Leider können wir nicht selbst zu Ihnen kommen, da die Hauptdarsteller des Stückes nicht abkömmlich

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1 1 Circus Arm Ein Theaterstück zum Thema Armut in den Ländern des Südens und ihre Ursachen von Reinhardt Jung für Schülerinnen und Schüler der Sek. I und Sek. II 1979 erstmals publiziert, 2007 neu lektoriert Circus Arm Ein Theaterstück zum Thema»Armut in den Ländern des Südens und ihre Ursachen«von Reinhardt Jung. Bis 2015 sollen im Kampf gegen Armut und Hunger in der Welt entscheidende Erfolge erzielt werden. Das haben die Staats- und Regierungschefs der Welt in den Millenniumsentwicklungszielen versprochen. Das Theaterstück»Circus Arm«hat das Thema Armut bereits 1979 aufgegriffen. Hier wird es Schulen und Theater-AGs noch einmal zur Verfügung gestellt. Die Armut in den Ländern des Südens ist durch die Millenniumsentwicklungsziele, die im Jahr 2000 von zahlreichen Staats- und Regierungschefs unterzeichnet wurden, wieder in das öffentliche Bewusstsein gerückt. An das seinerzeit gegebene Versprechen, die Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 entscheidend zurückzudrängen, müssen sie und die Öffentlichkeit aber immer wieder erinnert werden. Eine der Möglichkeiten, dies zu tun, bildet das Theater. Dieses Theaterstück von Reinhardt Jung wurde 1979 geschrieben, ist seitdem oft aufgeführt und durch die Millenniumsentwicklungsziele wieder ganz aktuell geworden. In einem Anschreiben an das Publikum in Reichland schrieb der Autor: Leider können wir nicht selbst zu Ihnen kommen, da die Hauptdarsteller des Stückes nicht abkömmlich sind. Die Generäle machen ihren Krieg in ihren eigenen Ländern, die Bankiers machen ihre Geschäfte damit, die Delegationen verhandeln und wir sind zu arm, um die Reisekosten zu tragen. Wir bitten sie deshalb, das Stück selbst vorzuführen mit falschen Generälen, Bankiers und Delegationen, womit Sie der Wahrheit sicher schon sehr nahe kommen werden. Mit vorzüglicher Hochachtung CIRCUS ARM zurzeit Dritte Welt

2 2 Für alle, die dieser Aufforderung nachkommen möchten, hier zuvor noch ein paar einführende Gedanken und Informationen. Millenniumsentwicklungsziele Millenniumsentwicklungsziele was für ein Wortmonster! Muss nicht etwas, das sich hinter einem solchen drögen Wortungetüm verbirgt, trocken und langweilig sein? Weit gefehlt! Nimmt man die Millenniumsentwicklungsziele ernst, enthalten sie Dynamik pur. Als sich im Jahr Staats- und Regierungschefs aus aller Welt bei den Vereinten Nationen trafen, verpflichteten sie sich, die Menschen»aus den erbärmlichen und entmenschlichenden Lebensbedingungen der extremen Armut zu befreien.«wie dringend dieser Vorsatz war und noch immer ist, zeigen bereits die nackten Zahlen: 1,1 Milliarden Menschen leiden unter extremer Armut. Sie müssen versuchen, mit weniger als einem US-Dollar am Tag zu überleben. Schulbesuch ist unter solchen Bedingungen für mehr als 100 Millionen Kinder nicht denkbar. Es lag auf der Hand, dass etwas getan werden musste. Darum unterzeichneten die Staatsund Regierungschefs die Millenniumserklärung. In ihr verpflichteten sie sich, sich dafür einzusetzen, dass Armut und Hunger, die Ungleichheit unter den Geschlechtern, die Umweltzerstörung und HIV/AIDS beseitigt oder zumindest zurückgedrängt werden. Sie versprachen, dass mehr Menschen Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und sauberem Trinkwasser haben sollten. Bis zum Jahre 2015 sollen in diesen Bereichen entscheidende Fortschritte gemacht werden. Das versprachen sie den Völkern und schrieben dieses Versprechen in den Millennium Development Goals (MDGs) fest. Gemeinsam müssen wir jetzt darauf achten, dass dieses Versprechen auch gehalten wird, denn Regierungen können sehr vergesslich sein. Und so hochgesteckt die Ziele auch sind, sie lassen sich erreichen. Das technische Wissen dazu ist vorhanden, was oft fehlt, ist der politische Wille, Taten folgen zu lassen und die Ziele auch Schritt für Schritt zu verwirklichen. Man wird die Regierungen ständig daran erinnern müssen, dass zu Beginn eines jeden Kapitels der Millenniumserklärung, die sie unterschrieben haben, zu lesen ist:»wir werden keine Mühen scheuen, alles was in unserer Macht steht zu tun, um diese Ziele zu erreichen.«nehmen wir die Regierungen beim Wort und zeigen wir ihnen beständig, dass wir nicht vergessen, was sie uns versprochen haben. Das gilt besonders auch für Kinder und Jugendliche. Denn wenn die Millenniumsentwicklungsziele nicht umgesetzt werden, werden vor allem sie die Leidtragenden sein. Sie werden die Folgen unseres Handelns und Nicht-Handelns zu spüren bekommen. Nur wenn wir die Ziele ernst nehmen und uns mit aller Kraft für ihr Erreichen einsetzen, können die Weichen hin zu einer gerechteren Globalisierung gestellt werden. Darum dürfen die Kinder und Jugendlichen diese Themen nicht den Erwachsenen überlassen. Es ist wichtig, dass sie sich einmischen. Anmerkungen zum Theaterstück Eine Möglichkeit, sich einzumischen, bildet das Theater spielen. Mit Theater lässt sich ein Anliegen sehr direkt ausdrücken. Und es kann nachhaltiger wirken als allein durch Zahlen und Statistiken. Das Stück»Circus Arm«ist der Versuch einer Antwort auf die Frage, warum wir in Wohlstand leben und die meisten Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika sich aus Armut und Elend nicht befreien können. Es ist ein Stück, das bereits 1979 von Reinhardt Jung, einem damaligen Mitarbeiter von terre des hommes, der inzwischen leider verstorben ist, ge-

3 3 schrieben wurde. Es ist immer wieder aufgeführt worden. Es ist erstaunlich, wie aktuell auch heute noch die Thematik ist. In manchem spiegelt der Text natürlich die Sprache und Argumentationsweise der 70er Jahre wieder. Aber sich dessen zu erinnern und dabei aktuelle Bezüge aufzuzeigen, ist nach 40 Jahren terre des hommes-geschichte ein interessantes Unterfangen. Jetzt hat das Stück durch die Millenniumsentwicklungsziele und das Versprechen, die Armut in der Welt engagiert zu bekämpfen, neue Aktualität gefunden. Darum stellt terre des hommes es erneut in leicht überarbeiteter Form zur Verfügung.»Mitspieler sind wir alle«, schrieb Reinhardt Jung seinerzeit in einem Anschreiben an die Mitspieler.»Denn wir leben in Wohlstand, der ohne die Arbeit und den erzwungenen Verzicht der Menschen in der Dritten Welt so nicht denkbar ist. So lange wir alle unsere Rolle der unnachgiebigen Reichländer gerne spielen, wird sich für die Menschen in der Dritten Welt nur wenig ändern können. Aber zuerst müssen wir erkennen, dass unsere Rolle schlecht ist, bevor wir daran gehen, sie zu ändern.«reinhardt Jung, der auch Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat und sich später beim Südwest Funk intensiv mit Hörspielen befasst hat, war kein Theaterfachmann. Darum schrieb er:»ich bin kein Theatermensch, weshalb ich mit Regiehinweisen sparsam umgegangen bin. Aber muss man denn ein Theaterfachmann sein, um ein Stück zu schreiben? Nein! In alten Zeiten waren es einfache Menschen, Bauern und Handwerker, die als Narren verkleidet ihren Mitbürgern und der Obrigkeit ihre Standpunkte vorgespielt haben, wenn es gegen Unterdrückung des Volkes und für mehr soziale Gerechtigkeit zu kämpfen galt. Till Eulenspiegel hatte einen Spiegel in der Hand, in dem alle, die hineinsahen, ihr wahres Gesicht erkennen sollten. Circus Arm soll auch ein Spiegel sein. Wer mitspielt, schaut hinein.«theater weltweit Zahlreiche Projektpartner von terre des hommes in Afrika, Asien und Lateinamerika bedienen sich des Mediums Theater, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, um die Menschen zum Nachdenken und Handeln zu bewegen, um sie wach zu rütteln, um die Ursachen von Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit deutlich zu machen, um Wege zur Lösung aufzuzeigen. terre des hommes unterstützt solche Ansätze, mit denen sich die Menschen in den Projekten für ihre Rechte, vor allem auch für die der Kinder, und für eine Erde der Menschlichkeit einsetzen. Erde der Menschlichkeit terre des hommes Deutschland e.v. wurde 1967 von engagierten Bürgern gegründet, um schwer verletzten Kindern aus dem Vietnamkrieg zu helfen. Der Verein ist unabhängig von Staat, Kirche und Parteien und fördert in 25 Projektländern rund 500 Projekte für Not leidende Kinder. Unser Ziel ist eine»terre des hommes«, eine»erde der Menschlichkeit«. Wir helfen Straßenkindern, verlassenen und arbeitenden Kindern, kümmern uns um Kinder, die Opfer von Krieg und Gewalt wurden und sorgen für die Ausbildung von Kindern. Wir unterstützen Jungen und Mädchen, deren Familien an AIDS gestorben sind, setzen uns ein für die Bewahrung der biologischen und kulturellen Vielfalt und für den Schutz diskriminierter Bevölkerungsgruppen. terre des hommes schickt keine Entwicklungshelfer, sondern unterstützt einheimische Initiativen. Unsere Projektpartner vor Ort bauen Schulen und Kinderschutzzentren, organisieren kleine Produktionsgemeinschaften und Bewässerungsprojekte und betreuen kranke oder kriegsverletzte Kinder. Gemeinsam mit unseren Partnern setzen wir uns für eine gerechtere Politik gegenüber der Dritten Welt ein. In Deutschland engagieren sich Menschen in 150 Orten ehrenamtlich für die Rechte von Kindern.

4 4 Der Vorhang auf der großen Bühne ist geschlossen, auf dem Podest hat Specksack Platz genommen, von hinten kommt der Zeitungsjunge in den Zuschauerraum gelaufen, geht um den Zuschauerraum herum bis vor Specksacks Podest, dabei ruft er: Zeitungsjunge: Extrablatt, Extrablatt, das Wichtigste schwarz auf weiß, Extrablatt, die neue-sten Nachrichten des Tages, Extrablatt, aktuelle und brandheiße Informationen aus Reichland und dem Rest der Welt, Extrablatt ist da, Extrablatt! Extrablatt, heute mit der großen Serie»Wie esse ich mich schlank«, Extrablatt erklärt den Fettpölsterchen den Krieg, lesen Sie Extrablatt mit der einmaligen Schlankheitskur nur für unsere Leser, von und mit Herrn Professor Dr. Dr. Meier-Müllerbrink, Extrablatt mit der neuen Serie»Wie esse ich mich schlank«jeden Mittag neu, Extrablatt mit der Serie»Tote -Kriege - Unglücksfälle«, Extrablatt, Wir waren zu Gast bei Königin Ottilie, Extrablatt stellt die Frage: Majestät, wie kleidet sich eine Königin? Extrablatt, mit der Serie auch für Sie. Essen Sie sich schlank mit Extrablatt! Zu Specksack: Guten Tag, na wie wär s mit einem Extrablatt mein Herr? Specksack:Nun gut, so gib schon her, es steht ja doch nichts Gescheites drin. Zeitungsjunge: Und das Geld? Specksack:Mein Geld? Ach so, immer dasselbe, Geld, mein Geld, jeder will mein Geld, hier hast du es, aufdringlicher Kerl, ich bekomme es ja sowieso zurück! Zeitungsjunge: Pss sooooowas! (Der Zeitungsjunge geht weiter sein Blatt anpreisend aus dem Zuschauerraum hinaus. Oben auf dem Podest liest Specksack die Schlagzeilen und führt ein lautes Selbstgespräch) Specksack:Ja, ja, es ist schon ein Kreuz, wenn man jeden Tag seine eigene Zeitung lesen muss, ein Kreuz ist das. Aber das Blatt ist gut gemacht, das muss ich meinen Leuten schon lassen. Das mit der Königin Ottilie zum Beispiel, ein toller Farbbericht über die alte Vogelscheuche, wirklich ein toller Farbbericht! Und alles frei erfunden! Ich glaube, es war gut, dass ich die Zeitung aufgekauft habe. Vorher war sie voll Kritik, Politik, Vorwürfe an mich und meine Partei; ein übles Blatt, gemacht von Wahrheitsfanatikern. Und heute? Eine saubere Zeitschrift, ohne falsche Politik und ohne Kritik. Das Geschäft floriert, meine Zeitung wird überall gelesen! Ja, das nenne ich einen Erfolg. Das Volk ist dumm, es will eine dumme Zeitung, meine Zeitung! Mal sehen, was es heute Abend an Unterhaltungen gibt: Aah, ein Circus ist in der Stadt, ein richtiger Circus. Das ist fein, ganz nach meinem Wunsch. Ein Circus lenkt die Leute ab! Ein Clown, ein paar wilde Tiere, und schon ist das Publikum zufrieden! (Er zerreißt die Zeitung und wirft sie ins Publikum.) Keine Politik ist meine Politik, keine Kritik, das ist das Erfolgsrezept, Brot und Spiele so hat es der alte Römer Cäsar genannt und er hatte Recht. Er war eben ein genauso tüchtiger Geschäftsmann wie ich! (Da bricht die Musik los, die Scheinwerfer auf der Bühne gehen an, Specksack sitzt wieder im Dunkeln, der Clown Ferdinand steckt seinen Kopf aus dem Vorhang, wartet auf den Tusch, die Musik wird leise, Trommelwirbel, der Vorhang geht auf, Clown Ferdinand springt auf der Bühne vor bis an den Rand, verbeugt sich mehrmals (Klatschen, Anfeuern!) und beginnt laut und reißerisch seine Ansage): Akt Clown Ferdinand: Hochverehrtes Publikum, liebe Kinder, Väter und Mütter, Omas und Opas, Tanten und sonstige Menschen, hochverehrtes Publikum, als einmalige Sensation gastiert heute hier bei Ihnen in Reichland der weltberühmte Circus Arm! Vorhang auf, Manege frei, Applaus für den Circus Arm!! (verbeugt sich) (Musik setzt wieder ein) Hochverehrtes Publikum, Bürger von Reichland, heute Abend hier bei Ihnen, eine aufregende Fülle spannender Sensationen, sagenhaft, oft kopiert und nie erreicht, Circus Arm präsentiert Ihnen heute Abend: Tigerlilly mit der wilden Bestie Zimba. (Lilly trippelt auf die Bühne, knickst und geht wieder ab.) Mogli und seine Elefanten-Parade! (Tritt vor, verbeugt sich und geht ab)

5 5 Ali Ben Ali mit seiner Löwendressur! (Tritt vor, verbeugt sich und geht ab.) Und aus dem fernen Amazonasgebiet Juan Juanito mit seinem tollkühnen Ritt auf zwei Krokodilen! (Tritt vor, verbeugt sich und geht ab.) Sie sehen, lieber Bürger von Reichland, Circus Arm kommt zu Ihnen mit einem Feuerwerk an Sensationen, Nervenkitzel, ja Hochspannung! (Musik hört auf) Und nun, hochverehrtes Publikum, nun geht es los mit der ersten Sensation des heutigen Abends, schnallen Sie sich an und putzen Sie ihre Brille, denn jetzt, jetzt kommt Zimba Zimba, der wilde Tiger aus den unwegsamen Dschungeln des fernen Indiens, Zimba, die riesige Bestie, der fauchende Tiger mit den gelben Augen, hochverehrtes Publikum Sie werden den Atem anhalten, Ihr Herz bleibt stehen und Sie werden sich verschlucken vor Angst, wenn Sie sehen, wie unsere zarte, charmante, zierliche Lilly (Lilly mit der Peitsche in der Hand trippelt herein, tippt dem Clown von hinten auf die Schulter, er aber redet ununterbrochen weiter) die wilde Bestie Zimba zu einem zarten, schnurrenden süßen Tigerkätzchen verwandelt. Ihnen stockt das Blut in den Adern, wenn Sie dann erleben werden, wie unsere zarte Lilly ihr zierliches Köpfchen tief in den Rachen der Bestie steckt (er dreht sich um, bemerkt endlich Lilly und ruft ins Publikum:) Und hier ist die mutigste kleine Tigerbändigerin der Welt unsere zierliche Tigerlilly! Applaus für Tigerlilly und die Bestie Zimba! (Tusch) Und nun bitte ich um absolute Stille, reißen Sie sich zusammen und halten Sie die Luft an bei der atemberaubenden Vorstellung von Tigerlilly mit der Bestie Zimba! (legt den Zeigefinger vor den Mund und macht Psst! Stille!) Lilly: Du, Ferdinand (zaghaft) Clown: (eindringlich flüsternd) was ist denn, du musst jetzt anfangen! Lilly: Du Ferdinand, ich muss dir etwas sagen Clown: Hab ich was vergessen? (bohrt sich fragend in der Nase und schaut suchend und überlegend ins Publikum) Ach ja, jetzt fällt s mir wieder ein, Liebe Zuschauer aus Reichland, bitte achten Sie darauf, dass während dieser spannenden und gefährlichen Minuten niemand von den Omas und Opas den Tiger am Schwanz zieht und versuchen Sie bitte auch nicht, den Tiger mit Eis oder Kaugummi zu füttern, davon bekommt er nämlich Schluckauf! (Schaut fragend zu Lilly) Meinst du dies? Lilly: Nein, das nicht! Du. Ferdinand, ich muss Dir was sagen (Pause) Wir haben keinen Tiger mehr! Clown: Waas? Lilly: Der Tiger ist weg! Clown: Richtig weg und es kommt auch keiner neuer mehr nach? Lilly: (traurig) Richtig weg und es kommt auch kein neuer mehr nach! Clown: Oooch, und wo ist er jetzt? Lilly: Wenn ich das nur wüsste! Clown: (ins Publikum) Haben sie unseren Tiger gesehen, so ein großer mit gelbem Fell und schwarzen Streifen, ganz zahm? Wo? Im Zoo? Nein, das ist nicht unser Tiger, wir sperren ihn doch nicht im Käfig ein! Lilly: Hat ihn denn niemand gesehen? So ein Tiger fällt doch auf, wenn er frei herumläuft Clown: Vielleicht haben sie ihn totgeschossen, weil sie Angst vor ihm haben? Lilly: Aber er ist doch ganz zahm und außerdem hat ihn niemand gesehen! Oder? (Sie schaut suchend ins Publikum) Clown: (traurig zu Lilly) Sie haben ihn nicht Lilly: (legt ihren Kopf an die Schulter des Clowns, der nimmt sie in den Arm und beide seufzen laut) Armer Zimba! (Plötzlich geht das Licht aus, Barmusik wird laut, ein Scheinwerfer erfasst ein Mannequin, das an der Seite am Publikum vorbei tänzelt und dabei einen Mantel aus Tigerfell

6 6 vorführt; immer wieder öffnet Sie den Mantel und dreht sich im Scheinwerferlicht. Während sie langsam am Publikum vorbei in Richtung Bühne tänzelt, ruft Specksack von seinem Podest mit gekünstelter Stimme die Ansage diese Modenschau aus: Specksack:Meine Damen und Herren, Ladies und Gentlemen und hier sehen Sie das neueste Modell des Pelzhauses Specksack International: Indischer Tigermantel, innen weich mit Seide gefüttert. Bitte beachten Sie den eleganten Schnitt dieses außergewöhnlichen Modells, die besonders ausgeprägte Zeichnung des Pelzes! Nun, meine Damen, der Preis dieses edlen Stückes ist eine besondere Leistung des Hauses Specksack International: ganze 4000 Euro kostet dieses Stück! (Inzwischen ist das Mannequin auf der Bühne angetänzelt, der Scheinwerfer erfasst den Clown und Lilly, die ungläubig auf das Mannequin starren, das den Mantel öffnet, sich dreht, einen Knicks macht und dann auf der anderen Bühnenseite verschwindet.) (Der Clown und Lilly sehen sich entsetzt an und schreien dann laut:) Clown und Lilly: Zimbaaaa! (Lilly rennt hinter dem Mannequin her und schreit:) Lilly: Gib sofort den Tiger her, du Ziege, das ist unser Tiger, los gib ihn her Mannequin: Hilfe, Überfall, Hilfe!! Lilly: Den Mantel her, los, sofort! (Stille, Lilly erscheint außer Atem zurück auf der Bühne, in der einen Hand den Mantel hinter sich herziehend. Sie hebt den Mantel hoch und zeigt ihn dem Clown und der sagt;) Clown: Zimba (und zum Publikum hin) und dabei war er soo zahm! Lilly: Was soll ich nur machen? (geht langsam ab von der Bühne, der Clown sieht traurig nach) Was soll ich jetzt nur machen? (Vorhang zu; nachdenklich schaut der Clown ihr nach bis das Publikum klatscht, weil es meint, der erste Akt sei zu Ende. Nach dem Applaus dreht der Clown sich wieder zum Publikum und fragt) Weitermachen? (achselzu- Clown: ckend) Sollen wir weitermachen? Musik! (Musik fängt an und der Clown sagt die nächste Sensation an im gleichen Schwung wie am Anfang!) Aber jetzt, hochverehrtes Publikum, jetzt zeigt Ihnen der Circus Arm die zweite Sensation unseres ersten Gastspiels in Reichland: die riesengroße Elefantenparade mit Mogli, dem schwarzen Elefantenjungen und sieben riesengroßen afrikanischen Elefanten. (Musik bricht ab, Clown hebt den Arm) Vorhang frei für Mogli und seine große Elefantenparade! (Vorhang öffnet sich, Mogli mit Peitsche und Turban steht da, keine Elefanten weit und breit) Mogli: Du, Ferdinand Clown: Mensch Mogli, wo hast du denn deine Elefanten gelassen? Mogli: Du, Ferdinand, das ist es ja, die Elefanten sind verschwunden! Clown: Und es kommen auch keine mehr nach? Mogli: Es kommen keine mehr nach! Clown: Aber, ich meine, wo sind denn deine Elefanten geblieben? Mogli: Ich weiß es nicht, aber ich habe eine Ahnung. Clown: Los, sag schnell, vielleicht können wir sie wieder einfangen. Mogli: Einfangen? Ich glaube, dazu ist es zu spät. Clown: Aber warum denn? Mogli: Weißt du, ich war vorhin in einem Möbelgeschäft, einem ganz teuren Möbelgeschäft. Clown: In einem Möbelgeschäft? Wolltest du dir Möbel kaufen? Mogli: Nein, aber stell Dir vor, was ich da gesehen habe. (Lilly ist von hinten auf die Bühne gekommen und hat sich zum Clown und Mogli gestellt) Lilly: Die Elefanten im Möbelgeschäft, womöglich im Schaufenster? Mogli: Nein, nicht so, sondern viel schlimmer Clown: Ja, was denn? Mogli: (zum Publikum) Ich habe einen Aschenbecher aus Elfenbein gesehen, den haben sie aus Elefantenzähnen geschnitzt

7 7 (knallt mit der Peitsche) und einen Schirmständer aus Elefantenfüßen Lilly und Clown: Ohh! Mogli: Und einen Sessel aus Elefantenleder (knallt mit der Peitsche) Lilly und Clown: Nein! Mogli: (wütend) Das (knallt mit der Peitsche) habe (knallt mit der Peitsche) ich (knallt mit der Peitsche) gesehen (knallt mit der Peitsche) (Mogli setzt sich mit angezogenen Beinen in eine Ecke der Bühne, legt den Kopf auf die Knie und schweigt) (Vorhang geht zu, der Clown tritt vor und singt:) Clown: Was mögen das für Menschen sein, die auf Riesenelefanten zur Jagd ausgehn, um sie abzuschießen? Was mögen das für Leute sein, die nur wegen dem selten teuren Elfenbein die Elefanten erlegen? Was mögen das für Menschen sein, die nur aus Mode die Elefanten ausrotten und jagen bis zum Tode? (Clown verbeugt sich und wartet Beifall ab) Clown: Aber liebe Zuschauer, noch ist unser Gastspiel in Reichland nicht beendet, Circus Arm präsentiert Ihnen trotz aller Probleme heute Abend ein Feuerwerk an Sensationen, wir machen weiter, jetzt und sofort mit Ali Ben Ali und seiner weltberühmten Löwendressur! (Der Clown reißt die eine Hälfte des Vorhangs schwungvoll auf, aber Ali steht da und winkt ab.) Clown: Waas? Die Löwen auch? Ali: Die Löwen sind weg! (Die anderen kommen ungläubig angelaufen) Alle: Und es kommen auch keine mehr nach? Ali: Weg ist weg. Woher soll ich denn so schnell neue Löwen bekommen? (Der Clown rennt vor zum Bühnenrand und hebt beschwichtigend seine Arme) Clown: Halt, gehen Sie noch nicht nach Hause, keine Panik, liebe Zuschauer, noch haben wir ja die Sensation aus Armland, Juan Juanito, den Indianer aus dem Amazonasgebiet, Juan Juanito mit seinem tollkühnen Ritt auf zwei Krokodilen! (Der Clown rennt zurück und reißt die zweite Hälfte des Vorhangs auf. Da steht Juan Juanito stumm und mit einem Plastikkrokodil unter dem Arm. Der Clown schaut sich suchend um, geht um Juan Juanito herum, schaut auf die anderen und alle rufen laut:) Alle: Die Krokodile sind weg! (Juan Juanito zieht zögernd sein Plastikkrokodil unter dem Arm hervor, hält es den anderen hin und sagt:) Juan Juanito: Und da hab ich gedacht, so ein Krokodil ist besser als gar keines. Lilly: Aber das ist ja ein Spielzeugkrokodil! Clown: Und wo sind die echten geblieben? Juan Juanito: Ich musste gar nicht lange suchen, sie sind hier! Clown: Hier in Reichland? Juan Juanito: Hier in Reichland. Mogli: Und was haben sie mit den echten Krokodilen gemacht? Juan Juanito: Handtaschen aus Krokodilleder, Gürtel aus Krokodilleder, Schuhe aus Krokodilleder, Brieftaschen aus Krokodilleder Clown: Hör auf, das ist ja nicht zum Aushalten! Lilly: Das ist verrückt! Die Leute sind verrückt, alles ist verrückt! Clown: Wieso? Lilly: Aus den echten Krokodilen machen sie Handtaschen und aus den unechten Plastik (hebt Juan Juanitos Krokodil hoch und wirft es ins Publikum) machen sie Krokodile! Mogli: Ich habe keine Lust mehr, wenn die uns hier alle Tiere wegnehmen! Juan Juanito: Und ohne Tiere gibt es auch keinen Circus Arm! Ein armer Circus! Lilly: Die Leute in Reichland machen uns arm! Clown: Sie nehmen uns alles weg. Juan Juanito: Und geben uns Krokodile aus Plastik! Mogli: Ich habe keine Lust mehr, ich will zurück. Lilly: Aber was können wir denn machen? Clown: Mogli hat Recht, lasst uns zurückgehen nach Armland und dafür sorgen, dass sie nicht noch die letzten seltenen Tiere dort abschießen. Geh'n wir, Reichland ist nicht unser Land, geh'n wir. (alle packen ihre Sachen und verlassen die Bühne, Licht aus.)

8 8 Ende des 1. Aktes 2. Akt Vorspiel zum 2. Akt (Der Bühnenvorhang ist geschlossen, Specksack sitzt auf seinem Podest und liest für alle sichtbar Zeitung. Er blättert um und stutzt:) Specksack:Was muss ich hier lesen? In Indien haben sie Jagd auf Tiger verboten? Ja woher soll ich denn jetzt meine Tigerfelle bekommen? Das ist ein harter Schlag für das Pelzhaus Specksack International. Was sich diese Inder nur einbilden, so einfach die Jagd auf Tiger zu verbieten, das ist ja unerhört! Und was soll denn das? In Afrika ist die Elefantenjagd verboten worden, damit diese Tiere nicht aussterben? Ja an mich und mein Möbelgeschäft denkt wohl keiner? Und die Krokodiljagd am Amazonas ist auch verboten? Das ist ja eine ungeheure Frechheit! Soll ich denn alles aus Plastik machen? Da kann man es wieder einmal sehen, diese Eingeborenen in Armland haben keinen Sinn für ein gutes Geschäft! Verbieten einfach die Jagd auf Tiger, Elefanten und Krokodile! Die ruinieren mein Geschäft! Ich muss mir etwas Neues ausdenken, ein neues Geschäft, ein gutes Geschäft ich muss nachdenken! Ich muss mir etwas einfallen lassen, ich brauche ein neues Geschäft! Aha! ich glaube, ich hab's! Wenn ich keine Tigerfelle und Elefantenzähne, kein Elefantenleder und keine Krokodile her bekommen kann, dann muss ich eben die Leute von Reichland dazu bekommen, dass sie dort hinfahren, wo sie Tiger, Elefanten und Krokodile zu sehen bekommen. Ich kaufe einfach eine Reisefirma! Fräulein Mietze, Fräulein Mietze, wo stecken Sie denn schon wieder? (Die Sekretärin Fräulein Mietze das Mannequin kommt aus dem Zuschauerraum herangestöckelt, mit Stenoblock und Riesenbrille, stellt sich unten vor das Podest und haucht:) Frl. Mietze: Haben Sie mich gerufen, Chef? Specksack:Ich habe Sie immer gerufen, wenn Sie zu spät kommen. Frl. Miete: Aber ich war im Theater Specksack:Wer macht hier Theater, Sie machen Theater! Also schreiben Sie: An meine Bank Frl. Mietze: An meine Bank Specksack:Doch nicht an ihre Bank, an meine Bank! Frl. Mietze: Aber das hab ich doch geschrieben, Chef! Specksack:Also, schreiben Sie jetzt das, was ich ihnen sage! Frl. Mietze: Jawohl, Chef Specksack:An meine Bank Frl. Mietze: Das hab ich schon Chef! Specksack:Sie sollen mir nicht dauern widersprechen, wie oft soll ich Ihnen das noch sagen! Frl. Mietze: Jawohl, Chef! Specksack:Schreiben Sie jetzt endlich an meine Bank hiermit gebe ich ihnen Anweisung, sofort alle wichtigen Reisebüros in Reichland zu kaufen. Hochachtungsvoll Specksack Frl. Mietze: voll Specksack Specksack:Los verschwinden Sie, Frl. Mietze, der Brief muss sofort raus! (Frl. Mietze stöckelt weg und Specksack greift zum Telefon) Specksack:Hallo, Hallo, ist dort das Extrablatt? Jawohl! Hier ist Specksack, ich bin's persönlich! Also, hören Sie genau zu! Ich will im neuen Extrablatt einen Riesenartikel über die Schönheit von Armland. Was sagen Sie? Was reden Sie da für dummes Zeug von Hunger und Armut, von Elend und Krankheit? Wen interessiert das denn, dass in Armland die Kinder verhungern? Was? Das ist die Wahrheit? Also, jetzt hören Sie mir einmal ganz genau zu: Was die Wahrheit ist, bestimme ich und ich sage Ihnen die Wahrheit, denn mir gehört die Zeitung. So, und wenn ihnen ihre Arbeit beim Extrablatt lieb ist, dann schreiben Sie, was ich Ihnen jetzt sage, sonst fliegen Sie raus! (Pause) Ahaa, das klingt schon freundlicher, also, ich will einen Artikel über das Traumland Armland! Was? Kommen Sie mir nicht schon wieder mit der Armut der Menschen, ich habe Ihnen doch schon einmal gesagt, dass interessiert unsere Leser nicht! Schreiben Sie einen Artikel nach dem Motto: arm aber

9 9 glücklich, Sonne, Abenteuer, Sand, Meer, alles was Sie suchen! Unsre Leser müssen von der Reiselust gepackt werden! Haben Sie verstanden? Umso besser, und jetzt schreiben Sie! (Specksack wirft den Hörer auf die Gabel und lacht) Sehen Sie, so einfach ist das und ein gutes Geschäft dazu! (Der Zeitungsjunge kommt von hinten in den Saal, ruft seine Schlagzeilen aus, gibt Specksack eine Zeitung, der lacht so laut er kann, geht weiter und verlässt den Saal wieder) Zeitungsjunge: Extrablatt, Extrablatt, heute mit dem großen Sonderteil Traumreisen ins Abenteuer, Extrablatt, lesen Sie heute, warum Königin Ottilie in Armland auf Tigerjagd geht, Extrablatt, Extrablatt, lesen Sie die neue Serie»Krokodile im Amazonas«, Extrablatt, gerade frisch, heute mit der Reportage»warum sind die Inder schlank?«extrablatt mit dem Forscherbericht»Arm aber glücklich oder warum die Neger immer lachen«, Extrablatt hat für Sie erkundet: die billigsten Reisen ins Land der Sonne, ans Meer, in den Dschungel, lesen Sie im Extrablatt, warum die Nordsee so dreckig ist, Extrablatt mit dem neuen Preisrätsel, gewinnen Sie eine Reise an die Traumstrände Afrikas, Extrablatt, Sommer, Sonne, ferne Länder, Extrablatt zeigt Ihnen, wo Sie noch echte Gastfreundschaft finden, Extrablatt, Extrablatt (Gong, Specksacks Podest versinkt im Dunkeln, die Bühnenbeleuchtung geht an, der Vorhang geht auf und wir sehen unsere Circusleute in ihren Trachten und Kostümen zusammensitzen auf dem Boden; im Hintergrund sind ein paar Hütten gemalt, kein Grün, auf der rechten Seite der Bühne steht ein Schilfzaun. Plötzlich zieht hinter dem Schilfzaun eine Reisegruppe auf, und ein Herr mit Fernglas macht Psst, zeigt auf die Circusleute und reicht jedem das Fernglas, damit er einmal durchgucken kann. Von der Reisegruppe ist nur leises Getuschel zu hören, während sich die Armländer deutlich unterhalten; sie klingen erschöpft und reden mit großen Pausen.) Clown: Ich kann nichts dafür, dass es nicht regnet! Mogli: Wenn wir nicht bald etwas zu essen bekommen, dann müssen wir alle verhungern! Lilly: Unsere Kinder sind krank, sie liegen in den Hütten und haben Fieber. Wir brauchen Milch für unsere Kinder! Clown: Wir haben keine Milch! (stößt Topf mit dem Fuß um) Juan, Juanito: Wenn wir wenigstens Wasser hätten. Clown: Es hat nicht geregnet seit wir zurück sind. Die Felder sind verdorrt, die Brunnen sind leer. (Ali kommt mit einem Speer in der Hand auf die Bühne und setzt sich wortlos zu den anderen) Clown: (zu Ali): Was bringst du von der Jagd zurück? Ali: Nichts, es gibt nichts zu jagen, die Herden sind weg gewandert, dorthin, wo es Wasser gibt. Mogli: Ich habe Hunger. Clown: Wir haben nichts zu essen. Lilly: Die Kinder brauchen Milch. Juan Juanito: Ich habe Durst. Clown: Wir haben kein Wasser, die Brunnen sind leer. Ali: Warum regnet es nicht? Mogli: Was haben wir falsch gemacht, dass wir hungern müssen, dass unsere Kinder nicht leben dürfen was haben wir falsch gemacht, dass es nicht geregnet hat, seit wir zurückgekommen sind? Clown: Nichts Wir müssen warten. Lilly: Warten. Worauf? Clown: Auf den großen Regen, der die Brunnen füllt und die Weide saftig macht, der die Ernte segnet und uns Essen gibt, damit unsere Kinder satt werden. Ali: Lasst es uns noch einmal probieren, wie es uns unsere Väter gelehrt haben! (Sie hocken sich alle im Kreis hin, jeder vor sich ein Stück Holz, mit dem sie rhythmisch auf den Boden klopfen.) Clown: O Herr, der du den Regen bringst, hier sitzen wir und sagen Dir, dass un- sere Brunnen ausgetrocknet sind. Unsere Kinder liegen krank in den Hütten, die Herden sind verschwunden. O Herr, der du den Regen bringst, warum müssen Deine Kinder hungern, Deine Felder verdorren, Deine Krieger verdursten?

10 10 O Herr, der du die Wolken bewegst, wir, Deine Kinder flehen Dich an und bitten Dich, schicke uns Regen, lasse uns nicht länger warten, hungern und dursten, denn wir haben keine Kraft mehr! (Der Clown setzt sich wieder hin, wie alle anderen und beginnt rhythmisch mitzuklopfen, wobei alle immer wieder gemeinsam zum Rhythmus das Wort»Reeegen«beschwörend aussprechen. Mit der Zeit werden sie leiser, hören einer nach dem anderen auf»regen«herbeizuflüstern, klopfen aber weiter. Nur der Clown beschwört immer noch deutlich vernehmbar den Regen. Langsam fallen einige»klopfer«aus dem Takt und dann ganz aus. Zum Schluss der Beschwörung klopft der Clown alleine, viel langsamer als zuvor und stößt immer wieder die Formel»Regen«hervor. Die anderen sitzen mehr oder weniger apathisch, den Blick auf den Boden gerichtet da. Während der Clown fast alleine und verzweifelt den Regen beschwört, werden die Touristen hinter dem Schilfzaun lauter, so dass die Zuschauer ihre Gespräche deutlich mitbekommen.) Reiseführer: Psst, liebe Gäste der Fotosafari durch die Wildnis von Armland, Sie haben die seltene Gelegenheit, eine Gruppe Eingeborener beim Kriegstanz zu Gesicht zu bekommen. Eine Frau: Siehst du, Hermann, das sind richtige Armländer Eingeborene! Herr Reiseleiter, sind diese Eingeborenen gefährlich? Reiseleiter: Man muss vorsichtig sein, aber ich glaube, sie sind harmlos. Sehen Sie nur, wie still sie dort sitzen. So, und nun nehmen wir unsre Kameras in die Hand, Blende 16, ein 125stl, Achtung, Aufnahme! (Bei dem Kommando»Aufnahme!«blitzen die Touristen mit ihren Kameras los, trampeln den Schilfzaun nieder und überrumpeln die völlig teilnahmslosen Armländer, die stumm vor Erstaunen alles mehr oder weniger über sich ergehen lassen.) Reiseführer: Und nun, liebe Safarigäste, nehmen Sie bitte den kleinen Plastikbeutel mit Bonbons, Glasperlen, Spiegeln, Kugelschreiber und anderen Krimskrams und machen Sie den Eingeborenen ein Geschenk oder tauschen Sie damit ein Reiseandenken ein! Eine Frau: Das gelbe Plastikbeutelchen, Hermann! Reiseführer: Und ich rede inzwischen mit dem Häuptling, dem mit den vielen Farben im Gesicht! (geht auf Ferdinand zu und spricht ihn laut und direkt an) Umga, umnuga, batta, batta, Foto- Knipsi, ratta-ratta, viel Touristi, tanzi, tanzi, umnuga, Knipse auf Safari, du verstehn? Clown: Ich habe Hunger Eine Frau: Hermann, guck mal der Kleine hier, is der nich niedlich, seinen Turban, Hermann, den muss ich unbedingt haben, wat denkste, was die Krause von nebenan sagt, wenn ich mit dem Hut nach dem Urlaub zum Kaffeekränzchen komme! (sie dreht sich direkt zu Mogli) Du Kleiner, der Hut, was kostet der? Mogli: Ich habe Hunger. Frau: Hermann, was hat er gesagt? Mogli: Ich habe Durst! Frau: Ach ist der süüüß, Hermann, so und nun gib her Kleiner, so, her damit, hier hasde die Perlen, so, und jetzt Hermann, jetzt mach ein Foto von uns beiden! (Sie hat sich den Turban von Mogli aufgesetzt und sich neben Mogli gestellt. Hermann fotografiert beide.) Frau: Ach und die Kleine hier, Hermann, sieh mal das Halsband! (ratsch, reißt sie Lilly das Halsband ab) Und dieser Armreif, ach ist der niedlich. (reißt ihr das Armband vom Arm) Und hier der Kleine sieht ja aus wie n Löwenbändiger, die Peitsche, aus Leder geflochten, Hermann, die passt gut über die Kommode im Esszimmer (nimmt Ali die Peitsche weg) Und der hier mit seinem Krokodil, Hermann, die sind echt, ich will das Krokodil (nimmt Juan Juanito das Krokodil ab) Ach Hermann, ist das schön bei diesen drolligen Wilden, Hast du auch alles schön geknipst? Ja, Hermann? (sie wendet sich zum Reiseführer) So, Herr Reiseführer, und jetzt ab zum nächsten Stamm, von dem hier haben wir schon alles, gell Hermann? (Alle ziehen geräuschvoll ab, trampeln noch einmal über den Schilfzaun. Die Armländer stehen da ohne sich zu rühren, fassungslos sehen sie sich an)

11 11 Mogli: (achselzuckend) Sie haben meinen Turban mitgenommen und haben mir Glasperlen hier gelassen. Wie soll ich mich mit Glasperlen vor der Sonne schützen? Lilly: Du hättest der Alten eine runterhauen sollen! Mogli: Du hast dich ja auch nicht gewehrt! Ich bin müde. Sie hat mir alles abgenommen und son n Mistzeug hat sie hier rumliegen lassen. Was soll ich damit? Werden davon unsere Kinder satt? Ali: Meine Peitsche ist auch futsch. Juan, Juanito: Sie haben mir mein letztes Krokodil genommen und den Gürtel meiner Hose, So, (damit streift er seine kaputte Hose ab) Wenn sie sowieso alles wegnehmen, dann sollen sie diesen Fetzen auch noch haben! (wirft die Hose in die Richtung, in der die Touristen die Bühne verlassen haben) Clown: (traurig) Sie nehmen uns alles ab. Ein Wunder, dass sie mir die Farben im Gesicht gelassen haben! (zum Publikum, beschwörend) Oh Bürger von Reichland, was macht ihr nur mit uns? (Alle treten vor an den Bühnenrand und singen nach der Melodie des»bürgerliedes«) Oh Bürger von Reichland, Ihr nehmt uns alles ab, Ihr tötet unsere Tiere, damit Ihr alles habt, und das nur, weil s modern ist und chic und elegant, erst sterben unsre Tiere, dann stirbt das ganze Land. Oh Bürger von Reichland, und kommt Ihr mal zu uns, dann nehmt Ihr unsere Schätze, dann nehmt Ihr unsere Kunst, und alles, weil s modern ist und chic und elegant, erst nehmt Ihr unsere Schätze und dann das ganze Land. Oh Bürger von Reichland, wann hört Ihr endlich auf, uns alles wegzunehmen für euren Saus und Braus, wann gebt Ihr uns was wieder, wann bringt Ihr uns zurück, was Ihr uns weggenommen, und was uns fehlt zum Glück. (Alle verbeugen sich und bleiben mit gesenkten Köpfen stehen) Vorhang, Ende des 2. Aktes (Die Armländer sitzen auf dem Boden, nichts hat sich geändert, stumm, verzweifelt. Gotthilf Büchsel sitzt im Zuschauerraum. Er steht auf und ruft in den Zuschauerraum) Gotthilf Büchsel: Da muss man doch was machen! Wenn wir nichts machen, dann verhungern die Menschen in Armland. Wir müssen ihnen helfen, meint Ihr nicht auch? (Er geht durch die Zuschauerreihen hoch zur Bühne, dabei spricht er laut) Wenn wir nichts machen, dann verhungern die Leute in Armland, irgendwie muss man doch helfen; ich habe mich fest entschlossen: Ich werde ihnen helfen, jawohl! Clown: Wer bist du? Gotthilf: Ich bin Gotthilf Büchsel, euer Entwicklungshelfer! Lilly: Was ist das? Juan Juanito: Wer soll entwickelt werden? Mogli: Wo kommst du her? Ali: Und vor allem, wie willst du uns helfen? Gotthilf: Ich komme aus Reichland, ich bin euer Entwicklungshelfer, ich will euch helfen! Alle Armländer: Aus Reichland, ausgerechnet aus Reichland? Gotthilf: Ja, dort aus Reichland. (Zeigt in den Zuschauerraum) Genau, denn in Reichland gibt es auch Menschen, die euch wirklich helfen wollen! Lilly: Aber Ihr habt doch gerade alles weggenommen, warum wollt Ihr uns dann helfen? Gotthilf: Vielleicht haben wir Mitleid? Vielleicht ein schlechtes Gewissen? Vielleicht wollen wir einfach helfen, weil Ihr Menschen seid wie wir? Clown: Gut, aber wie willst du uns helfen? Wie?

12 12 Gotthilf: Ich bringe euch Arbeit durch die Industrie, große Werke, große Fabriken, riesige Chemieanlagen. (Gotthilf packt aus seinem großen Koffer, auf dem in großen Buchstaben»Entwicklungshilfe«steht all das aus, was er den Leuten verspricht) Lilly: Das stinkt, qualmt und macht Dreck, igitt das wollen wir nicht. Gotthilf: Ich will euch doch nur helfen! Ali: Solche Hilfe wollen wir nicht! Gotthilf: Aber stellt euch vor, ihr habt hier eigene Maschinen, Autos, Züge, Busse, alles könntet ihr selber machen, wenn ihr erst die Fabriken habt! (Wieder packt Gotthilf aus, was er anbietet) Mogli: Das macht Krach und unser Land kaputt. Wozu sollen uns die Maschinen die Arbeit wegnehmen? Was wollen wir mit der Industrie? Wer soll das alles kaufen, wer soll das alles bezahlen? Vergiss nicht, wir sind arm und Ihr kauft uns sowieso nichts ab, weil Ihr schon alles habt! Lilly: Was wir brauchen ist Wasser, damit auf unseren Feldern wieder etwas wächst! Juan Juanito: Gotthilf, wir haben Hunger und nichts zu essen! Die Felder machen uns satt und nicht die Fabriken! Clown: Und da ist noch etwas: Wir wollen nicht so werden, wie Ihr in Reichland. In diesem Reichland: Wo alles stinkt, wo die Menschen nicht mehr leben, weil sie immer mehr und immer reicher werden wollen! Mogli: Wo alles schnell kaputt geht, damit die Leute immer wieder das Gleiche kaufen! Lilly: Wo sich die reichen Leute in Mänteln aus Tigerfellen kleiden, nur weil s modern ist Mogli: Wo sich die reichen Leute Schmuck aus Elfenbein kaufen, und dafür bei uns die Elefanten ausrotten Juan Juanito: Wo sich die reichen Leute Handtaschen aus kleinen Krokodilen machen lassen Ali: Und wo die meisten Menschen immer nur ans Geldverdienen denken müssen, so dass sie keine Zeit mehr haben für die alten Leute und die Kinder, jawohl, sie haben keine Zeit mehr für die Kinder! Gotthilf: Aber wir haben Autos (zeigt Auto). Ali: Mit denen werden die Kinder überfahren, weil alle es immer so eilig haben! Gotthilf: Aber wir haben schöne Wohnungen (zeigt Modellhaus) Ali: Wo Kinder keinen Krach machen dürfen, wenn sie spielen wollen. Gotthilf: Aber wir haben Arbeit und jeder verdient Geld (zeigt Geld hoch) Ali: Ja, Geld haben viele, aber sie sind nicht glücklich, weil sie alle dem Geld nachlaufen, weil alle nur das machen, wo sie am meisten Geld verdienen und nicht das, was ihnen am meisten Spaß macht! Gotthilf: Aber wir haben alle genug zu essen! Wir haben sogar Überfluss. Ali: Das stimmt! Ihr habt alle mehr als genug zu essen und wir haben nichts! Ihr könnt essen, was Ihr wollt und wir wollen essen und haben nichts außer Hunger. Clown: Das ist der Unterschied zwischen Reichland und Armland. Gotthilf: Aber deshalb bin ich doch hier, um mit euch den Unterschied zu beseitigen! Lilly: Das ist ganz einfach, Ihr gebt uns alles zurück, was Ihr uns abgenommen habt, dann ist der Unterschied weg! (Inzwischen ist Specksack wieder auf seinem Podest oben und ruft lauf hinunter:) Specksack: Nichts da, es wird nichts zurückgegeben, weil wir nichts weggenommen haben! Ali: (zu Gotthilf) Wenn die Herren in Reichland so reden, was sagen Sie dann zu dem Unterschied? Gotthilf:Wie meinst du das? Ali: Na, was sagen Sie, warum wir arm sind und Sie sind reich? Specksack: Die Armländer stehen den ganzen Tag in der Sonne herum und sind faul. Gotthilf:Sie sagen Ihr wäret faul! Specksack: Die Armländer wollen nicht lesen und schreiben lernen, sie lungern lieber in der Sonne herum und feiern Feste! Gotthilf:Sie sagen, Ihr wäret dumm! Specksack: Die Armländer kaufen sich von unserer Hilfe doch nur goldene Betten! Gotthilf:Sie sagen, dass die Armländer sich goldene Betten kaufen von dem Hilfegeld!

13 13 Specksack: Die Armländer sind selbst schuld an ihrer Armut, weil sie keinen Fortschritt wollen! Gotthilf:Sie sagen von euch, Ihr wäret primitiv. Wilde Eingeborene, die nicht wissen, was los ist auf der Welt! Specksack: Und dann gibt es natürlich noch die Katastrophen: Dürrekatastrophen, Flutkatastrophen, Erdbeben, Na ja, da müssen wir schon mal helfen! Gotthilf:Sie sagen, dass die Armen nicht fähig sind, sich selbst zu helfen, wenn etwas passiert! Specksack: Was heißt hier»sie sagen? Das steht in meiner Zeitung, schwarz auf weiß! Gotthilf:Es steht sogar in der Zeitung! Clown: Eure Zeitung lügt, wie gedruckt! Lilly: Siehst du hier goldene Betten? Gotthilf: (sieht sich um, zögernd:) Nein Juan Juanito:Was siehst du? Gotthilf: Nichts! Nur euch. Ali: (dreht Gotthilf so herum, dass er in den Zuschauerraum sieht) Bei uns siehst du nichts, keine goldenen Betten, aber was siehst du dort in Reichland? Na, was siehst du? Gotthilf: Menschen, die genug zu essen haben, Menschen, die Kleidung haben, einen ganz reichen Menschen und viele weniger reiche Menschen. Clown: Und warum haben sie alles und wir nichts? Gotthilf: Das mit den goldenen Betten stimmt nicht, dumm seid Ihr auch nicht vielleicht, vielleicht, weil es bei euch nicht regnet? Lilly: Es hat seit zwei Jahren nicht mehr geregnet! Seit zwei Jahren. Ali: Das musst du dir mal vorstellen, seit zwei Jahren keinen Tropfen Regen! Gotthilf: Bei uns regnet es oft, das ist ein Unterschied. Clown: Holt dieses Stück Unterschied, wir wollen den Gotthilf draufstellen! (Die anderen laufen hinter die Bühne und schleppen den ersten Kasten herbei und stellen ihn vor Gotthilf auf. Auf den Kasten, der schräg zum Publikum steht, ist in großen Buchstaben das Wort Wetter aufgemalt.) Lilly: So, jetzt muss sich Gotthilf auf die Kiste stellen, denn in Reichland regnet es genug, das Wetter ist besser für die Felder und Gotthilf kommt aus Reichland. Clown: Seht Ihr, jetzt steht er schon ein bisschen höher als wir. Juan Juanito: Aber nur ein bisschen, in Wirklichkeit ist der Unterschied zwischen Reichland und Armland viel, viel größer! Ali: Es fehlt uns noch ein Stück Unterschied! Mogli: Es fehlt noch ein großes Stück Unterschied! Lilly: Es fehlt, dass sie uns alles weggenommen haben, das fehlt! Juan Juanito: Warum hat sich denn das Wetter bei uns geändert? Weil die Reichländer früher unsere Wälder gerodet haben. Ali: Weil sie uns erobert haben und dann haben sie die Wälder abgeholzt, sie haben uns unsere Felder abgenommen und Kaffee, Kakao und Baumwolle angepflanzt. Lilly: Von Kaffee wird keiner satt. Ali: Von Baumwolle auch nicht. Juan, Juanito: Und wenn die Wälder abgeholzt werden, dann wird die gute Erde in die Flüsse geschwemmt, dann gibt es Überschwemmungen! Clown: Und es gibt auch das Gegenteil! Die Wälder waren wie große Schwämme, die den Regen auffingen und das Wasser langsam wieder abgaben. Juan Juanito: Und was ist heute? Clown: Und wenn es regnet, werden die Bäche zu reißenden Strömen, alles Wasser fließt ab und danach herrscht große Trockenheit und Dürre. Lilly: Daran sind die Reichländer schuld, weil sie die Wälder abgeholzt haben, um Schiffe zu bauen! Ali: Und dann haben sie uns auch noch unsere Äcker abgenommen. Gotthilf: Wann war das? Clown: Mein Ur-Urgroßvater hat es noch erlebt! Die Reichländer waren die Herren und die Armländer mussten für die Herren schuften. Ali: Und meinen Ur-Urgroß-vater haben sie gefangen und gefesselt und dann haben sie ihn als Sklaven nach Amerika verkauft! Clown: Diese Zeit war die Kolonialzeit. Die reichen herrschten über Armland, ließen die Armländer für sich schuften und

14 14 nahmen sich das Land und die Menschen, als wären sie der liebe Gott! Mogli: (Geht hinter die Bühne und zerrt die nächste Kiste hervor, auf der in großen Buchstaben Kolonialzeit steht) Das macht auch ein Stück Unterschied, dass die Reichen soviel reicher sind als wir. Der Unterschied, dass sie uns damals alles abgenommen haben. Kann mir mal einer helfen? Juan Juanito: Was sollen wir Dir helfen? Mogli: Den Gotthilf auf den ersten Unterschied hochheben, damit ich die Kolonialzeit drunterschieben kann! (Mit viel Hauruck und Anstrengung schaffen sie es, Gotthilf steht nun ein ganzes Stück höher als die Armländer) Lilly: Jetzt steht der Gotthilf schon ein ganzes Stück höher als wir. Juan Juanito: Und alles wegen der Kolonialzeit. Lilly: Ja, er steht schon deutlich höher, fast die Hälfte. Clown: Aber eigentlich geht es den Leuten in Reichland noch viel, viel besser als uns. Vielmehr als die Hälfte! Da fehlt noch was. Lilly: Du Gotthilf, hörst du mich da oben? Gotthilf: Klar höre ich Dich! Lilly: Sag, Gotthilf, liegt Reichland noch höher über Armland als du jetzt? (Gotthilf sieht von oben prüfend herab auf die anderen, faltet einen Zollstock auf und misst den Unterschied, liest oben ab, schüttelt den Kopf und steckt den Zollstock wieder ein.) Gotthilf: Ich glaube, der Unterschied ist noch größer, es fehlt noch ein Stück Unterschied! Lilly: (zu den anderen) Es fehlt noch ein Stück Unterschied! Gotthilf: Ich habe eine Ahnung, gebt mir meinen Koffer. Mogli: Er hat eine Ahnung! Hier, Dein Koffer. Gotthilf: (er zieht Bananen heraus) Die Bananen sind hier so billig! Ali: Wo? Gotthilf: Hier in Reichland (er steckt die Bananen wieder weg und holt ein Radio raus, das spielt) Und die Transistorradios sind billig. Juan Juanito: Und wo werden die gemacht? Gotthilf: (Radio zurück und Hemd raus) Von Arbeiterinnen in Armland! Und Hemden sind auch billig. Lilly: Und wer näht die Hemden? Gotthilf: (Hemd weg und Beutel Reis raus) Frauen in Armland! Und Reis ist ganz billig bei uns. Mogli: Und wo wird der angebaut? Gotthilf: (Reis weg und Ei raus) Der Reis kommt aus Armland! und Hühner sind billig! Lilly: Und wo leben die Hühner? Gotthilf: In Reichland bei uns, ist doch klar. Aber. Clown: Was aber? Gotthilf: (Ei weg und Legemehlsack raus) Das Hühnerfutter kommt aus Armland. (Legemehl weg und Hundefutter raus) Das Hundefutter auch. (Hundefutter weg und Dose Fisch raus) Und Fisch, der Fisch ist auch billig bei uns! Clown: Und wo kommt der Fisch her? Gotthilf: Aus dem Meer natürlich. Clown: Aus welchem Meer? Gotthilf: Aus dem Meer bei Armland! (steckt die Dose Fisch wieder weg) Clown: Gotthilf, von Deinem Standpunkt da oben, kannst du dort mehr sehen, als wir da unten. Gotthilf: Und was seht Ihr? Clown: Ich sehe, dass wir keinen Fisch essen können, weil eure Schiffe uns alle Fische vor der Nase wegfangen! Lilly: Und ich sehe, dass wir kein Getreide haben, um Brot zu backen, weil das wenige, das bei uns wächst an die Reichländer verkauft wird, die es an ihre Hühner verfüttern. Gotthilf: Darum sind unsere Eier so billig! Lilly: Und ich sehe, dass der Reis so teuer ist bei uns, weil er an die Reichländer verkauft wird und die können einfach mehr bezahlen als wir! Und ich sehe, dass ihr für den Biosprit eurer Autos bei uns in riesigen

15 15 Monokulturen Mais, Palmöl, Zucker und Raps anbauen lasst und dafür Regenwälder abgeholzt werden. Gotthilf: Huch, dann essen wir ja euch den Reis weg! Lilly: Und ich sehe, dass bei uns die Frauen für einen Hungerlohn eure Hemden nähen! Gotthilf: Das ist ungerecht, wenn diese Hemden bei uns so billig sind, weil die Frauen dafür einen Hungerlohn bekommen! Clown: Das ist Ausbeutung! Lilly: Das ist ein Stück Unterschied! Die Ausbeutung, das macht die Reichländer noch reicher! Deshalb sind dort die Bananen, die Hemden, die Fische und die Eier so billig. Die nutzen einfach unsere Arbeit aus! Mogli: Das stimmt. Holen wir die Ausbeutung, das macht noch einen großen Unterschied. (Die anderen schleppen die letzte Kiste herbei, auf der das Wort Ausbeutung steht, und stellen sie vor Gotthilf auf.) Gotthilf: (protestierend) Hey: Ihr könnt mich doch nicht einfach so hoch heben! Juan Juanito: Wir Menschen von Armland haben schon immer die Last der Reichländer getragen, warum nicht auch jetzt? Gotthilf: Aber Ihr macht den Unterschied ja noch größer! Clown: Hebt ihn hoch, Hau ruck, höher, so, auf der Ausbeutung kann er sicher stehen, so und jetzt ab. Seht Ihr, das ist die Wahrheit über den Unterschied zwischen Armland und Reichland! Lilly: Zuerst war die Kolonialzeit. Da haben sie uns alles abgenommen. Ali: Und seit wir arm sind, seitdem haben sie diese Armut ausgenutzt, ja, sie beuten uns aus. Das ist die Ausbeutung. Juan Juanito; Und weil sie unsere restliche Natur zerstört haben, gibt es heute nur noch Steppe, Wüste und keinen Regen mehr. Gotthilf: Das macht den Unterschied! Clown: Ein großer Unterschied ist das. Lilly: Es ist die Wahrheit! (Gotthilf steht oben, still, auf dem Unterschied und blickt in die Runde, die anderen stehen unten und sehen sich um. Gotthilf hat ein Fernglas und guckt damit rum, sieht aber die Armländer nicht, weil er nicht nach unten guckt.) Gotthilf: Haalloo, wo seid Ihr? Clown: Hier sind wir! Gotthilf: (mit Fernglas) Ich sehe nur den Herrn Specksack und die anderen Reichländer! Lilly: Du brauchst nur nach unten zu gucken, dann siehst du uns auch. Gotthilf: Ach, da seid Ihr! Lilly: Wer von oben nicht nach unten guckt, der sieht nur die, die oben sind, ist doch klar, oder? Mogli: Er steht ganz schön hoch über uns! Ali: Er ist über uns. Juan Juanito: Er steht da, wie auf einem Thron, als ob er über uns herrschen würde! Clown: Jeder, der über uns steht, will auch über uns herrschen! Gotthilf: Ich nicht, ich will doch nur helfen! Juan Juanito: Aber du kommst aus Reichland und die Leute aus Reichland haben uns alles weggenommen, alles! Lilly: Weil sie uns alles wegnehmen, ist der Unterschied so groß. Clown: Das ist der Unterschied zwischen Arm und Reich. Gotthilf: Nein, nein, das stimmt nicht, ich, ich will euch doch nur helfen, ich stehe zwar über euch und komme aus Reichland, aber ich will euch helfen das Nord-Süd-Gefälle zu überwinden. Clown: Aha, so nennt ihr den Unterschied zwischen Armland und Reichland Nord-Süd-Gefälle, soso. Gotthilf: Naja, weil doch die reichen Länder alle im Norden liegen und die armen im Süden! Lilly: Quatsch, das ist doch nur, weil Ihr euch nicht traut, den Unterschied beim Namen zu nennen! Gotthilf: Aber es ist doch wahr, alle reichen Länder liegen im Norden: Amerika, Russland, Deutschland, Frankreich, England Clown: Die Namen kommen mir bekannt vor! Ali: Das sind die, die uns alles wegnehmen! Juan Juanito: Das sind die Reichländer! Gotthilf: Und die wohnen im Norden Mogli: Aber die sind Reichländer

16 16 Gotthilf: Warum streitet ihr mit mir, ich will euch doch nur helfen! Lilly: Du stehst so hoch über uns, wie willst du das anstellen, uns zu helfen? Gotthilf: Ich brauche eine Brücke zu euch, eine Brücke des guten Willens! Ali und Juan Juanito: Moment, wir holen ein Brett! (Sie rennen und schleppen ein Brett ran, das sie an die Kiste stellen. Auf der einen Breitseite des Brettes steht Nord, auf der anderen Seite Süd.) Gotthilf: Das Ende, wo Nord draufsteht, das muss hier oben her zu mir. Ali: Weil die Reichländer im Norden leben. Juan Juanito: Und das Ende, wo Süd draufsteht, ist hier unten bei uns, bei den Armländern Gotthilf: Da seht ihr es selbst, das ist das Nord-Süd-Gefälle zwischen Armland und Reichland. Lilly: Das sieht aber ziemlich steil von hier unten aus! Clown: Das ist genau so steil für uns, weil wir unten sind. Und wenn wir es umdrehen? Lilly: Dann ist es genau so steil für uns, weil wir unten sind. Clown: Dann ist es für uns kein Gefälle, sondern eine Steigung! Mogli: Jawohl, für uns ist es eine ungeheure Steigung, denn wir müssen hinauf, um zu leben! Gotthilf: Und für mich ist es ein Gefälle! Juan Juanito: Du hast gut reden, du stehst ja auch oben, du bist reich! Mogli: Richtig, für dich ist es ein Gefälle, weil du etwas weggeben müsstest vom großen Unterschied. Du stehst oben. Ali: Und für uns ist es eine Steigung. Lilly: Weil wir unten stehen Clown: Das ist der Unterschied! Alle: Das ist der Unterschied zwischen arm und reich. (Vorhang) (Der Vorhang ist geschlossen, niemand ist zu sehen, Specksacks Podest wird angeleuchtet, er räuspert sich und hält eine Rede:) Specksack:Verehrte Reichländer, liebe Freunde, die armen Länder mausern sich, es ist für Reichland schwer geworden. Die Armen wollen reich werden und dafür sollen die Reichen ärmer werden! Dennoch versichere ich Ihnen, dass wir von der Industrie unser geliebtes Reichland nicht im Stich lassen werden! Wir Reichländer sitzen alle in einem Boot und schwimmen in einem Meer der Armut. Wir lassen unser Boot nicht kentern, nur weil die Armen nicht schwimmen wollen! Aber keine Angst, die Zeit arbeitet für uns, die Zeit ist unser Freund! (Eine Delegation geht durch den Zuschauerraum mit der Kiste Zeit auf dem Rücken, sie gehen hinter den Vorhang, stellen dort die Kiste oben auf den Unterschied und kommen ohne Kiste wieder zum Podest von Specksack, rufen»bravo«, wenn er eine Pause macht, rufen»richtig«und klatschen zum Schluss frenetisch zu ihm aufblickend Beifall.) Specksack:Solange, meine Damen und Herren, solange, wie es uns hier in Reichland gelingt, die Bevölkerung in Armland durch Welthandelskonferenzen am Handeln zu hindern, solange haben wir nichts zu fürchten. Reichland soll ein Reichland bleiben! Wir sind gegen die Gleichmacherei! Nutzen wir unsere Zeit. Wir haben uns unseren Wohlstand erarbeitet, deshalb sind wir reich. Die Armländer wollen auch reich werden. Aber wir wollen dabei nicht arm werden. Wir sind gegen Gleichmacherei! Reichland, Reichland über alles, über alles in der Welt!!! (Licht auf Podest von Specksack schwächer, Bühne auf: Oben auf dem erhöhten Unterschied»Zeit«steht Gotthilf, das Nord- Süd-Gefälle lehnt davor, die Armländer stehen davor, sichtlich erstaunt, Gotthilf räuspert sich) Gotthilf: Hm, Hm, was habt ihr denn? Mogli: Wie, was? (blickt nach oben) Ach du bist das. Gotthilf: Was ist denn, warum seid ihr so komisch, sagt! Lilly: Ich hab das komische Gefühl, dass etwas mit der Steigung nicht stimmt! Gotthilf: Du meinst das Nord-Süd-Gefälle? Lilly: Die Steigung! Mir ist so, als ob die Steigung in der Pause steiler geworden wäre.

17 17 Clown: Was du nicht sagst, ich hatte auch gleich so ein komisches Gefühl, als ich davorstand! Ali: Tatsächlich, es sieht so aus, als ob die Steigung steiler ist! Gotthilf: Ich habe das Nord-Süd-Gefälle nicht angerührt. Juan Juanito: Und wir haben die Steigung auch nicht verändert. Clown: Und doch ist die Steigung steiler geworden in dieser kurzen Zeit. Lilly: Die Zeit! Mogli: Die Zeit! (Er deutet auf die obere Kiste) Clown: Das ist es, wenn wir nichts ändern an der Steigung, dann wird sie mit der Zeit immer steiler für uns! Der Unterschied zwischen uns und den Reichländern wächst! Ali: Gotthilf, wir müssen etwas unternehmen! Der Unterschied wächst mit der Zeit. Die Steigung wird steiler! Gotthilf: Was soll ich denn machen, damit ich euch helfen kann von hier oben aus? Clown: Gotthilf, wir haben Hunger, wenn die Reichen immer reicher werden, stehen sie bald so hoch oben, dass sie nicht mehr sehen, wie sie uns verhungern lassen! Lilly: Gotthilf, gib uns zurück, was die Reichländer uns abnahmen. Bitte gib es uns zurück, oder sollen wir den Unterschied einfach umstoßen, die Kisten einfach umwerfen? Sollen wir Gewalt anwenden, um den Unterschied abzubauen? Gotthilf: (öffnet seinen Koffer, die anderen strecken ihm die Arme entgegen) Dann gebe ich euch zurück, was wir euch genommen haben, hier, die Büchse Fisch Alle: Weiter, weiter, bevor es zu spät ist! (Specksack schreit und stürmt von seinem Podest auf die Bühne, reißt Gotthilf die Bananen aus der Hand, springt auf den Unterschied und ruft:) Specksack:Halt, halt, mein lieber Freund, so geht das natürlich nicht! Clown: Wer ist das? Specksack:Mein Name ist Otto Specksack, Präsident der Nationalen Industrie-und Handelskammer, Vorsitzender der Reichlandpartei und dem Programm»Wohlstand muss ein Zustand bleiben«. Kurz Sie sehen, ich bin ein hohes Tier und habe ein Wörtchen mitzureden. Gotthilf: Aber sehen Sie doch, dass ich selbst ganz gut zu Recht komme mit den Menschen in Armland! Specksack:Aber so, wie Sie das machen wollen, geht das doch nun wirklich nicht! Gotthilf: Die Leute haben Hunger, wie soll es denn sonst gehen? Specksack:Reichland bleibt Reichland und wir geben kein Stück von unserem Reichland an die Armländer zurück. Gotthilf, das sollten Sie eigentlich wissen, wir geben keine Geschenke, wir geben Kredit! Gotthilf: Kredit? Specksack:Jawohl, wir geben Kredit und nehmen uns Zinsen! So, (blickt runter zu den erstarrten Armländern) und nun zu euch, liebe Freunde! Clown: Liebe Freunde? Wie können wir mit Ihnen befreundet sein, wenn Sie uns noch nicht einmal die Büchse Fisch gönnen, die der Gotthilf uns zurückgegeben hat. Wir haben Hunger, wir brauchen den Reis, den Sie bei uns aufkaufen, wir brauchen unsere eigenen Fische, wir wollen unser Getreide zurück, das ihr an euer Vieh verfüttert, wir wollen alles zurück, was ihr uns abgenommen habt! Specksack:Nana, wer wird denn gleich von abnehmen reden, das klingt ja sehr radikal, meine lieben Armländer. Wie sieht es denn wirklich aus? Ihr wollt herauf zum Wohlstand und wir wollen nicht herunter von unserem Wohlstand. Und weil das so ist, geben wir euch nichts zurück, sondern geben euch Kredit! Und bei den Zinsen, nun gut, da mache ich euch ein günstiges Angebot! Clown: Wir sollen bei Ihnen Schulden machen? Gebt uns doch erst einmal zurück, was ihr uns abgenommen habt! Ali: Jawohl, zuerst alles zurück, was ihr uns abgenommen habt! Specksack:Ich habe euch nichts abgenommen, ich mache lediglich Geschäfte. Aber ich will euch helfen: Deshalb gebe ich euch Kredit! Lilly: Was passiert denn mit Kredit, und was ist das? Clown: Gotthilf, sag uns was passiert, wenn wir den Kredit von Specksack nehmen. Gotthilf: Also, ich an eurer Stelle würde keinen Kredit von Specksack nehmen. Wer

18 18 erst mal Schulden beim Specksack hat, der kann nur noch ärmer werden! Specksack:Schweigen Sie still, Sie sind ein gefährlicher Idealist! Gotthilf: Aber ich habe die Wahrheit gesagt! Specksack:Es geht hier nicht um die Wahrheit, es geht um ein Geschäft. Was Sie hier anfangen, ist der Ausverkauf von Reichland! So kommen wir nie auf einen grünen Zweig. Sie wollen unseren Wohlstand doch genauso wie wir alle in Reichland, oder? Gotthilf: Ich will helfen, die Armländer haben Hunger! Specksack:Ich sage ja, Sie sind ein gefährlicher Idealist, und ich sage Ihnen noch etwas: Sie sind abgesetzt, jetzt und sofort, Basta! Gotthilf: Sie können mich ja gar nicht absetzen, das kann nur die Regierung! Specksack:Ich habe sie gewarnt, Sie können unserem Reichland nicht das Geschäft vermasseln, Sie nicht! (Specksack schnippt mit den Fingern, da fällt ein Telefon herunter und klingelt, Specksack nimmt ab, grinst hämisch und sagt:) Das ist für Sie, Herr Gotthilf, die Regierung will Sie sprechen. Gotthilf: Für mich? (Specksack reibt sich schadenfroh die Hände und Gotthilf hält den Hörer ans Ohr) Ja, hier Gotthilf Büchsel. Ja, wie? Aber ich habe doch nur (legt den Hörer langsam wieder auf das Telefon und zuckt resigniert mit den Schultern) Entlassen! (Da gibt ihm Specksack einen Stoß von hinten und schubst ihn vom Unterschied runter zu den Armländern) Specksack:Wer uns die Geschäfte vermasselt, den schmeißen wir raus! Der muss weg! Da, geh zu Deinen Freunden in Armland, wirst schon sehen, was Du davon hast! Und nun zu euch, ihr armen Schlucker. Wie ist das mit dem Kredit, wollt ihr oder wollt ihr nicht? Gotthilf: (rappelt sich wieder auf und ruft:) Nein, tut das nicht, liebe Freunde, er will euch gar nicht helfen, er will nur sein Geschäft mit euch machen! Specksack:Hört nicht auf diesen gefährlichen Idealisten, er hat keine Ahnung. Aber entschließt euch schnell, ich gebe euch 5 Minuten Bedenkzeit, denn Zeit ist Geld für mich. Gotthilf: Ja, Zeit ist Geld für ihn, denn er verdient Geld in der Zeit, in der ihr verhungert! Lilly: Gotthilf, schnell, erkläre uns, wie das ist mit dem Kredit! Wir haben Hunger und je länger wir warten, desto schlimmer wird es! (Inzwischen baut Specksack oben ein kleines Tischchen auf, zieht eine Flasche Wein aus der Tasche, ein Brot dazu und tafelt auf dem Unterschied:) Gotthilf: Stört euch nicht an Specksack, der isst euch nur deshalb etwas vor, damit ihr noch hungriger werdet und einen Kredit bei ihm nehmt! (Specksack schlürft seinen Wein, hält das Glas ins Licht und sagt.) Specksack:Ein guter Tropfen! Clown: Bitte, Gotthilf, erklär uns, wie das ist mit dem Kredit! Gotthilf: Das ist so: (Er stellt sich vor das Brett des Nord-Süd- Gefälles, die anderen sehn ihm zu, Brett und Unterschied dürfen zum Zuschauerraum nicht verdeckt werden!) Zuerst bekommt ihr den Kredit. (Er steigt ein Stück das Brett hoch) Jetzt kauft ihr euch was zu essen, dann habt ihr nur noch die Hälfte vom Geld! (Er geht ein Stück zurück auf dem Brett) Jetzt erschreckt ihr, weil ihr gerade satt geworden seid und schon die Hälfte vom Kredit ist weg. Schnell kauft ihr Saatgut, damit ihr eure Nahrung selber anbauen könnt. Das Saatgut müsst ihr natürlich bei Specksack kaufen, der daran verdient. (Rutscht wieder ein Stück herunter) Sagen wir mal, die Hälfte eurer Felder ist verdorrt, weil es zu heiß ist und kein Regen fällt (Rutscht wieder ein Stück nach unten) Mit der anderen Hälfte habt ihr Glück und könnt ernten. (Steigt wieder ein erhebliches Stück hinauf) Tja, wenn ihr nun denkt, ihr hättet damit genug zum Essen, dann irrt Ihr euch. Die eine Hälfte der Ernte müsst ihr ver-

19 19 kaufen, damit ihr im nächsten Frühjahr wieder neues Saatgut habt. (Rutscht wieder die Hälfte seines Aufstieges herunter auf dem Brett) Und was euch dann noch bleibt, braucht ihr, um die erste Rate des Kredites mit den Zinsen an Specksack zurückzuzahlen! (Rutscht ganz vom Brett herunter) Und nun seid ihr genauso arm dran, wie vorher. Nur Specksack, der ist reicher geworden. Versteht ihr nun, was er will mit dem»zeit ist Geld? Juan Juanito: Und was passiert dann? Gotthilf: Tja, dann kommt Specksack und macht euch ein neues Angebot! Lilly: Er gibt uns einen neuen Kredit! Gotthilf: Richtig! Und dafür müsst ihr Düngemittel, Maschinen, Wasserpumpen und alles was ihr braucht, kaufen. Von Specksack, das steht im Vertrag! Und Specksack ist schlau: er lässt euch am Anfang immer soviel übrig, dass ihr zuviel habt zum Verhungern und zu wenig zum Leben. Clown: So ist das also! (Rennt auf das Nord-Süd-Gefälle bis fast oben hin und ruft:) Und immer, wenn wir meinen, wir hätten s geschafft, wenn wir schon Essen auf dem Tisch von Specksack riechen können, dann ruft der: Specksack:Zinsen, Raten, Rückzahlungen. Das sind klare Abmachungen. Clown: Und ratsch, (rutscht wieder ganz nach unten) sind wir wieder da, wo wir angefangen haben: Alle: In Armland Ali: Und kein Stückchen besser dran als vorher Juan Juanito: Schlechter sind wir dran, weil wir dann Schulden haben! Lilly: Und Specksack wird immer reicher dabei! Mogli: Und wir werden immer ärmer. Gotthilf: Darum sage ich euch, lasst euch nicht mit Specksack ein, seine Bank ist gefährlicher als ein Vampir. Zeit ist Geld. Mit dem Kredit macht Specksack aus der Zeit Geld. Er verlangt Zinsen und stürzt euch in Schulden. Lasst die Finger von solchem Kredit. Specksack: (von oben zum Publikum) Die Kerle sind klüger als ich dachte! (packt seinen Tisch und das Essen weg) (laut) So liebe Freunde, wie habt ihr euch entschlossen? Wollt ihr den Kredit oder nicht? Clown: (räuspert sich) Herr Specksack, haben Sie gut gegessen? Specksack:Vielen Dank für die Nachfrage, der Wein und die Speisen waren exzellent! Clown: Herr Specksack, hätten Sie Lust auf etwas Musik und Gesang zum Nachtisch, ja? Specksack: (leise zum Publikum) Oha, Sie werden weich und höflich, also wollen sie Kredit! (zu den anderen)nun, ein kleines Liedchen nach dem Essen hilft verdauen, aber singen Sie ein schönes Lied, ich habe einen so empfindlichen Magen! Clown: Keine Angst, Herr Specksack, ich werde dirigieren! (dreht sich um zu den anderen und macht Psst!... 1, 2, 3, 4) (alle stellen sich vor Specksack auf, der sich in Positur setzt) Das Lied vom Specksack und dem Knecht! Hochverehrter, hochgelehrter, reicher, werter Herr Bankier, Ach, Sie haben gut gegessen, gut getrunken und geschmaust und wir Armen zum Erbarmen Hungrigen, die hier vor dir stehen, durften dir bei deiner Mahlzeit voller Freude noch zusehen. Diese Ehre, diese Würde, wie du dich mit Wonne stopfst, während uns, den armen Schluckern, Spucke aus dem Mund tropft. Dieses Schauspiel, wie du schlemmest, ach, das nahm uns mächtig mit, und in deiner Gier nach Wohlstand bietest du uns noch Kredit. Nein, Herr Specksack, wir sind klüger, wir nehmen nichts aus ihrer Hand, Sie sind ein Geizhalt und Betrüger, hauen Sie ab aus unserem Land! (Bei»hauen Sie ab«stürzen alle auf den Specksack zu, der vor Schreck vom Kasten fällt! Alle lachen fürchterlich) Gotthilf: Das war aber ein schönes Lied, das wird der fette Specksack so schnell nicht vergessen! Lilly: Es wird ihm auf den Magen schlagen!

20 20 Clown: Hoffentlich, wer so viel isst und nichts davon abgibt, dem geschieht das recht. Ali: Habt ihr gesehen, wie er vor Schreck von der Kiste gefallen ist? Ich hab mich fast totgelacht! Plumps, da lag der Specksack unten! Mogli: Na ja, mir ist aber nicht so zum Lachen zumute, Ich habe Hunger und wir haben nichts zu essen! Gotthilf: Das stimmt. Das ist gar nicht lustig. Lilly: Was wird jetzt aus uns? Mogli: Vielleicht hätten wir doch den Kredit von Specksack nehmen sollen! Clown: Nie! Davon wäre es uns auch nicht besser gegangen. (Pause, dann Düsenjägergeräusche) Hört mal, Da kommt ein Flugzeug! Lilly: Ein Flugzeug zu uns nach Armland? Nichts wie weg, da sind sicherlich wieder so fürchterliche Touristen, solche mit Fotos, Blitze, Blitzi, umga, mumga, und so! (Will wegrennen) Gotthilf: (hält sie fest) Nein, bleibt hier, lasst uns erst mal sehen, wer das ist! Ali: Flugzeuge kommen immer aus Reichland, was können die schon von uns wollen! Gotthilf: Lasst mich nur machen, wir warten erst mal ab. (Folgt Auftritt Regierungsdelegation. Drei mit Zylinder, Aktenkoffer, Frack, steigen mit Leiter auf die Reichlandkiste) Lilly: Gotthilf, wer ist denn das schon wieder? Die Drei: Wir sind die Abordnung! Gotthilf: Und was wollt ihr hier? Die Drei: Wir sind eine Verhandlungsabordnung! Clown: Und worüber wollen Sie mit uns verhandeln? Erster: Ähm Zweiter: Nun denn Dritter: Also Alle Drei: Sie hatten bereits Erster: die Ehre Zweiter: und das Vergnügen Dritter: kurz, die Gelegenheit Alle Drei: unseren allseits beliebten und hochgeschätzten Herr Specksack kennen zu lernen, Erster: den Präsidenten der Nationalen Industrie-und Handelskammer, Zweiter: den Aufsichtsratsvorsitzenden des Bankhauses Specksack und Beutelschneid Dritter: und großen Vorsitzenden der»reichlandpartei«. Juan Juanito: Ja, ja, den verfressenen mit dem empfindlichen Magen, den Geschäftemacher, den haben wir kennen gelernt. Ali: Und der hat uns auch kennen gelernt! (Die anderen lachen, Lilly ruft) Lilly:»Plumps, weg war er!«wie geht es seinem»empfindlichen«magen? Erster: Oh, danke der Nachfrage, nicht besonders, Herr Specksack weilt zur Kur in der Schweiz. Clown: Und dabei haben wir ihm ein so schönes Liedchen gesungen! Gotthilf: Und worüber wollt ihr mit uns verhandeln? Zweiter: Nun, nach unserer Kenntnis hat Herr Specksack Ihnen in seiner Großzügigkeit einen Kredit Ali: Ein mieses Geschäft! Zweiter: einen Kredit angeboten, den Sie abgelehnt haben. Clown: Stimmt genau! Dritter: Nun, sicherlich ist Ihnen nicht entgangen, dass Herr Specksack natürlich ein Geschäft im Auge hatte. Ali: Ein mieses Geschäft! Alle Drei: Sagen Sie das nicht! Erster: Er macht nur gute Geschäfte! Juan Juanito: Für euch sind das gute Geschäfte. Ali: Und für uns sind das miese Geschäfte. Zweiter: Egal, aber es ist klar, dass Specksack nur Geschäfte macht, wenn er ein Geschäft dabei machen kann. Lilly: Er wollte uns Kredit, so einen Kredit wollte er uns geben! Clown: Und dann wollte er jede Menge Zinsen dafür haben. Ali: Er wollte ein mieses Geschäft mit uns machen! Juan Juanito: Und das nannte er»hilfe«. Dritter: Ihr habt abgelehnt, nun ja, wir sind darüber informiert. Deshalb möchten wir gerne mit ihnen verhandeln. Gotthilf: Verhandeln? Worüber denn?

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