Ehe, Scheidung und Wiederheirat - eine Gemeinderealität

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1 Ehe, Scheidung und Wiederheirat - eine Gemeinderealität Beatrice Binder-Wüstiner Autor: Art: Beatrice Binder-Wüstiner Abschlussarbeit Version: - Datum Erstellung: August 2009 Seiten: Copyright: 69 (inkl. Deckblatt) IGW International Adresse IGW IGW International Josefstrasse 206 CH Zürich Tel (0) Fax (0) Rechtliches Das Institut für Gemeindebau und Weltmission (IGW) ist urheberrechtliche Eigentümerin dieses Dokumentes. Der Inhalt dieses Dokumentes ist ausschliesslich für den privaten Gebrauch und die Verwendung im kirchlichen profitlosen Kontext bestimmt. Falls dieses Dokument für einen anderen (z.b. gewerblichen) Zweck benützt werden soll, benötigen Sie die vorherige, ausdrückliche und schriftliche Zustimmung von IGW und dem Autor.

2 Vorwort für Abschlussarbeiten Vorwort Theologische Arbeit ist Dienst an der Gemeinde, sie ist Hirtendienst. Die enge Verknüpfung von theologischer Ausbildung und Gemeinde zeigt sich unter anderem in den Abschlussarbeiten der IGW-Absolventen. Jedes Jahr werden rund 40 solche Arbeiten geschrieben. Die intensive Beschäftigung mit einem Thema ist eine gewinnbringende Erfahrung, bei der die Studierenden durch überraschende Entdeckungen und neue Erkenntnisse ihren Horizont erweitern. Auch die Gemeinde soll und darf von diesem Ertrag profitieren. Die Schulleitung von IGW begrüsst darum die Veröffentlichung der vorliegenden Arbeit. IGW International ist mit weit über 300 Studierenden die grösste evangelikale Ausbildungsinstitution im deutschsprachigen Raum. Sie bietet verschiedene Studiengänge für ehrenamtlichen, teil- oder vollzeitlichen Dienst an. In der Schweiz und in Deutschland existieren Studienzentren in Zürich, Bern, Olten, Essen, Karlsruhe, Chemnitz und in Braunschweig. In Österreich unterstützt IGW den Aufbau der Akademie für Theologie und Gemeindebau AThG. Das IGW- Angebot umfasst eine grosse Vielfalt an Ausbildungen und Weiterbildungen: vom Fernstudium (für ehrenamtliche und vollzeitliche Mitarbeiter und zur Vertiefung einzelner Themen) über das Bachelor-Programm (als Vorbereitung auf eine vollzeitliche Tätigkeit als Pastor) bis zum Master als Weiterbildung und für Quereinsteiger mit akademischer Vorbildung. Im Anschluss an das Masterprogramm steht den IGW-Absolventinnen und Absolventen die Möglichkeit zum Weiterstudium MTh und DTh (GBFE/UNISA) offen. Weitere Informationen finden Sie auf Seit Herbst 2008 macht IGW alle Abschlussarbeiten online zugänglich, welche die Beurteilung gut oder sehr gut erhalten haben. Die Arbeiten stehen kostenlos auf der Website zur Verfügung (http://www.igw.edu/downloads). Für die Schulleitung Dr. Fritz Peyer-Müller, Rektor IGW International;

3 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung und Wiederheirat eine Gemeinderealität i INHALTSVERZEICHNIS 1 EINLEITUNG Begründung der Themenwahl und Forschungsziel Forschungsfrage Arbeitshypothese Forschungsmethodik Eingrenzung und Hinweis zur verwendeten Literatur Zielpublikum Dank EXEGESE DER EVANGELIENTEXTE ZU SCHEIDUNG, EHEBRUCH UND WIEDERHEIRAT Das synoptische Problem Text aus dem Markusevangelium Einleitungsfragen Eine Fangfrage: Ist Scheidung erlaubt? (Mk 10,1-12) Texte aus dem Matthäusevangelium Einleitungsfragen Antwort auf eine Fangfrage: Scheidung ist Ehebruch! (Mt 19,1-12) Ehebruch und Scheidung im Rahmen der Bergpredigt (Mt 5,27-32) Text aus dem Lukasevangelium Einleitungsfragen Was haben Scheidung, Ehebruch und Habgier gemeinsam? (Lk 16,18) Text aus dem Johannesevangelium Einleitungsfragen Gesetz und Gnade: kein Widerspruch in Jesus (Joh 7,53-8,11) Vorläufige Schlussfolgerungen aus der Exegese mit Blick auf die Gemeindekultur EXEMPLARISCHE DARSTELLUNG EVANGELISCH-ETHISCHER POSITIONEN ZU EHE, SCHEIDUNG UND WIEDERHEIRAT Begründung der Auswahl evangelisch-ethischer Positionen zu Ehe, Scheidung und Wiederverheiratung in der Forschung Kriterien zur Beurteilung der ethischen Positionen Wolfgang Trillhaas Definition Ehe...27

4 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung und Wiederheirat eine Gemeinderealität ii Die Problematik der Ehe heute Bewertung von Scheidung Beurteilung der Wiederverheiratung innerhalb der Gemeinde Ulrich Eibach Definition Ehe Die Problematik der Ehe heute Bewertung von Scheidung Beurteilung der Wiederverheiratung innerhalb der Gemeinde Helmut Burkhardt Definition Ehe Die Problematik der Ehe heute Bewertung von Scheidung Beurteilung der Wiederverheiratung innerhalb der Gemeinde Vorläufige Schlussfolgerungen aus der wissenschaftlichen Literaturrecherche mit Blick auf die Gemeindekultur Drei Darstellungen aus der Erbauungsliteratur zu Ehe, Scheidung und Wiederheirat Reinhold Ruthe Andreas Eichberger Rosmarie und Hansjörg Bräumer Vorläufige Schlussfolgerungen aus der Erbauungsliteratur im Hinblick auf die Gemeindekultur BEWERTUNG DER RESULTATE AUS PRAKTISCH THEOLOGISCHER SICHT Allgemeine Erkenntnisse aus Exegese und Literaturrecherche Zum Verhältnis von Scheidung und Vergebung Zum Zusammenhang von Vergebung und Wiederheirat Wie sind die Erkenntnisse betreffend die Gemeindekultur zu beurteilen? Schlussfolgerungen Abschliessende Bemerkungen...55 BIBLIOGRAPHIE...56 ANHANG...62 A1 Übersetzung griechischer, hebräischer und lateinischer Ausdrücke...62 A2 Glossar...63

5 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 1 1 EINLEITUNG 1.1 Begründung der Themenwahl und Forschungsziel Die Problematik von Scheidung und Wiederheirat hat für mich besondere Aktualität gewonnen, da ich in den letzten fünf Jahren in meinem Umfeld und in der Seelsorge vermehrt mit zerbrechenden Ehen von Christen konfrontiert wurde. Im Rahmen des Kurses empirische Theologie untersuchte ich mit Hilfe von halbstandardisierten Interviews die Frage, wie sich die Gottesbeziehung von Geschiedenen durch eine Scheidung verändert. Obwohl die Ergebnisse nicht repräsentativ sind, haben sie auf ein Problem aufmerksam gemacht, das erschreckend ist. Aus den Resultaten ist klar geworden, dass sich die Gottesbeziehung von Betroffenen vertieft und gefestigt, ihr Weg aber aus der christlichen Gemeinde heraus geführt hat. Ein wesentlicher Grund dafür sind die Reaktionen auf die Scheidung innerhalb der Gemeinde. Die Gemeinde scheint grosse Schwierigkeiten zu haben im Umgang mit Menschen, die in ihrer Ehe scheitern und eine weitere Ehe eingehen. Sie schwankt zwischen Verurteilung und Anteilnahme. In der Regel werden die Verlassenen als Opfer gepflegt, diejenigen, die die Scheidung einreichen aber, werden als Schuldige behandelt, die die Gemeinde verlassen müssen. Da ich dieses Schwanken bei mir selbst gut kenne und Richten und Barmherzigkeit sich abwechseln, habe ich mich entschlossen, in dieser Forschungsarbeit den Umgang mit Scheidung und Wiederverheiratung in der Gemeinde zu untersuchen. Ich will herausfinden, welches theologische Verständnis es braucht, um eine Gemeindekultur zu fördern, die es erlaubt, mit Geschiedenen und Wiederverheirateten einen lebensfördernden (heilsamen) Weg innerhalb der christlichen Gemeinschaft zu gehen. Ich werde alle Evangelientexte zu Ehe, Scheidung und Wiederheirat exegetisch erarbeiten und drei ausgewählten ethischen Positionen gegenüberstellen, um anschliessend Thesen aufzstellen, die praktischtheologische Ansätze betreffend den Gemeindebau, die Seelsorge und die Diakonie aufzeigen sollen. Vorrangig werden theologische Belange behandelt. Psychologische wie auch gesellschaftliche oder soziologische Zusammenhänge werden nur am Rande einfliessen. 1.2 Forschungsfrage Aus der beschriebenen Aufgabenstellung lässt sich folgende Forschungsfrage ableiten, die sich in zwei Hauptfragen und zwei Teilfragen gliedert. Wie sind Scheidung und Wiederverheiratung aufgrund des Evangelienbefundes unter der neutestamentlichen Voraussetzung von Vergebung und Gnade zu beurteilen? o Welches Verständnis hat Jesus von Ehe, Scheidung und Wiederverheiratung? o In welchem Verhältnis stehen Gesetz und Gnade bei Jesu Umgang mit der Ehebrecherin? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus für die Gemeindekultur im Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten ziehen?

6 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität Arbeitshypothese Der Forschungsfrage liegt folgende Arbeitshypothese zugrunde: Auf der Grundlage von Vergebung und Gnade sind Scheidung aber auch eine Wiederheirat von Geschiedenen vom Evangelium her möglich. 1.4 Forschungsmethodik In dieser Forschungsarbeit werden in einem ersten Teil die Evangelientexte exegetisch untersucht und daraus vorläufige Schlussfolgerungen aufgrund der Forschungsfrage gezogen. Die Reihenfolge der biblischen Texte entspricht nicht den biblischen Büchern. Ich habe sie bewusst umgestellt, um die Texte im synoptischen Vergleich untersuchen zu können. In einem weiteren Teil werden mittels einer Literaturanalyse drei ethische Positionen hinsichtlich der Forschungsfrage untersucht und durch drei ausgewählte Bücher aus der Erbauungsliteratur ergänzt. Der Inhalt dieser Arbeit gliedert sich nach oben beschriebener Reihenfolge und wird mit einem dritten Teil abgeschlossen, in dem die Resultate praktisch-theologisch bewertet und in Schlussthesen festgehalten werden. 1.5 Eingrenzung und Hinweis zur verwendeten Literatur Zur Beantwortung der Forschungsfrage werde ich ausschliesslich Evangelientexte untersuchen. Texte von Paulus bleiben unberücksichtigt, da sie mich in der Beantwortung meiner Forschungsfrage auf ein Nebengleis führen würden. Paulus befasst sich in 1 Kor 7,1-40 mit Ehe und Scheidung. Er beantwortet dort seelsorgerliche Anfragen zur Ehe unter dem Aspekt der Enthaltsamkeit. In diesem Kontext steht auch seine Abhandlung zu einem Spezialfall, in dem er eine Scheidung als zulässig erklärt (Baumert 2007:92-100). Im weiteren Zusammenhang von Ehe, Scheidung und Wiederheirat stehen aus den Evangelien Lk 7,36-50 und Joh 4. Beide Texte lasse ich aus folgenden Gründen unberücksichtigt: Die Erzählung der Sünderin in Lk 7,36-50 handelt von einer Prostituierten, die mit Liebe auf die von Jesus erwiesene Vergebung antwortet (Wiefel 1988:156). Der Text hat folglich nicht mit Ehebruch oder Scheidung zu tun. Der zweite Text aus dem Johannesevangelium behandelt das Gespräch Jesu mit der Samaritanerin am Jakobsbrunnen (Joh 4,1-30). Eine mehrfach geschiedene Frau, die aktuell in einer unrechtmässigen Beziehung lebt, ist die Hauptperson neben Jesus. Der Fokus des Textes liegt aber nicht auf Ehebruch oder Unzucht, sondern auf der Begegnung der Frau mit Jesus als ihrem Erlöser (Schnelle 1998:101). Die aufgeführten Bibeltexte sind der Einheitsübersetzung entnommen. Die griechisch zitierten Teilsätze und Worte stammen aus dem Novum Testamentum Graece von Nestle Aaland. Alle griechischen, hebräischen und lateinischen Ausdrücke sind im Anhang mit der Übersetzung aufgeführt. Ebenfalls findet sich dort ein Glossar mit spezifisch theologischen Ausdrücken.

7 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität Zielpublikum Die Forschungsarbeit richtet sich in erster Linie an Leute, die mit Menschen zu tun haben, die in ihrer Ehe gescheitert sind oder die sich mit einer Wiederheirat befassen. Dazu gehören vorrangig Pfarrer und Pastoren, Gemeindeleiter, Hauskreisleiter und Seelsorger Dank Zum Schluss danke ich Dr. Rainer Ebeling, meinem Fachmentor, für alle Unterstützung und Anregungen im Prozess meiner Diplomarbeit und meinem Mann für die unzähligen Diskussionen, die wir zu diesem Thema geführt haben. Ein besonderer Dank gehört Olivia Blumenfeld Arens sowie Christina und Andreas Jakob für die Korrekturlesung. 1 Die weiblichen Bezeichnungen werden nicht extra aufgeführt, sondern sind implizit eingeschlossen.

8 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 4 2 EXEGESE DER EVANGELIENTEXTE ZU SCHEIDUNG, EHEBRUCH UND WIEDERHEIRAT 2.1 Das synoptische Problem Die ersten drei Evangelien werden Synoptiker genannt, da sie in ihren Erzählungen über das Wirken Jesu und auch in der Reihenfolge der Texte in vielen Teilen eine grosse Übereinstimmung aufweisen (Schweizer 1979:1). Dies zeigt sich auch in der Thematik von Ehebruch und Scheidung. Als Beispiele sollen Mk 10,2-12 und Mt 19,3-9 gelten, die trotz Unterschieden im Wesentlichen die gleiche Begebenheit erzählen und im weiteren Kontext in der gleichen Abfolge innerhalb des Evangeliums angeordnet sind. In der neueren Forschung herrscht weitgehend Konsens darüber, dass Markus das älteste Evangelium ist und Matthäus und Lukas für ihre Darstellungen gedient hat (Wilckens 2005:1; Wiefel 1998:3; Schnelle 2007:398; Schlatter 1935:1). Zusätzlich vermutet man, dass Matthäus und Lukas neben mündlichen Traditionen noch andere, von Markus unabhängige, schriftlich existierende Spruchquellen (Q) in ihre Evangelien hinein verarbeitet haben (Schnelle 2007:398; Wilckens 2005:1; Wiefel 1998:6; Childs 1994:318; Schweizer 1979:1). Man nennt dies die Zwei-Quellen-Theorie. Sie baut auf der durchaus realistischen Hypothese der vormaligen Existenz schriftlich verfasster Logien auf (Wilckens 2005:2; Hahn 2002:144; Schweizer 1979:1). Da es von Q keine schriftlichen Dokumente gibt, bleibt diese Theorie eine unbewiesene Vermutung (Wilckens 2005:1). Schlatter wie auch Rienecker stehen der Zweiquellentheorie skeptisch gegenüber, da diese für sie eine selbständige Evangelienschreibung in Frage stellt und somit eine Abwertung impliziert (Schlatter 1933:XI). Rienecker sieht die Gefahr solcher Hypothesen darin, dass sie die Substanz unseres Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn und Heiland in Frage stellen (Rienecker 1963:6). Trotz des Wissens um die Unsicherheit und die Gefahren der Hypothese der Zweiquellentheorie und weiterer Spruchquellen werde ich mich daran anlehnen, da sie in all ihrer Vorläufigkeit ein gutes Erklärungsmodell für die Unterschiede und Übereinstimmungen der Evangelien bieten, ohne dass deswegen die eigenständige Evangelienschreibung der Autoren Matthäus und Lukas in Frage gestellt werden muss. Darum werde ich chronologisch vorgehen und den Text aus Markus vor den Texten aus Matthäus und Lukas exegesieren. 2.2 Text aus dem Markusevangelium Einleitungsfragen Der Schreiber des zweiten Evangeliums war selbst kein Apostel, aber gemäss dem Zeugnis von Papias ein Apostelschüler des Petrus (Grundmann 1989:22; Schweizer 1979:9). Nach altkirchlicher Tradition ist Johannes Markus der Verfasser des zweiten Evangeliums. Er hat es mit grosser Wahrscheinlichkeit in Rom geschrieben (Wilckens 2005:19; Grundmann 1989:20; Weiss 1991:1). Er greift in seiner Evangelienschreibung auf frühere Überlieferungen zurück. Diese setzen sich aus mündlichen Traditionen

9 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 5 und aus Perikopen und Wortfolgen zusammen, die ihm zum Teil schriftlich vorlagen (Grundmann 1989:18; Gnilka 1978:17). Die Adressaten sind heidenchristliche Gemeinden (Grundmann 1989:23; Schweizer 1979:9; Gnilka 1978:34). Schlatter nennt bereits im Buchtitel seines Markus Kommentars Der Evangelist für die Griechen die Adressaten (Schlatter 1935). Über die Abfassungszeit ist man sich in der Forschung soweit einig, dass man sie in die Zeit um den Jüdischen Krieg mit der Tempelzerstörung legt. Blomberg, Schweizer und Weiss gehen von einer Datierung vor der Tempelzerstörung aus und legen die Abfassung zwischen n. Chr fest (Blomberg 2004:120; Schweizer 1979:9; Weiss 1901:9). Dem schliesse ich mich an Eine Fangfrage: Ist Scheidung erlaubt? (Mk 10,1-12) 1 Von dort brach Jesus auf und kam nach Judäa und in das Gebiet jenseits des Jordan. Wieder versammelten sich viele Leute bei ihm, und er lehrte sie, wie er es gewohnt war. 2 Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. 3 Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? 4 Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. 5 Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. 6 Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. 7 Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, 8 und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. 9 Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. 10 Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. 11 Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entläßt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. 12 Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entläßt und einen anderen heiratet. Diese Perikope steht im weiteren Kontext von Jesu Weg nach Jerusalem im Anschluss an eine Jüngerbelehrung. Der engere Kontext innerhalb von Markus 10,1-32 ist von verschiedenen Forschern als Katechismus nach Art der Haustafeln - Ehe - Kinder - Besitz verstanden worden (Grundmann 1989:268). Man kann von einer Gemeindebelehrung ausgehen (Schweizer 1979:109), da die Antwort der Gegner auf Jesu Interpretation nicht von Interesse ist (Gnilka 1978:70). Die Absicht des Verfassers ist, die heidenchristlichen Hörer der markinischen Gemeinde auf die von Jesus aktualisierte Auslegung des Scheidungsverbots zu verpflichten (Ernst 1981:287). Der Text lässt sich folgendermassen strukturieren: V 1 V 2-9 V 3-4 V 5-9 V berichtet von einer Reise Jesu mit einer Ortsangabe und seiner Tätigkeit als Lehrer. schildert ein öffentliches Streitgespräch, das Jesus mit seinen Gegnern zur Frage der Ehescheidung führt Frage nach der Handhabung der Scheidung bei Mose Jesus erkennt das Motiv zur Scheidung in der Herzenshärte und bezieht sich auf die Schöpfungsordnung (Gen 1,27; 2,24) beschreibt eine Belehrung der Jünger zum vorangegangenen Streitgespräch, worin sich Jesus klar zur Ehescheidung äussert.

10 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 6 In Vers 1 bricht Jesus auf, wahrscheinlich von Kapernaum (Eckey 1998: 255; Gnilka 1978:70) und ist wieder lehrend unterwegs (Mk 10,1.2). Wohin er genau geht, bleibt unklar, denn die Ortsangabe in das Gebiet Judäas und jenseits des Jordans löst viele Fragen aus (Baltensweiler 1967:76; Gnilka 1978:7). Schlatter denkt an ein Gebiet ostwärts des Jordans, das zu Judäa gehört hat und vorwiegend von Juden bewohnt war (Schlatter 1935:185). Baltensweiler geht davon aus, dass Markus mit der Ortsangabe eine theologische Wertung der Frage nach Ehe und Scheidung ausdrückt. Das Entscheidende von Jesu Weg geschieht in Galiläa und Jerusalem und nicht im Gebiet jenseits den Jordans. Dieses Gebiet bekommt eine übertragene Bedeutung in dem Sinne, dass für Markus die Frage nach Ehe und Scheidung nicht zur zentralen Verkündigung gehört, sondern Wichtigeres im Vordergrund steht, als eine Sachfrage (Baltensweiler 1967:76). Das Kernstück des Abschnitts ist das Streitgespräch der Pharisäer mit Jesus zur Scheidungspraxis. Dabei wird ausschliesslich vom Mann her argumentiert. Die Gegner stellen eine Frage, Jesus antwortet mit einer Gegenfrage und nach deren Beantwortung durch die Fragesteller erhalten jene die eigentliche Antwort. In diesem Disput geht es von gegnerischer Seite um ein Scheingefecht, in welchem Jesus zu Aussagen verführt werden soll, die dem mosaischen Gesetz widersprechen. Im damaligen Judentum konnte praktisch jede Ehe von Seite des Mannes legal aufgelöst werden, aber es herrschte Streit über die Scheidungsgründe 2 (Grundman 1989:271; Gnilka 1979:71). Eine Grundsatzdiskussion zu diesem Thema war also unnötig. Die Pharisäer nehmen an, dass Jesus der Ehescheidung gegenüber eine ablehnende Haltung einnimmt (Schlatter 1935:186; Baltensweiler 1967:46), obwohl das mosaische Gesetz die Scheidung erlaubt (Dtn 24,1ff). Wenn Jesus sich gegen die mosaische Bestimmung äussert, so widersetzt er sich dem Gesetz und muss verurteilt werden. Darin liegt die Falle, die ihm gestellt wird (Baltensweiler 1967:47). Jesus reagiert auf die Frage der Pharisäer mit einer Gegenfrage nach dem Gebot des Mose und impliziert damit, dass in der Thora noch andere Weisungen zu diesem Thema zu finden sind (Weiss 1901:158). Die Pharisäer antworten mit dem Hinweis auf die Scheidungserlaubnis des Mose, welche die rechtliche Seite der Ehescheidung im Blick hat 3 (Dtn 24,1ff; Baltensweiler 1967:47). Diese steht aber für Jesus nicht im Vordergrund. Jesu Frage nach dem Gebot ist die Frage nach dem Willen Gottes (Schweizer 1979:109) und greift wesentlich tiefer als die der Pharisäer, die nach dem Erlaubten fragt. In Vers 5 gibt er dem Gespräch die entscheidende Wendung. Er bestätigt den Scheidungsartikel des Moses, aber er stellt ihn in einen anderen kausalen Zusammen- 2 Die Schule Hillels erlaubte die Scheidung aus beliebiger Ursache, die Schule Schammajs nur aufgrund von etwas Schändlichem, also wegen schwerwiegender Gründe (Baltensweiler 1967:38; Billerbeck 1922:804). 3 Scheidungen waren schon zu Moses Zeiten Realität und mussten rechtlich geregelt werden (Weiss 1901:158). Sie waren als Schutzbrief für die Frauen gedacht und nicht als Freibrief für die Männer. In diesem Sinne ist die Erlaubnis des Scheidungsbriefs von Mose zu verstehen (Ernst 1981:288). Was aber zum Schutz der Frauen in Reaktion auf eine ungeordnete Praxis als Notordnung entstand, wurde immer mehr zu einem einfach zu handhabenden Instrument des Mannes (Schweizer 1979:74).

11 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 7 hang. Indem er sagt, dass Mose die Scheidungsbestimmung wegen der sklhroskardi,a der Menschen gegeben hat, spricht er die allem Handeln zu Grunde liegende Herzenshaltung an. sklhroskardi,a ist ein fest geprägter Begriff und bedeutet die Hartherzigkeit gegenüber Gottes Wort und Gebot. Der Ausdruck bezeichnet das unempfindlich gewordene Herz aufgrund fortgesetzten Ungehorsams gegenüber Gottes Weisungen (Gnilka 1979:72). Es geht also um die hartnäckige Verschlossenheit gegenüber Gottes Absichten (Haubeck & Siebenthal 1997: 49). Die LXX verwendet den Ausdruck im Zusammenhang mit der Aufforderung von der Herzensbeschneidung (Vorhaut des Herzens) in Dtn 10,16 und Jer 4,4 (Balz & Schneider1983:607), die nichts anderes als ein Aufruf zur Umkehr ist. Wie Jesus den Begriff sklhroskardi,a inhaltlich gefüllt hat, zeigt sich in Mk 16,14. Dort verbindet er die Herzenshärte der Jünger mit dem Unglauben (Baltensweiler 1967:48). Somit wird die sklhroskardi,a direkt mit dem Verhältnis des Menschen zu Gott in Beziehung gesetzt. Daraus folgt, dass Jesus die Scheidungserlaubnis des Mose nicht als Kapitulation vor der Hartherzigkeit des Menschen oder als Anpassung an das sündige Begehren versteht. Vielmehr gebraucht sie Jesus, um die Pharisäer mit ihrer Haltung der Herzenshärte zu konfrontieren und sie damit implizit zur Umkehr herauszufordern (Schweizer 1979:109; Baltensweiler 1967:48). Jesus untergräbt mit seiner Interpretation den autoritativen Charakter der durch Mose gegebenen Bestimmung und nimmt ihr den Status einer berechtigten Scheidungserlaubnis. Die Pharisäer sind im Moment durch Jesu Antwort in ihrer Annahme bestätigt, dass er dem Mose widerspricht und darum zu verurteilen ist. Aber im folgenden Vers 6 widerlegt Jesus mit zwei Schriftworten (Gen 1,27; 2,24 4 ), die sich auf den ursprünglichen Sinn der Ehe beziehen, das zitierte Schriftwort der Pharisäer (Dtn 24,1ff). Die Verknüpfung von zwei Schriftstellen entspricht der damaligen jüdischen Auslegungspraxis. Nur in der Zusammenschau der zwei Schriftzitate wird das Entscheidende der Aussage deutlich (Baltensweiler 1967:57). Jesus greift mit seiner Thorabelehrung avpo. de. avrch/j kti,sewj auf den Urwillen Gottes zurück, wie er in der Schöpfung sichtbar wird. (Gen 1,27; Grundmann 1989:272). Damit setzt er die Schöpfungsabsicht Gottes über die Scheidungsanordnung des Mose und unterordnet diese der ersteren (Gnilka 1979:73). Jesu Argumentation beginnt in Vers 6 damit, dass Gott den Menschen in seiner Ebenbildlichkeit zweigeschlechtlich, also männlich und weiblich geschaffen hat. Mann und Frau begegnen sich als Bild und Gleichnis Gottes (Ernst 1981:290). Weil dies so ist, sucht der Mensch die Ausgleichung dieser Geschlechterdifferenz in der Ehe (Weiss 1901:159). Die Ehe ist aufgrund des Schöpferwillens für die ganze Menschheit gedacht. Sie wird weder vergeistigt noch idealisiert. Aber sie gilt grundsätzlich als gesegnet, weil sie von Gott eingesetzt ist und von ihm ihre Würde hat (Baltensweiler 1967:50). Die Ehe ist höher zu bewerten als die verwandtschaftlichen Beziehungen, denn der Mann verlässt seine Eltern, qbd klebt sich an seine Frau und es entsteht eine neue Einheit, die fruchtbar sein soll (Gen 4 Jesus zitiert aus der LXX. Nur dort findet sich das in V 8 betonte die zwei werden ein Fleisch (Grundmann 1989:272).

12 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 8 2,24; Mk 10,7.8). Diese Einheit lässt sich nicht auf die körperliche Vereinigung reduzieren, da nach alttestamentlichem Verständnis der Mensch eine lebendige Seele ist und darum Körper und Seele des Menschen eine Einheit bilden (:50). In der Ehe geht es vielmehr um die fruchtbare, gemeinsame Lebensbewältigung, die sich segensreich nicht nur für die Nachkommen sondern auch auf die Umwelt auswirkt (Kaldewey 2009:1). Aufgrund der zweiten Stelle aus Gen 2,24, die Jesus in den Versen 7 und 8 zitiert, könnte allein keine ausreichende Begründung für ein Scheidungsverbot abgeleitet werden. Nur in der Kombination der zwei Schriftstellen (Gen 1,27; 2,24) wird die Schöpfungsabsicht Gottes deutlich. Sie muss so verstanden werden, dass die Zuordnung von Mann und Frau aufgrund der Ebenbildlichkeit Gottes als unauflösbare Einheit konzipiert (Gnilka 1979:73) und darum auf lebenslängliche Dauer angelegt ist. Vers 9, der Höhepunkt dieses Streitgesprächs, liefert die Schlussfolgerung, welche die Argumentation Jesu auf den Punkt bringt: o' ou=n o, qeo.j sune,zeuxen 5 a;vnqrwpoj mh. corize,tw. Gott als Ehestifter geht auf eine rabbinische Vorstellung zurück, nach der Gott nicht nur die paradiesische Ehe, sondern jede Ehe stiftet (Billerbeck 1922:803; Gnilka 1979:74; Baltensweiler 1967:50). Die Ehe basiert also nicht allein auf der Entscheidung von zwei Menschen füreinander. Jesu Verständnis ist, dass Gott bei der Ehe eingreift und zwei Menschen in ein Joch spannt. Das ist für ihn der Grund, warum sie nicht geschieden werden soll. Die Trennung der Ehe ist darum als eine willkürliche Handlung des Menschen gegen Gottes Tat zu verstehen und darum Sünde (Schlatter 1935:186). Jesu Ziel ist es, seinen Gegnern klar zu machen, dass Gottes Ordnung den menschlichen Ordnungen der Ehe zu Grunde liegt, indem es Gott ist, der zusammenfügt (Baltensweiler 1967:51). Vers 10 leitet die zum vorhergehenden Streitgespräch Bezug nehmende Jüngerbelehrung ein. Das anschliessende Herrenwort in V 11 findet sich in den Synoptikern noch bei Mt 5,32; 19,9 und Lk 16,18, allerdings mit unterschiedlichen Zusätzen und Abwandlungen. Textkritisch stellt sich die Frage, ob ein ursprüngliches Logion existierte, welches immer wieder neu an aktuelle Situationen angepasst wurde oder, ob Jesus sich mehrere Male zur gleichen Sache geäussert hat. Gnilka (1979:75) und Baltensweiler (1967:64) gehen davon aus, dass Lk 16,18 der ursprüngliche Text ist. Bei ihm fehlt der Zusatz von Markus evp auvth,n sowie Vers 12. Wahrscheinlich ist das Logion ursprünglich ein Einzelspruch Jesu gewesen (Baltensweiler 1967:60), den Markus ergänzt und in den Rahmen der Jüngerbelehrung eingebettet hat, um auf diesem Weg eine Verbindung mit dem voran gestellten Streitgespräch herzustellen. Das Jesuswort an Männer, welches das Verhältnis vom Mann zur Frau betrifft, wird mit V 12 als Anwendung des Inhalts von V 11 umgekehrt auf das Verhältnis der Frau zum Mann ergänzt. Vers 12 ist als sekundäre Ergänzung zu betrachten (Baltensweiler 1967:67; Gnilka 1979:75). In V 11 ist... moica/tai evp auvth,,n mit begeht Ehebruch an ihr zu übersetzen und bezieht sich auf die Frau, die entlassen wird (Baltensweiler 1967:66; Gnilka 1979:75; Weiss 1901:160). Das Herrenwort steht in enger Verbindung zum sechsten Gebot, du sollst nicht die Ehe brechen (Ex 20,13; Dtn 5,17). 5 sune,zeuxen = verbunden, zusammengefügt oder besser: unter ein Joch gespannt (Gemoll 1997:698).

13 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 9 Was das Skandalöse und Revolutionäre für die jüdische Zuhörerschaft an moica/tai evp auvth,n war, wird unter besprochen. Bei Markus geht es in Vers 12 um die beidseitige Beziehung von Mann und Frau. Dies widerspiegelt eine römische Anschauung und Rechtsauffassung (Lohse 2000:158; Baltensweiler 1967:66). Eine jüdische Frau hatte keine Möglichkeit, sich scheiden zu lassen. Nur der Mann konnte die Scheidung aussprechen, sein Wille war ausreichend. Eine Scheidung hing nicht einmal von einem Richter ab. Die Frau war diesem Geschehen machtlos ausgeliefert und hatte keine Möglichkeit, sich zu wehren (Baltensweiler 1967:61). In der Rechtssprechung der römischen Umwelt hatte eine Frau betreffend Scheidung das gleiche Recht wie der Mann (Lohse 2000:158). Die Anpassung, die Markus vorgenommen hat, zeigt, dass er das Jesuswort in einen anderen gesellschaftlichen und kulturellen Rahmen gestellt hat. Sein Ziel war, seinen griechisch-christlichen Adressaten den ursprünglichen Sinn der Ehe deutlich zu machen (Baltensweiler 1967:67). Jesu Auslegung der Scheidungspraxis ist in diesem Text als Bussaufforderung gegen die Hartherzigkeit auf dem Hintergrund der ursprünglichen Absicht Gottes für die Ehe zu verstehen. Sie entlarvt die Umwandlung einer Schöpfungsabsicht in eine Rechtspraxis, die ein dem Willen Gottes widersprechendes Verhalten legitimiert. Markus macht kontextuelle Anpassungen, indem er das Scheidungsverbot auf beide Geschlechter ausdehnt und die Ehe nicht allein vom Mann her betrachtet, sondern eine beziehungsmässige Gleichwertigkeit hervorhebt. 2.3 Texte aus dem Matthäusevangelium Einleitungsfragen Die Abhängigkeit des Matthäus von Markus und die Übereinstimmungen zu Lukas haben in neuerer Zeit immer wieder die Frage gestellt, wer der Verfasser des ersten Evangeliums ist. Schweizer geht davon aus, dass nur gewisse Teile vom Apostel Matthäus, dem Zöllner 6 geschrieben worden sind (Schweizer 1979: 4). Trotz der Unsicherheit einiger Forscher, ob der Zöllner Matthäus, der bei Markus und Lukas Levi 7 genannt wird, der Verfasser ist, schliesse ich mich den Forschern an, die an der altkirchlichen Tradition der Kirchenväter festhalten, dass Matthäus als Verfasser dieses Evangeliums zu betrachten ist (Wilckens 2005:55; Wiefel 1998:14; Blomberg 2004:135; Rienecker 1963:10; Schlatter 1933:X). Als Adressaten gelten alle Christen, also Juden- und Heidenchristen. Matthäus ist es gelungen, das Überlieferungsgut der hellenistischen Gemeinde Syriens (Markus) mit dem der hinzukommenden Judenchristen der Urgemeinde (Q- und - Sonderstoffe) in einem Buch zu vereinigen (Wilckens 2005:55). Daraus lässt sich schliessen, dass der Abfassungsort im palästinensischen Raum 6 siehe Mt 9,9; 10,3 7 siehe Mk 2,13; Lk 5,27

14 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 10 (Wortwahl Wilckens) liegt, vermutlich in Syrien (:55; Schlatter 1933:X). Zeitlich lässt sich die Abfassung kurz nach dem Markusevangelium aber vor der Tempelzerstörung in Jerusalem, also vor 70 n. Chr., einordnen (Blomberg 2004:132). Verschiedene Stellen im Matthäusevangelium unterstützen die Annahme, dass der Tempel zur Zeit der Evangelienverfassung noch existierte, wie das Problem mit der Tempelsteuer (Mt 17,24-27), die Opfer (Mt 5,23ff) und das Schwören auf Tempelgegenstände (Mt 23,16f). Ebenso spricht der Hinweis auf den im Tempel stehenden Gräuel dafür (Mt 24,15; Blomberg 2004:132; Rienecker 1963:12) Antwort auf eine Fangfrage: Scheidung ist Ehebruch! (Mt 19,1-12) 1 Als Jesus diese Reden beendet hatte, verließ er Galiläa und zog in das Gebiet von Judäa jenseits des Jordan. 2 Viele Menschen folgten ihm dorthin, und er heilte sie. 3 Da kamen Pharisäer zu ihm, die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? 4 Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat 5 und daß er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein? 6 Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. 7 Da sagten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, daß man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muß, wenn man sich trennen will? 8 Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. 9 Ich sage euch: Wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch. 10 Da sagten die Jünger zu ihm: Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. 11 Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. 12 Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht - um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es. Da Markus und Matthäus im synoptischen Vergleich sehr ähnlich sind, werde ich nur die Abweichungen und Besonderheiten des Matthäustextes besprechen. Der Aufbau der Perikope lässt sich wie folgt darstellen: V 1-2 V 3 Reisebericht von Galiläa nach Judäa mit Betonung von Jesu Heiltätigkeit Frage nach kata. pa/san aivti,an irgendeinem Grund für die Scheidungserlaubnis V 4-6 Jesu Begründung mit Schriftbezug auf Gen 1,17 und 2,24 V 7 Einwand der Pharisäer mit Bezug auf das Gebot in Dtn 24,1-4 V 8-9 V Jesu Auslegung der Scheidungserlaubnis des Mose Jüngerbelehrung Matthäus schliesst mit V 1 die Unterweisung für die Gemeinde ab und kehrt mit einer schon früher ähnlich verwendeten Formel (vgl. 7,28; 11,1; 13,53) zur Markusfolge zurück (Luck 1993:210; Baltensweiler 1967:110). Der engere Kontext von Matth 19,1-30 stimmt mit Markus 10,1-32 überein. Die Ortsangabe ist bei Matthäus im Vergleich zu Markus geglättet und Jesus ist auf dem Weg Richtung Jerusalem (Baltensweiler 1967:110). Bei Matthäus ist Jesus heilend und nicht wie bei Markus lehrend unterwegs. Das Heilen Jesu ist Matthäus wichtig und muss auch in Bezug auf Ehe und Scheidung im Blick behalten werden, denn seine Wirksamkeit ist nicht allein in der Lehre begründet (Luck

15 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität :210). Das Streitgespräch baut sich verschieden auf, da die Fangfrage der Pharisäer im Gegensatz zu Markus als Sachfrage nach den spezifischen Scheidungsgründen gestellt wird (vgl. Fussnote 2). Auch hier wird ausschliesslich vom Mann her gedacht, da nur er eine Scheidung herbeiführen konnte. Jesus antwortet den Pharisäern in V 4 mit einer rhetorischen Gegenfrage, Bezug nehmend auf die ursprüngliche Absicht Gottes in der anfänglichen Schöpfung (Luz 1997:93). Matthäus bringt das Zitat aus Gen 2,24 im Gegensatz zu Markus vollständig. Dem ist aber kein Gewicht beizumessen, da die Schriftgelehrten häufig abgekürzt zitiert haben (Baltensweiler 1967:85). In Vers 7 weisen die Pharisäer auf Dtn 24,1ff und stellen die implizit berechtigte Frage, warum Mose der Schöpfungsabsicht Gottes entgegen eine Scheidungsanweisung geboten hat (Mt 19,7; Mounce 1985:181). Jesus korrigiert sie dahin gehend, dass Mose ihnen die Scheidung zwar wegen ihrer Hartherzigkeit zugestanden (erlaubt Mt 19,8) hat, dieses Zugeständnis aber nicht als Gebot verstanden werden darf, das den Willen Gottes ausdrückt (Schweizer 1979:109), da es der avp vavrch/ gesetzten Ordnung entgegensteht (Wiefel 1998:333). Somit ist das Ziel bei Matthäus das Gleiche wie bei Markus. Baltensweiler nimmt an, dass die Umformung des Streitgesprächs aus Markus 10 in der matthäischen Gemeinde geschehen ist. Es geht nicht, wie es vordergründig scheint, um eine innerjüdische Meinungsdifferenz, sondern um die Auseinandersetzung mit der jüdischen Auslegung aus christlicher Sicht. Jesu Sichtweise der Scheidung soll für die Lehre der Gemeinde verbindlich gemacht werden (Baltensweiler 1967:86). Mit Vers 9 geht Jesus auf die ursprüngliche Frage der Pharisäer in Vers 3 ein (Luck 1993:212). Hier findet sich bei Matthäus der markanteste Unterschied zu Markus mit der Ehebruchs- oder Unzuchtsklausel in Vers 9 (mh. evpi. pornei,a ). In den Begriff pornei,a waren im spätjüdischrabbinischen Sinn neben Ehen in unzulässigen Verwandtschaftsgraden und Ehen mit einer Heidin, auch aussereheliche Beziehungen und alle Arten von widernatürlichem Geschlechtsverkehr eingeschlossen (Kittel 1966:589). Die Unzuchtsklausel kommt bei Matthäus bereits in Kapitel 5,32 (parekto.j lo,gou pornei,aj) vor. Textkritisch ist sie gut bezeugt (Baltensweiler 1967:87). Matthäus ist der einzige Evangelist, der im Zusammenhang von Jesu Forderung der Unauflösbarkeit der Ehe eine Ausnahmeklausel einfügt. Dass für Jesus die Ehe unauflösbar und nicht scheidbar war, ist in der Tradition gut belegt (:91). Darum ist kaum anzunehmen, dass es um eine kasuistische Aufweichung des Scheidungsverbots gehen kann (:90). Es muss folglich in der matthäischen Gemeinde zwingende Gründe gegeben haben, die den Zusatz der Ausnahmeklausel verständlich machen (:91). Das Aposteldekret (Apg 15,28ff), bei dem eine ähnliche historische Situation angenommen werden kann, hilft, den Begriff pornei,a hier näher zu bestimmen (:92). Zu den vier Forderungen, die den Heidenchristen und den Proselyten innerhalb des Judentums vom ersten Apostelkonzil auferlegt worden sind, gehört auch die Vermeidung von pornei,a. Hier ist sie als Fachbegriff eindeutig bestimmt im Sinne der Heirat in verbotenen Verwandtschaftsgraden gemäss Lev 18 (Kittel 1966:589; Baltensweiler 1967:93). Heiden waren blutschänderische Ehen auf Grund ihrer eigenen Gesetze

16 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 12 erlaubt (:93), ebenso den Proselyten innerhalb des Judentums 8. Der historische Ort für das Aposteldekret war eine Gemeinde, in der jüdische Proselyten, Juden- und Heidenchristen lebten. Die Forderungen des Aposteldekrets sicherten ein Zusammenleben in einer gemischten Gemeinde (:94). Matthäus hat die rabbinische Kasuistik im Sinne von Jesus abgelehnt und wendet sich gegen eine Aufweichung der Bestimmungen von Lev 18. Er hat also eine Verschärfung gegenüber der Praxis im Judentum durchgesetzt. Ausserhalb der jüdisch rabbinischen Umwelt ist aber diese Klausel im moralischen Sinne gedeutet worden und hat somit in ihrer Wirkungsgeschichte einer christlichen Kasuistik die Tür geöffnet (:102). Baltensweilers Argumentation macht Sinn, da Jesus sich nicht auf rabbinische Kasuistik eingelassen hat. Allerdings ist Baltensweilers Meinung in der Forschung umstritten (Wiefel 1998:112; Luz 1997:273). Mehrheitlich verstehen die Forscher pornei,a ausschliesslich im Sinne eines sexuellen Fehlverhaltens (Luck 1993:212; Luz 1985:275; Rienecker 1961:261; Schlatter 1933:572), was jede Art von unerlaubtem Geschlechtsverkehr (Luz 1985:273) meinte und darum die Auflösung der Ehe durch den Mann erlaubte, ja in den judenchristlichen Gemeinden sogar forderte (Schnackenburg 1985:57). Es scheint mir aber, dass eine besondere Hervorhebung der Scheidungserlaubnis wegen der pornei,a der Frau keinen Sinn macht, da es im jüdischen Recht dem Mann erlaubt war, seine Frau wegen weit geringerer Gründe zu entlassen. Pornei,a stand im Judentum als Scheidungsgrund nie in Frage. Scheidung bedeutete in der Tat einen weit milderen Umgang mit Ehebruch (Jer 3,8; Mt 1,19) als die vom mosaischen Gesetz geforderte Todesstrafe (Dtn 22,22). In der anschliessenden Jüngerbelehrung (Verse 10-12) geht Jesus weder inhaltlich auf den Schrecken der Jünger ein, noch beantwortet er die Frage, ob man besser nicht heiratet. Er redet von drei Gruppen, die nicht zur Ehe berufen sind, die seit Geburt Geschlechtslosen, die im Judentum verachteten Eunuchen und diejenigen, die freiwillig auf die Ehe verzichten. Mit der letzten Gruppe eröffnet Jesus die Möglichkeit, dass Ehelosigkeit im Blick auf die Gottesherrschaft ein Weg der Lebensgestaltung ist, der aber jede gesetzliche Handhabung ausschliesst (Luck 1993:212). Der Text aus Matthäus entspricht inhaltlich Markus. Er macht mit der Unzuchtsklausel eine deutliche Abweichung von Markus, und weist damit auf ein Problem hin, das nur im Kontext der matthäischen 8 Den Heiden waren aufgrund ihrer Gesetze Ehen in sehr nahen Verwandtschaftsgraden erlaubt, die im Judentum nach Lev 18 verboten waren (Kittel 1966 VI: 589; Billerbeck II 1924:723). Im Judentum galt, dass für einen Proselyten bei seinem Übertritt zum Judentum sämtliche Verwandtschaftsbindungen aufgehoben waren, da er jetzt in das Volk Gottes eingegliedert war. Das Verbot einer Ehe im zweiten Verwandtschaftsgrad galt nur für Blutsverwandtschaft mütterlicherseits. Darum konnte ein Proselyt eine Ehe mit einer zum Judentum übergetretenen Heidin in einem für Juden unerlaubten Verwandtschaftsgrad väterlicherseits eingehen (Billerbeck III 1926:353). Ebenso war ein Proselyt nicht in allen Fällen verpflichtet, eine inzestuöse Ehe, die er vor seiner Konversion geschlossen hatte, aufzulösen (Schulchan Arukh zitiert bei Baltensweiler 1967:100).

17 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 13 Gemeinde verstanden werden darf. Die Unzuchtsklausel ist keine kasuistisch anzuwendende Ausnahmeregelung für die christliche Gemeinde. Da Jesus heilend unterwegs war, ist seine eindeutige Stellungsnahme zur Ehescheidung unter dem Blickwinkel der Wiederherstellung einer göttlichen Ordnung zum Wohl der Eheleute zu betrachten Ehebruch und Scheidung im Rahmen der Bergpredigt (Mt 5,27-32) 27 Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. 28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. 29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengeht, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. 30 Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengeht, als daß dein ganzer Leib in die Hölle kommt. 31 Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entläßt, muß ihr eine Scheidungsurkunde geben. 32 Ich aber sage euch: Wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch. Matthäus bringt den Text zu Ehebruch und Scheidung innerhalb der Bergpredigt in antithetischer Form (Luck 1993:71). Er steht nach dem Tötungsverbot (Mt 5,21-22) und der Aufforderung zur Versöhnung (Mt 5,25) und vor der Ablehnung des Schwörens (Mt 5,33ff) und der Vergeltung (Mt 5,38ff). Die Antithesen sind Entgegnungen von Jesus auf Thesen, die durch die Überlieferung ihre Autorität erhalten haben. Sie verdeutlichen den umfassenden Anspruch Gottes auf das Leben des Menschen, der sich nicht mit einer äusserlichen Gesetzesbefolgung erfüllen lässt, sondern sich auf die innersten Regungen, die Gesinnung und verborgenen Motive richtet (Luck 1993:66). Der Text lässt sich folgendermassen gliedern: V V V Antithese zum Thema Ehebruch Einschub, Hinweis auf die Eigenverantwortung des Menschen, der von Gott gerichtet wird. Antithese zur Scheidung Die Antithese zum Thema Ehebruch in den Versen 27 und 28 steht in engem Zusammenhang mit der Antithese gegen die Scheidung in Vers 31 (Wiefel 1998:109). Die Verse 31 und 32 sprechen von Scheidung und dem Faktum des Ehebruchs durch eine Folgeheirat. Die Verse 29 und 30 sind Einschübe, die bei Markus und nochmals bei Matthäus im Kontext von Verführung stehen (Mt 18,8ff; Mk 9,43ff). Matthäus hat sie hier geschickt in einen neuen Bedeutungszusammenhang gestellt, in dem er sie als Verbindung zwischen zwei autoritative Anweisungen von Jesus setzt (Baltensweiler 1967:113). Damit bringt er in aller Schärfe zum Ausdruck, dass Gottes Forderungen Gültigkeit haben und der Mensch einmal dafür gerichtet wird (Wiefel 1998:110). In den Versen 27/28 geht es um das sechste Gebot aus dem Dekalog du sollst nicht ehebrechen. Ehebruch von Seiten des Mannes ist in der alttestamentlichen jüdischen Rechtssprechung immer als Einbruch in eine fremde Ehe verstanden worden (Luck 1993:69). Der Umgang eines verheirateten

18 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität 14 Mannes mit einer Nichtjüdin, einer Sklavin oder unverheirateten Frau galt nicht als Ehebruch, sondern wurde als Unzucht betrachtet (Wiefel 1998:110; Schrage 1982:99; Schweizer 1979:73), eine Betrachtungsweise, die in der antiken Welt üblich war. Auch dort musste der Verkehr eines Ehemannes mit Sklavinnen oder Dirnen von einer Frau hingenommen werden (Balz & Schneider 1981:1075). Die Unzucht eines jüdischen Mannes war kein Scheidungsgrund und unterstand nicht dem Verdikt der Todesstrafe. Für Frauen hingegen galt Unzucht immer als Bruch der eigenen Ehe (Luck 1993:72), was die Todesstrafe nach sich zog (Dtn 22,22). Jesus verbindet in V 28 das Verbot des Ehebruchs (Ex 20,14) mit dem zehnten Gebot aus dem Dekalog (Ex 20,17), dem Verbot des Begehrens von fremdem Eigentum. Darunter zählt neben Haus, Knecht, Magd, Rind und Esel auch die Ehefrau. Die Frau war also dem Sach- und Eigentumsrecht unterstellt (Pöhlmann 2000:145; Schrage 1982:97). Dass die Frau aber nicht zum Besitz des Mannes gerechnet werden darf und Ehebruch nicht auf die Stufe eines Eigentumsdelikts gestellt werden kann, zeigt die enge Verbindung zu Vers 32, wo die Ehescheidung angesprochen wird (Luck 1993:69). Jesus verbindet das sechste Gebot, das den Schutz der Ehe zum Ziel hat, mit dem 10. Gebot, das die Gesinnung und damit die Beweggründe des Herzens ins Zentrum stellt. Ausgangspunkt ist das sechste Gebot. Damit wird der Bewahrung der Ehe Nachdruck verliehen (Wiefel 1998:109). Allerdings wird nur vom Mann her gedacht (Luck 1993:69; Schweizer 1979:73). Im Judentum herrschte die Ansicht, dass sich ein Mann durch den Anblick einer Frau in Gefahr brachte, da bereits die Stimme oder die Haare einer Frau einen Mann verführen konnten und darum als unzüchtig betrachtet wurden (Billerbeck 1922: 299). Jesus sieht das anders. Nicht das Betrachten einer Frau ist für ihn böse, aber der begehrliche Blick, der im Herzen seinen Ursprung hat. Diesen interpretiert er als Einbruch in eine andere Ehe und qualifiziert ihn damit als Handlung (Baltensweiler 1967:117). In der jüdischen Tradition steht die Überzeugung, dass hinter einer Übertretung des Gesetzes das Begehren als Grundantrieb des Menschen steht (Luck 1993:68). Jesus konfrontiert also seine Zuhörer mit der Verantwortung für ihre eigene Herzenshaltung. Nicht die Frau ist Schuld für die ehebrecherischen Gedanken der Männer, sondern das in ihren eigenen Herzen wohnende Begehren. Indem Jesus den begehrlichen Blick als Ehebruch qualifiziert, verlagert er einen justitiablen Tatbestand auf die Gesinnungsebene (Wiefel 1998:110), die keinem gerichtlichen Urteil unterliegt. Selbst der Frömmste kann in der Heimlichkeit der Gedanken die Ehe brechen, ohne dass ihm dabei eine Schuld nachgewiesen werden kann, für die er Verantwortung übernehmen muss. Jesus stellt mit seiner Auslegung jeden auf die Stufe eines Sünders, der den Tod verdient. Der Einschub der Verse 29 und 30 unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der die Herzensregungen zu beurteilen sind und mit welcher Radikalität ihnen begegnet werden muss. Dabei geht es nicht um die buchstäbliche Ausführung einer Selbstverstümmelung. Das zeigt schon der Hinweis, dass nur ein Auge oder nur eine Hand betroffen wäre. Vielmehr meint der Hinweis auf das rechte Auge und die rechte Hand, dass zur Vermeidung von Sünde das Wichtigste und Kostbarste einzusetzen ist (Luz

19 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität :267). dexio,j hat die Bedeutung von Glück bringend und ehrenhaft. Auf der rechten Seite wurde der gute Trieb lokalisiert (Kittel 1933:37), dem man folglich nach unserem Text Sorge tragen muss. Mit dem Einschub von den Versen 29 und 30 wird der Blick vom Nächsten zurück auf das eigene Bestehen oder Nichtbestehen im Gericht Gottes gelenkt und mit grossem Ernst der Bedeutungszusammenhang zu den verborgenen Regungen des Herzens hervorgehoben ((Wiefel 1998:110; Schweizer 1979:74). Allerdings wäre es verkürzt, dieses Gerichtswort nur im moralischen Sinn von Gut und Böse zu verstehen. Es geht um das Reich Gottes, die grössere Gerechtigkeit (Mt 5,20) auf der einen und um die Hölle oder das ewige Verderben auf der anderen Seite (Baltensweiler 1967:119). Vers 31 nimmt die mosaische Scheidungsregelung auf, der in Vers 32 antithetisch aber mit einer bedeutenden Abweichung im Vergleich zu Mk 10,11, Mt 19,9 und Lk 18,16 begegnet wird. Der Mann wird, wenn er sich scheiden lässt, verantwortlich gemacht für den Ehebruch an seiner eigenen Ehe, der durch die entlassene Frau vollzogen wird, wenn sie wieder heiratet. Damit nimmt Jesus Partei für die schutzlose Frau, die sich nicht gegen eine verbreitete Scheidungswillkür 9 wehren konnte (Schweizer 1979:76). Nicht der Mann vollzieht den Ehebruch, aber er trägt die Schuld dafür, wenn die Frau wieder heiratet, da sie somit die noch fortbestehende erste Ehe bricht (Baltensweiler 1967:68). Mit dieser Umformung versucht Matthäus die von Jesus gemachte Qualifizierung der Ehescheidung als Ehebruch beizubehalten und gleichzeitig der jüdischen Auffassung Rechnung zu tragen, die dem Mann das Recht gibt, die Frau zu entlassen. Er betont also, dass durch das einseitige Recht des Mannes auf Scheidung die Verantwortung und somit die Schuld beim Mann liegt, da er durch die Entlassung der Frau bei deren Wiederverheiratung deren Ehebruch verursacht (:69). Der Mann ist der Handelnde, an der Frau wird gehandelt, das zeigt moiceuqh/nai, der Infinitiv Passiv (Aorist) von moiceu,w, der verwendet wird. Der Mann selbst kann mehrmals heiraten (Wiefel 1998:113), allerdings keine Geschiedene, da er sonst des Ehebruchs einem anderen Mann gegenüber schuldig würde (Baltensweiler 1967:69). In diesem Text, der auch ausschliesslich vom Mann her denkt, wird die Begierde in den Gedanken zum Ursprung des Ehebruchs erklärt. Damit ist nicht die Frau als Objekt Ursache für schuldhaftes, männliches Verhalten, sondern sie liegt im Mann selbst. Die Intention des Gebotes fordert nicht nur eine äusserliche Erfüllung, sondern sie zielt auf das Herz und die Gesinnung und damit auf ein verinnerlichtes Verständnis des Gesetzes Gottes. Wie Markus macht auch Matthäus Anpassungen an sein Umfeld aufgrund seines jüdisch geprägten Verständnisses der Ehe und des einseitigen Scheidungsrechts. 9 vgl und Fussnote 2 und 3

20 MA-Abschlussarbeit Ehe, Scheidung Wiederheirat eine Gemeinderealität Text aus dem Lukasevangelium Einleitungsfragen Das Lukasevangelium, ein in sich selbst geschlossenes Manuskript, ist Teil eines zweibändigen Werkes, wobei das Evangelium als erster Band vor der Apostelgeschichte geschrieben wurde (Childs 1994:325). Die Besonderheit des Lukas liegt im Anspruch des Verfassers, eine Ursprungsgeschichte des Christentums zu schreiben (Lk 1,1-4; Schnelle 2007:432). Er schafft damit einen lückenlosen, theologischen Zusammenhang zwischen der Geschichte Jesu und dessen Verkündigung in der Welt durch die Urgemeinde (Wilckens 2005:88). Lukas, ein heidnischer Jünger, wird in der Tradition der alten Kirche, stützend auf Kol 4,4 als der Arzt, der Paulus begleitet hat, identifiziert (Blomberg 2004:149; Weiss 1901:250). Er gehört folglich zu den Apostelschülern. Er selbst war kein Jude und kein direkter Augenzeuge (Rengstorf 1979:11). Der Verfasser schreibt einem gewissen Theophilus, über den nur soviel bekannt ist, dass Lukas ihm eine grössere Gewissheit über die Lehre vermitteln will (Lk 1,4). Allerdings schliesst die Widmung an Theophilus keineswegs aus, dass das Evangelium für eine grössere, griechisch sprechende, heidenchristliche Gemeinschaft bestimmt ist (Blomberg 1997: ; Wiefel 1988:17; Rienecker 1959:3). Betreffend die Abfassungszeit gibt es grosse Differenzen in der Forschung. Einige gehen von einer Datierung vor der Tempelzerstörung aus (Weiss 1901:262). Rienecker zum Beispiel legt die Verfassung des Lukas auf n. Chr (1959:3). Andere wie Rengstorf und Wiefel datieren Lukas nicht vor 70 n. Chr. (Wiefel 1988:5; Rengsdorf 1979:12). Childs und Weiss setzen die Datierung nicht nach 80 n. Chr. an (Childs 1994:325; Weiss 1901:263). Dies zeigt, wie schwer bestimmbar die Zeit der Abfassung des Lukas ist. In Anbetracht, dass Lukas ein Begleiter des Paulus war und eine Abfassung in Rom nicht undenkbar ist (Weiss 1901:262), schliesse ich mich einer Abfassungszeit vor der Tempelzerstörung um 70 n. Chr. an und gehe wie Schlatter davon aus, dass Lukas zeitgleich wie Matthäus geschrieben wurde (Schlatter 1931:465) Was haben Scheidung, Ehebruch und Habgier gemeinsam? (Lk 16,18) 18 Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; auch wer eine Frau heiratet, die von ihrem Mann aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch. Das Herrenwort bei Lukas ist ein Einzelwort und wahrscheinlich die ursprünglichste Version (Gnilka 1979: 75; Baltensweiler 1967:64). Es unterscheidet sich inhaltlich nur wenig von den bereits besprochenen Texten. Ich werde im Folgenden nur auf die Besonderheiten dieses Textes eingehen und Ergänzungen zum Thema anbringen. Auffallend ist bei Lukas der Kontext, in den das Logion zu Ehebruch und Scheidung gestellt ist. Das sechzehnte Kapitel hat eine eschatologische Ausrichtung und enthält eine Unterweisung Jesu zum Umgang mit dem Besitz. Im ersten Teil lehrt Jesus seine Jünger anhand des Gleichnisses des ungerechten Verwalters einen Umgang mit dem Mammon, der Klugheit und ein entschlossenes, auf die

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