Der richtige Arzt für mich

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1 Leseprobe aus: Michael Prang, Nicole Franz Der richtige Arzt für mich Copyright 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek

2 I. Wie wird man eigentlich Arzt? Haben Sie sich schon mal gefragt, wie man in Deutschland Arzt werden kann? Ob man dazu tatsächlich ein Einser-Abitur braucht oder Latein sprechen können muss? Oder haben Sie sich schon mal gefragt, warum längst nicht alle Ärzte einen Doktortitel haben? Im ersten Kapitel unseres Buches bekommen Sie die Antworten auf diese und auf andere Fragen, die Sie sich im Zusammenhang mit Ärzten vielleicht schon mal gestellt haben. Ohne Bürokratie geht es nicht Im typischen Bürokratendeutsch heißt es im Heilpraktikergesetz, die freie Ausübung der Heilkunde sei nur «bestallten Ärzten» erlaubt. Frei übersetzt ist damit gemeint: Als Arzt arbeiten darf hierzulande jeder, der entsprechend ausgebildet ist und von der zuständigen Behörde die sogenannte Bestallung (Approbation bzw. Zulassung) als Arzt erhalten hat. Natürlich gibt es auch bei diesem Gesetz ein paar Ausnahmen von der Regel. Heilpraktiker, Physiotherapeuten und andere Heilberufe gelten ebenfalls als Angehörige eines «selbständigen Heilberufs». Auch sie dürfen deshalb ohne ärztliche Verordnung Kranke behandeln je nach Bundesland können dafür allerdings Einschränkungen gelten. 9

3 Die Zulassung zum Studium ist das Nadelöhr Mit der entsprechenden Ausbildung ist natürlich das Medizinstudium gemeint. Um in Deutschland Medizin studieren zu können, muss der Bewerber die sogenannte allgemeine Hochschulreife (meist ist damit das Abitur gemeint) oder einen anderen anrechenbaren «Was fehlt uns denn?» Abschluss haben. Das ist die Ein gut gereifter Klassiker der Medizinersprache und die Ouvertüre des doch jedes Jahr mehr Bewerber Grundvoraussetzung. Da es je- Arzt-Patienten-Gesprächs schlechthin. Hier wird Mitgefühl, Fürsorge versitäten gibt, wurde schon als Studienplätze an den Uni- und Geborgenheit in einer einzigen schlichten Frage ausgedrückt. vor einiger Zeit der sogenannte Sollten Sie sich dadurch ungebührlich bemuttert fühlen, bleiben Sie Vereinfachend gesagt, be- «Numerus clausus» eingeführt. entspannt. Ein Arzt möchte mit kommen aufgrund des «Numerus clausus» zuerst die Bewerber vertraulichen Floskeln dieser Art vermitteln, dass er Ihr Problem von mit den besten Abiturnoten einen Medizinstudienplatz, es fol- nun an zu seinem machen möchte. Und das bedeutet: Er wird Ihnen aufmerksam zuhören, selbst wenn sich gen die zweitbesten, schließlich am Ende der Sprechstunde herausstellt, dass Sie ein Hypochonder oder weiter bis schließlich alle Stu- die etwas weniger guten und so sogar nur auf eine Krankschreibung dienplätze vergeben sind. Wer aus sind. in diesem Auswahlverfahren keine konkurrenzfähigen Noten vorweisen kann, darf dennoch Medizin studieren sofern er Geduld mitbringt und einige Semester wartet. Vergeben werden die Medizin-Studienplätze schließlich entweder von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) nach den Kriterien Abiturnote und Zahl der Wartesemester oder zu einem gewissen Teil von den Universitäten selbst. 10

4 Lateinkenntnisse sind keine Grundvoraussetzung Das Medizinstudium dauert rund 12 Semester, also 6 Jahre, und ist in mehrere Abschnitte geteilt: In einem vorklinischen Teil in den ersten vier Semestern büffeln die Studenten Grundlagenfächer wie Chemie, Physik, Anatomie und Terminologie. Letzteres ist für alle, die in der Schule keinen Lateinunterricht hatten, der Schlüssel zum Verständnis der medizinischen Fachsprache. Man muss also nicht Latein sprechen können, um Arzt werden zu können. Wobei wir an dieser Stelle erwähnen möchten, dass sich die medizinische Fachsprache zu etwa gleichen Teilen aus lateinischen und griechischen Quellen ableitet. Im anschließenden klinischen Teil geht es sechs Semester lang um konkrete medizinische Fächer wie Chirurgie, Innere Medizin und Gynäkologie. In diesem Teil des Studiums bekommen die meisten Studenten auch zum ersten Mal Kontakt zu echten Patienten. Im letzten Studienjahr folgen dann eine praktische Ausbildung (Praktisches Jahr) von 48 Wochen an einer Klinik und daran anschließend das letzte Staatsexamen. Fertig ist der Arzt? Nein, nicht ganz: Erst mit der amtlichen Zulassung, der Approbation (Bestallung), wird aus dem fertigen Medizinstudenten tatsächlich auch ein Arzt. Der erste Job als Assistenzarzt Mit der Approbation stehen einem frischgebackenen Arzt viele verschiedene Karrierewege offen. Die meisten jungen Ärzte entscheiden sich aber für einen «Weißkitteljob» und beginnen ihre Karriere als Assistenzarzt an einem Krankenhaus. Ein Assistenzarzt ist ein Arzt ohne leitende Funktion, der sich meist in der langen Weiterbildung zum Facharzt befin- 11

5 det. Damit die Patienten jederzeit sicher sein können, dass nichts schiefgehen kann, wird er dabei von einem schon fertigen Facharzt, in der Regel einem Oberarzt oder Chefarzt, angeleitet und beaufsichtigt. Zu den klassischen Aufgaben eines jungen Assistenzarztes gehört im Krankenhaus die Routinearbeit auf der Station. Als Stationsarzt führt er zum Beispiel die Visite durch, erledigt Blutentnahmen, verschreibt Medikamente, macht Aufnahmeuntersuchungen, klärt Patienten auf, führt Patientenakten, übernimmt Nachtdienste und ist der erste Ansprechpartner von Patienten und Angehörigen. Assistenzärzte der Abteilungen für Anästhesie, Innere Medizin und Chirurgie, die eine entsprechende Zusatzausbildung absolviert haben, sind außerdem oft als Notärzte in der Ambulanz oder im Rettungswagen tätig. Der Vollständigkeit halber erwähnt werden muss noch, dass als Assistenzarzt auch ein Arzt bezeichnet wird, der zwar Facharzt ist, aber in der Klinik keinen Ober- oder Chefarztposten hat. Wie viele Ärzte gibt es in Deutschland? Ende des Jahres 2006 waren in Deutschland Ärzte gemeldet, davon knapp ohne ärztliche Tätigkeit Ärzte davon 7500 Privatärzte arbeiteten in Praxen, in Krankenhäusern. Zur Behandlung von Kassenpatienten benötigt ein Arzt eine Zulassung, durch die er Pflichtmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung seines Niederlassungsbezirks wird. Von diesen «Kassenärzten» gab es Ende 2006 knapp , davon waren Hausärzte, rund Fachärzte. 12

6 Was genau ist eigentlich ein Facharzt? Facharzt darf sich in Deutschland nennen, wer als Arzt eine mehrjährige Weiterbildung absolviert und am Ende eine entsprechende Prüfung bestanden hat. Wie lange diese Weiterbildung mindestens dauert und was ein Facharzt in spe an Fähigkeiten nachweisen muss, hängt von seinem Fach ab und kann von Bundesland zu Bundesland verschieden sein. Festgelegt werden die genauen Bedingungen der Weiterbildung von den Landesärztekammern, die Dauer beträgt in der Regel zwischen vier und sechs Jahre. Facharzt muss man zudem sein, um sich als «Kassenarzt» niederlassen und die Behandlung der «Kassenpatienten» mit den Krankenkassen abrechnen zu dürfen. Sich als «Praktischer Arzt» niederzulassen, so wie es früher einmal bei Hausärzten üblich war, ist heute nicht mehr möglich. Wer kann Hausarzt sein? Ein Hausarzt ist ein niedergelassener Arzt und für seine Patienten die erste Anlaufstelle bei Gesundheitsproblemen aller Art. Neuerdings wird er mitunter auch gerne als «Lotse im Gesundheitssystem» bezeichnet, weil er auch die Behandlungen von Fachärzten und Kliniken koordiniert und oft als einziger alle Therapien und Medikamente seiner Patienten im Blick hat. Wenn nötig, überweist ein Hausarzt zu Fachärzten, weist ins Krankenhaus ein oder macht Hausbesuche. Seine Leistungen rechnet ein Hausarzt über die Kassenärztliche Vereinigung mit der jeweiligen Krankenkasse seines Patienten ab. Privatpatienten erhalten natürlich eine Privatrechnung, die sie selbst bezahlen müssen. In Deutschland sind als Hausärzte meist Fachärzte für Allgemeinmedizin sowie Fachärzte für Innere Medizin tätig, die 13

7 sich entschieden haben, als Hausarzt zu arbeiten. Praktische Ärzte, also Ärzte ohne Facharztanerkennung, gibt es nur noch vereinzelt als Hausärzte. Wichtig für die Arbeit als Hausarzt ist ein enges Vertrauensverhältnis zu den Patienten. Idealerweise bleibt man als Patient sein Leben lang bei nur einem Hausarzt, sodass dieser die Lebens- und die Krankengeschichte in- und auswendig kennt. In solchen Fällen können Hausärzte besonders bei seelischen Problemen oft besser helfen als so mancher Facharzt. Welche Karrierewege stehen Ärzten sonst noch offen? Immer mal wieder ist in den einschlägigen Medien die Rede davon, dass Deutschland ein Medizinermangel drohe. Richtig ist, dass in Teilen Deutschlands die Facharztversorgung bei bestimmten Disziplinen wie beispielsweise Urologie, Neurologie und Augenheilkunde schon heute problematisch ist. Die Ursachen des teilweisen Ärztemangels sind mehrschichtig. So ist zum Beispiel die deutsche Ärzteschaft überaltert, denn das Durchschnittsalter eines Arztes liegt bei über 50 Jahren. Zudem arbeiten immer weniger Ärzte in der unmittelbaren Patientenversorgung. Angesichts von mitunter miesen Arbeitsbedingungen, herrischen Chefärzten und schlechter Bezahlung verzichten viele Abiturienten auf ihren Traumberuf und studieren lieber Fächer mit attraktiveren Berufsaussichten. Hinzu kommt, dass eine spürbare Zahl an fertigen Ärzten ihre Karriere in der Pharmaindustrie, bei Versicherungen, Gesundheitsämtern oder Unternehmensberatungen findet. Die alternativen Berufsfelder zum «Arzt in Weiß» sind oft nicht nur wesentlich besser bezahlt, son- 14

8 dern lassen sich auch eher mit der Familie vereinbaren, weil Nacht- und Wochenenddienste wegfallen. Manche Hausärzte finden keine Nachfolger Derzeit liegt die geschätzte Zahl der unbesetzten Arztstellen bei rund wobei diese hohe Zahl nicht bedeutet, dass arbeitsuchende Ärzte nun die freie Auswahl zwischen genauso vielen attraktiven Positionen hätten. Ein Großteil der freien Stellen ist im Bereich der niedergelassenen Ärzte angesiedelt und diese sind fraglich attraktiv. Kassenärzte, die in den Ruhe stand gehen wollen, finden mitunter keine Nachfolger, da vielen Jungärzten die Verdienstaussichten wenig motivierend erscheinen. Viele von ihnen arbeiten deshalb lieber an Kliniken und sorgen dort für einen Karrierestau. Neben sehr vielen Assistenzärzten gibt es deshalb relativ wenige Oberärzte und Chefärzte. Wer nicht karrierebewusst ist und sich durch diesen Flaschenhals arbeitet, bleibt so mitunter sein ganzes Berufsleben lang Assistenzarzt mit entsprechendem Gehalt und Arbeitsbedingungen. Werden immer mehr gebraucht: Ärzte mit Management-Wissen Der steigende Kostendruck und der sich verschärfende Wettbewerb unter niedergelassenen Ärzten und Kliniken sorgen dafür, dass Management-Wissen immer stärker den Medizineralltag mitbestimmt. Marktanalyse, strategische Planung, Marketing, Personalführung, Kosten-, und Qualitätsmanagement betriebswirtschaftliche Aspekte und unternehmerisches Handeln werden im Medizinstudium jedoch nicht vermittelt. Ärzte, die es dabei nicht belassen wollen, können deshalb seit einiger Zeit 15

9 ein berufsbegleitendes Zweitstudium in angewandter Betriebswirtschaft zum Master of Business Administration, kurz MBA, absolvieren. Vom MBA-Fachwissen, das vor allem ein vernetztes Denken und Verständnis für ökonomische Mechanismen lehrt, profitieren Patienten und Mitarbeiter gleichermaßen. Im Durchschnitt brauchen berufstätige Ärzte zweieinhalb Jahre für ihren MBA-Abschluss. Das Studium kostet sie im Durchschnitt Euro pro Jahr aus eigener Tasche. Warum haben manche Ärzte keinen Doktortitel? Der «Doktor» abgeleitet aus dem Lateinischen doctus, «gelehrt» ist in Deutschland ein akademischer Grad, der dem sogenannten Doktoranden nach einer erfolgreichen Doktorarbeit von einer Universität verliehen wird. Verliehen das bedeutet, dass im Gegensatz zu akademischen Graden wie Diplom oder Magister der Doktortitel wieder entzogen werden kann, wenn der Titelträger z. B. straffällig geworden ist. Eine abgeschlossene Doktorarbeit gilt als Nachweis der Fähigkeit zur eigenständigen wissenschaftlichen Arbeit. Wer als Arzt keine Doktorarbeit geschrieben hat, kann auch keinen Doktortitel verliehen bekommen haben und darf sich folglich auch nicht «Dr. med.» nennen. Das ist nicht in allen Ländern so. In den USA zum Beispiel ist der «Medical Doctor», kurz MD, eine Berufsbezeichnung, die jeder Arzt ohne spezielle Auflagen führen kann. Was ist eine Doktorarbeit? Ein Arzt ohne Doktortitel wäre in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl undenkbar gewesen. Heute verzichten 16

10 viele Ärzte auf ihren «Dr. med.», denn für das ärztliche Berufsleben unbedingt erforderlich ist dieser Titel nicht. Ein Arzt mit ist nicht zwangsläufig schlechter als einer ohne Doktortitel. Eine Doktorarbeit auch Dissertation oder Promotion genannt ist nach dem Prinzip eine schriftliche Arbeit, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu dem jeweiligen Thema enthält. Das Schreiben dieser Arbeit dauert je nach Fach und Fleiß des Doktoranden zwischen ein paar Wochen und mehreren Jahren. «Dann wollen wir doch mal schauen!» Sie glauben, Sie sollen jetzt Schulter an Schulter mit dem Experten einen Blick auf das Röntgenbild Ihrer Lunge werfen? Der Arzt will seine Eindrücke mit Ihnen teilen? Ganz falsch liegen Sie damit nicht. Aber auch nicht ganz richtig. Denn mit einiger Wahrscheinlichkeit sieht der Arzt Ihr Röntgenbild in diesem Moment zum ersten Mal. Und er will Ihnen zu verstehen geben: «Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich mit Ihren Untersuchungsergebnissen zu beschäftigen und brauche jetzt mal drei Sekunden, um mich zu orientieren.» In dieser Zeit wird der Doktorand meist von einem Professor betreut, der im Volksmund dann «Doktorvater» genannt wird. Die Doktorarbeit selbst muss öffentlich zugänglich gemacht werden alle jemals geschriebenen Doktorarbeiten lagern deshalb in den Archiven von Universitätsbibliotheken. Der Doktortitel bringt seinem Träger gesellschaftliches Ansehen und eventuell eine Einkommenssteigerung. Daher besteht für manche Menschen die Versuchung, den Titel auch ohne die entsprechende Investition von Zeit und Aufwand zu erlangen. Der Doktorgrad darf in Deutschland jedoch nur von Berechtigten geführt werden, und so sagt das Strafgesetzbuch dazu: «Wer unbefugt inländische oder ausländische Amts- oder Dienstbezeichnungen, aka demische Gra de, Titel oder öffentliche Würden führt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.» 17

11 Der «Dr. med.» ist nur einer von mehr als hundert möglichen Doktorgraden im deutschsprachigen Raum. Neben dem Doktor in der Medizin gibt es Doktorgrade auch in zahlreichen anderen Fächern, so zum Beispiel gibt es Dr. agr. (agriculturae): Doktor der Agrarwissenschaften Dr. biol. hom. (biologiae hominis): Doktor der Humanbiologie Dr. cult. (culturae): Doktor «Hhmm, hhmm, hhmm» Drei Worte, die mehr sagen als drei Buchstaben. Besonders, wenn der Arzt sie wie ein Metronom mehrere Dutzend Male wiederholt, während Sie sprechen. Er will Ihnen damit mit großer Wahrscheinlichkeit sagen: «Ich höre Ihnen aufmerksam zu!» Möglich ist aber auch, dass er in diesem Moment denkt: «Verdammt, ich habe schon lange kein Seminar zum Thema Patientenkommunikation mehr besucht und vergessen, wie das mit dem aktiven Zuhören wirklich funktioniert.» Sorgen sollten Sie sich machen, wenn Ihr Arzt diese Laute auch von sich gibt, wenn Sie gar nichts sagen. In diesem Fall könnte er geknebelt worden sein. der Kulturwissenschaften Dr. disc. pol. (disciplinarum politicarum): Doktor der Sozialwissenschaften/Politikwissenschaften Dr. iur. (iuris): Doktor der Rechtswissenschaften Dr. oec. (oeconomiae): Doktor der Wirt schaftswissenschaften Dr. phil. (philosophiae): Doktor der Philosophie. Umfasst die ganze Bandbreite der alten philosophischen Fakultäten, aber auch der Soziologie, Geschichte, Psychologie und Pädagogik 18

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