Kann Drogenabhängigen bald besser geholfen werden? (Bild: AP Archiv)

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1 Hilfe Suche Sitemap Kontakt Deutschlandradio Kultur Wir über uns Vorschau Frequenzen WISSENSCHAFT IM BRENNPUNKT :30 Uhr Kann Drogenabhängigen bald besser geholfen werden? (Bild: AP Archiv) Das abhängige Gehirn Neue Perspektiven für die Therapie von Suchterkrankungen Von Volkart Wildermuth So unterschiedlich Drogen auch wirken, letztlich aktivieren sie alle ein uraltes Verhaltensprogramm in Gehirn. Drogen kapern einen unbewussten aber starken Lernmechanismus und erzeugen so im Gehirn einen Autopiloten der Abhängigkeit. Dieser neue Blick auf die Abhängigkeitserkrankung eröffnet auch neue Perspektiven für die Therapie. Drogen - das Wort hat einen ausgesprochen negativen Beigeschmack. Da denkt man an gierige Dealer und heruntergekommene Alkoholiker, an Tote auf der Bahnhofstoilette. Dabei sind Drogen zunächst einmal positiv; angenehm, berauschen und erleichternd. Sonst würde sie ja niemand nehmen. Und glaubt man einer Analyse des Flusswassers, dann wird in den Städten entlang des Rheins deutlich mehr Kokain geschnupft, als sich je eine Dogenberatungsstelle hat träumen lassen. Doch Drogen sorgen nicht nur für den kurzfristigen Rausch, sie verändern auf Dauer das Gehirn. Dann wird aus Genuss krankhafter Zwang. Sobald der Autopilot der Abhängigkeit die Kontrolle übernommen hat, ist es nicht mehr möglich, einfach "Nein" zu sagen. Eine Sucht ist eben keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit. Nach Jahren der Forschung entdecken Neurowissenschaftler, was auf der Ebene der Nerven und Botenstoffe geschieht wenn aus Genuss Abhängigkeit wird. Und diese Antworten öffnen inzwischen auch für neue Wege in der Behandlung der Sucht. Chemisch haben Alkohol und Nikotin, Heroin oder Hasch nicht viel gemeinsam. Sie binden jeweils an unterschiedliche Rezeptoren im Gehirn. Rezeptoren sind Antennen auf den Nervenzellen, mit denen diese die Botschaften ihrer Nachbarn empfangen. Die direkte Wirkung einer Droge hängt davon ab, in welchen dieser Informationskanäle sie sich einschaltet. Heroin bindet an Opioid-Rezeptoren, die für das Gefühl der Euphorie nach einer großen Anstrengung und für die Unterdrückung von Schmerzen wichtig sind. Entsprechend gut fühlt sich ein Schuss Heroin an. Der Cannabiswirkstoff THC aktiviert die Endocanabinoid-Rezeptoren und sorgt so dafür, dass sich Nerven

2 leichter erregen lassen. Sinneseindrücke verändern sich, Nichtigkeiten bekommen Bedeutung. Alkohol dagegen beeinflusst die GABA-Rezeptoren, die die Aktivität bestimmter Nerven herunterregulieren. Zu erst sind davon Kontrollzentren des Gehirns betroffen, es kommt zu einer Enthemmung, man fühlt sich frei, der Stress, die Schüchternheit, die Angst sind nicht mehr so wichtig. Dann lassen sich die Muskeln lassen nicht mehr exakt ansteuern, die Sprache wird verwaschen, der Gang unsicher. Auf Dauer dämpft Alkohol das ganze Erleben bis zur Bewusstlosigkeit. Nikotin wirkt über Acetylcholin-Rezeptoren aktivierend auf die Nervenzellen, die Aufmerksamkeit steigt, man ist kurzfristig wacher und leistungsfähiger. Ähnlich verhält es sich beim Kokain. Die biochemischen Wirkungen der Drogen sind unterschiedlich. Letztlich gibt es aber Verbindungen zwischen den jeweils beeinflussten Nervenschaltkreisen. So kommt es, dass beispielsweise Alkohol indirekt dieselben Rezeptoren aktiviert, über die auch Hasch und Heroin wirken. Das trägt zur positiven Stimmung im Rausch bei. Entscheidend ist, dass alle Drogen letztlich eine Nervengruppe aktivieren, die zentral für die Steuerung des Verhaltens ist. Unser Gehirn ist nicht entstanden, um auf Drogen zu reagieren. Das Gehirn hat Nervensysteme entwickelt, die sicherstellen, dass wir alles tun, um zu überleben, dass wir zum Beispiel essen. Drogen greifen in diese Systeme ein und aktivieren sie viel stärker, als das Nahrung kann, oder Sex und so kommt es letztendlich zur Sucht. Dr. Nora Volkow, die Direktorin des amerikanischen nationalen Forschungsinstitutes zum Drogenmissbrauch in Bethesda, untersucht seit Jahren, wie das Gehirn von natürlichen Genüssen aber eben auch von Drogen beeinflusst wird. Der wichtigste Schauplatz des Geschehens ist eine Region tief im Inneren des Gehirns, der Nucleus Accumbens. Hier wirkt der Botenstoff Dopamin. Ein leckeres Essen, Sex, ein positives Gespräch, all das führt zur Ausschüttung von Dopamin und damit zur Aktivierung des Nucleus Accumbens. Begleitet wird das Ganze von lustvollen Empfindungen und die sind ein wirksamer Weg, um das Verhalten zu beeinflussen. Das zeigen Versuche mit Ratten, denen Elektroden ins Gehirn implantiert wurden. Die Tiere drücken so begeistert einen Schalter, der den Nucleus Accumbens stimuliert, dass sie darüber sogar das Fressen vergessen. Kein Wunder, dass die Wissenschaftler lange vom Belohnungssystem sprachen. Sie glaubten, dass Dopamin eine Art Wohlfühlbotenstoff sei, der Dinge angenehm erscheinen lässt und so den Menschen oder die Ratte dazu bringt, immer wieder den gedeckten Tisch oder den Partner aufzusuchen. Wenn das stimmt, machen Drogen süchtig, weil sie eine besonders starke Dopaminreaktion auslösen und sich deshalb eben besonders gut anfühlen. Doch diese Sicht der Dinge greift zu kurz, argumentieren Forscher wie Dr. Jonatahn Cohen von der Princton Universität. Der Psychologe versucht die Wirkung des Dopamin mit mathematischen Modellen des Gehirns nach zu vollziehen. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass es bei der Sucht weniger um direkte positive Empfindungen geht, als um Lernvorgänge.

3 Wir dachten immer, dass Dopamin ein Belohnungssignal ist. Wenn etwas Gutes passiert, geht das Dopamin hoch. Aber es hat sich herausgestellt, dass Dopamin weniger auf die Belohnung reagiert, als auf alles, was diese Belohnung vorhersagt. Wenn es Futter gibt, wird Dopamin ausgeschüttet. Wenn aber jedes mal kurz vor der Fütterung ein Licht angeht, dann reagiert das Dopamin bald auf das Licht und nicht mehr auf das Futter selbst. Dopamin ist ein Lernsignal. Drogen kapern sozusagen einen Lernmechanismus und verstärken alle Verhaltensweisen, die mit der Droge verknüpft sind. Das ist entscheidend für die Sucht. Revolutionär nennt Jonhatan Cohen diese neue Interpretation der Sucht und damit steht er nicht allein. Jonatahn Cohen und Nora Volkow bestreiten nicht, dass sich der Genuss von Drogen, genau wie Essen oder Sex gut anfühlt. Aber diese angenehme Wirkung ist nicht entscheidend für das Entstehen der Abhängigkeit. Das subjektive Wohlbefinden wird in der Hirnrinde direkt über den Augen erzeugt. Hier liegen Nerven, die auf den Geschmack von Essen reagieren, auf Düfte und Berührungen. Ihre Reaktion ist besonders stark, wenn wir hungrig sind, und fällt ab, sobald der Magen voll ist. So erklärt sich, warum ein Schokotörtchen auf leeren Magen besser schmeckt, als nach einem fünf Gänge Menü. Das gilt im übrigen nicht nur beim Essen. Alle natürlichen Reize, neue Erlebnisse, soziale Kontakte werden nach einer Weile schal. Sie können dann weder die Zentren des subjektiven Erlebens im Stirnhirn anregen, noch Dopamin und die Lernsysteme. Dieses Abstumpfen ist für eine gesunde Verhaltenssteuerung zentral, glaubt der Suchtforscher Prof. Andreas Heinz von der Berliner Charite. Wenn Sie was weiß ich, das erste Mal indisch Essen gehen schmeckt ihnen wahnsinnig gut, dann wird genauso viel Dopamin freigesetzt aber beim zweiten oder dritten Mal ist das mit dem Dopamin zuende und so ist es sehr häufig auch, wenn sie jemand sehr interessantes kennen lernen, auch da geht das Dopamin nach einer Weile runter, bei den Drogen nicht. Das heißt es wird immer weiter freigesetzt, dann adaptiert das System dran, das heißt die Andockstellen, die Rezeptoren werden runtergefahren und das führt dazu, dass die Leute eigentlich mehr konsumieren müssen, um den alten Kick zu haben. Nach Jahren der Sucht ist der Genuss verschwunden, was bleibt ist der Zwang, immer wieder nachzulegen. Koste es was es wolle, ohne Rücksicht auf soziale Bindungen oder die Gesetze. Andererseits, auch wenn Drogen die Lernmechanismen des Gehirns besetzten, niemand wird süchtig von einem Glas Wein, von einer Zigarette, selbst von einer Spritze Heroin. Es experimentiert wohl jeder Jugendliche mit Drogen. Gerade in der Pubertät hinterlassen neue Erfahrungen auch besonders tiefgehende Spuren. Ob sich daraus eine Sucht entwickelt hängt von mehreren Faktoren ab. Die Gene sind für etwa die Hälfte des Suchtrisikos verantwortlich. Es gibt aber nicht "DAS

4 ALKOHOLISMUSGEN", der Einfluss des Erbguts setzt sich aus vielen kleinen Mosaiksteinen zusammen. So gibt es Gene, die den Abbau von Alkohol beeinflussen, Gene für die Feinjustierung des Dopaminsystems und Gene, die die Reaktion auf Stress verstärken. Von jedem dieser Gene gibt es Varianten, die das Suchtrisiko entweder erhöhen oder senken. Dabei ist der Effekt jedes einzelnen Gens gering, erst die Summe der vielen Erbvarianten hat einen maßgeblichen Einfluss auf die individuelle Empfindlichkeit für Drogen. Doch selbst ein hohes genetisches Risiko bedeutet nicht, dass ein Mensch zur Sucht verdammt ist. Die eigne Lebensgeschichte ist genauso entscheidend. Wichtig sind zum einen die Freunde. Jeder hustet bei der ersten Zigarette. Die Erfahrung wird nur wiederholt, wenn ein Glimmstängel im Mundwinkel in der Gruppe als absolut cool gilt. Die von den anderen geweckten Erwartungen können sogar direkt das sinnliche Erleben des ersten Rauschs oder des ersten Zuges beeinflussen. Der zweite wichtige Umweltfaktor ist der Stress. Zu großer äußerer Druck kann dazu verleiteten, nicht Probleme zu lösen sondern sie mit Drogen beiseite zu schieben. Ängstliche Persönlichkeiten suchen dabei eher Entspannung im Alkohol, während Menschen mit niedrigem eigenen Dopaminspiegel versuchen, über Kokain ihre Leistungs- und Erlebnisfähigkeit zu steigern. Die Gene, die Freunde, der Stress machen einen Menschen bereit für Drogenerfahrungen. Er oder sie beginnt vielleicht zu rauchen, regelmäßig zu trinken oder Kokain zu schnupfen. Anfangs ist der Rausch noch unter Kontrolle. Es ist kein Problem "Nein" zu sagen. Auf Dauer aber verändern die Drogen das Gehirn. Alkoholmissbrauch erhöht die Empfindlichkeit des Stresssystems. Schon kleine Störungen werden plötzlich als bedrohlich erlebt und legen den nächsten Griff zur Flasche nahe. Das Überangebot an Dopamin durch die dauernde Reizung der Motivationszentren führt zu Gegenreaktionen im Gehirn. Es antwortet weniger stark auf natürliche Reize, auf ein leckeres Essen, oder ein gutes Gespräch. Die Welt beginnt blass zur wirken, nur das Kokain oder der Joint lösen noch deutliche Gefühle aus. Das Motivationssystem in den Gefühlzentren baut das Verlangen nach einem Genuss jetzt und hier auf. Gebremst wird es von den höheren Denkzentren im Stirnhirn, die in der Lage sind, auch langfristige Konsequenzen abzuschätzen. Die Balance aus Stärke des Verlangens und Kontrolle durch die Vernunft bestimmt letztlich die Handlung. Wer nur mal so abnehmen will, wird bei einer leckeren Schokotorte schon mal schwach. Wer sich dagegen fest für eine Diät entschlossen hat, kann der süßen Versuchung meist wiederstehen. Bei Suchtkranken sind diese Kontrollmechanismen aber geschwächt, das konnte Nora Volkow direkt im Gehirn nachweisen. Einer der beständigsten Befunde lautet, dass Suchtkranke, egal ob sie von Kokain abhänig sind, von Alkohol oder von Methamphetamin, dass sie eine herabgesetzte Aktivität im Stirnhirn zeigen. Und zwar sowohl in einem Gebiet, dass mit den Gefühlszentren zusammenarbeitet, als auch in einer Region, die für höhere Denkleistungen zuständig ist. Beide werden durch dauernden Drogengebrauch gestört. Und währen die bewusste Kontrolle, das Abwägen von Konsequenzen durch die Sucht geschwächt

5 werden, gewinnen automatische Prozesse an Stärke und zwar vor allen in dem von Dopamin geprägten Motivationszentren. Die liegen in enger Nachbarschaft zu Nervenknoten, die an der Steuerung von automatischen Bewegungen beteiligt sind, erläutert der Berliner Suchtforscher Andreas Heinz. Das System ist so gebaut, das etwas, was immer häufiger gemacht wird, immer weiter in einen hinteren Teil verschoben wird, in dem es immer automatisierter wird und immer weniger bewusste Kontrolle benötigt oder in Anspruch nimmt. Beim Zigarettenrauchen ist es am besten untersucht, da gibt es viele Befunde, die darauf hinweisen, dass die Leute wirklich automatisch anspringen, schon wenn sie Zigaretten sehen, in Regionen des Gehirns, die etwas mit motorischer Bewegungssteuerung zu tun haben, die gar nicht mehr groß bewusst geplant werden. So dass viele Patienten ihren Rückfall auch so beschreiben, dass es kein bewusster Vorsatz war oder weiß ich eine besonders intensiv ambivalent erlebte Verführungssituation sondern, dass die ganz automatisch losgelaufen sind zur nächsten Tankstelle, sich ihre Schnapsflasche gekauft haben zu Hause geleert und Verlangen und Schuldgefühle und alles mögliche ihnen erst hinterher am nächsten Tag gekommen sind. Im Stirnhirn ist die bewusste Verhaltenskontrolle geschwächt, gleichzeitig hat sich das Lernprogramm der Sucht verfestigt. Spätestens jetzt ist die Schwelle vom bloßen Drogenmissbrauch zur Abhängigkeitserkrankung überschritten. Das Verhalten ist quasi auf Autopilot geschaltet. Einzige Zielkoordinaten: die Sucht. Nicht nur Alkohol und Kokain vermögen das Gehirn Richtung zwanghaftem Verhalten umzusteuern. Studien zeigen ähnliche Veränderungen der Nervenschaltkreise auch bei Menschen, die nicht mit dem Roulettspielen aufhören, oder die sich nicht vom Computer losreißen können. Selbst die Fresssucht trägt in einigen Fällen ihren Namen zurecht. Nora Volkow hat extrem übergewichtigen Patienten untersucht. Deren Dopaminsystem erwies sich als ebenso gestört, wie das von Drogenabhängigen. Der Effekt war um so deutlicher, je mehr die Personen auf die Waage brachten. Wie gesagt, es handelte sich um extreme Fälle. Der durchschnittliche Übergewichtige ist wohl nicht in einem klinischen Sinne süchtig nach Süßem. Experimente an Ratten zeigen aber, dass Futter mit hohem Fett und Zuckergehalt die normalen Sättigungsmechanismen des Gehirns außer Kraft setzen kann. Auch wenn der Magen objektiv voll ist, fressen die Tiere weiter Junkfood. Auf Dauer schädigen sie damit auch ihr Motivationssystem, bis sich im Käfig alles nur noch ums Fressen dreht. Im Kern ist die Sucht ein außer Kontrolle geratener Lernmechanismus. Einerseits erzeugt er automatisierte Verhaltensprogramme. Auf der anderen Seite schafft er aber auch besonders starke Erinnerungen an alles, was mit der Droge verknüpft ist. Diese tief eingeprägten Gedächtnisspuren sind ein wichtiger Grund für die hohe Rückfallrate nach einer Therapie von Süchtigen. Schon kleine Reize in der Umwelt, eine Bierwerbung, der zufällig gehörte Name einer Disko, in der es Heroin gibt, sind in der Lage, den Autopiloten der Abhängigkeit wieder zu aktivieren. Wie effektiv das Suchtgedächtnis arbeitet, konnte Andreas Heinz im Labor nachweisen. Er hat

6 beobachtet, was im Gehirn von trockenen Alkoholikern und von Kontrollpersonen passiert, wenn sie Bilder betrachten. Und zwar entweder Fotos von Bierflaschen, von Spritzen oder von neutralen Landschaften. Was sie sehen können ist, dass bestimmte Regionen des Gehirns nur bei Suchtkranken anspringen und nur auf diese Alkoholreize nicht auf Drogenreize die man nicht konsumiert und nicht auf andere emotionale Reize und das sind im Wesentlichen, vielleicht nicht überraschend, Regionen der Aufmerksamkeitssteuerung. Das ist aber in sofern wichtig, weil das in Situationen gezeigt wurde, wo die Leute entgiftet sind und gar keine Drogen konsumieren können und wollen und wenn dann trotzdem ein Bild reicht, um ihr Aufmerksamkeitssystem zu beschäftigen, dann kann man den Patienten gut glauben dass doch einige berichten, dass sie durch Alkoholreklame durcheinander gebracht werden oder motiviert werden wieder Alkoholverlangen zu entwickeln wenn sie zum Beispiel alleine Zuhause vor dem Fernseher sitzen, wo sie immer getrunken haben. Auch im Tiermodell lässt sich das Suchtgedächtnis studieren. Im englischen Cambridge gibt Dr. Jonathan Lee Ratten Gelegenheit, mit Kokain zu experimentieren. Wenn die Tieren einen Schalter drücken, leuchtet ein Licht, gleichzeitig erhält die Ratte eine Infusion der Droge. Nach einigen Tagen und mehreren hundert Räuschen sind die Tiere abhängig, sie nehmen große Mühen auf sich, um den nächsten Kick zu erreichen. Nach einem Entzug genügt schon das Aufleuchten der Lampe, um die Tiere sofort wieder in das Verhaltensmuster der Abhängigkeit zurückfallen zu lassen. Dieses Suchtgedächtnis versucht Johnathan Lee zu löschen. Hintergrund ist ein ganz neues Konzept der Gedächtnisforschung. Danach sind Erinnerungen im Gehirn nicht stabil verankert. Jedes mal, wenn sie abgerufen werden, müssen sie erneut ins Langzeitgedächtnis abgelegt werden. Und dabei sind sie verwundbar. Um das Suchtgedächtnis zu beeinflussen, müssen wir den Ratten nur erneut das Licht zeigen. Sie erinnern sich und gleichzeitig wird diese Erinnerung instabil. Das gibt uns die Chance einzugreifen und zu verhindern, dass die Erinnerung erneut abgespeichert wird. Wir blockieren dazu ein Gedächtniseiweiß im Gehirn. Unsere Experimente zeigen, dass schon ein einzige Behandlung ausreicht, um das Suchtgedächtnis dauerhaft zu löschen. Kein einziges Mal sind die Ratten in die alten Verhaltensmuster zurückgefallen. Die Behandlung ist so wirksam, dass theoretisch ein einziger Besuch beim Arzt ausreichen sollte, um das Suchtgedächtnis für lange Zeit abzuschwächen. Jonathan Lee ist optimisitsch. Allerdings muss er seinen Ratten den Gedächtnisblocker direkt ins Gehirn spritzen. Diese Prozedur eignet sich wohl kaum für die Suchttherapie. In der verwundbaren Phase nach dem Wiedererinnern lassen sich Gedächtnisinhalte aber auch ganz normalen und gut verträglichen Medikamenten beeinflussen, etwa mit Betablockern. In New York und Montreal laufen zur Zeit erste Studien an Patienten, die unter beängstigenden Erinnerungen an ein schreckliches Erlebnis leiden, etwa an einen Autounfall oder an ein Gefecht im Krieg. Im Rahmen einer Therapie werden die traumatischen Bilder wieder heraufbeschworen, gleichzeitig

7 erhalten die Patienten einen Betablocker. Er verlangsamt den Herzschlag, verringert das Schwitzen, dämpft ganz allgemein die körperliche Reaktion auf die Angst. Dabei wird auch das erneute Abspeichern der Erinnerung behindert. Die Ergebnisse stehen noch aus, doch wenn die Studien erfolgreich verlaufen, will Johnathan Lee Betablocker auch in der Therapie von Süchtigen erproben. Allerdings gibt es dabei ein Problem. Traumapatienten leiden meist unter der Erinnerung an ein einziges dramatisches Erlebnis. Bei Süchtigen ist aber praktisch ihr ganze Leben mit der Droge verknüpft. Nichtsdestotrotz konnten schon mehrere Forscher im Tierversuch zeigen, dass sich das Suchtgedächtnis löschen lässt. Der Weg bis zu einer effektiven Therapie für Menschen ist an Ansicht von Andreas Heinz aber noch weit. Das hat im Tierversuch, allerdings bei einer sehr kleinen Zahl von Ratten erstaunlich gut geklappt. Beim Menschen waren bisher die Behandlungsergebnisse nicht deutlich besser als die Standardbehandlung, was eine gewisse Ernüchterung zu Folge gehabt hat. Das heißt nicht, das der Weg nicht interessant ist. Ich glaube aber, man darf sich das Gehirn nicht zu sehr wie einen Computer vorstellen, wo man dann auf der Festplatte nach ein par Operationen wieder den Ausgangszustand hat. Die Therapie eines Alkoholikers oder eines Heroinabhängen erfolgt in zwei Schritten. Am Anfang steht der Entzug und der läuft nicht ohne schwere Nebenwirkungen ab. Schließlich haben sich Körper und Gehirn auf die Droge eingestellt. So kommt es, dass langjährige Alkoholiker selbst mit drei, vier Promille im Blut vergleichsweise nüchtern wirken können. Bei ihnen wird die dämpfende Wirkung des Alkohols durch eine erhöhte Grundaktivität der Nerven ausgeglichen. Im Entzug dreht das Gehirn dann sozusagen hoch, und löst ein Gefühl der Angst, der Nervosität aus. Dazu kommen Zittern, Schwitzen, Herzrasen und Schlaflosigkeit. Nach einigen Tagen gehen die schlimmsten Symptome zurück. Jetzt beginnt die zweite Phase der Therapie. Der Süchtige muss lernen, auch ohne die Droge zurecht zu kommen. Und das ist schwierig. Normale Genüsse, wie ein gutes Essen, haben oft ihren Reiz verloren. Dagegen erinnern sich die Patienten nur zu deutlich, an den positiven Effekt, den ein Schnaps oder ein Spritze ausgelöst haben. Suchtdruck oder Craving nennen das die Wissenschaftler. Häufig müssen die Süchtigen ihr ganzes Leben neu ordnen. Die Stunden, die vorher mit der Flasche vor dem Fernseher oder mit Beschaffungsdiebstählen vergingen, müssen nun anderes gefüllt werden. Kein leichtes Unterfangen, zumal Ex-Alkoholiker auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben. In der Therapie, mit Gesprächen und konkreten Hilfen für den Alltag, versuchen die Ärzte den Süchtigen, auf ein Leben ohne Drogen vorzubereiten. Der Erfolg ist allerdings gering. Nach einem Jahr sind zwischen siebzig und achtzig Prozent rückfällig geworden. Inzwischen lässt sich der Erfolg der Suchtbehandlung durch Medikamente steigern. Am Bekanntesten ist wohl das Methadon, dass als Heroinersatz verwendet werden kann. Methadon bindet im Gehirn an die selben Rezeptoren wie Heroin, aber es löst keine Kick aus weil es nicht direkt ins Blut gespritzt, sondern getrunken und langsam über den Darm aufgenommen wird. Damit fällt ein wichtiger Anreiz aus, die Dosis zu erhöhen. Methadon verhindert Entzugserscheinungen, so dass die Patienten auf Heroin

8 verzichten können. Allerdings macht auch Methadon selbst süchtig. Die Patienten bleiben also auch in einem Methadonprogramm abhängig, doch sie setzen sich keinen Gesundheitsgefahren mehr aus und entfliehen der Illegalität. Ein weiteres Medikament ist Naltrexon. Es blockiert die Wirkung des Heroins, ein Rückfall wird nicht mehr positiv belohnt. Allerdings nur solange die Patienten auch an der Therapie teilnehmen. Auch im Alkoholentzug wird inzwischen Naltrexon eingesetzt, schließlich überschneiden sich die Wirkungen der verschiedenen Drogen im Gehirn. Die Medikamente sind für Andreas Heinz aber keine Wundermittel. Das klappt auch ganz gut, aber nur wenn man motiviert ist, auch aufzuhören. Ich hatte einen Patienten, der sagte, das erste Bier kann ich im Rückfall stehen lassen, wenn ich das Naltrexon nehme, das schmeckt dann nicht so richtig, der mir aber auch gesagt hat, das Zweite oder Dritte ist dann wieder in Ordnung. Das heißt, diese Substanzen sind auch nie ein Ersatz für eine Psychotherapie oder für einen Versuch die Leute auch sozial wieder einzubinden und zu motivieren. Sie können aber helfen, wenn sie in eine solche Situation kommen, das der Rückfall nicht so schwer ist. Inzwischen können die Forscher mit Hilfe eines Gentests vorhersagen, wer gut auf das Medikament ansprechen wird. Zusätzlich zum Naltrexon verschreiben die Ärzte inzwischen auch Acamprosat, einen Wirkstoff, der die Grundaktivität der Nerven ähnlich wie Alkohol herunterregelt, und so die Entzugssymptome abmildert. Werden beide Substanzen gemeinsam angewandt, schaffen es doppelt so viele Patienten ohne Flasche zu leben. In einer deutschen Studie sank die Rückfallquote sogar unter 50 Prozent. Neben diesen schon etablierten Medikamenten befinden sich noch eine ganz Reihe weiterer Wirkstoffe in der Erprobung. Viele von ihnen zielen weniger auf die spezifischen Besonderheiten einer Droge ab, als auf die Gemeinsamkeiten, die der Suchterkrankung zugrunde liegen. Ein erstes Beispiel für ein solches Medikament ist Rimonabant. Dieser Wirkstoff beeinflusst die Bindungsstelle für Cannabis im Gehirn. Marihuana ist bekannt dafür, Heißhunger auszulösen, umgekehrt senkt Rimonabant sozusagen als Nebenwirkung den Appetit. Große Studien belegen inzwischen, dass sich das Medikament erfolgreich in der Gewichtsreduktion bei extrem dicken Patienten einsetzen lässt. Pilotuntersuchungen an Alkoholabhängigen und Nikotinsüchtigen zeigen, dass Rimonabant auch die Rückfallrate nach einem Entzug senkt. Und Tierexperimente legen nahe, dass in Zukunft auch Kokser und Kiffer von der Pille profitieren könnten. Allerdings ist unklar, ob der Hersteller diese Anwendungsgebiete aktiv erforschen wird. Auch bei anderen Medikamenten, die einen Einfluss auf Suchterkrankungen haben, verhindert das Schmuddelimage der Drogen eine Weiterentwicklung für dieses spezielle Anwendungsgebiet. Medikamente allein heilen keinen Süchtigen. Schließlich, so Noras Volkow, ist eine Sucht zwar eine Erkrankung des Gehirns aber eine, die eng mit der Lebenswelt des Abhängigen verknüpft ist. Ein Medikament alleine kann die Sucht nicht heilen. Die Abhängigkeit zerstört das Leben, man wird

9 arbeitslos, verliert vielleicht den Partner oder kommt ins Gefängnis. Wenn man hier nur eine Pille gibt und erwartet der ganze Rest wird sich schon einrenken, dann ist der Rückfall vorprogrammiert. Wir glauben, dass Medikamente einem Menschen helfen können, sein Leben neu zu ordnen. Wenn der innere Zwang wegfällt eröffnet sich die Chance, einen Job zu finden, neue Kontakte zu knüpfen und so ohne Drogen zurechtzukommen. Es muss immer eine Kombination der Behandlungsansätze geben. Medikamente sind keine Wundermittel, die plötzlich alle Probleme lösen. Eine Sucht ist keine Charakterschwäche sondern ein chronisches Leiden wie etwa die Zuckerkrankheit. Das Ziel in der Behandlung der Abhängigen muss für Andreas Heinz deshalb, wie bei anderen chronischen Erkrankungen auch, nicht die komplette Heilung sein, sondern ein stabiles Management der Sucht. Dabei ist jede Abstinenzphase aus ärztlicher Perspektive ein Gewinn, selbst wenn sie nur einige Monate anhält. Es ist natürlich so, dass Rückfälle dazugehören, aber wir machen ja auch bei den Diabetikern nicht jedem Patienten einen Vorwurf, wenn er mal einen Diätbruch macht und mal ein Stück Torte isst, es gehört einfach zum Menschsein, dass wir nicht immer perfekt sein können und wir müssen glaube ich einen Teil der moralischen Vorwürfe aus der Behandlung der Suchtkranken rausnehmen, denn stellen sie sich die Diabetessprechstunde vor und jedes Mal wird dem Patienten der Rausschmiss aus dem Programm angedroht wenn wieder die Broteinheiten nicht stimmen, das kann man sich gar nicht vorstellen oder nachvollziehen, natürlich ist es für einem Diabetiker genauso gefährlich zu viele Kalorien zu essen wie für einen Alkoholkranken wieder rückfällig zu werden ist, ist nur dann die Frage, wie man ihm am Besten hilft. zurück. zum Seitenanfang

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