Das Verschwinden der Natalia Aschenbrenner. Hörspielserie in sechs Folgen

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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Tandem aktualisierte Fassung vom: Autor: RedakteurIn: Regie: Friedrich Ani Katrin Zipse Ulrich Lampen Das Verschwinden der Natalia Aschenbrenner Hörspielserie in sechs Folgen Folge 1: Der Anruf Studiobelegung: Sendung am: ; BAD Studio 2; Uhr um Uhr in SWR2 Tandem Sprecher/Rollen: s. nächste Seite Podcast Diese Kopie wird nur zur rein persönlichen Information überlassen. Jede Form der Vervielfältigung oder Verwertung bedarf der ausdrücklichen vorherigen Genehmigung des Urhebers. by the author

2 Personen: Tabor Süden, Mitte 50, Detektiv Natalia Aschenbrenner, 34, Maskenbildnerin Walter Steinhaus, 57, zwielichtiger und selbstgefälliger Sohn des ehemaligen Besitzers einer Papierfabrik im Schwarzwald Maxie Feininger, 32, zahnmedizinische Fachangestellte, beste Freundin von Natalia Carlo Riess, 43, Busunternehmer Eloise Valéry, 59, Köchin aus dem Elsass 2

3 1. Erste Szene Wohnung Süden Sonntagnacht 1SÜDEN (Erzähler) Der Aufzug fuhr nach unten. Auf der Anzeige stand E2 oder E4, so genau konnte ich die Buchstaben und Zahlen im schummrigen Licht nicht erkennen. Außerdem war ich verwirrt, weil ich eigentlich in den zweiten Stock wollte, wo meine Wohnung lag. Und der Lift schien zu rasen. Ich fragte mich schon, wann er beginnen würde abzubremsen, als er plötzlich anhielt. Die Tür öffnete sich, zwei Männer stiegen ein, und die Fahrt ging unvermittelt nach oben. Der ältere der beiden Männer hustete und keuchte die ganze Zeit, der andere war schmächtig und klein und stand, mit der Stirn an die Tür gelehnt, reglos da. Als der Aufzug erneut hielt und die Tür zur Seite glitt, wusste ich nicht, auf welcher Etage wir uns befanden. Mit lautlosen Schritten verschwanden die Männer, während die Tür sich schon wieder geschlossen hatte, und der Aufzug mit zunehmender Geschwindigkeit weiterfuhr. Ich hätte längst aussteigen müssen. Draußen flogen Hochhäuser, Straßen und kahle Landschaften vorbei. Plötzlich saß ich in einem Zug, inmitten einer Menschenmenge auf dem Weg zur Arbeit. In einer Hochbahn überquerten wir mehrere Stadtteile, überwanden die Entfernung zwischen zwei Städten, und niemand vermittelte den Eindruck, dass 3

4 etwas Ungewöhnliches geschah. Manche Leute unterhielten sich, Schulkinder trugen schwere Taschen auf dem Rücken und schubsten sich gegenseitig. Die Durchsagen des Fahrers waren nicht zu verstehen. Von irgendwoher kam Musik. Mir gefiel die Reise, auch wenn ich noch immer der vagen Vorstellung nachhing, in mein Zimmer zurückkehren zu wollen. Ein schwarzer Plastikball rollte auf meine Füße zu. Ich bückte mich, um ihn aufzuheben. Er war prall gefüllt und hatte eine geriffelte Oberfläche. Ich hielt nach dem Besitzer Ausschau, vielleicht hatte eines der Kinder den Ball durch den Waggon geschossen. Niemand reagierte. Ich warf den Ball in die Höhe, fing ihn wieder auf und drückte ihn fest an die Brust, wie früher als Torwart. Neben mir klingelte ein Telefon, ein scheppernder Ton wie aus einer Telefonzelle im vergangenen Jahrhundert. Ich musste aussteigen, doch die Leute versperrten mir den Weg. Der Zug hielt an. Bevor ich mich bemerkbar machen konnte, setzte er seine Fahrt fort. Die Türen hatten sich nicht geöffnet. Trotzdem war außer mir niemand mehr da. Offensichtlich hatte ich den Ball fallen lassen, denn er rollte nach vorn zur Fahrertür, das konnte ich deutlich sehen. Schriller Ton eines Telefons. Ich hatte Angst und wusste nicht, warum. 4

5 2. Zweite Szene Wohnung Süden Sonntagmorgen Das Festnetztelefon klingelt unaufhörlich. Süden ist aus seinem Traum aufgeschreckt und schleppt sich zum Tisch, wo das Telefon steht. 2SÜDEN (ins Telefon) Warum? 3NATALIA Hallo? 4SÜDEN Was? 5NATALIA Sind Sie Süden? Der Detektiv? 6SÜDEN Warum? 7NATALIA Hab ich Sie geweckt? Bitte, Sie müssen mich suchen. Bitte. 8SÜDEN Wen suchen? 9NATALIA Mich. Natalia Aschenbrenner. Ich bin gekidnappt worden, ich hab Angst 10SÜDEN Hallo? Natalia Die Verbindung ist unterbrochen. Süden atmet schwer. Er legt den Hörer auf. Er nimmt einen Kugelschreiber und schreibt auf einen Block. 11SÜDEN Aschenbrenner Natalia Aschenbrenner 5

6 Radiomusik. Wasserrauschen in der Dusche. Tippen auf einer Laptop-Tastatur. 12SÜDEN (Erzähler) Auf meinem in der Zwischenzeit schon ziemlich ramponierten Laptop suchte ich den Namen im Internet, zuerst unter dastelefonbuch.de. 139 Treffer, davon 119 gewerblich und 20 privat, doch keine Frau mit dem passenden Vornamen. Aschenbrenner war im süddeutschen Raum kein allzu seltener Name, und ich rief einige der gelisteten Personen an. Keine von ihnen kannte eine Natalia. Anschließend klickte ich mich durch soziale Netzwerke. Das dauerte eine Zeitlang, weil ich mich auf dem Gebiet nicht auskannte. Wäre ich nicht Angestellter in einer Detektei geworden, hätte ich vermutlich nicht einmal ein Handy. Als ich noch Hauptkommissar auf der Vermisstenstelle der Kripo war und die Mobiltelefone in Mode kamen, sträubte ich mich lange dagegen. Ich bin erreichbar genug, sagte ich zu meinen Kollegen. Ich telefonierte generell ungern. Ich brauchte das Gesicht zur Stimme, um mir ein Bild von meinem Gegenüber machen zu können. Getrickste Worte spiegelten sich im Gesicht, und ein Gesicht, das ein Geheimnis vor mir verbarg, verfälschte die Stimme, und alles zusammen Blicke, Worte, Mimik - vermittelte mir eine Ahnung vom Ausmaß der Lüge, das mich als Ermittler zwangsläufig umgab. Das Tippen endet abrupt. 6

7 13SÜDEN (Erzähler) Bei facebook stieß ich auf eine junge Frau mit dem Namen Natalia Aschenbrenner. Ihr Gesicht hatte ich nie zuvor gesehen. Ich schickte ihr eine Nachricht, nannte meinen Namen und den Grund meiner Kontaktaufnahme und hinterließ meine Mailadresse. Zehn Minuten später schrieb sie mir, sie sei wohlauf und es gebe keinen Grund, nach ihr zu suchen. Sie wollte Einzelheiten erfahren und wissen, was man als Detektiv so verdienen könne. Stille. Woher hatte die Frau meine Telefonnummer? Ich rief die Auskunft an und erfuhr nicht nur meine Festnetznummer, sondern auch, dass ich in der Scharfreiterstraße 1d in München wohnte. Ich fragte nach Natalia Aschenbrenner. Kein Eintrag. Stille. Lautes Autohupen. 7

8 3. Dritte Szene Straße Sonntagmittag 14SÜDEN Ich bin ja schon weg! Erneut lautes Hupen. 15SÜDEN (Erzähler) Mir war was eingefallen. Vielleicht gäbe es eine Möglichkeit, Natalias Adresse doch noch herauszufinden. Dazu musste ich meinen Stadtteil durchqueren. Und offensichtlich war ich, trotz meiner kalten Dusche, noch nicht wach genug. Beinah wäre ich in ein Auto gerannt und ein paar hundert Meter weiter in eine Straßenbahn. Schrilles Klingeln einer Straßenbahn. 16SÜDEN (Erzähler) Es kam mir vor, als wäre ich innerlich wieder in meinem Traum unterwegs, in einem rasenden Aufzug, in einem über eine Stadt hinweg fliegenden Schnellzug. Ich blieb stehen, atmete tief die kühle Sonntagsluft ein, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Das Kläffen eines Hundes. 17SÜDEN (Erzähler) Dem Rauhaardackel missfiel die Welt oder bloß ich. Ich setzte meinen Weg entlang der Schlierseestraße fort, gespannt darauf, ob bei Tony die Happy Hour am Sonntag nach wie vor Gültigkeit hatte. 8

9 Zwischen 10 und 15 Uhr kostete in seinem Lokal jedes Bier nur die Hälfte. Das Ploppen einer geöffneten Bierflasche. 4. Vierte Szene Wohnung Maxie Feininger Sonntagmittag Durch die offene Balkontür dringen Straßengeräusche herein. Jemand (Carlo Riess) trinkt aus einer Bierflasche und stöhnt genüsslich. Seine Stimme ist heiser und er stottert, wenn er nervös oder angespannt ist. 18CARLO Das erste Bier ist immer das Beste. 19MAXIE Es ist zwölf Uhr am Mittag, muss n das sein, Carlo? Sie krault ihm das Haar und küsst ihn auf die Wange. 20CARLO Heut ist Feiertag. Heut ruh ich aus. 21MAXIE Ich will dir doch helfen. Und ich bin ganz ratlos, was wir machen sollen. 22CARLO Komm! Komm mit nach draußen. Er führt sie auf den Balkon. Straßengeräusche, Vögel zwitschern. 23CARLO Ist schon schön hier. Ich sag s immer wieder, Maxie: In München kann man s aushalten. Muss man nicht, kann man. 24MAXIE Wenn alles vorbei ist wollen wir dann nach Berlin ziehen, Carlo? In deine Heimat? 9

10 25CARLO Hab keine Heimat. Lass mich in Ruhe. Er trinkt aus der Bierflasche. 26MAXIE Ich mag das nicht, wenn du mich so wegschubst. Wieso bist du so zu mir? 27CARLO (heftig) Weil du nix k-kapierst. 28MAXIE Doch. 29CARLO (heftig) N-Nein! Du sagst, du willst mir helfen, a-aber dann nörgelst du nur rum u-und fängst a-an zu h-heulen, weil du Schiss h-hast. Mit so jemand k-kann ich nicht a-arbeiten. 30MAXIE Beruhig dich, Carlo! Ruhig So is gut. Was meinst n du damit: mit so jemand kannst du nicht arbeiten? 31CARLO (trinkt) Nix. Er stellt die Flasche auf den Betonboden, geht in die Wohnung zurück und sperrt die Tür zu einem Nebenzimmer auf. 10

11 5. Fünfte Szene Zimmer Sonntagmittag Die unverständliche Stimme einer geknebelten Person (Natalia). 32CARLO Deine Busenfreundin nervt. Unverständliche Stimme. 33CARLO Willst du was sagen? Nicht schreien, sonst: Krrrr. Er nimmt ihr den Knebel aus dem Mund. Natalia schnappt nach Luft, keucht, hustet. 34CARLO Warum willst du mir nicht helfen? Schweigen. Weil ich dich verlassen hab? Weil ich jetzt mit deiner Freundin zusammen bin? Das, worum ich dich bitte, ist ein Kinderspiel für jemand wie dich. Wieso bist du so störrisch? Und? Was ist passiert? Du bist hier. 35NATALIA Du hast mich verraten und verarscht. 36CARLO Quatsch. Schweigen. 37NATALIA Ich muss aufs Klo. 38CARLO Verkneifs dir. 39MAXIE Ich bring dich ins Bad, Lia. 11

12 Sie geht zu ihr und löst ihre Fesseln vom Bettpfosten. 40MAXIE Die Knoten sind so fest Jetzt hab ich s. Steh auf, Lia, ich stütz dich so geht s schon Sie schlurfen aus dem Zimmer. 41CARLO Weiber! (ruft Natalia hinterher): Du weißt schon, dass du keine Wahl hast, Lia! Das w-weißt d-du! Kneipenmusik. Der Fernseher läuft: Fußballberichte. Geräusche von Gläsern. 6. Sechste Szene Kneipe Bei Tony Sonntagnachmittag Stimmen im Hintergrund. Die Kneipe ist gut besucht. 42SÜDEN (Erzähler) Bei Tony hatte die Happy Hour ihren glücklichsten Punkt schon überschritten. Die Gäste wie immer vor allem ältere Männer und eine Handvoll jüngere, die aber nicht so aussahen verfolgten im Fernsehen die Nachberichte der Bundesligaspiele vom Vortag und stießen munter mit ihren Gläsern an. So betrunken sie auch sein mochten, sie schienen sich zu amüsieren und den Sonntag auf ihre sehr spezielle Art in vollen Zügen zu genießen. Tony, der eine schillernde Biografie hatte und ein kurioses Deutsch sprach, bewahrte in seiner winzigen Küche alte Telefonbücher auf. 12

13 Jedenfalls hoffte ich, dass er sie nicht inzwischen weggeworfen hatte. Und ich hatte Glück. Süden blättert in alten dicken Büchern. Das Knistern des Papiers wirkt lauter als die Stimmen, die Musik und die Berichte aus dem Fernseher. In einem Verzeichnis aus dem Jahr 2009 wurde ich tatsächlich fündig. 7. Siebte Szene Wohnung Natalia Sonntagnacht Klingeln an einer Wohnungstür. Niemand öffnet. Süden klingelt erneut. Dann klopft er kräftig an die Tür. Kurz darauf wird die Tür geöffnet. 43MAXIE Ja? 44SÜDEN Sie sind nicht Frau Aschenbrenner. 45MAXIE Ich Woher wollen S n das wissen? Wer sind n Sie? Was machen Sie hier für n Lärm in der Nacht? 46SÜDEN Kennen Sie mich? 47MAXIE (überlegt) Hmm. 48SÜDEN Ich kenne Sie nicht. Schweigen. 13

14 49MAXIE Nehmen Sie die Hand von der Tür. 50SÜDEN Nein. Schweigen. 51MAXIE Gehen Sie weg. 52SÜDEN Was schauen Sie mich so an? 53MAXIE Ich schau Sie nicht an. 54SÜDEN Sie kennen mich. Sie haben mich doch schon mal gesehen. 55MAXIE Echt nicht. 56SÜDEN Doch. 57MAXIE Ich will, dass Sie jetzt gehen. 58SÜDEN Ich möchte mit Natalia Aschenbrenner sprechen. 59MAXIE Das bin ich. Was wollen Sie? 60SÜDEN Sie sind nicht Natalia Aschenbrenner. 61MAXIE Das ist meine Wohnung, wer soll n ich sonst sein? 62SÜDEN Vielleicht Natalias Entführerin. 63MAXIE Hä? 64SÜDEN Lassen Sie mich in die Wohnung. 65MAXIE Spinnst du? 14

15 66SÜDEN (Erzähler) Ich hörte das Geräusch, wollte mich noch umdrehen, aber Ein dumpfer Schlag. Süden fällt zu Boden. 67CARLO Wir schleifen ihn rein und dann weg hier! H-Hilf mir, dumme K-Kuh! 68MAXIE Bitte red nicht so mit mir. 69CARLO (mit heiserer Stimme) Beeilung, Mensch! Hast du die Sachen eingepackt? Den K-Koffer? 70MAXIE Ja, ja, hab alles fertig. Sie schleifen den leblosen Körper in die Wohnung. Schräge Musik - die Schwarzwald-Melodie, eine seltsame Tonfolge, die später, wie ein Leitmotiv, immer wiederkehrt. 8. Achte Szene Hotel Lichtfels im Schwarzwald Nacht Schwarzwald-Melodie. Ein schwer atmender Mann Ende 50 (WALTER STEINHAUS) schleicht über Kieswege um das alte Hotel. Der Wind pfeift. Fensterläden klappern. Tiergeräusche aus der Ferne. 71STEINHAUS (leise) Eloise! Bist du da? Hörst du mich? 15

16 Er klopft an ein Fenster. Dann öffnet er eine quietschende Tür und geht hinein. Seine Stimme klingt hallig. 72STEINHAUS Eloise! Ich bin es Walter. Ich muss mit dir reden, es ist wichtig. Er schleicht durch die Flure des Hotels. Hinter einer Tür ertönt die Stimme einer Frau Ende 50 (ELOISE VALÉRY). 73ELOISE Was brichst du hier ein? Hau ab! Va te faire foutre! 74STEINHAUS Ich brech doch nicht ein, Eloise, die Dienstbotentür war angelehnt, wie früher. Mach die Tür auf. 75ELOISE Nein. Non! 76STEINHAUS Ich bin zurück aus Amerika. Stille. Bis jetzt wohn ich noch im Hotel in Baden-Baden. Aber ich werd wieder hier in Henkersbach leben. Stille. Weißt du, wieso ich das will? Weil ich das Hotel wieder eröffnen will. Mir dir als Chefköchin. 77ELOISE Geh weg. Piss off! 78STEINHAUS Ich wusste, dass du immer noch hier bist, du wirst nie woanders sein. Und ich verrat dir was, Eloise: All die Jahre da drüben hab ich an dich gedacht, jeden Tag. Glaubst du mir das? 16

17 Er hustet. Mit dem Rauchen hab ich übrigens aufgehört. Seitdem hust ich wie blöd. Er kichert. Mach auf! Ich will dich anschauen. Hast du deine Haare gefärbt? Du bist immer noch genauso scharf wie damals, das wett ich. Dich kann das Leben nicht verunstalten. 79ELOISE Ich werde dich anzeigen, Walter Steinhaus, und dann kommt die ganze Geschichte endlich ans Tageslicht, nach so vielen Jahren. Cochon! Violeur! Mörder! 80STEINHAUS Ich hab niemand ermordet. Und dich dich hab ich geliebt. 81ELOISE Ich ruf die Polizei. 82STEINHAUS Ok. Ok, Eloise. Geh ins Bett, schlaf dich aus, und morgen oder übermorgen besuch ich dich wieder, und dann reden wir in Ruhe. Gut Nacht, meine Schöne. Er hustet. Stille. Ich seh dir in die Augen, Kleines! Er schleicht durch den Flur davon. Schwarzwald-Melodie. 17

18 9. Neunte Szene Wohnung Natalia Sonntagnacht Stöhnend rappelt Süden sich vom Boden auf. SÜDEN (Erzähler) Etwas in meinem Kopf fühlte sich an wie das Echo eines Baseballschlägers. Als ich das letzte Mal zusammengeschlagen wurde, war ich neunzehn, und mein Gegner war mein bester Freund Martin Heuer, dem ich eine solche Wucht in den Fäusten niemals zugetraut hätte. Ich schaute mich in der Wohnung um. Zwei mittelgroße Zimmer, schlichte Möbel. Eine Unmenge von Modezeitschriften und Illustrierten auf dem Wohnzimmertisch, ein Regal voller DVDs und Videokassetten. An der Pinnwand in der Küche hingen signierte Fotos von Schauspielern. Manche bedankten sich in krakeliger Schrift für Natalias tolle Arbeit. Vielleicht war sie Regisseurin oder Fotografin. Nichts in der Wohnung deutete auf einen Kampf hin. Wenn Natalia tatsächlich gekidnappt worden war, dann nicht hier oder sie war zunächst freiwillig mitgegangen, ohne den Ernst der Situation zu erkennen. In einer Glasschale im Flur entdeckte ich einen Stapel Visitenkarten: Natalia Aschenbrenner, Maskenbildnerin, Friseurin, darunter standen ihre Handynummer und ihre Mailadresse. Ich holte mein Handy aus der Tasche. 18

19 Süden tippt Natalias Nummer in sein Handy. Die Mailbox springt an. 83NATALIA (Mailbox) Hallo, hier ist Natalia Aschenbrenner, ich bin leider grad nicht anwesend, bitte hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Nummer, ich ruf Sie schnell zurück, versprochen! Ein Piepton. 84SÜDEN (ins Handy) Tabor Süden. Wo sind Sie? Bitte rufen Sie mich an, meine Nummer sehen Sie auf dem Display. Er steckt das Handy ein. Er geht zur Wohnungstür und drückt die Klinke. 85SÜDEN (Erzähler) Natürlich hatten sie mich eingesperrt. Die Suche nach einem Schlüssel gab ich nach fünf Minuten auf und rief den Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes an, den ich noch aus meiner Zeit beim Dezernat 11 kannte. Er versprach, sich zu beeilen. Schwarzwald-Melodie. Das Klingeln eines Handys. Gerade, als ich es aufgab nach Hinweisen auf Natalias Lebensumstände zu stöbern und überlegte, ob ich die Polizei einschalten sollte, klingelte mein Handy. Eine unterdrückte Nummer. 19

20 86SÜDEN (ins Handy) Ja? Die Stimme am Telefon klingt tief. 87CARLO (spricht tiefer und langsamer als sonst) Herr Süden, mein Name ist Walter Steinhaus, ich bin der Vater von Lia, Natalia Aschenbrenner. Hören Sie mich? 88SÜDEN Unbedingt. 89CARLO Gut. Also, ich bin in Baden-Baden, Hotel Leopold, meine Tochter ist verschwunden. Gestern ist sie noch in unserem ehemaligen Haus in Henkersbach gewesen, wo sie immer noch ein Zimmer hat. Bitte kommen Sie und und helfen Sie mir bei der Suche. Sie sind doch Detektiv. 90SÜDEN Woher haben Sie meine Nummer? 91CARLO Von Lias Handy, sie hat s in ihrem Zimmer liegen lassen 92SÜDEN Wann? 93CARLO Wann? 94SÜDEN Sie hat mich heute Morgen angerufen. 95CARLO M-mich doch auch! Ich bin dann gleich in M-München losgefahren. Und d-dann hat nur noch ihr Handy dagelegen in dem Haus, und die a-anderen Mieter w-wissen n-nichts 20

21 96SÜDEN Waren Sie bei der Polizei? 97CARLO (ruhig) Nein, meine Tochter sie ist schon oft weg gewesen, in diesen Zirkeln, wo sie mit Geistern sprechen Keine Polizei! Bitte, kommen Sie, ich bezahl die Reise natürlich 98SÜDEN Wo ist Natalias Mutter? 99CARLO Sie ist ist aus D-Deutschland weggezogen, wir haben keinen Kontakt 100SÜDEN Ich glaube nicht, dass Natalia von Geistern entführt wurde, Herr Steinhaus. 101CARLO Helfen Sie mir, bitte Lia ist leichtgläubig B-Bitte Das Quietschen der Bremsen eines ICE. 10. Zehnte Szene Bahnhof Mannheim Montag Schwer verständliche Durchsagen auf dem Bahnsteig. 102DURCHSAGE Intercity Express 71 nach Basel SBB erhält voraussichtlich 45 Minuten Verspätung. Ich wiederhole. Gleis 8, der Intercity Express 21

22 103SÜDEN (Erzähler) Auf die Frage, warum ich mich auf so etwas einlassen würde, wusste ich keine vernünftige Antwort. Edith Liebergesell, die Leiterin der Detektei, für die ich offiziell immer noch arbeitete, obwohl unsere Büroräume nach einem Brandanschlag weiterhin unbenutzbar waren, hatte darauf bestanden, mich am Münchner Hauptbahnhof zu treffen. Nachdem ich ihr von dem morgendlichen Anruf und dem Überfall auf mich erzählt hatte, starrte sie mich an wie einen Mann, der seinen Verstand verschenkt hatte. Sie konnte nicht glauben, dass ich nicht schon längst die Polizei eingeschaltet hatte. Schwer verständliche Durchsagen vom Münchner Hauptbahnhof und anderen Bahnhöfen auf der Strecke von München nach Baden-Baden. Abgesehen davon, beunruhigte sie mein Hämatom am Hinterkopf. Mir gehe es gut, versicherte ich ihr. Das bezweifelte sie massiv. In dem zu den Gleisen hin offenen Restaurant in der Bahnhofshalle hatte sie ein Glas Weißwein bestellt, dieses zur Hälfte ausgetrunken und mich dann mit ihren Fragen gelöchert. Doch mich trieben die Fragen, die ich mir selbst stellte, immer weiter fort - raus aus der Stadt, über hunderte von Kilometer hinweg in eine Gegend, in der ich noch nie war. Auf der Suche nach einer Frau, von der ich fast nichts wusste, außer dass sie von Beruf Maskenbildnerin und Friseurin war. Und dass jemand sie offensichtlich verschleppt hatte. 22

23 Fahrende Züge, das schrille Pfeifen der Lok, Stimmen aus einem Großraumwaggon: Leute, die am Handy telefonieren, die sich unterhalten, quengelnde Kinder, der Schaffner, der nach den Fahrscheinen fragt. Undeutlich zu verstehende Durchsagen: Nächster Halt, Ulm Hauptbahnhof, Sie erreichen alle vorgesehenen Anschlusszüge Nächster Halt Stuttgart Hauptbahnhof Nächster Halt: Mannheim Hauptbahnhof Was war los mit mir? Beinah wäre ich heute schon in ein Auto gelaufen. Vor eine Straßenbahn gerannt. Wie ein Anfänger hatte ich mich hinterrücks niederschlagen lassen. Ich wälzte alte Telefonbücher auf der Suche nach einem Namen, den ich wenige Stunden zuvor zum ersten Mal gehört hatte. Was sollte das? Natalia Aschenbrenner. Wer soll das sein?, fragte mich Edith Liebergesell, und ich wusste wieder keine Antwort. Eine junge Frau, von ihren Freunden und ihrem Vater offensichtlich Lia genannt. Ihr stotternder Vater. Er behauptete, er hätte meine Nummer vom Handy seiner Tochter. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass dieser Mann die Wahrheit sagt!, meinte Edith Liebergesell, leerte ihr Weinglas und winkte dem Kellner. Ich wusste nicht, ob ich ihm glauben konnte. 23

24 Walter Steinhaus. Hotel Leopold. Und wer war die Frau, die mir in Natalias Wohnung die Tür geöffnet hatte? Eine Verbündete der Person, die mich bewusstlos geschlagen hatte, so viel stand immerhin fest. Wir müssen zur Polizei, wiederholte Edith Liebergesell zum fünften Mal. Und zum fünften Mal sagte ich: nein. Sie erklärte mich für unprofessionell, leichtsinnig und lebensmüde. 104Durchsage am Mannheimer Bahnhof: Wichtiger Hinweis für Reisende in Richtung Basel SBB: der Intercity Express 71 aus Hamburg Altona hat voraussichtlich 50 Minuten Verspätung. Ich wiederhole: Hinweis für Reisende in Richtung 105SÜDEN (Erzähler) Ich versprach Edith Liebergesell, mich regelmäßig bei ihr zu melden. Sie wusste, dass sie sich darauf nicht zu verlassen brauchte. Sie umarmte mich trotzdem. Geräusche fahrender Züge, gemischt mit Fetzen der Schwarzwald-Melodie. 106Durchsage am Bahnsteig: Bitte einsteigen, der Intercity Express nach Basel fährt jetzt ab. 107SÜDEN Erleichtert, unterwegs zu sein, lehnte ich mich in meinem Sitz im Großraumwagen zurück, schloss die Augen und hörte Stimmen, die nicht mit denen um mich herum übereinstimmten. 24

25 Die Stimmen sind verzerrt und klingen hallig. 108NATALIA (am Telefon) Sind Sie Süden? Der Detektiv? 109MAXIE Was machen Sie hier für n Lärm in der Nacht? 110NATALIA Ich bin gekidnappt worden Hab ich Sie geweckt? Bitte 111MAXIE Ich schau Sie nicht an. 112NATALIA Sie müssen mich suchen 113MAXIE Ich schau Sie nicht an. 114NATALIA Bitte. 115MAXIE Wer soll n ich sonst sein? 116CARLO Ich bin der Vater von Lia 117MAXIE Das ist meine Wohnung. 118CARLO Im Schwarzwald, in Henkersbach Bitte 119NATALIA Bitte 120CARLO B-Bitte 121Durchsage im Zug: Nächster Halt Baden-Baden Geräusch eines saftigen Kusses auf die Wange. 25

26 11. Elfte Szene Auto Carlo Sonntagnacht Maxie hat Carlo einen fetten Kuss auf die Wange gegeben. Sie fahren auf der Autobahn. Das Fenster auf der Fahrerseite ist halb offen. 122MAXIE Das war so super von dir, wie du das am Telefon gemacht hast. Supersuper! 123CARLO Lass das! Ich muss mich konzentrieren! 124MAXIE Wir kriegen ihn, ich schwörs. Und dann wird er büßen für das, was er mir angetan hat. Du bist der Größte, der Supergrößte. 125CARLO Und du bist betrunken. 126MAXIE Ich darf was trinken, wenn du rauchen darfst. Mir ist kalt. Mach das Fenster zu. 127CARLO Sei einfach still. Total still. Maxie schmollt, trinkt aus einer Bierflasche. Carlo schließt das Fenster. Die Geräusche sind nur noch gedämpft zu hören. 128MAXIE Danke. Schweigen. Hast du das gehört? 129CARLO Was? 26

27 130MAXIE So n Rumpeln. 131CARLO Das kommt vom Bier in deinem Kopf. 132MAXIE Im Kofferraum. 133CARLO Quatsch. 134MAXIE Wir müssen nachschauen, Carlo. 135CARLO Wir haben keine Zeit. 136MAXIE Ich will wissen, wie s Lia geht. Carlo hupt wütend und überholt ein Auto. Die dezente Klingel an der Tür eines Hotelzimmers. 27

28 12. Zwölfte Szene Hotel Leopold / Zimmer Steinhaus Montagnacht Süden steht im Flur und klingelt an einer Zimmertür. Man hört ein Husten von drinnen, und ein schwer atmender Mann öffnet die Tür. 137STEINHAUS Was wollen Sie? 138SÜDEN Sie sind Walter Steinhaus. 139STEINHAUS Und Sie? 140SÜDEN Tabor Süden. 141STEINHAUS Und? 142SÜDEN Sie haben mich nicht angerufen. 143STEINHAUS Kann mich nicht erinnern, dass wir verabredet waren. Schwarzwald-Melodie. Ende der ersten Folge 28

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