Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind. Argumentarium und Quellensammlung

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1 Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind Argumentarium und Quellensammlung

2 Inhalt 1 Ausgangslage und Rahmenbedingungen 3 2 Hauptargumentationslinien 6 3 Wesen der europäischen Stadt 7 4 Kompakte Siedlungsstruktur 9 5 Begegnungsorte 11 6 Stadt der kurzen Wege 13 7 Versorgungsgerechtigkeit 15 8 Höhere Lebens- und Wohnqualität 17 9 Fühlungsvorteile KundInnensicht Sicht der Betriebe 20 Literaturverzeichnis 22 2 Stadtentwicklung Zürich

3 1 Ausgangslage und Rahmenbedingungen In der im Oktober 2013 öffentlich aufgelegten Teilrevision der Bau- und Zonenordnung der Stadt Zürich finden sich Bestimmungen zur Nutzung der Erdgeschosse an ausgewählten, zentralen Lagen. Solche Bestimmungen finden sich auch andernorts. Im vorliegenden Bericht sind Argumente zu deren Begründung zusammengestellt. Diese Zusammenstellung basiert auf einer Literaturrecherche. Die Quellen sind am Schluss aufgeführt. Vorgängig wird nun kurz auf die Situation des Detailhandels also der massgeblichen «Zielgruppe» der EG-Bestimmungen eingegangen. Eine wichtige Rahmenbedingung ist der allgemeine Strukturwandel im Detailhandel. Die Filialisierung und Internationalisierung nimmt immer mehr zu. Die Verkaufsfläche pro Geschäft wird grösser, es gibt jedoch weniger Verkaufsstellen und weniger Beschäftigte. Kleinläden gelten als die Verlierer des Strukturwandels (Credit Suisse, 2012). Auf der anderen Seite begünstigen die demografische Entwicklung (Zunahme der älteren Bevölkerung), der Trend zu mehr Convenience, mehr Frische und mehr Regionalität die kleinflächigeren Formate. Der Kunde/die Kundin möchte zu (fast) jeder Tageszeit in der Nähe von Arbeits- und Wohnort einkaufen können. Nähe und Erreichbarkeit gewinnen an Bedeutung (GDI Gottlieb Duttweiler Institute, KPMG AG, 2013). Über die tragende Funktion der Stadt- und Ortsteilzentren für die Städte und Regionen besteht ein breiter politischer und fachlicher Konsens (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011a). Es besteht über die verschiedenen Fachdisziplinen hinweg grundsätzlich ein Konsens, dass Läden in Quartierzentren wichtig sind und zentrale Versorgungsbereiche geschützt werden müssen (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011d). Die Attraktivität von Ortszentren wird massgebend geprägt durch die publikumsorientierten Nutzungen, welche in der Regel die Erdgeschossflächen belegen (Schweizerische Vereinigung für Landesplanung, 2013). Die grundlegende Frage, die diskutiert wird, ist wie dies erreicht werden kann und welche Steuerungsmöglichkeiten es gibt. Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind 3

4 In kleineren Gemeinden kommt eine weitere Herausforderung hinzu: Läden ziehen weg, die Nutzungsdichte in den Ortszentren nimmt grundsätzlich ab, es gibt zu wenig Wohnbevölkerung. In diesen Fällen wird Wohnen als Lösung zur Belebung von Zentren bzw. zur Vermeidung von Leerstand angestrebt (Schweizerische Vereinigung für Landesplanung, 2013). Das Credo der Immobilienbranche «Lage, Lage und nochmals Lage» gilt auch für den Detailhandel und EG-Nutzungen: Hier sind Frequenzen das zentrale Thema. Der Detailhandel orientiert sich in seinen Entscheiden nur am Faktor KundInnen (Koll-Schretzenmayr, 2011). Ein neues Feld tut sich mit dem Online-Handel auf. In der Schweiz bewegte sich das Volumen des Online-Handels im Jahr 2012 bei ca. 10 Mrd. Franken, zwischen 2010 und 2012 hat der Umsatz um 17% zugenommen. Die Zuwachsraten sind aber im Vergleich zu den Perioden davor nicht mehr so hoch, die Umsätze sind langsamer gewachsen. Gemäss Aussage verschiedener Autoren gehört E-Commerce inzwischen zum normalen Bestandteil des täglichen Einkaufs (Universität St. Gallen, 2013). Die Trennlinie zwischen online und herkömmlichen Geschäften verschwimmt jedoch zusehends. Klassische Detailhändler eröffnen Online- Shops, Versand- und Onlinehändler stationäre Läden. Man bestellt online und bringt es in den Laden zurück, wenn etwas nicht passt. Diese kombinierte Nutzung, Cross-Channel-Shopping genannt, hat besonders stark bei Bekleidung und Elektronik zugenommen (Bröhm, 2013). Deshalb gehen Experten auch nicht zwangsläufig von einem Ladensterben aufgrund des zunehmenden E-Commerce aus. Der stationäre Handel muss aber mehr in das Einkaufserlebnis, den Ladenbau und die digitale Technik investieren. Und die Frage der Zentralität und der vitalen Stadt- und Quartierzentren wird weiterhin im Vordergrund stehen (Wotruba, 2013). Ursprünglich aus der Not in Dörfern/Kleinstädten mit ungenügender Kaufkraft geboren, ergibt sich im Detailhandel der Anreiz für multifunktionale Nutzungen auch in Städten gerade vor dem Hintergrund der hohen Mietund Flächenkosten. Folglich werden Mischformate und Hybridformen (vom Waschsalon mit Café, von der Apotheke mit Post) zunehmen, je nachdem auch tageszeitspezifisch am Morgen ein Café, am Tag ein Laden, am Abend eine Bar (GDI Gottlieb Duttweiler Institute, KPMG AG, 2013). In der Diskussion über die Nahversorgung spielt das Ethnic Business immer öfter eine Rolle («von Tante Emma zu Onkel Ali/Mehmet»). UnternehmerInnen mit Migrationshintergrund leisten nicht nur einen Beitrag zur Integration, sondern zunehmend auch zur Versorgung der Quartiere (Troxler, 2012). Dort, wo sich für die Grossverteiler ein Geschäft nicht rentiert, entstehen oft Angebote des Ethnic Business. Damit füllen diese Geschäfte Angebotslücken, sie zeigen aber auch bei der Personalstruktur und der Nutzung der Verkaufsflächen eine Flexibilität, die sie rascher auf Nachfrageschwankungen reagieren lässt als ihre einheimische Konkurrenz (Stadtentwicklung Zürich, 2008). 4 Stadtentwicklung Zürich

5 Publikumsorientierte Nutzungen und Quartierzentren sind eng verknüpft mit dem Thema Nahversorgung/-szentren und mit dem Begriff der zentralen Versorgungsbereiche. In den folgenden Kapiteln kommen deshalb alle drei Begriffe zur Sprache. Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind 5

6 2 Hauptargumentationslinien Sichtet man einschlägige Publikationen, so lassen sich aus der Vielzahl der Aussagen sieben Hauptargumentationslinien herausschälen: Abbildung 1: Übersicht Höhere Lebensund Wohnqualität Fühlungsvorteile Wesen der europäischen Stadt Publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren Kompakte Siedlungsstruktur Begegnungsorte Versorgungsgerechtigkeit Stadt der kurzen Wege Quelle: Stadtentwicklung Zürich. Zu den einzelnen Hauptargumentationslinien sind in den folgenden Kapiteln jeweils die wesentlichen Aussagen zusammengestellt. Ein einzelner Abschnitt widerspiegelt im Wesentlichen eine zentrale Argumentationslinie. 6 Stadtentwicklung Zürich

7 3 Wesen der europäischen Stadt Innenstädte und Ortszentren sind seit Jahrhunderten Mittelpunkt des wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Geschehens. Sie sind Ausdruck einer besonderen Lebensweise und Kultur und besitzen grosse Bedeutung für die Entwicklung unserer Gesellschaft. Trotz starken Veränderungen in den vergangenen Jahrhunderten wurde die Funktion bisher im Kern nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Heute ist sie jedoch stark gefährdet (Ministerium für Umwelt, Energie und Verkehr Saarland, 2010). Die Identität der europäischen Stadt ist geprägt durch die Funktion der Stadt als Knotenpunkt des Handels, der Dienstleistungen sowie als Standort der Wirtschaft und als Ort für Kommunikation, Wohnen und Integration. Der Anfang der mittel-europäischen Stadt war durch die Bereiche Markt und Handel dominiert (Siebel, 2003). Die europäische Stadt ist als kompakte und durchmischte Stadt durch eine entsprechende Dichte und Nutzungsvielfalt gekennzeichnet und übernimmt in besonderem Masse Versorgungsfunktionen für ihre EinwohnerInnen (Jessen, 2004, zitiert nach Adler, 2009). Quartier- und Stadtteilzentren sind wesentliche Grundelemente der europäischen Stadt. Eine typische Ausprägung der Identität der europäischen Stadt ist die integrierte Lage von Versorgungseinrichtungen für den täglichen Bedarf in Quartierzentren (Deutscher Städtetag, 2005). In der Idee der europäischen Stadt sind urbane Funktionen und Versorgungsfunktionen eng miteinander verknüpft. Durch umfassenden Funktionsverlust der Zentren ist ein zentrales Element der europäischen Stadt und damit der europäischen Kultur in Frage gestellt. Die Erosion der gewachsenen Zentren und der Verlust der Versorgungsfunktion gefährden die Funktion der Stadt als Ort der öffentlichen Begegnung (Krüger, 2009). Eine Stadt wird über die bauliche Dichte und grosse Vielfalt an Nutzungen charakterisiert. Viele Leute und ein reger Betrieb werden als Stadtleben oder als Lebendigkeit der Stadt empfunden. Ohne Läden und KundInnen stirbt ein Zentrum. Ein Stadtzentrum, in dem ausschliesslich gewohnt wird, wird als «tot» bezeichnet (Brülisauer, 2010). Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind 7

8 Eine der wichtigsten Funktionen von Orts- und Stadtteilzentren ist die wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung mit Waren des täglichen Bedarfs. Fallen kleine Anbieter weg, verlieren die Zentren ihre Funktion und veröden. Der Nahversorgung kommt eine herausragende Bedeutung für die Attraktivität des jeweiligen Zentrums zu, sie ist die Basis der Zentrenbildung. Der Detailhandel hat in der Regel die Leitfunktion der Zentrenbildung inne, der Lebensmitteldetailhandel ist der wesentliche Frequenzerzeuger (Beckmann, 2010). Attraktive Innenstädte, lebenswerte Stadtteilzentren und Ortskerne haben herausragende Bedeutung für die Zukunft der Städte und Gemeinden. Das Leitbild der europäischen Stadt und die kulturelle Identität der Stadtbevölkerung werden geprägt durch die Vitalität der Zentren. Insbesondere durch gewerblichen Leerstand sind viele zentrale Versorgungsbereiche von Funktionsverlusten betroffen. Ziel ist es, die Nutzungsvielfalt, die stadtbaukulturelle Substanz, die städtebauliche Funktionsfähigkeit, die soziale Vitalität und den kulturellen Reichtum der Zentren zu erhalten und weiterzuentwickeln. In Deutschland stellte deshalb der Bund für das Förderprogramm «Aktive Stadt- und Ortsteilzentren», ein spezielles Programm zur Stärkung zentraler Versorgungsbereiche, im Jahr Millionen Euro an Bundesmitteln zur Verfügung (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2009). 8 Stadtentwicklung Zürich

9 4 Kompakte Siedlungsstruktur Eine zentrale Zielsetzung und Kernaufgabe der Raumplanung ist die Eindämmung der Zersiedelung und die Siedlungsentwicklung nach innen. Das weitere Wachstum soll in die bestehenden Siedlungen gelenkt und die Siedlungs- und Verkehrsentwicklung noch stärker aufeinander abgestimmt werden. Die Revision des Raumplanungsgesetzes, die im März 2013 vom Volk angenommen wurde, zielt darauf ab, zu grosse Bauzonen zu verkleinern und bestehende Baulandreserven besser zu nutzen (Schweizerischer Bundesrat, 2012a). Durch eine Konzentration und Beschränkung des Siedlungswachstums werden die Zentren gestützt. Wenn das Wachstum an den Rändern limitiert wird, fokussiert sich der Nutzungsdruck auf die bebauten Gebiete, auch auf die Zentren (Netzwerk Altstadt, 2012). Dahinter liegt auch die Überzeugung, dass es ein Wert an sich ist, Innenstädte und Stadtteilzentren funktionsfähig zu halten und vor ausufernder Suburbanisierung zu schützen (Ortmeyer, 2007, zitiert nach Adler, 2009). Im Raumkonzept Schweiz, einem Orientierungsrahmen und einer Entscheidungshilfe für die künftige Raumentwicklung der Schweiz, wird als gültiger Handlungsansatz die Förderung der polyzentrischen Raumentwicklung aufgeführt. Ein Argument dafür ist die Bündelung der Kräfte der einzelnen Teilräume (Schweizerischer Bundesrat, Konferenz der Kantonsregierungen KdK, Schweizerischer Städteverband SSV, Schweizerischer Gemeindeverband SGV, 2012b). Der polyzentrische Ansatz lässt sich auch auf die Stadtentwicklung anwenden. Ausgehend von einem Modell der räumlich-funktionalen Stadtentwicklung ergibt sich ein hierarchisch-arbeitsteiliges System von abgestuften zentralen Versorgungsbereichen, das es mit den Instrumenten räumlicher Planung zu stärken gilt. Zentrale Versorgungsbereiche unterstützen die Innenentwicklung. Ihnen kommt eine elementare Bedeutung für eine auf Innenentwicklung ausgerichtete Stadtentwicklung zu. Ohne ein steuerndes Eingreifen muss mit negativen Konsequenzen für die Versorgung der Bevölkerung und die städtebaulich-funktionalen Strukturen gerechnet werden (Bunzel et al., 2009). Nur in einer einigermassen kompakten Siedlungsstruktur ist eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Gütern des täglichen Bedarfs wirtschaftlich überhaupt möglich (Henauer, 2001). Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind 9

10 Wenn Städte zunehmend polyzentrisch werden, bedeutet dies auch eine räumliche Ausdifferenzierung des Detailhandels nach Branchen und Ladentypen. Auf der einen Seite werden in der Innenstadt aufgrund der höheren Mieten filialisierte Bekleidungsläden, Uhren- und Schmuckhäuser sowie Warenhäuser noch stärker dominieren. Auf der anderen Seite wird die Bedeutung und Attraktivität des Quartiershoppings zunehmen (Credit Suisse, 2013). Die Zukunft des Detailhandels liegt in zentralen, gut erschlossenen, hoch frequentierten Lagen. Die Raumplanung sollte deshalb die Siedlungsdichten erhöhen, attraktive Zentren als Konzentrationspunkte für den Detailhandel ermöglichen und gleichzeitig in den genannten Lagen Räume für Versorgungseinrichtungen sichern. Die Versorgungsfunktion wird auf die gleiche Stufe wie die Erreichbarkeit von Schulen und Arbeitsstätten gestellt (Koll-Schretzenmayr, 2011). In Deutschland unterliegen zentrale Versorgungsbereiche und die wohnungsnahe Versorgung der Bevölkerung einem gewissen Schutzregime, der im Baugesetzbuch und in der Baunutzungsverordnung verankert ist. Versorgungsbereiche werden als städtebauliches Schutzgut angesehen. Diese bundesrechtlichen Vorgaben werden in vielen Bundesländern um weitere Zielvorgaben der jeweiligen Landesplanung ergänzt (Stadt+Handel, 2009). Es entspricht dem erklärten Anliegen des Bundesgesetzgebers, einer Erhaltung und Entwicklung zentraler Versorgungsbereiche eine hohe städtebauliche Bedeutung zuzumessen. Zentrale Versorgungsbereiche stärken die Innenentwicklung und Urbanität der Städte (Deutscher Bundestag, 2006). Um eine kompakte Siedlungsstruktur zu erhalten, gehört zentrenrelevanter Detailhandel nur noch in zentrale Versorgungsbereiche. Für ein möglichst kleinmaschiges und attraktives Nahversorgungsnetz soll Detailhandel mit nahversorgungsrelevanten Sortimenten sich nur in den zentralen Versorgungsbereichen ansiedeln (Deutsches Seminar für Städtebau und Wirtschaft, 2006). 10 Stadtentwicklung Zürich

11 5 Begegnungsorte Für die meisten Menschen sind Einkauf und Kommunikation sehr eng miteinander verbunden. Beim täglichen oder wöchentlichen Einkauf geht es auch um den Austausch von Nachrichten und Meinungen, wichtigen und unwichtigen Neuigkeiten aller Art das war schon im antiken Griechenland auf der Agora als zentralem Fest-, Versammlungs- und Marktplatz wie auch auf dem Marktplatz in europäischen Altstädten der Fall (GDI Gottlieb Duttweiler Institute, KPMG AG, 2013). Zentren und Nahversorgungsorte haben wichtige soziale und kommunikative Funktionen. Sie sind Räume des Austauschs, sie funktionieren als Begegnungsstätte. Sie dienen als Treffpunkt, Erlebnis-, Sozialisations- und Interaktionsraum. Als Verdienstquelle und Arbeitsplatz für die Anbieter haben sie auch eine erwerbs- und arbeitsmarktpolitische Funktion (Bösch, 1980). Gerade im Zeitalter des Internets und des zunehmenden Online-Shoppings bekommt das Einkaufen und das sich Begegnen beim Einkaufen in Stadtteilund Quartierzentren eine neue Dimension: Es ist auch eine Freizeitbeschäftigung und hat im Gegensatz zum Online-Shopping klar eine soziale Komponente (Bröhm, 2013). In einer hoch virtualisierten Handelsstruktur eröffnen publikumsorientierte Nutzungen die Chance, reale Menschen an realen Orten zusammenzubringen. Das beim Online-Einkauf nicht befriedigte Kommunikationsbedürfnis birgt die Chance für Geschäfte und Zentren, neue kommunikative Formen zu übernehmen (GDI Gottlieb Duttweiler Institute, KPMG AG, 2013). Die KonsumentInnen sehnen sich nach emotionaler Neu- Aufladung vor Ort. Im Sinne einer nomadischen Gesellschaft findet der Handel an Verkehrsknotenpunkten mit hohen Frequenzen statt. Experten sprechen vom an diesen Orten auferstehenden «Marktplatz 3.0» (Reiter, 2013). Bei den Nahversorgungsbetrieben gibt es nicht nur Leistungen gegen Geld, sie bieten als «Seelen- und Humangärtner» vor allem menschliche Begegnungen. Schliesst ein Geschäft, so geht nicht nur eine Versorgungseinheit verloren, sondern auch ein Ort der Begegnung und oft der letzte soziale Rettungsanker in einer kommunikationsarmen Gesellschaft (Wirtschaftskammer Österreich, 2006). Innenstädte und Ortskerne bilden den Kristallisationspunkt für alle Aktivitäten der Bürgergesellschaft. Hier kommen die Alltagsaktivitäten der BürgerInnen zusammen. Vitale Zentren sind Ausdruck eines Gemeinschaftssinns, sie sind Sozialisationsraum, Ort für Begegnung und Kommunikation; sie stiften Identität und fördern Integration. Ein Zentrum definiert sich über die Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind 11

12 historisch gewachsene Nutzungsmischung, die erlebbare Historie und das Zusammentreffen unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen im öffentlichen Raum (Ministerium für Umwelt, Energie und Verkehr Saarland, 2010). Zentren sind Identifikationsorte der Gesellschaft und Kristallisationspunkte für das Alltagsleben. Die kulturelle Identität der Stadtbevölkerung wird geprägt durch die Vitalität der Zentren (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2009). Zentren stehen für gesellschaftliche Partizipation und bürgerschaftliches Engagement. Zentren spielen eine elementare Rolle für die Identität der Orte und deren Identifikationspotenzial für ihre BewohnerInnen. Damit prägen sie das Erscheinungsbild und Image der Städte, sie sind die Visitenkarte und das Gesicht von Städten und Gemeinden (Bunzel et al., 2009). Ein Zentrum wird nur dann als «gut» empfunden, wenn es lebendig und vital ist. Publikumsorientierte Nutzungen im Sinne der Nahversorgung als Zugang zu Waren und Dienstleistungen des kurzfristigen Bedarfs, tragen durch das Schaffen von Kundenfrequenzen wesentlich zur Vitalität eines Ortsteil- oder Stadtzentrums bei. Nahversorgung beinhaltet nämlich nicht nur die reine Versorgungsfunktion, sondern auch eine bedeutende soziale Komponente: Nahversorgung ist ein wichtiger Bestandteil der gesellschaftlichen Partizipation und Identifikation (Deutsches Seminar für Städtebau und Wirtschaft, 2007). Eine nachhaltige soziale und ökonomische Lebendigkeit ist nur durch Nutzungsmischung und Nutzungsvielfalt zu erreichen. Handel, Handwerk, Dienstleistungen, Gewerbe, Kultur etc. sichern die Attraktivität der Zentren. Sie garantieren eine hohe Besucherfrequenz zu allen Tageszeiten und die Präsenz von Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft sowie verschiedener Generationen (Ministerium für Umwelt, Energie und Verkehr Saarland, 2010). Lebendige und vitale Zentren, d.h. Zentren mit einer guten Nahversorgung, stärken durch die gute nahräumliche Orientierung die sozialräumliche Kohäsion der Quartiere. Die häufigere Anwesenheit von Menschen auf der Strasse hat positive Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt, auf die soziale Kontrolle in der Öffentlichkeit und im öffentlichen Raum (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011c). Die Funktion von Zentren als Begegnungs- und Identifikationsort ist aber nicht per se gegeben: Die Auswahl der Nutzungen ist entscheidend. Zentrumsexklusive Nutzungen sind vor allem publikumsintensive Nutzungen sowie Angebote für den täglichen Bedarf. Nur so können Zentren ihre Rolle als Ort der Begegnung und Kommunikation wahrnehmen. Einkaufsnutzungen sollten an zentralen und gut erschlossenen Lagen konzentriert und an der Peripherie unterbunden werden (Netzwerk Altstadt, 2012). 12 Stadtentwicklung Zürich

13 6 Stadt der kurzen Wege Das Postulat einer nachhaltigen Stadtentwicklung ist eng verknüpft mit einer Stadt der kurzen Wege. Die Erhaltung und Entwicklung zentraler Versorgungsbereiche in Innenstädten und Ortsteilzentren ist eine wesentliche Voraussetzung für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Die Konzentration von publikumsorientierten Nutzungen in Quartierzentren und damit das Modell einer räumlich-funktionalen Stadtgliederung ist somit ein konkreter Beitrag zur Schaffung von nachhaltigen Stadt- und Versorgungsstrukturen (Bunzel et. al., 2009). Einkaufen und Mobilität sind eng miteinander verbunden. Im Jahr 2010 waren 13% der zurückgelegten Distanzen der Privatpersonen in der Schweiz durchs Einkaufen verursacht. Ein durchschnittlicher Schweizer legt für den Einkauf jeden Tag 6.2km zurück und benötigt dafür 15.5 Minuten. Einkaufswege sind meist sehr kurz: An Werktagen sind 39% nicht länger als 1 Kilometer. An den Samstagen sind die Wege wesentlich häufiger länger als 1 Kilometer, in knapp 70% der Fälle jedoch unter 5 Kilometer (Bundesamt für Statistik, 2012). Eine gute Nahversorgung und die Konzentration von publikumsorientierten Nutzungen in Quartierzentren vermeiden unnötigen Fahrverkehr und dadurch unnötigen Energieverbrauch/Schadstoffausstoss/Flächenverbrauch Es wird Verkehr eingespart und der CO 2 -Ausstoss reduziert. Nahversorgung bedeutet Umweltschonung und Verkehrsvermeidung (Bunzel et. al., 2009). Untersuchungen haben eindeutig ergeben, dass eine gute Ausstattung mit Geschäften zur Deckung des täglichen und periodischen Bedarfs in zu Fuss erreichbarer Entfernung den Anteil nicht-motorisiert zurückgelegter Wege erhöht, Pkw-Verkehr vermeidet und die zurückgelegten Distanzen verkürzt (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011b). Diese Erkenntnisse korrelieren mit der Geschichte der Nahversorgung und der Entstehung von Zentren. Die Entwicklung von Zentren als Konzentrationen des Handels und weiterer Funktionen orientierte sich an den Kreuzungspunkten des (überörtlichen) Verkehrsnetzes (Beckmann, 2009). Nähe und Erreichbarkeit sind zwei der wichtigsten Kriterien beim Einkauf von Lebensmitteln. Experten gehen davon aus, dass sich Kleinflächen (kleine Läden) in der Nachbarschaft weiter verbreiten werden (GDI Gottlieb Duttweiler Institute, KPMG AG, 2013). Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind 13

14 Der Einkauf in der Nähe erlebt ein Revival. Der Erfolg von Quartier- und Dorfläden ist, ähnlich wie jener der Convenience-Formate, auf den Wunsch der KonsumentInnen nach einem schnellen Einkauf und nach kurzen Wegen zurückzuführen. Kundennähe im geographischen Sinn gilt als zentraler Erfolgsfaktor für den Detailhandel. Dabei ist mit Kundennähe nicht nur der Wohnort, sondern auch der Arbeitsplatz, Ausbildungsorte und Freizeitangebote gemeint. 50% der Einkaufswege werden mit anderen Tätigkeiten kombiniert (Credit Suisse, 2013). Jugendliche, Frauen und Personen ohne Zugriff auf einen Pkw kaufen überdurchschnittlich oft im Nahraum und in integrierten Zentren ein. Bei Frauen, Erwerbstätigen, Alleinerziehenden und generell für Haushalte mit (kleinen) Kindern sind Einkäufe oft in komplexe Wegeketten eingebettet Ausdruck eines komplexen und «turbulenten» Alltags sowie im Sinne einer effizienteren Alltagsgestaltung (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011b). 14 Stadtentwicklung Zürich

15 7 Versorgungsgerechtigkeit Der Begriff «gleichwertige Lebensverhältnisse» gehört in Deutschland zur zentralen Leitvorstellung des Bundes und der Länder und zielt auf die gleichmässige Entwicklung der Teilräume hinsichtlich Daseinsvorsorge, Einkommen und Erwerbsmöglichkeiten. Als Daseinsvorsorge bzw. Daseinsgrundfunktionen werden neben Wohnen, Wirtschaften einschl. Bildung/Ausbildung, Verkehr und Erholung das Sich-Versorgen und die Nahversorgung verstanden (Junker, Kühn, 2006). Im deutschen Raumordnungsgesetz wird als Grundsatz der Raumordnung explizit festgehalten: «Die Versorgung mit Dienstleistungen und Infrastrukturen der Daseinsvorsorge, insbesondere der Erreichbarkeit von Einrichtungen und Angeboten der Grundversorgung für alle Bevölkerungsgruppen, ist zur Sicherung von Chancengerechtigkeit in den Teilräumen in angemessener Weise zu gewährleisten.» (Bundesrepublik Deutschland, 2008). Auch in der Schweiz gab es bereits 1980 eine Volksinitiative «zur Sicherung der Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und gegen das Ladensterben». Sie wurde jedoch 1982 nach Empfehlung des Parlaments zur Ablehnung zurückgezogen (Schweizerische Bundeskanzlei, 2013). Nicht alle Bevölkerungsgruppen sind so mobil, dass sie für den täglichen Bedarf grössere Distanzen zurücklegen können. Eine ausreichende Nahversorgung ist besonders wichtig für weniger mobile Bevölkerungsgruppen: ältere Menschen, Haushalte mit Kindern und Haushalte ohne PkW (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011b). Für Ältere, Alleinerziehende, Jugendliche, Menschen mit Behinderungen und Familien mit geringem Einkommen sind wohnungsnahe Einkaufsstätten besonders notwendig (Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, 2007). Gerade ältere Menschen sind auf die kleinräumliche Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten in ihrem Wohnumfeld angewiesen. Auch wenn zukünftig die Pkw-Verfügbarkeit unter älteren Menschen zunehmen wird, hat für sie die Nahversorgung und die Nahmobilität eine wichtige Funktion (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011c). Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind 15

16 Über die reine Versorgungsfunktion hinausgehend bedeutet Einkaufen für ältere Menschen eine selbständige Lebensführung und die Strukturierung ihres Alltags. Einkaufen bindet sie sozial ein und stärkt ihre Gesundheit durch Bewegung. Insofern unterstützt der demografische Wandel die Notwendigkeit einer Sicherung kleinräumlicher Versorgungsangebote (Kasper, Scheiner 2005, zitiert nach Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011c). Im Umkehrschluss hängt die Ausbreitung von kleinflächigeren Nachbarschaftsformaten (kleinen Läden) von der individuellen Mobilität der älteren Bevölkerung und ihrem Anteil an der Bevölkerung ab (GDI Gottlieb Duttweiler Institute, KPMG AG, 2013). Bemerkenswert ist die grosse Einkaufshäufigkeit unter alten Menschen. Selbst Hochbetagte über 75 Jahre kaufen häufiger als junge Menschen ein und gehen dabei wesentlich häufiger zu Fuß. Die Gründe sind nicht nur fehlende Pkw- Verfügbarkeit, sondern auch nachbarschaftliche soziale Netzwerke, Gesundheitsvorsorge und Alltagsorganisation. Alte Menschen sind damit von der Erosion nahräumlicher Angebote besonders stark betroffen (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011b). Auch für Menschen mit geringem Einkommen gewinnt eine funktionierende Nahversorgung an Bedeutung: Mobilität ist mit Kosten verbunden. Und manche werden sich die steigenden Energie- und Verkehrskosten nur noch eingeschränkt leisten können (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011c). Unter dem Begriff Nahmobilität wird auch der Aspekt verstanden, allen Menschen durch möglichst kurze Wege gleiche Mobilitätschancen für eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben (und dazu gehört auch die Nahversorgung) bei gleichzeitig geringen Verkehrsauswirkungen zu ermöglichen (Linder, 2002, zitiert nach Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, 2007). 16 Stadtentwicklung Zürich

17 8 Höhere Lebens- und Wohnqualität Lebensqualität ist ein mehrdimensionales Konstrukt mit vielen Aspekten, das nicht direkt, sondern über Indikatoren zu erfassen versucht wird. Es umschreibt die Existenzbedingungen von Menschen unter Berücksichtigung vieler verschiedener Faktoren wie z.b. gesundheitlicher, sozialer, materieller, familiärer, beruflicher und anderer gesellschaftlicher Faktoren. Meist wird zwischen subjektiven Wahrnehmungen im Sinne von «Wohlbefinden und Zufriedenheit» und objektiven Strukturen wie «ökonomischen, sozialen und ökologischen Lebensbedingungen» unterschieden (Stamm, Lamprecht, 2003). Viele Ansätze orientieren sich an der sehr allgemeinen Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO, gemäss welcher Lebensqualität die «subjektive Wahrnehmung einer Person über ihre Stellung im Leben in Relation zur Kultur und den Wertsystemen in denen sie lebt und in Bezug auf ihre Ziele, Erwartungen, Standards und Anliegen» ist (Wikipedia, 2013). Im Monitoring urbaner Raum Schweiz des Bundesamtes für Raumentwicklung werden mit Hilfe ausgewählter Indikatoren zentrale Aspekte des urbanen Raums untersucht. Ein Themenkreis widmet sich den Lebensbedingungen im städtischen Raum. Als ein grundlegender Aspekt der sozialen und mobilitätsbezogenen Lebensbedingungen werden der Zugang und die Ausstattung mit öffentlichen und persönlichen Dienstleistungen gemessen (Bundesamt für Raumentwicklung, 2008). Da Nahversorgung ein wichtiger Aspekt von Lebensqualität ist, gilt es auch das Bewusstsein der KonsumentInnen zu stärken, dass Nahversorgungsbetriebe die persönliche Lebensqualität des Einzelnen nachhaltig sichern (Wirtschaftskammer Österreich, 2006). Lebensqualität hängt eng mit Wohnqualität zusammen. Eine gute Nahversorgung beeinflusst auch die Wohnortwahl von Privathaushalten bei der Wahl der Wohnung ist die Qualität der Nahversorgung in der näheren Umgebung ein Aspekt von Wohnqualität (Bartmann, 2009). Eine gute Nahversorgung erhöht die Bindung an die Wohnumgebung, auch unter Personen mit Pkw. Durch das Einkaufen in der näheren Umgebung entsteht eine nahräumliche Orientierung, die sich positiv auf die Einstellung zur Wohnumgebung auswirkt (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011b). Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind 17

18 Die Veränderungen in der Konsumgüterversorgung bestimmen wesentlich die räumliche Entwicklung in urbanen und ländlichen Räumen mithin auch die Lebensqualität der Bevölkerung (Baumgartner, 2001). Die Lebensqualität in Städten und Gemeinden ist zu einem grossen Teil von den vor Ort vorhandenen Einkaufsmöglichkeiten abhängig. Im Mittelpunkt stehen dabei die Einzelhandelsgeschäfte zur Grundversorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs. Für die Lebensqualität der Bevölkerung spielen bei diesen Geschäften sowohl die Qualität des Angebotes als auch die räumliche Nähe eine entscheidende Rolle (Dörr, Wölfel, 2013). BewohnerInnen von Gebieten mit zu Fuss erreichbaren Angeboten der Nahversorgung sind deutlich zufriedener als BewohnerInnen von schlecht ausgestatteten Gebieten. Die Zufriedenheit mit dem räumlichen Umfeld wird durch eine verbesserte nahräumliche Ausstattung mit Einkaufsgelegenheiten erheblich verbessert. Vor allem in dichten, nutzungsgemischten und innerstädtischen Quartieren herrscht eine grosse Zufriedenheit mit dem Angebot an Einkaufsmöglichkeiten. Daraus wird der Umkehrschluss gezogen, dass mit einer Verbesserung der Nahversorgung die Wohnqualität nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv aus Sicht der Bewohnenden gesteigert werden kann (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011c). 18 Stadtentwicklung Zürich

19 9 Fühlungsvorteile Unter Fühlungsvorteilen, in der Wirtschaftsgeographie auch als Agglomerationseffekte (nicht zu verwechseln mit dem Agglomerationsbegriff in der Raumplanung) bezeichnet, sind positive Konzentrations- und Bündelungseffekte sowohl für KundInnen als auch für Geschäfte zu verstehen. Es geht in diesem Kapitel also nicht nur um die Konsumentensicht, sondern auch um die Sicht der Betriebe/der Geschäfte und die Frage, was für sie förderlich ist. 9.1 KundInnensicht Agglomerationseffekte sind das A und O des Detailhandels. Der Zusatznutzen der Konzentration wird als der sogenannte Agglomerationseffekt bezeichnet (Hasenmaile, 2012). Aus Sicht der Kundschaft hat die Konzentration von publikumsorientierten Nutzungen in Quartierzentren klare Vorteile: Der Wunsch nach grosser Auswahl und nach One-Stop-Shopping lässt sich so am besten befriedigen. Insgesamt ist der Nutzen einer Ansammlung von Läden für die Kundschaft stets grösser als die Summe der Nutzen der einzelnen Läden (Credit Suisse, 2012). Eine Ansammlung von Geschäften bringt für die KundInnen den Vorteil, an einem einzigen Ort mehrere oder gar alle komplementäre Versorgungsbedürfnisse befriedigen zu können (sog. Verbundkäufe). Dadurch lassen sich Zeit und Wegekosten sparen (Stadt+Handel, 2009). Isolierte Angebote (z.b. ein Supermarkt) stützen zwar die Nahversorgung, tragen aber deutlich weniger zu einer nahräumlichen Orientierung bei als eine vielfältige Ausstattung mit Geschäften (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011c). Um genügend Anziehungskraft für die KundInnen zu entwickeln, muss der Branchenmix stimmen. Ist dies nicht der Fall, kann eine Abwärtsspirale aus mangelndem Angebot, ausbleibender Kundschaft und Geschäftsaufgaben entstehen. Wenn dann in Hauptgeschäftsbereichen leerstehende Ladenlokale nicht gewerblich genutzt werden, wird die Frequenz weiter geschwächt und die Attraktivität für KundInnen nimmt weiter ab. Auch wenn für Investoren und Kreditgeber eine Wohnnutzung deutlich sichere und zum Teil auch höhere Mieteinnahmen generiert, ist dies für die Zentrenentwicklung eindeutig negativ bzw. kontraproduktiv. Es wird klar gefordert, sich gegenseitig belebende Nutzungen auf Hauptgeschäftsbereiche zu konzentrieren und sogenannte Warum publikumsorientierte Nutzungen in Quartierzentren wichtig sind 19

20 «Nutzungskopplungen» zu forcieren (Ministerium für Infrastruktur und Raumordnung des Landes Brandenburg, 2009). Nur eine interessante Nutzungsmischung und Nutzungsvielfalt macht die Zentren für KundInnen attraktiv und generiert genügend Frequenz. Es geht um ein kompaktes Erscheinungsbild und «urbane Erlebnisqualität». Das bedeutet, dass sich der zentrale Versorgungsbereich und damit der zentrenrelevante Handel auf die wirklich guten Passantenlagen (1a-Lagen) konzentrieren sollten (Ministerium für Umwelt, Energie und Verkehr Saarland, 2010). 9.2 Sicht der Betriebe In der Forschung zur regionalen Mikroökonomie und Standorttheorie spielen die Ansätze zu Agglomerationsvorteilen, räumlichen Cluster und zum Milieuansatz eine wichtige Rolle (Frey, Schaltegger, 2002, zitiert nach Bodenmann, 2005). Dem Diamantkonzept von Porter (Porter, 1990, zitiert nach Bodenmann, 2005) liegt die Idee zugrunde, dass sich aufgrund von internen und externen Skaleneffekten bzw. Ersparnissen Unternehmen gleicher oder verschiedener Branchen an gewissen Standorten konzentrieren (Wagner, 1994, zitiert nach Bodenmann, 2005). Dies verschafft Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil und steigert ihre Wettbewerbsfähigkeit. Grundsätzliche Erfolgsfaktoren für Ladengeschäfte sind neben geeigneten Räumlichkeiten (Lage, Grösse, EG-Niveau) eine gute Erreichbarkeit, genügend grosse Kaufkraft im Einzugsgebiet und Synergien zu anderen Einkaufsnutzungen (Schweizerische Vereinigung für Landesplanung, 2013). Die bereits aus KundInnensicht erwähnten gewünschten dichten Strukturen sind auch aus Betriebssicht wichtig. Im Idealfall gehören dazu folgende räumlich-funktionale Voraussetzungen: ein optimales Zusammenspiel von guter Erreichbarkeit und störungsfreiem Einkauf, eine «Knochenstruktur» 1 beziehungsweise netzartig verknüpfte Einkaufswege sowie ausreichende Flächen für Frequenzerzeuger. Es geht also um innere Dichte und die räumliche Ausdehnung des Geschäftszentrums (Junker, Kühn, 2006). In unterversorgten Gebieten ist Nahversorgung nur durch Kombination vieler Funktionen in räumlicher Nähe tragfähig. Erfolgversprechend sind Zentren, die neben dem Einzelhandel gastronomische und andere Dienstleistungen anbieten sowie soziale Dienste, Treffpunkte und Kulturangebote bündeln. Zusätzliche Angebote wie Online-Verwaltungsdienstleistungen und serviceorientierte oder altengerechte Wohnangebote erhöhen die Frequenz (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2011c). 1 Unter «Knochenstruktur» oder «Knochenprinzip» wird die Anordnung von Magnetbetrieben/bekannten Marken, die viele KäuferInnen anziehen, an den Flanken bzw. gegenüberliegenden Enden eines Einkaufs-/Geschäftszentrums verstanden. 20 Stadtentwicklung Zürich

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