Geistige Behinderung und Ethik

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1 Geistige Behinderung und Ethik Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust Erinnern Betrauern Wachrütteln Wismar, 27. Januar 2012 Übersicht: Begriffsbestimmung Behinderung Ethik Beginn der Diskussionen in Deutschland Aktuelle Auseinandersetzungen Folgerungen 2 1

2 Definition von Behinderung (I): Sozialgesetzbuch IX: 2 Satz 1 Behinderung Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. 3 Definition von Behinderung (II): Nach ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) 4 2

3 Behinderung Medizinisch definiert Soziologisch definiert Keine absolute Definition möglich Von Rahmenbedingungen abhängig Kulturell wandelbar 5 Ethik Analyse und Reflexion des Handelns nach moralischen Kriterien (Gut, Böse) Versuch einer Letztbegründung aus sich heraus Handlungs- und entscheidungsleitend 6 3

4 Ethische Theorien: Deontologie Pflichtenlehre Bestimmen des guten Handelns (Kant 1785, Rawls 1971) Teleologie Ausrichten am Ziel des Handelns Utilitarismus (Bentham 1798, Mill 1871) Care Ethik Abkehr von rein rational bestimmten Ethiktheorien (Gilligan 1984, Conradi 2001) 7 Care Perspektive Care als Ideal menschlicher Bezogenheit mit responsiven, anteilnehmenden (nicht autonomen im Sinne von unabhängigen) Beteiligten in einer einzigartigen und komplexen Situation: Her world is a world of relationships and psychological truths where an awareness of the connection between people gives rise to a recognition of responsibilty for one another, a perception of the need of response. Gilligan

5 Care als Perspektive Elisabeth Conradi formuliert neun Thesen zu Care: Menschliche Interaktionen Care setzt Beziehung voraus oder schafft sie Bezogenheit und sorgendes Handeln -> gesellschaftliche P. Zuwendung geben und annehmen Häufig asymmetrische Interaktionen, aber dynamisch in der Verteilung von Macht Verschiedene Autonomie der Beteiligten Nicht reziprok Non-verbaler Austausch häufig mit Berührungen Fühlen, Denken und Handeln verwoben Conradi Ethische Prinzipien: Autonomie Benefizienz (Gutes tun) Non-Malefizienz (Nicht schaden) Gerechtigkeit (Beauchamp und Childress 1994) Zusätzlich Fürsorge/Care, Achtsamkeit (Gilligan 1984, Conradi 2001) 10 5

6 Ethik im Kontext von Behinderung Frage des Lebensrechtes wird oft nur verdeckt diskutiert Autonomie als Leitbegriff häufig problematisch Ethik als angewandte Ethik in asymmetrischen Beziehungen (Care-Ethik) 11 Beginn der Diskussion zu Ethik und Behinderung in Deutschland Thesen von Singer: Person Abgestuftes Lebensrecht Interesse Nützlichkeitserwägungen Bioethikkonvention: Forschung an Nichteinwilligungsfähigen (Art. 17) 12 6

7 Aktuelle Auseinandersetzungen (I): Grenzen des Menschseins Status Embryo Forschung (Stammzellenforschung) Diagnostik (Präimplantationsdiagnostik) Schwerbehinderte Neugeborene (Behandlungsabbruch, Früheuthanasie) Wachkomapatienten, Hirntodkonzept Sterbehilfe 13 Aktuelle Auseinandersetzungen (II): Optimierung des Menschen Ausweitung medizinischer Möglichkeiten Intensivtherapie Gentherapie Vorgeburtliche Diagnostik (und Selektion?) Pränataldiagnostik als Standardverfahren in der Medizin Präimplantationsdiagnostik 14 7

8 Gegenläufige gesellschaftliche Entwicklungen: Integration von Menschen mit Behinderung Rechtliche Veränderungen zur Gleichstellung: Grundgesetz, Gleichstellungsgesetz, SGB IX, Antidiskriminierungsgesetz, Behindertenrechtskonvention Gleichsetzung von Behinderung mit Leid als Motor für Forschung, Diagnostik und Therapie Machbarkeitswahn mit Verkennung der reellen Möglichkeiten 15 Folgerungen: Ganzheitliche Sicht des Menschen notwendig Anerkennen und Wertschätzen der Vielfalt (Leitbild der Inklusion, Behindertenrechtskonvention) Sichtweisen von Menschen mit Behinderungen in die Diskussion einbringen Kritische Begleitung des medizinischen Fortschritts in Grenzbereichen des Lebens 16 8

9 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit 17 Literatur Biller-Adorno, N. (2001): Gerechtigkeit und Fürsorge. Zur Möglichkeit einer integrativen Medizinethik, Peter Lang, Frankfurt/Main Conradi, E.(2001): Take Care, Campus, Frankfurt/Main Gilligan, C. (1984): Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau, Piper, München bzw. (1982): In a different voice. Psychological theory and the development of women, Harvard UP, Cambridge Kittay, E.F. (2004): Behinderung und das Konzept der Care Ethik in Graumann, S. et al. (Hg): Ethik und Behinderung, Campus, Frankfurt/Main Tronto, J.C. (1993): Moral boundaries: a political argument for an ethic of care, Routledge, New York ICF - Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, Deutsche Übersetzung von 2005 unter 18 9

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