6Ich du wir. Tipps für Lehrer/innen

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1 6Ich du wir Tipps für Lehrer/innen Wer Menschen führen will, muss hinter ihnen gehen. (Laotse) Vielleicht sitzt in Ihrer Klasse die Krankenschwester/ der Krankenpfleger oder die Ärztin/der Arzt, in deren/ dessen Händen Sie sich einmal befinden werden. Das Gegenüber, das Jugendliche in ihren Lehrern/ Lehrerinnen haben, wirkt meistens nachhaltiger als Unterricht. Wenn es stimmt, dass man aus Fehlern lernt, sollten Sie sich freuen, wenn Ihre Kinder recht viele Fehler machen! Vertrauen Sie Ihrem Kind schließlich haben Sie es selbst erzogen! Lernen Sie die Freunde Ihres Kindes kennen aber äußern Sie sich nicht über sie!

2 Ich du wir 43 ORIENTIERUNG Die Identitätssuche der Heranwachsenden ist gekennzeichnet durch eine Grundstimmung, die Erikson, einen Wandspruch zitierend, so beschreibt: Ich bin nicht, was ich sein sollte, ich bin nicht, was ich sein werde, aber ich bin nicht mehr, was ich war (Erikson 1973, S. 112). Die tiefe Verunsicherung, die dieser Zustand mit sich bringt, erklärt nicht nur konkrete Verhaltensweisen Jugendlicher, sie ist auch der Motor, der die Identitätssuche vorantreibt. Dies geschieht einerseits in der Auseinandersetzung mit sich selbst, in einer Art innerem Dialog, in dem eine Neudefinition und Neubewertung der eigenen Person auch im Hinblick auf die sexuelle Identität stattfindet. Identitätssuche findet andererseits auch in den verschiedenen sozialen Umfeldern statt und zeigt sich dort im experimentierenden Handeln. Es sind drei Ausprägungen des Selbst, in denen Jugendliche sich erleben: als Ich, als Du im Gegenüber mit einem anderen Ich und als Teil eines Wir in einer Gemeinschaft. Jede dieser Ebenen schafft andere Perspektiven für die Selbstfindung, und alle drei ergänzen einander. Die Ausprägungen der sozialen Umwelt sind daher wesentlich für die Möglichkeiten, die einem jungen Menschen zur Verfügung stehen. Das familiäre Umfeld ist für jeden Schüler/jede Schülerin anders und von Seiten der Schule nicht zu beeinflussen; das schulische Umfeld zu gestalten gehört dagegen zu den Bildungs- und Erziehungsaufgaben der Schule. Hier muss es Anregungen für den inneren Dialog geben, Du-Erfahrungen mit Gleichaltrigen und mit Erwachsenen und es muss vor allem genügend Erfahrungspotenzial für das Wir geben. Die Klassen- und Schulgemeinschaft bietet Voraussetzungen, die in dieser Form sonst nicht zur Verfügung stehen und die deshalb bewusst gestaltet und genutzt werden müssen, andernfalls würden wichtige Entwicklungsaspekte vernachlässigt werden. Die Schule kann auf verantwortete Lebensgestaltung nur dann vorbereiten, wenn sie ein Lebens- und Erfahrungsraum ist: Nur wenn wir im kleinen, überschaubaren Gemeinwesen dessen Grundgesetze erlebt und verstanden haben [ ], werden wir sie in der großen polis* wahrnehmen und zuversichtlich befolgen (Hentig 1993, S. 191). Die Auswirkungen ihrer sozialen Beziehungen sind für die Jugendlichen ambivalent: Sie sind einerseits auf sie angewiesen, werden von ihnen getragen und entwickeln sich in und mit ihnen gleichzeitig liegt aber genau hier auch das größte Potenzial an Stress und Belastung. Prinzipiell ist das nicht besonders bemerkenswert schließlich sind es für Menschen jeden Alters die sozialen Beziehungen, die die Lebensqualität am stärksten beeinflussen, die über den persönlichen Handlungsspielraum stark mitentscheiden und auf die emotionale Befindlichkeit nachhaltige Wirkung haben. Die besondere Situation der Jugendlichen besteht in einer doppelten Funktion: Ihre Beziehungen sind Lern- und Experimentierfeld und müssen gleichzeitig die Basis dafür sein, dass dieses Lernen und Experimentieren auch gewagt werden kann. Das funktioniert nur, wenn die erwachsenen Beteiligten in diesem Prozess die Sicherung dieser Basis übernehmen wenn Lehrer/innen und Eltern die Sicherheit geben, dass sie, selbst wenn sie scheinbar abgelehnt und abgewiesen werden, dennoch weiter als Beziehungspartner zur Verfügung stehen. Pubertierende, die fürchten müssen, diese Beziehungen zu verlieren, haben nur zwei Möglichkeiten: sie entweder zugunsten der eigenen Entwicklung aufzugeben oder die eigene Entwicklung zumindest zurückzustellen und einzuschränken. Was sie (noch) nicht können: selbst Verantwortung für die Gestaltung und die Qualität der Beziehungen zu den Erwachsenen übernehmen. Sobald sie dazu fähig sind, haben sie die Pubertät hinter sich. *Gemeinschaft aller Bürger

3 44 Unsere Schule unsere Zukunft Sekundarstufe AUS SICHT DER SCHÜLER/INNEN Pubertierende brauchen die Beziehung zu Erwachsenen, sie brauchen Gespräche mit ihnen aber beides dient oft nicht dem Einander-Verstehen oder Sich-einander-Annähern, sondern seitens der Jugendlichen weitaus öfter dem Abgrenzen, dem Feststellen, dass man anders denkt und anderes will als Eltern oder Lehrpersonen. Guggenbühl berichtet von einem Rundgespräch kurz vor Weihnachten, in dem der Lehrer seine jugendlichen Schüler/innen fragt, was denn die Beziehung zu den Mitmenschen fördert, und bekommt als Antwort, dass Streit die Menschen näher zueinander bringe; darum wünscht sich ein Junge mehr Kämpfe. Der Lehrer ist entsetzt. So etwas geht nicht. Es müsse etwas Schönes sein, wie kein Krieg, Friede oder Ähnliches. Der Lehrer zitiert die idealistischen Leerformeln, zu denen jeder gefahrlos ja sagen kann. Der Junge überlegt eine Weile und meint anschließend: In diesem Fall wünsche er sich Friedenskämpfe! (Guggenbühl 200, S. 21) Auch eine eigene Sprache wird zum Zweck der Abgrenzung kultiviert und nichts ist peinlicher und zeugt von mehr Unverständnis der Sache, als wenn Erwachsene sich anzubiedern versuchen, indem sie diese Sprache übernehmen. Voll krass!, Bam, Oida! und ähnliche Kreationen stehen für Erwachsene unerwünscht und dabei sollte es auch bleiben. Jugendliche in der Pubertät leben ein sichtbares, äußeres und ein unsichtbares, inneres Leben. Nach außen geben sie sich unabhängig und selbstständig, darauf bedacht, ständig zu beweisen, dass sie niemanden brauchen. Innerlich haben sie oft Angst vor allzu viel Selbstständigkeit, der sie sich noch nicht wirklich gewachsen fühlen. Deshalb brauchen sie die Stütze und Führung durch Eltern und Lehrer/innen aber bitte nicht als solche erkennbar! Sie provozieren von Zeit zu Zeit, um die Erwachsenen als Gegensatz zu erfahren und um zu erleben, dass sie wichtig genug sind, dass man auf sie reagiert. Gleichgültigkeit wäre schrecklich: Der wütende Vater und die sorgenvolle Mutter sind für sie der Beweis, dass alles noch stimmt. Sie spüren, dass sie den Eltern wichtig sind (Guggenbühl 2000, S. 30). Die Beziehungen zu Gleichaltrigen haben zwei Ausprägungen: Da ist der beste Freund oder die beste Freundin, zumeist eine gleichgeschlechtliche Beziehung zu jemandem, in dem man sich wiedererkennt und von dem man sich verstanden fühlt. Hier kann man über alles reden, sich sicher fühlen und sich miteinander von der Außenwelt absetzen. Es ist eine intensive Möglichkeit, sich als Partner/in in einer Beziehung zu erleben, und damit eine fruchtbare Vorstufe zu den späteren Partnerbeziehungen, in denen dann auch die aufkeimende Sexualität eine Rolle spielt. Wichtige Entwicklungshelfer sind auch die Peergroups. Sie bieten nicht nur soziale und emotionale Zugehörigkeit, die die Emanzipation vom Elternhaus erleichtert, sondern sind auch ein Übungsfeld für das Gemeinschaftsleben. Sie entwickeln ihre eigenen Regeln, die von jedem, der dazugehören will, übernommen werden müssen. Dadurch wirken sie auf ihre eigene Weise sozialisierend. Allerdings liegt darin auch ihre Gefahr: Wenn die Regeln der Gruppe allzu weit außerhalb der gesellschaftlichen Verträglichkeit liegen, wenn Jugendliche in schlechte Gesellschaft geraten, dann wird der große Einfluss der Gruppe zum Problem. Positiv genutzt wird der Gruppenbezug unter anderem für die so genannte Peer-Mediation. Konflikte werden durch dafür eigens ausgebildete jugendliche Mediatoren/Mediatorinnen mit den Beteiligten gemeinsam geregelt. Das hat den Vorteil, dass diese den Alltag und die Probleme der Jugendlichen unmittelbar kennen und eher akzeptiert werden als Erwachsene. Informationen auch zur Ausbildung von Mediatoren/Mediatorinnen sind unter www. bmukk.gv.at/medienpool/13866/peermed06.pdf abrufbar.

4 Ich du wir 45 ENTLASTUNGSVORSCHLÄGE Stimmungsbarometer Die Klasse als Übungsfeld für gemeinschaftsbezogenes Verhalten ist einerseits eine Ansammlung von Individuen, andererseits auch eine Gruppe. Beide Individuen und Gruppen handeln nach unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten, folgen verschiedenen Interessen. Damit die Bedürfnisse möglichst jeder/jedes Einzelnen berücksichtigt werden können, müssen alle lernen, sie wahrzunehmen und als Gruppe konstruktiv damit umzugehen. Das Stimmungsbarometer ist ein Weg, die momentane Befindlichkeit jedes Gruppenmitglieds sichtbar zu machen. Es bezieht sich immer auf eine bestimmte Situation: Das kann eine Unterrichtssequenz sein (z. B. Projektunterricht/Informationsbeschaffung), ein Konflikt (z. B. in der Klasse wurde etwas gestohlen), ein Entscheidungsprozess (z. B. Gestaltung des Schulfestes) oder auch eine länger andauernde Entwicklung (z. B. die Gemeinschaftsbildung, wenn eine Klasse neu zusammengesetzt wurde). Aus den einzelnen Statements ( So geht es mir momentan ) wird in einer gemeinsamen Zusammenschau ein Eindruck von der Gruppe als Ganzes entwickelt. Dabei kann erkannt werden, dass das eigene Befinden nicht unbedingt dasselbe ist wie das anderer Gruppenmitglieder und dass es eventuell sogar entgegengesetzte Empfindungen und Anliegen gibt, die dennoch gleiche Berücksichtigung verdienen. Ein wesentlicher Lernprozess beim Erstellen eines Stimmungsbarometers besteht darin, sich der eigenen Situation bewusst zu werden und sich mitzuteilen. Ansonsten ist das Stimmungsbarometer an sich nur die Ausgangsbasis für weiterführende soziale Lernprozesse, die je nachdem, in welchem Zusammenhang es erstellt wurde von Konfliktlösung über Entscheidungsfindung bis zur Gestaltung des Unterrichts alles einschließen können, was in einer Schulklasse alle betrifft.

5 46 Unsere Schule unsere Zukunft Sekundarstufe 1. Packpapier, Flipchart oder Tafel Jeder Schüler/jede Schülerin gibt durch ein Smiley seine momentane Stimmungslage an: Wie bei einer Abstimmung wird festgestellt, welche Ausprägungen am stärksten vertreten sind. Das ist die Ausgangsbasis für Diskussion, Argumentation und eventuell Adaption der ursprünglichen Situation. 2. Packpapier, Flipchart oder Tafel Mögliche Befindlichkeiten sind vorgegeben die Schüler/innen geben durch Striche an, wo sie sich zuordnen wollen. Das hat den Vorteil, dass die Aussagen situationsbezogen passend formuliert werden können: Die Vorgehensweisen 1 und 2 eignen sich, wenn kurzfristig ein Stimmungsbild über eine aktuelle Situation entstehen soll. Ich fühle mich ratlos wütend hilflos erleichtert traurig 3. Magnet- oder Pinnwand Wenn das Stimmungsbarometer längerfristig eingesetzt werden soll, eignet sich z. B. eine Magnet- oder Pinnwand; für jeden Schüler/jede Schülerin steht ein Magnet oder eine Nadel zu Verfügung; die Kennzeichnung kann (aus Platzgründen) mit der Klassenbuchnummer erfolgen. Es entsteht eine Kurve, aus der die Stimmung(en) abgelesen werden kann (können) Soll die Belastungssituation der Schüler/innen thematisiert werden, sind statt der Smileys entsprechende Angaben sinnvoll: überhaupt nicht belastet, wenig belastet, erträglich belastet, stark belastet, überlastet. Die Schüler/innen markieren ihre Zuordnung zu einem bestimmten Zeitpunkt (z. B. am Freitag bezogen auf die vergangene Woche). Gemeinsam mit den Lehrenden kann dann die weitere Unterrichts- und Aufgabengestaltung erarbeitet werden. Eine weitere Variante findet sich in Klippert 2006, S. 94 (siehe: Kap. Litaratur und Links)

6 Ich du wir 47 Klassen-Kontrakt Ein Kontrakt ist eine verbindliche Vereinbarung. Im Klassenkontrakt vereinbaren Schüler/innen einer Klasse gemeinsam mit ihren Lehrern/Lehrerinnen die Grundlagen ihrer Arbeit: Rechte und Pflichten. Das Zustandekommen des Kontraktes braucht Zeit schließlich müssen die Regeln erarbeitet werden. Dazu sind Information, Diskussion und Abwägen notwendig. Dieser Prozess wird, je nach klassenspezifischen Gegebenheiten, unterschiedlich aussehen und den Schülern/Schülerinnen entsprechenden Handlungsspielraum lassen. Erst wenn er so weit gediehen ist, dass ein sinnvolles Ergebnis absehbar wird, wird endgültig über den Kontrakt abgestimmt. Ist er beschlossen, wird er gut sichtbar in der Klasse aufgehängt. Die folgenden Beispiele sollen zeigen, welche Punkte enthalten sein könnten: Unser Klassen-Kontrakt In unserer Klasse hat jede Schülerin/jeder Schüler: 1. das Recht, ungestört, angstfrei und auf verschiedene Weise zu lernen 2. das Recht auf Hilfe und Unterstützung durch die Lehrenden 3. das Recht, eine eigene Meinung zu äußern und gehört zu werden 4. das Recht auf Schutz vor Herabsetzung und Demütigung 5. das Recht auf Schutz vor Übergriffen auf die Person oder ihr Eigentum 6. das Recht darauf, über Leistungsanforderungen, Beurteilungskriterien und den eigenen Leistungsstand informiert zu werden Damit unsere Rechte gewahrt werden können, gelten folgende Pflichten für Schüler/innen (S) und Lehrer/innen (L): 1. freundlicher und respektvoller Umgang (S+L), Mitarbeit (S), Wechsel der Unterrichtsgestaltung (L) 2. sich bemühen, Arbeitsaufträge erledigen, Fragen stellen (S); Zeit haben, auf verschiedene Arten erklären/zeigen; wiederholen, ermutigen (L) 3. zuhören, andere Meinungen respektieren, sachlich argumentieren (S+L) 4. Achtsamkeit und Respekt im Umgang miteinander (S+L) 5. Respekt vor anderen, Rücksicht und Sorgfalt im Umgang mit den Sachen anderer (S+L) 6. Information über die Ziele und die Inhalte des Unterrichts und über die Kriterien der Beurteilung (L) Von diesen Rechten und Pflichten können konkrete Regeln abgeleitet werden (z. B. Ich störe andere nicht bei ihrer Arbeit); dazu gehören auch Vereinbarungen über Konsequenzen eventueller Regelverstöße. Diese Klassenregeln werden von jedem Schüler/jeder Schülerin unterschrieben und von den Lehrpersonen. Für ihre Durchsetzung müssen sich mit der Zeit alle verantwortlich fühlen (vgl. auch Lohmann 2003, Kapitel 4).

7 7Ich bin viele Tipps für Lehrer/innen Dass sie tatsächlich langsam erwachsen werden, begreifen Jugendliche am besten durch die Art, wie sie behandelt werden. Pflichten sollte man von Jugendlichen weniger einfordern, als vielmehr sie ihnen zutrauen. Stellen Sie sich vor, Sie würden in ein oder zwei Jahrzehnten einen Schüler/eine Schülerin als Kollegen/Kollegin im Lehrerzimmer wieder treffen! Worüber Sie in zehn Jahren lachen werden, das ist auch jetzt keinen Ärger wert. Versuchen Sie nicht, die ideale Mutter/der ideale Vater für Ihr Kind zu sein liebevoll ist schon mehr als genug. Der Freiraum, den sich die Kinder erkämpfen, ist auch Freiraum für die Eltern!

8 Ich bin viele 49 ORIENTIERUNG Im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch ist die Welt klar: Bis zum 7. Geburtstag ist man ein Kind, danach bis zum vollendeten 14. Lebensjahr eine/ein unmündige/r Minderjährige/r. Vom 14. bis zum 18. Lebensjahr ist man eine/ein mündige/r Minderjährige/r und mit dem 18. Geburtstag ist man volljährig. Die Schulpflicht dauert vom 6. Lebensjahr an neun Jahre lang bis zum 15. Lebensjahr. In der Pflichtschule sitzen also spätestens im letzten Schuljahr mündige Minderjährige, die bereits einige Rechte und Pflichten haben: Sie dürfen über Sachen verfügen, die ihnen zur freien Verfügung überlassen wurden, und über Einkommen aus eigenem Erwerb, solange ihre Lebensbedürfnisse nicht gefährdet sind. Sie haften für Schäden, die sie angerichtet haben, sie sind strafmündig, können über ihre Religionszugehörigkeit und die Teilnahme am Religionsunterricht entscheiden und ihre Liebes- und Sexualpartner frei wählen. Die Liste ist lang: php?option=com_content&task=view&id=22&itemid=52 In der Realität der Kinder und Jugendlichen ist die Welt nicht ganz so klar. Sie gliedert sich organisatorisch weniger nach dem Alter als vielmehr nach den Schwerpunkten Schuleintritt Volksschulzeit Sekundarstufe I und Sekundarstufe II bzw. Berufsausbildung. Aus der Sicht der Entwicklung sind die Phasen breit gestreut und nicht unbedingt altersabhängig. Die kognitive und die psychosoziale Entwicklung hängen ebenso wie die Entwicklung der Geschlechtsidentität oder die Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit stark von der Umwelt ab und verlaufen daher sehr unterschiedlich. Davon unabhängig erleben Kinder und Jugendliche sich in ganz verschiedenen Rollen, in denen sie nicht nur mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert sind, sondern an die auch sie selbst vielfältige Erwartungen haben. Einmal als Kind, dann wieder als beinahe Erwachsene/r, einmal als Schüler/in, dann als Kunde/Kundin behandelt zu werden das bedeutet auch ein Hin- und Herpendeln zwischen Unselbstständigkeit und Abhängigkeit einerseits und Selbstverantwortlichkeit und Entscheidungskompetenz andererseits. Es bedeutet auch eine dauernde und schmerzhafte Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild was umso mehr verunsichert, als das Selbstbild ja erst im Entstehen ist. Heranwachsende orientieren sich an Rollenvorbildern diese repräsentieren aber nur die Sichtweise der Jugendlichen, nicht die Realität. Wer niemals so werden will wie meine Mutter meint in Wirklichkeit niemals so, wie ich meine Mutter sehe. Wer jemandem nacheifert, eifert seinem eigenen Bild des anderen Menschen nach. Es kommt zu Enttäuschungen und Ernüchterungen, wenn sich herausstellt, dass Bild und Wirklichkeit zwei verschiedene Dinge sind. Also muss ein neues Bild her, mit dem das Experiment neu startet. In vielen Kulturen gab es am Übergang von der Kindheit und Jugend zum Erwachsenenstatus Initiationsriten, die oft auch mit einer Zeit der Isolation und einer daran anschließenden Wiederaufnahme in die Gemeinschaft als Erwachsene/r verbunden waren. Damit war für alle klar, wann jemand den Erwachsenenstatus erreicht hatte. Heute driften die verschiedenen Aspekte der Bedingungen des Erwachsenwerdens weit auseinander: Die sexuelle Reife tritt tendenziell früher ein, die ökonomischen Voraussetzungen werden dagegen sehr viel später erreicht. Jugendliche heute isolieren sich auf ihre Weise, in dem sie die Welt der Erwachsenen zeitweilig ablehnen und konterkarieren und versuchen, ihre eigene aufzubauen Jugendkultur entsteht. Leicht wird ihnen das nicht gemacht: Die Welt, von der sie sich unterscheiden wollen, ist ihrer eigenen zu ähnlich geworden. Jugendkult, Spaß-Gesellschaft und kultivierte Unreife bis in das Erwachsenenalter hinein machen es notwendig, zum Zweck der Abgrenzung immer ungewöhnlichere Wege zu gehen.

9 50 Unsere Schule unsere Zukunft Sekundarstufe AUS SICHT DER SCHÜLER/INNEN In der Früh wird der 14-jährige Thomas von der Mutter geweckt und zur Eile ermahnt. Der Vater nimmt ihn auf seinem Weg zur Arbeit mit zur Schule und ermahnt ihn beim Abschied, sich ordentlich aufzuführen. In der Hauptschule gehört der Bub in der 8. Schulstufe schon zu den Großen, worauf er stolz ist die Kleinen sind in seinen Augen doch noch ziemlich kindisch. In der Pause albern er und seine Freunde mit den Mädchen aus ihrer Klasse herum, die sich gekonnt präsentieren und die ersten Flirtversuche genießen. Alle kommen sich ziemlich erwachsen vor. In der Mittagspause vor dem Nachmittagsunterricht geht die Gruppe zu McDonald s. Hier sind sie umworbene Kunden, werden höflich bedient und nach ihren Wünschen gefragt. Als sie sich auf dem Rückweg zur Schule verspäten und ein paar Minuten nach Unterrichtsbeginn die Klasse betreten, werden sie wie kleine Kinder gerügt und für den Wiederholungsfall mit Strafe bedroht. Wenn sie nach Schulschluss mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren, hören sie immer wieder Bemerkungen über die heutige Jugend, besonders wenn sie in Gruppen von mehr als drei zusammen sind. Daheim heißt die erste Frage: Na, wie war es in der Schule? und das Kind soll berichten. Anschließend soll das Kind seine Arbeiten erledigen und auch im Haushalt Pflichten übernehmen schließlich bist du ja alt genug. Am Abend gibt es noch das Fernsehprogramm: Jugendliche sind da zu sehen, denen offenbar niemand sagt, was sie zu tun haben, die vielleicht umjubelte Teenie-Stars sind. Und es gibt eine Welt von Konsum und Events, die scheinbar für alle selbstverständlich ist bloß nicht für Thomas. Beim Einschlafen denkt er wieder einmal darüber nach, dass er eigentlich schon eine Vorstellung davon haben sollte, wie es mit ihm weitergehen soll: Welche Ausbildung wäre die richtige für ihn? Womit könnte er seinen Lebensunterhalt verdienen? Er weiß es noch nicht und das macht ihm ein bisschen Angst, schließlich wird er ja die Verantwortung übernehmen und mit dieser Entscheidung leben müssen. Kein Wunder, dass das Pendeln zwischen den Rollen als Kind, Schüler, Kunde, Mann, wieder Kind, fast Erwachsener und dem Wunschbild den Halbwüchsigen verwirrt und Kraft kostet. Immerhin fühlt er sich ja nicht in all diesen Varianten gleich wohl, empfindet einige als aufgezwungen und fühlt sich in anderen nicht genügend akzeptiert. Eltern und Lehrpersonen müssen nach und nach davon überzeugt werden, dass er kein Kind mehr ist, Lisa aus der Nachbarklasse sollte in ihm endlich einen Mann sehen, aber wenn die Oma nach den Geburtstagswünschen fragt, ist die Kind-Rolle gar nicht so schlecht. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Thomas alle diese Rollen nicht spielt er IST alles auf einmal, oder auch weder das eine noch das andere, ganz wie man es sieht. Dazu kommt, dass er auch noch nicht sicher ist, wie er sein möchte: Wenn Lisa ihn als Mann betrachtet was für einer soll er denn sein? Wahrscheinlich wird er verschiedene Möglichkeiten ausprobieren und zwar nicht nur bei Lisa. Er wird seine Erfahrungen mit seinen Freunden austauschen und dabei vielleicht herausfinden, wie er als Erwachsener sein möchte. Bis dahin wird er noch eine Weile als Role-Hopper verbringen mit allen Schwierigkeiten und Chancen, die ihm das Verständnis von Eltern und Lehrpersonen bietet.

10 Ich bin viele 51 ENTLASTUNGSVORSCHLÄGE Drei Schritte zur Mündigkeit 14-Jährige steigen rechtlich gesehen aus ihrem bisherigen Status als unmündige Minderjährige in den Status der Mündigkeit auf. Die rechtliche Mündigkeit bringt Rechte aber auch Pflichten. Sie in diesem Zusammenhang nur darauf hinzuweisen, dass sie ab sofort strafmündig sind und sich selbst vom Religionsunterricht abmelden dürfen, wird dem nur wenig gerecht. Die Rechte und Pflichten im Rahmen der Schüler/innenmitverwaltung sind ausschließlich schulbezogen. Um Bewusstseinsbildung darüber hinaus zu erreichen, werden Zeichen gesetzt: drei Schritte zur Mündigkeit. 1. Schritt Mit Beginn des 8. Schuljahres startet die Aktion Drei Schritte zur Mündigkeit. Die Jugendlichen werden nach und nach in unterschiedlichen Zusammenhängen über die rechtlichen Folgen des 14. Geburtstages informiert (Quellen: Kinder- und Jugend-Anwaltschaft Wien: www. kja.at Rechte und Pflichten von Jugendlichen). Der Schwerpunkt liegt auf dem Zusammenhang zwischen Rechten und Pflichten wer beides hat, muss gut informiert sein, um seine Rechte nutzen und seine Pflichten erfüllen zu können. 2. Schritt Jeder Schüler/jede Schülerin wählt eventuell in Teams ein Thema, das er/sie einige Wochen lang in den Medien verfolgt. Beispiele: Jugendschutz, Jugendkriminalität, jugendliche Eltern, Jugend und Religion, jugendliche Asylanten/Asylantinnen, Suchtmittelmissbrauch etc. Die Recherchen zum Thema werden gesammelt: Zeitungsberichte, Notizen zu Nachrichten in Fernsehen und Radio, Internetrecherche, Gesprächsnotizen über Diskussionen und Gespräche im Familien- und Freundeskreis u. a. m. 3. Schritt Schließlich werden die Ergebnisse in der Klasse vorgestellt und diskutiert. Den Abschluss bildet eine Stellungnahme jedes Schülers/jeder Schülerin zu seinem/ihrem Thema, die einen Bezug zur eigenen Person haben soll. (Warum habe ich gerade dieses Thema gewählt? Was ist für mich die wichtigste Erkenntnis aus der Recherche? Kann ich etwas daraus direkt auf mich anwenden? Ändert sich etwas für mich?) Die mündige Gruppe Mein Statement: Mein Statement: Mein Statement: Bestätigung der Mündigkeit Max Mustermann hat sich mit den Konsequenzen seiner Mündigkeit sorgfältig auseinandergesetzt und bewiesen, dass er diesem neuen Abschnitt gewachsen ist. Wir freuen uns, ihn als verantwortungsvolles Mitglied unserer Schulgemeinschaft bei uns zu haben! Schulleitung Klassenvorstand Eltenvereinsobmann/-obfrau Schülervertreter Datum des Geburtstages (wenn die drei Schritte noch nicht erledigt sind: Datum der Ausstellung) Die mündige Gruppe Auf einem Plakat/einer Pinnwand in der Klasse entsteht die mündige Gruppe : Wer den 14. Geburtstag erreicht und die drei Schritte hinter sich hat, heftet sein Foto und sein Mündigkeits-Statement an das Fazit aus der Recherche. Außerdem bekommt jede/r eine Bestätigung der Mündigkeit.

11 8Und was kommt dann? Tipps für Lehrer/innen Tipps für Eltern Je tragfähiger das Fundament, desto höher kann das Bildungs-Haus werden! Erzählen Sie Ihren Schülern/Schülerinnen, wie Sie zum Lehrberuf gekommen sind! Arbeit macht Spaß oder krank! (Reinhard K. Sprenger) Die Vorstellung, Arbeit sei Mühe und Freizeit sei Freude, bringt uns um die Freude an der Arbeit! Nur wer weiß, wer er ist, kann sich vorstellen, wo er hinpasst. Sie erhalten das vom Leben zurück, was Sie selbst in jedem Augenblick hineingeben. (Reinhard K. Sprenger)

12 Und was kommt dann? 53 ORIENTIERUNG Eine der folgenreichsten und deshalb schwierigsten Entscheidungen, die junge Menschen am Ende der Pflichtschule treffen müssen, ist die Wahl des weiteren Bildungsweges bzw. der Berufsausbildung. Abgesehen von äußeren Gegebenheiten wie den finanziellen Möglichkeiten der Eltern, den zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätzen, der Erreichbarkeit von Schulen und Ausbildungsplätzen erfordert diese Entscheidung einiges an Wissen und Kompetenz. Auch wenn in vielen Fällen das letzte Wort von den Eltern kommt, sind es doch die Heranwachsenden, die die Richtung vorgeben. Ihre Begabungen und Interessen oft abgelesen an den entsprechenden Schulnoten werden zur Sondierung der Alternativen ebenso herangezogen wie organisatorische Voraussetzungen. Da die Entscheidung zu einem Zeitpunkt getroffen werden muss, zu dem Jugendliche noch keineswegs gefestigt, vielmehr mit ihrer Selbstfindung und der Auseinandersetzung mit der Welt der Erwachsenen beschäftigt sind, wird auch versucht sie hinauszuschieben: Die Oberstufe einer allgemeinbildenden höheren Schule oder eine berufsbildende mittlere oder höhere Schule werden nicht immer gewählt, weil sie ein notwendiger Schritt zum bereits feststehenden Ausbildungsziel sind; oft genug erfüllen sie den Zweck, Zeit zu gewinnen auch mit dem Hintergedanken, dass das währenddessen Gelernte jedenfalls von Nutzen sein kann. Da die Berufswahl ein Prozess ist, für den damit mehr Zeit zur Verfügung steht, kann das auch durchaus sinnvoll sein vorausgesetzt, dass diese Zeit tatsächlich auch für die Berufswahl genutzt wird. Nur wenige Jugendliche wissen genau, welches Ausbildungsziel sie anstreben, und haben auch eine realistische Vorstellung davon. Traumberufe gibt es viele, allerdings haben die davon in den Köpfen der Schüler/innen vorhandenen Bilder oft wenig mit der Realität zu tun. Sie haben kaum Einblicke in die Berufswelt es sei denn, aus der Perspektive von Konsumenten/Konsumentinnen: die Arbeit von Verkäufern/Verkäuferinnen, Friseuren/Friseurinnen, Bankangestellten oder Automechanikern/Automechanikerinnen sehen sie als Kunden/Kundinnen, die von Ärzten/ Ärztinnen als Patienten/Patientinnen, jene von Lehrern/ Lehrerinnen aus Sicht der Schüler/Schülerinnen. Die berufliche Arbeit der eigenen Eltern ist ihnen oft nicht vertraut, erlebt werden nur die Auswirkungen auf das Familienleben. Der noch während der Pflichtschulzeit angebotene Berufsorientierungsunterricht wird in verschiedenen Modellen präsentiert und ist unterschiedlich hilfreich, liefert aber jedenfalls oft die ersten brauchbaren Grundlagen zur Berufswahl (siehe auch: unterlagen/gkrigseisen_untersuch_bo_2004.doc). Erschwerend für die Entscheidung ist auch, dass Berufskarrieren heute als nicht mehr planbar erscheinen, was entwicklungsbedingt verunsicherte Jugendliche noch weiter verunsichert. Bunk bezeichnet das als Prognose-Dilemma (Bunk, in: Arnold 1997, S. 94). Der einmal erlernte Beruf kann vielleicht nicht lebenslang ausgeübt werden, Weiterlernen und/oder Umlernen wird mehrmals nötig sein. Damit verändert sich der Charakter der Entscheidung: Die (erste?) Berufsausbildung soll auch eine brauchbare Basis für eventuelle weitere bilden, sie soll ausbaufähig sein. Wenn aber Berufsausbildung nicht nur kurzzeitig gelten, sondern auch langfristig befähigen soll, muss sie zukünftige Entwicklungen mit einem relativ hohen Ungewissheitsgrad vorwegzunehmen suchen, d. h. in ihr Konzept miteinbeziehen (ebd., S. 95). Die Notwendigkeit, unter diesen Voraussetzungen Fähigkeiten, Interessen, reale Möglichkeiten,

13 54 Unsere Schule unsere Zukunft Sekundarstufe Verdienst- und Karrierechancen in einen Zusammenhang zu bringen und darauf aufbauend eine folgenschwere Entscheidung zu treffen, überfordert viele Jugendliche. Gleichzeitig streben sie nach baldiger Unabhängigkeit. Eine Herausforderung auch für Eltern und Lehrpersonen. John L. Holland stellte zu Beginn der 1970er-Jahre eine Theorie über die Berufswahl vor, die sich seither als Basis einschlägiger Tests und Beratungen bewährt hat. Er stellte für unseren Kulturkreis sechs grundsätzliche Persönlichkeitsorientierungen fest. Kein Mensch entspricht genau einem dieser Typen aber die vorherrschenden Merkmale lassen sich doch feststellen. Nach Holland streben Menschen danach, ihre entsprechenden Interessen und bevorzugten Tätigkeiten zur Geltung zu bringen, und wählen daher auch ihren Beruf danach beziehungsweise verlassen ihn wieder, wenn die einmal gewählte Tätigkeit dem Typus nicht entspricht. Realistischer Typus mag Tätigkeiten, die Kraft und händische Geschicklichkeit erfordern und zu sichtbaren Ergebnissen führen. Intellektueller Typus bewältigt gerne Aufgaben und Probleme durch Denken, Forschung oder systematische Beobachtung. Künstlerischer Typus mag unstrukturierte und offene Aktivitäten, künstlerische Selbstdarstellung und das Schaffen kreativer Produkte, besonders in den Bereichen Sprache und Musik. Sozialer Typus setzt sich gern mit anderen Menschen auseinander, in Form von Unterricht, Lehre, Ausbildung oder Pflege. Unternehmerischer Typus mag Tätigkeiten, bei denen er andere beeinflussen und führen kann. Konventioneller Typus schätzt strukturierten und geordneten Umgang mit Daten, verwaltet gerne. AUS SICHT DER SCHÜLER/INNEN Jugendliche haben große Pläne. Sie wollen Erfolg in einem Beruf, der ihnen Freude macht, sie wünschen sich stabile Partnerschaften und auch Familie, sie möchten etwas erleben, mit Freunden etwas unternehmen, dazu ausreichend Freizeit haben und genügend Geld verdienen. Aus ihrer bisherigen Lebenserfahrung gehen sie davon aus, dass ihre Entwicklung immer weitergehen und zu immer mehr Autonomie führen wird Rückschläge oder Stillstände sind nicht vorgesehen. Ihre Vorstellungen darüber leben allerdings lange hauptsächlich von Bildern erreichter Ziele: Sie sehen sich in den Rollen, die sie von den jeweiligen Rollenvorbildern abschauen ganz egal, ob das reale Vorbilder sind oder ob sie von Medien etc. gespeist werden. Der Weg dahin ist kein Thema; dass auch die Chefin /der Chef als Lehrling begonnen hat, dass die Stufen zur Karriere über jahrelanges Studium führen das wird ihnen erst nach und nach bewusst. Dazu sind Informationen und Einblicke notwendig, die die Jugendlichen auch über die Schule erhalten müssen. Damit gewinnt dann auch die Entscheidung für den weiteren Ausbildungsweg einen neuen Aspekt: die Frage, was man in die Ausbildung an Zeit und Einsatz zu investieren bereit ist. Bisherige Lernerfahrungen spielen dann eine große Rolle, sie können motivieren (Das wird interessant!), aber auch entmutigen (Das schaffe ich nie!). Auch die Selbstsicht in der Schüler/innen-Rolle beeinflusst weitere Entscheidungen: Wer überzeugt ist, für Mathematik unbegabt zu sein, wird vor Ausbildungen zurückschrecken, in denen Mathematisches einen großen Raum einnimmt selbst wenn die Pflichtschulmathematik damit wenig bis gar nichts zu tun hat. Hilfreich sind entsprechende Rückmeldungen von Lehrpersonen, die eine Relation zwischen Pflichtschule, weiterführender Schule,

14 Und was kommt dann? 55 Ausbildung und Studium herstellen, ohne Entscheidungen vorwegzunehmen, und die erkennen lassen, dass bestimmte Arbeitshaltungen Durchhaltevermögen, Genauigkeit, Geduld, Zielstrebigkeit, Verlässlichkeit, Verantwortungsgefühl oft nötiger sind als spezielle Begabungen. Entscheidungen zu treffen egal welche braucht unter anderem Strategien. Eine besonders wichtige ist die Vermeidung ausschließlich negativer Alternativen: Ich will NICHT (studieren, in einem Büro arbeiten, die Matura machen, handwerklich arbeiten ) führt in eine Sackgasse. Und in einer solchen finden sich Jugendliche allzu oft wieder. Ich will keinen Lehrberuf bringt viele in eine weiterführende Schule, die ihnen nicht entspricht; Ich will nicht länger in die Schule gehen endet in einer Berufsausbildung, die nicht genug überlegt wurde. Beispiele gibt es viele die Beratungsdienste der Schulpsychologie können ein Lied davon singen. ENTLASTUNGSVORSCHLÄGE Das Selbstkonzept ist die Ausgangsbasis aller Entscheidungen zur Lebensgestaltung. Es umfasst die Art und Weise, wie ein Mensch sich selbst wahrnimmt, was er über seine Fähigkeiten, sein Gefühlsleben, sein Verhalten, seine Vorlieben und Eigenschaften weiß. Das Selbstkonzept entsteht im Verlauf der Entwicklung und muss nach und nach um Aspekte erweitert werden, die für die Entscheidung hinsichtlich Bildungsweg und Beruf Bedeutung haben. Interessen-Rollenspiele Zunächst werden Tätigkeiten, die in der Schule anfallen, den sechs Persönlichkeitsorientierungs typen nach Holland zugeordnet; siehe dazu: arbeitsblaetter.stangl-taller.at/motivation/interessen.shtml (Informationen) Test.shtml (situativer Interessen-Test Onlineversion) Dazu gehören alle Aktivitäten innerhalb des Unterrichts, Tätigkeiten im Interesse der Klasse oder der Schule zum Beispiel: Turngeräte herrichten, Experimente vorbereiten, Diskussionen führen, am PC arbeiten/fehler beheben, technische Geräte anschließen, Hefte/Geld/Unterschriften einsammeln, Weihnachtsfeier/Schulschlussfest planen und vorbereiten, Darbietungen einstudieren, Blumen pflegen, Informationen sammeln und weitergeben, Mitschülern/ Mitschülerinnen etwas erklären/bei der Prüfungsvorbereitung helfen, den Klassenraum gestalten usw.

15 56 Unsere Schule unsere Zukunft Sekundarstufe Schüler/innen, die von sich meinen, ein besonderes Interesse zu haben, übernehmen bevorzugt die entsprechenden Tätigkeiten, beobachten sich selbst dabei für einen bestimmten Zeitraum (wenigstens einen Monat lang) und halten in Notizen fest, wie sie zurechtkommen: Was mache ich tatsächlich gern, was stelle ich mir anders vor, was nervt mit der Zeit warum? Dann werden die Erfahrungen ausgetauscht und die Rollen getauscht: Jede/r übernimmt jetzt etwas, wovon sie/er meint, dass es gar nicht zu ihr/ihm passt. Wieder werden Notizen gemacht. In der Schlussbetrachtung soll festgehalten werden: Hat meine Einschätzung gestimmt? Fühle ich mich bestätigt? Habe ich festgestellt, dass ich auch Tätigkeiten mag, die ich bisher eher nicht gemacht habe? Welche Bedingungen schätze ich für meine Aktivitäten? In einem Gedankenspiel kann überlegt werden, welche Berufsbilder zu wem passen könnten. Ich gehe in Pension Die Perspektive vom Ende des Berufslebens her ermöglicht eine Auseinandersetzung damit ohne den Druck einer notwendigen Entscheidung es ist ja schon vorbei. Daher kann mit den eigenen Vorstellungen unbefangener umgegangen werden, die vorhandenen Ziele werden klarer. Jeder Schüler/jede Schülerin hält eine Abschiedsrede zur eigenen Pensionierung mit einem Rückblick auf das Berufsleben allerdings ohne zu sagen, um welchen Beruf/ welches Tätigkeitsfeld es sich handelt. Angesprochen werden folgende Punkte: Darauf bin ich stolz; das hat mir immer besondere Freude gemacht; das war eine Herausforderung; das würde ich heute nicht mehr/anders machen; das würde ich gerne noch tun; ich wünsche allen, die weiter hier arbeiten, Die Mitschüler/innen erraten das Tätigkeitsfeld bestimmte Berufe können angesprochen und diskutiert werden, das ist aber nicht vorrangig.

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