D a s Bü ro. a l s Zu stand. z u Z e i t d i e Z e i t. v o n Z e i t. Bachelorarbeit von Julia Werner Fachhochschule Potsdam

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1 D a s Bü ro a l s Zu stand v o n Z e i t z u Z e i t d i e Z e i t v e r g e s s e n Bachelorarbeit von Julia Werner Fachhochschule Potsdam

2 Das Büro als Zustand Bachelorarbeit 2008 Fachhochschule Potsdam Fachrichtung Interface Design Julia Werner Matrikelnr.: 6274 Betreut durch: Prof. Boris Müller Lehrgebiet: Interaction Design Zweitprüfer: Prof. Matthias Krohn Lehrgebiet: Digitale Medien

3 Da s Bü ro a ls Zusta nd v o n Z e i t z u Z e i t d i e Z e i t v e r g e s s e n Bachelorarbeit von Julia Werner Fachhochschule Potsdam

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5 Dank Ich bedanke mich für die freundliche Unterstützung bei: Prof. Boris Müller, Prof. Matthias Krohn, meiner Familie, Frau Köller, Amelie, Eva, Myriel, Dominique, Wilhelm, Esther und allen anderen, die mich in der Phase der Überarbeitung unterstützt haben.

6 6 Die Menschen werden geboren, die Menschen sterben, und die Zeit dazwischen verbringen sie mit dem Tragen der Digitaluhren. Douglas Adams

7 008 Einleitung Gegenstand der Untersuchung Arbeitshypothese und Fragestellungen Teil Eins Teil Zwei 014 Die Eier legende Wollmilchsau Soft Skills Leistung Die Ware Arbeitskraft 057 Beschleunigung Vergleichzeitigung oder Intensifikation Nichtstun nicht können 023 OFF = ON Erreichbar statt anwesend Das Zuhausebüro Wertewandel Lebensqualität 067 Pause Sinnvolle Pausen 077 Entschleunigung Andere Länder andere Sitten freie Freitage & Quite Time 038 I love my PC Wer, wie viel, vie oft: Krank durch Arbeit Karoshi Burnout Doping fürs Hirn 088 Fazit und Ausblick 092 Quellenangaben 097 Bildnachweis 098 Versicherung

8 8 Einleitung Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung, warum in unserer heutigen Gesellschaftsordnung Menschen versuchen, ihr Lebenstempo an die Taktung ihres Computers anzupassen, und warum die Arbeit nicht mehr nur Bestandteil unseres Lebens ist, sondern immer mehr Raum einnimmt. Was einst Produktbeschreibungen waren, wie überall einsetzbar, flexibel, einfach zu bedienen, kompatibel, schnell, zuverlässig, mobil und 24 Stunden erreichbar beschreibt heute den Arbeitnehmer. Doch der Mensch ist keine Maschine und kann diesem Tempo nicht mehr länger folgen. Auf der anderen Seite beschafft gerade dieser Geschwindigkeitsrausch ein befriedigendes Selbstwertgefühl: Ich werde gebraucht. Fakt ist: Auf lange Sicht macht diese Arbeitskultur krank und trotz des Bewusstseins um diese Gefahr hinterfragen wir die Non-Stop-Gesellschaft nur oberflächlich und unmotiviert und ändern nichts an den Ursachen. Durch viel Arbeit erhält der Mensch viel soziale Anerkennung. Das Streben nach Erfolg, Respekt

9 und persönlicher Bestätigung, aber auch die Angst vor Arbeitsplatzverlust, finanzieller Abhängigkeit und sozialem Abstieg lässt uns bis an unsere körperlichen und psychischen Grenzen arbeiten. doch dadurch ist die Akzeptanz in der Gesellschaft noch lange nicht gegeben. Karl Marx schreibt im Ersten Band des Kapitals über den arbeitenden Menschen im Zusammenspiel mit Maschinen: Da unser Leben sich nahezu 24 Stunden im On-Modus befindet und sich immer hektischer und temporeicher gestaltet, wird die innere Ruhe zum wichtigsten Gut. Wer in dieser temporeichen Welt überleben will, muss ab und an auch Pausen einlegen Es wird an und für sich ein industrielles Perpetuum mobile, das ununterbrochen fortproduzieren würde, stieße es nicht auf gewisse Naturschranken in seinen menschlichen Gehilfen: ihre Körperschwäche und ihren Eigenwillen. [1] und sich erholen. Der körpereigene Akku muss wieder aufgeladen werden. Dieser unumstößliche Fakt wird sowohl von den Arbeitgebern als auch von den Arbeitnehmern und der Gesellschaft häufig ignoriert. Wer nicht arbeitet, gilt als faul. Adaptiert man diese Aussage in die heutige Zeit, stellt sich die Frage, ob dieser Eigenwille heute überhaupt noch existiert. Die Körperschwäche wird mittels Drogen und Aufputschmittel umgangen. Der Eigenwille scheint verkümmert. Dank der heutigen Arbeitskultur bietet sich nahezu niemals die Möglichkeit abzuschalten. Wer kann es sich leisten, Nein zu sagen? Diese Frage stellt sich unausweichlich in Zeiten von Existenzangst und befristeten Verträgen. Eine Arbeitskultur, die 24 Stunden Erreichbarkeit von uns verlangt und wir diese nahezu bedingungslos liefern, muss hinterfragt werden. Eine Arbeitskultur, die krank macht, ist ungesund, denn sie schädigt langfristig die Gesundheit. Nur wir selber sind für unser Leben verantwortlich. Also sind auch nur wir selber diejenigen, die etwas ändern können. Doch schlicht zu sagen: Jeder weiß doch, wo der Ausschaltknopf des Rechners ist, ist falsch. Selbsterkenntnis ist zwar der einzige Weg etwas an dem eigenen Rhythmus zu ändern, 1 Marx, K. (2005): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie: Das Kapital, Bd.1: Der Produktionsprozess des Kapitals: Bd 1; Berlin: Verlag Dietz, S. 143

10 10 verwirken so auf kurz oder lang ihre Basis. Jeder wird Unternehmer seiner eigenen Arbeitskraft und muss diese 24 Stunden vermarkten. Wo führt uns diese Kultur hin? Wieso ist der Widerstand gegenüber dem gesellschaftlichen Druck so gering? Gegenstand der Untersuchung Der Gegenstand meiner Untersuchung ist die Frage nach der Entstehung und dem Wandel der heutigen Arbeitskultur. Bedingt durch Wertewandel und technische Möglichkeiten entwickelt sich für einen bestimmten Typus Mensch das Büro zum Zustand. Ständige Erreichbarkeit, dauernder Termindruck und die Selbstbehauptung vor dem Arbeitgeber, aber auch vor Kollegen und Kunden, tragen dazu bei, dass immer mehr auch gerade junge Menschen unter Überarbeitung leiden. Da es heutzutage als Statussymbol gilt, 20 Überstunden die Woche zu machen, verlieren viele der so genannten Workaholics das soziale Leben aus den Augen und In den nachfolgenden Kapiteln werde ich diese Entwicklung der Arbeitskultur in verschiedenen Themenblöcken beleuchten und hinterfragen. Der Wert der Leistung und der Wert des Einzelnen wird der Erwartungshaltung der Gesellschaft gegenübergestellt. Die ständige Erreichbarkeit und die weltweite Vernetzung führen zu einer immer stärkeren Vermischung des Privatlebens mit dem Berufsleben. Dadurch entstehen neue Lebensmodelle, die gesundheitlich und sozial betrachtet keinen längerfristigen Bestand haben können. Im zweiten Teil der Arbeit wird der Gegentrend zur Non-Stop-Gesellschaft aufgezeigt, Downshifting genannt. Wie hat sich unser Zeitempfinden in den letzten Jahren verändert? Durch Vergleichzeitigung von Arbeitsabläufen wird scheinbar Zeit gespart, durch den extremen Stress ist es uns aber nicht mehr möglich abzuschalten und Ruhepausen einzuhalten.

11 Im Anschluss daran wird der Umgang mit dieser Problematik in anderen Ländern aufgezeigt und ebenso eine Reihe der dort bestehenden Lösungsansätze genauer erläutert. Die Rolle der Entwicklung des Computers bei dem immer höher werdenden Arbeitsund Lebenstempo wird hinterfragt und in Zusammenhang mit der Krankheit Arbeitsucht gebracht. Welche Möglichkeiten gibt es, die Technologie positiv zu nutzen und mit dieser Entwicklung zu verbinden? Diese Arbeit beschäftigt sich explizit mit einer bestimmten Zielgruppe, der so genannten New Economy, den zwischen Jährigen, welche den ersten Internetboom um die Jahrtausendwende miterlebt haben und nun als IT-Fachleute, Kreative, Projektleiter und Selbständige in diesem Metier arbeiten. Die in dieser Arbeit beschriebenen Problematiken treffen selbstverständlich nicht nur auf diese spezifische Gruppe zu, jedoch bildet sie die Grundlage meiner Recherche. Arbeitshypothese & Fragestellung Die meiner Arbeit zugrunde liegende Annahme, dass der Wandel der Arbeitskultur durch Menschen (Gesellschaftsordnung) gestaltet wurde, bildet den Ausgangspunkt für meine Interventionen in der Arbeitsgestaltung. Der Mensch hat schon immer viel gearbeitet. Aber noch nie wurden so viele Leute durch ihre Arbeit krank, waren sozial verwahrlost und trotzdem in irgendeiner Form auch seltsam befriedigt und glücklich. Selten war die Zeiteinteilung der Arbeit so

12 12 frei wie heute, aber auch noch nie war der Druck, diese Arbeit so gut und schnell zu machen, so hoch. Überarbeitung, soziale Verwahrlosung und Burn-Outs sind die Folge. Da Workaholics von der Gesellschaft jedoch gefördert und sogar bewundert werden, ist es sehr schwer eine Bewusstseinsschaffung für die Problematik aufzuzeigen. Ziel der praktischen Arbeit ist es, durch gestalterische Mittel humoristisch und hinterfragend auf den Umstand Überarbeitung aufmerksam zu machen. Im Kern jedoch werden gesellschaftliche Missstände durch die satirische Interpretation aufgezeigt.

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14 14 Die Eier legende Wollmilchsau. Die utopische Welt der Stellenanzeigen. Wie sieht der optimale Arbeitnehmer aus? Ein Blick in die aktuellen Stellenanzeigen wirft die Frage auf, wie ein einzelner Mensch so unzählige Fähigkeiten haben kann. Oder anders, was die Person, die die Stellenanzeige verfasst hat, gedacht hat, welche Quantität an Qualitäten realistisch sei. Wie ist es möglich, mit Anfang 20 einige Jahre Berufserfahrung zu haben und nebenbei fließend Mandarin, Japanisch, Russisch und Englisch zu beherrschen, über Verhandlungsgeschick, außergewöhnliche Belastbarkeit und Führungsqualitäten zu verfügen und einen eigenen Kundenstamm mitzubringen? Neben der fachlichen Kompetenz, versteht sich. Wieso sind die Formulierungen in Stellenanzeigen so utopisch? Die Anzeigen werden immer länger und schwammiger. Anhand des geforderten Profils ist abzulesen, wie sehr sich die Arbeitswelt verändert hat. Gab es früher noch klare Ansagen wie: Ich suche XY mit den und den Fähigkeiten, klingen die Anzeigen heutzutage nach langen und ungenauen Aneinanderreihungen von Persönlichkeitsmerkmalen und Kompetenzen. Es hat den Anschein, dass man nicht mehr benennen kann, was man sucht daher: Von allem etwas, bitte!

15 Soft Skills Galt in Zeiten des Taylorsystems [2] Eigeninitiative und Selbständigkeit als schädlich und unerwünscht, sind diese Soft Skills heutzutage Grundvoraussetzung. Dies zeigt eine Untersuchung der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) aus dem Jahre In dieser Studie wurden 6000 Stellenanzeigen aus diversen Arbeitsbereichen auf die Benennung von Soft Skills durchleuchtet. Insgesamt wurden Nennungen gezählt. Die sich anschließende Liste verdeutlicht anschaulich, welche Eigenschaften vom Bewerber gewünscht sind und welche er mitzubringen hat. (Die häufigsten genannten Soft Skills werden fett hervorgehoben) Kognitive Kompetenz Vernetzungsfähigkeit 44 Konzeptionsstärke 56 Organisationstalent 253 Kommunikativ Präsentationskompetenz 23 Kommunikationsfähigkeit 451 Sozialkompetenz Konfliktlösungskompetenz 23 Entscheidungsfreude 32 Kontaktfreudigkeit 54 Durchsetzungsfähigkeit 68 Soziale Kompetenz (allg.) 76 Verantwortungsbewusstsein 82 Kundenorientierung 88 Verhandlungsgeschick 117 Kooperationsfähigkeit 120 Auftreten 191 Führungskompetenz 196 Teamfähigkeit 648 Persönlichkeitsmerkmale Diskretion 14 Mobilität 46 2 Taylorismus ist eine nach F. W. Taylor benannte wissenschaftliche Betriebsführung, bzw. Methodik zur Steigerung der Arbeitsproduktivität in der industriellen Fertigung. Zentrales Element ist die Gestaltung von Arbeitsabläufen auf der Grundlage von Zeit- und Bewegungsstudien und die Aufdeckung von Rationalisierungsreserven. Leistungspotenziale werden durch Zerlegung der Gesamtaufgabe in kleinste Arbeitsschritte, Entlastung der Arbeiter von dispositiven Tätigkeiten sowie durch leistungsorientierte Lohnformen optimiert. Aus: Mayrisches Online Lexikon, Stand Eigeninitiative 88 Eigenverantwortung 92 Leistungsorientierung 102 Selbständigkeit 110 Einsatzbereitschaft 116 Kreativität 184 Belastbarkeit 227 Engagement 263 Flexibilität 327

16 16 Selbständigkeit (110) und Eigeninitiative Der Soziologe Richard Sennett diskutiert in seinem Buch: Der Flexible Mensch [3] die Notwendigkeit der heutigen Flexibilität. Der Klappentext des Buches zeigt schon sehr deutlich wo Sennett die Problematiken sieht: (88) werden nicht so häufig genannt wie andere Soft Skills. Meiner Meinung nach bedarf dieses heutzutage keiner konkreten Nennung im ausgeschriebenen Anforderungsprofil mehr, sondern wird vielmehr als Grundvoraussetzung statt einer etwa Nicht- Relevanz für den Job vorausgesetzt. Flexibilität ist das Zauberwort des globalen Kapitalismus. Der Arbeitnehmer muss ständig bereit sein für Veränderungen. Richard Auffällig ist die bemerkenswert hohe Nennung von Belastbarkeit (227). Wer nicht belastbar ist, bzw. wer nicht überbelastbar ist, kann dem Druck der Arbeit nicht standhalten. Dass die Arbeit belastend wird, formuliert sich so schon durch die Stellenanzeige. Auch der weit gefächerte Begriff der Flexibilität taucht in der Liste unter den Top 5 Soft Skills auf. Sennett zeigt, wie der ständige Zwang zum Neuen den Menschen deformiert. Beruf, Wohnort, soziale Stellung, Familie; alles ist den zufälligen Anforderungen der Ökonomie unterworfen, das eigene Leben wird zum ziellosen und undurchschaubaren Stückwerk. Die Flexibilisierung beeinflusst nachhaltig die Lebensentwürfe und Lebensweisen ganzer Generationen. Erworbenes Können und Wissen wird permanent entwertet. Eine Umorientierung, die man euphemistisch lebenslanges Lernen nennt. 3 Sennett, R. (1998): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus; Berlin: Berlin Verlag 4 Kant, I. (1982): Über Pädogogik. Schriften zur Anthropologie,Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 2., Band 1; Frankfurt am Main : Wilhelm Weischedel, S. 711

17 Flexibilisierung bietet auf der einen Seite die Möglichkeit immer Neues auszuprobieren und das Leben häppchenweise zu konsumieren. Langeweile wird umgangen und ein gewisser Spannungsfaktor lässt unser Dasein interessanter erscheinen. Auf der anderen Seite erfordert Flexibilität immens viele Entscheidungen von uns. Da sich alles stetig wandelt und sich der Arbeitnehmer flexibel den Umständen anpassen muss, bedarf es einer unentwegten Hinterfragung des eigenen Lebens. Dies fängt schon bei nahezu banalen Themen an: Wie richte ich die Wohnung ein, sodass ich innerhalb von 12 Stunden wieder ausziehen kann? Kaufe ich mir ein Auto? Gehe ich ins Fitnessstudio? Lerne ich Mandarin? Was bringt mich wie weiter? Die Frage von Immanuel Kant von vor über 250 Jahren ist also aktueller denn je: Wie gelingt die Kultivierung der Freiheit bei dem Zwange? [4]

18 18 Seit einigen Jahren taucht vermehrt der Begriff Quarterlife Crisis auf. Damit wird ein Zustand der Unsicherheit bei jährigen bezeichnet. Was mache ich? Wo soll ich hin? Was kann ich? Wer zahlt das?... Die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten sind reizvoll, spannend und toll, doch können sie auch verwirren, verängstigen und trotz oder gerade wegen erforderter Flexibilität ermüden. Eine gewisse Stabilität braucht jeder, denn diese gibt Halt und vereinfacht ein Stückweit, den Entscheidungsstress zu bewältigen. Die Neugierde und Lust auf Neues wird dadurch nicht gebremst. Es gibt keine Pfade mehr, denen die Menschen im Berufsleben folgen können, schreibt Sennett. [5] Da die Arbeit aber für viele Menschen die einzige Konstante im Leben ist und Halt und Stabilität bieten muss, investieren viele ihre komplette Energie um eigene Pfade auszubauen und die Stabilität nicht zu gefährden. Laut einer Umfrage des Manager-Magazins von 2005 rechnen 58% der (akademischen) Berufseinsteiger heute mit den einen oder anderen Berufswechseln. [6] Robert Sennetts Fazit zur Theorie des flexiblen Menschen fällt wie folgt aus: Eine Gesellschaftsordnung, die das Bedürfnis des Menschen nach Stabilität so sehr vernachlässigt, kann nicht von Bestand sein. [7] Auch der Soziologe Hartmut Rosa stimmt dem zu: [...] flexible Mensch funktioniert nicht. Aus zwei Gründen. Wenn alle flexibel werden, haben wir keine Gesellschaft mehr. 5 Sennett, R. (1998): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus; Berlin: Berlin Verlag, S Manager-Magazin (2005): Jugendstudie Generation 05. Stand ; Online: 7 Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Klappentext, Berlin Verlag, Berlin Rosa, H. (2007): Wir wissen nicht mehr, was wir alles haben., Ressort: Gesellschaft, ; Hamburg: Die Zeit Heute haben wir flexible Eliten, die auf stabile Hintergrundbedingungen treffen. Das geht. Aber wenn alle flexibel sind, wenn alle jetten, geht nichts mehr. Dann haben wir rasenden Stillstand. [8] Auf der einen Seite flexibel sein zu müssen, auf der anderen Seite aber eine Kontinuität

19 Das Wirtschaftsmagazin Brandeins [9] stellt die Frage nach dem Wert Leistung. Woran ist Leistung messbar? Bei der Mehrheit der geistigen Tätigkeiten kann man nicht ohne weiteres Leistung ablesen und offenkundig sehen. Leistung ist der Weg, den wir bis zum Ziel zurücklegen, schreibt der Hamburger Journalist Wolf Lotter. [10] bewahren zu wollen, bedarf großer Anstrengungen. Im späteren Kapitel Wertewandel wird diese Gesellschaftsentwicklung nochmals genauer betrachtet. Leistung In vielen Stellenanzeigen steht: Für Ihr Engagement und Ihre Leistung bieten wir eine attraktive leistungsbezogene Vergütung! Doch wie muss diese Leistung aussehen? 9 Mythos Leistung, Brandeins, August Lotter, W. (2008): Wirtschaftsmagazin Brandeins. Mythos Leistung ; Hamburg: brand eins Verlag GmbH & Co. OHG, S Wirtschaftsmagazin Brandeins. Mythos Leistung ; Hamburg: brand eins Verlag GmbH & Co. OHG, S. 53 Doch wie dieser Weg aussieht, ist nicht definiert. Zum Oberthema Leistungslüge schreibt er: Es gibt dazu ein verräterisches Bonmot über Pablo Picasso, der, von einem Kunstfreund aufgefordert, etwas für ihn zu zeichnen, in drei Sekunden etwas aufs Papier brachte. Was denn das jetzt koste, fragte der Kunstfreund. Eine Million Francs, antwortete Picasso. Das sei aber viel für drei Sekunden Arbeit, empörte sich der Kunstfreund nun. Ja, antwortete Picasso, aber ich habe auch 30 Jahre dafür gebraucht, um für eine Zeichnung, die ich in drei Sekunden machen kann, eine Million zu verlangen. [11]

20 20 Besteht darin das Problem der Arbeitsfalle? Nur weil wir kategorisch ausschließen, dass das, was wir nicht durch harte, lange, Man muss sich schon sehr viel leisten können um die geforderte Leistung bringen zu können. anstrengende Arbeit erreicht haben, nichts wert sein kann? Wir erreichen unser Ziel mit den uns bekannten Mitteln nicht? Dann erhöhen wir doch einfach die uns bekannten Mittel! Ständig wird die Norm angehoben. [12] Diese Normanhebung spiegelt sich nicht nur in den Stellenanzeigen wider. Schon Kleinkinder werden heute zum Chinesischunterricht geschickt, damit sie später auf dem Der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi veröffentlichte 1990 ein Buch mit dem Titel Flow: The Psychology of Optimal Experience, in dem er beschreibt, dass Leistung glücklich macht. Wenn man einen Flow hat, einen Lauf, dann ist dies ein besonders dynamischer Zustand (...), ein holistisches Gefühl bei völligem Aufgehen in einer Tätigkeit. [14] Markt überhaupt Chancen haben. In den USA gucken 42% aller Kinder unter zwei Jahren täglich didaktisch wertvolle Videos. Fünfzehnjährige gehen zum Karrierecoach um eine Übersicht für die kommenden Jahre aufzustellen und ihre Karriere möglichst frühzeitig zu planen. Angestellte verbringen ihren Urlaub anstatt am Meer, um sich zu entspannen, in selbstgezahlten Fortbildungen. Am Wochenende werden dann gerne noch Seminare Der Leistungstrieb ist, wie jener nach Nahrung, Sex, Aggression und Neugier, nicht aus der Welt zu schaffen. [15] schreibt Felix von Cube in seinem Buch Lust an Leistung. Man guckt nicht mehr auf die Uhr, vergisst das Essen und das Wochenende und liebt die Arbeit und geht völlig darin auf. Es ist also ein vermeintlich glücklicher Zustand, dennoch besteht die Gefahr regelrecht berauscht zu sein. besucht. Der Resturlaub, in der Regel 3 Tage im Durchschnitt, wird Ende März dem Arbeitgeber geschenkt. [13] Es war leider keine Zeit da Urlaub zu machen. Dass diese Maßnahmen, neben dem Einschränken der kindlichen Entfaltung, neben dem organisatorischen Aufwand, dem Verlust von Entspannung, auch eine Menge Geld kosten, steht auf einem anderen Blatt. 12 Lotter, W. (2008): Wirtschaftsmagazin Brandeins. Mythos Leistung ; Hamburg: brand eins Verlag GmbH & Co. OHG, S Schrenk, J. (2007): Die Kunst der Selbstausbeutung. Wie wir vor lauter Arbeit unser Leben verpassen; Köln: DuMont, S Csikszentmihalyi, M. (2002): Flow: The Psychology of Optimal Experience; London: Rider & Co 15 von Cube, F.(1998): Lust an Leistung - Die Naturgesetze der Führung; München: Verlag Piper

21 Das mag für Tage oder auch Wochen gut sein, doch was, wenn man nicht mehr merkt, was gut für einen selber ist? Wer viel leistet, wird bewundert. Wenn man es der Person auch noch anmerkt, dass er hart dafür arbeiten musste, gönnt man ihm auch Erfolg. Wird die totale Erschöpfung somit zum Statussymbol? Der Kampf um Anerkennung ist wahrscheinlich auch eines der menschlichen Grundbedürfnisse, ein Bedürfnis, das früher phasenweise auftrat und nicht wie heutzutage auf Dauer geschaltet ist. Alles, was bisher erreicht wurde, muss permanent getoppt werden: Höher, besser, schneller, weiter. Da die Berufsgruppe der Geistigen Arbeit laut einer Studie des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) immer weiter wächst, stellt sich die Frage wie Leistung bewertet werden kann. Und ist dies überhaupt möglich, ohne Stückzahlen und sichtbare Ergebnisse, wie noch vom tayloristischen System gelernt? Sind nur noch Resultate und Projektabschlüsse wichtig? Ist der Weg dorthin egal? Es ist egal, was du tust oder wie du es tust, nur sei dabei gewinnbringend. Die Frage, wie ein Ziel zu erreichen ist, war noch nie so offen wie jetzt. Aber lag das Ziel auch schon jemals so hoch wie jetzt? Wie lassen sich Ziele, Wege und Arbeitszeiten noch verbinden? Arbeitszeiten sind reine Formalia. Die 38,5 Stunden mögen zwar im Vertrag stehen, doch dies interessiert keinen. Wer als erster geht, verliert. Die Ware Arbeitskraft No one ever got very far by working a 40-hour week. Most of the notable people I know are trying to manage a 40-hour day, sagte der amerikanische Dramatiker Channing Pollock [16] um 1930 rum. Und er trifft damit noch heutzutage den Nerv der Zeit. Wie kann man Ansehen erlangen, ohne übernatürlich viel zu arbeiten? Wie kann man Ansehen erlangen, ohne übernatürlich viel zu arbeiten? Der heutige Arbeitnehmer muss sich seine Stelle selber erwirtschaften. Das heißt im Klartext, jeder muss bei jedem Projekt neu beweisen, dass man die gleiche Leistung nicht irgendwo anders hätte billiger haben können. Man selber wird zur Ware und muss diese möglichst gewinnbringend vermarkten.

22 22 Wie schon angemerkt, wird es immer schwieriger, Leistung zu definieren und somit seine eigene Währung, seinen eigenen Marktwert zu kalkulieren. Je mehr Soft Skills, je mehr Kompetenz der Arbeitnehmer besitzt, desto höher der Wert. Früher war es der Chef, der einem förmlich im Nacken saß und zu Überstunden antrieb. Heute ist man es selbst. Der Markt übt mittlerweile einen genauso großen Druck aus. Da sich jeder Einzelne auf dem Markt behaupten muss, sitzt jeder sich selbst im Nacken. Somit hat man nicht nur mit der zu bewältigen Arbeit umzugehen, sondern muss nebenbei auch noch seine Fähigkeiten vermarkten. Man wird ein Unternehmer seiner selbst. [17] Denn immer häufiger werden Prämien, Gewinnbeteiligungen und Provisionen in den Verträgen ausgehandelt. Das fixe Gehalt sinkt, kostet den Arbeitgeber somit weniger und fordert den Arbeitnehmer noch mehr. 16 Amerikanischer Dramatiker, Pongratz, H-J (2000) Arbeitskraftunternehmer als neuer Leittypus?; Bonn: Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE)

23 Nicht erst seit Internet, Mobilfunk und Blackberry machen die Leute Überstunden und arbeiten hart, aber dank WLAN und Handy wird die ständige Erreichbarkeit vorausgesetzt und somit auch die ständige Bereitschaft arbeitsfähig und verfügbar zu sein. Wer von sich am Ende des Tages sagen kann: Ohne mich hätten wir das nie geschafft, fühlt sich gut und festigt gedanklich seine Stellung in der Firma. OFF = ON Der Stand-by- Angestellte Von der Erfindung des Rundfunkgerätes bis zu seiner Verbreitung auf 50 Millionen Empfänger brauchte es 38 Jahre. Vom ersten Internetanschluss bis zu seiner Verbreitung auf 50 Millionen brauchte es 4 Jahre. Die selbstverständliche ständige Präsenz und die unbedingte, niemals zu hinterfragende Arbeitsbereitschaft ist Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Berufsleben. Ein Nein existiert nicht im Wortschatz gegenüber Klienten. Denn das Gefühl zu haben, Ohne mich geht s nicht, Die brauchen mich, stärkt das eigene Selbstwertgefühl. Der Mensch wird geleitet von Eitelkeiten. Durch die Einführung der permanenten Erreichbarkeit, bzw. dem Voraussetzen dieser, ist ein Stück Freiheit verloren gegangen. Auf s wird eine prompte Reaktion erwartet, egal wann. In Amerika gilt es als unhöfliche eine länger als 90 Minuten unbeantwortet zu lassen. Das wir für den empfang noch nicht mal mehr zuhause oder im Büro sein müssen, sondern die Textnachricht auf unser Mobiltelefon

24 24 geschickt bekommen, macht uns zu 24- Stunden- Angestellten. Egal wann und egal wo, es ist uns möglich, dass man uns erreichen kann, und es wird von uns verlangt, dass man auch erreichbar ist. Das Gehalt wird dadurch zur Angestellten-Miete: Für eine tariflich festgelegte oder individuell vereinbarte Summe darf der Vorgesetzte rund um die Uhr auf uns zugreifen. Habe ich eine SMS versandt, ist bei mir im Kopf ein Haken an der to-do Liste und ich kann mich wieder auf andere Dinge konzentrieren. Die dauerhafte Erreichbarkeit der adressierten Personen setzte ich damit natürlich stillschweigend voraus. [18] 18 Zitat aus einem Interview im Freundes- und Bekanntenkreis zum Thema Arbeitskultur, Sep. 2008

25 Erreichbar statt anwesend Einige amerikanische Firmen bestehen nur noch digital. Es gibt keine Büroräume, keine Kaffeeküche und keinen Konferenzraum, zumindest nicht in echt. Die Mitarbeiter arbeiten ausschließlich von zuhause. Die Mitarbeiter treffen sich zu Besprechungen im Virtuellen Büro. Die Firma Siemens geht davon aus, dass man zuhause ca. 20 % produktiver arbeitet. Dies wird nicht soviel mit dem angenehmen Arbeitsklima zu tun haben, sondern schlicht damit, dass man der Arbeit nicht mal mehr physisch entkommen kann. Konnte man früher wenigstens den Rückweg von der Arbeit nutzen um im 24h-Kiosk etwas einzukaufen, kann man dies nun zwar den ganzen Tag über. Dafür ist das Büro aber auch von der Fernsehcouch aus immer

26 26 präsent. Die Erreichbarkeit des Angestellten ersetzt die Anwesenheit. kann. Die komplette Welt, jedes Teil, jede Person wird seiner Prognose nach vernetzt sein (Interkonnektivität). [22] Das Statistische Bundesamt zählt in Betrachtet man diese Zukunftsprognosen genauer, werden 24h-ON-Phasen, egal wo man sich befindet, demnach noch mehr an Normalität hinzu gewinnen, als sie jetzt schon praktiziert werden. Eine andere Arbeitskultur, ein anderer Umgang mit der Vernetzung, der Erreichbarkeit und dem AN-sein wird entstehen (müssen). Deutschland mittlerweile 5 Millionen Beschäftigte, die von zuhause aus arbeiten. Wie bereits oben erwähnt, braucht es auch nicht mehr den Chef, der darauf achtet, dass man genug tut. Die Heimarbeit mag organisatorisch viele Vorteile haben, doch dadurch wird die permanente Auseinandersetzung mit der Arbeit neben der psychischen Belastung auch noch eine sicht- und greifbare. Doch wie sieht diese aus? Wie sieht eine Im Rahmen der TED [19] Konferenz hielt Kevin Kelly [], einen Vortrag, wie sich dass Web in den nächsten 5000 Tagen entwickeln wird. Kelly beschreibt ein Szenario, welches er The Internet of Things [21] nennt in naher Zukunft wird jedes Ding und jede Zukunft aus, in der man ständig egal wo und wie vernetzt ist? Die Vision der Cloud, der großen einzigen Maschine, die alle Daten zusammenhält gegen eine Welt, in der Privatsphäre und Ruhe ein immer höheres Gut werden? Sache einen Abdruck im Web haben. Alles wird eine Information mit sich tragen, die es, sei es über RFID oder eine andere Technologie, in Relation zu Personen stellen 19 Technology Entertainment Design, Monterey, Kalifornien 20 Kevin Kelly, Visionär und Wired -Gründer 21 Kelly, K. (2008): Predicting the next 5,000 days of the web, Stand: ;Online: com/index.php/talks/kevin_kelly_on_the_next_5_ 000_days_of_the_web.html 22 Kelly, K. (2003): Kampf den Roboterjobs, Stand: ; Online:

27 I love deadlines. I like the whooshing sound they make as they fly by. Douglas Adams

28 28 Das Zuhausebüro Mit der digitalen Vernetzung geht eine dauerhafte und ständige Verkettung zwischen Beruflichem und Privatem einher. Dieses steht im Gegensatz zu früher, als diese beiden Lebensbereiche noch strickt getrennt wurden: Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen, hieß es. So ging man mit Feierabend in den Feierabend. Heutzutage klingt Feierabend wie ein aussterbendes Wort für ein aussterbendes Ritual.Gegenwärtig vermischen sich diese beiden Teile im Leben: Aus Kollegen werden Freunde und auch am Abend dreht sich das Gespräch früher oder später doch um die Firma. Mehr als 40% der Beschäftigten arbeiten auch am Samstag, jeder Fünfte muss auch von 40 Stunden demonstriert. Samstags gehört Papi mir hieß die Parole, die den Weg von den Plakatwänden ins Arbeitsschutzgesetz fand. Außer dem Sonntag sollte auch der Samstag grundsätzlich arbeitsfrei sein. Mehr Lebensqualität war das Ziel, mehr Zeit für die Familie, mehr Zeit für Hobbys und Erholung. [24] Meine Eltern rufen schon gar nicht mehr an und fragen, ob ich am Wochenende komme. [25] sonntags noch einmal ins Büro. [23] Und das am Sonntag, dem einst exklusiven Familien-Tag, der gesetzlich als Ruhetag geschützt wird. Als letzte bleibende Institution zum Schutze der Familienwahrung wird zu guter letzt noch das heilige Wochenende entweiht. Dabei wurde erst Ende der 50er-Jahre, auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunder -Wiederaufbaus zur Durchsetzung der 5-Tage-Woche mit einer Wochen-Arbeitszeit 23 Schrenk, J. (2007): Die Kunst der Selbstausbeutung. Wie wir vor lauter Arbeit unser Leben verpassen; Köln: DuMont, S Schulz, G. (2003): Der arbeitsfreie Samstag. In Geschichte des Sonntags; Bonn: Herausgegeben von Stiftung Haus der Geschichte 25 Zitat aus einem Interview im Freundes- und Bekanntenkreis zum Thema Arbeitskultur, Sep. 2008

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