Beitrag: Um die Rendite gebracht Lebensversicherer kürzen Überschüsse

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1 Manuskript Beitrag: Um die Rendite gebracht Lebensversicherer kürzen Überschüsse Sendung vom 18. März 2014 von Anke Becker-Wenzel Anmoderation: Die Krise ist eine feine Sache. Den Versicherungskonzernen jedenfalls passt sie ganz gut in den Kram. Denn so können die Unternehmen prima das Gerücht verbreiten, sie seien notleidend: miese Lage am Kapitalmarkt. Und historisch niedrige Zinsen noch dazu. Wie soll man den Kunden da noch an Gewinnen beteiligen? Doch hinter der Jammerei steckt etwas anderes: Rücklagen für spätere Zeiten, zu denen die Versicherungen gesetzlich verpflichtet wurden, zwacken sie schon heute von der Auszahlung ab. Der Kunde kann solche Rechentricks unmöglich durchschauen berichtet Anke Becker-Wenzel. Text: Peter Köbel erhält einmal im Jahr einen Bescheid von seiner Lebensversicherung. Darin steht, wie viel er eingezahlt hat und wie viel er garantiert ausgezahlt bekommt. Und es steht auch da, wie hoch seine Überschussbeteiligung ist. Doch Peter Köbel hat festgestellt, dass seine Überschussbeteiligung zuletzt immer geringer wurde Euro weniger allein in den vergangenen drei Jahren. O-Ton Peter Köbel, Versicherungskunde: Man traut sich ja kaum das dann hochzurechnen, wenn ich mir überlege, in drei, vier Jahren hat sich die Summe vielleicht verdoppelt, dann bleibt bis zum Ablauf der Versicherung nur noch die Garantiesumme übrig. Und man hat ja eigentlich immer damit gerechnet, dass das das absolute Minimum ist, und man in Wirklichkeit wesentlich mehr bekommt. Das hat auch die Versicherung eigentlich auch immer zumindest suggeriert. Wie Peter Köbel haben Millionen eine Lebensversicherung abgeschlossen, hofften dadurch auf ein ordentliches Plus im Alter, aktuell gibt es über 90 Millionen Verträge in Deutschland.

2 Die Finanzexpertin Barbara Sternberger-Frey hat für die Verbraucherzeitschrift Ökotest 70 Geschäftsbilanzen geprüft und rund 100 Lebensversicherungsverträge untersucht, auch den von Peter Köbel. Also ein Einzelfall ist dieser Vertrag nicht, er ist insofern signifikant, als dass die Überschussbeteiligung von Jahr zu Jahr zurückgeht und gleichzeitig auch die Kundeninformationen so verwirrend und immer wieder anders ausfallen, dass ich als Kunde eigentlich überhaupt nicht mehr überprüfen kann, was ist mir sicher an meinem Vertrag, was wird mir voraussichtlich noch sicher sein und was steht eventuell in den Sternen. Seit Jahren erklärt die Versicherungsbranche die gesunkenen Garantie- und Überschussbeträge gerne mit dem extrem niedrigen Zinsniveau in Deutschland. Doch die Finanzexpertin hält das für ein vorgeschobenes Argument. Die Branche im Schnitt erwirtschaftet noch locker alle Garantiezinsen, die sie zugesagt hat. Die ist nicht in Not, dass sie die nicht mehr bezahlen könnte. Ganz im Gegenteil, sie haben eine vergleichsweise gute Rendite erzielt, allein aus Kapitalanlagen, und dann kommen ja noch Risikogewinne dazu und Kostengewinne dazu. Also, die Branche steht vergleichsweise gut da. Das belegen auch offizielle Zahlen: Danach sind die Überschüsse der Versicherer in zehn Jahren trotz kurzfristiger Einbrüche deutlich gestiegen. Von rund 5,2 auf 14,7 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass so mancher Versicherer seinen Aktionären höhere Dividenden auszahlt, wie zum Beispiel aktuell die Allianz. Wir sehen sehr viele Unternehmen, denen es ausgesprochen gut geht. Zum Teil steigen die Dividenden massiv an. Ich kenne kein Unternehmen, bei dem die Dividenden tatsächlich zusammengestrichen werden, an die Aktionäre. Den Versicherungsunternehmen geht es prächtig, nur den Kunden geht es schlecht. Der Grund dafür: Die Versicherer selbst weisen ihren Überschuss niedriger aus statt der 14,7 nur noch mit. 9,7 Milliarden Euro. Die Differenz sind die Rückstellungen, sogenannte Zinszusatzreserven. Ein politisch geforderter Sicherheitspuffer um Zahlungsausfällen vorzubeugen. Nur die Kunden haben davon erst einmal nichts.

3 Für jeden einzelnen Vertrag werden hohe Mittel beiseitegelegt, um so zu tun, als würde dieser Vertrag zukünftig mit einem niedrigeren Garantiezins geführt werden. Das kostet Geld, um diese Zinszusatzreserven zu bilden. Diese Gelder werden aber aus den Überschüssen genommen. Das heißt, die Kunden bekommen weniger Überschussbeteiligung, damit diese Reserven gebildet werden. Kritiker sagen: Den Kunden würden mit dem Argument Sicherheit systematisch ihnen zustehende Gelder vorenthalten. Der Gesamtverband der Versicherer will sich zu dem Vorwurf nicht vor der Kamera äußern, widerspricht dem aber schriftlich: Für die Beteiligung an den Überschüssen gäbe es, Zitat: ganz klare gesetzliche Vorschriften. Die Versicherten werden entsprechend dieser gesetzlichen Regeln und den anerkannten Regeln der Versicherungsmathematik an den Überschüssen beteiligt. Ich finde, das ist überhaupt keine faire Beteiligung. Vor allen Dingen haben wir im Unternehmen verschiedene Überschusstöpfe, wo Geld für die Kunden drin sein soll, aber es fehlt an verbindlichen Regeln, wie sie auch wirklich dran beteiligt werden. Und so kann es passieren, dass mein Vertrag ausläuft, und Geld, das mit meinen Beiträgen erwirtschaftet wurde, gar nicht an mich zurückgeflossen ist. Das darf eigentlich nicht sein. Hinzu kommt die fehlende Transparenz. Für Kunden wie Peter Köbel wird es immer schwieriger zu beurteilen, ob sie tatsächlich bekommen, was ihnen anteilig zusteht, zum Beispiel aus einem dieser vielen Überschusstöpfe, den sogenannten Bewertungsreserven: Die Bewertungsreserve von einem Wertpapier ist die Differenz zwischen dem sogenannten Bilanzwert und dem Wert, mit dem man das Papier heute wirklich tatsächlich verkaufen könnte. Also: Sie haben vor ein paar Jahren eine Aktie für 100 Euro gekauft, die Aktie ist heute 150 Euro wert, dann stecken in dieser Aktie 50 Euro Bewertungsreserven. Das Bundesverfassungsgericht hat schon 2005 entschieden, die Versicherten sollten stärker an diesen Bewertungsreserven beteiligt werden. Das kann der Ingenieur Bernd Haberland in seinem Vertrag nicht

4 nachvollziehen. Dabei ist er einer der ersten Rentner der von dieser Änderung hätte profitieren müssen. O-Ton Bernd Haberland, Versicherungskunde: Ich kann mir vorstellen, was die Bewertungsreserven bei der Versicherung sind, aber wissen, tu ich es nicht. Wie hoch sie sind und was da reinfließt, weiß ich alles nicht. Und das ist eben auch diese Intransparenz. Und insofern kann ich auch gar nicht beurteilen, wie viel man davon eigentlich hätte kriegen müssen wurde seine Versicherung ausgezahlt, rund Euro mit Bewertungsreserve. Bernd Haberland kann nicht überprüfen, ob der Betrag für die Bewertungsreserve anteilig richtig berechnet ist. Sicher aber ist, in den Bescheiden der Vorjahre, waren die Überschussbeträge fast genauso hoch ohne Bewertungsreserve. Er ist enttäuscht: O-Ton Bernd Haberland, Versicherungskunde: Das war auch ein Grund, dass ich am Ende mehr erwartet hatte, als ich gekriegt habe, denn da sollte ja zusätzlich etwas kommen. Das macht die Branche nicht nur bei dem Vertrag von Herrn Haberland so, sondern das macht sie bei rund zwei Drittel aller Verträge in der Branche so, dass praktisch für die neue Beteiligung an den Bewertungsreserven, wo den Kunden auch teilweise schriftlich mitgeteilt wurde, ihr bekommt hier Extrageld, das hörte sich ja klasse an. Aber in Wirklichkeit gibt es nicht mehr, weil stattdessen andere Überschussbausteine gekürzt werden. Obendrein versucht die Versicherungsbranche Einfluss auf die Politik zu nehmen. Kunden sollten künftig weniger an den Bewertungsreserven beteiligt werden. Als Begründung: noch mehr Sicherheitspuffer für künftige Auszahlungen. O-Ton Lars Gatschke, Verbraucherzentrale Bundesverband: Hier haben wir eine Diskrepanz. Die Verzinsung nimmt immer mehr ab, die Stabilität nimmt zu. Und hier muss dafür gesorgt werden, dass ein fairer Interessenausgleich zwischen den Interessen des Versicherungsunternehmens und des Versicherungsnehmers getroffen wird, indem er zeitnah und angemessener an den Überschüssen beteiligt wird. Millionen Versicherte wie Bernd Haberland und Peter Köbel sehen Ihre Zusatzabsicherung fürs Alter gefährdet, sehen sich um die versprochene Rendite gebracht.

5 Abmoderation: Natürlich ist es sinnvoll, Lebensversicherungen gesetzlich zu zwingen, dass sie krisensicher wirtschaften. Davon aber müssen dann auch die Versicherten etwas haben. Zur Beachtung: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der vorliegende Abdruck ist nur zum privaten Gebrauch des Empfängers hergestellt. Jede andere Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Urheberberechtigten unzulässig und strafbar. Insbesondere darf er weder vervielfältigt, verarbeitet oder zu öffentlichen Wiedergaben benutzt werden. Die in den Beiträgen dargestellten Sachverhalte entsprechen dem Stand des jeweiligen Sendetermins.

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