Markus A. Will. Bad Banker im Währungskrieg. Thriller

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2 Markus A. Will Bad Banker im Währungskrieg Thriller

3 Copyright der ebook-ausgabe 2013 bei Hey Publishing GmbH, München Originalausgabe 2011 bei Friedrich Reinhardt Verlag, Basel Markus A. Will wird vertreten durch die Agentur Lianne Kolf, München Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf auch teilweise nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden. Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München Coverabbildung: FinePic, München ISBN:

4 Prolog Letztes Abendmahl Cyprus was not too big to fail. Wenn er über die Eurokrise sprach, rutschte Dr. Konstantin Diospolos immer wieder ins Englische. Seine dazu passende, herablassende Handbewegung brachte Stratos auf die Palme. Von seinem wütenden Zittern klapperte sogar das Messer leicht auf dem säuberlich leer gegessenen Teller. Der im feinen Zwirn gewandete Europäische Zentralbanker Diospolos war sein letzter Gast an diesem Gründonnerstagabend Dieser Arroganzling, vor dem Stratos, der Chef des El Greco mit dem Geschirr stand, war nicht mehr der Diospolos, den er kannte, als dieser noch in den niederen Chargen der Europäischen Zentralbank gearbeitet hatte. Er war nicht mehr der junge Grieche aus bestem sozialistischem PASOK-Hause, der mit Unterbrechungen schon viele Jahre in seinem Restaurant in Frankfurts Innenstadt etwas Heimat suchte. Nicht der Diospolos, der ihm Kunstwährungen á la Bitcoins und der Deutschen Liebe zur alten D-Mark so leichter Hand erklären konnte. Doch Diospolos war es überdrüssig, diese Verrücktheiten noch normalen Menschen zu erklären, einfach zu müde geworden. Ausgelaugt war der monetäre Powerman. Zurzeit schienen die Bürger irgendwie allen alten oder digitalen Währungen mehr Vertrauen entgegenzubringen als dem Euro. Natürlich wusste der kleine Restaurantbesitzer Stratos nicht, mit welchen Problemen die großen Zentralbanker zu kämpfen hatten. Bitcoins schossen in die Höhe, obwohl kein Mensch sie garantierte, sondern ein Algorithmus im Computer sie berechnete. Deutsche Volkswirtschaftsprofessoren gründeten eine Alternative für Deutschland und wollten alternativlos raus aus dem Euro. Was war dagegen diese kleine mickerige Insel der Aphrodite im Mittelmeer? Aber das wusste Stratos natürlich nicht. Doch noch einmal würde er für seinen späten Stammgast aus der EZB wohl nicht wieder selbst die Küche anschmeißen, nachdem schon alle Gäste weg waren und ihm eine kleine Platte mit Gyros, Souvlaki, Zaziki und Taramasalata machen. Stratos griff nach dem klappernden scharfen Messer, mit dem Diospolos ungestüm das Fleisch bearbeitet hatte. Selbst beim Essen hatte er kaum mehr Zeit. Gehetzt, gestresst und genervt. Das war seine seit Monaten vorherrschend unbeherrschte Art geworden.

5 Der Währungskrieg hatte auch aus ihm einen bad banker gemacht. Ob es schon die Zeit beim Internationalen Währungsfonds, die kurze Episode als Staatsminister in Athen oder die Sonderrolle in Italien gewesen war, wusste Stratos nicht. Doch spätestens seit er als Büroleiter von Mario Draghi, dem Präsidenten der EZB, arbeitete, war er anders geworden. Decisiveness war seine Lieblingsvokabel, zur Beschreibung der in unzähligen Krisen zur einzig wahren Macht in Europa aufgestiegenen EZB. Wenn die Zentralbanker wie in der letzten Woche über Zypern ihren Daumen zu senken bereit waren, dann ging die Schlacht in ihre entscheidende Phase. Unmissverständlich hatte der Rat der EZB den Zyprioten ein Ultimatum gesetzt: ELA sollte wegfallen. Das war kein Kosename für eine Muse, sondern die Kurzform für die Emergency Liquidity Assistance, mit der die zypriotischen Banken mit Geld versorgt wurden, das ihnen niemand anders mehr geben wollte. Erst nach dieser kleinen Argumentationshilfe anderen nannten es Erpressung knickten die Zyprioten ein. Anderenfalls wäre es so gewesen, als würden einem Intensivpatienten die lebenserhaltenden Apparate abgestellt, hatte Dispo Stratos während des Hauptganges erklärt, um sein Gleichnis dann selbst lachend als schief zu bezeichnen, weil die Zyprioten ja gar nicht leben wollten. Da war Stratos zum ersten Mal der Kamm geschwollen, aber er hatte sich noch einmal zurückgehalten. Was erlaubte sich dieser griechische Arroganzling eigentlich, seit er mit diesem Italiener ohne jede demokratische Legitimation Europa unter das Kuratel der Zentralbank stellte?, schoss es ihm durch den Kopf. Angeführt ausgerechnet von einem italienischen Geldgeneral, dessen eigenes Heimatland noch nicht einmal eine stabile Regierung zustande brachte, hoch verschuldet und neben Frankreich doch das wahre Risikoland für den Euro war. So sah es doch aus, glaubte Stratos. Außerdem schien alles ein bisschen ruhiger in Europa geworden zu sein, seit Griechenland gerettet und die anderen Südländer versorgt waren. Aber das war nur eine trügerische Ruhe gewesen. Dann kam Zypern. Es war das Zeichen, wie (be)trügerisch doch eigentlich alles war. Stratos verstand die Welt nicht mehr. Auch er hatte jetzt natürlich begriffen, dass das Geschäftsmodell der Mittelmeerinsel, das bislang fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung ausgemacht hatte, nicht mehr existent war. Allein der Gedanke daran ließ nun auch noch die Gabel auf dem Teller klappern. Der griechische Inselteil hatte als Teil des Eurosystems russische Schwarzgelder und sonstige Mafiamoneten mit hohen Renditen für griechische Staatsanleihen auf die Mittelmeerinsel gelockt. Die zypriotischen Banken hatten sich noch mit griechischen Anlei-

6 hen vollgesogen, als wirklich alle anderen schon mit einem Schuldenschnitt rechneten. Zwischen Nikosia, Moskau und Athen gab es seit Jahren jedenfalls regen Flugverkehr an Privatjets, wie die Zeitungen jetzt süffisant berichteten. Man hatte die Zyprioten machen lassen, Brüssel hatte weggeschaut. Dann war es zu spät. Das war es nun auch für den griechischen Zyprioten Stratos Vangelos. Von seinem sauer in Deutschland zusammengearbeiteten und gesparten, auch noch ehrlich versteuerten Geld waren 40 bis 50 Prozent weg; denn Stratos hatte weit mehr als Euro auf die Bank gebracht. Zum ersten Mal in der Geschichte ging es Sparern wie Stratos ans Eingemachte. Für ihn würde es nichts werden mit der Heimkehr auf die Insel der Aphrodite, wo selbst die kälteste Jahreszeit ein ewiger Frühling war und nicht so ein Winter wie dieses Ostern Stratos fröstelte, das Klappern auf dem Teller ging weiter, angetrieben von Wut und Kälte. Europa war nicht mehr wie früher. Die Arbeitslosigkeit explodierte in der Europäischen Union, in der in manchen Ländern jeder zweite Jugendliche keine Arbeit und damit keine Zukunft mehr hatte. Täglich sah Stratos im Fernsehen die Bilder der Trostlosigkeit, gemischt mit drohenden Konjunktureinbrüchen. Erst mit seinem Geld auf Zypern war er persönlich betroffen; denn ansonsten lebte er ja auf der Insel der wirtschaftlichen Glückseligkeit - in Deutschland. Immer weniger Europäer mochten die Deutschen, immer weniger Deutsche mochten Europa. Und immer mehr Deutsche wollten ihre D-Mark zurück. Eine Partei mit dem Namen Alternative für Deutschland befand sich in Gründung und wollte den Austritt Deutschlands aus dem Euro verhandeln. Ausnahmsweise gab Stratos hier Diospolos recht, der sich über die apolitischen und weltfremden Professoren aufregte, die den Deutschen eine Alternative vorgaukeln, die es nicht gibt. Müde erhob sich der Europäische Zentralbanker. Rezession, Isolation, Konfrontation, Eskalation und dann, mein Lieber, kommt unsere eigene Exekution. Dabei hielt er Stratos die fünf Finger seiner Hand vor das Gesicht. Das kommt dabei heraus. Und du jammerst über das mickrige Zypern. Wieso habt ihr uns nicht wenigstens gewarnt, Konstantin? Schließlich hatte man auch Griechenland, Spanien, Portugal und sogar Italien immer wieder unter die Arme gegriffen und die Lage eigentlich ganz gut stabilisiert. Stratos hatte kleine Schweissperlen auf der Stirn, die im die Wut aus den Poren gepresst hatte. Es war doch offensichtlich. Du hättest dein Geld halt abziehen sollen, als es noch gegangen wäre. Konstantin hatte seit zwei Wochen kaum geschlafen, seit nach den ersten Verhandlungen sogar die Kleinsparer zur Schuldentilgung herangezogen werden sollten. Seitdem grassierte die Angst vor dem Verlust des Erspar-

7 ten zumal der neue Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem dieses Vorgehen als Vorbild für andere Krisenstaaten bezeichnet hatte. Er hatte diese Aussage zwar sofort wieder zurückgezogen, aber es war in den Köpfen der Menschen. Worte und Währungen als Waffen gehörten zu Diospolos Wachkoma. Seit eineinhalb Jahren an der Seite Draghis kannte er dieses latente Schlafdefizit vor, während und nach den unzähligen Krisengipfeln. Die letzten 14 Tage aber hatten nicht zuletzt wegen des jungen Holländers Dijsselbloem alles in den Schatten gestellt. Ich bin Zypriot und Patriot, entrüstete sich Stratos. Diospolos wollte beim besten Willen nicht mehr erklären und verteidigen, was man in den letzten Wochen getan hatte. Er wollte nur noch heim und endlich einmal ausschlafen. Stratos, du bist zwar Zypriot, aber kein Patriot, sondern ein Idiot. Natürlich hätte er ausgeschlafen nie so etwas gesagt, was er nun müde vor sich hin grummelte, während er eine 50er-Note auf dem Tisch warf. Er hätte die Gabel klappern hören, das Messer sehen können, aber er hörte eben nicht mehr richtig zu und sah nicht mehr richtig hin. Stimmt so, mein Lieber. Für den Neuanfang. Dabei klopfte er Stratos auf die Schulter. Ich mag zwar ein Idiot sein, aber dafür war das dein letztes Abendmahl. Stratos rammte ihm das Messer mitten ins Herz.

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