Das Versicherungs(un)wesen

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3 Hans Dieter Meyer Das Versicherungs(un)wesen Eine Branche jenseits Von Recht und Wettbewerb WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN 3

4 HEYNE SACHBUCH Nr. 19/275 Vom Autor überarbeitete Taschenbuchausgabe im Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Copyright 1990 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1993 Umschlaggestelatung: Atelier Adolf Bachmann, Reischach Herstellung: H * G Lidl, München Satz: Kort Satz GmbH, München Druck und Verarbeitung: Pressedruck, Augsburg ISBN

5 Der historische Kardinalfehler im Versicherungswesen: Man hat gewinnorientierten Aktiengesellschaften die Verwaltung von Treuhandgeldern überlassen, ohne dass sie Buch darüber führen müssen. Und das ist in etwa so unheilvoll, als wenn man Vampire mit der Verwaltung einer Blutbank beauftragt, ohne sie zu verpflichten, das eingehende Blut zu registrieren. Das Manuskript für die Erstauflage dieses Buches hatte ich zufällig am Tag der deutschen Vereinigung abgeschlossen und das Buch deshalb den neuen Bundesbürgern aus der ehemaligen DDR gewidmet in der Hoffnung, sie würden von unseren Politikern vor dem westdeutschen Versicherungs(un)wesen geschützt. Aber was zu erwarten war, geschah: Die Neubundesbürger wurden in kürzester Zeit von Drückerkolonnen mit unsinnigen und viel zu teuren Versicherungen um etliche Milliarden Mark legal betrogen. Insofern ist dieses Buch auch ein Lehrstück für Demokratie-, Politik- und Marktversagen, das anhand der Missstände in unserem Versicherungs(un)wesen beschreibt, wie eine ganze Branche unter Mitwirkung von Politikern und Beamten einen Wirtschaftsbereich jenseits von Recht und Wettbewerb geschaffen und bis heute erhalten hat. Hilfe ist vor allem von unabhängigen Wissenschaftlern, Richtern und Journalisten zu erwarten, denen ich die Neufassung dieses Buches widme. Ich werde weiterhin für verfassungs-, markt- und wettbewerbsgerechte Verhältnisse im Versicherungswesen kämpfen und danke allen, die mich bisher in diesem Kampf unterstützt haben und weiterhin unterstützen. Hamburg, den 31. August 1993 Hans Dieter Meyer 5

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7 Inhalt KAPITEL 1 Insider-Kenntnisse eines Aussteigers Die Ursache allen Übels: Missverständnisse um die notwendigen Prämienüberschüsse Intransparenz infolge der Vermengung unterschiedlicher Prämienbestandteile Ein langer Kampf um Recht und Wettbewerb im Versicherungswesen KAPITEL 2 Missstände im Versicherungswesen kosten Bundesbürger Milliarden Ungeregelte Vermögensverhältnisse Ungeregelte Vertragsverhältnisse Unglaublich, aber wahr Die Spendenaffäre: mentale Korruption der Politiker Der Branche bester Helfer die hauseigene Wissenschaft Rechtsprechung unter dem Einfluss einer Lobby-Wissenschaft Staatsanwälte meinen: Die Versicherungsmanager wissen nicht, was sie tun Ein raffiniertes System der Ausbeutung eines ganzen Volkes KAPITEL 3 Was ist eigentlich Versicherung? Passende Definition für jeden Zweck Versicherung ist die Beseitigung finanzieller Risiken Risikobeseitigung durch Bereitstellung von Geld für Schäden Versicherung braucht eine Versichertengemeinschaft Traditionelle Versicherungseinrichtungen Veränderung im Versicherungswesen im Gefolge der Versicherung durch Aktiengesellschaften

8 KAPITEL 4 Die Geschichte der Versicherung: Vier Kardinalfehler Kardinalfehler 1: Die Zulassung der Versicherung durch Aktiengesellschaften mit einer ungeteilten Prämie Kardinalfehler 2: Die Verbindung von Versicherung, Dienstleistungen und Sparen Kardinalfehler 3: Staatliche Aufsicht Alibi für legalen Betrug Kardinalfehler 4: Legaler Betrug gesetzlich zementiert Geld und Geld vermengt sich leicht: Die Ursachen für die Entstehung der Versicherung zur festen Prämie Die Vermengung von Versicherung und Dienstleistung Versicherung ist keine Dienstleistung. Nur die Organisation der Versicherung durch Unternehmen ist eine Dienstleistung Die ungeteilte Prämie ist kein Preis Versicherung zur festen Prämie ist kein Produkt Autopreis und Versicherungsprämie ein unsinniger Vergleich Versicherung zur festen Prämie Massenspekulation ohne Risiko Fazit: Versicherung ist Einkommensumverteilung Versicherungsunternehmen erbringen Dienstleistungen Überschüsse aus dem Versicherungsbereich sind keine Gewinne KAPITEL 5 Gewinn- und Verlustrechnungen von Versicherungs- Aktiengesellschaften Tatort für das größte Wirtschaftsverbrechen aller Zeiten Betrug: Beiträge sind kein Umsatz Milliardenverluste der Bürger durch falsches Umsatzdenken Betrug: Automatisches Neugeschäft Betrug: Mitversicherung von Kleinschäden ist keine Versicherung

9 Betrug: Überteuerte Prämien für Verbraucher subventionieren Industrieversicherungen Der Manipulation, dem Missbrauch und der Untreue sind Tür und Tor geöffnet Veruntreuung von Erträgen aus Kapitalanlagen Milliardenverluste für die Versicherten Millionenverluste für Deutscher-Ring-Versicherte Milliardenskandal Jahrelange Uneinigkeit innerhalb Der Staatsaufsicht um die Beteiligung der Versicherten an Milliardenüberschüssen Veruntreuung von Versichertengeld Auf dem Verschiebebahnhof Rückversicherung Betrug durch falsche Zahlen: Aufwendungen für Versicherungsfälle Mal wenig, mal viel zahlen: Manipulation im Bereich der Schadensregulierung Betrug: Aufwendungen für Rückkäufe Millionen Lebensversicherte erleiden Milliardenverluste Betrug und Untreue bei den Aufwendungen für Beitragsrückerstattung Milliardenverluste der Versicherten Wem gehören Milliarden-Rückstellungen? Alterungsrückstellung in der Krankenversicherung Privatversicherte: Erst angelockt, dann abgezockt! Aufwendungen für den Versicherungsbetrieb Tatort für Veruntreuung von Milliarden zum Ausgleich von Kostenüberschreitungen Überhöhte Provisionen zu Lasten der Versicherten Milliardenverschwendungen bei der Versicherungsvermittlung Einfirmenvertreter Hauptwerkzeug Beim legalen Betrug Alle Einfirmenvertreter sind notgedrungen schwarze Schafe Unwissenheit der Bürger über Versicherungen der billigste Rohstoff, aus dem Geld gemacht werden kann Eine Mauer aus Einfirmenvertretern und Zehnjahresverträgen Gegen die ausländische Konkurrenz Zehnjahresverträge: So werden Versicherte durch falsche Und zu teure Versicherungen genkebelt Aufwendungen für Kapitalanlagen: So verschwinden Versichertenmilliarden in stillen Reserven

10 Abschreibungen Geld, das die Versicherten abschreiben können Stille Reserven ein stilles Problem Versicherungspaläste aus Versichertengeldern Konzerntrennungen: Stille Reserven still beiseite geschafft Der Fall Deutscher Herold Der Fall Raiffeisen und Volksbanken Lebensversicherung ag Jahresüberschuss Versichertengeld am Ende Seines Leidensweges Trotz mannigfacher Veruntreuung im Jahresüberschuss Erscheint ein Rest von Versichertengeld Die Beteiligung der Versicherten am Jahresüberschuss Lügen um die Überschussbeteiligung Der Fehler im System: Die ungeteilte Prämie verhindert gerechte Überschussbeteiligung Gewinne können aus Treuhandgeld beschlossen werden KAPITEL 6 Die mächtigen Versicherungs-Aktiengesellschaften eine Allianz zur Ausbeutung der Versicherten Der Allianz-Konzern: vom Adler zum Paradegeier Mit dem Image einer Friedenstaube Allianz-Geschichte Allianzer kämpfen in einer Palästra Skrupelloser Umgang mit Verbrauchern, dafür pflegliche Behandlung der Industrie Allianz-Prämien für Privathaushalte oft doppelt bis dreifach zu teuer Die Allianz: So wird Vermögen unsichtbar Was macht die Allianz mit ihrem Geld Ex-Allianz- General Wolfgang Schieren Allianz-Konzerntrennung Milliarden beiseite geschafft Der Überfall auf die Staatliche Versicherung der DDR Vom SED-Regen in die Allianz-Traufe Die Macht der Allianz Die Macht der Assekuranz

11 KAPITEL 7 Kapital-Lebensversicherungen legaler Betrug Ein Gericht entscheidet über legalen Betrug Lebensversicherungssparen rechtlich weitgehend ungeregelt Kapital-Lebensversicherungen rechts- und wettbewerbswidrig Branchenlügen Grundlage für den Erfolg Des legalen Betruges KAPITEL 8 Eine Branche ohne Wettbewerb Verbraucher in der Zwickmühle erst Schuldner, dann Gläubiger Versicherung ist kein Wettbewerbsbereich Wettbewerb entscheidend ist der Verbraucher Ohne Preisangabe kein Wettbewerb um Unternehmensdienstleistungen Die Deregulierung eines Nichtmarktes ein Krampf Reguliertes Chaos auf einem Flugplatz Fehlende Untersuchung über das Wesen der Versicherung Ein moderner Versicherungsmarkt - á la Deregulierungskommission Wie die Deregulierungskommission das Versicherungswesen Deregulieren möchte Ergebnis eines falschen Wettbewerbsverständnisses: Verfassungswidrige Autoversicherungstarife Millionen Autofahrer zahlen Milliarden zuviel Regional- und Beamtenversicherer Auslöser für Regional- und Beamtentarife Gruppenstatistiken als Begründung für die Ungleichbehandlung Beitragsfestsetzung und Beitragsklassenbildung in der Kfz-Haftpflichtversicherung Bewertungsprobleme Fahrerqualität und Fahrzeugmobilität Beruf als Ersatz-Risikomerkmal Wohnort als Ersatz-Risikomerkmal Irreführende Statistiken

12 Grundregeln der Versicherungstechnik und Statistik verletzt Kardinalfehler der Tarifverordnung: Die Pflichtversichertengemeinschaft wird aufgesplittert Die Fahrvergangenheit ein Ersatzmerkmal für Fahrerqualität und Fahrzeugmobilität Das Dilemma der Pflichtversicherung: die Aufteilung der 100 Unternehmen eine Lösung der Tarifierungsprobleme Die japanische Lösung Die Ursache allen Übels Missverständnisse um die Prämienüberschüsse Chancen für eine Reform Bund der Versicherten strebt gerichtliche Klärung an Ein falsches Wettbewerbsverständnis begünstigt Ungerechte Tarife in der privaten Krankenversicherung KAPITEL 9 Die Staatsaufsicht um das Wohl der Branche Besorgt. Im Interesse der Versicherten? Das eklatante Versagen der staatlichen Versicherungsaufsicht Überhöhte Prämien nicht verhindert Fehlkalkulationen in der Krankenversicherung geduldet Milliardenverschwendungen nicht verhindert Veruntreuung von Versichertenmilliarden nicht verhindert Verfassungswidrige Autoversicherungstarife genehmigt Manipulationen bei der Überschussbeteiligung nicht verhindert Der große Irrtum, alles sei privatrechtlich geregelt Verstaatlichung oder staatliche Regulierung Schutztheorie und staatliche Versicherungsaufsicht Die ungeteilte Prämie verhindert eine angemessene Aufgabenerfüllung Die Aufsichtsbehörde ein Versicherungspolizei Wer schützt die entrechteten Versicherten? KAPITEL 10 Reform des Versicherungs(un)wesens: Ein perfektes Wirtschaftsverbrechen zu knacken braucht Zeit Sogar das Aufsichtsamt gesteht ein: Der Unmut ist berechtigt Auch Gerichte kommen der Prämientrennung näher

13 Hilfe von der EG-Kommission und Regierungskommissionen? Starrsinnige Systemerhalter im Bundesfinanzministerium Eine Reform ohne Grundlagenforschung? Was eine Reform so schwierig macht Reform durch Prämientrennung Der Traum von einem verfassungs- und marktgerechten Versicherungswesen Eine neue Versicherungs-/Dienstleistungstheorie tut not Entscheidend ist die Lösung der wirtschaftstheoretischen Probleme Lösung der rechtlichen Probleme Lösung der praktischen Probleme: Niedrigere und gerechte Beiträge Von der Hölle der Ausbeutung in das Paradies der Transparenz Das Ende des Einfirmenvertreter-Systems Klare Verhältnisse und mehr Freiheit beim Lebensversicherungssparen und bei der privaten Kranken- und Pflegeversicherung Entspannung des Verhältnisses staatliche Aufsicht und Wettbewerb Ein Schritt nach vorne (solange die Prämie ungeteilt ist): die Staatsaufsicht zum Funktionieren bringen Neue Köpfe braucht das Versicherungswesen Eine neue Form der Rechnungslegung Schluss mit den kriminellen Vermögensaussonderungen! Den Deckmantel Bestandsübertragung zerreißen Bedingungsvielfalt durch Bausteinsystem Ein weiterer Schritt nach vorne (solange die Prämie ungeteilt ist): Unabhängige Vermittler und Makler als Wettbewerbsersatz Kündigungsfreiheit durch Abschaffung der Zehnjahresverträge Der Elfenbeinturm Versicherungswissenschaft muss fallen Goethes Kritik am Recht Demokratisierung des Versicherungswesens mehr Rechte und mehr Mitwirkung für die Versicherten KAPITEL 11 Private Versicherungen Das Problem mit dem Kleingedruckten Private Haftpflichtversicherung Hausratversicherung (Feuer, Einbruch, Leitungswasser, Sturm)

14 Unfallversicherung Berufsunfähigkeitsversicherung Risikolebensversicherung Kapital-Lebensversicherung Kapital-Lebensversicherung zum Steuern sparen Private Rentenversicherung Vermögensbildende Lebensversicherung Kapital-Lebensversicherung in Verbindung mit Darlehen Lebensversicherungshypothek, betriebliche Finanzierungen Direktversicherung (durch Gehaltsumwandlung) Krankentagegeldversicherung Private Kranken- und Pflegeversicherung Wohngebäudeversicherung Mietverlustversicherung Versicherungsschutz selbst gestalten kein Problem Wie aus falschen und teuren Versicherungen rauskommen? Wie aus falschen Lebensversicherungen herauskommen? Laufzeit verkürzen Kündigung, Beitragsfreistellung Wenn Kapital-Lebensversicherungen fortgeführt werden Darauf sollten Sie während der Laufzeit von Lebensversicherungen achten Altersversorgung Geldanlage Wiederanlage von Ausgezahlten Lebensversicherungen Altersversorgung Geldanlage Wiederanlage von Ablaufleistungen aus der Lebensversicherung Schlussbermerkungen

15 KAPITEL 1 Insider-Kenntnisse eines Aussteigers "Legaler Betrug"! - So habe ich in meinem ersten Buch "Ratgeber Versicherung" die Kapital-Lebensversicherung bezeichnet, die viele Bundesbürger zur zusätzlichen Altersversorgung abgeschlossen haben. Das war im Jahre Drei Jahre später nannte ich Versicherung durch Aktiengesellschaften "das größte und bestorganisierte Wirtschaftsverbrechen aller Zeiten". Und jetzt dieses Buch "Das Versicherungs(un)wesen - eine Branche jenseits von Recht und Wettbewerb". Gegen den ersten Vorwurf des "legalen Betruges" wehrte sich die Branche noch. Sie unterlag in einem Gerichtsverfahren. So nahm sie - als gebranntes Kind - alle weiteren Angriffe schweigend hin. Und auch die in diesem Buch erhobenen Vorwürfe werden die besonders betroffenen Versicherungs-Aktiengesellschaften sicher mit Nichtachtung zu strafen versuchen. Als Leser sollen Sie zunächst einmal wissen, wer in aller Öffentlichkeit diese massiven Vorwürfe gegen eine so finanzstarke und mächtige Branche erhebt: Ich bin 1936 als Sohn eines Allianz- Generalvertreters in das Versicherungswesen hineingeboren, half bereits als Schüler in der Versicherungsagentur meines Vaters und arbeitete während des Jurastudiums und der Referendarzeit als Werkstudent bei Versicherungsunternehmen. Der für meinen beruflichen Werdegang entscheidende Punkt war sicher die Übernahme der väterlichen Generalagentur, was ich nicht geplant hatte. Es ergab sich aber durch eine schwere Krankheit meines Vaters und das Ausscheiden seines Nachfolgers kurz vor seinem Tod. Die Agenturübernahme war deshalb eine eher "widerwillige" Entscheidung, auch weil ich schon immer eine kritische und negative Einstellung zur Arbeitsweise eines Versicherungsvertreters hatte, der an einen Konzern gebunden und dazu verdammt ist, seinen Kunden die oft viel zu teuren und falschen Angebote eben dieser Gesellschaft aufzuschwatzen. Mir war also durchaus bewußt, daß für meine Erfolge als Vertreter vor allem meine Person und meine persönlichen Beziehungen von Bedeutung waren. Wie sehr die Vertreter aber von den 15

16 großen und teuren Versicherungs-Aktiengesellschaften ausgenutzt werden, um Riesengewinne einzufahren, das erfuhr ich erst später. Als Generalvertreter, Versicherungskaufmann und Ausbilder für diesen Beruf lernte ich das Versicherungswesen von Grund auf kennen, zumal ich von der Allianz auch noch - vielleicht wegen meiner permanent kritischen Einstellung - in mehrere Kommissionen der Generaldirektion berufen wurde. Dadurch erfuhr ich dann einige Internas, insbesondere daß es den Vorständen vieler Versicherungs- Aktiengesellschaften gar nicht darum geht, den Bürgern bestmöglichen Versicherungsschutz zu geringstmöglichen Prämien zu bieten, sondern daß ihre Strategie vielmehr ist, uninformierten Bürgern unter dem Vorwand von Versicherung und mit einem verschwenderischen Werbe- und Vertriebsaufwand so viel Geld wie möglich aus der Tasche zu ziehen und unter ihre Kontrolle zu bringen. Diese skrupellose und verantwortungslose Taktik und die entsprechend überteuerten Prämien, die bei günstigen Unternehmen für einen völlig gleichen Versicherungsschutz halb so hoch waren, veranlaßten mich, die Allianz-Generalvertretung wieder aufzugeben. Ich hatte am eigenen Leibe erfahren, daß ein an einen Konzern gebundener Vertreter nur ein Werkzeug der Gesellschaft zur Durchsetzung der eben beschriebenen Ausbeutungs-Taktik ist. Für einen solchen Einfirmen-Vertreter ist es schlichtweg unmöglich, eine Prämiendifferenz von 100 bis 200 Prozent durch Beratung und Service gegenüber seinen Kunden auszugleichen. Denn die 100 bis 200 Prozent Überteuerung kommen nicht etwa dem Vertreter in Form von hohen Provisionen zugute, sondern werden von der Gesellschaft für Kostenverschwendungen oder Gewinne oder auch zur Subvention von verlustträchtigen Industrieversicherungen verwendet. Vernünftige Versicherungen - wie zum Beispiel Risiko-Lebensversicherungen für die Familienversorgung - hatte die Allianz seinerzeit gar nicht im Angebot und zwang so die Vertreter zum Abschluß meist unsinniger Kapital-Lebensversicherungen, die mit einem Sparvorgang verbunden sind und - bei gleichem Versicherungsschutz - das Zehnfache kosten, der Gesellschaft aber zehnmal mehr Geld in die Kasse bringen, über das sie langfristig weitgehend beliebig verfügen können. Seit Mitte der 70er Jahre beschäftigte mich die Frage, warum denkende Menschen für einen völlig gleichen Versicherungsschutz bis zu doppelt und dreifach unterschiedliche Prämien bezahlen. Das ist gleichzeitig die Frage, wie es in einem demokratischen Rechtsstaat 16

17 mit sozialer Marktwirtschaft und einer staatlichen Versicherungsaufsicht möglich sein kann, daß Versicherungs-Aktiengesellschaften doppelt und dreifach überteuerte Prämien durchsetzen und sich dann bei den meisten Versicherungsarten die Prämienüberschüsse als Gewinne einstecken können. Die Antwort auf diese Fragen konnte nur sein: Markt und Wettbewerb funktionieren nicht im Versicherungswesen. Die Ursache allen Übels: Mißverständnisse um die notwendigen Prämienüberschüsse Ich erkannte sehr bald, daß die Prämienüberschüsse das zentrale Problem im Versicherungswesen sind. Jeder kann verstehen, daß Versicherungsprämien - sicherheitshalber - überkalkuliert sein müssen, damit auch beim schlechtesten Schadenverlauf alle Schäden bezahlt werden können. Aber warum sollen die zwangsläufig entstehenden Überschüsse dann Gewinne von Versicherungs- Aktiengesellschaften sein? - Welche Gegenleistung der Unternehmen wird hier ausgetauscht? - Das Erstaunlichste ist, daß Versicherungsbilanzen nicht einmal Aufschluß darüber geben, wie hoch diese Überschüsse sind. Die Gewinn- und Verlustrechnungen weisen zwar einen Gesamtüberschuß aus, lassen aber nicht erkennen, ob und in welcher Höhe darin Überschüsse aus dem Versicherungsbereich, also aus Versichertengeld, oder aus dem Dienstleistungsbereich, also aus Unternehmensgeld, enthalten sind. Nach jahrelangem Grübeln über die Ursachen für die Grundprobleme unseres Versicherungswesens kam mir eines Tages - beim Joggen im Stadtpark von Hamburg - die simple Frage in den Kopf: "Warum ist die Versicherungsprämie eigentlich nicht aufgeteilt in Versichertengeld für Schadenzahlungen und in einen Preis für die Dienstleistungen der Unternehmen?" - Tatsächlich ist die Versicherungsprämie als Ganzes nicht - wie alle Welt glaubt - ein Preis, sondern enthält einen reinen Versicherungsbeitrag, den die Versicherten für Schadenszahlungen bereitstellen. Und sie enthält einen Dienstleistungsanteil - einen Preis für die Dienstleistungen, die die Unternehmen beim Vertragsabschluß und Geldeinzug, bei der Vertragsverwaltung und Schadenregulierung erbringen. Und bei der mit einem Sparvorgang verbundenen Kapital-Lebensversicherung kommt als dritter Bestandteil noch ein Sparanteil hinzu. 17

18 Intransparenz durch Vermengung unterschiedlicher Prämienbestandteile Das Problem ist, daß niemand - vor allem nicht der Verbraucher - die einzelnen Bestandteile einer Versicherungsprämie erkennen kann. Sie sind in der Prämie bis hin in die Bilanzen miteinander vermengt. Und damit können Gewinn- und Verlustrechnungen und Bilanzen von Versicherungs-Aktiengesellschaften zum "Tatort für Betrug und Untreue" werden. Die Gesellschaften können nämlich die Überschüsse aus Versichertengeld - nach außen unbemerkt - zum Ausgleich von Kostenüberschreitungen und Mißmanagement im Dienstleistungsbereich verwenden und die danach verbleibenden Überschüsse auch noch ganz oder teilweise als Gewinn einstecken. Und das geschieht - wie wir noch sehen werden - bei den großen und teuren Aktiengesellschaften tagtäglich in Millionenhöhe. Vollends unverständlich ist, daß sogar der von den Versicherten gezahlte Sparanteil bei Lebensversicherungen in die Prämie reingemengt wird und als solcher nicht mehr zu erkennen ist, so daß den Gesellschaften im Bereich der Lebensversicherung auch noch die Erträge aus dem Spargeld der Versicherten zum Ausgleich von Kostenüberschreitungen und Mißmanagement sowie als Gewinne zur Verfügung stehen. Den Kardinalfehler im Versicherungswesen hatte ich entdeckt: die eigentlich unzulässige Vermengung von Versicherung und Lebensversicherungssparen mit den Dienstleistungen der Unternehmen. Auch der Tatort für Betrug und Untreue war entdeckt: Gewinn- und Verlustrechnungen und Bilanzen von Versicherungs- Aktiengesellschaften. Auf der Suche nach weiteren Erkenntnissen unternahm ich ausgedehnte Studienreisen durch Europa und Nordamerika und fand dabei eine Reihe von Tatsachen und Unterlagen, die meine Auffassung bestätigten, daß die Versicherungsprämie aufgeteilt werden müßte in einen reinen Versicherungsbeitrag und einen Preis für die Unternehmensdienstleistungen - bei Lebensversicherungen dazu noch in einen Sparanteil. In den USA schrieb ich ein kleines Büchlein "Insurance and Regulation - Services and Competition" (Versicherung und Staatsaufsicht - Dienstleistungen und Wettbewerb), das die Folgen der fehlenden Trennung von Versicherung und Unternehmensdienstleistungen darstellte und einiges Aufsehen erregte. So wurde ich zu zahlreichen Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehinterviews, zu Anhö- 18

19 rungen und Kongressen sowie zu Vorträgen eingeladen. Selbst der US-Senat wurde auf meine Thesen aufmerksam, und ein Senats- Kommittee lud mich zu einem Referat ein. Als Director of International Research arbeitete ich längere Zeit mit der National Insurance Consumer Organization der USA zusammen (eine von dem Verbraucheranwalt Ralph Nader gegründete Verbraucherschutzorganisation). Im Jahre 1980 beantragte und erhielt ich in Hamburg die gerichtliche Zulassung als Versicherungsberater. Als solcher berate ich vor allem große Firmen zu Versicherungsfragen, aber auch private Haushalte. Dabei habe ich festgestellt, daß gerade die Verbraucher immer wieder die gleichen Probleme mit ihren Versicherungen haben, insbesondere mit ihren Kapital-Lebensversicherungen und mit zu teuren, aber nicht kündbaren Zehnjahresverträgen. Das Hauptproblem war allerdings, daß es für die Bundesbürger keine neutralen Informationen gab, weil Gesellschaften und Vertreter ein Informationsmonopol besaßen und dieses ausgiebig für Falschinformationen nutzten nach der Devise: Wer dumm ist darf betrogen werden. Und Dummheit ist der billigste Rohstoff, aus dem Geld gemacht werden kann. Versicherung ist also mehr ein Informations- als ein Versicherungsproblem. Bei ständig gleichen Problemen und Fragen der Verbraucher und immer gleichen Auskünften meinerseits lag es nahe, zu den einzelnen Problembereichen schriftliche Informationen zu entwickeln. So schrieb ich zu allen möglichen Versicherungsproblemen ein Bündel von Merkblättern, die ich im Jahre 1981 zu einem Buch "Ratgeber Versicherung" zusammenfaßte und als solches vielen Verlagen anbot. Ich erhielt nur Absagen: Ein Buch über Versicherungen ließe sich nicht verkaufen, die Verbraucher seien daran nicht interessiert, ein zu trockenes Thema usw. Ein Verlag schrieb sogar, er könne ein solches Buch mit Rücksicht auf die Versicherungsbranche nicht verlegen, weil diese ein großer Kunde des Verlages sei. Weil das Buch nun einmal geschrieben war, gründete ich im Jahre 1982 einen Eigenverlag und ließ Exemplare drucken, von denen ich auch einige an die Medien verschickte. Einige Zeitschriften gaben dem Buch so gute Kritiken, daß die erste Auflage innerhalb eines Monats vergriffen war. Und mit monatlichen Verkaufszahlen von Exemplaren ging es weiter. Dann meldeten sich natürlich die Verlage und waren plötzlich an der Übernahme des 19

20 "Ratgeber Versicherung" und an weiteren Büchern interessiert. So habe ich inzwischen fünf weitere Ratgeber geschrieben, davon im Heyne Verlag den "Ratgeber Lebensversicherung", "Ratgeber Krankenversicherung", "Versicherungsratgeber für Geschäft und Beruf" und den 500-seitigen "VERSICHERUNGSRATGEBER". Diese und andere Bücher sowie von mir verfaßte Broschüren haben derzeit eine Gesamtauflage von weit über eine Million Exemplare erreicht. Die Bücher und Broschüren haben sicher einiges bewegt. Doch war mir und einigen engagierten Mitstreitern klar geworden, daß bei den gravierenden Mißständen im Versicherungswesen eine Interessenvertretung der Versicherten vonnöten war. So gründeten wir im Jahre 1982 in Hamburg den Bund der Versicherten (BdV), dessen Geschäftsführer ich wurde. Bereits im Jahre seiner Gründung wurde dem als gemeinnützig anerkannten Verein von einer aus sieben Journalisten bestehenden Jury der "Verbraucherpreis 1982" zugesprochen - wie es in der Begründung heißt - "für seine Bemühungen, durch Veröffentlichungen, sachliche Beratungen und mutige Informationen Transparenz in das Dickicht der Versicherungen zu bringen". Durch Öffentlichkeitsarbeit und Informationen hat der Bund der Versicherten sicher dazu beigetragen, daß im Versicherungswesen einige Veränderungen und Verbesserungen zugunsten der Verbraucher vorgenommen wurden. Neben der Beratung der inzwischen fast Mitglieder führt der BdV auch eine Reihe von Prozessen und Verfassungsbeschwerden zu Grundsatzfragen des Versicherungswesens. Ein langer Kampf um Recht und Wettbewerb im Versicherungswesen Während meines nun schon über zehnjährigen "Kampfes" gegen die Mißstände im Versicherungswesen habe ich erkannt und gelernt, wie schwer es auch in einem demokratischen Rechtsstaat ist, rechts- und wettbewerbswidrige Zustände anzugreifen und zu Fall zu bringen. Das umsomehr, wenn sich diese Verhältnisse über Jahrzehnte erhalten und zu Milliardenverlusten der Bürger geführt haben. Die Reaktion vieler auf meine Kritik waren Ungläubigkeit und Zweifel: "Das darf doch nicht wahr sein" oder "Das kann es in einem Rechtsstaat mit sozialer Marktwirtschaft doch nicht geben". Darüber hinaus werfe ich den Verantwortlichen - Regierungen, Politikern, Beamten 20

21 und Wissenschaftlern vor, daß sie versagt haben. Selbst wenn die Argumente überzeugen: Welcher Einsichtige gibt sein Versagen schon gerne zu und übernimmt damit gleichzeitig auch noch die Mitschuld an den Milliardenverlusten der Bürger? - Das ist ja gerade die große "Leistung" der von Aktiengesellschaften beherrschten Branche: Sie hat eine unvorstellbare Globalstrategie entwickelt und seit Jahrzehnten nahezu alle demokratischen Kontrollorgane mit Lobbyisten besetzt oder manipuliert. Sie hat die demokratische, rechtsstaatliche und marktwirtschaftliche Ordnung korrumpiert, Politiker und Beamte unter ihren Einfluß gebracht und - mit Hilfe einer hauseigenen Wissenschaft - indirekt auch die Gesetzgebung und Rechtsprechung beeinflußt. Die größte Ironie ist dabei, das dies alles mit objektiv veruntreutem Geld der Versicherten gegen die Verbraucher geschehen ist. Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen, Dr. Friedrich Voss, schreibt am , für gesetzgeberische Maßnahmen wolle er nicht eintreten: "Das wäre ein Schritt hin zur staatlichen Wirtschaftslenkung. Die führt aber nicht zu besseren Zuständen, wie uns gerade jetzt wieder besonders deutlich wird." - Vielen Verantwortlichen ist genau diese Meinung von Branchenfunktionären und Lobbyisten beigebracht worden: "Wenn Ihr verhindert, daß wir anvertrautes Versichertengeld beim Ausgleich von Verlusten und als Gewinn verwenden können, dann ist das Verstaatlichung oder Wirtschaftslenkung - wie in den sozialistischen Staaten." - Kaum jemand erkennt, daß Versicherung - als gegenseitige Hilfe innerhalb einer Versichertengemeinschaft - nichts mit Marktwirtschaft und Wettbewerb zu tun haben kann und daß der Mißbrauch anvertrauter Gelder in den Bereich des Strafrechts fällt. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Ich habe nichts gegen Gewinne - im Gegenteil! - Sie müssen nur im Wettbewerb erzielt werden. Weil das bei Versicherungsgesellschaften nicht der Fall ist, kämpfe ich - wie dieses Buch zeigt - für das Funktionieren von Marktwirtschaft und Wettbewerb im Versicherungswesen. Ein Wandel ist sicher nicht mit den alten Köpfen möglich, sondern "neue Köpfe braucht das Land" - vor allem unter den Beamten und Wissenschaftlern. Dann würden sicher Regierungen, Gesetzgeber und Richter anders handeln und entscheiden als bisher. Deshalb halte ich Öffentlichkeitsarbeit, also die Aufklärung der Bürger, für ungeheuer wichtig. Informationen über die Mißstände und über das Versagen von Politikern, Beamten und Wissenschaftlern könnten 21

Das Versicherungs(un)wesen

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