Was die Kunst nicht ändern kann, das soll die Kunst verändern

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1 Was die Kunst nicht ändern kann, das soll die Kunst verändern TeilnehmerInnen: Prof. Dr. Renate Berger Fachbereich Gestaltung, Visuelle Kommunikation, Hochschule der Künste, Berlin Prof. Jürgen Claus Solar-Künstler, Kunsthochschule für Medien, Köln Hermann Josef Hack Medienkünstler, Kunstbeauftragter für das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, Bonn Dr. Jürgen Kolbe 1. Vorsitzender des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing, ehem. Kulturreferent der Stadt München Uta M. Reindl Kuratorin von Art Special: Hansa, Köln Prof. Dr. Wieland Schmied Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München Jörg Sperling Kustos für Malerei und Skulptur an den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus Prof. Dr. Ruth Tesmar Malerin, Graphikerin, Lehrstuhl Ästhetische Praxis, Humboldt-Universität zu Berlin Dr. Christoph Vitali Direktor Haus der Kunst, München Prof. Dr. Rainer Volp Fachbereich Praktische Theologie, Universität Mainz Andreas von Weizsäcker Bildhauer, Installationskünstler, München Katrin Wittneven Redakteurin neue bildende kunst : Zeitschrift für Kunst und Kritik, Berlin Berichterstatterin: Karin Haslinger Malerin, Germanistin, Marktoberdorf Moderation: Dr. Roswitha Terlinden Studienleiterin Evangelische Akademie Tutzing

2 Thesen und Fragestellung zur Ausschreibung der Denkwerkstatt Was die Kunst nicht ändern kann, das soll die Kunst verändern Die Veränderungen, der Wandel von Begriffen und die Verschiebung der Gewichte im Umfeld von Kunst sind evident. Diese Denkwerkstatt bot für einen Tag das Forum, im offenen Austausch nachzudenken über die extreme Heterogenität der ästhetischen Praktiken und ihrer heutigen Medien - zwischen den Polen vom Verschwinden der Kunst und der Geburt der Kunst in ihrem Ende. Roswitha Terlinden Karin Haslinger Was die Kunst nicht ändern kann, das soll die Kunst verändern Zu Beginn der Denkwerkstatt begrüßte Frau Terlinden die TeilnehmerInnen und stellte sie dabei kurz vor. Wie sie betonte, war es ihr wichtig, Persönlichkeiten einzuladen, die in verschiedenen Beziehungen und Funktionen zur Kunst stehen und in deren Umfeld eingebunden sind, ob als Selbst-Gestaltende, Kunsttheoretiker oder in einer intermediären Funktion. Als Motto der Denkwerkstatt entlehnte Frau Terlinden den Titel eines Textes von Jochen Gerz. In diesem Beitrag fand sie das gespiegelt, was sie zum Inhalt und Ziel dieser eintägigen Veranstaltung machen wollte, die wie alle anderen im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung unter dem Leitgedanken Zeitenwende - Horizonte öffnen stand. Die TeilnehmerInnen waren eingeladen, im offenen Austausch über die Veränderungen, den Wandel von Begriffen und die Verschiebung der Gewichte im Umfeld von Kunst nachzudenken. Dies impliziert den retrospektiven Blick ebenso wie die Vorausschau. Frau Terlinden stellte hierzu die folgenden drei Thesen vor, die im Laufe des Tages diskutiert wurden: I. Das irritierende Verhältnis von Kunst und Funktion (Funktion von Kunst; Freiheit der Kunst; Risiko Kunst ) II. III. Die Teilhabe von Kunst am Leben, ihre Vernetzung mit dem Leben (Kunst als Klassensystem; soziale Plastik; Marktplatz Museum ) Die Zukunft von Kunst ( Geburt der Kunst in ihrem Ende ; Utopische Chance der Kunst)

3 I. Das irritierende Verhältnis von Kunst und Funktion Wieland Schmied eröffnete die Diskussion mit der Anregung, nicht auf einer theoretisch-abstrakten Ebene zu bleiben, sondern anhand von aktueller Problematik und Thematik, wie z.b. der gerade eröffneten documenta X, den Themenkomplex einzukreisen. Gerade diese documenta sei ein anschauliches Beispiel für Veränderungsprozesse in der Kunst. Aus den in einer lebhaften Diskussion erörterten verschiedenen Standpunkten kristallisierten sich zwei wesentliche Antipoden heraus: Kunst stehe heute mehr denn je im Spannungsfeld zwischen purem Ästhetizismus und Funktionalisierung, zwischen zweckfreier Formulierung und gesellschaftspolitischer Relevanz. Als Hauptkritikpunkte an der Kasseler Kunstschau wurden genannt, daß der Kunstanteil der gezeigten Arbeiten minimalisiert ist, Problemsucher aufgerufen werden (Schmied) und daß ein Hauptansatz die Abstinenz von Sinnlichkeit (Claus) sei. Der ideologische Aspekt kommt in virtueller Unerkennbarkeit daher (Kolbe). Wenn diese documenta zukunftsweisend sein soll, dann werde der Typus des Künstlers im nächsten Jahrhundert verstärkt an realen Problemen arbeiten und zukünftig der Kunstcharakter der Werke nur unterschwellig vorhanden sein (Schmied). Wenn Kunst jedoch in dieser Form funktionalisiert würde, daß sie zu Illustrationsmaterial verkommt, wäre das eine künstlerfeindliche Haltung (Wittneven). Auch müsse hier die Frage nach autonomer Kunst gestellt werden (von Weizsäcker). Denn mit dem Anspruch, daß Kunst in Zukunft als Dienstleistung fungieren muß (von Weizsäcker), stelle diese Funktionalisierung gewissermaßen die Rettung für die Kunst dar, sonst existiert sie nicht mehr, ist nicht mehr nötig, und das ist doch ein bedenklicher Zustand (von Weizsäcker). Positiv zur documenta wurde vermerkt, daß Catherine David eine provozierende Diskussionsfront schafft und zentrale Fragen aufgreift (Claus), vor allem, daß es nicht darum geht, Gewohntes und bekannte Namen zu präsentieren (Reindl). Ausgelöst durch die Diskussion um die Kasseler Kunstschau, wurde im folgenden die Frage aufgeworfen, welche Aufgabe der Kunst nun eigentlich zukomme. Wichtig ist, daß ein Werk Substanz hat, und da gibt es oft Defizite und es fehle heute oft die Verzauberung durch die Kunst (Berger). Dieser selbstreflexive Ansatz aus Rezipientensicht wurde von Frau Tesmar durch ein Zitat aufgegriffen: Das Herzgedächtnis ist wahrhaftiger als das traurige Gedächtnis des Verstandes (nach einem unbekannten Russen). Die Kunst will verändern in dem Sinne, daß man durch Kunst anders sehen lernen kann (Tesmar). Dieser Gedanke der Prozeßhaftigkeit in der Kunstrezeption, eine Kommunikation soll in Gang kommen (Schmied), betreffe auch das Entstehen von Kunstwerken. Kunst definiert als etwas permanent in Bewegung Befindliches, was immer wieder in Frage gestellt wird (Schmied). Durch Kunst solle die Möglichkeit angeboten werden, zu verändern (Hack), denn Metamorphosen sind in allen Lebensbereichen nötig (Claus). Insbesondere werde keine allgemeine Verbindlichkeit mehr aufge-baut, sondern sie gelte nur für den einzelnen Künstler und sein Werk (Schmied). II. Teilhabe von Kunst am Leben, ihre Vernetzung mit dem Leben Als Impuls zum Diskussionspunkt die Teilhabe von Kunst am Leben, ihre Vernetzung mit dem Leben bat Frau Terlinden nun Frau Reindl, ihr Projekt Art Hansa special - Performance vorzustellen. Für dieses Experiment hat sich das Hansa-Gymnasium Köln der Kunst geöffnet. 22 Künstler ließen sich im November 1996 auf das Wagnis der Begegnung von Kunst und Schule ein, die beide bei der Formung des eigenen Ich im Verhältnis zur Welt helfen. Aus dem Dialog mit Schülern und Lehrern entwickelten Künstler Performances, die sich auf den öffentlichen Raum Schule beziehen, einige Unterrichtsfächer infiltrieren oder erlebbar machen. Herr Sperling wurde nun gebeten, sein Projekt bei Cottbus vorzustellen. Die 650 Jahre alte Gemeinde Horno, im sorbischen Siedlungsgebiet nordöstlich von Cottbus gelegen, soll der Braunkohle weichen. Dies wirkte gleichsam als Initialzündung für das internationale Symposion Ahnen und Schutzgeister. Dabei machen sich Geologen, Kunsthistoriker, Archäologen, Künstler und Einheimische auf die Spurensuche nach ursprünglichen Ritualen dieser Gegend. Die zwölf eingeladenen Künstler sollen sich mit der Situation vertraut machen, so daß hieraus ein Erarbeitungsprozeß entspringt, der im engen Austausch mit den Bürgern von Horno steht. Der

4 Künstler ist heute nicht mehr Provokateur, Erfinder und Outsider, sondern neuerdings auch Wiederentdecker und Verknüpfer. Das Ziel könnte eine Rückkoppelung sein: Wo kommt die Kunst her - dahin soll sie sich wieder wenden. Nach einer kurzen Pause wurde die Problematik des Museumswesens thematisiert und näher beleuchtet. Der gemeinsame Tenor war, daß das Museum als Ort des Konservierens für die heutige Kunst nicht mehr funktionieren könne. Bei einer Kunst, die nicht mehr auf die Ewigkeit hin angelegt sei, biete die klassische Form des Museums kein adäquates Konzept. Der Begriff des Museums muß genauso flexibel sein wie die Kunst, siehe Land art (Schmied). Doch bei aller Kritik, die man derzeit am Museumswesen äußern könne - beispielsweise wird immer nur ein selektiver Ausschnitt der Kunstgeschichte gezeigt, und weibliche Kunst und Künstlerinnen treten praktisch nicht in Erscheinung (Berger) -, biete es dennoch die Möglichkeit bei einer Überflutung durch Bilder in den Medien, eine intensivere Wahrnehmung durch die Begegnung mit originalen Werken (Tesmar). III. Die Zukunft von Kunst Am Nachmittag wurde die Museumsproblematik unter dem Gesichtspunkt der Zukunft von Kunst nochmals erörtert. Für Christoph Vitali stehen sich in der Kunstvermittlung zwei rivalisierende Fraktionen gegenüber: * Aufbewahrer, die speichern und katalogisieren - sie wollen keine Schau, weil dadurch die museale Ruhe gestört würde. Die gesellschaftliche Relevanz der Kunst gehe durch solche events verloren. * Flexible Museumsleiter dagegen wollen, daß Kunst nicht mehr nur einem Bildungsbürgertum interessant erscheint. Sie unternehmen den Versuch, Menschen zu verführen, sich auf Kunst einzulassen, so daß sie trotz der auch im Museumsbereich stärker in den Vordergrund rückenden neuen Medien ( digitales Museum ), die Kostbarkeit des Originals entdecken. In der Reflexion dieser beiden unterschiedlichen Zugänge - heutige Realität des Museumsgrabes (90%) mit Tendenz zur Sakralisierung von Kunstwerken und einem Museumskonzept, das das Aufrührerische, die Flexibilität betont - kristallisierte sich ein eindeutiges Votum für den mobilen Begriff heraus: Mediatisierung von Kunst könne ein Durchgangsstadium sein. Der Glaube an die emanzipatorische Kraft der Kunst sei bester Schutz vor Gralshütern von Kunst und Ausstellungen. Ein eindrucksvolles Beispiel für umweltbezogene Kunst, die das Meer und das Wasser, das Licht und die Sonne einbezieht, gaben Nora und Jürgen Claus mit einem kurzen Diavortrag über ihre gemeinsame künstlerische Arbeit: Sie haben für das solare Zeitalter eine Kunstform entwickelt, die Umwelt und Natur in ihr Konzept und ihre ästhetische Ausdrucksform einbindet. Entsprechend sind die Solarskulpturen des Künstlerpaares abhängig von kosmischen Bedingungen - beispielsweise den Lichtverhältnissen - und beziehen diese Variablen in ihre Ästhetik mit ein. Mit der Besinnung auf andere Rohstoffe - z.b. der intelligenten Benutzung des Lichts - schaffen sie neue Sichtweisen von Wirklichkeit. Ausgangspunkt der Arbeiten des Beuys-Schülers Hack ist die Überzeugung, daß es noch nie so wichtig war wie heute, an der sozialen Plastik zu arbeiten. Das Projekt seines virtuellen Daches (1995 erstmals zur ART Cologne im Internet organisiert, 1997 auf der CeBIT in Hannover weiterentwickelt) verdeutlichte Hack in einer Projektvorstellung: Ein Stück Himmel über dem Ruhrgebiet wurde in Parzellen gegliedert, diese verkauft und ins Internet gestellt. Der Verkaufserlös kam Obdachlosen zugute. Vom jeweiligen Käufer wurde eine Vision erbeten, wie er sich das Land unter seiner Himmelsparzelle in zehn Jahren wünsche. Die entstandenen Visionen sollen an zuständige Politiker weitergeleitet werden. Aus diesem Kontext entwickelte sich erneut die Frage, welche gesellschaftspolitische Relevanz der Kunst

5 zukomme bzw. ihr gemäß sei. Es sei nicht ihre Aufgabe, Hilfsmaßnahmen für Mißstände zu ergreifen (Reindl), doch natürlich ist die Kunst ein Ausdruck aktueller Problematik, nur in welcher Form sie daherkommt ist entscheidend (Kolbe). Sicher verändert Kunst die Welt, weil die Menschen sich ändern, und Kunst ändert die Menschen, nimmt Vorurteile oder Aggressionen (Vitali). Zwar sollten auch utopische Entwürfe wie das Bauhaus oder die Russische Avantgarde gesellschaftlich wirken, aber dennoch funktioniere es nur über die Veränderung der Menschen, nicht durch kunstpolitische Programme (Vitali). Als Wunschperspektive aller am künstlerischen Prozeß auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Intentionen Beteiligten ließe sich formulieren, daß alle Bereiche des menschlichen Daseins, ganz im Sinne von Beuys erweitertem Kunstbegriff, durchdrungen sein sollten (Schmied). Darin liege die Zukunft, denn: Es gibt kein Ende der Kunst, alles ist wieder ein Erstlingswerk (Tesmar). Zum Ende der Werkstatt dankte Frau Terlinden allen TeilnehmerInnen für ihre engagierte und kreative Präsenz. Resumée eines Teilnehmers: Lehre vom Geheimnis George Berhard Shaw antwortete einmal auf die Frage nach dem Unterschied von Wissenschaft und Kunst: You (die Wissenschaft) see things and ask why, I (die Kunst) dream things and ask Why not! Die Denkwerkstatt Was die Kunst nicht ändern kann, das soll die Kunst verändern hat keinen Standunkt mit Why not kommentiert. Heutige Kunst, angesiedelt im Zwischenbereich von zunehmender Geschwindigkeit und Erinnerung, die um die Gnade der Echtheit ringt, die manche als Dienstleistung definieren möchten, die ihren virtuellen Platz in einer Informationsgesellschaft sucht, provoziert wohl immer die gleiche Frage: Why, why, why? Wenn Beuys sagt Denken ist Plastik, war Tutzing eine Kommunikationsskulptur und hat mit alten Fragen und alten Antworten eine Kunst als Lehre vom Geheimnis bestätigt. Why not?

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