ABHÄNGIGKEIT / SUCHT

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1 ABHÄNGIGKEIT / SUCHT Nach ICD 10 werden Störungsbilder, die durch Abhängigkeit bzw. Sucht entstehen in der Kategorie psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (F10- F19) eingeordnet. Dieser Abschnitt enthält eine Vielzahl von Störungen unterschiedlichen Schweregrades und verschiedener klinischer Erscheinungsbilder; die Gemeinsamkeit besteht im Gebrauch einer oder mehrerer psychotroper Substanzen (mit oder ohne ärztliche Verordnung). Definitionen/Begriffe Süchtige Fehlhaltung: Voraussetzung für die Abhängigkeit, die sich in dem Bestreben äußert, aus der unerträglich erscheinenden Realität in eine Scheinwelt zu flüchten. Missbrauch (Definition ist soziokulturell verschieden): Allein auf die Wirkung abzielender Genuss von Drogen, z.b. von Alkohol, außerhalb der ethischen, sozialen, juristischen Toleranzen, die die Gesellschaft vorgibt. Missbrauch kann quantitativ (zu viel), aber auch qualitativ definiert sein (Konsum von Drogen in falschen Situationen, z.b. Alkohol am Arbeitsplatz). Er kann unter besonderen Bedingungen beginnen (z.b. Belastungs- oder Konfliktsituation), aber auch ohne besonderen Anlass etwa aus Nachlässigkeit, Neugier und Leichtsinn). Er kann exzessive Züge haben oder kontinuierlich vorhanden sein anfangs mit geringen, sich langsam steigernden Mengen. Sucht und Habituation: Bis 1964 unterschied die WHO zwischen Gewöhnung (Habituation) und Sucht. Dem Missbrauch eines Stoffes folgt die Habituation (Gewöhnung). Ihre psychische Komponente entspringt der süchtigen Fehlhaltung. Der Konsum wird zur Gewöhnung, bei der sich Rituale bzw. Konditionierungen entwickeln können, die den Missbrauch aufrecht erhalten (Stammtisch, Griff zum Tranquilizer bei Unruhe etc.). Außerdem entsteht eine körperliche Gewöhnung. Der Organismus gewinnt bei regelmäßiger Zufuhr des Giftes/Stoffes die Fähigkeit, immer größere Mengen zu metabolisieren und scheinbar reaktionslos zu vertragen. Mit der Gewöhnung entsteht die Sucht. Zwischen Sucht (siech = krank) und Gewöhnung besteht nach dieser Definition also kein grundsätzlicher Unterschied, sondern nur ein gradueller. So führte die WHO 1964 den Begriff Abhängigkeit ein, bei dem diese Unterscheidung nicht mehr gemacht wird. Suchtmittel: Als solche eignen sich Medikamente und Drogen, die eine Änderung der Bewusstseinslage und eine Euphorie, gelegentlich auch eine Veränderung der Erlebnisfähigkeit bewirken. Pharmaka, die solche Merkmale nicht aufweisen (z.b. Neuroleptika und Antidepressiva) führen nicht zur Abhängigkeit. Suchtpotenzial/Abhängigkeitspotenzial: Fähigkeit einer chemischen Substanz, Abhängigkeit zu erzeugen. Substanzen mit hohem Suchtpotenzial führen bei einem hohen Prozentsatz der Benutzer zur Abhängigkeit. Z.B. hat Heroin ein hohes Suchtpotenzial (Abhängigkeit schon nach 2-3 Injektionen möglich), Alkohol ein geringes (nur etwa 5-10% der Menschen, die regelmäßig trinken, werden abhängig). Abhängigkeit Weltweite Definition der WHO: Im Gegensatz zur Definition des Missbrauchs ein fest umrissener, für alle Kulturen gültiger, medizinischer Ausdruck. Zustand chronischer bzw. periodischer und durch wiederholten Gebrauch einer synthetischen bzw. natürlichen Droge hervorgerufener Intoxikation, wobei die Folgen dem Betroffenen und der Gemeinschaft schaden. 1

2 Psychische Abhängigkeit: zeigt sich im Nichtaufhörenkönnen. Änderungen im Verhalten würden zu psychischen Entzugserscheinungen wie Unbehagen, Missbefinden, Depressionen und Angst führen, so dass die fixierten Stoffzufuhrgewohnheiten nur schwer zu durchbrechen sind und unausweichliches Verlangen (craving) bedingen. Physische Abhängigkeit: Im Fall physischer Abhängigkeit kommt es bei Reduktion und Absetzen zu quälenden körperlichen Entzugserscheinungen mit oft schweren Störungen, die nur durch erneute Stoffzufuhr zu beseitigen sind. Entzugserscheinungen: Alle Drogen verursachen psychische Entzugserscheinungen, einige Drogen verursachen zusätzlich körperliche Entzugserscheinungen. Die Form der Erscheinungen ist von der Gruppe abhängig, in die die entsprechende Droge eingeordnet ist. Entzugssyndrom: Symptomkomplex bei absolutem oder relativem Entzug einer Substanz, die wiederholt und/oder über einen längeren Zeitraum und/oder in hohen Dosen konsumiert wurde. Wenn also Entzugserscheinungen auftreten beim Absetzen einer Substanz, die wieder verschwinden, wenn die Substanz wieder zugeführt wird, spricht man von Abhängigkeit. Sie ist dadurch charakterisiert, dass nach ihrer Entstehung ein Shift eintritt. Z.B. beim Alkohol eine Verschiebung vom der ursprünglichen Anlass des Trinkens zum Trinkenmüssen. Um den Entzugserscheinungen zu entgehen, greift der Abhängige immer wieder zum Mittel, das ihm zwar sofortige Erleichterung verschafft, andererseits aber die Abhängigkeit von der Substanz noch verstärkt. Abhängigkeit ist ein prozesshafter Vorgang, der nur schwer zu durchbrechen ist. Auch wenn sich keine körperliche Abhängigkeit entwickelt, entsteht doch ein unausweichliches Verlangen nach dem Suchtmittel und nach dem Rausch, also eine psychische Abhängigkeit. Toleranzentwicklung: Allmähliche Erhöhung der Dosis, um die gleichen Effekte zu erzielen. Es gibt zwei Arten der Toleranz (-entwicklung): Entweder arbeiten bestimmte Enzyme im Rahmen der Stoffwechselvorgänge zur Verarbeitung des Stoffes schneller oder die Rezeptoren zur Aufnahme erlahmen. Toleranzentwicklung gibt es nicht nur beim Alkohol. Bei Morphinsüchtigen kann es z.b. vorkommen, dass die Dosis um das 500fache gesteigert wird, wenn die Rezeptoren adaptiert sind. Toleranzbruch: Nach anfänglicher Toleranzsteigerung wirken plötzlich geringe Mengen des Suchtmittels sehr stark. Das kommt insbesondere bei Alkoholabhängigkeit vor. Die Leber ist dann so geschädigt, dass sie den Alkohol nicht mehr verarbeiten kann, er wirkt direkt auf das Gehirn, der Betroffene verträgt nichts mehr. Kreuztoleranz: Die Entzugserscheinungen des einen Stoffes sind durch die Gabe eines anderen Stoffes der gleichen Gruppe zu vermindern oder zu beseitigen. Kriterien der Abhängigkeit nach ICD 10 Mindestens drei der folgenden Kriterien müssen vorliegen: starkes Verlangen oder eine Art Zwang, Substanzen oder Alkohol zu konsumieren verminderte Kontrollfähigkeit körperliches Entzugssyndrom Toleranzentwicklung/Dosissteigerung Vernachlässigung anderer Interessen anhaltender Substanz- oder Alkoholkonsum trotz Nachweis schädlicher Folgen 2

3 Modellvorstellung zur Abhängigkeitsentwicklung (Ätiopathogenese) Individuum (Persönlichkeit) Süchtige Fehlhaltung, Frustrationstoleranz, Ich- Stärke, neurotische Entwicklung, genetische Faktoren, erlerntes Fehlverhalten Prämorbide Persönlichkeit Affektlabilität Reizhunger Droge Verfügbarkeit, Angebot, Dosis, Applikationsart, Suchtpotenzial, Drogenwirkung (Angstlösung, Enthemmung, Euphorisierung, Kontaktförderung) Dopamin-Freisetzung gesteigert Glutamat erzeugt Suchtgedächtnis Genetische Vulnerabilität Gebrauch Missbrauch Abhängigkeit psychisch physisch Drogenklassen/Prägnanztypen der Abhängigkeit Umwelt Broken home, elterliches Vorbild, Erziehungsfehler, Gruppenzwänge, Setting, Konsumgesellschaft, Freizeitvakuum, Konfliktsituation (Partner, Schule, Beruf), Ideologie Lern- und Konditionierungsmodelle o o o o Angenehme Empfindung Positive Verstärker Gruppenanerkennung Umweltreize konditionieren (Bier, Zigarette) Vom 1964 eingeführten Begriff "Abhängigkeit" ausgehend wurden Drogenklassen und Typen der Drogenabhängigkeit beschrieben. Je nach dem eingenommenen Stoff ergeben sich Prägnanztypen der Abhängigkeit: Alkohol-Typ - Entzugserscheinungen, Delirium Barbiturat-Typ (Gruppe der Hypnotika), Benzodiazepin-Typ (Gruppe der Tranquilizer), [bestimmte Analgetika] - Entzugserscheinungen, Delirium Morphin-Typ (Gruppe der Opiate: Heroin, Methadon, Morphium, Codein, synthetisch hergestellte Substanzen zur Schmerzbehandlung) Kokain-Typ (gehört eigentlich zur Gruppe der Psychostimulantien, wird aber auch Opiaten oder Halluzinogenen zugeordnet) Amphetamin-Typ (Psychostimulantien) Halluzinogen-Typ (LSD, Psylobsybin, Mescalin u.ä.) Cannabis-Typ (Haschisch, Marihuana) Die Klassifizierung richtet sich nach der Form der Abhängigkeit, der Art der Entzugserscheinungen (jede Drogen-Klasse verursacht bei Abhängigkeit bestimmte Entzugserscheinungen) und nach der Kreuztoleranz. Barbiturate (Hypnotika), Benzodiazepine (Tranquilizer) und Analgetika bilden mit Alkohol eine große Drogenklasse, auch wenn sie unterschiedlichen Abhängigkeits-Prägnanztypen zugeordnet sind, da sie untereinander kreuztolerant sind und 3

4 ähnliche körperlich bedingte Entzugserscheinungen verursachen (Entzugsdelirium, Krampfanfälle). Unterteilung der Drogenklassen nach ICD 10 Störungen durch Alkohol (F10) Störungen durch Opioide (F11) Störungen durch Cannabinoide (F12) Störungen durch Sedativa oder Hypnotika (F13) Störungen durch Kokain (F14) Störungen durch sonstige Stimulantien einschließlich Koffein (F15) Störungen durch Halluzinogene (F16) Störungen durch Tabak (F17) Störungen durch flüchtige Lösungsmittel (F18) Störungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum sonstiger psychotroper Substanzen (F19) Nichtstoffgebundene Abhängigkeit Abhängigkeit kommt nicht nur im Rahmen des Gebrauchs psychoaktiver Substanzen (und im Rahmen von Essen und Trinken) vor. Auch menschliche Verhaltensweisen wie Arbeit, Sport, Sexualität, Surfen im Internet und vor allem das Glückspiel können bei entsprechender Disposition abhängig machen. Im ICD 10 erscheint die Hauptform, pathologisches Glücksspiel (F63.0) im Kapitel F60 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen unter dem Abschnitt abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle (F63). Epidemiologie Je nach Quelle weisen die Zahlenangaben große Differenzen auf, aber die Tendenz zeigt, dass Alkohol das weitaus größte Problem darstellt: Der Anteil von Abhängigen in Deutschland beträgt ca. 5-7% der Bevölkerung, 3-5% (ca. 2,5 Millionen) sind alkoholabhängig, etwa 1 Million medikamentabhängig und (0,2% der Bevölkerung) sind abhängig von anderen Drogen (ca davon sind Heroinabhängige). Alkoholismus Die Alkoholkrankheit ist das sozialmedizinische Problem überhaupt, die Folgekosten betragen ca. 40 Milliarden pro Jahr. Etwa die Hälfte aller Straftaten wird unter Alkoholeinfluss verübt. In psychiatrischen Landeskrankenhäusern stellen Alkoholiker die größte Patientengruppe dar (männliche Patienten sogar 30-40%). Dominierende Altersgruppe sind die 25-55jährigen. Direkte Alkoholwirkung psychische Wirkung (wird subjektiv sehr unterschiedlich empfunden) * setzt Spannung und Angst herab * bekämpft Niedergeschlagenheit /Missbefinden * hebt schwaches Selbstwertgefühl * enthemmend * schlaffördernd körperliche Wirkung * Blutgefäße sind geweitet, daher Rötung des Gesichts (Alkoholiker haben weniger Schlaganfälle) 4

5 * Alkohol aktiviert die Nieren, erhöhte Ausschwemmung * im Magen- und Verdauungsbereich aktiviert Alkohol die Verdauungsfermente Alkoholrausch Der Alkoholrausch ist eine akute organische Psychose. a. normaler Alkoholrausch Der Alkoholrausch ist eine kurzandauernde akute organische Psychose mit folgenden Symptomen: Selbstüberschätzung Euphorie Gereiztheit Denk- und Konzentrationsstörungen verbunden mit Rededrang z.t. depressive Gestimmtheit und Suizidgefährdung Koordinationsstörungen beim Sprechen und Gehen bei stärkerem Rausch Pulsbeschleunigung Stadien des Rausches in der ersten Phase kommt es zur Enthemmung durch Blockierung des Frontalhirns, inhibitorische Funktionen werden unterdrückt Ataxien, Koordinationsstörungen beim Sprechen usw. zunehmende Ermüdung bis zum Koma, Alkohol ist ein Narkosemittel b. komplizierter Rausch Er weicht inhaltlich nicht vom normalen Rausch ab, tritt aber schon nach geringen Mengen auf, bedingt durch unterschiedliche Faktoren, z.b.: nach Toleranzbruch = nach anfänglicher Phase steigender Toleranz (Toleranzentwicklung) kommt es wieder zu steigender Sensibilität für Alkohol ("Patient verträgt nichts mehr"). Durch Leberschädigung sinkt die Eliminationsrate für Alkohol (der Abbau ist gestört). zusammen mit Medikamenten bei großer Müdigkeit bei Krankheiten c. pathologischer Rausch Alkoholbedingter Dämmerzustand. Wenn bereits im Rahmen der Alkoholkrankheit viele Gehirnzellen untergegangen sind oder wenn andere Vorschädigungen im Gehirn bestehen, kann es eher zu einem pathologischen Rausch kommen. Der Zustand beginnt schlagartig. Symptome qualitative Bewusstseinsstörung (schwere Desorientiertheit, verschobenes Bewusstsein) keine Bewusstheit über den eigenen Zustand Dysphorie schwere, unangekündigte Affekthandlungen, Affektentgleisung, exzessive Wut/Angst, Gewaltdelikte Halluzinationen partielle oder totale Amnesie Terminalschlaf 5

6 Körperliche Folgeschäden 1 Gramm Alkohol hat 7 Kalorien - er ist ein sehr energiereicher Stoff, mit dem Alkoholiker ihren gesamten Kalorienhaushalt abdecken können. Andere Nahrungsmittel werden vernachlässigt, daher kommt es zu chronischer Mangelernährung. Es fehlen Vitamine, Aminosäuren, Mineralstoffe. Gastritis (Magenschleimhautentzündung), nicht nur wegen der vermehrten Ausschüttung von Verdauungsfermenten unter Alkohol. Er führt zu einer Entzündung aller Organe, woraus andere Schädigungen folgen z.b.: Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse, evtl. mit Diabetes), Myositis (Entzündungen der willkürlichen Muskulatur), Neuropathie bzw. Polyneuropathie (Schädigung des peripheren Nervensystems, mitbedingt durch Vitamin B12-Mangel, es kommt zu Empfindungsstörungen wie Parästhesien und Anästhesien und zu Lähmungserscheinungen). Myocarditis (Herzmuskelentzündung) und cardiale Myopathie (Herzmuskelschädigung) Leberschädigungen, Zirrhose (Schrumpfung), Pfortaderstauung (Stau des venösen Blutflusses), Aszites (Gewebswasseransammlung im Bauch), Ösophagusvarizen (Krampfadern in der Speiseröhre). Zu welchem Zeitpunkt im Verlauf der Alkoholkrankheit die Leberschädigung eintritt, ist individuell sehr unterschiedlich. Gehirnschädigung (mit Alkoholdemenz) mit zerebralen Krampfanfällen Schilddrüsenschädigung, Nierenschädigung,. durch Vitamin B12-Mangel auch funikuläre Myelose (Spinalerkrankung) und perniziöse Anämie (Mangel an weißen Blutkörperchen) Die Schädigungen hängen auch von der bevorzugten Alkoholform ab. Z.B. enthalten Whisky und selbstgebrannte Schnäpse Fuselöle und Methylalkohol, die unter anderem zu Blindheit führen können. Wodka dagegen ist ein relativ reiner Schnaps. Alkoholiker sind multimorbid. Alkoholbedingte Psychosen 1. pathologischer Rausch (s. Seite 5) 2. Delirium Hauptsymptome vegetative Symptomatik, erhöhter Sympathikotonus Prädelir/Prodromalsymptome * Schlaflosigkeit * Schwitzen * feinschlägiger Tremor (Zittern) * Blutdruck erhöht * Tachycardie (Herzfrequenz erhöht) Bewusstseinsstörungen * quantitativ, Somnolenz bis Koma * qualitativ, Desorientiertheit Unruhe, Angst Halluzinationen * optisch: Mikrohalluzinationen, szenische Halluzinationen * taktil, es kommt zum Flusensammeln und Nesteln * akustisch erhöhte Suggestibilität Amnesie für die Dauer des Zustands 6

7 Verlauf Das Alkoholdelirium beginnt als Entzugsdelir, wenn der Alkohol weggelassen wird Gelegenheitsdelir, Delir ohne Entzug, es entsteht bei körperlichen oder psychischen Krankheiten oder Traumata, Symptome wie Entzugsdelir. (Als akute Therapie bräuchte der Patient mehr Alkohol). Kontinuitätsdelir, tritt ohne Entzug und ohne erkennbare Ursache auf. Das Entzugsdelir beginnt meist am 3. oder 4. Tag der Abstinenz mit der vegetativen Symptomatik (Tremor, Bluthochdruck), entwickelt sich über Stunden bzw. Tage mit einer abendlichen Verschlechterung und dauert 3-7 Tage. Die Hälfte aller Delirien beginnen mit einem zerebralen Krampfanfall als Initialzündung. Aufgrund der Bewusstseinsstörungen kommt es zu partieller oder totaler Amnesie. Es handelt sich um einen lebensbedrohlichen psychiatrischen Notfall, der unbehandelt in 10-20% zum Tod führt (Schock mit Herz-Kreislaufversagen, Pneumonie). Therapeutisch ist eine reizarme Umgebung und sofortige Flüssigkeitszufuhr notwendig. Clomethiazol (Distraneurin ) ist das Mittel der Wahl. Alle Mittel, die anticholinerg wirken, können ein Delirium auslösen (z.b. Alkohol, Barbiturate, bestimmte Analgetika, Benzodiazepine). 3. Alkoholhalluzinose Symptome akustische Halluzinationen * Phoneme * tribunaler Charakter * imperativer Charakter * Akoasmen sekundärer Wahn Verlauf Wie das Delirium entsteht die Alkoholhalluzinose meist als Entzugssymptomatik, manchmal auch als Gelegenheits- oder Kontinuitätssymptomatik. Es bestehen keine Bewusstseinsstörungen, daher kommt es nicht zur Amnesie. Bei konsequenter Abstinenz besteht eine gute Prognose, wird weiter getrunken, kommt es zu Rezidiven, eine Chronifizierung ist möglich, dann besteht erhöhte Suizidgefahr. Therapeutisch werden vorwiegend Neuroleptika angewendet. 4. alkoholisch bedingter Eifersuchtswahn Eifersuchtsvorstellungen sind bei Alkoholikern häufig. Bei einem kleinen Teil verdichten sie sich zur Entwicklung eines Eifersuchtswahns. Er betrifft häufiger männliche Alkoholiker. Sie sind unkorrigierbar davon überzeugt, dass ihre Frau sie betrügt. Es kommt zu extremer Kontrolle und u. U. zur Misshandlung des Ehepartners, bei gleichzeitigen unerträglichen Schuldgefühlen und als beschämend empfundener relativer sexueller Insuffizienz/Impotenz. Das Erleben und Reagieren des Kranken wird durch psychoorganische Störungen (infolge Alkohol) mitbedingt. 7

8 Verlauf Der Eifersuchtswahn kann vorübergehend - auch im Zusammenhang mit einem Delirium - auftreten und mit der Entziehung abklingen. Häufiger bleibt er aber unabhängig von weiterer Alkoholzufuhr bestehen und wird chronisch. Differentialdagnose Der Eifersuchtswahn kommt am häufigsten bei Alkoholismus vor, andere Entstehungsbedingungen: cerebrale Altersprozesse, traumatische oder dystrophische Hirnschädigung, Schizophrenie, prädisponierte Persönlichkeitsstruktur in Verbindung mit entsprechender Umweltsituation. 5. Korsakow-Syndrom Infolge der Alkoholwirkung auf das Gehirn kommt es zu funktionellen Störungen und einer toxischen Schädigung der Hirnzellen mit Zelluntergang, woraus sich eine Korsakow- Symptomatik entwickeln kann: Symptome Amnesie Merkfähigkeitsstörungen (Störungen beim Erlernen und Einprägen neuer Informationen, Beeinträchtigung des Neugedächtnisses (Reproduktionsstörung für jüngere Inhalte) Desorientiertheit besonders hinsichtlich Zeit und Ort Konfabulationen Das Korsakow-Syndrom wird auch amnestisches Syndrom genannt, wenn die Störung der Speicherung neuer Informationen (Merkschwäche) ganz im Vordergrund steht und Konfabulationen fehlen. Korsakow-Syndrom und amnestisches Syndrom können je nach Verlauf der Alkoholkrankheit akut mit vollständiger Remission oder chronisch und irreversibel verlaufen. 6. Wernicke-Enzephalophathie (Wernicke-Krankheit, Wernicke-Enzephalitis): Es handelt sich um die schwerste alkoholbedingte Psychose, sie ist durch folgende Symptom-Trias gekennzeichnet: Somnolenz, Augenmuskellähmung und Ataxie. Infolge der Augenmuskellähmung fangen die Patienten an zu schielen, häufig gibt es einen Grand mal (Krampfanfall), dann folgt Ataxie (Gangstörungen, sie können sich nicht mehr auf den Beinen halten) und Somnolenz (Schläfrigkeit). Ursache: durch Vitamin B12 Mangel kommt es zu mehreren leichten arteriellen Blutungen in der Peripherie des Gehirns und zu einer hämorrhagischen Enzephalitis. Therapie: sofortige parenterale Gabe von Vitamin B12 (sowie Alkoholiker anfangen zu schielen, muss man an die Gabe von Vitamin B12 denken). Die Prognose ist schlecht. Wenn der Patient überlebt, bleibt im allgemeinen ein Korsakow- Syndrom zurück. 7. andere hirnorganische Veränderungen Häufig entsteht eine organische Persönlichkeitsveränderung mit Stimmungslabilität, reizbaraggressivem Verhalten, nachlassender Kritikfähigkeit und Interessenverlust. Schließlich kann es zu einer Alkoholdemenz (alkoholbedingtes HOPS) kommen mit der vollen Bandbreite demenzieller Hirnleistungsstörungen und Wesensmerkmalsänderungen. 8

9 Typologie der Alkoholismusformen n. Jellinek Definition: Unter Alkoholismus versteht man jeden Gebrauch von alkoholischen Getränken, der einem Individuum oder der Gesellschaft oder beiden Schaden zufügt. Diese Definition n. Jellinek ist weiter gefasst als die Definition für Abhängigkeit der WHO. Ein wichtiges Kriterium bei ihm ist der Kontrollverlust. Typologie Alpha-Trinker: Konflikt-, Betäubungs-, Erleichterungstrinker Trinken, um Hemmungen zu verlieren, zur Angstreduktion, um zu vergessen. Kein Kontrollverlust. Nur psychische, keine körperliche Abhängigkeit. Gefahr: Entstehung eines Gamma-Alkoholismus Beta-Trinker: Wochenend- und Gelegenheitstrinker Übermäßiger, aber nicht regelmäßiger Alkoholkonsum z.b. am Wochenende, Feierabend, Stammtisch usw. Kein Kontrollverlust, keine körperliche Abhängigkeit, keine kontinuierliche psychische Abhängigkeit. Gefahr: Entstehung eines Delta-Alkoholismus Gamma-Trinker: süchtiger Trinker - Kontrollverlustalkoholismus Häufig schwere Räusche mit Phasen der Abstinenz zwischendurch, Kontrollverlust. Abhängigkeit, erst psychisch, dann körperlich mit Toleranzerhöhung. Bei Abstinenz Entzugserscheinungen. Delta-Trinker: Spiegeltrinker - Gewohnheitsalkoholismus Selten Räusche, Unfähigkeit zur Abstinenz, kein Kontrollverlust. Psychische und körperliche Abhängigkeit. Dieser Typ muß täglich trinken, um seinen Spiegel aufrecht zu erhalten. Epsilon-Trinker: Quartalstrinker - Episodenalkoholismus Periodisches Trinken mit psychischer Abhängigkeit und Kontrollverlust in den Phasen, in denen getrunken wird. Zwischendurch Abstinenz. Verlauf des Alkoholismus n. Jellinek 1. Präalkoholische Phase: Vorläuferphase mit Missbrauch, der Betroffene kommt immer mehr an den Alkohol ran. 2. Prodromalphase * dauerndes Denken an Alkohol * heimliches und gieriges Trinken * Erinnerungslücken * Bagatellisierung, Vermeidung des Themas Alkohol 3. Kritische Phase * kurze Abstinenzperioden (süchtiger Trinker) * Kontrollverlust (süchtiger Trinker) * häufige Räusche (süchtiger Trinker) * Alkoholvorrat * soziale Komplikationen, z.b. häufiges Fernbleiben von der Arbeit oder Verlust des Arbeitsplatzes * sozialer Rückzug, z.b. Vernachlässigung von Familie, Freundschaften, Hobbys * beginnender Eifersuchtswahn 9

10 * Selbstmitleid * Flucht vor der Realität (Tagträume) * Vernachlässigung der Ernährung 4. Chronische Phase * tagelange Räusche * Trinken am Morgen * Toleranzbruch * ethischer Abbau (Depravation = Verfall moralischer und sittlicher Normen), Gesetzeskonflikte * periodisch auftretende alkoholische Psychosen: z.b. Merkfähigkeitsstörungen mit Konfabulationen, zeitweise Desorientiertheit * psychomotorische Störungen und beginnende körperliche Schäden * sozialer Abstieg Behandlung der Alkoholabhängigkeit Sie verläuft in 4 Phasen, die für die Behandlung aller schwereren Formen der psychischen sowie körperlichen Abhängigkeit Gültigkeit haben (Alkohol, Opiate wie Heroin, Barbiturate, Benzodiazepine). 1. Kontaktphase Sie spielt sich im ambulanten Bereich ab oder im stationären, wenn der Betroffene aus anderen Gründen stationär aufgenommen ist. Es geht um eine Klärung seiner Situation, wobei ausführliche Informationen aus seiner Umgebung zu erfragen sind und um die Motivierung zur Behandlung. Dabei sollte man ihm die eigene Einschätzung seines Zustands immer wieder ruhig und bestimmt mitteilen, bis eine Krankheitseinsicht erreicht ist. Verschleierungsund Verdrängungstendenzen müssen abgebaut werden. Das erfordert auch ein intensives Eingehen auf die aktuellen Probleme des Kranken. Nur auf das süchtige Verhalten einzugehen genügt nicht. Die Kontaktphase dauert von mehreren Tagen bis zu Monaten. In dieser Zeit sollte man auch Kontakt aufnehmen mit einem Arzt und ggf. Einrichtungen, die für die Weiterorganisation des Therapieplans und die Kostenübernahme zuständig sind (Beratungsstellen, Gesundheitsamt, Selbsthilfevereinigungen, Versicherungsanstalten, Sozialamt etc.). Am Ende erfolgt in der Regel (bei leichten Fällen nicht) die Einweisung in ein Krankenhaus zur Entgiftung durch den Arzt. 2. Entgiftungsphase Dauer etwa 1-4 Wochen, in erster Linie ein medizinisches Problem und Voraussetzung für die Einleitung einer Entwöhnung. Die Entgiftung, d.h. der Entzug der betreffenden Substanz und die Überwindung der Begleitsymptomatik (wie Delirium), erfolgt in der Regel stationär im Allgemeinkrankenhaus oder in der psychiatrischen Klinik. Ziel ist die komplette Abstinenz. 3. Entwöhnungsphase Dauer ca. 3-6 Monate (alternativ 4-8 Wochen), Aufbau eines drogenfreien Lebens. Auch diese Phase sollte nach Möglichkeit stationär durchgeführt werden (Fachkrankenhaus, Spezialabteilung, Suchtstation). Eine speziell auf das Abhängigkeitsproblem abgestimmte Psychotherapie steht im Mittelpunkt. 10

11 4. Langfristige Nachsorge Neuorganisierung des Lebens mit Wiedereingliederung in den Alltag das soziale Gefüge Arbeitsplatzbeschaffung Wohnungsbeschaffung Aufbau eines neuen Freundeskreises, neuer Hobbys usw. Weiterbetreuung in Selbsthilfegruppen z.b. Anonyme Alkoholiker Wichtig ist hier die Zusammenarbeit von Arzt, Beratungsstellen, Arbeitsamt, Sozialamt, Arbeitgeber, Selbsthilfegruppen und engen Bezugspersonen. Vier verschiedene, für die Behandlungsstrategie entscheidende Motivationsstufen Die Motivationsstufen werden nach den folgenden Faktoren beurteilt, die ein Beziehungsund Bedingungsgefüge ergeben, das die Wertordnung und die inneren Prioritäten des Betroffenen regelt: Sozialbezüge Suchtstoffe Ich eigene Person, Gesundheit Beziehungspersonen Motivationsstufe I Ein Abstinenzwunsch ist nicht vorhanden, in der Werteordnung des Abhängigen besitzt der Suchtstoff die höchste Priorität. Motivationsstufe II Die Sorge um die eigene Gesundheit und Person wächst, Arzt- und Krankenhauskontakte nehmen zu. Therapeutisch sind die Entzugsbehandlung, Information über Drogenwirkungen und niedrigschwellige Hilfsangebote indiziert. Motivationsstufe III Das Interesse an Bezugspersonen erwacht wieder, die Gesundheitssorge führt zu tagelanger Abstinenz; therapeutisch ist die ambulante oder stationäre Entwöhnungsbehandlung indiziert. Motivationsstufe IV Die Lebensgewohnheiten normalisieren sich, es kommt zu wochen- und monatelangen Abstinenzzeiten, weitergehende Ziele werden verfolgt. Hierzu gehören Patienten, die eine Entwöhnungstherapie absolviert und ihre Suchtproblematik bearbeitet haben und von ihrer Sucht distanziert, aber doch episodisch abstinenzunfähig sind. Trotzdem sind die Betroffenen bestrebt, ein normales Leben zu führen. 11

12 Analgetika Schmerzstillende Mittel können nach längerem Gebrauch zur Abhängigkeit führen, auch wenn sie keine Opiate enthalten. Beim Absetzen können folgende Entzugserscheinungen auftreten: Verstimmungszustände, ängstliche Unruhe Schlafstörungen Kopfschmerzen Tremor Delirium Dämmerzustand zerebrale Krampfanfälle Barbiturate Verbindungen unterschiedlicher chemischer Struktur werden zu Schlafmitteln (Hypnotika) zusammengefasst. Dazu gehört die Gruppe der Barbiturate. Wirkung: Bewusstseinsdämpfung, je nach Art und Dosis sedierend, hypnogen (Induktion von Schlaf) oder narkotisierend, in der Regel hypnogen schlaferzwingend. Indikation: Nur zeitlich begrenzt bei ausgeprägter Störung des Schlaf-Wachrhythmus, wegen des starken Abhängigkeitspotenzials ist der Gebrauch von Barbituraten als Hypnotika heutzutage weitgehend obsolet, sie werden aber im Rahmen der Antikonvulsiva-Behandlung verwendet. Abhängigkeit Barbiturate waren über einige Zeit gebräuchliche Schlafmittel. Nachdem aber ihr relativ hohes Suchtpotenzial bekannt wurde nach einer 2-wöchigen regelmäßigen Einnahme ist psychische und körperliche Abhängigkeit möglich, es kommt zur Toleranzentwicklung wurden sie rezeptpflichtig und stark im Gebrauch eingeschränkt. Daher ist grundsätzlich eine Verschreibung nur in geringen Mengen und über eine kurze Zeit angebracht. Benzodiazepine Sie gehören zur Gruppe der Tranquilizer. Benzodiazepine werden mitunter den Tranquilizern gleichgestellt (es gibt aber noch andere Untergruppen z.b. Opipramol, Zopiclon) und von manchen Autoren den Schlafmitteln zugeordnet. Allerdings unterscheiden sich Tranquilizer in ihrer Wirkweise von den herkömmlichen Schlafmitteln (Hypnotika). Sie setzen weniger die Bewusstseinshelligheit herab und wirken dagegen stärker psychisch entspannend, emotional harmonisierend und angstlösend. Daher werden sie auch als Anxiolytika bezeichnet. Sie gehören zu den meistkonsumierten Medikamenten. Diazepam (Valium ) ist der bekannteste Wirkstoff dieser Gruppe). Wirkungen anxiolytisch sedativ-hypnotisch schlafanstoßend antikonvulsiv muskelrelaxierend Indikationen: Angst, Spannung, Erregung, Schlafstörungen, Krampfanfälle - nicht bei banaler Nervosität, Überlastung und Erschöpfung 12

13 Abhängigkeit Die Toxizität der Benzodiazepine ist geringer als die von Barbituraten. Sie sind nur in sehr hohen Dosierungen für einen Suizid geeignet. Bei einem gezielten und kritischen Einsatz ist auch ihr Abhängigkeitspotenzial gering. Allerdings können sie nach längerer Einnahme (3-4 Wochen regelmäßig in höherer Dosierung) zu psychischer und auch körperlicher Abhängigkeit führen. Dabei ist die Gefahr der psychischen Abhängigkeit stärker. Häufig besteht ein Abusus (Missbrauch), aus dem sich rasch eine Abhängigkeit entwickeln kann. Daher gilt auch hier, dass eine Verschreibung nur in geringen Mengen und über eine kurze Zeit vertretbar ist. Entzug und Gefahren von Barbituraten und Benzodiazepinen Entzugserscheinungen Sie treten in der Regel zwischen dem 7. und 12. Entzugstag auf. Psychisch Vor allem bei den Benzodiazepinen können die Entzugserscheinungen erst einige Tage nach dem Absetzen mit einer Angstsymptomatik (motorische Unruhe, paranoische Eigenbeziehung, aufgelockerte Ich- und Wahrnehmungsgrenzen) einsetzen. Sie kann sich aus dem Entzug selbst ergeben und aus der ursprünglichen Angstkrankheit, die mit dem Tranquilizer behandelt wurde. Möglich sind auch Reizbarkeit, Dysphorie bis Depressivität, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen und Lethargie. Physisch Tremor, Schwindel, Kreislaufstörungen Krampfanfälle (überschießender Abfall der Krampfschwelle nach vorheriger Erhöhung durch das Medikament) Delirium Barbiturate und Tranquilizer/Benzodiazepine müssen im Gegensatz zu den anderen Suchtstoffen, die abrupt abgesetzt werden, wegen der Gefahr der Krampfanfälle über Wochen bis Monate fraktioniert entzogen werden. Gefahren Intoxikation, besonders bei Barbituraten Suizid Clomethiazol (Distraneurin ) Mittel der Wahl bei einem Delirium, wirkt dazu antikonvulsiv gegen mögliche, durch das Delirium verursachte Krampfanfälle. Es macht aber auch abhängig. So besteht die Gefahr, dass es als Ersatzmittel verwendet wird. Eine Abhängigkeit entwickelt sich nach 2-3 Wochen, so dass Distraneurin ausschließlich in der stationären Entzugsbehandlung verwendet werden soll. Eine ambulante Behandlung ist ein Kunstfehler (zumal es atemdepressiv wirkt). Auch hier muss der Entzug wegen der Gefahr zerebraler Krampfanfälle (überschießende Reaktion auf die ausbleibende antikonvulsive Wirkung) fraktioniert erfolgen. 13

14 Morphium/Opiate Opium = getrockneter Milchsaft vom Schlafmohn. Opium hat 25 Alkaloide (= Abkömmlinge), von denen das Morphium (9-14% des gesamten Wirkstoffs) das wichtigste ist. Codein (Substanz in Hustensäften) ist auch ein Alkaloid des Opiums. Neben den natürlichen Opiumalkaloiden gibt es halbsynthetische (Heroin) und vollsynthetische Opiate (Polamidon = Methadon, starke Schmerzmittel wie Dolantin ). Heroin wirkt 5-10 mal stärker als Morphium. Alle diese Stoffe sind kreuztolerant. Je höher ein Lebewesen entwickelt ist, umso intensiver wirken Opiate, d.h. beim Menschen am stärksten. Aber bei Morphium z.b. kann sich die Toleranz bis um das 500fache steigern. Je stärker die Wirkung des Opiats, desto höher ist das Abhängigkeitspotenzial (psychische und körperliche Abhängigkeit ist möglich). Heroin z.b. kann nach 2-3 Injektionen zur Abhängigkeit führen. Akutwirkung Schmerzlinderung Euphorie, unangenehme Gefühle verschwinden, Tagträume, alles wird positiv erlebt Sedierung bis zum Koma (bei hoher Dosierung) Atemsedation/depression, Atemstillstand bei Überdosierung Dämpfung des Hustenreflexes Aktivierung des Parasymphaticus: * Blutdrucksenkung * Bradykardie (erniedrigte Pulsfrequenz) * enge Pupillen * Übelkeit, Erbrechen Langzeitwirkung Psychisch Morphinhunger, Gier, die Droge steht über allem Angst vor dem Entzug Wesensänderung, alles ist einem gleich, nur die Droge zählt Physisch Ataxie (Gangstörungen, mangelnde Koordination) Amenorrhö (Ausbleiben der Menstruation) Impotenz Abmagerung Obstipation (Verstopfung) Hepathitis und andere Infektionen wie AIDS als Folge infizierter Spritzbestecke Entzug Er tritt Stunden nach Absetzen der Droge ein, dauert ca. 10 Tage. Der Entzug ist nicht lebensgefährlich, aber extrem psychisch belastend. Er hat folgende Symptomatik: ängstlich-depressive Grundstimmung Wein- und Schreikrämpfe Schmerzen in Skelettbereich und Abdomen Schlaflosigkeit Diarrhö (Durchfall) 14

15 erhöhte Atemfrequenz erhöhte Körpertemperatur Schweißausbrüche Tachycardie (erhöhte Pulsfrequenz) Gänsehaut Gähnen Niesen Gewichtsverlust Kollaps Heroin/Methadon : Heroin wird mit Methadon ausgetauscht, um es zu entziehen. Methadon hat den Vorteil, dass man es oral verabreichen kann und dass es eine längere Halbwertzeit hat, allerdings besteht daher auch die Gefahr der Kumulation (Ansammlung des Wirkstoffes). Man muss es kontrolliert verabreichen. Leider macht Methadon auch abhängig wie jedes Opiat, allerdings ist der Rausch/Flash im Kopf nicht so stark. Daher besteht die Gefahr, dass im Austauschprogramm Heroin zusätzlich genommen wird. Kokain Der Kokainmissbrauch ist gefolgt vom Amphetammissbrauch bei uns in letzter Zeit am stärksten angestiegen. Kurz- und langfristige Wirkung sympathikomimetisch (Anregend auf den Sympathikus) (Vasokonstriktion = Verengung der Gefäße, daher Blutdruckerhöhung), Kokain wurde wegen der vasokonstriktorischen und damit blutstillenden Wirkung früher in der Medizin verwendet. lokal anästhesierend, auch ein Grund für die damalige Verwendung in der Medizin Atrophien, Löcher in der Nasenscheidewand als Folgeschäden durch die Vasokonstriktion psychisch läuft die Wirkung bei akuter Intoxikation in Phasen ab: 1. Erregung (Antriebssteigerung mit High-Gefühl und großartigen Gedanken, viel reden, u.s.w.) 2. Dämpfung 3. Psychose bei häufigerem Gebrauch (anfangs paranoide Wahngedanken, dann meist taktile Halluzinationen, in der Regel Kristalle unter der Haut) 4. Völliger Zusammenbruch (Patient ist depressiv, antriebslos, suizidal) Gefahren Das 3. und 4. Stadium kann bei Dauergebrauch chronisch werden: chronisch taktile Halluzinose paranoid-halluzinatorische Psychose Depressionen mit Suizidgedanken Krampfanfälle können als Komplikation auftreten Todesursachen bei Kokain anaphylaktischer Schock durch Sensibilisierung nach längerer Kokaineinnahme (Eiweißunverträglichkeitsreaktion mit Kreislaufversagen durch verstärkte Immunreaktion). Tritt plötzlich bei der Einnahme ein. Atemstillstand 15

16 Herzstillstand Suizid in der 4. Phase Beim Kokain gibt es keine Toleranzentwicklung und keine körperlichen Entzugserscheinungen, aber eine psychische Abhängigkeit, die sich schon nach wenigen Wochen einstellt. Es kommt zu einem Hang zu kontinuierlicher Einnahme. Der User fühlt sich ohne Kokain vollkommen "down". Amphetamine Amphetamine werden synthetisch hergestellt. Die Stoffe ähneln dem Adrenalin und haben ähnliche pharmakologische und psychopathologische Eigenschaften. Sie werden daher auch als Designerdrogen oder "Speeddrogen" bezeichnet, es gibt viele unterschiedliche Amphetamine. Zu medizinischen Zwecken werden solche Stoffe nur noch nach strenger Indikation zur Behandlung der Narkolepsie, als Appetitzügler oder zur Behandlung des hyperkinetischen Syndroms (Ritalin ) eingesetzt. Wirkung Euphorie, Selbstüberschätzung, allerdings nicht so stark wie beim Kokain gesteigerter Antrieb, gesteigerte Aktivität kein Schlafbedürfnis nach einigen Tagen unter Amphetaminen kommt es zum völligen Zusammenbruch bei Dauergebrauch (Monate oder länger) können paranoid-halluzinatorische Psychosen auftreten, die die Einnahme überdauern und mitunter chronisch werden. Bei oraler Einnahme kommt es nur zu einer sehr geringen Toleranzentwicklung, zu einer stärkeren bei i.v.-applikation. Psychische Abhängigkeit ist vorhanden, körperliche kaum. Halluzinogene Meskalin (aus einem Kaktus), Psilocybin (ein Pilz), LSD (chemisch hergestellt). LSD spielte eine Rolle in der Psychoseforschung, da man es als Psychose auslösende Substanz ansah. In den 60er Jahren gaben Psychoanalytiker es aus therapeutischen Gründen (Pharmakopsycholyse) ihren Patienten. Wirkung Halluzinationen alle Sinnesreize werden intensiver man tritt aus sich heraus alles erscheint ästhetischer, bedeutsamer, wahrer klare Gedanken philosophische Vorstellungen Bewusstseinserweiterung man ist eher ruhig, nicht "speedig" (erregt) Schnelle Toleranzentwicklung bei häufigem Gebrauch, die sich aber nach einer Pause abbaut. Normalerweise besteht keine kontinuierliche Einnahme, sondern eine gelegentliche, aber es kommt zu psychischer Abhängigkeit. Gefahren Horrortrip mit wahnhaftem Erleben und Halluzinationen, der plötzlich eintritt. Kann auftreten bei Einnahme in einer unangebrachten Situation (Unruhe, Konflikt o.ä.) oder Schlaf- 16

17 mangel. Prädisponiert sind Personen in Konfliktsituationen und Personen, die sich nicht fallenlassen können. Flashback, plötzlich ist man wieder auf dem Trip. Es dauert Minuten bis Stunden, manchmal sogar Tage und kann bis zu einem halben Jahr nach der letzten Einnahme auftreten. Wird in Situationen ausgelöst, die an das Geschehen des Trips erinnern. persistierende Psychosen, meist stehen Halluzinationen im Vordergrund. Die psychotischen Symptome sind dann auch ohne Einnahme des Stoffes vorhanden. Sprung aus dem Fenster in der Annahme, man könne fliegen o.ä.. Cannabis Harziges Sekret der weiblichen Pflanze des indischen Hanfs = Haschisch, Blätter der Pflanze = Marihuana. In den USA heißt beides Marihuana. Es gibt über 30 Cannabinole (Wirkstoffe in Cannabis), THC (Tetrahydrocannabinol) ist das Standardcannabinol. Cannabis kann geraucht werden, die Wirkung ist dann intensiver und schneller, es entsteht ein intensiver hoher peak, Dauer ca Minuten. Wenn es oral eingenommen wird, setzt die Wirkung später ein und dauert länger (3-5 St.). Wirkung Entspannung leichte Euphorie intensivere Wahrnehmungen Verlangsamung des subjektiven Zeiterlebens geringe körperliche Nebenwirkungen * Tachykardie (Erhöhung der Pulsfrequenz) * Hunger * Bindehautrötung * Mundtrockenheit Cannabis verlängert die Schlafzeit von Barbituraten, ohne mit ihnen kreuztolerant zu sein, außerdem verlängert es die stimulierende Wirkung von Amphetaminen, daher besteht die Gefahr einer Polytoxikomanie (Missbrauch mehrerer Drogen). Gefahren akute toxische Psychose vom paranoid-halluzinatorischen Typ (sehr selten, bei extrem hohen Dosen), die in ihrer Erscheinung dem Delirium ähnlich sieht. persistierende Psychosen, allerdings ist nicht geklärt, ob es bei längerem Gebrauch dazu kommt, da man nicht weiß, ob im Falle des Auftretens solcher Psychosen Cannabis die Ursache ist. Motivationsverlust-Syndrom (dessen Auftreten ist eindeutig geklärt), es handelt sich um eine drogenspezifische Residualstörung, ähnlich der schizophrenen Residualstörung, allerdings nur mit Affekt- und Antriebsstörungen, ohne Denkstörungen. Die Patienten sind motivationslos, die Leistungsfähigkeit lässt nach, sie lassen sich hängen, tun nichts mehr, haben keine Interessen mehr. Es besteht mäßige psychische Abhängigkeit, aber keine körperliche. Es kann höchstens zu ganz leichten körperlichen Erscheinungen beim Entzug nach extremem Missbrauch kommen. Es kommt eher zu einer Sensibilisierung (man braucht mit der Zeit immer geringere Dosen) als zu einer Toleranzentwicklung. Die Droge selbst ist also nicht so gefährlich, aber sie wird als Einstiegsdroge angesehen. 17

18 Ecstasy Wirkstoff: MDMA, ein Amphetaminderivat Wirkungen gleiche Wirkungen wie andere Psychostimulantia erhöhter Blutdruck, erhöhte Pulsfrequenz verringertes Hungergefühl Wachheit Euphorie als weitere MDMA-spezifische Wirkung: Zunahme von Emotionalität, Offenheit, Einfühlungsvermögen und Kommunikationsfähigkeit Nebenwirkungen je häufiger der Gebrauch und je höher die Dosis, desto stärker sind sie trockener Mund schneller Puls verkrampfte Kiefermuskulatur Kopfschmerzen verschwommenes Sehen Schlaflosigkeit Schwitzen, Zittern Übelkeit Abhängigkeit Der Stoff hat ein relativ geringes Abhängigkeitspotenzial, obwohl bei regelmäßigem Konsum durch Erlahmung der Rezeptoren nach der Einnahme eine Toleranz entsteht. In den folgenden Tagen ist die Wirkung mit Dosissteigerungen nicht mehr zu erreichen, aber die unerwünschten Wirkungen nehmen zu. So gibt es kaum Konsumenten, die Ecstasy häufiger als einmal pro Woche nehmen. Es kann psychische Abhängigkeit bestehen, aber keine körperliche. Bei Absetzen gibt es keine schweren Entzugserscheinungen. Gefahren Die MDMA-bedingte Erhöhung der Körpertemperatur in Verbindung mit nächtelangem Durchtanzen (Techno-Droge) ohne Flüssigkeitszufuhr kann zum Kollaps führen und lebensgefährlich werden. Berichtet wird auch von Nierenversagen und Leberinsuffizienz. Diskutiert wird eine neurotoxische Wirkung von MDMA, psychoseartige Zustände bei MDMA-Konsumenten wurden beschrieben. Bei Dauerkonsum kommt es vermutlich zu Hirnleistungsstörungen. Schnüffeln Schnüffeln ist mit vielen Stoffen möglich, die chemisch gesehen z.t. sehr verschieden sind (z.b. Klebstoffverdünner, Aceton, Äther, Nitroverdünner), aber alle narkotisierend wirken und im Initialstadium zu einem rauschähnlichen Effekt führen. Vor allem Jugendliche (Pubertät, Postpubertät) schnüffeln. Es gibt viele Unglücksfälle dabei, vor allem Erstickungen unter der Tüte im Rausch und toxische Schäden wie: Encephalopathie (Hirnatrophie) Polyneuropathie Leberschäden, evtl. irreversibel mit tödlicher Folge (akuter Leberzerfall) Schäden anderer Organsysteme, z.b. des Knochenmarks 18

19 Abhängigkeitstypen tabellarischer Überblick Störung Suchtstoff Symptome Entzug Sonstiges Alkohol Alkohol Wahn, Wernicke, Korsakow, Delir, Krampf, Halluzination, Abhängigkeit psychisch und physisch Delir, Halluzination, psychotische psychotische Symptome, vegetative Symptome, diverse körper- liche Symptome Störungen je nach Schwere des Missbrauchs Opiode Cannabinoide Sedativa, Hypnotika Opium Heroin Morphium Metadon Codein Haschisch Marihuana Barbiturate kleine Pupillen, abgedämpfte Reaktion, Euphorie, Somnolenz, Affektlabilität, Wesensänderung, Bradykardie, Miktionsstörung, Obstipation, Tremor kleine Pupillen antriebs-, motivationsmindernd, Euphorie, Einschränkung des Urteils, Gefahr der Psychose, Flashbacks Euphorie, Sedierung, Affektlabilität, Dysarthrie, Ataxie Craving, Unruhe, Gänsehaut, Muskelschmerz, Parästhesien, Schlaflosigkeit, Durchfall keine typischen Abstinenz- Syndrome, aber Flashbacks Nicht abrupt, fraktionierter kontrollierter Entzug (Krampfanfälle, Epilepsie, vegetative Dysregulation) >> Rebound- Phänomen höchstes Abhängigkeitspotenzial (Psychisch und physisch), rasche Toleranzentwicklung mäßige psychische, keine physische Abhängigkeit, geringe Toleranzentwicklung hohes Abhängigkeitspotenzial (psychisch und physisch) Benzodiazepine Tranquilizer (Valium ) s.o. auch paradoxe Reaktionen: Erregung, Agitiertheit, Schlafstörungen Schwäche, Tremor, Muskelzuckungen, Übelkeit, Albträume, Dysphorie s.o. Analgetika s.o. 19

20 Störung Suchtstoff Symptome Entzug Sonstiges Kokain Kokastrauch Euphorie, Rededrang, Glücksgefühl, Dysphorie starke psychische weniger physische Mischungen mit Abbau v. Hemmungen, Abhängigkeit Opiaten (Speedball) Libidosteigerung, Kreativitätssteigerung, Schlafreduktion taktile, akustische Halluzinationen, Psychosen, kognitive Beeinträchtigungen, Tachykardie, Impotenz Realitätsverlust >> gefährlich, Wahrnehmungsstörungen, Rausch Halluzinogene LSD Psylobsybin (Pilz) Mescalin (Kaktus Peote) Pilze Lösungsmittel Lösungsmittel traumartig, Bewusstseinstrübung, Euphorie, Entspannung, Rausch, Übelkeit, Tachykardie, Verwirrtheit Amphetamine Ephedrin, Ritalin, Captagon, Antriebs- und Leistungssteigerung (Doping), Unruhe, Enthemmung, Ideenflucht, paranoide Symptome >> Psychosen, Blutdruckansieg, Stereotypen motorische Flashbacks (Erinnerungssignal ohne Droge, falsche Synapsenschaltung), Depression Entzugsdepression, Derealisation, Panik, Psychosen, Krampf, Anstieg Herzfrequenz, Hyperthermie psychische, keine physische Abhängigkeit psychische, keine physische Abhängigkeit psychische, keine physische Abhängigkeit 20

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