ZEITUNG HEUTE. «Was dir passiert ist, ist schlimm»

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1 ZEITUNG HEUTE «Was dir passiert ist, ist schlimm» Von Hanna Jordi. Aktualisiert am Der Rock zu kurz und die Unterführung zu gefährlich: Opfer von sexueller Gewalt geben sich oft selbst die Schuld am Übergriff. Zum 20-Jahr-Jubiläum der Fachstelle Lantana reden die Beraterinnen Rosmarie Eichenberger und Ursula Stalder über die Arbeit mit einem traumatisierten Gegenüber.

2 «In erster Linie einfach da sein»: Rosmarie Eichenberger (links) und Ursula Stalder in einem Sprechzimmer von Lantana. (Adrian Moser) Artikel zum Thema Sexuelle Übergriffe sind noch nicht geklärt Hilfe bei sexueller Gewalt seit 1989 Zu den Personen Rosmarie Eichenberger ist Sozialarbeiterin, Paar- und Familientherapeutin und arbeitet seit neun Jahren als Beraterin bei Lantana. Ursula Stalder ist Sozialarbeiterin und Systemtherapeutin. Seit drei Jahren ist sie Teil des Lantana-Teams, wo sie sich auch um Opfer sexueller Gewalt im Jugendalter kümmert. «Bund»: Sie beraten Frauen und Kinder, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Kann denn eine Anzeige bei der Polizei nicht ebenso therapeutisch wirken wie ein Gespräch? Provokant ausgedrückt: Wieso braucht es Stellen wie Lantana? Eichenberger: Weil das zwei Paar Schuhe sind. Eine Anzeige ist oft mit falschen Hoffnungen verbunden, weil die Beweise sehr schwer zu erbringen sind. Meist ist das Trauma nicht beseitigt, auch wenn der Täter nach einer aufreibenden Gerichtsverhandlung verurteilt wird. Unsere Hilfe ist flankierend, wir vermitteln bei Bedarf Psychotherapeutinnen oder Anwältinnen und begleiten die Frauen zur Polizei oder vor Gericht. Stalder: Wir haben die Möglichkeit, uns dem Tempo der Frau anzupassen: Während wir es der Klientin überlassen können, wie viel sie uns erzählt, muss die Polizei nachbohren, bis sie die Antworten erhält. Vielen Frauen fällt es kurz nach dem Übergriff aber sehr schwer, über die Details der Tat zu reden. Haben sich die Fragestellungen, mit denen Opfer an Sie gelangen, im Laufe Ihrer Tätigkeit verändert? Eichenberger: Die Motive, zu uns zu kommen, sind immer die gleichen: Am Anfang steht der sexuelle Übergriff das reicht von Belästigung bis Vergewaltigung. Andererseits sind neue

3 Was für neue Themen? Stalder: Immer häufiger sind Übergriffe mit neuen Medien gekoppelt. Ein Mädchen wird in entwürdigender Situation fotografiert oder gefilmt, und am nächsten Tag weiss auf dem Schulhof jeder davon, weil alle so gut vernetzt sind. Das ist sehr traumatisierend. Eichenberger: Aber auch Übergriffe in Verbindung mit Alkohol oder Drogen, ob selbst zugeführt oder über sogenannte K.-o.-Tropfen, haben Konjunktur: Eine junge Frau wird im bewusstlosen Zustand sexuell ausgebeutet, und nach dem Aufwachen bleibt nichts als das deutliche Gefühl, sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Können Sie auch positive Tendenzen feststellen? Eichenberger: Bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz habe ich das Gefühl, dass Frauen heute schneller den Weg in die Beratung finden als früher offenbar ist man da sensibler geworden. Als ich bei Lantana anfing, war das noch kaum Thema. Wenn Sie bereits im Alltag mit solch schweren Schicksalen konfrontiert werden, überraschen Sie Fälle wie jener in Zürich Seebach gar nicht mehr? Stalder: So heftige Sachen erreichen uns natürlich nicht täglich. Sobald ein Fall in die Medien gelangt, besteht die Gefahr, dass er aufgebauscht wird. Hört man dann genau hin, war vielleicht vieles ein wenig anders. Gerade im Nachklang von solchen Skandalen entsteht in der Öffentlichkeit schnell der Eindruck, dass nicht überall, wo Rauch ist, auch Feuer sein muss. Entwickelt man als Beraterin ein Auge dafür, wie viel hinter einer Geschichte steckt?

4 Stalder: Es ist nicht unsere Aufgabe, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Unsere Beratung ist parteilich: Wir glauben den Frauen, was sie uns erzählen. Dann planen wir, was als nächstes zu tun ist, was in der Wahrnehmung der Frau das Beste ist. Das kann eine Anzeige oder ein weiters Gespräch sein, das ist jeweils sehr individuell. Gibt es keine Grundregel, wie bald ein Opfer nach einem sexuellen Übergriff handeln sollte? Gilt nicht der Grundsatz, je schneller, desto besser? Eichenberger: Für die Spurensicherung nach einer Vergewaltigung gilt dieser Grundsatz absolut. Diese gynäkologische Untersuchung ist innert 72 Stunden nötig, wenn man eine Grundlage für ein zukünftiges Verfahren haben will. Dies geschieht im Zentrum für Familienplanung der Frauenklinik im Inselspital. Dort werden die Daten gespeichert zu weiteren Schritten können sich die Frauen immer noch zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden. Wenn die Verarbeitung individuell ist gibt es kein «typisches» Opfer? Eichenberger: Nein. Jede Frau kann Opfer werden, es reicht, eine Frau zu sein. Zu uns kommen die verschiedensten Klientinnen: jene, die sich relativ pragmatisch über die Chancen einer Anzeige informieren, und andere, die sich noch mitten in der Krise befinden, weil ihnen der Übergriff schlicht den Boden unter den Füssen weggezogen hat. Diese gilt es vorerst, zu stabilisieren, damit sie sich im Alltag wieder zurechtfinden. Sind Frauen mit einem stabilen Netz aus Bezugspersonen allenfalls weniger auf Stellen wie Lantana angewiesen? Stalder: Kaum, wir wirken als Ergänzung, nicht als Alternative zum sozialen Netz. Gerade pubertierenden Jugendlichen fällt es oft nicht leicht, ihre Eltern einzuweihen, auch weil sie sich schämen. Natürlich versuchen wir, die Eltern beizuziehen, aber nur, wenn die Jugendlichen das

5 wünschen. Sonst stehen wir unter Schweigepflicht. Eichenberger: Die Nähe zu Familie und Freunden kann zwar Trost spenden, aber unsere Distanz gewährt Sachlichkeit. Wie berät man ein traumatisiertes Vergewaltigungsopfer spenden Sie auch Trost? Geben Sie «Tipps»? Eichenberger: Weder noch. Wir sind in erster Linie mal einfach da, hören zu und informieren sie über ihre Rechte und Möglichkeiten. Stalder: Trost gespendet habe ich noch nie in der Beratung das gehört nicht zu unserer Rolle. Dagegen ist es wichtig, das Gegenüber in seinen Empfindungen zu bestätigen: Ja, was dir passiert ist, ist etwas sehr Schlimmes, und was du jetzt fühlst, ist normal. In unserer Gesellschaft ist Sexualität allgegenwärtig. Fällt es Opfern im Vergleich zu früher leichter, ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt zu thematisieren? Stalder: Im Gegenteil. In der übersexualisierten Gesellschaft steigt der Druck auf junge Menschen, sexuell abgeklärt zu sein, auch was die Gefahren angeht. Ein Übergriff wird dann oft ausgelegt als Versagen am eigenen Anspruch, es doch eigentlich besser wissen zu müssen: Ich hätte merken müssen, dass er mehr von mir will, ich hätte wissen müssen, dass ich diese Unterführung nicht benutzen darf. Das macht das Sprechen darüber noch schwerer. Eichenberger: Diese Scham- und Schuldgefühle gilt es ernst zu nehmen: Wir erinnern die Klientinnen daran, dass ihnen ein Straftatbestand angetan wurde bloss weil der Rock kurz war hat niemand das Recht, sich zu nehmen, was er will. Besonders schwer ist es natürlich, wenn der Täter wie oft aus dem Bekanntenkreis stammt der Partner oder ein Familienmitglied ist. Das Gefühl, jemandem zu Unrecht Vertrauen geschenkt zu haben, lässt die Opfer an sich selbst

6 Die Ermahnung an Kinder steig zu keinem Fremden ins Auto, nimm keine Süssigkeiten an verfehlt den Zweck, weil der Fremde gar nicht dem Täterprofil entspricht? Stalder: Klar ist es gut, wenn man das den Kindern lehrt. Bloss stammen 80 Prozent der Täter aus der Familie oder dem Bekanntenkreis. Eichenberger: Wichtig ist vor allem, dass Eltern den Kindern beibringen, Nein zu sagen und zu ihren Abneigungen zu stehen. Auch der Tante sollen sie kein Küsschen geben müssen, wenn sie nicht wollen. Warum braucht es Lantana weitere zwanzig Jahre? Stalder: Leider wird es uns noch länger brauchen. Wir haben nicht weniger zu tun, nur weil Sex den öffentlichen Diskurs erreicht hat. Eichenberger: Eher im Gegenteil. Glücklicherweise finden heute mehr Frauen eher den Mut, sich zu melden. Das Reden darüber wird dadurch aber nicht einfacher. (Der Bund) Erstellt: , 09:15 Uhr Tamedia AG

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