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1 Rodrigo García Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch (Originaltitel: Prefiero que me quite el sueño Goya a que lo haga cualquier hijo de puta ) Aus dem Spanischen von Philipp Löhle

2 (c) henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH Als unverkäufliches Manuskript vervielfältigt. Alle Rechte am Text, auch einzelner Abschnitte, vorbehalten, insbesondere die der Aufführung durch Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Buchpublikation und Übersetzung, der Übertragung, Verfilmung oder Aufzeichnung durch Rundfunk, Fernsehen oder andere audiovisuelle Medien. Werknutzungsrechte können vertraglich erworben werden von: henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH Alte Jakobstraße 85/ Berlin Tel.:

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4 Da soll mir lieber Goya den Schlaf rauben, als irgendein Arschloch. Da soll mir lieber Goya den Schlaf rauben, als Adidas, Pescanova, Volkswagen, ne Nachbarin oder irgend so ein Wichser, der sich mein Freund nennt oder ne Schlampe, die immer wieder behauptet, dass sie mich liebt. Scheiße! Wenn ich schon ne Nacht nicht schlafen kann, dann wenigstens wegen nem Gemälde von Goya. Und nicht wegen nem Auto, das ich mir nicht leisten kann. Und auch nicht wegen ner Dose Fleischklößchen, die ich eiskalt runterschlinge und wo mir danach zum Kotzen ist. Und erst recht nicht wegen meiner eigenen Dummheit, mal wieder zu spät fürn Schlussverkauf dran zu sein, wo meine paar Kröten grade noch fürs Billigste vom Schlechten reichen. Feststeht, dass mir deprimierendes Geschwätz den Schlaf raubt. Weil es mich runterzieht. Und das mag ich überhaupt nicht. Ich habe mir schon mit 14 Jahren gesagt: Du lässt dich nicht runterziehen! Also habe ich angefangen, Bücher zu kaufen, zu tauschen, auszuleihen und nie zurückzugeben. Hab angefangen Bücher zu klauen. Wo und wem auch immer: in der FNAC, in der Casa del Libro, in öffentlichen Bibliotheken, dem Vater von nem Freund. Scheißegal. Die Leute denken, damit du nicht runtergezogen wirst, musst du was planen. Ich sage: Damit du nicht runtergezogen wirst, musst du was tun. Und was tun ist, logischer Weise, das Gegenteil von was planen. Planen tun ja auch immer die Schüchternen, und deshalb dümpelt die ganze Welt vor sich hin. Aber Geschichte und Geologie kommen nur voran, weil sich jemand die Hände schmutzig macht. Weil jemand zeigt, dass er Eier hat. Aber schau dir die mal an, die sich die Hände schmutzig machen! Was ne Hitparade! Tony Blair, Hitler, Condoleezza Rice... Was ne Idiotenhitparade! Kann man von Glück sagen, dass es noch Leute von der anderen Seite gibt. Scheiße! Die sind zwar vollkommen unnütz, aber besser als nichts. 5

5 Man muss was tun! Ohne an die Konsequenzen zu denken. Beim Menschen ist die Fähigkeit Vorauszudenken sowieso so schlecht entwickelt, das ist eigentlich nichts anderes als ein Berg abgelagerter Vorurteile, könnte man glatt ne neue Wissenschaft dazu erfinden, die psychologische Geologie würde ich das nennen... Vertrauenswürdiger jedenfalls ist der Instinkt. Ich weiß nicht, ob mit den Zähnen zu jagen oder ner Beute den Weg abzuschneiden elementares Vorausdenken ist, oder ob es nur eine angeborene oder vererbte Verhaltensweise ist. Natürlich denkt ein Tier nicht nach, aber manchmal scheint da doch ein bisschen mehr zu sein als der bloße Reflex. Aber ich weiß, dass ich Kohle auf der Bank habe und dass mit all dieser Kohle was getan werden muss. Und dass es jetzt getan werden muss. Wir sollten in einer der kommenden Nächte in den Prado gehen, sag ich zu meinen Kindern. Sagen die, sie hätten aber schon geplant, ins Disneyland Paris zu gehen. Sie fänden, Disneyland Paris sei die bessere Idee. Und mein Ältester sagt: Wer die Traurigkeit des modernen Menschen wirklich verstehen will, verbringt besser einen Augenblick mit Micky Maus persönlich, also einem schlecht bezahlten Jungen, der 12 Stunden in nem Plüschanzug ohne Atemlöcher steckt, als dass er sich Saturn frisst seine Kinder oder Duell mit Knüppeln ankuckt oder sonst irgendein Gemälde von Goya, Velázquez, Zurbarán oder Bosch. Sag ich, hört mal her, Jungs, ich will lieber nicht eure Köpfe als scheiß Fußbälle benutzen. Disneyland ist ja wohl total bescheuert. Wir gehen in den Prado. In einer der kommenden Nächte. Und aufm Weg dahin holen wir uns irgendeinen Typen ins Taxi, der uns was Kluges erzählen kann. Und wir nehmen natürlich was zu Trinken mit. Zum Beispiel eine von diesen herrlichen Flaschen Macallan. Und einen Haufen Drogen nehmen wir auch mit. Also setze ich mich mit den Jungs an den Küchentisch den einzigen Ort im Haus, den ich ertrage und stell mal ein paar Dinge klar: Ich habe was gespart. Mein ganzes Leben lang habe ich was gespart. Und dann lege ich die Ersparnisse meines ganzen Lebens auf den Küchentisch. Habe ich heute Morgen von der Bank geholt. Geile Scheiße: 5000 Euro. Ganz schöner Batzen, was? Ich bin 50 Jahre alt und habe 5000 Euro auf der Bank. Das sind fast ne Million Peseten. Und damit machen wir jetzt was, sag ich den Jungs, und zwar was Fettes. Geile Scheiße! 6

6 Mit der Kohle kommst du nicht mal bis zur nächsten Straßenecke, sagt mein 6-jähriger. Für ne Million Peseten, da kriegst du gar nichts. Weder ne Wohnung oder ne schöne Reise noch ne Schönheits-OP, nicht mal ein geiles Auto. Damit kannst du nichts kaufen, was dir irgendwie Sicherheit gibt. Sicherheit hat schließlich ihren Preis, zumindest wirtschaftliche, ganz zu schweigen von emotionaler, falls die überhaupt existiert. Na ja und wenn, hängt sie auf jeden Fall direkt von der wirtschaftlichen ab. Sagt mein 6-jähriger. Sag das nochmal, sag ich zu meinem 6-jährigen. Und der Vogel sagt das nochmal. Und ich raste aus und sage: Hör mal her, du Pimpf, emotionale und wirtschaftliche Sicherheit verhalten sich umgekehrt proportional zueinander. Also: Geh mir nicht aufn Sack! Und da setzt mein Ältester, die Flachpfeife, noch eins drauf und sagt: Ne Million Peseten, Alter, das ist so ziemlich das unsicherste, was ich seit langem gesehen habe. Sag ich: Ihr Volldeppen. Es gibt überhaupt kein abgesichertes Leben. Das Leben ist ein abgefucktes Durcheinander und uns bleibt nur, uns reinzustürzen, ein Teil davon zu werden und zu versuchen, genau das zu finden, was für uns taugt, und wo wir glauben dazuzugehören. Nach Genetik, Erfahrung und Zufall. Und der 11-jährige interpretiert das grade wie er Bock hat und knallt mir vorn Latz: Das nenne er die Leere verstärken. Was ist überhaupt mit dir los? fragt er. Hältst du uns für blöd, Alter? Wir gehen doch nicht in ne Disko und schmeißen irgendwelche Pillen ein. Wenn wir uns müde kriegen wollen, dann machen wir das mit einer ganz bestimmten Sicherheit im Sinn. Wir bestimmen Richtung, Zeit und Qualität unserer Müdigkeit. Und der 6-jährige sagt: Was ich suche: ein Strahl der Vollkommenheit inmitten des stupiden Kräfteverfalls der das Nichts zu verschlimmern sucht Ich möchte etwas vor dem Blicke aller verbergen und ich möchte graben Ich werde eine Schaufel nehmen und beginnen zu graben Schwindel verleiht uns keine Stärke irgendwelcher Art Im Gegenteil Die rasende Geschwindigkeit zieht uns die Haut von den Knochen 7

7 Erfahrung anzuhäufen das habe ich in einem Buch gelesen schützt nicht. Ach ja?, platzt es aus mir raus, und deshalb wollt ihr also nach Disneyland, ihr Penner. Und darauf erzählt mir mein Sohn irgendwas von der Bedeutung von Donald Duck und ich fasse mir nur noch an den Kopf. Ich kenne meine Großeltern nicht, sagt er Ich habe keinerlei Tradition geerbt Ich weiß nicht wie man Feuer macht Ich kenne nicht mal zwei Wörter eines vom Aussterben bedrohten Dialektes, der in mir weiterleben könnte. Ich habe nur die Wahl zwischen zwei Dingen: Ich kann mich aufregen oder ich kann einen als Mickey Mouse verkleideten Typen im Disneyland bei der Hand nehmen und diesem verschwitzten Unbekannten von meinen Problemen und kleinen Freuden erzählen. Nur Pluto, dem Hund, kann ich noch mein Leben erzählen. Ihr seid voll gegen mein Projekt, sag ich. Lasst uns mal vernünftig bleiben. Wir haben 5000 Euro. Geile Scheiße! Die Ersparnisse meines ganzen Lebens. Und ihr lacht mich aus und behauptet, damit kommen wir nirgendswo hin. Ich sage euch mal was: Damit lassen wir es jetzt richtig krachen. Und zwar besser als irgendjemand sonst. Besser als Lady Di und Dodi Al Fayed, wenn sie grade ne Nummer schieben, während ihre Limo gegen ne Tunnelwand knallt. Denn wenn Jesus aus Wasser Wein machen kann, dann können wir ja wohl auch mit 5000 Öcken einen drauf machen: Nutten, Whisky, n Haufen Drogen und zum Schluss alle in den Prado. Goya kucken. Und mein Älterer sagt: Ich geh trotzdem lieber ins Disneyland. Und mein Jüngerer sagt: Einmal im Leben können wir es ja versuchen und das machen, was der Alte will. Und kucken, was bei raus kommt. Und durch diesen Freischuss, den mir meine Söhne ausnahmsweise geben, habe ich endlich die Möglichkeit, mal meinen Vorschlag detailliert auszuführen. 8

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