NRW. Stark auch in der Krise. Nordrhein- Westfalen SPEZIAL INTERVIEWS PORTRÄTS REPORT

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1 26. JANUAR 2009 NRW SPEZIAL INTERVIEWS Friedrich Joussen Vodafone-Boss Gerry Weber Mode-Mogul Michael Schumacher Renn-Star PORTRÄTS Frank Appel Post-Chef Annette Imhoff Unternehmerin Kasper Rorsted Henkel-Boss REPORT ThyssenKrupp in USA UPS in Köln Gründerinnen in NRW Nordrhein- Westfalen Stark auch in der Krise CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hier bei einem Besuch in Washington mit einem Baustellenschild kämpft in seinem Land für neue Arbeitsplätze

2 Sparkassen-Finanzgruppe Im März 2009 in allen teilnehmenden Sparkassen Internationale Aktionswochen International besser ankommen. Überall an Ihrer Seite: die Sparkassen und ihr weltweites Netzwerk. S Regional verankert, international erfolgreich mit der Sparkasse als Partner! Wir stehen Ihnen mit unserem Know-how und unseren Kontakten auf der ganzen Welt zur Seite. Mit den Beratungs- und Finanzierungslösungen Ihrer Sparkasse und unseres internationalen Netzwerks kennt Ihr Erfolg keine Grenzen. Mehr dazu bei Ihrem Berater oder auf Wenn s um Geld geht Sparkasse.

3 4 OLDIES Wanken nicht in der Krise die Minister Christa Thoben, 67, und Helmut Linssen, 66, bestimmen die NRW-Wirtschaftspolitik 16 NATUR- LIEBHABER Bei seinen Läufen am Rhein träumt T-Home-Chef Timotheus Höttges von einem Job bei Greenpeace 28 AUFSTEIGERIN Die Kölnerin Annette Imhoff macht mit ihrer Textilien-Verleihfi rma Millionen INHALT 4 Wirtschaftsland NRW: Wie Jürgen Rüttgers mit seiner Regierung um Arbeitsplätze und Aufträge kämpft 8 Michael Schumacher: Warum der Weltmeister weltweit für NRW wirbt 10 Rolf Gerlach: Sparkassenpräsident hält Deutschland für krisenstabil 14 Friedrich Joussen: Der Vodafone-Chef über Rezession, Kanzlerin und Chancen für die deutsche Ökonomie 16 Timotheus Höttges: Wie der T-Home- Lenker beim Joggen Druck abbaut 18 Kasper Rorsted: Die Konsumfl aute fordert bei Henkel den ganzen Dänen 22 Frank Appel: Der Post-Chef zwischen Modelleisenbahn und Deutscher Bank 26 Klaus Engel: Beim Ruhrkonzern Evonik will der neue Vorstandschef schnell eigene Akzente setzen 28 Annette Imhoff: Wie die Schoko-Erbin sich von ihrem Vater emanzipierte 30 Gerry Weber: Der Namensgeber über seinen Aufstieg und die Textilkrise 32 Gründerinnen: Alles eine Frage der Chemie Marmeladekochen oder Erforschung von Krebspräparaten 36 ThyssenKrupp: Der Bau eines neuen Stahlwerks bringt Jobs und Aufschwung für den US-Staat Alabama 38 Markus F. Schmidt, Manfred Scholle: Energiewachstum von Mittelständlern 40 Christoph Blume: Der Düsseldorfer Flughafenchef verbuchte 2008 erstmals 18 Millionen Passagiere 42 UPS: Am Kölner Airport expandieren die Frachtfl ieger aus Amerika 44 Eckhard Cordes: Der Metro-Chef führt auch noch den Hauptaktionär Haniel 46 Torsten Toeller: Milliardenumsatz mit Fressnäpfen für Bello und Mieze 40 ÜBERFLIEGER Düsseldorfs Flughafenchef Christoph Blume freut sich über neue US-Ziele 8 10 Heimatfreund Weltmann Michael Schumacher fi ndet NRW toll Sparfuchs Rolf Gerlach will Staatsknete für die WestLB Hausschneider Wie Gerry Weber die Modebranche zum Staunen bringt 14 Hundeführer Torsten Toeller hat Vierbeiner zum Fressen gern 44 DOPPELCHEF Eckhard Cordes führt Metro und leitet Großaktionär Haniel Nachdenker Im Diskurs mit der Kanzlerin: Friedrich Joussen FOCUS-SPEZIAL NRW FOCUS Magazin Verlag GmbH, Arabellastraße 23, München, Postfach , München, Telefon: 0 89/ , Fax: 0 89/ Herausgeber: Helmut Markwort Chefredakteure: Helmut Markwort und Uli Baur Stellvertretender Chefredakteur: Stephan Paetow Art Director: Manfred Neussl Titel: Björn Maier Chefs vom Dienst: Sonja Wiggermann, Michael Klonovsky Konzeption & Redaktion: Karl-Heinz-Steinkühler Mitarbeiter dieser Ausgabe: Matthias Kietzmann, Jochen Schuster, Karl-Heinz Steinkühler, Thomas van Zütphen Grafik: Eric Schütz (Atelierleitung), Roger Neukirch Bildredaktion: Rüdiger Schrader; Anne Hilmer Bildtechnik: Harald Neumann (Ltg.) Bildbearbeitung: Reinhard Erler (Ltg.) Schlussredaktion/Dokumentation: Dr. Martin Seidl, Petra Kerkermeier (stellv.) Produktion/Herstellung: Ernst Frost, Michail Kalogeropoulos-Wimmer Redaktionstechnik: Bernd Jebing, Ulf Rönnau FOCUS-Spezial NRW erscheint in der FOCUS Magazin Verlag GmbH. Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt: Helmut Markwort Die Redaktion übernimmt keine Haftung für unverlangt eingesandte Manuskripte, Fotos und Illustrationen. Nachdruck ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Dieses gilt auch für die Aufnahme in elektronische Datenbanken und Vervielfältigungen auf CD-ROM. Sofern Sie Artikel aus FOCUS-Spezial in Ihren internen elektronischen Pressespiegel übernehmen wollen, erhalten Sie die erforderlichen Rechte unter oder unter Telefon 0 30/ , PMG Presse-Monitor GmbH. Anzeigenverkauf für FOCUS-Spezial NRW : Michael Mergenthal, Telefon 0 89/ , Fax: 0 89/ , Verantwortlich für den Anzeigenteil: Marlene Gunesch, Arabellastraße 23, München, Telefon 0 89/ /51, Fax: 0 89/ Es gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 20, gültig seit 1. Januar Geschäftsführer: Helmut Markwort, Frank-Michael Müller Druck: Burda GmbH, Hauptstraße 130, Offenburg, Telefon: 07 81/84 01; printed in Germany Verleger: Dr. Hubert Burda Fotos: R. Sondermann (3), F. Peterschroeder, D. Röseler, O. Schmauch, O. Krato/alle FOCUS-Magazin, Rauchensteiner, laif TITELFOTO: Ralph Sondermann/FOCUS-Magazin 3

4 NORDRHEIN-WESTFALEN * Das Land Nordrhein-Westfalen gilt nach der Produktivkraft als die siebzehntgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das einwohnerstärkste Bundesland ist dabei stark vom Export abhängig. Einwohner 17,99 Mio. Fläche km 2 Unternehmen REGIERUNG Handeln, nicht jammern Wie Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) gemeinsam mit der Wirtschaft die Krise an Rhein und Ruhr bekämpfen will 4

5 August Oetker liebt Pizza. Tiefgekühlt. Warum sonst sollte er mit der linken Wange an Hunderten gestapelten Salami-Pizzen kuscheln und die Palette auch noch innigst umarmen? Vielleicht weil der Unternehmer mit diesen in bunten Kartons verpackten Teigtorten aus Mehl, Hefe und Milch, bestrichen mit Tomatenpaste, belegt mit Salami und bestreut mit Käse, Millionen verdient. Seit 1970 lässt Oetker die italienische Spezialität in Ostwestfalen produzieren und verschickt sie anschließend in die ganze Welt. Solche Erfolgsgeschichten mag der Chef des Familienunternehmens. Sie sagt er. Weil er vom Standort überzeugt ist und die Tradition pflegt, wirbt der ostwestfälische Unternehmer mit dem ungewöhnlichen Pizza-Motiv in einer weltweiten Anzeigenkampagne We love the new um Investitionen in Nordrhein-Westfalen. Oetker verzichtet ebenso wie der siebenmalige Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher auf ein Honorar. Der Rennfahrer, geboren im rheinischen Kerpen, hat für sein Anzeigenmotiv den schnellen fahrbaren Untersatz gewechselt und ist vom Ferrari auf ein Motorrad umgestiegen, das er wie Oetker seine Pizzen liebevoll umarmt. Schuma- TOP 10 NORDRHEIN-WESTFALENS SCHWERGEWICHTE Umsätze der Top-10-Industrieunternehmen in NRW 68,7 51,7 41,0 32,4 29,9 18,8 15,3 14,4 KONZERNE Neun der zehn größten 13,1 Industrieunternehmen haben ihren Sitz im Rheinland, nur der Oetker- 7,8 Konzern (Bielefeld) liegt in Westfalen Quelle: aktuellste Daten NRW-Wirtschaftsministerium (2007) ARBEIT UND WIRTSCHAFT Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, ausgebildeter Jurist, kann auch mit Werkzeug umgehen. Bei Ford in Köln zeigt er in einer Rohkarosse am Band sein handwerkliches Können stehen für die Tradition des Hauses. August Oetkers Urgroßvater erfand 1891 das portionierte Backpulver. Aus diesen Anfängen in einer Bielefelder Apotheke stiegen die folgenden Generationen zu einem erfolgreichen Nahrungsmittel- und Industriekonzern in Nordrhein-Westfalen auf, dem zehntgrößten des Bundeslands. Im vergangenen Jahr setzte Oetker mit seinen Firmen nahezu acht Milliarden Euro um und beschäftigte in 40 Ländern mehr als Menschen. Sie produzieren Pudding, Pizza, Bier und Sekt, betreiben Schifffahrt und Bankgeschäfte. Obwohl Oetker den Firmensitz nach Hamburg hätte verlegen können, wo der umsatzstarke Logistikableger Hamburg Süd sitzt, ist er in Bielefeld geblieben. Hier haben wir alles, was wir als erfolgreiches Unternehmen brauchen, PIZZA-KÖNIG August Oetker zeigt in weltweiten Anzeigen, wie sehr er die Produkte seines Hauses und NRW liebt Foto: ddp 5

6 NORDRHEIN-WESTFALEN WIRTSCHAFTSLENKER Erfahrung zählt: Wirtschaftsministerin Christa Thoben und Finanzchef Helmut Linssen sind seit Jahrzehnten in der Landespolitik aktiv TOP 5 GLOBALE MARKEN Umsätze der Top-5-Dienstleistungsunternehmen in NRW 22,4 18,8 63,5 62,5 7,7 WOHLBEKANNT Ob Deutsche Post, Deutsche Telekom, Lufthansa oder Bertelsmann viele Konzerne mit Sitz in Nordrhein-Westfalen sind weltweit tätig TOP 5 GEFÜLLTER WARENKORB Umsätze der Top-5-Handelsunternehmen in NRW UMSCHLAGPLATZ In Duisburg, dem größten Binnenhafen Europas, laufen die Wasserstraßen Rhein und Ruhr zusammen 45,1 40,0 29,2 24,5 EINKAUFSPARADIESE Was Metro, Rewe, Aldi oder Tengelmann in die Regale legen, kommt fast in jedem deutschen Haushalt täglich auf den Tisch Quelle: aktuellste Daten NRW-Wirtschaftsministerium (2007) 64,3 cher hofft, dass er helfen kann, weltweit Investoren für Nord rhein-westfalen zu begeistern, die sich durch die Attribute innovativ, offen und tolerant angesprochen fühlen (siehe Interview Seite 8). Als die 9-Millionen-Kampagne vor zwei Jahren geplant wurde, um im globalen Wettbewerb als Standort für innovative Industrieansiedlungen zu werben, war die Wirtschaftskrise noch nicht in Sicht. Im Rezessionsjahr 2009 wird in den Konzernzentralen von Shanghai, Tokio, San Francisco oder Moskau eher um das bestehende Geschäft gerungen, als dass man dort Geld für Neuansiedlungen in Nordrhein-Westfalen lockermacht. Ob Zugpferde wie August Oetker oder Michael Schumacher daran etwas ändern können? Längst hat Ministerpräsident Jürgen Rüttgers erkannt, dass zusätzlich zu der originellen Anzeigenserie weitere Maßnahmen gefordert sind. Rüttgers Ziel: Stärkung der heimischen Unternehmen. Eindringlich appelliert der 57- Jährige an die Wirtschaft, die Ärmel aufzukrempeln. Er will ins Rutschen geratene Unternehmen, Mittelständler wie Konzerne, durch staatliche Finanzhilfen stützen. Der CDU-Regierungschef fürchtet nach Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs 2009 einen Absturz an Rhein und Ruhr. Die negative Konjunkturprognose des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) untermauert die Befürchtungen. Für die industrielle Kernregion Deutschlands sagen die Gutachter ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um zwei Prozent voraus. Daran ändern wohl 6 Fotos: R. Sondermann/FOCUS-Magazin, T. Pflaum/Visum

7 Wir machen Gründer groß. Die STARTERCENTER NRW. Nordrhein-Westfalen liebt Menschen mit Ideen. Zum Beispiel Nadine Müller. Seit 2005 hilft sie Eltern oder Kindergärten und Institutionen, hochwertiges und pädagogisch wertvolles Spielzeug auszuwählen. Und auch Ihre Unternehmensidee könnte schon bald realisiert werden. Mit unserem Konzept-Check, unserer Hilfe bei Formalitäten und mit dem Coaching durch erfahrene Experten stehen wir Ihnen dabei gerne zur Seite. Alle Standorte der STARTERCENTER NRW und viele weitere Informationen finden Sie unter

8 INTERVIEW LANDESKIND ı Weltweite Top-Marke Ob in Indien oder auf den Philippinen Michael Schumacher aus Kerpen kennt man überall. ı Heimatgefühle Der 40-jährige Ex-Formel- 1-Weltmeister pflegt seine Jugendfreundschaften. Starke Verbundenheit Warum der frühere Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher in einer Anzeigenkampagne weltweit für seine Heimat wirbt FOCUS: Herr Schumacher, Sie präsentieren den Wirtschaftsstandort Nordrhein-Westfalen in einer weltweiten Anzeigenkampagne. Was finden Sie so toll an diesem Land? Schumacher: Zunächst einmal habe ich natürlich eine starke persönliche Verbundenheit zu Nordrhein-Westfalen, es ist schließlich meine Heimat. Ich habe im Laufe meines Lebens viele unterschiedliche Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen kennen gelernt, und ich mag einfach die rheinländische Art offen, tolerant, leben und leben lassen. FOCUS: Sie sind im rheinischen Kerpen aufgewachsen, leben mit Ihrer Familie in der Schweiz und werden in der ganzen Welt geschätzt. Fühlen Sie sich noch als Rheinländer, oder sind Sie eher Weltbürger? Schumacher: Ich fühle mich natürlich noch als Rheinländer und als Deutscher. Das legt man wahrscheinlich nie ab. Aber gleichzeitig fühle ich mich schon auch als Weltbürger, das kann ich nicht verhehlen. Ich könnte überall zu Hause sein, solange ich meine Familie bei mir habe. FOCUS: Haben Sie noch private und geschäftliche Verbindungen nach Nordrhein-Westfalen? Schumacher: Aber natürlich. Mein Vater lebt noch da, meine ältesten Freunde leben da. Die besuche ich immer wieder gerne. Und dann bin ich durch das MS Kart- und Eventcenter und KSM Motorsport ja auch geschäftlich dort noch sehr aktiv. FOCUS: Was erzählen Sie Menschen in Melbourne oder Shanghai, die wissen möchten, wo Ihre Heimat liegt und was deren Stärken sind? Schumacher: Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich aus der Nähe von Köln komme, können die meisten damit schon sehr viel anfangen. Der Dom zum Beispiel ist wohl wirklich überall bekannt. Und auch den Karneval kennen viele... Aber Spaß beiseite: Wie in den meisten Ländern gibt es ja auch innerhalb Deutschlands viele verschiedene Regionen, die ganz schön unterschiedlich sind. Das verstehen die Leute, denn sie kennen es meist aus ihren Ländern auch. Selbst die Sprache unterscheidet sich schon häufig. Da gibt es dann einiges, was man erzählen kann. FOCUS: Die Kampagne heißt We love the new. Was glauben Sie, welche internationalen Unternehmen können Sie für Investments in Nordrhein-Westfalen gewinnen? Schumacher: Genau die, die sich durch diese Attribute der Kampagne innovativ, offen, tolerant angesprochen fühlen. Das hoffe ich jedenfalls. INTERVIEW: KARL-HEINZ STEINKÜHLER auch die üppigen Berliner Konjunkturpakete nichts, die knapp drei Milliarden Euro für Investitionen im Land zwischen Rhein und Weser vorsehen. Rezession erfasst Nordrhein-Westfalen, überschreiben die RWI-Gutachter ihre Analyse. Die Experten erwarten eine deutliche Verschlechterung der Lage am Arbeitsmarkt und fürchten einen Zuwachs bei den Arbeits losen um Wirtschaftsministerin Christa Thoben sieht in den deprimierenden Zahlen keinen Grund, in einen Wettstreit um die schlechteste Prognose einzutreten, denn dies schade der Gesamtwirtschaft. Sie fordert von Politik, Unternehmen und Arbeitnehmern, jetzt zu handeln und nicht zu jammern. Die CDU-Politikerin begegnet der Wirtschaftsflaute selbstbewusst. Das Land habe in den vergangenen Jahren erheblich aufgeholt und seine Stärken ausgebaut. Thoben: Uns erreicht die aktuelle schwierige Situation auf einem insgesamt hohen Niveau. Damit müssten die Folgen der Krise beherrschbar sein. Im Ministerium an der Düsseldorfer Haroldstraße will man die kritische Lage offensichtlich nicht noch durch negative Kommentare verstärken. Denn schlechte Nachrichten sind für Thoben fast schon Alltag. An der Seite von Rüttgers erlebte sie mehrfach böse Überraschungen. Gerade die umworbenen ausländischen Investoren ver - ließen zuletzt die Region: 2006 kündigte der taiwanische Handy-Hersteller BenQ die Schließung seiner Werkhallen im niederrheinischen Kamp-Lintfort an, und vor einem Jahr verabschiedete sich der finnische Handy-Weltmarktführer Nokia aus Bochum. Insgesamt gingen 4000 Arbeitsplätze verloren, obwohl Rüttgers den Beschäftigten vor Ort den Erhalt ihrer Jobs versprach. Von solchen Politikerzusagen ließen sich die Konzerne aber nicht beeindrucken, für sie zählten Kosten und Renditen. Immerhin gelang es der Landesregierung, den kanadischen Blackberry- Hersteller Research in Motion (RIM) mit seinem europäischen Forschungs- und Entwicklungszentrum für den Standort Bochum zu interessieren. Die Nordamerikaner versprechen bis zu 500 hochwertige Arbeitsplätze in der Region. Doch es gibt weitere Hiobsbotschaften. Als nächstes Großunternehmen schlittert nun Opel, das in Bochum noch Fotos: AP, dpa

9 LEISTUNGSFÄHIG Das Bielefelder Unternehmen Gildemeister ist auf dem Weltmarkt führend so wie der gesamte deutsche Maschinenbau Menschen beschäftigt, in die Weltwirtschaftskrise. Wir lassen Opel nicht untergehen, versicherte der Ministerpräsident zwar mutig. Ohne Geld vom Bund wird das freilich schwierig, denn die Konzernmutter General Motors (GM) im fernen Detroit schuldet der europäischen Tochter mehr als zwei Milliarden Euro. Die Aussicht, dass der am Rande der Insolvenz taumelnde US- Autogigant diese Summe jemals zahlt, sind gering. Rüttgers, der Mitte Feb ruar persönlich bei GM in Detroit vorsprechen will, weiß: Ohne Bürgschaften kommt der neue Astra nicht ins Laufen. Ab 2011 soll der neue Kompaktwagen in der Kombiversion vom Band laufen. Vor dem Montagestart müssen aber noch 650 Millionen Euro in die Bochumer Werkhallen investiert werden, die Opel auch durch staatlich abgesicherte Kredite finanzieren will. Der Ministerpräsident ist längst bereit, tief in die NRW-Kasse zu greifen, um solche Investitionen zu ermöglichen. In den nächsten Wochen soll der Bürgschaftsrahmen des Landes von 900 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro aufgestockt werden. Nach einem Treffen mit Arbeitgeberpräsident Horst- Werner Maier-Hunke und DGB-Chef Guntram Schneider sagte Rüttgers zu, Entscheidungen des Bürgschaftsausschusses rasch herbeizuführen. Anlaufstelle für krisenbedrohte Unternehmen wird die NRW Bank. Dem Düsseldorfer Regierungschef reicht der von der Bundes-CDU in das Konjunkturpaket eingebrachte Deutschland-Fonds mit seinen 100 Milliarden Euro nicht aus. Zur Rettung angeschlagener Unternehmen hält Rüttgers sogar eine Beteiligung des Staates an Unternehmen für sinnvoll, um unfreundliche Attacken von ausländischen Finanzinvestoren abzuwehren. Der NRW-Chef will eine staatliche Mauer einziehen, wenn später in der Krise nach deutschen Firmen gegriffen wird. Berlin geht das zu weit.

10 NORDRHEIN-WESTFALEN Auch die Wirtschaft scheint von dieser Idee nicht begeistert zu sein. ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz hält solche drastischen Rettungsmaßnahmen des Staates für wenig sinnvoll, das könne nur eine Übergangs lösung sein. Wir wollen nicht zurück in eine Staatswirtschaft, sagt der dienstälteste Dax-Chef, wenngleich er auch für seinen Großkonzern den Griff nach Staatsbürgschaften für denkbar hält. Die Realisierung vieler Großprojekte stehe und falle auch mit der Finanzierung und Bereitstellung von Bankbürgschaften, sagte Schulz im FOCUS- Gespräch: Wenn Finanzierungshilfen zur Verfügung stehen, würden wir die auch annehmen. Das Leitmotiv Privat vor Staat, mit dem Rüttgers und seine CDU/FDP-Regierung im Sommer 2005 angetreten waren, ist längst Makulatur. Das erste Mal schrillten Mitte 2007 in der Staatskanzlei die Alarmglocken, als die Düsseldorfer WestLB öffentlich zugeben musste, durch Spekulationsgeschäfte Hunderte von Millionen Euro verzockt zu haben. Später wurden daraus sogar Milliarden. Durch geschickte Schachzüge gelang es den Düsseldorfer Regierenden, im Zusammenwirken mit den anderen Eigentümern (Sparkassen, Landschaftsverbände) vor einem Jahr dann aber, Risikopapiere in Höhe von 23 Milliarden Euro aus der WestLB in die Zweckgesellschaft Phönix auszulagern das Land bürgt mit fünf Milliarden Euro. Das dürfte aber wohl noch nicht alles sein. Die Landesbanker betteln erneut beim Eigentümer und bei dem von Bund und Ländern errichteten Sonderfonds SoFFin um Hilfen. Jetzt sollen faule Anlagepapiere in Höhe von 50 Milliarden Euro der Bank mächtig zu schaffen machen. Finanzminister Helmut Linssen (CDU), der 2005 angekündigt hatte, nach der rot-grünen Schuldenpolitik INTERVIEW Die Lage wird dramatisiert Sparkassenpräsident Rolf Gerlach hält die Wirtschaft für krisenstabil. FOCUS: Herr Gerlach, war der Einstieg des Staates bei der Commerzbank nur der Anfang einer Verstaatlichung von Banken? Gerlach: Der Schritt der Bundesregierung ist eine Zäsur in der deutschen Bankengeschichte. Verstaatlichungen von Kreditinstituten haben wir seit der Weltwirtschaftskrise 1929/31 so nicht mehr gesehen. Diese Maßnahme wurde nicht zur Finanzmarktstabilisierung durchgeführt, um zu verhindern, dass Lehman Brothers in Deutschland stattfindet. Sondern es war erklärtes Ziel, die Fusion zwischen Commerzbank und Dresdner Bank zu gewährleisten. Damit hat man eine weitere große Bank in Deutschland, die nach Bewältigung der Krise an den europäischen Finanzmärkten eine Rolle spielen kann. FOCUS: Welche Folgen hat das für die übrige Kreditwirtschaft? Gerlach: Das ist eine Intervention, die in ihrer Wucht auch für Branchenkenner überraschend gekommen ist. Dieser Schritt muss Konsequenzen haben. Es kann nicht sein, dass bei der Commerzbank in dieser Weise Strukturpolitik betrieben wird, und die Lösung der Landesbankenfrage zur Angelegenheit der Eigentümer erklärt wird. Da machen die deutschen Sparkassen nicht mit. FOCUS: Was soll geschehen? Gerlach: Aktionäre und Vorstand der West- SPARKASSEN-CHEF LB AG, um einmal eine Landesbank zu nennen, erwarten nun, dass die Instrumente des Sonderfonds SoFFin auch für ihre Bank zum Einsatz kommen. Nicht erst seit der Commerzbank-Aktion, aber jetzt erst recht. FOCUS: Wollen Sie den Bund in den Eigentümerkreis aufnehmen? Gerlach: Wir können uns das vorstellen. Die Sparkassen in NRW haben sich schon im Sommer 2007 für Konsolidierung ausgesprochen. Und Konsolidierung heißt: Wir können uns vorstellen, auf unsere Mehrheit von gut 50 Prozent zu verzichten und einen oder mehrere neue Partner hinzuzunehmen. FOCUS: Geredet wird nun schon fast zwei Jahre, warum geht es nicht voran? Gerlach: Über eine Verdichtung der Landesbanken wird ziemlich genau seit zwei Jahrzehnten geredet. Dabei gab es immer wieder schwierige Diskussionen mit den Landesregierungen. Fortschritte hat es eigentlich nur dann gegeben, wenn die Not besonders groß war siehe Bankgesellschaft Berlin oder SachsenLB. Also haben wir doch jetzt alle Chancen, wenn Sie nach Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg oder eben nach Nordrhein-Westfalen blicken. FOCUS: Was erwarten Sie? Gerlach: Nach der Hessen-Wahl wird es zu einem intensiven Diskussionsprozess zwiı Präsident Rolf Gerlach hat die Oberaufsicht über 75 Sparkassen in Westfalen-Lippe. ı Veränderer Der 55-jährige Ökonom entwickelte als Erster ein Konzept zur Fusion der WestLB. 10 Fotos: F. Peterschroeder/FOCUS-Magazin, ddp

11 LEBENSMITTELPRODUKTION Oetker hier die Produktion von Backmischungen in Bielefeld-Oerlinghausen brachte es unter die Top Ten der Industriekonzerne schen der Sparkassenorganisation und den beteiligten Bundesländern Hessen und NRW kommen. Und wenn sich hier etwas bewegt, wird sich an anderen Stellen auch was bewegen. Wenn einer vorneweg marschiert, müssen die anderen folgen. Drei Landesbanken wären gut: Nord, Süd und Mitte. FOCUS: Sie fordern den Bund als Geldgeber für Landesbanken, was halten Sie von Strukturhilfen für die sonstige Wirtschaft? Gerlach: Man darf im wirtschaftlichen Geschehen die Chancen staatlichen Handelns nicht überschätzen. Einzelne nationale Konjunkturprogramme werden eine nach unten gerichtete zyklische Entwicklung kurzfristig nicht umkehren. Das ist auch allen klar. FOCUS: Soll der Staat denn nicht der so wichtigen Automobilindustrie helfen? Gerlach: Wenn staatliche Wirtschaftspolitik versucht, Strukturen zu erhalten, ist sie regelmäßig gescheitert wie im Bergbau. Im Automobilbau gibt es einfach Überkapazitäten. Das ist ähnlich wie in der Bankwirtschaft. Da muss man ran und kappen. FOCUS: Mitten in der Rezession? Gerlach: Die Lage wird zurzeit etwas dramatisiert. Vor allem, da die deutsche Wirtschaft deutlich krisenstabiler geworden ist hatten wir ein Wachstum von 1,3 Prozent, das ist eine beachtliche Rate. Wenn wir in diesem Jahr eine rückläufige Wirtschaftsleistung von zwei Prozent bekommen, sind wir auf dem Niveau von Mit 2007 waren aber alle eigentlich ganz zufrieden. INTERVIEW: M. KIETZMANN/K.-H. STEINKÜHLER spätestens 2011 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, rauft sich bei jedem neuen Desaster in der Bankenund Wirtschaftswelt die grauen Haare. Ihm bleibt nach der Milliardenoffensive seines Regierungschefs für die leidende Wirtschaft nichts anderes übrig, als staatliche Bürgschaften und Zuschüsse bereitzustellen. Doch Linssen, der wegen der Wirtschaftskrise, ausbleibender Steuereinnahmen und gestiegener Sozialkosten nun einen Nachtragshaushalt auflegen muss, bleibt seinem Drang zum Sparen treu. Der 66- Jährige versicherte kürzlich, sein Amt nicht eher aufgeben zu wollen, bis er einen Etat ohne Neuverschuldung vorlegen könne. Das wird frühestens 2014 sein, orakelt Linssen. Auch Rüttgers musste umdenken. Der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende, der sich bisher als soziales Gewissen seiner Partei sah und dessen Klientel erklärtermaßen die kleinen Leute sind ( Ich bin der Arbeiterführer in Nord rhein-westfalen ), erkannte Mitte vergangenen Jahres die Bedeutung des Unternehmertums. Inzwischen konkurriert Rüttgers sogar mit den selbst ernannten Wirtschaftsweisen der Union, Christian Wulff und Günther Oettinger. Bei Rüttgers gehen die Mächtigen der deutschen Wirtschaft ein und aus, Konzernbosse wie Banker. Der Düsseldorfer Ministerpräsident profitiert von solchen Gesprächen. Seine heutigen Erkenntnisse klingen daher ganz anders als frühere Einschätzungen. Wir hätten das reine Chaos, wenn wir den Euro nicht hätten, hat Rüttgers inzwischen erkannt. Er ist davon überzeugt, dass zehn Prozent der Industriefirmen kein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Ein hartes Urteil, das Rüttgers nie fällen würde, hätte er nicht entsprechende Informationen. Dass Ex-McKinsey-Deutschland-Chef Jürgen Kluge, der über solche Einblicke in die deutsche Wirtschaft verfügt, zu seinen regelmäßigen Ratgebern zählt, ist kein Geheimnis. Allein solches Wissen hilft indes nicht, das Land durch die Wirtschaftskrise zu führen. Rüttgers meint, dass er nicht auf die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft vertrauen kann. Das wird nicht reichen, sagt er. Auch die RWI-Gutachter malen schwarz. Kein einziger Indikator macht derzeit Hoffnung auf eine rasche Erholung. Sowohl die Auftragseingänge als auch die Geschäftserwartungen in der gewerblichen Wirtschaft stürzen in einem Maße ab, wie man es seit Jahren nicht mehr beobachtet hat, heißt es in der NRW-Prognose. Für die Industrieproduktion erwartet das RWI gar einen Rückgang von 5,3 Prozent. Besonders die in den vergangenen Jahren prosperierende Stahlproduktion zeigt allein durch den Rückgang im November von mehr als zehn Prozent starke Bremsspuren. Weitere Einschränkungen seien geplant das bestätigt auch ThyssenKrupp-Chef Schulz. Der größte deutsche Stahlkonzern mit Sitz in Duisburg plant Kurzarbeit für Schulz beklagt einen starken Einbruch bei den Aufträgen. In ganz Nordrhein-Westfalen musste die Wirtschaft im November bei den Neubestellungen ein Minus von 29 Prozent hinnehmen. Ein Drittel weniger als im Jahr zuvor das ist ein dramatisches Signal. Trotzdem macht sich der Ministerpräsident Mut und sagt: Wir werden mit der Krise fertig. Vor diesem Hintergrund feiert das Land jede kleine Ansiedlung ausländischer Unternehmen. Immerhin gelang es NRW.Invest, den chinesischen Baumaschinenkonzern Sany mit seiner Europazentrale nach Köln zu locken (30 Arbeitsplätze). Ein Investment, das noch ohne Michael Schumaches Hilfe entstand. Die Anzeige We love the new mit dem NRW-Superstar erscheint erst nächsten Monat in Shanghai und Peking. KARL-HEINZ STEINKÜHLER 11

12 Tower London hat alles, was eine Metropole ausmacht. Genauso wie Nordrhein-Westfalen. Mit 18 Millionen Einwohnern leben und arbeiten hier mehr Menschen als im Großraum London. Nordrhein-Westfalen ist einer der größten Marktplätze Europas, internationaler Verkehrsknotenpunkt und die Nummer 1

13 Bridge unter den weltweiten Messestandorten. 25 der 50 umsatzstärksten deutschen Unternehmen und ausländische Firmen fühlen sich hier zu Hause. Willkommen in einem der führenden Regionalen Wirtschaftsräume Europas und der Welt. Willkommen in der Metropole Nordrhein-Westfalen.

14 NORDRHEIN-WESTFALEN INTERVIEW Ich spüre eine neue Offenheit Der deutsche Vodafone-Chef Friedrich Joussen über seine überraschende Kooperation mit der Deutschen Telekom, die Folgen der Wirtschaftskrise und die Eingriffe des Staates FOCUS: Herr Joussen, Sie sind in letzter Zeit häufig in Berlin, wann treffen Sie das nächste Mal die Kanzlerin? Joussen: Zur Integrationskonferenz der Vodafone-Stiftung diesen Montag. FOCUS: Braucht sie Ihren Rat, oder wollen Sie sich schlaumachen? Joussen: Die Kanzlerin braucht meinen Rat nicht. Grundsätzlich ist es natürlich gut, wenn die Politik auf die Unternehmer hört und umgekehrt. Ich spüre eine zunehmende Offenheit für den Dialog, in Berlin und in den Ländern. FOCUS: Solche engen Kontakte sind neu, versteht man sich nun besser? Joussen: Politik und Wirtschaft rücken in der Krise enger zusammen. In den letzten Jahren gab es nicht immer wirkliche Übereinstimmung zwischen den wirtschaftlichen und politischen Eliten. Wichtig wäre eine größere emotionale Nähe. Sie hilft, wenn es wie jetzt eng wird. Die Mehrzahl der Unternehmer macht sich Gedanken, was in der Gesellschaft passiert. Ich höre ja nicht auf zu denken, wenn ich aus dem Unternehmenstor rausgehe. FOCUS: Für die Politik kam die Wirtschaftskrise überraschend, für Sie auch? Joussen: Wir wurden alle überrascht. Ich erinnere mich an die Übernahme des Telefonanbieters Arcor im vergangenen Jahr. Damals habe ich geglaubt, es gibt nur einen Weg, und der führt nach oben. Das war im Mai und im Oktober war nichts mehr wie vorher. FOCUS: Spüren Sie die Rezession? Joussen: Noch werden wir weitgehend verschont. Aber ich habe vorsorgend meine Manager angewiesen, frei werdende Stellen nicht automatisch wieder zu besetzen. Unsere Privatkunden empfinden die Wirtschaftskrise heute meist als mediales Ereignis. Die Wirkung auf das Verbraucherverhalten kommt erst noch. Bei den Geschäftskunden ist das anders, sie telefonieren weniger grenzüberschreitend. Vodafone Deutschland Im Mai 2008 erwarb Vodafone mit zuletzt 36,2 Mio. Mobilfunkkunden die restlichen Anteile von DSL- Anbieter Arcor (2,9 Mio. Kunden) und integriert das Unternehmen. Mitarbeiter Umsatz 10,0 Mrd. Euro Kunden 37,1 Mio. INTERNET-ZUGANG Vodafone rüstet das Mobilfunknetz auf, um die Kunden ins Web zu lotsen FOCUS: War das Konjunkturpaket der Regierung etwa überflüssig? Joussen: Solche Maßnahmen erfüllen mehrere Zwecke. Sie sollen zeigen, dass der Staat handlungsfähig ist. Die Investitionen in die Infrastruktur sind sicher richtig, sie dämpfen die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Solche Programme sollen auch psychologisch wirken. Die Verbraucher müssen Vertrauen zurückbekommen. Und nicht zuletzt wollen Politiker wiedergewählt werden, und das halte ich für legitim. FOCUS: Aber jedem Bürger bleiben von 50 Milliarden nur wenige Euro. Joussen: Für eine Krise dieser Art gibt es keine Blaupause. Und wenn 80 Prozent richtig waren, ist das ein großer Erfolg. Ich habe an einigen Stellen auch 2007/2008 (31.3.) Zweifel. Wenn es am Ende dazu führt, dass die Menschen das Geld auf die hohe Kante legen und sich die Sparquote von elf auf zwölf Prozent erhöht, erreichen wir wahrscheinlich keine Stimulation des Konsums. FOCUS: Bisher hilft die Politik vor allem den Banken der Staat musste sich sogar an einigen beteiligen... Joussen: Der Bankenpakt war sehr gut und wurde von der Politik, von Frau Merkel und Herrn Steinbrück, exzellent gemanagt. Jetzt kommt es darauf an, dass das Geld nicht in den Banken verbleibt, sondern an die Unternehmen fließt, die es dringend brauchen. Ich rede nicht von maroden Unternehmen, die müssen in der Krise vom Markt verschwinden. Sondern von Weltmarktführern, z. B. aus der Automobilzulieferindustrie. Denen müssen wir durch Kredite Luft zum Atmen geben. FOCUS: Halten Sie Politiker etwa für die besseren Unternehmer? Joussen: Politiker sind nicht die besseren Unternehmer. Aber der vorübergehende Einstieg gibt den Banken die Chance, ein vernünftiges System aufzubauen. Das Finanzsystem ist eine wichtige Infrastruktur der Volkswirtschaft, deswegen halte ich einen befristeten Einstieg für gerechtfertigt. Später muss die Politik wieder raus, das ist klar. FOCUS: In den USA dreht der neue Präsident Barack Obama aber ein viel größeres Rad. Gegen dessen 800 Milliarden Dollar wirken wir ziemlich mutlos. Joussen: Ich bin ausgesprochen froh, dass wir eine ruhige und sichere Hand in der Politik hatten. Meine persönliche Meinung ist, dass Deutschland mit seinem vielfältigen produzierenden Gewerbe und dem starken Mittelstand die Chance hat, aus der Krise gestärkt herauszukommen. Länder wie England und Spanien mit ihrer Dienstleistungsstruktur sind eindeutig am stärksten betroffen. Die schnelle Senkung der 14

15 PRAGMATIKER Vodafone-Chef Friedrich Joussen, 45, kooperiert mit der Telekom, um Lücken im deutschen Breitbandnetz zu schließen DER ANGREIFER ı Der Tüftler Joussen geht 1988 als Elektrotechniker zu Mannesmann Übernahme durch Vodafone. ı Der Manager 2005 rückt Joussen an die Spitze, schluckt 2008 den Festnetzer Arcor und greift nun als integrierter Telefonanbieter die Telekom an. Unsere Privatkunden empfinden die Wirtschaftskrise meist als mediales Ereignis Friedrich Joussen Mehrwertsteuer durch die Regierung in London ist schon verpufft. FOCUS: Halten Sie die Investition in neue Breitbandnetze für effektiver? Joussen: Erst einmal ist es gut, dass die Bundesregierung neben Straße und Schiene auch Internet-Verbindungen als wichtige Infrastruktur ansieht. Dadurch dürfen aber nicht alte Monopole gestärkt werden. FOCUS: Ihre Spitze in Richtung Telekom überrascht, Sie wollen doch Deutschland gemeinsam verkabeln? Joussen: Das stimmt, in zwei Städten Würzburg und Heilbronn testen wir, wie das gehen könnte. Endlich wird über die nächste Generation der Breitbandversorgung nicht mehr nur akademisch diskutiert. Ich bin bereit, eine Infrastrukturallianz für Deutschland zu schließen. Fotos: D. Röseler/FOCUS-Magazin, J. Sackermann/Bilderberg FOCUS: Aus Feind wird Freund? Joussen: Das ist keine Warme-Bettdecken-Veranstaltung, die Telekom ist ein harter Wettbewerber. Und das wird so bleiben. Es kommt darauf an, für beide eine Win-win-Situation zu schaffen. Wir wollen in Deutschland investieren, und die Telekom hat ein Interesse daran, nicht alles allein zu bauen. FOCUS: Klingt wie ein Koalitionsgespräch, wann gehen Sie in die Politik? Joussen: Das wird nicht passieren. In Deutschland ist das nicht üblich anders als in den USA, wo die Grenzen zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft offener sind. Es beeindruckt schon, was für ein interdisziplinäres Team Obama um sich schart. INTERVIEW: MATTHIAS KIETZMANN/ KARL-HEINZ STEINKÜHLER 15

16 NORDRHEIN-WESTFALEN TELEKOM Anrennen gegen die Krise Der Chef der Festnetzsparte Timotheus Höttges baut beim Joggen Druck ab. Davon hat der T-Home-Sanierer reichlich Tim Höttges ist ein Kämpfer: Obwohl der hochgewachsene Chef des Telekom-Festnetzes schon zweimal am Knie operiert wurde, schnürt er immer wieder die Joggingschuhe und läuft am Rhein - ufer entlang. Mein Arzt würde mich für verrückt erklären, lacht der Vorstand von Europas größter Telefongesellschaft. Aber ich brauche das. Es ist ein schreckliches Gefühl, wenn ich inneren Druck nicht abbauen kann. Der Erfolgsdruck, der auf dem Vertrauten von Konzernchef René Obermann lastet, ist gewaltig: Höttges soll die millionenfache Abwanderung der traditionellen Telekom-Festnetzkunden bremsen und die Umsatzverluste durch das Neugeschäft mit superschnellen Breitbandverbindungen wettmachen. Dabei hat Höttges nicht nur aggressive Konkurrenz gegen sich, sondern mitunter auch die Bundesnetzagentur. Die Wächter über den Telefonmarkt verhindern, dass die Telekom mit kräftigen Preissenkungen gegenhält. Wettrennen mit René. Trotzdem resigniert der 46-Jährige nicht. Im mittleren Lauftempo genießt er im Gespräch mit FOCUS das morgendliche Farbenspiel am Fluss ( Ich könnte nie im Keller auf einem Laufband stehen ) und die Natur. Höttges bei Rhein-Kilometer 646: Ich möchte etwas zurückgeben und mich engagieren. Ich kann mir vorstellen, einmal für Greenpeace zu arbeiten und mich um deren Finanzen zu kümmern. Der gedankliche Ausflug in die Zukunft des Planeten endet abrupt. 90 Prozent der Laufzeit kaue ich auf einem beruflichen Problem herum. Ich kann das zwar nicht sofort lösen, aber es tut trotzdem gut, und anschließend bin ich euphorisch. In seinem Ehrgeiz ähnelt er seinem gelegentlichen Laufpartner Obermann. Die erste halbe Stunde reden wir über den Job, erzählt der frühere Controller. Danach machen wir Faxen und rennen zum Schluss um die Wette. Am Ende der zehn Kilometer langen Deutsche Telekom Bislang wirkt sich die Flaute nicht auf das Festnetzgeschäft der Telekom aus. Höttges: Gerade jetzt brauchen die Menschen die Telekommunikation. Mitarbeiter Umsatz 62,5 Mrd. Euro Kunden* 156,2 Mio. HOFFNUNGSTRÄGER Bei schnellen DSL-Anschlüssen ist die Telekom deutscher Marktführer *2007, 119,6 Mio. Mobilfunk, 36,6 Mio. Festnetz Dienstbesprechung siegt regelmäßig Obermann, räumt Höttges ein. Mit der Hierarchie innerhalb des Duos hadert er nicht. Zwischen uns gibt es keine Rivalität außer vielleicht beim Laufen. Ich kann gut damit leben, dass ich der zweite Mann bin und er der erste. Ich bin nicht erpicht darauf, im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stehen, und kümmere mich lieber darum, T-Home besser zu machen. Harte Selbstkritik. Dabei verbucht der studierte Betriebswirt erste Erfolge: Neun Quartale in Folge wählten jeweils über 40 Prozent der Neukunden einen Breitbandanschluss der Telekom. Und die Kunden geben T-Home heute bessere Noten für die Service-Qualität als bei Höttges Amtsantritt Ende Damals hatte der Newcomer vor der Presse in Berlin schonungslos den grottenschlechten Service angeprangert und damit Zustimmung, aber auch interne Kritik auf sich gezogen. Doch auch zwei Jahre später verlassen weiterhin viele Anschlusskunden die Telekom. Wir haben bei den Telefonanschlüssen noch 75 Prozent Marktanteil, und dem Regulierer ist das zu viel, sagt Höttges und lässt in der schweißtreibenden Vorwärtsbewegung dem Frust freien Lauf: Auch wenn wir um jeden Kunden kämpfen, wird es weitere Verluste geben, sagt er laut. Sie sind regulatorisch gewollt. Milliarden-Deal auf tiefem Teppich. Das Gefühl von Machtlosigkeit gefällt dem Solinger nicht. Mit der Ausdauer des Langstrecklers arbeitet sich der Uni- Absolvent nach dem Studium in Köln nach oben zu Beginn bei Mummert + Partner in Hamburg. Ich war kaum in der Stadt, führte ein typisches Beraterdasein und lebte aus dem Koffer. Anschließend wechselt er zum Stromriesen Viag in München und zählt zum Team, das die Fusion mit Veba zum Energie-Giganten E.on aushandelt. Da ging alles ganz präzise zu, erinnert sich Höttges an seine acht Jahre in der von Traditionen geprägten Energiewirtschaft. In der Chefetage war der Teppich so hoch, spreizt er Daumen und Zeigefinger, während er über die rheinland-pfälzische Landesgrenze trabt. Als wir die 60-Milliarden-DM-Fusion vertraglich festlegen wollten, haben wir nachts um zwei einen Fahrer losgeschickt, um ein Lexikon zu holen. Grund: Das Team wollte klären, an welcher Stelle es ein Kernkraftwerk an der Elbe in die Karte einzeichnen sollte. Nach der Fusion wechselt Höttges im September 2000 als Finanzchef in die Mobilfunksparte der Telekom in Bonn. Ihn reizt die Aussicht, den damals geplanten Börsengang von T-Mobile zu gestalten. Das war ein Kulturbruch. Als Controller bin ich Zahlenmensch und treffe Entscheidungen auf Grund von Analysen, sagt Höttges. Bei 16 Fotos: O. Schmauch/FOCUS-Magazin, W. Scheible

17 GUTER LAUF ı Korrekter Controller Finanzfachmann Höttges gehörte beim Energieriesen Viag zum Team, das die Fusion mit Veba verhandelte. ı Problemlöser der Telekom Bei T-Mobile sparte er eine Milliarde ein, nun saniert er T-Home. T-Mobile habe ich gelernt, dass 50 Prozent aller Entscheidungen auch durch Emotionen bestimmt sind. Im Mobilfunk herrscht damals Aufbruch, Guthabenkarten verwandeln das Handy in einen Massenartikel. Alles scheint grenzenlos, auch die Zahl der Ziffern auf dem berühmten Scheck, mit dem die Telekom die acht Milliarden Euro teure Eintrittskarte in den Mobilfunk der dritten Generation (UMTS) löst. Ein normaler Eurocheque mit sehr vielen Nullen, so der Manager, der das Papier unterschrieb: Große Summen haben mir nie Angst gemacht. Zwei Führungswechsel 2002 und 2006 bringen Obermann an die Konzernspitze und den Weggefährten ans Regiepult der Festnetzsparte. Obendrauf erhält Höttges im Herbst 2008 das mittelständische Firmenkundengeschäft. Orientierungslos an der Nordsee. Neun Kilometer liegen hinter ihm, signalisiert die Läufer-Uhr mit Satellitenortung: Die haben mir Kollegen geschenkt, nachdem ich mich in den holländischen Dünen verlaufen hatte, grinst der Manager und erzählt vom Irrweg durch Sand, Gras und Gebüsch, bis er dehydriert in einer Apotheke strandete. Dort bekam ich Wasser. Andere Exkursionen in Turnschuhen endeten besser. Neulich bin ich in São Paulo aus dem Hotel raus und einfach losgelaufen. Und habe zurückgefunden. Wo bleibt da Platz für die Familie? Ich habe keine Jobs in Verbänden oder Aufsichtsräten außerhalb der Telekom, sagt Höttges. An normalen Tagen fange ich um halb neun an und bin so zu Hause, dass ich Zeit mit meinen Söhnen verbringen kann. Meine Jungs und ich brauchen das. Seine Frau ist Allgemeinärztin und hat eine Praxis im Viertel. Sie ist hier bekannter, erzählt Höttges. Wenn wir zu zweit durch die Straßen gehen, wird sie häufiger gegrüßt als ich. RHEIN-JOGGER Dreimal wöchentlich dreht Höttges in der Nähe von Bonn seine Runde MATTHIAS KIETZMANN 17

18 NORDRHEIN-WESTFALEN HENKEL Tempo für Persil und Pattex Der neue Chef des Konsumgüter- und Klebstoff-Riesen, Kasper Rorsted, trimmt den Düsseldorfer Konzern auf Rendite und verändert die Unternehmenskultur *2007 Der Konzern ist Weltmarktführer bei Industrie-Klebstoffen. In anderen Sparten wie der Körperpflege fehlt es aber an globalen Premiummarken. Mitarbeiter Umsatz* 13,1Mrd. Euro Ergebnis* 1,3 Mrd. Euro Henkel DÄNISCHES DYNAMIT ı Der Skandinavier und FC Bayern-Fan leitet Henkel seit dem Frühjahr ı Andere Stationen im Berufsleben des 46-Jährigen waren Oracle, Compaq und Hewlett- Packard (HP). Henkel ABSTURZ Auch Kasper Rorsted konnte das Absacken der Aktie nicht aufhalten Dass beim Düsseldorfer Henkel-Konzern ein anderer Wind weht, wird auch dem weniger beteiligten Beobachter spätestens im November vergangenen Jahres klar. Damals stellt Kasper Rorsted, der neue Lenker des Konsumgüter-Riesen, Journalisten und Analysten die Zahlen für das dritte Quartal vor. Sein Vorgänger Ulrich Lehner hatte diese stets nüchtern vom Blatt abgelesen, den Platz hinter seinem Namensschild nicht verlassen und zwischendurch höchstens mal verschmitzt gelächelt oder seine etwas altmodische Brille zurechtgerückt. Nicht so Kasper Rorsted. Den Neuen hält es in dem Saal eines feinen Londoner Hotels schon bei der Begrüßung augenscheinlich kaum auf seinem Stuhl. Als Henkels Kommunikationschef ihm endlich das Wort übergibt, stürmt der 46-Jährige auf die Bühne und macht dem Spitznamen seiner Landsleute ( Danish Dynamite ) alle Ehre: In perfektem Englisch rattert er Ist-, Soll- und Muss-Zahlen herunter, klickt sich durch unzählige Charts mit so komplizierten Titeln wie Strategic Priorities Delivering Results und kann zum Schluss die Fragen seiner ermatteten Zuhörer kaum erwarten. Immerhin setzt sich Rorsted dafür dann doch wieder hin. An diesem grauen Novembertag zeigt der braun gebrannte und jugendlich wirkende Manager eindrucksvoll, warum in so vielen Porträts über ihn das Wort Tempomacher nicht fehlen darf. Für Rorsted muss es wo immer möglich schnell gehen. Das gilt auch für seine Karriere: Nach dem Studium in Kopenhagen und Harvard arbeitet der Skandinavier für Oracle, Compaq und Hewlett-Packard (HP). Dort ist er bereits mit 40 Jahren der Chef von Beschäftigten und verantwortet ein Umsatzvolumen von mehr als 25 Milliarden Dollar. Weil die Fusion von Compaq und HP ein Desaster ist, muss der frühere Handballspieler im Sommer 2004 gehen. 18 Foto: dpa

19 MIT MODERNEN KOHLEKRAFTWERKEN, DIE IM GEGENSATZ ZUR VRONI IHRE EMISSIONEN DEUTLICH REDUZIEREN. RWE investiert mehr als 6 Mrd. Euro in Kohlekraftwerke, die zu den modernsten und effizientesten der Welt gehören. Sie stoßen 20 bis 30% weniger CO 2 aus umgerechnet Tonnen jährlich. Aber das ist uns nicht gut genug! Wir realisieren schon bis 2014 das erste klimafreundliche Kohlekraftwerk und senken damit den CO 2 -Ausstoß sogar um 90%. Da staunt nicht nur die Vroni.

20 NORDRHEIN-WESTFALEN Ein gutes Jahr später dann die zweite Chance. Rorsted kommt nach Düsseldorf-Holthausen, wo er zunächst für Personal, Einkauf und IT zuständig ist. Schon im Dezember 2006 präsentiert ihn Henkel als Nachfolger von Ulrich Lehner, der den Pril-, Persil- und Pattex-Konzern acht Jahre lang geführt hat. Im Frühjahr 2008 folgt der eigentliche Wechsel. Eine Sensation für den mehr als 130 Jahre alten Henkel-Konzern, den die Nachkommen der Gründer noch immer fest in der Hand halten: Der vierfache Vater Rorsted ist nicht nur der erste Boss, der nicht aus dem deutschsprachigen Raum stammt, sondern auch sierung und Job-Abbau die Rede, im Sommer 2008 werden betriebsbedingte Kündigungen erstmals nicht ausgeschlossen für viele Henkelaner ein Schock. Das geplante Aus für das ostdeutsche Werk Genthin bringt Demonstranten vor die Düsseldorfer Werkstore. Die Medien sprechen vom Ende der Harmonie bei Henkel. Angesichts der Konsumflaute könnte es gut sein, dass Rorsted das Sparprogramm sogar noch weiter verschärfen muss. Anfang Januar schließt Vorstandskollege Lothar Steinebach in einem Interview auch Kurzarbeit nicht aus. Ich bin für Mitarbeiter aller Ebenen ansprechbar, unterstreicht der Chef, der häufig in der Kantine isst und die Meinungen von Kollegen im Ausland per einsammelt. Doch dann müsse eine Entscheidung getroffen werden zum Wohle der Firma. Genau dafür hat ihn der mächtige Henkel- Clan geholt. Nicht alles läuft rund. Wenn ich den Konzern eines Tages verlasse, möchte ich gern eine deutlich bessere Mannschaft hinterlassen, als ich übernommen habe, sagt der Henkel-Chef im Oktober in einem Gespräch mit der Financial Times Deuschland. Der Satz kommt im Konzern verständlicherweise nicht gut an. Bei einigen Altgedienten stellt sich der Eindruck ein, Werte der Henkel-Kultur wie Erfahrung und Stallgeruch könnten unter Rorsted eher zu einem Kainsmal werden, beschreibt GROSSE WÄSCHE Mit bekannten Marken wie Persil, Pril und Pattex will der Konzern kräftig wachsen und dabei die Umsatzrendite von gut zehn auf satte 14 Prozent steigern WACHWECHSEL Zusammen mit Ex-Henkel-Chef Ulrich Lehner (l.) entwickelte Rorsted ein Kostensenkungsprogramm, das den Konzern fit machen soll. Der Däne muss es nun umsetzen der Erste, der sich nicht über Jahrzehnte langsam nach oben gedient hat. Kaum hat er den Chefposten übernommen, absolviert Rorsted im Frühjahr 2008 das erste Zusammentreffen mit Journalisten mit Bravour. Er gibt sich locker und offen, diskutiert über Kino, Erziehung und seinen Umzug von München nach Düsseldorf. Der bekennende FC-Bayern-Fan macht aber auch deutlich, dass sich bei Henkel einiges ändern muss: Das Unternehmen soll seine Umsatzrendite von aktuell gut zehn nicht nur auf die lange angepeilten zwölf, sondern gar auf 14 Prozent im Jahr 2012 steigern. Nur dann, so ist Rorsted überzeugt, könne Henkel mit Wettbewerbern wie Procter & Gamble oder L Oréal einigermaßen mithalten. Dazu sollen vor allem die globalen Marken wie Persil, Pattex, Loctite oder Schwarzkopf gestärkt werden. Und der größte Zukauf der Unternehmensgeschichte (der amerikanische Klebstoffspezialist National Starch) muss rasch integriert werden. Das ist nicht alles. Außerdem sollen die Kosten runter. Zusammen mit seinem Vorgänger Lehner entwickelte Rorsted, der häufig um fünf Uhr aufsteht und vor der Arbeit joggt oder Tennis spielt, bereits lange vor dem aktuellen Abschwung das Sparprogramm Global Excellence, in dessen Rahmen weltweit 3000 Jobs gestrichen werden sollen. Der Däne muss es umsetzen. Plötzlich ist viel von Rationali- die Lebensmittel Zeitung die Atmosphäre. Auch dass die traditionellen Weihnachtsfeiern sang- und klanglos abgesagt wurden, verstimmt viele. Doch der dunkelhaarige Skandinavier lässt sich nicht beirren. Unser Ziel ist, schneller, rentabler und internationaler zu wachsen, sagt der Tempo- Mann, der das bereits in der Einkaufsund IT-Abteilung durchgezogen hat. Im Konzern fehle es zum Beispiel an Chinesen, Osteuropäern und Frauen. Erste Entscheidungen wie die Berufung der von der Deutschen Bank gekommenen neuen Personalchefin Juliane Wiemerslage zeigen, dass Rorsted seinen Worten Taten folgen lässt. Und dass er dabei ist, den Rest des Konzerns aufzumischen. JOCHEN SCHUSTER 20 Fotos: AP

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