BERICHTE AUS DEM AUSLANDE

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1 i6. Februar '934 DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT 255 \Vill man dem Festländer klar machen, worin der Unterschied zwischen englischer und z. B. deutscher ärztlicher Ausbildung besteht, so muß man zuerst darauf hinweisen, daß in England der Staat sich nur wenig um die höhere Schulbildung, um die Universitäten und um die von den Arzten abzulegenden Prüfungen kümmert, sondern daß er alle diese Dinge in weitestem Maße der privaten Unternehmungslust überläßt. Die Kinder wohlhabender Eltern besuchen meist eine der sogenannten BERICHTE AUS DEM AUSLANDE Der medizinische Studiengang in Großbritannien Von Dr. J. P. zum BUSCH in Liestal (Schweiz) public schools", von denen Eton, Harrow, Rugby wohl die berühmtesten sind. Diese mit Internaten versehenen und meist von Geistlichen geleiteten Schulen, waren in früheren Jahren ausschließlich den Söhnen der guten alten Familien vorbehalten; mit Zunahme des Reichtums hat sich dies sehr geändert und heute ist die Aufnahme nicht allzu schwierig, wenn nur der Vater über die nötigen Geldmittel verfügt. Auf den genannten und ähnlichen Schulen wird weniger auf großes Wissen als auf Charakter und

2 256 DEUTSCHE MEDIZIN IS CHE WOCHENSCHRIFT Nummer 7 Körperausbildung gesehen, der Sport in jederlei Art spielt ein große Rolle, das stete Zusammenleben der Knaben schleift sie ab, führt zu gegenseitiger Rücksichtnahme und zur Zusammenarbeit und so kommt nicht nur das bewundernswerte Zusammenspiel der verschiedenen,,teams" beim Fußball, Tennis usw. zustande, sondern es liegt auch viel. Wahres in -der Behauptung, daß die Schlachten und die Kolonien Englands auf den Spielfeldern seiner public schools errungen werden. Wem die Mittel fehlen, eine dieser Anstalten zu besuchen, der kann als,,oppidanus" am Unterricht teilnehmen, oder sich auf einer der vielen Privatschulen oder auch zu Hause für die Prüfung vorbereiten, die er bestehen muß, um als Student der Medizin registriert zu werden. Früher war dies einfacher. Noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts gab er sich mit 15 oder i6 Jahren in die Lehre eines praktischen Arztes, um nach Beendigung dieser mehrjährigen Lehrzeit eines der größeren Krankenhäuser in London, Edinburgh oder Dublin aufzusuchen und nach einigen Jahren dieser hauptsächlich praktischen Ausbildung seine Prüfung bei einer der Körperschaften abzulegen, die als College of Physicians, College of Surgeons oder als Society of Apothecaries durch königliches Dekret die Befugnis haben, Arzte zu diplomieren. In den Krankenhäusern lehrten die Chefärzte der einzelnen Abteilungen, und es war meist so, daß ein früherer Schüler des Krankenhauses, der auf eine spätere chirurgische Chefarztstelle rechnete, als Demonstrator und dann als Lehrer der Anatomie anfing, während die späteren Internisten meist als Physiologen und auch als Pathologen begannen. Größere Institute und Fachlehrer für diese nichtklinischen Fächer sowie Assistenten in unserem Sinne fehlten ganz, und es ist nur zu bewundern, daß trotz dieser überaus einfachen Hilfsmittel die englische Physiologie z. B. so Hervorragendes geleistet hat. Man sieht auch daraus wieder, daß es nicht auf das,,allermodernste" Krankenhaus oder Institut, nicht auf den,,super"operationssaal ankommt, sondern auf die Männer, die darin arbeiten. Natürlich hatten die vielen Pforten, durch welche ein Arzt in den Beruf eingehen konnte, das mißliche, daß im Konkurrenzkampf der einzelnen Körperschaften die geforderten Leistungen nicht erhöht sondern vielfach vermindert wurden, um nur Studenten anzulocken und so kam es, daß wer in London durchfiel, es in Edinburgh oder Dublin von neuem versuchte, bei einer der zahlreichen Körperschaften fand er noch ein Pförtchen, durch welches er in die Praxis schlüpfen konnte. Es gab damals, und es gibt sie, in veränderter Form, auch heute noch, drei Arten von Arzten. r. Die Physicians, welche sich nur mit der inneren Medizin abgeben durften, sie galten als die vornehmsten, da sie Doktoren einer Universität waren und daneben noch Mitglieder eines der verschiedenen Colleges of Physicians, die wie das 1518 gegründete Royal College of Physicians of England auf eine lange Geschichte zurückschauten. 2. Die Surgeons, die schon 1163 anerkannt waren, da es in diesem Jahre der Geistlichkeit verboten wurde, sich mit blutigen Operationen zu befassen. Diese Operationen wurden den Barbieren vorbehalten, die vorher als Assistenten der Geistlichen tätig gewesen waren bildete sich die Gilde der,,barber-surgeons", die in Edinburgh schon 1505, in England 1553 ihren königlichen Freibrief (charter) erhielt. Noch heute schmückt das Zunfthaus der Londoner Barbiergilde ein herrliches Gemälde von Holbein, das die Verleihung dieses charters durch Heinrich VIII. an die Barber-Surgeons darstellt. Außerdem gab es noch die sogenannten apothecaries, die ursprünglich als Lebensmittelverkäufer begannen, aber schon unter Heinrich VIII. die eigentlichen Ärzte Englands waren. Auch sie erhielten i6o6 eine charter und 1814 das Recht, Prüfungen abzuhalten und Arzte zu diplomieren. So konnte man also seine Prüfungen ablegen bei etwa einem Dutzend verschiedener privater Körperschaften, ganz abgesehen von den Diplomen der verschiedenen Universitäten, die ja auch nicht staatlicher Art waren und zu guter Letzt besaß und besitzt auch noch der Erzbischof von Canterbury das alte Recht, Doktoren der Medizin zu ernennen. Alle diese Körperschaften waren auf das heftigste um die Wahrung ihrer Rechte besorgt, keine kümmerte sich um die andere, und so kam es zu zahlreichen Mißständen, die dann im Jahre 1852 zur Schaffung der General Council of Medical Educeition and Registration of the United Kingdom" führten. Das Council wurde beauftragt, ein Register aller Ärzte anzulegen und weiterzuführen und festzustellen, unter welchen Bedingungen die so verschiedenen Diplome der einzelnen Körperschaften registriert werden dürften. Das erste Register wurde 1859 fertig gestellt, und ro Jahre später erfolgte die erste Festsetzung eines Ausbildungsganges ; wer den nicht erledigt hatte, konnte nicht registriert werden, selbst wenn er diplomiert war. Die einzelnen Körperschaften sowie auch die Fachschulen und Universitäten sahen sich also gezwungen, ihren Lehr- und Prüfungsplan nach den Empfehlungen des Councils urnzugestalten, das nun von Zeit zu Zeit höhere Forderungen stellte, neue Gegenstände zu Pflichtfächern machte und i886 verlangte, daß ein registrierbarer Arzt nicht nur das Diplom als Surgeon, sondern auch als Physician haben müsse, wonach sich die beiden Colleges zusammentaten und das,conj oint examination" schufen, das heute von der Mehrzahl der Arzte abgelegt wird. Heute besteht das General Council of Medical Education aus 38 Mitgliedern, von denen i8 von den Universitäten und 9 von den verschiedenen Körperschaften ernannt werden, die das Recht haben, Diplome zu erteilen. Fünf Mitglieder werden vom geheimen Kronrat und 6 von der gesamten Arzteschaft ernannt. Die von der Krone und den Universitäten ernannten Mitglieder brauchen nicht notwendigerweise Ärzte zu sein, so sitzt z. B. zur Zeit i Laie als Vertreter der Krone im Council. Die Aufgaben des Councils sind I. die Führung des Registers; nur der registrierte Arzt ist gesetztlich anerkannt, nur er kann Zeugnisse ausstellen, vor Gericht als Zeuge auftreten und hat das Recht. seine Forderungen einzuklagen, was alles dem Kurpfuscher, dere wie in Deutschland im übrigen Kurierfreiheit zugestanden ist nicht gestattet ist. 2. Darauf zu achten, daß ein bestimmtes Mindesimaß von ärztlicher A usbildung und von Kenntnissen bei den Prüfungen gefordert wird. Hierzu besuchen die Inspektoren des Councils dauernd die Fachschulen und wohnen auch den Prüfungen bei. 3. Uber das Betragen derarzte zu wachen und jeden vom Register zu streichen, der sich eines,,unprofessionellen" Benehmens schuldig gemacht hat. Darunter fallen z. B. öffentliche Strafen wegen Betrunkenheit (beim Autofahren) ; Ehebruch oder geschlechtlicher Verkehr mit einer Patientin ; unerlaubte Reklame, z. B. das Annoncieren in einer Zeitung; das Zusammenarbeiten mit einem Kurpfuscher oder einem von der Liste gestrichenen Arzte usw. 4. Die Kodifizierung der Heilmittel, die Herausgabe des Arzneibuches. Der junge Engländer, der Medizin studieren will, besucht, wenn er die Absicht hat, später einmal Facharzt zu werden und eine Stelle als Krankenhausarzt (womit dann vielfach auch eine Lehrtätigkeit verbunden ist), oft vor dem Beginn der eigentlichen Berufsausbildung noch eine Universität, um dort nach 2 jährigen klassischen Studien den Grad eines Baccalaureus artium zu erwerben, die dazu erforderlichen Kenntnisse entsprechen etwa denen der Abiturienten eines streng humanistischen deutschen Gymnasiums aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die Mehrzahl aber läßt sich sofort als,,medical student" registrieren. Seit 1922 ist dafür nötig, daß der Student, Jahre alt ist und daß er eine von den verschiedenen ärztlichen Prüfungskörperschaften anerkannte Prüfung in allgemeiner Erziehung bestanden hat und außerdem eine Prüfung in elementarer Physik und Chemie. Im allgemeinen Examen wird geprüft in der englischen Sprache, in elementarer Mathematik, in einer Fremdsprache und in einem weiteren Fache, das sich der Prüfling aus den Fächern der Geschichte, der Geographie, der Naturwissenschaften, der höheren Mathematik oder aus einer weiteren Fremdsprache wählen darf. Es gibt eine sehr große Anzahl von anerkannten Prüfungen der verschiedenen Erziehungsbehörden und Universitäten, eine Kenntnis der deutschen oder der französischen Sprache ist nicht erforderlich, es genügt irgendeine andere Fremdsprache, möge es nun eine tote oder eine lebende sein. Hat der Student diese Bedingungen erfüllt, so kann er sich eine Studienstätte auswählen, ein numerus clausus besteht förmlich nirgendwo, obwohl einige der beliebtesten Fachschulen sich ihre

3 r6. Februar 1934 DEUTSCHE MEDIZINIS CHE WOCHENSCHRIFT 257 Schüler doch sorgfaltig auswählen, auch werden nicht an allen Schulen Frauen zugelassen. Von Uiiversitäte'n kamen in früheren Jahren außer den schottischen eigentlich nur Oxford und Cambridge in Betracht, doch sind allmählich in zahlreichen Provinzstädten Universitäten entstanden, so in Birmingham, Durham, Leeds, Liverpool, Bristol und Sheffield; sie wie die Universitäten von Edinburgh und von Dublin wie neuerdings auch die Universität London (die bis vor kurzem nur Prüfungen abhielt und Diplome erteilte) sind zum Teil mit guten Instituten und Kliniken ausgestattet und werden durch die Freigebigkeit reicher Stifter immer weiter ausgebaut. Dazu kommen dann noch die zahlreichen Fachschulen, von denen es allein in London 12 gibt, eine von ihnen, das Royal Free Hospital, ist nur Frauen zugänglich. Die große Mehrzahl der englischen Studenten erhält seine Ausbildung auf einer dieser Fachschulen. Sie sind aus den großen Londoner Krankenhäusern hervorgegangen und auf das engste mit ihnen verbunden, die Abteilungsärzte sind auch die klinischen Lehrer, für die nicht klinischen Fächer stehen meist Fachgelehrte zur Verfügung. Die Größe der Schulen schwankt bedeutend, und zwar richtet sie sich im Wesentlichen nach der Anzahl der Betten, die das damit verbundene Krankenhaus aufweist, so hat das Londoner Hospital 843, das Westminster Hospital nur 241 Betten. Alle Schulen siid mit I'nernaten versehe'n, in denen ein Teil der Studenten wohnt, sie haben Stiel- und Sportplätze aller Art und in allerlei Klubs wird das geistige Leben gepflegt. Fast immer verbringt der Student seine ganze Studienzeit auf derselben Schule, ein Wechsel findet selten statt, dazu trägt vor allem bei, daß der Student beim Eintritt das ganze Schulgeld vorausbezahlen kann, wobei eine beträchtliche Ermäßigung eintritt. Dazu kommt noch, daß alle diese Fachschulen eine ganze Anzahl von Preisen, z. T. in beträchtlichem Geldwerte (2000 J[ und mehr) für die besten Schüler in verschiedenen Fächern aussetzen und daß Assistenten- und Chefarztstellen, fast nur durch frühere Schüler besetzt werden. Das Fachstudium beträgt mindestens 5 akademische Jahre, die letzten 3 Jahre sind den klinischen Fächern vorbehalten; im Durchschnitt braucht der Student his zur Ablegung der Schlußprüfung 5 Jahre und Monate. Während des Studiums ist der junge Engländer viel mehr Schüler als der junge Deutsche, alle Vorlesungen sind genau vorgeschrieben, jeder Student untersteht einem,,tutor" und zahlreiche Wiederholungskurse und Lokalprüfungen bereiten auf die späteren Prüfungen vor. Es wird viel seziert, doch macht sich daneben überall ein Bestreben geltend, die Anatomie auch am lebenden Körper zu lehren und zu lernen, wozu auch die Röntgenstrahlen in weitem Maße herangezogen werden (Epiphysen, Bewegungen der Gelenke, Zwerchfell und Verdauungsorgane). An manchen Schulen beteiligen sich die Kliniker am anatomischen Unterricht, wie auch der Anatom gelegentlich beim klinischen Unterricht mitwirkt, man zeigt an klinischen Fällen anatomische Tatsachen, und man gibt auch während der klinischen Ausbildungszeit dem Studenten vielfach Gelegenheit, sich weiter im Seziersaal umzuschauen. Die Histologie wird meist im Zusammenhang mit der Physiologie gelehrt. Auch in der Physiologie wird großes Gewicht darauf gelegt, den Studenten weniger mit Theorien und totem Wissenskram zu belasten, als ihn möglichst rasch in die angewandte Physiologie einzuführen. So werden ihm schon früh Kranke gezeigt, die an Störungen des Kreislaufes, der Ernährung, der endokrinen Drüsen, an Muskel- und Nervenkrankheiten leiden, sie werden nicht als klinische Fälle gezeigt, die Diagnose bleibt unerörtert, aber er sieht die Abweichungen von den normalen Körperfunktionen, wie sie ihm in der Physiologie gelehrt werden. Pharmakologie und pathologische Anatomie werden ebenfalls in engem Zusammenhang mit der Praxis gelehrt. Überall versucht man die einzelnen Lehrfächer in engeren Zusammenhang zu bringen. Rein wissenschaftliche Fragen, geistreiche Hypothesen und das Interesse an den noch ungelösten Fragen der Heilkunde treten ganz zurück gegenüber den rein praktischen, utilitaristischen Zwècken der Ausbildung. Auch beim klinischen. Unterricht spielt die praktische Seite die Hauptrolle, von rein theoretischen Vorlesungen hält man wenig, so wie der Lehrling in früheren Zeiten mit seinem Lehrmeister, dem praktischen Arzte, auf die Praxis ging, so folgt der Student heute seinem Professor bei den Krankenvisiten, und der Unterricht findet in der Hauptsache am Krankenbette oder im Operationssaale statt. Dazu kommt die überall eingeführte,,clinical clerkship", das Famulieren, zu dem jeder Student herangezogen wird. Jeder,,clerk" ist ein Angestellter des Krankenhauses, das ihm, sei es in den verschiedenen klinischen Abteilungen, in der Poliklinik, im Laboratorium oder im Sektionssaal eine bestimmte Arbeit überträgt, für die er verantwortlich ist. Der klinische Student beginnt in den meisten Fachschulen seine,,clerkship" mit einer 6monatigen propädeutischen Ausbildung, wobei er klinische Pathologie, Sektionen, die Aufnahme einer Anamnese und die physikalischen Untersuchungsmethoden studiert. Nach dieser Zeit wird er als,,surgical dresser" (chirurgischer Verbandsgehilfe) in der Poliklinik beschäftigt, dann auf der medizinischen Poliklinik. In den beiden letzten Jahren wird er nacheinander den verschiedenen klinischen Abteilungen als,,clerk" zugeteilt. Jede,,clerkship" dauert 3 Monate, und eine folgt der anderen, sodaß das ganze Jahr ausgefüllt ist. Gewöhnlich sind dem,,clerk" 5 Betten zugeteilt, man erwartet von ihm, daß er die Krankengeschichten führt, und so gut, wie er es eben kann, die Diagnosen stellt und die Behandlung leitet, alles natürlich unter Aufsicht der Assistenten und der Chefärzte. Die verhältnismäßig geringe Zahl der Studenten, die große Zahl der Spitalärzte und die, namentlich in den Polikliniken der Londoner Krankenhäuser, ungeheure Zahl der Kranken macht es möglich, die Studenten auf diese Weise zu erziehen. In Edinburgh, wo es weniger Kranke, aber sehr viele Studenten gibt, ist der Unterricht dem deutschen ähnlicher, da man sich in der Hauptsache auf Vorlesungen, Demonstrationen und Teilnahme an den Krankenvisiten beschränkt; auch dauert der klinische Unterricht hier nur 9 Monate in jedem Jahr, während er in England 12 Monate dauert. In Schottland legt man größeres Gewicht auf das Lehren, während in England die praktische Tätigkeit am Krankenbett an erster Stelle steht. In Edinburgh muß aber der Student 6 Monate lang poliklinische Hausbesuche machen, vor Ablegung der Prüfung muß er über 40 Fälle berichten, die er selbständig behandelt hat. Die Bestimmungen des,,general Medical Council" verlangen, daß der Student in den klinischen Jahren wenigstens zwei,,terms" (das englische Studienjahr zerfällt in, terms" von 3 Monaten) lang systematischen Unterricht in der Geburtshilfe mit Einschluß der antenatalen und der Säuglingshygiene erhalten soll. Später muß er 3 Monate lang dauernd der Arbeit auf einer geburtshilflichen Station folgen und einen Monat als Famulus auf der Abteilung wohnen. Es wird allgemein darüber geklagt, daß dieser Unterricht und vor allem die praktische Ausbildung viel zu kurz sind. Nach den Bestimmungen muß der Student mindestens zo Geburten beigewohnt haben. Nun sind diese aber zum großen Teile normale Entbindungen, während er in seiner späteren Praxis es meistens mit regelwidrigen Geburten zu tun haben wird, da in anderen Fällen vielfach nur eine Hebamme zugezogen wird. Besonders erschwerend für die genügende Ausbildung der jungen Arzte ist auch die Tatsache, daß in denselben Krankenhäusern zahlreiche Hebammenschülerinnen ausgebildet werden, die den Studenten die Fälle wegnehmen. Die eigentlichen Spezialfächer werden nur als Teile der inneren Medizin und der Chirurgie gelehrt, nicht als getrennte Einheiten; neuerdings macht sich aber das Bestreben geltend, wenigstens die Kinderheilkunde als Hauptfach zu betrachten, sodaß der Student auch hier famulieren müßte und nachher besonders auf diesem Gebiete geprüft würde. Seit 1919 muß jeder Student einen lowöchigen Kursus in praktischer Augenheilkunde durchmachen. Psychologie, Psychopathologie und gerichtliche Medizin werden auf den meisten Schulen gelehrt, sind aber keine Zwangsfächer. Seit Jahren ist man überall bestrebt, das ganze curriculum mit dem Geiste und den Methoden der Prophylaxe zu durchdringen. Man will die Hygiene zu einem unentbehrlichen Teil des gesamten klinischen Unterrichts machen, mit besonderer Betonung der Ursachen und der Verhütung von Komplikationen,

4 258 DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENCHRIFT Nummer 7 Spatfolgen und Schädigungen durch die Krankheiten. Besonderes Gewicht soll auch auf die Nachbehandlung gelegt werden. Zum Schlusse sei noch erwähnt, daß das enge Zusammenleben von Lehrer und Studenten dem letzteren schon frühzeitig ein guites edigemeines Benehmen, Freundlichkeit gegenüber den Kranken und ein gegenseitiges Verstehen und Anpassen unter den Kollegen beibringt, ein nicht zu unterschätzender Vorteil der englischen Erziehungsweise. Weniger gut erscheinen mir die fort-. währenden Prüfungen, die den Lehrer zu dauerndem Einpauken und den Studenten zu fortwährendem Büffeln zwingen. Neben den Prüfungen auf den einzelnen Schulen kommen dann die eigentlichen Prüfungen, die z. B. in London von den verschiedenen Colleges (Surgeons, Physicians und von der Apothecaries Hall) oder von der Universität abgehalten werden und die schließlich zum diplomierten und registrierten Arzt führen. Alle diese Prüfungen werden von besonderen Prüfern (nicht etwa von den bisherigen Lehrern) vorgenommen unter Inspektion durch Beauftragte der General Medical Council of Education. Diese auswärtigen Prüfer werden gewöhnlich für 2 oder 3 Jahre ernannt, sie können zur selben Zeit für mehrere Körperschaften prüfen. Einerseits wird hierdurch eine gewisse Einheitlichkeit gewahrt und allzu großer Milde gegenüber Prüflingen der eigenen Fachschule ein Riegel vorgeschoben und anderseits gewinnen diese Prüfer einen guten Einblick in die Leistungen der verschiedenen Universitäten und Fachschulen ; nicht gewertet wird allerdings bei dieser Art der Prüfung die nur dem Lehrer bekannte Leistung des einzelnen Studenten, der vielleicht ein guter zukünftiger Praktiker, aber ein recht mittelmäßiger Examenskandidat ist (Befangenheit). Da es zu weit führen würde, die zahlreichen verschiedenen Prüfungen zu schildern, so sei hier nur näher auf das,,conjoint examination" der,,royal College of Physicians of London" und des,,royal College of Surgeons of England" eingegangen, durch dessen Bestehen der Kandidat das Diplom als Licentiate" des ersteren und als,,member" des letzteren College erlangt. (L. R.C. P. London und M. R. C. S. England.) Dies Diplom kann registriert werden und berechtigt zur Praxis sowie zur Erlangung der durch weitere Prüfungen erworbenen höheren Diplome. Es ist das Diplom, mit dem sich die Mehrzahl der englischen Praktiker begnügt. Wie schon oben erwähnt wurde, legt der Student vor Beginn des eigentlichen Medizinstudiums das,,premedical Examination" in Physik, Chemie und elementarer Biologie ab. Die Prüfung besteht aus einem schriftlichen, einem mündlichen und einem praktischen Teile, wobei die beiden letzten als ein Teil gerechnet werden. Beide Teile müssen auf einmal erledigt werden; besteht der Kandidat in einem Teile, erreicht aber im zweiten Teile nicht die Hälfte der vorgeschriebenen Punkte, so muß die ganze Prüfung wiederholt werden, und zwar frühestens nach 3 Monaten. Die Kosten betragen 44 Schillinge. Die eigentlichen Fachprüfungen sind das erste und das Schlußexamen. Das erste, etwa unserem Physikum entsprechend, besteht r. aus Anatomie (mit Einschluß der Histologie und Embryologie und aus Physiologie, 2. aus Pharmakologie und Materia medica. Der Kandidat muß auf einer anerkannten Fachschule während fünf,,terms" Anatomie und Embryologie gehört und den ganzen menschlichen Körper seziert haben. Ebenso lange muß er Physiologie und Biochemie, Pharmakologie und Materia medica studiert haben. Der Kandidat kann beide Teile der Prüfung auf einmal oder zu verschiedenen Zeiten erledigen, nur müssen Anatomie und Physiologie zusammen bestanden werden. Die pharmakologischen Fächer kann er dann später nachmachen, nur müssen sie vor Beginn der Schlußprüfung erledigt sein. Die Prüfungskosten betragen 210 Schillinge, bei Nachprüfungen wird ein Nachlaß gewährt. Das Schlußexamen, das nach Beendigung der 3 klinischen Studienjabre abgelegt werden kann, besteht aus zwei Abschnitten. Im ersten Teile werden Pathologie (mit Einschluß der pathologischen Anatomie und Histologie sowie der klinischen Pathologie) und Bakteriologie geprüft. Teil II hat drei Unterabteilungen: i. Innere Medizin mit Einschluß der medizinischen Anatomie der gerichtlichen Medizin und der öffentlichen Gesundheitspflege. z. Chirurgie mit chirurgischer Anatomie und Instrumentenkunde. 3. Geburtshilfe und Frauenleiden. Die Prüfungen sind schriftlicher, mündlicher, klinischer und praktischer Art. Ein großes Gewicht wird auf anatomische Kenntnisse gelegt, so gibt es unter den sechs schriftlichen Fragen, die bei jedem der drei klinischen Unterabteilungen gestellt werden, stets zwei anatomische, deren Nichtbeantwortung das Bestehen der Prüfung ausschließt. Der Ausfall der schriftlichen Prüfung (die sechs Fragen müssen unter strenger Uberwachurig in 3 Stunden beantwortet werden) spielt naturgemäß eine sehr große Rolle, da bei der großen Zahl der Kandidaten und der kurzen Dauer der Prüfungen die klinischen und die mündlich-praktischen Teile recht eilig erledigt werden und ein befangener, langsam arbeitender Student schwer zu seinem Rechte kommt. Als ich 1896 diese Prüfungen ablegte, war der nichtschriftliche Teil in sehr kurzer Zeit vorüber, da mündliche und klinische Prüfungen in jedem Fache nur je lo Minuten in Anspruch nahmen. Der Kandidat kann die ganze Prüfung auf einmal machen oder er kann jeden Teil einzeln nehmen; obwohl die Zahl der Durchfallenden ganz außerordentlich hoch ist (nur 30 % der Londoner Medizinstudenten erhalten ihr Diplom am Schlusse der vorgeschriebenen Studienzeit), so kommt es doch kaum vor, daß ein Student endgültig zurückgewiesen wird, da er sich beliebig oft zur Prüfung melden kann. Die Kosten des Schlußexamens betragen 66o Schillinge, bei Nachprüfungen treten Ermäßigungen ein. Ausländer, welche die Schlußprüfungen des,,conjoint examining board" bestehen wollen, müssen, auch wenn sie bereits ein in ihrer Heimat zur Praxis berechtigendes Diplom besitzen, nach den neuen Bestimmungen sowohl das erste Examen (Physikum) nachmachen und dann, ehe sie sich zum Schlußexamen melden, 24 Monate auf einer englischen Fachschule studieren. Mit einzelnen Ländern, z. B. mit Italien und Japan bestehen Gegenseitigkeitsverträge, die es den Ärzten dieser Länder ermöglichen, sich ohne englisches Diplom in England registrieren zu lassen, wodurch auch für den in England diplomierten Arzt erst das Recht zur Praxis erworben wird. Die Registrierung kostet 105 J, gilt aber auf Lebenszeit, sofern der betreffende Arzt sich nicht gegen die sehr strengen Vorschriften des General Medical Council vergeht; tut er dies (meist handelt es sich um unerlaubte Reklame oder Versuche, den Kollegen Patienten abspenstig zu machen), so wird er vorgeladen und wenn er sich nicht rechtfertigen kann (er kann einen Anwalt mitbringen), entweder sofort und für immer aus dem Register gestrichen oder es wird, bei leichteren Fällen auch wohl einjährige Bewährungsfrist gewährt, nach welcher Zeit eine neue Verhandlung stattfindet, welche dann über sein Schicksal entscheidet. Die Mehrzahl der praktischen Ärzte begnügt sich mit dem Diplom, das durch das conjoint examination erworben wird, andere legen aber noch besondere Prüfungen in Hygiene, Psychologie, Augenheilkunde, Laryngologie und Otologie oder in Tropenmedizin ab. Sie können dann noch weitere Buchstaben hinter ihre Namen setzen und dadurch dem Publikum beweisen, daß sie sich in diesen Fächern besonders ausgebildet haben (allerdings nur theoretisch). Wer nun aber als Facharzt praktizieren oder gar eine Stelle als Kranhenhausarzt erringen will, der muß, wenn er Internist ist, Member des Royal College of Physicians, als Chirurg Fellow des Royal College of Surgeons werden. Auch hierzu sind Prüfungen nötig, während der Nachweis einer fachärztlichen Ausbildung durch längere Assistentenzeit nicht verlangt wird. Die Prüfung als Internist (M. R. C. P.) kann man bereits mit 23 Jahren ablegen, verlangt wird Pathologie und innere Medizin, wer außerdem noch Kenntnisse im Lateinischen oder Griechischen, im Deutschen oder Französischen nachweist, erhält besondere Punkte. Die Kosten dieser Prüfung betragen 840 Schillinge. Viel schwieriger ist es, das Diplom als Fellow des Royal College of Surgeons zu erringen (F. R. C. S.). Die Prüfung besteht aus zwei Teilen; im ersten Teil werden Anatomie und Physiologie geprüft, wobei ganz außerordentlich viel verlangt wird, im zweiten Teil Chirurgie, chirurgische Anatomie und Pathologie. Nur verhältnismäßig wenigen Kandidaten gelingt es, trotz Paukkursen und Büllelei diese Prüfungen im ersten Ansturm zu bestehen. Die Kosten

5 i6. Februar 1934 DEUTSCHE MEDIZINIS CHE WOCHENSCHRIFT 259 betragen für solche, die bereits Members des College waren, 630 Schillinge, für nicht Members 1030 Schillinge. Auch das erst 1929 gegründete,,british College of Obstetricians and Gynaecologists" hält Prüfungen ab und erteilt das Diplom als Member. Dieses College sowie das College of Physicians ernennt Members, die in ihrer Spezialität Gutes leisten, nach einer Anzahl von Jahren zu Fellows (ohne weitere Prüfungen). In England, wie auch in andern Ländern, macht sich seit Jahren eine große Unzufriedenheit mit der Art der ärztlichen Erziehung geltend, eine Unzufriedenheit, die z. B. in einer Serie vn elf größeren Arbeiten ihren Niederschlag fand, die unter dem Titel,Was Ist frisch am ärztlichen curriculum?" im vorigen Jahre in der Lancet erschienen. Sowohl Dr. KITCmN wie auch Schreiber dieser Zeilen haben mehrfach in der D. m. W. über diese Streitfragen berichtet, die Schwierigkeit liegt natürlich hauptsächlich in der von Jahr zu Jahr zunehmenden Erweiterung unserer Kenntnisse und Erfahrungen und in der Unmöglichkeit, diese dem Studierenden zu übermitteln, ohne die schon lange Studienzeit noch weiter auszudehnen. Daß der Student nicht alles auf der Fachschule lernen kann und daß das dauernde Einschieben neuer Pflichtfächer die Schwierigkeiten nur erhöht, hat man in England eingesehen und so beschränkt man sich im Wesentlichen darauf, die drei großen Fächer, innere Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe zu lehren und die sogenannten Spezialitäten möglichst im Rahmen dieser Hauptfächer zu bringen. Wohl die Hälfte aller Jungärzte erledigt vor Beginn der Praxis noch eine wenigstens 6monatige Assistentenzeit und sehr viele beginnen als Assistenten eines praktischen Arztes. Die im Bau begriffene Postgraduate School, deren großes Krankenhaus ausschließlich zu Fortbildungszwecken dienen soll, wird es den Londoner Arzten leichter machen, noch nachträglich Lücken ihrer Ausbildung auszufüllen. Auch die schon seit längerer Zeit bestehende Fellowship of Medicine and Post Graduate Medical Association, eine Vereinigung von 50 Londoner Krankenhäusern, dient diesen Zwecken. Hier können Kurse aller Art belegt werden, die den ganzen oder nur einen Teil des Tages in Anspruch nehmen und I-4 Wochen dauern. Solche Kurse kosten Schillinge. Das Büro der Gesellschaft, deren Jahresbeitrag io Schillinge beträgt, befindet sich I Wimpole Street, London W. i. Diese Gesellschaft bereitet auch für die sogenannten höheren Prüfungen vor, auch zur Vorbereitung für die anderen Prüfungen findet der Ausländer wie der Inländer genügend Gelegenheit in London. Alles Nähere über Prüfungsbestimmungen, Zulassung, etwaige Erleichterungen, Kosten usw. erteilen der Registrar of the General Medical Council. 44 Hallam Street, Portland Place. London W. i und der Secretary of the Examining Board, Examination Hall, Queen Square. London. W. C. I. (Anschr. des Verf.: Liestal [Raselland], Rahausstr. 45)

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