Noch ein Glas: Wann beginnt Alkoholsucht und wie steuert man dagegen an?

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1 Gesundheitsgespräch Noch ein Glas: Wann beginnt Alkoholsucht und wie steuert man dagegen an? Sendedatum: Experten: Prof. Joachim Körkel, Psychologe, Evangelische Hochschule Nürnberg, Institut für Innovative Suchtbehandlung und Suchtforschung Prof. Oliver Pogarell, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig- Maximilians-Universität München, Leiter der Abteilung für Substanzabhängigkeit von: Beate Beheim-Schwarzbach Alkohol: Therapie gegen die Sucht Jeder Mensch kann alkoholkrank werden. Denn schon nach kurzer Zeit wird möglicherweise aus einem Alkoholmissbrauch eine Abhängigkeit - die Übergänge sind fließend. Eine Reihe Alkoholkranker schafft es aber, mit Hilfe von Programmen des kontrollierten Trinkens oder der Abstinenz von der Sucht wieder los zu kommen. Alkohol schädigt Wer über einen langen Zeitraum regelmäßig Alkohol trinkt, kann nahezu alle Organsysteme des Körpers schädigen, vor allem - die Leber, - das Herz-Kreislauf-System, - den Magen-Darm-Trakt und - die Stoffwechselfunktionen. Darüber hinaus wirkt Alkohol auf Nervensystem und psychische Funktionen und kann zu Abhängigkeit oder Sucht führen. Aus medizinischer Sicht ist Alkoholsucht eine chronische Krankheit. Alkohol wirkt im Gehirn Alkohol zählt zu den Substanzen, die im Gehirn auf das Belohnungssystem wirken, das ist ein Netzwerk verschiedener Nervenzellensysteme und - verbindungen. Dort löst Alkohol ein positives Erleben oder eine positive Erwartung aus. Sucht nach Positivem Da diese Nervenzellensysteme im Gehirn stark an das Gedächtnissystem gekoppelt sind, kann bei Alkoholsucht der Wunsch nach einer ständigen Wiederholung der positiven Empfindungen oder Erwartungen auftreten. Bei manchen Patienten schleicht sich auch ein Kreislauf ein, der sich immer weiter verstärkt. 1

2 Umbau des Gehirns Wer alkoholabhängig ist, bei dem ist die Balance des Gehirns beeinträchtigt. Im weiteren Verlauf der Krankheit kann es zu Anpassungs- und Umbauvorgängen im Gehirn kommen, und schlimmstenfalls kann das Gehirn nur noch mit Hilfe von Alkohol normal funktionieren. Abhängigkeit: Wann beginnt Alkoholsucht? Ein starker Drang nach Alkohol und Entzugssymptome, wenn man nichts trinkt, - das sind zwei der Kriterien für Alkoholsucht aber es gibt noch mehr. Eine Sucht liegt vor, wenn mindestens drei der folgenden sechs Kriterien (ICD-10) erfüllt sind: - Starker innerer Drang oder Zwang zum Konsum - Verminderte Kontrollfähigkeit über Beginn, Ende und Menge des Konsums - Gewöhnung (Toleranzentwicklung) - Körperliche Entzugssymptome, falls das Suchtmittel nicht verfügbar ist. - Zunehmende Vernachlässigung anderer Interessen - Anhaltender Konsum entgegen besserem Wissen Starker innerer Konsumdrang und Kontrollverlust Unter Konsumdrang verstehen Mediziner das oft plötzlich einsetzende Bedürfnis nach Alkohol und den starken Wunsch, mit seiner Hilfe möglichst rasch entweder ein Gefühl des Wohlbefindens oder der Sedierung (Beruhigung) zu erreichen. Kontrollverlust bedeutet, dass alkoholabhängigen Menschen den Konsum nicht mehr beenden, also keine Kontrolle mehr ausüben können. Es fällt ihnen schwer, eine Grenze zu ziehen. Körperliche Entzugssymptome Im Laufe einer Abhängigkeit entwickeln Körper und Gehirn des Patienten eine Gewöhnung oder Toleranz gegenüber Alkohol. Das heißt, um die gleiche Wirkung zu erzielen, benötigt man immer höhere Mengen. Steht dann irgendwann kein Alkohol zur Verfügung, oder man möchte aufhören zu trinken, gelingt das möglicherweise schon aus körperlichen Gründen nicht, da der Körper mit sogenannten Entzugssymptomen wie Unruhe, Schwitzen, Zittern und Kreislaufstörungen reagiert. Bei schwerer Abhängigkeit können im Entzug auch lebensbedrohliche Symptome auftreten. Vernachlässigung und Konsum gegen besseres Wissen Ein weiteres mögliches Kriterium für eine Abhängigkeit ist die Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Konsums von Alkohol. Dabei geraten berufliche oder familiäre Verpflichtungen oder auch persönliche Belange wie z.b. die Sorge um eine gesunde Ernährung oder die Körperpflege immer mehr ins Hintertreffen, und der Zwang zum Trinken dominiert alles. Alkoholabhängig ist auch, wer weiter trinkt, obwohl es ihm schlecht geht. Bayern 2-Hörerservice Bayerischer Rundfunk, München Service-Nummer: 01801/ (4 Cent/Min. aus dem deutschen Festnetz/ Mobilfunk max. 42 Cent/Min.) Fax: 089/ Dieses Manuskript wird ohne Endkorrektur versandt und darf nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Jede andere Verwendung oder Veröffentlichung ist nur in Absprache mit dem Bayerischen Rundfunk möglich! Bayerischer Rundfunk

3 Linktipp: Selbsttest Wer herausfinden will, ob er zu viel trinkt, kann dies mit einem Selbsttest der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) tun: Grenzwerte und Selbstbeobachtung Der riskante Konsum von Alkohol beginnt gemäß der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen bei Männern etwa bei einer 0,5l Flasche Bier (20 bis 24 g reiner Alkohol) pro Tag, bei Frauen ist es die Hälfte. Deswegen sollte man sich fragen, wie hoch ist meine Trinkmenge und wenn ich nicht trinke, verspüre ich körperliche Symptome wie Zittern? Solche Frühzeichen sollte man ernst nehmen. Ursachen der Sucht: Warum trinkt man Alkohol? Alkohol hat in Deutschland eine lange Tradition und durchaus eine gesellschaftliche Bedeutung. Manche trinken in geselliger Runde Alkohol, um locker zu werden. Andere trinken, um sich in einer aufregenden Situation zu beruhigen. Wer besonders empfänglich oder vorbelastet ist, bei dem können sich diese Verhaltensmuster und Gewohnheiten verselbständigen, d.h. im weiteren Verlauf entwickelt sich eine Toleranz, das positive Erleben stumpft ab und man benötigt immer mehr Alkohol, um "zu funktionieren". Alkohlabhängigkeit ist eine multifaktorelle Erkrankung Wie bei allen psychischen Erkrankungen gibt es auch bei der Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit mehrere auslösende Faktoren. Prof. Oliver Pogarell: Eine Abhängigkeit entsteht nicht aus sich selbst heraus, sondern es handelt sich um eine multifaktorelle Erkrankung. Es lassen sich verschiedene an der Abhängigkeitsentwicklung beteiligte Faktoren unterscheiden, darunter: - Umwelt und psychosoziale Faktoren - Verfügbarkeit und Umgang der Gesellschaft mit dem Suchtmittel - genetische Faktoren Umweltfaktoren beeinflussen die Sucht Dazu zählen Mediziner zum Beispiel Familie, Gesellschaft und die sozialen Gruppen, in denen sich ein Patient bewegt. Je nachdem, welche Rolle Alkohol dort spielt, ob viel oder wenig getrunken wird, kann das entweder animierend oder abschreckend wirken. Das Suchmittel muss zur Verfügung stehen Alkohol ist in Deutschland kulturell bedingt ein gesellschaftlich akzeptiertes Genussmittel, das stark beworben wird und nahezu überall verfügbar ist. Wer in geselliger Runde keinen Alkohol trinken möchte, muss sich unter Umständen sogar rechtfertigen und seine Abstinenz begründen. Rolle der Gene Doch nicht jeder wird deswegen automatisch alkoholabhängig. Mediziner wissen, dass viele Abhängige eine bestimmte genetische Voraussetzung 3

4 mitbringen können, d.h. ihr Belohnungssystem reagiert auf Alkohol besonders stark. Alkoholabhängigkeit entwickelt sich langsam Alkoholsucht entwickelt sich nicht auf einen Schlag, sondern ist Folge eines langjährigen Prozesses. Wie lange sich der hinzieht, hängt von verschiedenen Bedingungen ab, z.b. der genetischen Veranlagung, dem Suchtstoff und Dauer und Menge des Konsums. Auch psychosoziale Faktoren spielen eine Rolle. Prof. Oliver Pogarell: Körperliche Probleme können sich ebenfalls im Verlauf der Jahre entwickeln. Risikofaktoren Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Risikofaktoren. Gefährdet für Alkoholsucht sind u.a. - Personen, in deren Herkunftsfamilie bereits Alkoholkranke leben und - Personen, die große Mengen Alkohol ohne Probleme vertragen und auch nach mehreren Gläsern nicht stark sediert (müde) sind und kaum Beeinträchtigungen verspüren. Therapie: Raus aus der Sucht Um die Alkoholabhängigkeit zu behandeln, gibt es unterschiedliche, sich ergänzende Therapieansätze. Egal, für welche man sich entscheidet, eine wichtige Voraussetzung ist die eigene Motivation und der Wille, die Abhängigkeit wirklich loswerden zu wollen. Die Motivation aufrecht zu erhalten, ist bei allen Suchtkrankheiten schwierig, weil die Suchtmittel über viele Jahre auch immer wieder mit positiven Erfahrungen verbunden waren. Prof. Oliver Pogarell: "Entscheidend ist es für die Betroffenen zu wissen - und schließlich auch zu erfahren, dass man gegen die Sucht ansteuern und diese Störung behandeln kann." Abstinenz vs. Trinkmengenreduktion Bei schweren Abhängigkeitserkrankungen mit Kontrollverlust ist in der Regel das langfristige Ziel, abstinent zu werden. Vielen Menschen fällt jedoch der Einstieg schwer, sie kommen möglicherweise leichter damit zurecht, zuerst einmal ihre Trinkmenge zu reduzieren. Führende Suchtmediziner raten deswegen heute sowohl zu Abstinenzprogrammen als auch zu Trinkmengen- Reduktionsprogrammen, beides kann sich ergänzen. Verhaltensänderung Alkoholabhängige haben sich über Jahre oder Jahrzehnte hinweg ein bestimmtes Trinkverhalten angewöhnt, das einen zentralen Stellenwert in ihrem Leben einnimmt. Laut Untersuchungen ist für etwa die Hälfte von ihnen zunächst die Vorstellung undenkbar, überhaupt keinen Alkohol mehr trinken zu dürfen. Für sie kann der Einstieg in die Therapie über eine Trinkmengenreduktion eine Chance sein, ihr Verhalten zu ändern und somit ihr Krankheitsrisiko zu vermindern. Bayern 2-Hörerservice Bayerischer Rundfunk, München Service-Nummer: 01801/ (4 Cent/Min. aus dem deutschen Festnetz/ Mobilfunk max. 42 Cent/Min.) Fax: 089/ Dieses Manuskript wird ohne Endkorrektur versandt und darf nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Jede andere Verwendung oder Veröffentlichung ist nur in Absprache mit dem Bayerischen Rundfunk möglich! Bayerischer Rundfunk

5 Rückfall in alte Lebensgewohnheiten Allerdings gelingt es nicht allen, diese Begrenzung langfristig durchzuhalten. Manche fallen Monate oder Jahre später wieder in ihr altes Muster zurück, so wie bei allen anderen chronischen Erkrankungen. Mit einem Rückfall fertig zu werden, hat viel mit dem eigenen Denken zu tun. Prof. Joachim Körkel: Geht ein alkoholfrei lebender Patient davon aus, dass nach einem Ausrutscher ein Rückfall in das alte Trinkmuster vorprogrammiert sei, dann gerät er in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung hinein: Er trinkt weiter, nicht, weil er es biologisch müsste, sondern weil er von der fehlerhaften Annahme ausgeht, seinen Alkoholkonsum nicht mehr steuern zu können. Therapieerfolg Ob man beim kontrollierten Trinken Erfolg hat, oder nicht, hängt stark von zwei Faktoren ab: - Erstens der starke Wunsch, das Ziel zu erreichen. - Zweitens die Zuversicht, dass man die Fähigkeit dazu hat, wenn man seine eigene Lebenserfahrung und -situation in Betracht zieht. Psychologen sprechen in dem Zusammenhang von Selbstwirksamkeitserwartung. Kontrolliertes Trinken: Wie funktioniert das? Genauso wie man sich beim Essen die Menge kontrollieren kann, funktioniert es auch beim Alkoholtrinken: Man legt zum Beispiel für eine Woche fest, ob und wenn ja wie viel Alkohol man trinken möchte. Wichtig dabei ist, dass der Betroffene das Ausmaß der Reduktion selbst festlegt und den Alkoholkonsum schrittweise in einem für ihn umsetzbaren Tempo verringert. Prof. Joachim Körkel: Wer Schritt für Schritt reduziert, kann auf diesem Wege seine Abhängigkeit überwinden oder erkennen, dass Abstinenz für ihn das realistischere Ziel ist. Tipp: Zielgrößen festlegen Sinnvoll sei es laut Prof. Körkel, drei konkrete Ziele für die jeweils nächste Woche festzulegen: - Wie viele Tage will ich keinen Alkohol trinken? - Wie hoch soll die Höchstmenge pro Tag sein? - Und wie hoch der Konsum in der ganzen Woche? Diese Ziele kann man von Woche zu Woche verändern und sich überlegen, welche Strategien dabei hilfreich sein könnten. Regel: Alkoholmenge berechnen Gezählt wird der Alkoholkonsum in Standardeinheiten : 20 Gramm sind eine Einheit. Das entspricht einer Flasche Bier (0,5 l) oder einem Glas Wein (0,2) oder drei einfachen Schnäpsen. Pro und contra kontrolliertes Trinken Während in der Medizin lange Jahre die Auffassung vorherrschte, nur völlige Alkoholabstinenz sei für Betroffene eine gangbare Therapie, ist man heutzutage ein bisschen lockerer geworden. Es gilt den individuellen Weg zu finden aber dahinter darf sich natürlich keine Mogelpackung verbergen. 5

6 Prof. Oliver Pogarell: Wir müssen das anerkennen, was die Patienten für sich in der jeweiligen Situation als angemessen annehmen können. Trinkmenge und gesundheitliche Gefährdung Je mehr Alkohol man trinkt, desto mehr schädigt man seinen Körper - deswegen ist es sinnvoll, die Menge zu begrenzen. Je mehr das gelingt, desto geringer ist das eigene körperliche und psychische Krankheitsrespektive Sterberisiko. Über kontrolliertes Trinken zur Abstinenz? Studien über kontrolliertes Trinken zeigen, dass zehn bis 30 Prozent der Teilnehmer an Programmen zum kontrollierten Trinken im Laufe der Zeit abstinent werden. Für manche Patienten ist der Weg also gangbar. Andere jedoch erleiden selbst nach zehn bis fünfzehn Jahren einen Rückfall, weil das Gehirn die alten Verhaltensmuster immer noch kennt. Prof. Joachim Körkel: Dies ist jedoch beim Anstreben der Abstinenz genauso: Rückfälle sind bei beiden Zielen (kontrolliertes Trinken oder Abstinenz) zu erwarten. Kontrolliertes Trinken lernen Wer möchte, kann kontrolliertes Trinken in Gruppen oder im Einzelgespräch über zehn Sitzungen lernen, andere machen es lieber alleine. Unterstützung von aussen kann aber sinnvoll sein, um sich gegenseitig zu unterstützen, voneinander zu lernen und am Ball zu bleiben. Trinkpausen einlegen? Wer meint, zum Beispiel vierzehn Tage keinen Alkohol zu trinken und damit seinem Körper eine Erholungsphase zu verschaffen, der liegt falsch. Jede Schädigung hinterlässt Spuren und Narben und irgendwann ist die Reservemöglichkeit des Körpers erschöpft, sagt Oliver Pogarell. Die Leber hat zwar eine gute Möglichkeit, sich zu erholen, doch das ist nur über einen längeren Zeitraum möglich. Medikament, um kontrolliert zu trinken? Seit September 2014 ist das Medikament Nalmefen auf dem Markt, das als Anti-Alkoholpille vermarktet wird. Allerdings soll es nur verschrieben werden, um Patienten zur Abstinenz zu bringen dies ist nach den vorliegenden Studienergebnissen jedoch gar nicht zu erwarten. Außerdem hat es erhebliche Nebenwirkungen. Prof. Joachim Körkel weist darauf hin, dass solche Tabletten möglicherweise bei einigen Alkoholabhängigen einen kleinen Zusatznutzen zu Programmen zum kontrollierten Trinken haben könnte - mehr aber nicht. Bayern 2-Hörerservice Bayerischer Rundfunk, München Service-Nummer: 01801/ (4 Cent/Min. aus dem deutschen Festnetz/ Mobilfunk max. 42 Cent/Min.) Fax: 089/ Dieses Manuskript wird ohne Endkorrektur versandt und darf nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Jede andere Verwendung oder Veröffentlichung ist nur in Absprache mit dem Bayerischen Rundfunk möglich! Bayerischer Rundfunk

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