Staatsanleihen: Der Tabubruch

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1 Handel mit Staatsanleihen: Der Tabubruch 1. Kompetenzen Die Schülerinnen und Schüler sollen die derzeitigen Entwicklungen im Markt für Staatsanleihen, die hierfür verantwortlichen Ursachen sowie die hieraus volkswirtschaftlich resultierenden Risiken herausarbeiten. 2. sich den in diesem Zusammenhang vorgebrachten Reformvorschlag des Commerzbank-Vorstandsvorsitzenden Blessing erschließen. 3. die bestehenden Kreislaufbeziehungen/Interdependenzen und Anreiz- Strukturen für Banken und Staatsregierungen mithilfe ökonomischer Instrumente analysieren. 2. Aufgaben 1. Ermitteln Sie den Zinssatz, zu dem sich Banken bei der Europäischen Zentralbank (EZB) derzeit Geld leihen können. Benennen Sie die mit dieser Zinspolitik verfolgten Zielsetzungen. 2. Fassen Sie die aktuellen Entwicklungen auf dem Markt für Staatsanleihen zusammen. Erschließen Sie sich den Zusammenhang mit der EZB-Zinspolitik. 3. Erläutern Sie am Beispiel spanischer und italienischer Banken die hiermit einhergehenden volkswirtschaftlichen Risiken. 4. Geben Sie die Vorschläge des Commerzbank-Vorstandsvorsitzenden Blessing bezüglich einer stärkeren Regulierung des Handels mit Staatsanleihen wieder. Analysieren Sie, inwieweit hierdurch die Anreiz-Strukturen für die Akteure verändert werden sollen und welche Ziele hiermit verfolgt werden. 5. Setzen Sie sich mit den Interessen der Banken und Staatsregierungen im beschriebenen Kontext auseinander. Überprüfen Sie, inwiefern beide ein Interesse haben könnten, am derzeitigen Status festzuhalten. 6. Diskutieren Sie vor diesem Hintergrund die Umsetzungschancen des vorgebrachten Vorschlags. Begründen Sie Ihre Einschätzungen. 1

2 Handel mit Staatsanleihen: Der Tabubruch Martin Blessing greift als erster Topbanker das System der Staatsfinanzierung an. Der Commerzbank-Chef will Regierungen und Geldindustrie entflechten - und fordert deshalb eine Eigenkapitalpflicht für Staatsanleihen Auf den ersten Blick hat es den Anschein, dass das Bankgeschäft derzeit alles andere als eine hohe Kunst ist: Die Manager versorgen sich bei der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Liquidität - in beliebiger Menge und fast zum Nulltarif. Sie investieren das Geld in spanische oder italienische Staatsanleihen und kassieren eine Rendite von fast vier Prozent. Auf den zweiten Blick jedoch ist genau diese Strategie, die vor allem die Banken Südeuropas verfolgen, verhängnisvoll: Sie verstärkt die Abhängigkeit zwischen Banken und Staaten - jene unheilige Allianz also, die als Ursache der Euro- Krise gilt. Jetzt hat mit Commerzbank-Chef Martin Blessing erstmals ein Topbanker ein Konzept vorgelegt, wie der fatale Kreislauf - Staaten retten Banken, die Staatsverschuldung steigt, und die Banken geraten als Gläubiger der Staaten selbst in Schwierigkeiten - durchbrochen werden kann. Blessing fordert in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt das Ende des Privilegs der Staatsanleihe. Ich plädiere dafür, dass Banken Staatsanleihen ab 2019 schrittweise mit Eigenkapital unterlegen sollten, schreibt er. Denn Staatsanleihen seien nicht risikolos. Der Manager fordert, Staatsanleihen in fremden Währungen grundsätzlich mit Eigenkapital abzusichern. Für Bonds aus der Euro-Zone schlägt Blessing Größengrenzen vor: Sobald das Anleihevolumen eines bestimmten Euro-Landes über die Schwelle von 25 Prozent des haftenden Eigenkapitals steigt, muss die Bank die Engagements mit Eigenkapital unterlegen. Dabei gilt: Je riskanter die Anleihe, desto mehr Kapital soll nötig sein. Eine solche Regel würde insbesondere südeuropäische Banken treffen. Denn vor allem Institute in Spanien oder Italien nutzten die Dicke Bertha genannten EZB- Kredite nicht, um die Realwirtschaft mit Krediten zu versorgen. Sie kauften vor allem Bonds ihres eigenen Landes. Das belegen Zahlen der europäischen Bankenaufsicht Eba: Italienische Institute etwa steigerten die Bestände heimischer Staatsanleihen zwischen August 2012 und September 2013 um 24 Prozent. In Spanien erhöhten sie sich um 27 Prozent. Mittlerweile halten Spaniens Banken fast 90 Prozent der von Banken gehaltenen Anleihen ihres Landes. In Italien sind es mehr als 70 Prozent. Diese Klumpenrisiken, wie Blessing es nennt, müssten abgebaut werden. Das geht nur, indem man die Bonds für Banken unattraktiver macht, die Banken also verpflichtet, wertvolles Eigenkapital vorzuhalten. Das fordert auch Bundesbank-Chef Jens Weidmann. Jürgen Fitschen, Co-Chef der Deutschen Bank, hält eine solche Pflicht ebenso für grundsätzlich richtig, aber eine Durchsetzung auf absehbare Zeit für unrealistisch. 2

3 40 45 Fakt ist: Die EZB, die im November die europäische Bankenaufsicht übernimmt, bremst - nicht zuletzt, um die ohnehin schwachen Banken in Südeuropa nicht zu belasten. EZB-Chef Mario Draghi betonte wiederholt, dass Staatsanleihen nach den gültigen Eigenkapitalregeln als risikolos zu bewerten seien und dass es nicht seine Sache sei, die Regeln zu ändern. Doch Fakt ist auch: Spätestens die zwei Schuldenschnitte in Griechenland haben gezeigt, welche Illusion sich hinter diesem Privileg verbirgt. Der Blessing-Vorschlag ist genau deshalb ein Tabubruch: Er beendet die Illusion. Quelle: Cünnen, A./Münchrath, J./Osman, J., Handelsblatt, Nr. 013, , 1 3

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