Deshalb auch als Thema meines kurzen Vortrages - Perspektiven 2004 Was erwartet Sie jetzt, nachdem Sie das Studium erfolgreich abgeschlossen haben?

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1 Festvortrag zur akademischen Abschlussfeier am 22.Juni 2004 Zunächst herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Abschluss Ihres Medizinstudiums. Realisieren Sie, dass die Zeit der Prüfungen (Abitur, Ärztliche Vorprüfung, Ärztliche Prüfung) -nahezu- zuende ist und dass Sie Prüfungen allenfalls noch zum Facharzt oder für ein Spezialgebiet zu absolvieren haben. Alles andere, wie Habilitation -soweit es diese noch geben wird- Bewerbung um eine Professur, Bewerbung um einen Chefarzt-Posten, bedarf Ihres Zutuns, aber wird von anderen entschieden. Deshalb auch als Thema meines kurzen Vortrages - Perspektiven 2004 Was erwartet Sie jetzt, nachdem Sie das Studium erfolgreich abgeschlossen haben? Das erste Positive ist, dass es ab 1.Oktober diesen Jahres keinen Arzt im Praktikum mehr gibt, der in der Regel wie ein Assistenzarzt arbeitete und nur mäßig entlohnt wurde. Positiv ist auch zu sehen, dass entsprechend neuer europäischer Regelungen die in Deutschland lange Facharzt-Ausbildung von 6 Jahren verkürzt und dafür die anschließende Spezialisierung intensiviert wird. Das bedeutet, dass Mediziner wie Sie, die im Durchschnitt mit 27 das Studium beendet haben und -entsprechend einer statistischen Erhebung- nicht erst mit 35 bis 36 Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen haben, sondern dass sie jünger und konkurrenzfähiger zum europäischen Ausland werden. Diese Konkurrenz kommt, in einigen Bereichen ist sie schon da. - Gesundheitspolitik und -ökonomie Wir sind in einer Phase des dramatischen Einsparens, weil nachvollziehbar im Gesundheitssystem Kosten gesenkt bzw. Kostenanstieg gebremst werden muss. Das trifft besonders Sie als Ärzte! 1

2 Die Umsetzung des neuen europäischen Arbeitszeit-Rechtes würde Tausende von neuen Arztstellen bedeuten, stattdessen werden Verwaltungsdirektoren angehalten -erbarmungslos (Zitat) - zu sparen, auch wenn sie so nett sind wie Sie und ich. In der täglichen Praxis ist es allerdings so, dass Sie gegenüber dem Patienten diese Einsparungen vertreten müssen. - Regulierungsflut Unabhängig von der Personalknappheit und limitierter Resourcen lassen sich Behörden unentwegt neue Regularien einfallen. Ehe Sie sich versehen, werden Sie als Arzt während Ihrer klinischen Ausbildung ein - Transfusions-Beauftragter - Sicherheits-Beauftragter - Strahlenschutz-Beauftragter - Qualitätssicherungs-Beauftragter - Codierungs-Beauftragter, der das neue Disease Related Grouping-Abrechnungssystem codiert. - oder neu -wie ich gestern lernte- ein Arbeitszeitregulierungs-Beauftragter Das lässt sich zwar nicht verhindern, aber ich appeliere an Sie, nehmen Sie das alles nicht widerstandslos hin. Wehren Sie sich, Sie haben Medizin studiert und nicht Gesundheitsökonomie. Es gibt ausgebildete Gesundheitsökonome, es gibt Stationssekretärinnen, es gibt in angelsächsischen Ländern Patientenmanager, die alle Ihren Job ausgezeichnet erfüllen und die Sie entlasten können, damit Sie Ihre eigentliche Aufgabe, nämlich die Patientenversorgung noch wahrnehmen können. Also seien Sie wachsam, nehmen Sie nicht alles hin. Wenn keine zusätzlichen ärztlichen Stellen geschaffen werden, dann eben Aufgabenübernahme durch andere Qualifizierte. - Berufsaussichten Ein nicht unerheblicher Anteil ausgebildeter Mediziner nimmt den Beruf als Arzt nicht mehr wahr. Nach statistischen Angaben sind es 42% (Churchill sagte: "Ich glaube nur an meine eigenen gefälschten Stastiken"). Das liegt daran, dass die Berufsaussichten des Arztes nicht mehr nur rosig gesehen werden. In der Tat, wenn man nicht selbständig niedergelassener 2

3 Arzt, Oberarzt, Juniorprofessor oder -noch besser- Chefarzt oder Universitätsprofessor wird, ist die Dauerposition auf mäßigem BAT-Niveau -einem Lehrer gleich, der ebenfalls lehren und helfen, aber nicht heilen kann- nicht die attraktivste Option. Es gibt aber heute auch neue, attraktive Alternativen für Mediziner, solche die sich ausschließlich der Forschung widmen und dort Karriere machen, attraktive Positionen nicht nur in der Pharmaindustrie, sondern auch wohl-dotierte Posten bei Investmenthäusern, die Biotech-Unternehmen beraten, etc. etc. In diesem Zusammenhang ein Wort zur Habilitation, die "abgeschafft" werden soll. Besser wäre eine in-cumulo-habilitation aufgrund guter wissenschaftlicher Arbeiten ohne Erstellung eines größeren, zeitraubenden Werkes. Bei dem viel geäußerten Vorschlag, nach angelsächsischem Muster bei abgeschlossenem Studium einen M.D. -und nur aufgrund wissenschaftlicher Leistungen- den Doktor med. zu verleihen, wird die Realität leicht übersehen; ein Landrat aus Niederbayern oder Niedersachsen wünscht bei der Besetzung des Chefarzt- Postens seines Kreiskrankenhauses noch immer einen Dozenten, besser einen Professor. Bis da ein wirkliches Umdenken einsetzt, dürfte noch eine geraume Zeit vergehen. Erwerben Sie also so viele Qualifikationen wie möglich. - Evaluation Eine zukünftige Möglichkeit, sich zu qualifizieren, ist der Erwerb von CME Credit Points, das bedeutet "Continuing Medical Education". Sie wird vergeben für die Besuche von Fortbildungen und Kongressen. Was zunächst bürokratisch aussieht, hat aber eine sehr positive Seite, Sie werden zur Fortbildung gezwungen, Sie muss Ihnen gewährt werden und Sie lernen viel. Hinzu kommt, dass Patienten inzwischen über Internet etc. ausgezeichnet informiert sind und Sie ohne adäquate Fortbildung kaum Rede und Antwort stehen können. Es ist auch damit zu rechnen, dass wie in anderen europäischen Ländern, in denen das Evaluierungssystem weiter fortgeschritten ist, bei uns absehbar ist, dass die Führung einer Fachpraxis, möglicherweise die Vergabe von Positionen von diesem CME Credit Points abhängt. 3

4 - Forschung Die Forschung, insbesondere die klinische Forschung, wird in Deutschland unverdientermaßen schlecht geredet. "Das Dilemma der klinischen Forschung in Deutschland" war soeben Hauptthema des Internistenkongresses vor Ärzten in Wiesbaden und wurde dankbar von der Presse aufgegriffen. Die klinische Forschung in Deutschland ist nicht so schlecht. Es gibt hervorragende klinische Studien. Die finanziellen Forderungen zur Verbesserung der klinischen Forschung, die jetzt gestellt werden, sind derzeit schlichtweg nicht realisierbar. Wenn aber von den 2 Milliarden, die zur Förderung der Elite-Universitäten und Elite-Ausbildung von der Bundesregierung zur Verfügung gestellt werden sollen, ein Teil in die klinische Forschung flösse, wäre das hilfreich, und ich bin sicher, dass die Dekane, wie auch insbesondere der unsere, sich darum bemühen werden. - Forschung an Kliniken Patientennahe Forschung muss in der Klinik bleiben und nicht -wie auch gefordert an Grundlageninstitute, möglichst noch außerhalb der Universität, verlagert werden. Die derzeitigen Forschungsthemen, gegliedert in größere Querschnittsfelder, sind äußerst attraktiv. Es sind dies: 1) in-vitro- und in-vivo-wiederherstellung erkrankter Gewebe 2) Infektionsbiologie und Immunologie mit molekularer Diagnostik und Impfstoff- Entwicklung 3) Genomics und Proteomics für - Diagnostik - Risikoabschätzung - Therapiekontrolle - Pharmakotherapie - Auch wenn diese Forschung nur zum geringen Teil durch Landesmittel finanziert wird -wie fast in allen anderen Ländern- gibt es immer noch sehr gute Fördermöglichkeiten; die - Deutsche Forschungsgemeinschaft mit Nachwuchsprogramm wie Emmy Noether - BMBF - Stiftungen - Pharma-Industrie, andere 4

5 Die Aussichten in Deutschland, Forschungsvorhaben zu realisieren, sind immer noch so gut, dass die Chancen, geniale Ideen aus Geldmangel nicht zu realisieren, äußert gering sind. Äußerst positiv ist auch an den Kliniken die immer engere Zusammenarbeit von Medizinern und Naturwissenschaftlern, die in der Klinik arbeiten, Biologen, Molekularbiologen, Biochemiker, als Post Docs, die anschließend für sich selbst auch immer bessere Qualifikationsund Karrierechancen haben. Naturwissenschaftler habilitieren sich für Experimentelle Medizin oder besetzen als Molekulare Kardiologen, molekulare Hämatologen oder molekulare Infektiologen C3-Professuren. Regelungen wie in den USA, dass der Arzt/Forscher nur wenige Wochen im Jahr am Krankenbett arbeitet und den Rest der Zeit der Forschung widmet -es wird auch bei uns gefordert- ist in unserem System kaum realisierbar, und es ist auch zu fragen, ob Sie das eigentlich mögen. - Stellung des Arztes in der Öffentlichkeit Zum Schluss noch ein Wort zur Stellung des Arztes in der Öffentlichkeit. Sie wechseln jetzt vom Studenten zum Arzt und nehmen von nun an auch an der Wahrnehmung der Ärzte in der Öffentlichkeit teil; sozusagen einer griechischen Tragödie gleich: ohne Ihr Zutun. Während die Patienten uns noch gewogen sind, tut sich die Öffentlichkeit (Presse, Funk, Fernsehn) mit dem Ärztestand häufig schwer, die vielfältigen Ursachen können hier nicht diskutiert werden. Was gemeint ist, können Sie nachlesen im Sonntagsblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom letzten Wochenende, ein Artikel über den durchaus positiven Effekt von Placebos. Zitat "die besonders gut wirken, wenn der Arzt viel redet und dem Patienten das Gefühl gibt, er wolle ihm helfen, besonders wenn er Chefearzt ist. Nur in einem Drittel wirksam, wenn von der Schwester gegeben. So viel ist immerhin dran am Standesdünkel der modernen Medizin" Zitatende. Wie bitte, fragt man sich. Aber Emotionen sind hier nicht angebracht, sondern immer wieder die Aufgabe, medizinische Themen medien-kompatibel aufzubereiten und der Presseöffentlichkeit anbieten, wie das zum Beispiel unserer Ärztlicher Direktor in immer wieder beispielhafter Weise zelebriert. 5

6 - Schlusswort Ich habe versucht aufzuzeigen, was Sie erwartet aus den Perspektiven des Jahre Nicht alles kann rosig sein, aber sehr viel ist positiv und das Positivste zuletzt; das Erlebnis im Umgang mit Patienten, gute Diagnostik und Therapie, gute Gespräche zu haben, ist ein Bereich, der nur Ihnen gehört und der Ihnen niemand nehmen kann. Zudem haben Sie noch die Möglichkeiten der Forschung und die Freude, diejenigen zu lehren -die Studenten- in dem Stadium, dem Sie soeben entwachsen sind. Diese Verbindung von Patientenerleben, Forschung und Lehre finden Sie kaum in einem anderen Beruf und das sollte Sie positiv und wohlgemut stimmen. Wir wünschen Ihnen alles erdenklich Gute und ein Angebot: wenn Sie Fragen haben oder Beratung suchen, wir sind alle dazu sehr gern bereit. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. 6

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