Das Wort vom Kreuz göttliche Kraft und göttliche Weisheit

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1 Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Bischof Dr. Dr. h.c. Markus Dröge, Festgottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum der Kreuzkirche Görlitz 6. März 2016, Kreuzkirche Görlitz, 1. Korinther 1, Das Wort vom Kreuz göttliche Kraft und göttliche Weisheit Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Liebe Festgemeinde! I. Das Kreuz ist das sichtbare Zeichen des christlichen Glaubens. Wer ein Kreuz trägt, zeigt damit: Ich bin ein Christ. Ich glaube an Jesus Christus und folge ihm nach. Und wer dies tut, wird in das eine oder andere Gespräch verwickelt. Denn unumstritten ist das Kreuz nicht! Deshalb gibt es auch immer neue Diskussionen, wo denn ein Kreuz in der Öffentlichkeit gezeigt werden soll und darf. Nur in der Kirche und in kirchlichen Einrichtungen? Oder auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens? In einer Amtsstube, in einem Gerichtssaal, in einem Klassen- oder Krankenhauszimmer? In der Zeit der DDR wurde das Kreuz im öffentlichen Raum von Justiz, Schule und Verwaltung auf keinen Fall geduldet. Heute stehen die Debatten um das Kreuz beispielhaft für die Frage, welche Bedeutung die christlich-abendländische Tradition für die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Staates haben könnte oder sollte: Und zwar sichtbar haben sollte. Für mich als gläubigen Christen ist das Kreuz aber mehr als nur ein äußerliches Erkennungszeichen. Wir Christinnen und Christen glauben, dass das Kreuz Jesu Christi diese Welt in ihrer Tiefe verändert hat. Es ist zur Signatur unseres gesamten Lebens und zur Signatur dieser Welt geworden. Von dieser Kraft und Leidenschaft des Kreuzes schreibt Paulus seiner Gemeinde in Korinth. Diese Kraft wollen wir sichtbar werden lassen, denn es ist eine heilsame, versöhnliche Kraft, die vom Kreuz ausgeht. 1

2 II. Mit dem Festgottesdienst heute feiern wir das 100-jährige Jubiläum einer Kirche, die nicht nur dem Namen nach eine Kreuz-Kirche ist. Ihre gesamte Architektur und Gestaltung bis in die Einrichtung und die liturgischen Geräte hinein trägt die Signatur des Kreuzes. Das Kreuz wird sichtbar in dieser Kirche. Es findet sich in der Turmfassade, an der Kanzel, in den Kronleuchtern, den farbigen Fenstern und in unzähligen Ornamenten. Sogar die Kelche für das Heilige Abendmahl sind vom Kreuz gezeichnet. Gedeutet wird das Zeichen des Kreuzes schließlich durch den Spruch über dem Altarraum: Das Wort vom Kreuz göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Den zugehörigen Bibeltext aus dem Ersten Korintherbrief haben wir in der Epistel gehört. An unzähligen Stellen ist das Kreuz in dieser Kirche eingezeichnet. Sie ist vom Kreuz durchwoben, mit ihm verbunden, nicht von ihm zu trennen. Das ist ein sprechendes Bild für unser christliches Leben. Würde man uns Christinnen und Christen das Kreuz wegnehmen, wären wir nicht mehr der- oder dieselbe. Dann wäre auch die Welt nicht mehr dieselbe für uns. Die Architektur unseres Lebens geriete durcheinander. Und doch ist es nicht immer ganz leicht, die Bedeutung des Kreuzes für uns zu verstehen. Ein Jubiläum wie heute ist deshalb eine gute Chance, darüber etwas vertiefter nachzudenken, was der Spruch über dem Altarraum bedeutet: Das Wort vom Kreuz göttliche Kraft und göttliche Weisheit. III. Dietrich Bonhoeffer hat im Mai 1944 seinem Großneffen zum Anlass der Taufe Folgendes geschrieben: Wir [ ] sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was [ ] Kreuz und Auferstehung, 2

3 was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. Und er empfiehlt den Christen, sich eine Zeitlang auf das Beten und das Tun des Gerechten unter den Menschen zu konzentrieren. Daraus könnte ein neues Verständnis der großen Worte der Überlieferung, und besonders des Wortes vom Kreuz, geboren werden. Wir merken: Auch Bonhoeffer wusste, dass wir uns die Bedeutung des Kreuzes und der Auferstehung Christi immer wieder neu erschließen müssen. Bonhoeffer empfiehlt das Beten und das Tun des Gerechten als Hilfe. Der gelebte Glaube lässt erst richtig die Bedeutung des Kreuzes verstehen: Und das ist bis heute so: So wie ein Mensch lebt, und so wie eine Gemeinde ihr Leben gestaltet, das sagt viel darüber aus, wie wir das Kreuz Jesu Christi verstehen. Und so ist es auch bei Ihnen, liebe Gemeinde, die Sie heute das Jubiläum der Kreuzkirche feiern. Die Kirche macht das Kreuzzeichen öffentlich. Ihr Leben als Gemeinde aber erst zeigt, wie heilsam und versöhnend die Kraft des Kreuzes ist, wie viel Kraft und Weisheit im Kreuz verborgen liegen. In den zahlreichen Veranstaltungen zum 100-jährigen Jubiläum zeigen Sie etwas von Ihrem Gemeindeleben: Beim Gospelworkshop, am Kinder- und Jungschartag "kreuz+quer", beim Gemeindefest rund um die Kirche im Sommer. Eine Andachtsreihe "Kreuzkirchenmomente" bildet dabei den roten Faden durch das Jahr. Das Gotteshaus kommt auf ganz unterschiedliche Weise neu in den Blick. So entfaltet sich die Bedeutung des Kreuzes in das Gemeindeleben hinein. Die Kraft und die Weisheit des Kreuzes werden in dieser Gemeinde immer wieder auch zum Klingen gebracht. So ist diese Kirche zum Beispiel für die Oratorien des Görlitzer Bachchors eine Heimat geworden. Der Chor unter Leitung von KMD Reinhard Seeliger gestaltet auch den heutigen Festgottesdienst mit. Ebenso spielt der Posaunenchor unter Leitung von Landesposaunenwärtin Maria 3

4 Döhler. So entfaltet sich die Bedeutung des Kreuzes durch die Musik und das Hören. Das Gemeindeleben reicht auch über dieses Kirchengebäude hinaus. Zum Beispiel zum Paul-Gerhardt-Haus am Bahnhof. Da ist die Kindertagesstätte untergebracht, die seit 1926 existiert und in diesem Jahr ihr 90. Jubiläum begehen darf. Zudem sind im Paul-Gerhardt-Haus die Räume für Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, das Pfarrbüro und die Pfarrwohnung sowie der Saal für mehrere Gesprächskreise, Chor und Posaunenchor untergebracht. So entfaltet sich die Bedeutung des Kreuzes in das gemeindliche Miteinander hinein. Und durch die Nähe zur Katholischen Kirche sowie zur ebenfalls benachbarten Altlutherischen Hl.-Geist-Kirche gibt es auch eine ökumenische Orientierung der Gemeinde. Seit Dezember 2014 leben in zwei Wohnungen des Paul-Gerhardt-Hauses auch Asylbewerberfamilien, im Rahmen der dezentralen Unterbringung. In der Übernahme von Verantwortung für die Schwachen, als Zeichen der Nächstenliebe in unserer Zeit, entfaltet sich die Kraft des Kreuzes als Botschaft in die Öffentlichkeit hinein. Durch das Beten und das Tun des Gerechten unter den Menschen wird sichtbar, spürbar und erfahrbar, worin die Kraft und die Weisheit des Kreuzes bestehen, schreibt Dietrich Bonhoeffer Und deshalb ist das Jubiläum dieser Kirche auch Gelegenheit, Dank zu sagen. Dank an die vielen Menschen, Hauptund Ehrenamtliche, die diese Gemeinde mit Leben gefüllt haben und mit Leben füllen. Denn im Leben der Gemeinde werden Kraft und Weisheit des Kreuzes konkret. IV. Von der Botschaft dieses Kreuzes sagt der Apostel Paulus zu den Korinthern, dass es ein Ärgernis und eine Torheit für die Welt sei. Er tut dies in einer bestimmten Lage der Gemeinde: Es waren Spaltungen in ihr entstanden. Um die Missionare, die die Gemeinde besuchten und in ihr tauften, hatten sich Gruppen 4

5 gebildet, die sich miteinander verglichen Parteien, die miteinander um die Führungsrolle in der Gemeinde und um das meiste Ansehen rivalisierten. In dieser Situation spricht Paulus von der Weisheit und Kraft des Kreuzes. Die streitenden Korinther haben das nicht verstanden. Ihnen dient ihre Weisheit und Klugheit zur eigenen Profilierung, dazu, sich über die anderen zu erheben und sie in den Schatten zu stellen. Mit einem modernen Ausdruck könnte man sagen: Sie verstehen und praktizieren Weisheit als Herrschaftswissen ein Wissen, das ihnen Ansehen und Einfluss vor anderen verschaffen soll. Damit haben sie aber für Paulus das Kreuz Christi gründlich verfehlt. Denn Gott durch kreuzt die Spielregeln dieser Welt und ihrer Weisheit; er will es anders haben, als es üblicherweise in der Welt läuft. Er stellt sich auf die Seite derjenigen, die nichts vorzuweisen haben. Gottes Kriterium für das Zusammenleben ist, ob auch die eigenen Schwächen und die Schwachen in der Welt integriert werden können. In einer solchen Gemeinschaft entfaltet das Kreuz seine Kraft und seine Weisheit. Die Welt braucht die Signatur dieses Kreuzes! Ja, unsere Gesellschaft braucht auch die Öffentlichkeit eines solchen Kreuzes damit wir die Augen nicht verschließen vor den Nöten anderer und vor den eigenen Schwächen! Wir brauchen das Kreuz als sichtbares Zeichen der Liebe Gottes in dieser Welt. In den aktuellen Fragen zu den Herausforderungen mit den Flüchtlingen zum Beispiel brauchen wir die Konkretion des Kreuzes als Nähe zu den Schwachen in unseren Gemeinden. Und es ist ermutigend, dass in der ganzen Breite unserer Kirche die Gemeinden sich dieser Aufgabe stellen. Wir brauchen das Kreuz als öffentliches Zeichen für eine Gesellschaft, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und dem Gemeinwohl dient. Wir brauchen das Kreuz, um deutlich zu machen, dass Frieden mehr zählt, als über anderen zu 5

6 stehen und Versöhnung wichtiger ist, als Recht haben zu wollen. Wo das geschieht, da wird das Kreuz im öffentlichen Raum sichtbar und erfahrbar. V. Im März 1916 wurde die Kreuzkirche eingeweiht. Damals predigte Pastor Georg Bornkamm über Das Wort vom Kreuz. So spannt sich nun ein Bogen von damals bis heute. Mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges hat Pastor Bornkamm damals gesagt: Von einer Friedenskirche haben viele geträumt. Eine Kreuzkirche ist sie geblieben und soll sie bleiben. Die Sehnsucht nach Frieden ist uns geblieben. Und wir merken doch auch, wie weit unsere Welt vom Frieden entfernt ist. Das Kreuz wird bleiben. Aber das Kreuz ist eben mehr als nur Zeichen des Leidens. Im Kreuz sind Heil und Auferstehung schon gegenwärtig. In der Leidenschaft und in der Liebe Jesu Christi ist unser ganzes Dasein schon auf Erlösung hin eingezeichnet. Mit ihm sind wir verwoben, verbunden und nicht von ihm zu trennen. Das Wort vom Kreuz göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Amen. 6

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