Rede von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer anlässlich. der Überreichung des Großen Goldenen Ehrenzeichen mit

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1 Rede von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer anlässlich der Überreichung des Großen Goldenen Ehrenzeichen mit dem Stern an George Tabori, Freitag, dem 20. Oktober 2006 Sehr geehrte Damen und Herren! Sagen wir es rundheraus: George Tabori ist ein Glücksfall! Ein Glücksfall für das Theater, wo er als Autor und Regisseur brilliert hat. Ein Glücksfall für Österreich, das er durch seine Theaterarbeit kulturell bereichert und beschenkt hat. Ein Glücksfall auch für mich, in meiner heutigen Rolle als Laudator; denn eine Persönlichkeit wie George Tabori zu würdigen bedeutet, einen Lebensweg nachzuzeichnen, der an interessanten Entwicklungen, an Spannungen und an Höhepunkten kaum zu überbieten ist.

2 2 Seit seiner Geburt war George Tabori mit Österreich verbunden und immer wieder machte er auf seinen lebenslangen Streifzügen durch die ganze Welt in Österreich Station. Geboren wurde George Tabori in der Abenddämmerung der österreichisch-ungarischen Monarchie, genauer gesagt in Budapest wenige Wochen vor Beginn des 1. Weltkrieges. Es ist vielleicht bezeichnend, dass George Tabori auf Wunsch seines Vaters zunächst eine Hotelierslehre begann, brachte ihn dies doch schon sehr früh in Kontakt mit Menschen, die auf Reisen sind, Menschen, die von einem Ort zum anderen ziehen. Joseph Roth, dessen Leben mit jenem von George Tabori in mancherlei Hinsicht vergleichbar ist, hat diesen Menschen in seinem Roman Hotel Savoy ein ergreifendes Denkmal gesetzt. Bald aber schon war George Tabori kein Angestellter in einem Hotel mehr, sondern selbst ein Reisender, genauer gesagt ein Fliehender, der vor den Nazis zunächst nach Wien, dann nach Prag und schließlich nach London fliehen musste. Als britischer Offizier ging er in den Nahen

3 3 Osten und kehrte im Jahr 1943 nach London zurück, wo er als Journalist arbeitete und seinen ersten Roman schrieb. Ich halte hier kurz in meiner LebensWEGbeschreibung inne, um darauf zu verweisen, dass George Tabori im Jahr 1945 gerade einmal 31 Jahre alt war. Und um darauf zu verweisen, dass der Vater von George Tabori von den Nazis ermordet worden war, seine Mutter wie durch ein Wunder den Terror aber überlebte führte ihn sein Weg in die USA, wo er viele deutschsprachige Exilschriftsteller kennen lernte, darunter Bert Brecht und Thomas Mann. Er schrieb Drehbücher, etwa für Alfred Hitchcock, und wurde schließlich, wie viele Intellektuelle, ein zweites Mal Opfer von Engstirnigkeit und Intoleranz diesmal im Kleid des Antikommunismus von Senator McCarthy. Tabori ging nach New York, übersetzte deutschsprachige Autoren und widmete sich immer mehr seiner eigentlichen Profession und Obsession: dem Theater.

4 4 Während Österreich gerade den Staatsvertrag abschloss, 1955 also, führte er das erste Mal am Theater Regie. Zwei Ereignisse von weit reichender Bedeutung. Langsam aber unaufhaltsam näherte sich George Tabori in weiterer Folge Wien: Über London, Bremen und München, inszenierte er seine erste Oper 1986 in der Wiener Kammeroper und wurde 1987 Leiter des Theaters Der Kreis. Ab 1990 begann dann jene Ära, die im Wiener Theaterleben unvergessen bleiben wird, als Tabori am Burgtheater inszenierte und eigene Werke zur Aufführung brachte. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass die Inszenierung von Shakespeares Othello zu den wichtigsten Produktionen des deutschsprachigen Theaters der letzten Jahrzehnte zählt. Aber auch eigene Stücke, wie etwa Goldberg Variationen oder Mein Kampf waren brillant geschriebene und virtuos gespielte Theaterstücke, die große Erfolge feiern konnten.

5 5 In diese Zeit fällt auch meine eigene, kleine Zusammenarbeit mit George Tabori: 1992 wurde im Reichsratssitzungssaal des Parlaments über mein Ersuchen Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie von Tabori in Szene gesetzt. An einem Tag, der dem Gedenken an die Befreiung Mauthausens gewidmet war. Zum Leidwesen des Wiener Theaterpublikums hat George Tabori Wien 1999 in Richtung Berlin verlassen. Nicht im Zorn, sondern eher auf Grund einer Schlamperei, da das Angebot, in Wien zu bleiben, ihn ein paar Stunden zu spät erreichte. Groß ist die Freude, diesen Magier des Theaters nunmehr wieder hier in Wien zu wissen. Seine unbestechliche, heiterbissige Art, in der Kunst die eigene Gegenwart zu glossieren, ist vielleicht nicht immer für jeden angenehm, immer aber wichtig und lohnend. Ich hoffe sehr, dass wir viele Facetten dieser Kunst auch in Zukunft wieder zu sehen und zu hören bekommen.

6 6 Meine Damen und Herren! Auch wer den Berufs- und Lebensweg von George Tabori in aller Kürze nachzeichnet, wie ich es soeben versucht habe, zeichnet Linien über den ganzen Globus, wechselt von einer Metropole zur anderen, einem Theaterhaus in das nächste. Kein Wunder also, dass das Thema Heimat, oder besser, das Thema Heimatlosigkeit im Leben von George Tabori eine große Rolle spielt, - eine Hauptrolle, vielleicht. Ein Schriftsteller muss, nach meinem Geschmack, ein Fremder sein lautet eines der Zitate von George Tabori. Dabei handelt es sich nicht um das pathetische Zurückweisen eines Heimatgefühls, sondern um Heimatlosigkeit als ein Schicksal, das man angenommen hat. Dieses Schicksal hat George Tabori zu einem Patrioten der Heimatlosigkeit werden lassen. So sehe ich es zumindest.

7 7 Am heutigen Tag ist das Wichtigste, George Tabori zu ehren. Seit nunmehr 10 Jahren ist er Mitglied der Kurie für Kunst des Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst. Dies ist die höchste Auszeichnung, die üblicherweise einem Künstler in Österreich zuteil werden kann. Die Republik hat sich dazu entschlossen eine noch höhere Auszeichnung an George Tabori zu verleihen und zwar das Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern. Und es ist nur recht und billig, einem Theater- Star einen Stern zu verleihen. Dieses darf ich Ihnen nunmehr tun und gleichzeitig meiner Freude Ausdruck verleihen. - Herzlichen Glückwunsch!

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