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1 Wie Social Entrepreneurs wirken Beobachtungen zum Sozialunternehmertum in Deutschland Felix Oldenburg Wie nur wenige Trends zuvor in Deutschland hat Social Entrepreneurship [ebenso wie Sozialunternehmertum und Sozialunternehmen im Sinne von social entrepreneurship organization im Folgenden überwiegend mit dem Kürzel SEO bezeichnet] innerhalb weniger Jahre eine erstaunliche Karriere erlebt. Die aktuelle Konjunktur ist umso erstaunlicher, als das Konzept nicht nur mit einem im Deutschen sperrigen Namen antritt, sondern auch sonst nur schwer in die Erwartungen und Aufgabenteilungen passt, die sich hierzulande etabliert haben. Der gängigen Definition von Gregory Dees (1998) entsprechend sind Sozialunternehmerinnen und -unternehmer Initiatoren innovativer Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen sowie Impulsgeber für neue Ressourcenströme und soziale Märkte. Der Archetyp des Sozialunternehmers bzw. social entrepreneur ist der Gründer einer neuartigen Sozialeinrichtung für eine benachteiligte Bevölkerungsgruppe in einem Entwicklungs- oder Schwellenland. Unternehmertum im Sinne einer wirtschaftlichen Selbständigkeit ist hier allein aus Mangel an finanziellen Mitteln ohne Alternative und die Wachstumsabsicht ungebremst von konkurrierenden Akteuren oder gar einem Sozialstaat. Gemessen an diesem Bild haben die in Deutschland und darüber hinaus in Kontinentaleuropa aktiven Sozialunternehmerinnen und -unternehmer andere Ausgangsbedingungen: In einem ausdifferenzierten und nur in engen Regeln wettbewerblich organisierten Sozialsystem sind unternehmerische Innovationen selten und wirtschaftliche Unabhängigkeit von staatlichen oder anderen Gebern oft wenig naheliegend. Und Wachstum jenseits der lokalen Ebene stößt sofort an konkurrierende Gestaltungsansprüche anderer Spieler im Sozialsystem beziehungsweise der öffentlichen Hand selbst (Abbildung 1). Kurz: Wie SEOs aussehen und wichtiger noch, wie sie wirken und wachsen, ist in Deutschland anders als in den Ländern, die unsere Wahrnehmung dieses globalen Phänomens bestimmen. Die nachstehenden Ausführungen sind als Beobachtungen und Hypothesen zu verstehen, die es in den folgenden Jahren der Praxis zu bestätigen, zu präzisieren oder zu widerlegen gilt. Grundlage dieser Überlegungen sind die Erfahrungen in der praktischen Förderung einiger Dutzend deutscher SozialunternehmerInnen über fünf Jahre, Auswahlgespräche

2 120 II. Gesellschaftliche Veränderungen bewirken und gestalten mit zahlreichen Personen und Organisationen, die sich als Sozialunternehmen verstehen, sowie viele Kooperationen und Verhandlungen mit Unternehmen, Stiftungen, Verwaltung und Politik. Social entrepreneurs zeichnen sich gegenüber anderen Akteuren des Sozialsektors nicht primär dadurch aus, wie sie Einkommen erwirtschaften, sondern durch ihre transformative Wirkung auf Systeme, die gesellschaftliche Probleme verursachen oder fortschreiben. Social entrepreneurs schaffen selbstwachsende und oft marktähnliche Modelle, indem sie versteckte Ressourcen aufdecken, neue Marktverbindungen herstellen, Empfänger- Zielgruppen selbst zu Multiplikatoren und Koproduzenten machen oder Transaktionskosten senken. Social entrepreneurs denken Wachstum anders: Statt nur durch Organisationswachstum steigt ihre Wirkung vor allem indirekt durch Nachahmer, Kooperationen, Regelveränderungen. Sie maximieren die Wertschöpfung im Gesamtsystem statt in der eigenen Organisation. Social entrepreneurs haben auch in einem ausdifferenzierten Sozialsystem wie in Deutschland eine wichtige Rolle als Forschungs- und Entwicklungseinheit für das Gemeinwohl, brauchen aber eine maßgeschneiderte Unterstützungslandschaft von Gründungsförderungen bis Eigenkapitalfinanzierung. Abbildung 1: Kennzeichen von Sozialunternehmerinnen und -unternehmern in Deutschland 1 Wie Social Entrepreneurs wirken In der Analyse von Sozialunternehmen gibt es keine einfache Vergleichsgruppe und damit Einordnung. Sie lassen sich nicht auf ein Feld wie etwa soziale Dienstleistungen festlegen, denn sie sind im Bildungs- und Gesundheitssystem, im Umweltschutz und Regionalentwicklung, in der Demokratieförderung und Armutsbekämpfung sowie in zahlreichen weiteren Feldern aktiv. Sozial ist auf alle möglichen gesellschaftlichen Missstände bezogen und daher auch dynamisch erweiterbar. Der Wortbestandteil Unternehmen ist definitorisch reichhaltiger, provoziert aber oft das Missverständnis, Sozialunternehmen ließen sich durch eine besondere finanzielle Leistungsfähigkeit oder eine kommerzielles Handeln zulassende Rechtsform von anderen sozialen Organisationen unterscheiden. Tatsächlich gibt es SEOs mit den unterschiedlichsten Geschäftsmodellen und Rechtsformen, und in weiten Teilen der deutschen Sozialwirtschaft agieren auch soziale Organisationen weitgehend wie Unternehmen mit den entsprechenden Unternehmensfunktionen und (Kombinationen von) Rechtsformen. SEOs unterscheiden sich im Kern weder in der Thematik ihrer Aktivität noch in der betriebswirtschaftlichen Ausrichtung von etablierten Akteuren, sondern in ihrer im Schumpeter schen Sinne unternehmerischen Wirkungs-

3 Oldenburg: Sozialunternehmertum in Deutschland 121 absicht, der Veränderung eines bestehenden Systems durch eine kreative und manchmal zerstörerisch-schöpferische Innovation und zwar jenseits des Einzelfalls und mit dem Motiv der Marktdurchdringung was bei sozialen Problemen oft nicht weniger bedeutet als die Lösung des Problems selbst. Hier liegt die vielleicht interessanteste Parallele: In der persönlichen Motivation und ihren professionellen Eigenschaften sind social entrepreneurs Unternehmerpersönlichkeiten aus der traditionellen Wirtschaft ähnlich. In der Konsequenz bedeutet ihr unternehmerischer Erfolg aber nicht, einen Markt zu erobern, sondern mit dem gesellschaftlichen Problem letztlich auch ihre eigene Geschäftsgrundlage zu beseitigen. Damit rückt die Gründerperson selbst in den Mittelpunkt vieler Analysen und auch vieler Förderstrategien. Das macht die Eingrenzung der Funktionsweisen freilich nicht unbedingt leichter: Wie immer in der Innovationsförderung ist die Vorbestimmung von Kriterien schwer, da sich das Neue eben oft den Schablonen entzieht. Beispielsweise ist eines der wirkungsstärksten, sozialunternehmerischen Gleichstellungsprojekte nicht eine Mütter-, sondern eine Väter-Initiative (Väter ggmbh, die zudem auch noch statt einer im Feld typischen Interessenvertretung für Betroffene Unternehmensberatung für Personalabteilungen macht was auch in der Umwandlung des ursprünglichen e.v. in eine unternehmerische Rechtsform gespiegelt wird. Damit wirkt das Modell an der Wurzel der Karrieredynamiken von Vätern statt an den Symptomen in den nachgelagerten Unterstützungseinrichtungen für junge Familien, passt aber damit kaum in die Erwartungen (und weit schwerwiegender: in die Fördermechanismen) der Stakeholder im Feld. Wesentlich für die Innovation von SEOs ist meist ein neuer Umgang mit Ressourcen. Typisch für ihre Vorgehensweise ist die Entdeckung einer neuen Zielgruppe, die eine Lösung mitproduzieren kann statt (nur) Leistungen zu empfangen. Der Duisburger Frauenarzt Frank Hoffmann etwa bildet blinde Frauen aus, Tastuntersuchungen zur Brustkrebsvorsorge in gynäkologischen Praxen durchzuführen und so eine in der Früherkennung der üblichen, zweiminütigen Tastuntersuchung durch Ärztin bzw. Arzt weit überlegene Diagnoseleistung zu erbringen (Discovering Hands, Quasi nebenbei entsteht ein neues Berufsfeld für Sehbehinderte, in dem ihr ausgezeichneter Tastsinn einen Wettbewerbsvorteil darstellt: Eine neue Ressource für ein vorsorgendes Gesundheitssystem, das angesichts des demographischen Wandels immer aufwendiger wird. Oft ist es die gesellschaftlich problematisch wahrgenommene Zielgruppe selbst, die zum Multiplikator einer Lösung wird: Murat Vural baut in Nord-

4 122 II. Gesellschaftliche Veränderungen bewirken und gestalten rhein-westfalen ein schneeballartiges Mentorensystem von (vor allem) türkischstämmigen Studierenden auf, die Abiturienten mit einem ähnlichen Migrationshintergrund für ein Honorar begleiten und damit auch zum Studium ermutigen (SHS² Studenten/Schüler helfen Schülern, Dafür arbeiten die Schüler mit jüngeren Schülern wiederum als Mentoren, und diese wieder mit noch jüngeren. Die biographische Nähe der Mentoren erzeugt eine hohe Wirkung und Verbindlichkeit der Gegenleistung, mit einem geringeren finanziellen Aufwand für die Familien als die marktetablierten Nachhilfe-Unternehmen. Man kann diese Funktionsweise im Vergleich zu vielen etablierten Organisationen in den jeweiligen Feldern als Hebelwirkung beschreiben. Während der Finanzbedarf vieler traditioneller Sozialträger proportional mit dem Wachstum der Wirkung steigt, bauen social entrepreneurs auf bisher unentdeckte Ressourcen und beschleunigen die Verbreitung der Lösung aus sich selbst heraus. Oder mit einer vereinfachenden Formel: Empowerment statt Dienstleistung, Koproduktion statt Fertigprodukt. Eine Analyse der Geschäftsmodelle von SEOs in Deutschland zeigt (Abbildung 2), wie diese Modelle typisiert werden können, auch wenn die Innovation oft im Detail liegt und nicht aus dem Typus hervorgeht. Dabei fallen auch einige Analogien mit Geschäftsmodellen der Wirtschaft ins Auge. Tatsächlich ist es manchmal auch der Methodentransfer aus der Wirtschaft in den Sozialsektor, mit dem sich SEOs auszeichnen. Dies ist aber weit seltener der Fall als oft angenommen und bezieht sich oft nur auf die Querfinanzierung einer notwendigerweise defizitären Aktivität durch eine Überschüsse erwirtschaftende Nebenaktivität. So nutzen viele social entrepreneurs ihre Fachkompetenz, um über Beratungsdienstleistungen ihr Kerngeschäft zu subventionieren zumal in einer Aufbauphase. Der Freiburger Landwirt Christian Hiss ist mit der Regionalwert AG (www.regionalwert-ag.de) ein Pionier für kleinteilige, lokale Landwirtschaft in der Hand von Bürger- Aktionären. Er kauft vom Verschwinden bedrohte Betriebe, finanziert den Übergang zu neuer Leitung und Öko-Landwirtschaft, beteiligt mittlerweile 500 AnteilseignerInnen transparent an Strategieentscheidungen, die ihre Rendite bestimmen. Damit macht er die bei rein kommerziellen Investoren unattraktiven Geschäftsmodelle finanzierbar und erhält landwirtschaftliche Vielfalt und Beschäftigung. Das Modell ist nach wenigen Jahren bereits selbsttragend, braucht aber bis zum Wiederverkauf der Höfe Gewinne, die er aus einer Beratungstätigkeit erzielt.

5 Oldenburg: Sozialunternehmertum in Deutschland 123 Modell Kooperationsplattform Multiplikatorenprojekt Qualifizierungsprogramm Mikrofinanz Anteilseignergesellschaft Marktkatalysator Kennzeichen und Beispiele Niedrige Transaktionskosten ermöglichen soziale Marktplätze und Kooperationsplattformen oder verbinden verteilte Zielgruppen zum gemeinsamen Handeln (www.betterplace.org; Organisationen mobilisieren und qualifizieren (oft schneeballartig) Menschen als Mit-Produzenten einer neuartigen Leistung (Irrsinnig Menschlich e.v., Eltern AG, SHS², ArbeiterKind, Yesil Cember, Vermittlung neuer professioneller Fähigkeiten führt zur (Re-)Integration vorher marginalisierter Zielgruppen (Violence Prevention Network, Hand In, JobAct, KISS, Discovering Hands, Box Girls International, Mikrokredite, -spenden oder -versicherungen erschließen neuen Gruppen wirtschaftliche Perspektiven (Enterprise, Mikrokreditfonds Deutschland, Vergemeinschaftung des Eigentums an einer gemeinsam genutzten Infrastruktur mit neuen Bewertungs- und Entscheidungskulturen (Elektrizitätswerke Schönau, Regionalwert AG, Zusammenführung von Angebot und Nachfrage zu inklusiveren Märkten (Streetfootballworld, Peace Counts School, stop&go) Abbildung 2: Typische Geschäftsmodelle von social entrepreneurs Charakteristisch für SEOs ist aber, dass ihre Einnahmestrategien direkt mit der sozial transformativen Idee verbunden sind. In ausschließlich Spenden sammelnden Organisationen häufig anzutreffende Geschäftszweige mit Versand von Grußkarten oder T-Shirts etwa gibt es bei Sozialunternehmen selten, denn sie binden wirkungsneutrale Ressourcen und erzielen nicht selbst noch eine gesellschaftliche Wirkung (über den PR-Effekt hinaus). Ideal ist es, wenn die Einkommenserzielung möglichst nah an der Zielgruppe und der gesellschaftlichen Wertschöpfung stattfindet. Auch im Fall von Christian Hiss dient die Beratung nicht nur zur Gewinnerzielung, sondern ist Teil der Verbreitungsstrategie für die Idee, indem weitere Regionen und Unternehmen für die Methode der Regionalwert AG und die sozialökologische Wirkungsmessung in der Landwirtschaft gewonnen werden.

6 124 II. Gesellschaftliche Veränderungen bewirken und gestalten Die Analogie von SEOs zu Wirtschaftsunternehmen ist also wichtig, insbesondere im Hinblick auf effizienten Mitteleinsatz und Wettbewerbsvorteile durch Innovation, aber sie ist irreführend hinsichtlich der unternehmerischen Ziele und Prioritäten. The test of successful business entrepreneurship is the creation of a viable and growing business. The test of social entrepreneurship, in contrast, maybe a change in the social dynamics and systems that created and maintained the problem (Alvord et al. 2003: 139). 2 Wie Sozialunternehmerinnen und Sozialunternehmer wachsen Social entrepreneurs haben entsprechend ihrer Veränderungsvision auch eine Wachstumsabsicht, in der sie UnternehmerInnen ähneln, die mit einem neuen Produkt einen Markt erobern wollen. Während die Quelle für Wachstum in profitorientierten Unternehmen in den eigenen Erträgen liegt, die entweder aus dem laufenden Geschäft Investitionen ermöglichen oder Fremdkapital mit der Aussicht auf zukünftige Gewinne anziehen, ist dieser Mechanismus für die meisten SEOs aber nicht anzunehmen. Sie arbeiten in Feldern, in denen Gewinne nicht leicht möglich sind und Marktmechanismen erst konstruiert werden müssen. Durch ihre Schwerpunktsetzung auf die gesellschaftliche Wirkung sind ihre Erträge meist negativ oder so gering, dass sie daraus allein aus eigener Kraft nicht wachsen können. Zusätzlich sind viele ihrer Einnahmequellen mit erheblichen Verwendungsbeschränkungen versehen: Die meisten öffentlichen Projektmittel sind Defizitfinanzierungen, die nur Finanzierungslücken in genau beschriebenen Vorhaben schließen, und auch Mittel von Stiftungen sind oft an konkrete Projekte gebunden und erlauben keine unternehmerisch-flexible Investitionstätigkeit. Oft haben solche Mittel sogar einen auf die Entwicklung der Organisation und ihrer Wirkung schädlichen Effekt, da sie keine Anreize und Freiheiten für Substanzwachstum herstellen, sondern Unternehmerinnen und Unternehmer oft zeitlich beschränkt an Vorhaben binden, die danach aus Mangel an Folgefinanzierungen wieder eingestellt werden müssen. Wachstum unterliegt also schwierigeren Bedingungen als in funktionierenden Märkten und klar etablierten öffentlichen Regelfinanzierungen. Zunächst stellt sich die Frage, woran social entrepreneurs ihr Wachstum überhaupt messen. An die Stelle des shareholder value tritt die Wertschöpfung für die Gesellschaft, und diese lässt sich in sehr unterschiedlichen Wirkungsindikatoren ausdrücken. Das Ziel des eigenen Wirkungswachstums ausdrücken zu können (also die Steigerung der outcomes), ist für viele SEOs ein wichtiger Schritt in der eigenen Entwicklung und unterscheidet sie von Organisationen,

7 Oldenburg: Sozialunternehmertum in Deutschland 125 die oft auch jenseits der Startphase über das eigene Wachstum im Sinne von Organisationsgröße, Umsatz oder ähnlichen aktivitätsbezogenen Messgrößen (outputs) nachdenken. Die Initiative ArbeiterKind.de (www.arbeiter-kind.de) ist innerhalb von zwei Jahren nach der Gründung bei einer Organisationsgröße von einer ehrenamtlichen Nebenbeschäftigung zur Organisation mit zwei Hauptamtlichen gewachsen, hat aber in derselben Zeit neunhundert Arbeiterkinder, die also nicht aus Akademikerfamilien stammen und die sich bei gleicher Qualifikation weniger als halb so häufig wie Akademikerkinder für ein Studium entscheiden, als aktive MitstreiterInnen an 60 Universitäten gewonnen, die Jugendliche mit demselben Hintergrund an Schulen zum Studium ermutigen und auf dem Campus begleiten. Die Produktion von Aktivitäten steigt fast völlig unabhängig von den Ressourcen in der Zentrale. Die Wirkung wiederum geht über die Veränderung hinaus, die diese Multiplikatoren mit ihrer Arbeit etwa in Form von mehr Entscheidungen für ein Studium oder besseren Bildungsergebnissen erreicht haben: Durch den Erfolg ihrer Initiative hat die Gründerin Katja Urbatsch ein Modell insbesondere für die Begabtenförderwerke geschaffen, die bislang Schwierigkeiten haben, diese Zielgruppe auch nur entsprechend ihrem Anteil an den Studierenden zu fördern. Die entstehenden Kooperationen steigern die Wirkung, ohne dass sie in einer oberflächlichen Betrachtung allein der SEO ArbeiterKind.de zuzurechnen sind. Damit entsprechen die Wachstumsstrategien von social entrepreneurs nicht den Mustern von Organisationen, die einfach nur selbst groß werden wollen. Vereinfacht lässt sich zwischen direkter und indirekter Wirkung unterscheiden: Während die direkte Wirkung mit den von der Organisation selbst produzierten Aktivitäten verbunden ist, entsteht die indirekte Wirkung aus Multiplikation, Nachahmung, Kooperationen, Regelveränderungen im Umfeld der Organisation. Indirekte Wirkung wiederum ist oft nicht allein einem Urheber zuzuordnen, ist aber für systemverändernde Innovationen die entscheidende Erfolgsgröße. Ob die Organisation der Sozialunternehmer bei der Erreichung eines solchen Wandels in einem herkömmlichen Sinne gewachsen ist, also an Umsatz oder Mitarbeiterzahl zugelegt hat, ist praktisch irrelevant. Kluge SozialunternehmerInnen planen nicht von den vorhandenen Inputs aus die möglichen Aktivitäten und hoffen dann auf eine Wirkung sie planen von der Wirkung her und fragen sich, welche Aktivitäten diese Wirkung erzeugen können und genau welche Inputs sie dafür brauchen bzw. welche Aktivitäten auch von Anderen im Umfeld produziert werden könnten. Anders formuliert: Die Reichweite von social entrepreneurs übersteigt ihren Schlagradius, ihr Merkmal ist dass sie auf mehr

8 126 II. Gesellschaftliche Veränderungen bewirken und gestalten Ressourcen zugreifen als die, über die sie momentan verfügen (Faltin 2008: 29). Daraus folgt eine zentrale Hypothese: Während Unternehmen Wertschöpfung soweit wie möglich internalisieren, maximieren SEOs die Wertschöpfung im gesamten Umfeld. Oder anders gesagt: Kein Aktionär würde den Erfolg von Ford damit beschreiben, wie viele Autohersteller durch die Massenmarktdurchdringung entstanden sind. Wirkungsorientierte Finanziers von SEOs denken anders: Für sie ist die Entstehung eines Marktes mit Nachahmern sehr wohl ein Erfolg, wenn dadurch mehr Wirkung erzielt wird als je durch die unterstützte Sozialunternehmung allein hätte produziert werden können. Für die Steigerung der so verstandenen Wirkung werden offenere Verbreitungsstrategien wichtig (Abbildung 3). Ein gutes Beispiel ist Hamburger Wellcome ggmbh (www.wellcome-online.de), ein Betreuungsangebot für Familien in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt, bei dem Hausbesuche geringfügig bezahlt werden, um Fortbildungen und Qualitätssicherung zu finanzieren. Das Konzept ist praktisch omnipräsent in Kliniken, Ämtern und Kinderläden durch die Partnerschaften mit Wohlfahrtsträgern und anderen Organisationen, die sehr wenig Aufwand haben, um das Konzept praktisch huckepack mit ihren anderen Angeboten mit zu kommunizieren und zu tragen. hoch Geschwindigkeit gering Zentrale Filialen Open Sourcing Netzwerke (Social) Franchises hoch Kontrolle gering Abbildung 3: Wachstums- und Verbreitungsstrategien von Sozialunternehmen Auch für noch offenere Wachstumsmodelle gibt es international viele sozialunternehmerische Beispiele. Hier bieten sich als Referenzpunkt auch Strategien aus der New Economy an: Die marktverändernde Wirkung etwa von Wikipedia- Gründer Jimmy Wales auf den Markt der Nachschlagewerke ist gut beschrieben, und mittlerweile suchen viele Unternehmen und Investoren nach sich epidemisch verbreitenden Modellen, bei denen Communities zu Mitproduzenten werden. Den besten social entrepreneurs gelingt es in ähnlicher Weise, derartige Bewegungen zu starten, wenn sie es schaffen, ihre sozialen Innovationen so auf eine Kernidee zu fokussieren, dass sie von Anderen (mit-)produziert werden

9 Oldenburg: Sozialunternehmertum in Deutschland 127 können. Die Mikrokredite, die in der Kernidee bereits zweihundert Jahre alt sind und ihre Wurzeln mit Raiffeisen auch in Deutschland haben, haben sich nicht zuletzt durch die Pionierarbeit von Muhammad Yunus als gängiges Element in der Arbeit von SEOs (und vielen Anderen) weltweit durchgesetzt, ohne dass Yunus eigene Grameen Bank (www.grameen.org) hier noch Treiber sein muss [siehe dazu auch den Beitrag von Knüppel/Groß zur Mikrofinanzierung in der Entwicklungszusammenarbeit]. Von diesen mittlerweile sogar global verbreiteten Ideen gibt es inzwischen viele, und mindestens eine bekannte auch aus Deutschland: Der oft beschriebene Dialog im Dunkeln von Dialogue Social Enterprise (www.dialogue-se.com) ist über Dunkel-Ausstellungen und Trainingszentren auf drei Kontinenten expandiert mittlerweile nicht mehr nur für die Blinde, sondern auch mit einem Transfer auf die Gruppe der Gehörlosen. An diesem Fall kann man auch gut eine weitere typische Strategie nachvollziehen: Statt der Ausweitung derselben Leistung auf immer mehr Menschen einer Zielgruppe kann die Grundeinsicht eines Sozialunternehmers in diesem Fall die Umdeutung der vermeintlichen Schwäche von Sehbehinderten in eine Stärke auch auf die Arbeit mit neuen Zielgruppen übertragen werden. Schließlich ist für die Wachstumsdiskussion ein weiterer Faktor relevant: Die Erwartungshaltung der Finanzierenden. Sie müssen die Wachstumsstrategien von SozialunternehmerInnen unterstützen, was in Deutschland noch eher die Ausnahme als die Regel ist. Gesellschaftliche und insbesondere Investoren- Erwartungen orientieren sich oft ausschließlich an der direkten Wirkung und definieren Bedingungen und Ziele, welche Sozialunternehmerinnen und -unternehmer auf Strategien festlegen, die ihre Abhängigkeit von weiteren Finanzierungen erhöhen statt zu verringern. Diese Fundraising-Falle ist mittlerweile leider gut verstanden: Organisationen expandieren entsprechend der Vorgaben von Finanzierenden (die sich diese Expansion als gut kommunizierbaren Erfolg zuordnen können) und legen entsprechend auch an Kostenniveau zu, um sich nach Ende der Förderung im Dilemma zu befinden, für die gewachsene Organisation Geld finden und gleichzeitig neue Vorhaben für Förderung definieren zu müssen. So wachsen die Kapitalbeschaffungskosten auf völlig unakzeptable, aber selten dargestellte Größenordnungen. Das ist übrigens nicht zuletzt auch eine Herausforderung an Methoden der Wirkungsanalyse, die sich meist auf die direkte Wirkung konzentrieren. Neue Standards zur Wirkungsberichterstattung sind glücklicherweise mittlerweile vorhanden und versprechen mittelfristig eine Angleichung von aufgeklärten Investoreninteressen und Organisationsinteressen [siehe dazu auch den Beitrag von Roder et al. zu Reporting Standards].

10 128 II. Gesellschaftliche Veränderungen bewirken und gestalten Besonders kreative social entrepreneurs sind von solchen Wachstumsdilemmata unabhängig, indem sie möglichst viele verschiedene Einkommensstränge kombinieren und so nicht primär auf die Ziele weniger Kapitalgeber angewiesen sind. Die Internetplattform Abgeordnetenwatch (www.abgeordnetenwatch.de), auf der Bürgerinnen und Bürger Kandidaten und Volksvertretenden öffentlich Fragen stellen und Antworten diskutieren können, vollbringt bspw. das Kunststück, sich gleich aus sechs komplett unterschiedlichen Quellen zu finanzieren: Spenden aus Fördermitgliedschaften, Erlöse aus Internetwerbung, Gebühren für freiwillige Erweiterungen der eigenen Seiten von Abgeordneten und KandidatInnen, öffentliche Fördermittel, Gebühren internationaler Franchisenehmer sowie die Investition eines privaten sozialen Investors. Durch Kooperationen mit Spiegel online und anderen Medien erreicht Abgeordnetenwatch nicht nur eine große Öffentlichkeit, sondern wirkt dem Vertrauensverlust der Politik entgegen und eröffnet neue Mitwirkungsmöglichkeiten. 3 Wie Social Entrepreneurs Systeme verändern Zweck einer SEO ist die Lösung eines gesellschaftlichen Problems. Da die meisten dieser Probleme nicht allein durch die Leistungen einer einzigen Organisation vollständig zu lösen sind, stellen die Modelle von Sozialunternehmern meist einen entscheidenden neuen Beitrag zu einem größeren System dar, in dem das Problem verursacht oder fortgeschrieben wird. Wie eingangs beschrieben, ist die Veränderung genau dieses Problemumfelds das schöpferische Ziel. Entscheidend für seine so beschriebene Systemveränderung ist die Addition aus direkter und indirekter Wirkung. Zur Illustration: Keine Bildungsinitiative wird direkt alle Schülerinnen und Schüler Deutschlands erreichen, aber wenn eine kritische Anzahl von Akteuren von einem neuen Modell überzeugt sind, kann ein Umschlagspunkt erreicht werden, ab dem kein zusätzlicher Antrieb mehr erforderlich ist und sich eine Lösung in der Mehrheit des Systems durchsetzt. Die mittlerweile besser erforschten Mechanismen zu solchen tipping points (Gladwell 2002) sind typische Strategien von social entrepreneurs, von der Nutzung gut vernetzter Multiplikatoren bis hin zum Haftenbleiben besonders einfacher oder gut erzählter Einsichten. Eine andere Form von Systemwirkung besteht z.b. in der Veränderung von Gesetzen oder Regulierungen. Auch wenn die als solche wahrgenommene Geschichte von SEOs in Deutschland noch zu kurz ist, um solche Wirkungen jenseits etwa Reformen von Lehrplänen o.ä. nachzuweisen, zeigt eine globale Analyse solcher Systemverände-

11 Oldenburg: Sozialunternehmertum in Deutschland 129 rungen durch SEOs aus den letzten 30 Jahren fünf Haupttypen, die den meisten Innovationen zu Grunde liegen (Abbildung 4). Typ Neue Marktverbindungen Wandel formaler Normen Auflösung von Sektorengrenzen Integration neuer Marktteilnehmer Multiplikation von Engagement Beispiele Aufdecken einer neuen Marktressource, Verknüpfung von Wertschöpfungsketten Gesetzgebung, Regulierung, Standardsetzung, neue Bewertungssysteme Angleichung unternehmerischer und sozialer Handlungslogiken und -kulturen Aktivierung einer vorher marginalisierten Gruppe als Anbieter, Konsumenten oder Mitproduzenten Wandel von Opfer- oder Empfängerhaltung zu selbständiger und kollaborativer Problemlösung Abbildung 4: Typen sozialunternehmerischen Systemwandels (Ashoka 2009) Die Erfolgsfaktoren von SEOs sind so unterschiedlich wie die Systeme, die sie verändern wollen. Dennoch gibt es Muster: In den Ländern, in denen das globale Phänomen SEO groß geworden ist, gibt es meist weniger starke öffentliche Sozialleistungen. Dementsprechend haben neue Lösungen mehr Platz zum Wachsen bis sie in Wettbewerb zu anderen Angeboten treten oder an staatlichen Regulierungen anstoßen, die sie ja oft verändern wollen. In einem ausgeprägten Sozialstaat mit einer gewachsenen Landschaft von Wohlfahrtsorganisationen ist die Situation anders. Nach einigen Jahren der Erfahrungen mit SEOs in Deutschland lassen sich hierzu einige Beobachtungen festhalten. Erstens gibt es auch in einem finanzstarken Sozialsystem wie Deutschland grundsätzlich eine wichtige Rolle für SEOs. Sei es in der Vernetzung von Opfern häuslicher Gewalt mit Unterstützungsangeboten (GESINE Interventionsnetzwerk gegen häusliche Gewalt, oder in der Beschulung jugendlicher Flüchtlinge (SchlaU!-Schule, es gibt immer zahlreiche große und kleine Bevölkerungsgruppen, die keine adäquaten Leistungen erhalten oder nicht ausreichend mit den etablierten Systemen verbunden sind. SEOs können sich auch kleinteilige Innovationen leisten und Lösungen testen, die in Finanzierungsströmen etwa des Gesundheits- oder Bildungssystems nicht ohne größere Herausforderungen umzusetzen wären. Die Rolle der SEOs ist hierzulande seltener die eines voll auf Marktgröße skalierten Anbieters einer völlig neuartigen Leistung,

12 130 II. Gesellschaftliche Veränderungen bewirken und gestalten sondern häufiger die eines flexiblen und in Kooperationen eingewobenen Prototypen. Mit dem demographischen Wandel und der abnehmenden finanziellen Leistungsfähigkeit öffentlicher Kassen jenseits der Grundversorgung in Rente und Gesundheit wird diese Rolle zunehmend wichtiger für den Strukturwandel einer komplexen Gesellschaft. Wenn es nicht mehr Gründerpersönlichkeiten mit Mut zum Risiko, Durchhaltevermögen, Kreativität und Wachstumsabsicht gibt, wird es ein Lösungs- und Finanzierungsdefizit für immer mehr marginalisierte Gruppen und ihre Probleme geben. Je dünner die Finanzdecke, desto eher müssen neue Lösungen aus sich selbst heraus ohne ständige Subventionierung wachsen können. In diesem Sinne lernen bereits heute viele traditionellere Anbieter von SEOs und die Produktivität des Sektors steigt im Ganzen [siehe dazu auch den Beitrag von Dölle zu social entrepreneurship in der Kinder- und Jugendhilfe]. Zweitens fordern SEOs etablierte Finanzierungsstrukturen und -kulturen heraus. Die neben der extrem seltenen Regelfinanzierung üblichen Formen öffentlicher Defizitfinanzierung und Zuschüsse machen es den Empfangenden schwer, ihre Mittel möglichst effizient einzusetzen und sogar unmöglich, ohne Verlust der Förderung weitere Mittel für ein Vorhaben einzuwerben. Kleinspenden haben als zweite Hauptquelle des Sozialsektors Einwerbungskosten von bis zu 40 Prozent und sind damit ebenfalls in sozialunternehmerischer Hinsicht unattraktiv. Mit dem Wachstum des Phänomens SEO halten zunehmend Finanzierungsformen im Sozialsektor Einzug, die eher aus der Startup-Finanzierung entlehnt sind. So stellen strategisch denkende Spenderinnen und Spender zunehmend neben Spenden auch Expertise und Beratung zur Verfügung, und es entsteht für soziale Wachstumsfinanzierungen ein Markt von Investoren, die auch Fremd- und Eigenkapital einsetzen und je nach Organisationsform und Geschäftsmodell die richtige Form von Kapital nutzen. Der Trend zur venture philanthropy bei Großspendern und Stiftungen ist hier ein wichtiger Antrieb und liefert zahlreiche internationale Vorbilder und Erfahrungen. Auch die öffentliche Hand könnte Mechanismen aus der Gründungsförderung leicht stärken sowie in den sozialen Sektor übersetzen und damit einen erheblichen Innovationsschub schaffen [siehe dazu auch die Beiträge von Kuhlemann oder von Alberg-Sebrich/Wolf]. Drittens brauchen SEOs neben der richtigen Form der Finanzierung auch Wachstumsstrategien, die stärker an die Verbreitung in einem ausdifferenzierten Sozialsystem mit zahlreichen konkurrierenden Gestaltungsansprüchen angepasst sind. Für viele Innovationen gilt, dass sie schneller mehr

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