Region Stuttgart 2020: Warum Visionen wichtig sind. Vortrag von Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung

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1 13. Mai 2012 RF ajo Region Stuttgart 2020: Warum Visionen wichtig sind Vortrag von Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung Jahresempfang des Forums Region Stuttgart Schauspielhaus Stuttgart 13. Mai 2012 Es gilt das gesprochene Wort. Robert Bosch GmbH Postfach Stuttgart Corporate Communications, Brand Management, and Sustainability Andreas Telefon: Telefax: Leitung: Uta-Micaela Dürig

2 Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte heute nicht den Dichtern und Denkern Konkurrenz machen, deren Werke normalerweise auf dieser Bühne gespielt werden was hoffentlich bald wieder möglich sein wird. Das gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen, um es in der Sprache der Wirtschaft zu sagen. Doch ein Theater strahlt eine Atmosphäre aus, die anregt, über den Tag hinauszudenken. Ein Theater ist ein Ort der Fiktion, der Phantasie, aber auch ein Ort der Kritik und der Provokation. Ich möchte mich heute von diesem Ambiente inspirieren lassen und aus Sicht des Unternehmers über den Tag hinaus denken. Deshalb auch mein Thema: Region Stuttgart 2020 Warum Visionen wichtig sind. Wir alle wissen: Viele Entwicklungen, viele Herausforderungen, vor denen wir in zehn oder zwanzig Jahren stehen werden, zeichnen sich jetzt bereits ab. Was bedeuten sie für die Region Stuttgart? Wie können Regionen wie die unsere im immer intensiveren globalen Wettbewerb künftig bestehen? Dabei geht es mir um Grundsätzliches und weniger um die Detailfragen der Ausgestaltung der Region. Warum sind Visionen wichtig: Was können Visionen leisten? Meine Damen und Herren, warum sind Visionen wichtig zumal sie in Deutschland eher als schillernder Begriff gelten. Der Satz von Altbundeskanzler Helmut Schmidt Wer Visionen hat, muss zum 2von 20

3 Arzt ist längst zum geflügelten Wort geworden. So sehr ich Helmut Schmidt, seine Nüchternheit und seinen Realitätssinn als Politiker und auch als Publizist schätze: Hierin widerspreche ich ihm. Für mich haben Visionen weniger mit Halluzinationen zu tun, sondern sind Zukunftsbilder, die Orientierung geben können das Können als Konzession als Helmut Schmidt. Solche Zukunftsbilder helfen. Da kann ich aus ganz praktischer Erfahrung sprechen. Um die inzwischen mehr als Mitarbeiter der Bosch-Gruppe weltweit zu führen davon rund außerhalb Deutschlands und allein mehr als in Asien dazu bedarf es gemeinsamer Zielvorstellungen. Denn wir können Entscheidungen beim heutigen Tempo des globalen Wettbewerbs längst nicht mehr zentral von der Gerlinger Schillerhöhe aus fällen. Dazu brauchen wir an unseren mehr als 300 Standorten weltweit unternehmerisch denkende und selbständig handelnde Führungskräfte und Mitarbeiter. Die dafür erforderlichen Ziel- und Wertvorstellungen können aber bei einer so großen und weiter wachsenden Zahl von Mitarbeitern rund um den Globus nicht mehr wie früher von Generation zu Generation tradiert werden, sondern müssen formuliert und kommuniziert werden. Dazu haben wir uns in der Bosch- Geschäftsführung bereits vor einigen Jahren der Mühe unterzogen, ein sogenanntes House of Orientation zu erarbeiten. Es hat seine große Bewährungsprobe bestanden. Ein nicht zu unterschätzender Faktor, warum wir als Unternehmen die Wirtschaftskrise 2008 und 2009 weitgehend unbeschadet überwinden konnten, war der Zusammenhalt im Unternehmen. Unsere 3von 20

4 Führungskräfte und Mitarbeiter sind dadurch noch näher zusammengerückt. Die Jubiläumsfeiern zum 125-jährigen Bestehen des Unternehmens im vergangenen Jahr haben uns dies nachdrücklich spüren lassen. Sicherlich ist eine Region kein Unternehmen. Sicherlich verlaufen politische Prozesse, um Zielvorstellungen und Entscheidungen zu entwickeln, anders als in einem Unternehmen. Dennoch halte ich es für wichtig, dass sich Regionen wie Stuttgart mit den künftigen Herausforderungen intensiv beschäftigen und eigene Visionen entwickeln, um davon Strategien und Ziele abzuleiten. Als wir die Bosch-Vision in der Geschäftsführung erarbeiteten, stieß ich auf ein Zitat des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry, das ein Gefühl dafür gibt, was Visionen leisten können. Es lautet: Wenn du ein Schiff bauen willst, trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer. Für uns bei Bosch haben wir als Vision formuliert, dass wir mit Technik fürs Leben, mit nutzbringenden und innovativen Lösungen, die Lebensqualität verbessern wollen, dass wir als Technologieund zunehmend als Dienstleistungsunternehmen weltweit führende Marktpositionen anstreben, und dass wir unabhängig sein wollen und aus der Vielfalt unserer Mitarbeiter Kraft schöpfen. Als Vision für die Region Stuttgart kann ich mir vorstellen, dass wir auch künftig im globalen Wettbewerb eine aktive und erfolgreiche Rolle anstreben, eine attraktive Umwelt bieten, in der Menschen 4von 20

5 gerne leben und arbeiten, die ihnen Raum zur Entfaltung, zur Weiterentwicklung, aber auch ein Fundament und Rückhalt bietet. Vision für die Region Stuttgart: Vor welchen Herausforderungen stehen wir? Auf welchem Fundament können wir aufbauen? Was sind unsere Herausforderungen? Unsere Stärken sind Ingenieurskunst und innovative Industriekompetenz. Wichtig ist dabei neben einem starken Standbein in der Region auch die weltweite Präsenz in Vertrieb, Fertigung und zunehmend Entwicklung. Bestes Indiz sind die hohe Exportkraft und die geringe Arbeitslosenquote in der Region Stuttgart. Eine Industriekompetenz, die außerdem Teil eines engen Geflechts mit exzellenten und auf vielen Gebieten führenden Forschungs- und Bildungseinrichtungen ist. Darauf müssen wir aufbauen. Denn im globalen Wettbewerb wird es immer stärker darauf ankommen, sich zu differenzieren, sich mit einem besonderen Angebot abzusetzen und präsent zu sein. Mit einer Kernkompetenz, die von vielen erarbeitet wurde und nicht so einfach nachzuahmen ist, weil viele Talente und Erfahrungen an einem Ort zusammenkommen und sich gegenseitig befruchten müssen. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es als Unternehmer, als Politiker, als gesellschaftlich Verantwortliche diese Vision, die damit verbundenen Herausforderungen und die möglichen Antworten im 5von 20

6 Sinne Saint-Exupérys zu vermitteln. Eine der größten Herausforderungen sind dabei die großen Veränderungswellen. Veränderungswellen, die unter anderem von einer noch stärkeren Globalisierung, aber auch massiven demographischen Veränderungen und künftig zusätzlich von der Frage der Energieversorgung getrieben sein werden. Teil der Antwort ist es, unsere heutigen Kernkompetenzen weiterzuentwickeln: Das gilt gerade auch für unser tiefes Verständnis für Kraftfahrzeuge im Hinblick auf die künftigen Anforderungen der Elektromobilität. Wir bei Bosch sind weiterhin überzeugt: Die Elektromobilität wird kommen, auch wenn sich inzwischen die Euphorie abschwächt. Allerdings waren wir immer überzeugt, dass es noch eine längere Durststrecke bis in die Mitte des nächsten Jahrzehnts zu überwinden gilt auch wegen der noch zu lösenden erheblichen technischen Aufgaben. Dennoch ist es aufgrund der hohen Komplexität erforderlich, frühzeitig Erfahrungen zu sammeln. Denn die Elektromobilität macht auch eine andersartige Infrastruktur erforderlich. Deshalb freue ich mich, dass Baden-Württemberg vom Bund den Zuschlag für eines der vier sogenannten Schaufenster für Elektromobilität erhalten hat. Auch die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Region Stuttgart hat sich engagiert, das Schaufester in die Region zu holen. Zu diesen wichtigen Initiativen gehört auch das Spitzencluster Elektromobilität Süd-West des Bundesforschungsministeriums, das einen der größten regionalen Verbünde auf dem Gebiet der Elektromobilität aus Wirtschaft und Wissenschaft darstellt. Unentbehrlich ist dabei angesichts der Komplexität vieler Themen aber auch der Aufbau von Instrumenten wie zum Beispiel zur 6von 20

7 Simulationstechnologie. Deshalb fördern unter anderem wir als Bosch ein Exzellenzcluster, eine Graduiertenschule an der Universität Stuttgart. Doch noch eine weitere Veränderung beschäftigt mich intensiv: Wie werden die künftigen Möglichkeiten der Vernetzung über das Internet weite Bereiche unseres Lebens verändern? Denn immer kleinere, leistungsfähigere, energieeffiziente und kostengünstigere Mikrochips, aber auch leistungsfähigere Datennetze, Computer oder interne und externe Datenspeicher machen es möglich, dass nicht nur die Menschen über das Internet miteinander kommunizieren, sondern viele Milliarden intelligenter Dinge. Dies betrifft auch die Mobilität. Autos werden künftig mit Autos kommunizieren und Autos mit der Umgebung und Infrastruktur und zwar automatisch, ohne unser menschliches Zutun. Vorteile sind ein besserer Verkehrsfluss, eine bessere Vernetzung mit anderen Verkehrsträgern und vor allem mehr Sicherheit. Dazu sind wir mit unseren Sensoren in einem Modellversuch in Frankfurt beteiligt. Und in Singapur testen wir eine internetbasierte Mobilitätsplattform, die Elektrofahrzeugen freie Ladesäulen finden hilft und gleichzeitig vielen anderen Diensteanbietern offen steht. Aber auch die Maschinen in der Fabrik werden sich stärker direkt, ohne menschliche Eingriffe, abstimmen. Sie werden sich auf das zu produzierende Teil selbst einstellen, ihre Takte anpassen, sich bei Qualitätsproblemen frühzeitig warnen, für einen optimalen Teileablauf mit dem Warenlager kommunizieren. 7von 20

8 Dies heißt für die Maschinenhersteller, nicht nur die Maschinen vernetzungsfähig zu machen, sondern ein ganzheitliches Wissen über Maschinen hinaus für Fabrikabläufe zu entwickeln, sowie selbst Software- und Vernetzungskompetenz aufzubauen. Gleichzeitig wird es neuartige Dienstleistungen geben, beispielsweise die Ferndiagnose von Fehlermeldung oder dem Verschleißzustand von Maschinen. In vielen Fällen wird derjenige das Geschäft federführend betreiben, der diese Vernetzung beherrscht und sie für neuartige Dienstleistungen nutzt. Anbieter aus der Softwarewelt werden verstärkt in die Hardwarewelt vordringen. Und diesen Angriff auf viele unserer Geschäfte dürfen wir keinesfalls ignorieren. Im Gegenteil: Mit diesen Veränderungen müssen wir uns intensiv auseinandersetzen, um selbst entsprechende Produkte anzubieten, aber auch um sie als Chancen für einen attraktiven Lebensraum zu nutzen. Von der Vision zur Aktion: Was müssen wir tun, um die Vision zu verwirklichen? Was müssen wir also tun, um die Vision einer auch künftig erfolgreichen und lebenswerten Region Stuttgart zu verwirklichen? Darauf habe ich eine, auf den ersten Blick ganz simple Antwort: Wir brauchen eine Region, die weiterhin leistungswillige, kreative und qualifizierte Menschen hervorbringt und anzieht. Die Region Stuttgart lebt von Innovationen, von ihrer Kreativität. Das ist ihre wichtigste Ressource. Mit der Industrialisierung entstanden viele 8von 20

9 Unternehmen, die heute weltweit führend sind. Sie brachten Wohlstand in eine einst eher arme und karge Region. Große Unternehmen, aber insbesondere sehr viele Mittelständler. Ihre Breite, aber auch ihr langfristiges Denken, ihre Innovationskraft und ihre Hartnäckigkeit sind das wirtschaftliche Rückgrat der Region. Es waren zunächst die Tüftler, Unternehmer und Arbeitnehmer aus dem Land. Aber in den vergangenen Jahrzehnten fanden auch viele Menschen von außerhalb Arbeit. Als Entwickler, aber auch als Fachund Arbeitskräfte in der Produktion. Viele kamen aus anderen Bundesländern, aber häufig auch aus Ländern wie der Türkei, Griechenland, Italien, Spanien und vielen mehr. Alle haben zu dem wirtschaftlichen Erfolg beigetragen. Und von dieser industriellen Stärke profitieren andere Bereiche, wie Handel und Dienstleistungen, und damit insgesamt die Menschen in dieser Region. Was müssen wir tun, um auch künftig diese innovativen Köpfe anzuziehen? Was müssen wir tun, um die Sogwirkung aufrecht zu erhalten für vielfältige Arbeitsplätze in anderen Bereichen? Und was müssen wir tun, um die weiterhin sehr breite industrielle Basis zu sichern? Hier sind wir als Wirtschaft gefragt, aber auch die Politik und die Gesellschaft insgesamt. Für wie attraktiv wir diese Region als Bosch halten, können Sie an einer Reihe von Großprojekten ermessen: unser 2004 eingeweihtes Entwicklungszentrum in Abstatt, unsere Halbleiterfabrik in Reutlingen und das künftige Zentrum für Forschung und Vor- 9von 20

10 ausentwicklung in Renningen. Das Volumen dieser drei Großinvestitionen beläuft sich auf fast eine Milliarde EUR. Aber auch in unsere bestehenden Werke investieren wir kräftig: seit 2004 allein gut 550 Mio. EUR in das Werk Feuerbach. Aktuell arbeiten rund Mitarbeiter inklusive Abstatt im Großraum Stuttgart davon rund Forscher und Entwickler. Wir sehen eine besondere Stärke darin, dass unsere Forscher und Entwickler sehr eng mit unseren Fachkräften in den Werken zusammenarbeiten und sich austauschen. Diese erfolgreiche Symbiose hängt allerdings auch davon ab, dass es sich weiterhin lohnt, hier vor Ort zu produzieren. Dabei hilft ein weltweiter Fertigungsverbund aus Standorten in Hochkosten- und Niedrigkostenländern. Und dieses Cluster sehe ich als einen Wettbewerbsvorteil. Denn die physische Hardwarewelt wird trotz aller Globalisierung eine ortsgebundene Welt bleiben. Eine Welt, die auch künftig ein tiefes Verständnis für das Produkt selbst, von den physikalischen Zusammenhängen, den Systemen mit denen sie zusammenspielen müssen und auch der häufig komplexe Fertigung verlangt. Lassen Sie mich darüber hinaus noch eine grundsätzliche Anmerkung machen: Ich bin überzeugt, dass menschliche, individuelle Intelligenz und Kreativität auch künftig einen hohen Stellenwert haben werden. Software kann zwar unterstützen, aber letztlich den Menschen nicht ersetzen. Ganz neue Entwicklungen brauchen auch künftig eine Initialzündung, eine Idee, im Sinne eines neuartigen Gedankens. 10 von 20

11 Die Betonung der Bedeutung der menschlichen Kreativität und Persönlichkeit ist auch ein Trost, angesichts der Szenarien mancher Zukunftsforscher. Immer mehr und immer intelligentere Computer werden selbsttätig mit anderen Computern kommunizieren, unsere Vorlieben kennen und für uns automatisch unsere Termine planen, Einkäufe tätigen, oder das Raumklima in unserer Wohnung steuern. Wer will, kann diesen persönlichen Assistenten zu einer virtuellen Person, einen sogenannten Avatar formen ähnlich wie in Computerspielen. Und ihn dann auch noch per 3D-Projektion und per Head-up Display erscheinen lassen. Letzteres mag als futuristische Spielerei von Cyberfreaks oder Anhängern des Films Avatar von James Cameron erscheinen, der dem 3D-Kino zum Durchbruch verhalf. Doch solche Techniken finden durchaus bereits Einzug beispielsweise, wenn es darum geht, im Automobil Informationen in das Sichtfeld des Fahrers zu projizieren. Beenden wir diesen Ausflug und bleiben bei den konkreten Anforderungen für unsere Region: Es ist wichtig, dass wir dem Thema Internet, Vernetzung, den neuen Geschäftsideen durch die damit verbundenen Datenressourcen einen großen Stellenwert beimessen und zusätzliche digitale Expertise aufbauen oder uns mit anderen Regionen vernetzen, die diese Spezialisten besonders anziehen. Das sind interessanterweise nicht nur die großen Metropolen. Bei Bosch sitzen unsere derzeit rund 450 Internetspezialisten an so unterschiedlichen Orten wie Immenstaad am Bodensee, Waiblingen und Berlin. Bis 2015 sollen es bereits Spezialisten sein, die gemeinsam mit unseren 11 von 20

12 Geschäftsbereichen neue Produkte, Systeme und Geschäftsmodelle entwickeln. Das ist auch eine gute Überleitung zur Frage: Was schafft attraktive Arbeitsplätze? Auf welche Anforderungen müssen wir uns einstellen? Denn der Wettbewerb um die innovativen Fachkräfte der Zukunft entscheidet sich nicht nur über die Aufgabe, sondern auch über das Umfeld, das wir bieten können. Dazu gehört einmal, dass die künftige Generation an Arbeitskräften die heutigen technischen Möglichkeiten der Kommunikation und Vernetzung auch zunehmend in den Unternehmen erwartet. Wir begreifen das als Chance. So befassen wir uns bei Bosch unter der Überschrift Enterprise 2.0 intensiv damit, wie wir uns innerhalb und außerhalb des Unternehmens nutzbringend vernetzen, wie wir unser weltweites Wissen im Unternehmen stärker zusammenführen. Und ebenso wichtig: Wie wir honorieren, wenn sich die Mitarbeiter über ihr bisheriges Arbeitsfeld hinweg in solchen Plattformen mit ihrem Wissen einbringen. Diese neuen Arbeitsformen werden die Firmenhierarchien und Strukturen tangieren. Dabei bin ich überzeugt, dass wir für Entscheidungsprozesse auch künftig vertikale Strukturen brauchen. Aber gleichzeitig wird eine von den Mitarbeitern selbst getriebene Wissensvernetzung kreuz und quer im Unternehmen immer wichtiger werden. Diese Spielräume, breitere Aufgaben und auch mehr Entscheidungskompetenzen sind ein Anreiz für gut ausgebildete, innovative Fach- und Führungskräfte. 12 von 20

13 Entscheidend ist dabei: Vieles lässt sich heute nicht im Einzelnen abschätzen und damit von oben verordnet einführen. Bei vielen dieser Entwicklungen ist es deshalb wichtig, Zeit und Raum zu geben, um auszuprobieren, die Werkzeuge zu stellen, ohne die Inhalte zu bestimmen. Das verlangt gerade für uns als Unternehmensverantwortliche ein neues Denken, mehr Offenheit und Loslassen wie auch das Bekenntnis zu mehr Vielfalt. Dieses Stichwort möchte ich zusätzlich vertiefen. Denn gerade Vielfalt wird zu einem wesentlichen Schlüsselfaktor in unserer schnelllebigen Welt. Vielfalt des Wissens als Katalysator für Kreativität sei es im Hinblick auf unterschiedliche Arbeitskulturen, unterschiedliche Generationen mit ihren verschiedenen Erfahrungen, mehr Internationalität und gerade auch in Bezug auf das Geschlecht. Was heißt das konkret hier für die Region Stuttgart? Wir müssen in unseren Unternehmen in der Region junge Menschen und auch gestandene Fach- und Führungskräfte mit unterschiedlichen Talenten anziehen, national und verstärkt auch international. Wir brauchen zudem gerade in der Industrie mehr Frauen als Fachkräfte und als Führungskräfte. Und wir müssen uns angesichts des demographischen Wandels und längerer Lebensarbeitszeiten intensiv darum kümmern, unsere Mitarbeiter zu lebenslangem Lernen anzuhalten und sie darin auch fördern. Gleichzeitig müssen wir uns darauf einstellen, dass die künftigen Arbeitnehmer mit einem anderen Anspruch an ihr Arbeitsleben zu uns in die Unternehmen kommen. Die jungen Männer und Frauen wollen sich für ihre Arbeit engagieren, aber gleichzeitig ihr Leben 13 von 20

14 stärker nach ihren Vorstellungen entwickeln. Auch jungen Männern wird es immer wichtiger, Beruf und Familie in ein besseres Gleichgewicht zu bringen. Dies spüren wir unter anderem durch eine zunehmende Nachfrage der jungen Väter nach Elternzeit. Und ein ungeahnter Erfolg war 2011 die Initiative MORE im Rahmen unseres Jubiläumsjahres: 125 Führungskräfte waren gesucht, neue Formen der Arbeitszeit auch der Teilzeit auszuprobieren. Weit mehr bewarben sich. Wir freuen uns dabei sehr, dass Bosch für diese Initiativen erst vor wenigen Tagen die Auszeichnung familienfreundlichstes Großunternehmen des Bundesfamilienministeriums erhalten hat. Diesen Anforderungen müssen wir uns als Unternehmen stellen, durch flexible Arbeitsmöglichkeiten in Bezug auf Ort und Zeit, bei Bedarf durch eine Unterstützung der Kinderbetreuung aber auch vermehrt im Hinblick auf die Pflege älterer Angehöriger. Doch all das können wir als Wirtschaft nur im Zusammenspiel mit Politik und Gesellschaft schaffen. Beide haben hier ebenfalls große Aufgaben. Für die erforderlichen Arbeitskräfte und ihre Familien ist ebenso ein attraktives Umfeld entscheidend. Ob sie von außerhalb kommen oder der Region entstammen, und wir sie hier halten wollen. Attraktiv muss das Umfeld sein: im Hinblick auf Wohnmöglichkeiten, auf kulturelle Angebote im weitesten Sinne, im Hinblick auf Kinderbetreuung und Bildungseinrichtungen, und auch im Hinblick auf angemessene Möglichkeiten, den Arbeitsplatz zu 14 von 20

15 erreichen. Genauso wichtig ist aber eine Offenheit, neue Mitbürger zu integrieren, sie willkommen zu heißen. Wie Sie sehen, beschränke ich mich bewusst auf Standortfaktoren, die regional beeinflussbar sind gehe also weder auf die Frage von Einkommenssteuer oder die Arbeitsberechtigung für ausländische Mitarbeiter ein. Dabei begrüße ich ausdrücklich, den Beschluss des Bundestages von Ende April zur sogenannten Blue Card, die es internationalen Fach- und Führungskräften künftig leichter machen wird, in Deutschland zu arbeiten. Trotz des Aufstiegs von Megacities mit ihren großen, vielfältigen kulturellen Möglichkeiten weltweit sehe ich für die Region Stuttgart grundsätzlich gute Chancen. Denn sie offeriert etwas, das in unserer zunehmend virtueller Welt an Stellenwert gleichzeitig gewinnen wird: menschliche Nähe und Kontakt. Zerrissenheit und Isolation könnten die beherrschenden Gefühle in der zukünftigen Arbeitswelt sein, warnt Lynda Gratton, Professorin an der London School of Economics, eine der großen Vordenkerinnen in Bezug auf die Arbeitswelt der Zukunft. Ihrer Meinung nach wird in dem Maß, in dem die Welt, und gerade die Arbeitswelt, virtueller wird, die Bedeutung der menschlichen Nähe wachsen. Damit steht sie nicht alleine. Ähnliche Gedanken hatte bereits früher der Soziologe Ralf Dahrendorf geäußert. Er prägte den Begriff Glokalisierung. Er wies darauf hin, dass sich die Menschen einerseits durch die Globalisierung der großen, weiten Welt öffnen, um sich andererseits bewusst dem Lokalen zuzuwenden. Was heißt das konkret? Da die Arbeitswelt nicht rein virtuell wird, wollen die Menschen ihren Arbeitsplatz in einer angemessenen Zeit erreichen. 15 von 20

16 Es ist nicht zu erwarten, dass es künftig keine Berufspendler mehr geben wird. Dabei geht es aber verstärkt darum, ein optimiertes Angebot unterschiedlicher Verkehrsträger durch eine intelligente Vernetzung anzubieten. Um es provokant zu sagen: Es geht nicht darum, Pendler durch eine Maut auf der Konrad-Adenauer-Straße aus der Stadt draußen zu halten. Es geht um attraktive Angebote und Anbindung im Großraum Stuttgart und mit anderen Regionen. Ein Problem des Projekts Stuttgart 21 war meiner Ansicht nach, dass es sich trotz seines gewichtigen Titels zumindest in der breiten Wahrnehmung auf den Umbau des Bahnhofs konzentrierte, losgelöst von einer Gesamtvision. In der Frage der Kinderbetreuung wissen wir alle: Gerade in der Region Stuttgart haben wir noch einiges an Steigerungspotenzial. Hier ist der Bedarf weiterhin groß. Und die Bildungsanstrengungen sehe ich als eine der wichtigsten Zukunftsinvestitionen und als einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess, bei dem wir nicht nachlassen dürfen. Dabei müssen wir weiter daran arbeiten, gerade auch Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder schwierigen familiären Verhältnissen Bildungschancen zu geben auch damit unsere Gesellschaft nicht auseinander driftet. Letztlich geht es um eine Willkommenskultur, um die Überzeugung, dass auch für Regionen Vielfalt eine Stärke ist. Vielfalt der Kulturen und Nationalitäten, der Generationen, der Geschlechter, von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen. Eine Region wie Stuttgart wird dann attraktiv, wenn sie eine starke und gleichzeitig integrative Gemeinschaft bildet. Eine 16 von 20

17 Gemeinschaft, in der der Nächste wichtig bleibt, in der und für die man sich engagiert. Auch hier hat die Region eine Tradition, auf der wir aufbauen können ein starkes bürgerschaftliches Engagement. Meine Damen und Herren, viele der genannten Argumente kennen Sie sicher bereits. Mit ähnlichen Szenarien für Baden-Württemberg hat sich beispielsweise in den Jahren 2007 bis 2010 der Innovationsbeirat als Beratungsgremium der damaligen Landesregierung beschäftigt. Doch zu meiner Enttäuschung stieß nicht nur die Abschlusskonferenz in der Öffentlichkeit auf wenig Interesse und das Medienecho war sehr begrenzt. Auch im Anschluss ist sehr wenig geschehen. Dabei wurde damals bereits ein systematischeres Vorgehen eingefordert, nachhaltige Mobilitätskonzepte diskutiert, Strategien gegen den Fachkräftemangel entwickelt, aber auch Maßnahmen zur Stärkung der Kreativität oder gemeinsame wissenschaftlichen Einrichtungen von Hochschule und Industrie angeregt, um nur ausgewählte Beispiele zu nennen. Hier sehe ich eine wichtige Aufgabe gerade für das Forum Region Stuttgart: Diese Diskussionen zu stärken. Die Region Stuttgart engagiert sich unbestreitbar sei es wie erwähnt für das Nationale Schaufenster für Elektromobilität oder auch über ihre Wirtschaftsförderungstochter bei der Standortsuche für unser neues Bosch-Forschungszentrum. Doch wir brauchen neben dieser wichtigen praktischen Arbeit eine große 17 von 20

18 visionäre Kraft, die Sogwirkung auslöst. Dies war auch ein Grund für mich, hier und heute auf Einladung des Forums Region Stuttgart zu sprechen. Diese Sogwirkung braucht die Region Stuttgart nicht nur um die Menschen anzuziehen, die sie braucht. So wird sie auch attraktiv für Allianzen. Solche Allianzen ob dauerhaft oder für einzelne Themen, werden gerade angesichts der großen technischen Herausforderungen der Zukunft immer wichtiger für Forschungseinrichtungen, Unternehmen wie auch Regionen. Auch wenn es unser Ziel sein sollte, weiterhin eines der großen Ideenzentren weltweit für Mobilität zu sein, geht dies nur durch Zusammenarbeit über die Grenzen der Region hinaus. Die Komplexität der Aufgaben und auch die immensen Entwicklungskosten überfordern das einzelne Unternehmen, aber auch die einzelne Region. Meine Damen und Herren, um an den Anfang meiner Ausführungen zurückzukehren: Visionen sind wichtig. Visionen setzen Kreativität und Kräfte frei gerade angesichts großer, komplexer und nur langfristig umsetzbarer Herausforderungen. Gemeinsame Visionen ermöglichen die Kooperation vieler, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Und solche gemeinsamen langfristigen Zukunftsbilder sind erforderlich, um die Meilensteinpläne abzuleiten, an denen 18 von 20

19 sich die Einzelnen mit ihren individuellen Beiträgen ausrichten können. Davon hängt letztlich die Realisierbarkeit ab. Wie schwierig das ist, sehen wir gerade an der Energiewende, bei der uns zunehmend die Zeit davon eilt. Wir brauchen ein fassbares Zukunftsbild, das die Vielzahl der erforderlichen Veränderungen bewusst macht, sei es im Hinblick auf den Netzausbau, intelligente Netze, Speicherkapazitäten, die Vernetzung von dezentraler und zentraler Energieerzeugung. Wenn wir diese Diskussion nicht intensivieren und konkretisieren, entziehen wir unserer Wirtschaft und damit auch unserer Gesellschaft den Boden. Denn trotz aller Kraft und Kreativität, die Visionen auslösen können, trotz aller Inspiration, die sie geben können: Sie lösen sich im Nichts auf und werden zur Utopie, wenn sie nicht zur Aktion führen. Um auf mein Zitat von Saint-Exupéry zurückzukommen: Die Vision vom Meer reicht nicht aus, um dieses zu befahren und die damit verbundenen Naturgewalten zu meistern und neue Länder und Kulturen zu erkunden. Denn es entsteht kein widerstandsfähiges und starkes Schiff, wenn die Handwerker und Arbeiter und auch das Holz fehlen. Die Vision einer langfristig erfolgreichen und lebenswerten Region Stuttgart wird sich nur mit leistungswilligen und kreativen Menschen realisieren lassen, die diese umsetzen und mit den finanziellen Ressourcen, die wir immer wieder erwirtschaften müssen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! 19 von 20

20 Journalistenkontakt: Andreas Kempf, Telefon Die Bosch-Gruppe ist ein international führendes Technologie- und Dienstleistungsunternehmen. Mit Kraftfahrzeug- und Industrietechnik sowie Gebrauchsgütern und Gebäudetechnik erwirtschafteten mehr als Mitarbeiter im Geschäftsjahr 2011 einen Umsatz von 51,5 Milliarden Euro. Die Bosch-Gruppe umfasst die Robert Bosch GmbH und ihre rund 350 Tochter- und Regionalgesellschaften in rund 60 Ländern; inklusive Vertriebspartner ist Bosch in rund 150 Ländern vertreten. Dieser weltweite Entwicklungs-, Fertigungs- und Vertriebsverbund ist die Voraussetzung für weiteres Wachstum. Im Jahr 2011 gab Bosch rund 4,2 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus und meldete über Patente weltweit an. Mit allen seinen Produkten und Dienstleistungen fördert Bosch die Lebensqualität der Menschen durch innovative und nutzbringende Lösungen. Das Unternehmen wurde 1886 als Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik von Robert Bosch ( ) in Stuttgart gegründet. Die gesellschaftsrechtliche Struktur der Robert Bosch GmbH sichert die unternehmerische Selbstständigkeit der Bosch-Gruppe. Sie ermöglicht dem Unternehmen, langfristig zu planen und in bedeutende Vorleistungen für die Zukunft zu investieren. Die Kapitalanteile der Robert Bosch GmbH liegen zu 92 Prozent bei der gemeinnützigen Robert Bosch Stiftung GmbH. Die Stimmrechte liegen mehrheitlich bei der Robert Bosch Industrietreuhand KG; sie übt die unternehmerische Gesellschafterfunktion aus. Die übrigen Anteile liegen bei der Familie Bosch und der Robert Bosch GmbH. Mehr Informationen unter 20 von 20

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