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1 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 1 debizz D E U TS C H S PR A C H I G E S W I R TS C H A F TS M A G A Z I N I N R U M Ä N I E N # 50 Februar 2008 Wachstumsstar Banken- und Leasing-Markt

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3 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 3 DENKZETTEL Jenseits von Gut und Bö(r)se Egal, ob es jemand wahrnehmen oder gar offen zugeben will wir stecken in der Tinte. Wir haben uns an der Droge des billigen Euro berauscht. Jetzt, wo der Kurs abgestürzt ist, leiden wir buchstäblich an Entzugserscheinungen. Denn genau das passiert uns die Euros werden uns entzogen. Jahrelang pumpten Anleger Euros an die rumänische Kapitalbörse, um vom Zinsgefälle zu profitieren. Heute sind sie von der Lage an den internationalen Kapitalmärkten, aber auch von den schlechten Nachrichten über die rumänische Wirtschaft verunsichert und weichen auf sichere Anlagen aus Gold. Dafür machen sie ihre Gewinne am rumänischen Währungsmarkt zu barem Geld. Sie kaufen Euros und die steigende Nachfrage treibt die Euro-RON-Kurse in die Höhe. So einfach ist das. Besonnene Finanzleute hatten schon vor geraumer Zeit gewarnt, dass der ultraharte RON eine Seifenblase ist, die irgendwann einmal platzen werde. Sie hatten klipp und klar argumentiert, dass der billige Euro auf dem Einstieg von Spekulationsfonds am hiesigen Kapitalmarkt basiert und nicht etwa auf der grandiosen Leistung der rumänischen Wirtschaft. Man hat ihre Warnungen als Kassandrarufe, als puren Defätismus abgestempelt und vom Tisch gefegt. Lange wird sich allerdings niemand der Realität entziehen können. Es dämmert uns nämlich allmählich, dass der Trip zum Horror-Trip wird. Für den wir tüchtig draufzahlen. Um eine Schuldfrage geht es hierbei jedoch nicht. Die Situation ist, wie sie ist, jenseits von Gut und Böse (oder Börse). Es gibt in jeder Lage Gewinner und Verlierer; im Endeffekt entscheidet jeder für sich allein, wie er mit seinem Geld umgeht. Müller Euro-Kredite waren zum Beispiel vor einem Jahr ja soooo billig, da konnte man schlecht widerstehen. Heute fallen, gemessen am RON, monatlich 20 % mehr für Zins und Tilgung an und das selbst, wenn die Banken am Zins nichts mehr ändern... was eher unwahrscheinlich sein dürfte. Die Empfehlungen der Fachleute, Darlehen und Hypotheken aufzunehmen, aber doch bitte in der Währung, in der man sein Gehalt ausgezahlt bekommt, um so besser gegen Kursschwankungen geschützt zu sein, wurden wenig bis gar nicht beachtet. Es wird auf der anderen Seite aber auch genug Anleger gegeben haben, die ihre Chance erkannten und vom billigen Euro anders als durch Konsum profitierten. Wer stets Euro verbilligt gekauft hat, sitzt heute auf einer Goldgrube: Man könnte den Euro zum hohen Kurs abstoßen, die RON kurzfristig gewinnbringend anlegen und die Euro wieder zurückkaufen, wenn der Kurs sich nach der Krisenwelle erholt hat. So sieht ein mögliches Erfolgsrezept aus. Der teure Euro schreckt Importe ab und fördert Exporte eine gute Chance, etwas vom riesigen Handelsdefizit abzubauen. Andererseits ist ein teurer Euro Gift für die Inflation, weil er in einer am Tropf der Importe hängenden Wirtschaft die Konsumpreise explodieren lässt. Gutes und Schlechtes gehen also Hand in Hand. Das Beste am Platzen von Seifenblasen aber ist, dass man immer etwas daraus lernen kann. Dieser Lektion dürfen wir uns nicht entziehen... Alex Groblacher Bukarester Winterzauber TÜT! TÜT! TÜT! TÜT! debizz 3

4 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 4 INHALT BUSINESS ab S Putin gibt Gas in Sofia Laut Gasprom-Chef Miller geht South Stream 2013 in Betrieb Im Kurbereich könnte ganz Europa von einem preiswerten System profitieren Rumänischer Europaabgeordneter strebt steuerliche Begünstigungen für die Branche an FOKUS: Wachstumsstar Banken- und Leasing-Markt POLITIK & GESELLSCHAFT ab S. 48 Politkommentar: Blick in die Kristallkugel: 49 Wahljahr mit brisanten Enthüllungen debizz Ford setzt weiterhin auf Rumänien Nokia-Krise läßt Sorgen bei Kölner Belegschaft des US-Autobauers hochkommen Rumänien 10 Top oder Flop? Euro/RON-Kurs weiterhin auf Achterbahnfahrt 3,2-3,4 RON/Euro zum Jahresende erwartet 29 Wirtschaftskommentar: Dunkle Wolken E.ON in der Endauswahl 34 für Kraftwerksbau in Borze[ti Wirtschaftsminister Vosganian kündigt Superprivatisierungsjahr im Energiebereich an 36 Wir finden hier Leute, die den Willen haben Außerordentliches zu leisten debizz-gespräch mit Markus Wirth, Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz-Rumänien WIRTSCHAFT & FINANZEN ab S. 28 Wir haben jetzt ein Jahr lang geprobt Wohl kaum eine Stadt hat der Kulturhauptstadttitel so verändert wie Hermannstadt Königliches Nachfolgerecht geht an Prinzessin Margareta Grenzgänger und Multiplikatoren Die rumänische Redaktion der Deutschen Welle präsentiert sich in neuem Sendeformat Fußball-EM 2008: Millionen Fans fiebern erlebten Emotionen entgegen INFO BULGARIEN ab S. 66 Russlands AKW-Bauer Atomstroyexport 69 stellt Belene fertig Die Zahl der Energieblöcke könnte von zwei auf vier erhöht werden

5 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 5 BUSINESS Siemens AG Siemens Rumänien schluckt Klausenburger FROSYS Siemens S.R.L. Rumänien hat den Klausenburger Industriedienstleister Frosys übernommen. Für die Wachstumsstrategie von Siemens Rumänien war diese Akquise wichtig, da Frosys mit seiner Markterfahrung das Portfolio von Siemens Industrial Solutions and Services (I&S) in den Bereichen Infrastruktur und Industrie ergänzt. Der einheimische Dienstleister war jahrelang Mitbewerber und Partner von Siemens I&S. Frosys beschäftigt rund 120 Mitarbeiter, im vergangenen Geschäftsjahr war ein Umsatz von über 8 Mio. Euro erzielt worden. Das Klausenburger Unternehmen, das seit 1995 Anlagen und Lösungen in den Bereichen Elektronik und Automation vertreibt, wird nun unter dem Namen Frosys, a Siemens Business auftreten. Der Siemens-Bereich I&S ist ein Systemund Lösungsintegrator für Anlagen der Industrie und Infrastruktur; der Dienstleister nutzt eigene Produkte, Systeme und Verfahrenstechnologien, um die Produktivität von Unternehmen in den Branchen Metallurgie, Wasseraufbereitung, Zellstoff und Papier, Öl und Gas, Schiffbau, Tagebau, Flughafenlogistik, Postautomatisierung, Straßenverkehrstechnik und industrielle Dienstleistungen zu steigern. Auch Siemens Österreich kann sich freuen. Das Unternehmen zog gleichfalls in Klausenburg einen Großauftrag an Land, der die Modernisierung und Erweiterung des öffentlichen Beleuchtungsnetzes der Stadt vorsieht. Der Vertrag beläuft sich auf über 12 Mio. Euro, hat eine Laufzeit von 15 Jahren und sieht vor, dass Siemens die gesamte Klausenburger Beleuchtungsinfrastruktur liefert, installiert und wartet. Meinl will Klausenburger Airport ausbauen Meinl Airports International (MAI) verhandelt, laut rumänischer Presse, über eine Beteiligung am Flughafen Cluj/Klausenburg. Die österreichische Beteiligungsgesellschaft soll vor einem Investment in der siebenbürgischen Großstadt stehen, wo sie sich am internationalen Flughafen der Stadt beteiligen und auch dessen Ausbau finanzieren will. Cluj ist ein interessanter Airport. Wir führen deshalb Gespräche, die Verhandlungen sind aber noch in einer frühen Phase, erklärte dazu eine MAI-Vertreterin. Für Meinl Airports International wäre Cluj im Übrigen die zweitgrößte Stadt Rumäniens das erste Investment in Rumänien. Rumänischerseits bestätigte Marius Nicoar`, Vorsitzender der Kreisrates Klausenburg, dass man zur Zeit mit der österreichischen Investmentgesellschaft Gespräche führe. Meinl Airports International, ein auf Investitionen in Flughäfen und flughafennahe Bereiche mit Fokus auf Zentralund Osteuropa spezialisiertes Unternehmen der österreichischen Meinl-Gruppe, hatte Anfang Dezember den Stand seiner Liquiditäten mit 430 Millionen Euro beziffert. Gegenwärtig ist MAI jedoch erst im hundertprozentigen Besitz eines einzigen Flughafens jener der südostsibirischen Stadt Ulan Ude, etwa 5640 km östlich von Moskau gelegen. Rumänien wird aufgemöbelt Die Kika/Leiner-Möbelkette expandiert nach Rumänien und Serbien. Der Markteintritt stehe unmittelbar bevor, verlautete der österreichische Konzern. Klares Expansionsziel ist in beiden Ländern die Marktführerschaft, gab (Noch-) Geschäftsführer Herbert Koch bekannt. Der Familienbetrieb wurde 1973 gegründet und betreibt seither eine ununterbrochene Expansionspolitik. Kika-Einrichtungshäuser gibt es derzeit in Österreich (33), in Ungarn (6), in Tschechien (2), in der Slowakei (1) und in Kroatien (1). Im Geschäftsjahr 2006/07 erzielte die Kika/Leiner-Gruppe, die rund Mitarbeiter beschäftigt, einen Gesamtumsatz von 1,24 Milliarden Euro. Hauptwettbewerber und heimischer Branchenprimus XXXLutz (Jahresumsatz: 2,5 Milliarden Euro), der hierzulande bereits eingestiegen ist, hält jedoch dagegen: Bei Lutz will man 2008 die Ostexpansion gewaltig forcieren, einschließlich in Rumänien. Insgesamt 60 neue XXXLutz-Filialen sollen in Rumänien, Ungarn, der Slowakei, in Slowenien, Kroatien, Bulgarien und der Türkei entstehen, wo der Einrichtungshändler mit seiner Diskontkette Möbelix die Marktführerschaft im Billigsegment anstrebt. Die Vorbereitungen und Sondierungen sind abgeschlossen, 60 Filialstandorte sind fixiert. Klares Ziel ist es, in all diesen Ländern die Nummer 1 im Diskontbereich zu werden, so der Unternehmenssprecher der XXXLutz-Gruppe. Im konventionellen osteuropäischen Möbeldiskontbereich sieht der zweitgrößte Möbelhändler der Welt nämlich die größten Marktchancen. Die Zeit ist reif, dass wir dort kräftig investieren, so Unternehmenssprecher Saliger. debizz 5

6 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 6 STANDORTVERLAGERUNG Nokia schließt Standort Bochum, Jucu läuft an Der Ruhrpott in Aufruhr deutsche Politiker werfen Finnen Fördergeld-Abzocke vor Aus für die Handyproduktion in Deutschland: Weltmarktführer Nokia hat Mitte Januar die Schließung seines Bochumer Werks und die Verlagerung der Handyproduktion nach Rumänien, Ungarn und Finnland angekündigt. Damit sind die Jobs der rund 2300 deutschen Beschäftigten, jene weiterer 1000 Leiharbeiter sowie etwa 1000 Stellen bei Zulieferern unmittelbar betroffen. Aus für Bochum: Die Handyproduktion soll im Sommer eingestellt werden Der finnische Riese ist der letzte Handyhersteller, der den Produktionsstandort Deutschland verläßt. Erst vor einem Jahr hatte BenQ Mobile seine Produktion eingestellt, vor sechs Monaten kündigte dann der US-Hersteller Motorola seinen Rückzug aus Deutschland an. Die Entscheidung sei keine leichtfertig getroffene gewesen, erklärte der Aufsichtsratschef der Nokia GmbH, Veli Sundbäck, jedoch habe die rasante globale Marktentwicklung das Unternehmen zum Handeln gezwungen. Damit wir erfolgreich sind, müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit kontinuierlich verbessern, sagte der Nokia-Manager, wiederholt hervorhebend, dass die Arbeitskosten in Deutschland im Vergleich zu Rumänien um das Zehnfache höher Franz Peter Tschauner/Rompres liegen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Nokia-Standorts Bochum hätte auch mit weiteren Investitionen nicht ausreichend verbessert werden können, so Sundbäck. Nach Angaben von Nokia-Sprecherin Arja Suominen soll die Produktion im rumänischen Werk bei Jucu, Cluj/Klausenburg, noch in diesem Quartal aufgenommen werden. Ein weiterer Teil der bisherigen Massenfertigung in Bochum soll auf das ungarische Werk Komárom entfallen. Für Spitzenprodukte mit Bedarf an hoch qualifizierter Arbeitskraft ist die Verlagerung in das finnische Salo geplant. In Deutschland werde Nokia künftig knapp 1000 Mitarbeiter beschäftigen, die ausschliesslich in den Bereichen Vertrieb, Forschung und Entwicklung sowie Ausbau seines Internetangebots tätig sein werden, verlautete Suominen. Der finnische Konzern war 1987 nach Deutschland gezogen, zwei Jahre später wurde die Handyproduktion in Bochum aufgenommen. Nach Opel war Nokia der zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt. Bei den deutschen Politikern und Gewerkschaften sorgte die Entscheidung für Empörung. Das Land Nordrhein-Westfalen beabsichtigt die Rückforderung von Fördermitteln prüfen, da Nokia zwischen rund 60 Mio. Euro an Fördermitteln und weitere 28 Mio. Euro an Forschungsgeldern vom Bund kassiert hat, sagte die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Christa Thoben. Die CDU-Politikerin vermutete zudem, dass für den neuen Nokia-Standort in Rumänien wieder öffentliche Mittel in diesem Fall von der EU eingesetzt würden. Nordrhein- Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) legte noch eins drauf und erklärte Nokia zur Subventions-Heuschrecke, die erst in Deutschland staatliche Hilfen kassiere und dann grundlos nach Rumänien abwandere, um dort weitere Unterstützungen zu erhalten. Derartige Vermutungen wies Nokia-Manager Sundbäck entschieden zurück das Unternehmen habe weder Subventionen vom rumänischen Staat noch von der EU erhalten. Die Bundesregierung bot schließlich Nokia intensive Gespräche an, um die Finnen zum Umdenken bezüglich ihrer Entscheidung wider Bochum zu bewegen. Die Debatte um Subventionswettkämpfe wurde auch von der deutsche Presse angeheizt. So behauptete die in Essen erscheinende WAZ, dass bereits Anfang 2006 der rumänische Regierungschef und der Klausenburger Bürgermeister an den Plänen zur Verlagerung des Nokia-Werkes gefeilt hätten seien sodann 33 Mio. Euro Subventionen für den Industriepark in Cluj geflossen, wo das neue Nokia-Village angesiedelt ist. Dies hingegen wies EU- Kommissionschef Barroso im Straßburger Parlament zurück: In den Bau des neuen Nokia-Werks in Rumänien seien keine Fördermittel der EU geflossen. Es habe lediglich Geld für die Erschließung von Industrieparks gegeben, doch keine Strukturmittel für die Verlagerung von Betrieben, letzteres sei inakzeptabel, sagte Barroso. Zudem dürfe nicht übersehen werden, dass der Produktionsstandort Deutschland selbst durch die Verlagerung aus Finnland entstanden sei weshalb sollte 6 debizz

7 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 7 STANDORTVERLAGERUNG Nokia-Village bei Jucu, Cluj Marius Popescu/Rompres nun keine weitere Verlagerung nach Rumänien möglich sein?! Auch Kommissionssprecherin Kaluzynska bestätigte, dass das rumänische Nokia-Werk nicht von der EU mitfinanziert wird. Es seien vor einigen Jahren zwar EU-Mittel für die Einrichtung des Klausenburger Industrieparks geflossen, jedoch hatten diese nicht den Teil, in dem das Nokia-Werk entsteht, betroffen. Kaluzynska verwies darauf, dass die Erschließung des Industrieparks Tetarom bereits 2001 begonnen hat, als die Kommission Rumänien mit Hinblick auf dessen EU-Beitritt unterstützte. Damals waren für die Infrastruktur des Industrieparks 3,36 Mio. Euro an EU-Fördermitteln geflossen, seither ist der Industriepark jedoch schon zwei Mal vergrößert worden, wobei Nokia sich im Abschnitt Tetarom III niederläßt, für den keinerlei EU-Gelder beansprucht wurden. Eine künftige Förderung der Nokia-Präsenz in Rumänien schloss die Kommissionssprecherin ebenfalls aus - im Strukturförderprogramm für Rumänien für die Jahre sei jedwelche Kofinanzierung von Arbeitsplatzverlagerungen ausdrücklich ausgeschlossen. Doch wolle die Kommission prüfen, ob aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung, über dessen Mittelverwendung die rumänische Regierung selbstständig entscheiden kann, eventuell Gelder an Nokia gingen oder versprochen wurden. Des Weiteren könne die Kommission nicht sagen, ob Bukarest den Finnen Subventionen angeboten habe, bislang zumindest hätten die rumänischen Behörden keine derartigen staatlichen Beihilfen in Brüssel gemeldet, wozu sie laut EU-Verträgen verpflichtet sind. Spekulationen der rumänischen Presse zufolge sind im neuen Nokia-Werk Jucu mittlerweile die ersten Handy-Prototypen produziert worden. Die Massenproduktion soll, laut Lokalmedien, noch diesen Monat beginnen. Bis Ende 2007 will Nokia hierzulande 500 Mitarbeiter einstellen, in den nächsten Jahren soll die Belegschaft sodann auf 3500 steigen. Seinerseits will der rumänische Staat ein 40 km langes Autobahn-Stück vom Nokia-Park in Jucu bis zur Kreishauptstadt Klausenburg bauen lassen. Zusammen mit Nokia haben die wichtigsten Zulieferer des Konzerns in Rumänien Einzug gehalten nämlich die finnischen Verpackungsdienstleister Hansaprint und Stora Enso, der chinesische IT- Produzent BYD Electronics und der Elektro-Hersteller Foxconn Technology. Den weltweit größten Handyhersteller ließ die Rage der Deutschen kalt. Deutsche Analysten warnten zudem vor überzogenen Reaktionen. Der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Christoph Schmidt, erklärte, dass die Nokia-Entscheidung eine konsequente sei. Wenn man jemanden herlocken kann, indem man sagt, hier gibt es schöne Fördermittel, dann ist klar, dass spätestens nach Auslaufen der Förderung neu kalkuliert wird. Das würde jeder nüchterne Kaufmann so machen. Fast jede regionale Wirtschaftsförderung versuche heutzutage, durch finanzielles Entgegenkommen Firmen anzulocken. Nokia sei ein internationales Unternehmen, das eben nüchtern kalkuliere, so Schmidt. Ein Konzern denkt nicht in regionalen Kategorien, der denkt an den eigenen Betriebserfolg und an die nächste Hauptversammlung. Damit hätte man rechnen müssen. Dem finnischen Riesen geht es derzeit prächtig. Mit 133,5 Mio. Handys im 4. Quartal verkaufte Nokia mehr Handys als die drei größten Rivalen - Samsung, Motorola und Sony Ericsson - zusammen. Der Nettogewinn stieg 2007 um 67 % auf 7,2 Mrd. Euro, der Umsatz um 24 % auf 51,1 Mrd. Euro. Lilo Millitz-Stoica debizz 7

8 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 8 GROßINVESTITION Ford setzt weiterhin auf Rumänien Nokia-Krise läßt Sorgen bei Kölner Belegschaft des US-Autobauers hochkommen Premier T~RICEANU (rechts) und Ford- Europe-Chef FLEMING (Mitte) besuchen das Craiovaer Werk Die Übernahme des ehemaligen Daewoo-Automobilwerks in Craiova durch den US-Autobauer Ford ist zwar noch längst nicht endgültig unter Dach und Fach schließlich steht die Genehmigung des Deals durch die EU-Kommission noch aus, da Brüssel weiterhin überprüft, ob die Privatisierung ohne Staatshilfen erfolgt ist -, doch blickt die Belegschaft des Ford-Standorts Köln bereits voller Sorge in die Zukunft. Wir verfolgen die Nokia-Diskussion mit wachsamem Blick, erklärte ein Mitglied des Kölner Ford-Gesamtbetriebsrats der Lokalpresse. Mit Hinblick auf den bevorstehenden Markteintritt in Rumänien gebe es auch in Köln Befürchtungen, dass ein Teil der lokalen Produktion in das neue Ford-Werk bei Craiova verlegt werden 8 debizz Angelo Brezoianu/Rompres könnte. Der Fordbetriebsrat ist folglich derzeit bemüht, derlei Ängste aus der Welt zu räumen: Man habe die Entscheidung für das Werk in Rumänien mitgetragen, weil es um die Schaffung zusätzlicher Kapazitäten für Osteuropa ging, die Arbeitsplätze am Standort Köln seien zudem mit Ausnahme der Motorenherstellung für den US-Markt immerhin bis 2011 durch Vereinbarungen gesichert. Auch geht der Kölner Betriebsrat davon aus, dass in Craiova vor allem auf die Produktion von Kleinwagen aufbauend auf der Fiesta-Plattform gesetzt wird. Der Ford-Strategie zufolge soll der neue Standort Craiova zur Steigerung der gesamten europäischen Produktion auf zwei Millionen Fahrzeuge beitragen. Auch der Sprecher von Ford Europe, Hans-Jürgen Fuchs, verlautete Beruhigendes: Das Engagement in Craiova bedeute nicht, dass Kapazitäten in anderen europäischen Werken des Konzerns abgebaut würden - auch nicht in Köln, wo der Fiesta und dessen Hochdach-Version Fusion hergestellt werden. Die europaweite Nachfrage steige schließlich permanent, der Konzern hätte schon letztes Jahr mehr Fiestas verkaufen können, wenn zusätzliche Produktionskapazitäten vorhanden gewesen wären. Zu dem Produkt, das in Rumänien hergestellt werden soll, sei bisher von Ford nichts gesagt worden, erklärte Fuchs gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger. Im Herbst letzten Jahres hatte Ford- Europe-Chef John Fleming im Verlauf seiner mit Ministerpräsident C`lin Popescu-T`riceanu geführten Gespräche wiederholt darauf hingewiesen, dass der US-Konzern in den nächsten fünf Jahren die Zahl der im ehemaligen Daewoo-Werk tätigen Mitarbeiter tüchtig aufzustocken gedenke. Der rumänische Staat hatte die marode Fabrik bekanntlich 2006 vom koreanischen Autobauer Daewoo zurückgekauft. Im Verlauf seiner Verhandlungen mit den rumänischen Behörden hatte Ford eröffnet, in Craiova neben Autos auch Motoren produzieren zu wollen. Das oltenische Werk, das zuletzt lediglich Fahrzeuge produzierte, soll, laut Ford-Plänen, mittel- bis langfristig auf Einheiten pro Jahr kommen. Auch die Motorproduktion vor Ort soll auf gleichfalls Stück gesteigert werden. Am Craiovaer Arbeitsmarkt, der seit Jahren von hoher Arbeitslosigkeit geprägt wird, herrschte eitel Freude mit Hinblick auf rosigere Zukunftsaussichten: Ford hatte erklärt, die Zahl der im Werk tätigen Mitarbeiter von derzeit auf bis aufzustocken. Ford-Berechnungen zufolge werden bis zum Jahr 2012 rund 1,37 Milliarden Dollar an Investitionen zur Modernisierung des Craiovaer Autowerkes fließen; für 72,4 % der Anteile an der rumänischen Autofabrik hatte der US-Konzern 57 Millionen Euro gezahlt. L. M. S.

9 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 9 NEWS Pharmahandelskonzern Celesio bei Farmexim abgeblitzt Farmexim, einer der drei führenden rumänischen Pharmagroßhändler, hat vorerst den Einstieg des Stuttgarter Pharmahandelskonzerns Celesio abgelehnt. Farmexim-Chef Ovidiu Buluc wies ein Angebot in unbekannter Höhe zurück - unter anderem, da der Einstieg von Celesio nicht mit einer Wertsteigerung für das Unternehmen verbunden sei. Damit ist auch der für einen späteren Zeitpunkt geplante Einstieg Celesios bei der Apothekenkette HelpNet zumindest einstweilig vom Tisch. Farmexim hat im vergangenen Jahr seinen Umsatz um 35 % auf 150 Millionen Euro steigern können; für 2008 peilt Firmenchef Buluc, der über 70 % am Unternehmen hält, erneut ein Plus von mindestens 25 % an. In den Sondierungsgesprächen soll der Wert des Grossisten auf 55 Millionen Euro geschätzt worden sein. Die Apothekenkette HelpNet ist mit rund 100 Filialen die zweitgrößte hierzulande und gehört ebenfalls zur Farmexim-Gruppe. Das Interesse am rumänischen Markt scheint der Stuttgarter Konzern indes nicht verloren zu haben. In der Branche wird Rumänien als eines der attraktivsten Länder für einen Einstieg der paneuropäischen Handelskonzerne in Osteuropa gehandelt. Die Defizite bei der Versorgung Apotheken arbeiten mit Budgets, die zumeist wenige Tage nach Monatsanfang aufgebraucht sind werden durch die guten Wachstumsraten wett gemacht. Der Frankfurter ANZAG-Konzern ist seit 2006 in Rumänien vertreten und zwar mit einer Beteiligung am Konkurrenten Farmexpert.

10 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 10 INVESTITIONSINDEX Rumänien Top oder Flop? Osteuropäische Länder wie Rumänien, Tschechien oder Ungarn rücken aus dem Fokus internationaler Investoren, zeigt der letzten Monat veröffentlichte Foreign Direct Investment Index 2007 des Beratungsunternehmens A. T. Kearney auf. Der Studie zufolge verliert, aus weltweiter Sicht, Mittel- und Osteuropa zunehmend an Boden, das meiste Geld fließt nach China, Indien, in die USA und nach Großbritannien. Der A. T. Kearney-Index beruht auf einer Befragung der Vorstände der weltweit 1000 größten Firmen. Während ehemalige Vorzugsschüler aus Osteuropa an Boden verlieren, zieht Asien bei den globalen Direktinvestitionen weiter davon und auch der mittlere Osten befindet sich im Aufwind. Westeuropa schneidet recht schwach ab und ist in den Top 10 nur mit Großbritannien (Rang 4) und Deutschland (Rang 10) vertreten. Laut Index bleiben Länder wie Rumänien, Polen oder die Ukraine nur noch für Investoren aus Europa, die 25 % der Befragten ausmachten, interessant. Bezüglich Rumänien zeigen sich die europäischen A. T. Kearney-Experten dennoch verhalten optimistisch. So sind, laut Robert Kremlicka, dem Geschäftsführer von A.T. Kearney Österreich, die Unternehmenskäufe der österreichischen Firmen in den neuen EU-Ländern zwar weitestgehend abgeschlossen, doch in Rumänien und Bulgarien gebe es noch Chancen für potenzielle größere Akquisitionen. Bereits im Vorjahr hatte der Geschäftsklimaindex der Österreichischen Kontrollbank ergeben, dass österreichische Investoren bei der Beurteilung der Geschäftsaussichten in Mittel- und Osteuropa vorsichtiger geworden sind. Die Geschäfte in dieser Region würden zwar gut laufen, hieß es Ende letzten Jahres, doch in den meisten Ländern habe das hohe Niveau nicht gehalten werden können. Den Trend bestätigte auch die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD, derzufolge die ausländischen Direktinvestitionen in den neuen EU-Staaten 2007 leicht gesunken sind (auf 24,5 Mrd. Dollar von 24,8 Mrd. Dollar im Vorjahr). Als Hauptgrund führte die EBRD an, dass die Privatisierungen vor Ort weitgehend abgeschlossen sind. Guten Mutes scheinen auch die deutschen Unternehmen zu bleiben, sie wollen in Osteuropa weiterhin wachsen. Der Fokus der internationalen Expansion deutscher Firmen werde immer stärker in diese Region verschoben, informierte das Handelsblatt, da man,,dort einen kräftigen Schub für das eigene Geschäft" erwarte. Die Wirtschaftszeitung hat in diesem Sinne 409 Top-Manager deutscher Unternehmen zu ihren Strategien für die kommenden 12 Monate befragen lassen. Das Ergebnis bezeigt, dass bei den Auslandsmärkten Osteuropa deutlich dominiert. Ich bin fest davon überzeugt, dass in Osteuropa weiterhin ein ungeheures Potenzial liegt, das noch längst nicht abgeschöpft wurde. Gerade für mittelständische Unternehmen bieten sich hier noch vielfältige Möglichkeiten. Und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion darf man auch nicht außer Acht lassen. Ich warne Investoren davor, nur nach China zu schauen, denn dort wachsen die Bäume auch nicht in der Himmel", zitiert das Blatt den Osteuropaexperten Jörg Preisert. L. M. S. 10 debizz

11 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 11 BERATUNG EU-Beitritt geschafft, Anschluss verpasst Die Leistung Rumäniens als neues EU-Mitglied sorgt im Land noch für relativ viel Unmut, weil die Regierung den Integrationsprozess weitgehend stotternd absolviert. Zu den Fehltritten der Regierung gehören die Erstzulassungsgebühr für Fahrzeuge, die neuen Verkaufsregeln für kleine Landwirte und Lebensmittelerzeuger und die Ausstellung der Krankenversicherungskarten. Im Dezember sorgte das tierschutzgerechte Schlachten der Schweine für zusätzlichen Stress und für eine interessante Bereicherung der Wörterbücher um den Begriff asomare (ziemlich unglücklich gewähltes Pendant für Betäubung). In Brüssel hat das Stirnrunzeln der Eurokraten ernstere Gründe die Auswirkungen des politischen Boxkampfes zwischen Premierminister und Präsident sowie die Leistung der Justiz, die das Prädikat unter jeder Kritik verdient. Wie um das Bonmot zu bestätigen, dass im Wilden Westen Banditen Banken ausraubten, während im Wilden Osten Banditen Banken gründen, um andere Leute auszurauben, ging zum Jahresende eine neue Fehlentscheidung aufs Konto der Behörden. Rumänien hat eine besonders reiche Erfahrung im Bereich Insolvenz und Zahlungsunfähigkeit von Banken und ähnlichen Einrichtungen. Einige Beispiele sind Credit Bank, Bankcoop, Bancorex (die Bank des dritten Jahrtausends, die nicht einmal das zweite überlebt hat), Banca Religiilor, FNI, zudem viele kleinere ähnliche Fälle). Diese Erfahrung könnte zur Tradition mutieren. Was passierte nun zu Jahresanfang im europäischen Rumänien? Die Datenschutzbehörde ANRPDCP hat dem rumänischen Kreditbüro einer Einrichtung des Bankensystems zur Registrierung des Zahlungsverhaltens von Kreditnehmern - einen schweren Schlag versetzt. Die Behörde musste aufklären, welche persönlichen Daten das Bonitätsbüro über Privatpersonen in Zahlungsverzug erheben darf. Die ANRPDCP entschied, dass das Kreditbüro persönliche Daten nur von Banken erheben darf; der Zugang zu diesen Daten ist nur Befugten erlaubt. Die Bereitstellung der Daten an Dritte ist verboten. Das bedeutet, dass die wenigen Leasing-Gesellschaften, Telekommunikationsbetreiber und Kreditfirmen, die bis zum Daten über ihre Gläubiger an das Kreditbüro meldeten, dies ab dato zu unterlassen haben. Alle diese Firmen gehen dementsprechend ein höheres Risiko ein, da sie ihren Kunden gegenüber dieses Zwangsmittel nicht mehr einsetzen können. Oder anders gesagt: Wer bei Leasing, Versicherung, Mobilfunk oder Kreditfirma in Verzug gerät, kann unbesorgt einen Bankkredit aufnehmen, weil die Bank nichts mehr über dessen Schuldenstand erfahren kann. Die einzige Sorge eines Kreditnehmers wird sein, seine Raten bei der Bank pünktlich zu bezahlen. Bei allen anderen Versorgern kann er ruhig haufenweise Schulden machen. Schöne Methode, mehr Ordnung im System zu schaffen! Ein Wahrsager hat in Asien prophezeit, dass 2008 das Ende der Welt kommt. Rumänen können ruhig weiter schlafen: Sie hinken allen anderen sowieso hundert Jahre nach! Corneliu-Teofil Teaha, Sorana Cernea Kontakt TEAHA MANAGEMENT CONSULTING Bucure[ti Cluj Napoca Sibiu Bra[ov Timi[oara JW Marriott Grand Offices Bukarest Telefon: Fax: Wer bei Leasing, Versicherung, Mobilfunk oder Kreditfirma in Verzug gerät, kann nunmehr unbesorgt einen Bankkredit aufnehmen, weil die Bank nichts mehr über dessen Schuldenstand erfahren kann. debizz 11

12 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:57 AM Page 12 INTERVIEW Wir finden hier Leute, die den Willen haben Außerordentliches zu leisten debizz-gespräch mit Markus Wirth, Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz-Rumänien Die Wirtschaftskammer Schweiz-Rumänien wurde im Jahr 2000 ins Leben gerufen. Was waren die Beweggründe, die zu ihrem Entstehen führten und wie viele Mitglieder zählt sie derzeit? Sieben Firmen entschieden sich damals eine private Organisation zu gründen, welche die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Rumänien fördern, erleichtern und unterstützen sollte. Heute zählen wir 67 Mitglieder, sieben Vorstandsmitglieder und eine vollamtliche Executive Direktorin. Mittlerweile haben wir auch vermehrten Kontakt zu den Handelskammern und Wirtschaftsverbänden anderer Länder. Zusätzlich sei zu erwähnen, dass wir auch Mitglieder in unsere Wirtschaftskammer aufnehmen, die in nichts c h w e i z e - rischem Besitz sind, 12 debizz jedoch Geschäftsbeziehungen zu schweizerisch-rumänischen Unternehmen unterhalten. Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey hat anlässlich des Ende letzten Jahres erfolgten Besuches von Staatspräsident Băsescu hervorgehoben, dass Rumänien gegenwärtig der wichtigste Handelspartner der Schweiz in Südosteuropa ist. In welchen Branchen sind die schweizerischen Unternehmen hierzulande besonders aktiv? Unsere Mitgliedsfirmen sind in sehr verschiedenen Gebieten tätig. Ihre Schwerpunkte liegen im Lebensmittel- und Getränkebereich, in der Landwirtschaft, im Bereich der Baumaterialien und deren Segmente Zement, Kies, Beton u.a., in der Energie- und Produktionsindustrie, im Handel, der Hotel- und Restaurantbranche, im Pharma- und medizinischen Bereich, in der Presse, im Beratungsbereich (Finanz, Steuer, Recht, IT) sowie im Lufttransport. Rumänien war bis Ende 2007 ein Schwerpunktland der eidgenössischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und des Staatssekretariats für Wirtschaft. Welche Wirtschaftsprojekte konnten dabei konkret gefördert werden? Das Landesprogramm Rumänien umfasste drei Pfeiler: Unterstützung der privaten Initiative insbesondere der KMU, Reform des Gesundheitssektors, Infrastruktur und Umweltschutz. Ich bin über einige Projekte der zweiten und dritten Pfeiler informiert, kenne selbst jedoch kein größeres Projekt des ersten Pfeilers. Alle Firmen, mit denen ich in Kontakt bin, haben folglich die finanziellen Mittel zum Aufbau einer Geschäftstätigkeit in Rumänien selbst aufgebracht. Wie viele schweizerische Unternehmen gibt es gegenwärtig hierzulande und in welcher Größenordnung bewegen sich deren Investitionen? Eine neue Untersuchung im Rahmen einer Masterarbeit an der Universität Fribourg zeigt auf, dass in Rumänien insgesamt etwa Unternehmen mit schweizerischem Kapital vorhanden sind. Ich schätze, dass im Land etwa 120 Firmen direkt investieren. Seit 1990 betragen die Direktinvestitionen bis heute zwischen 600 und 800 Millionen Euro. Die eidgenössische Volkswirtschaftsministerin Leuthard erwähnte gegenüber dem rumänischen Staatschef, dass noch jede Menge Wachstumspotenzial im Bereich der Wirtschaftskooperation und speziell des Handels bestehe. Welche Sektoren dürften sich, aus Ihrer Sicht, 2008 und darüber hinaus als besonders interessant erweisen? Ich finde, dass die rumänische Tourismusindustrie einen sehr großen Nachholbedarf hat. Überall fehlt es an guten und nachhaltigen Leistungen. Es ist zum Beispiel schwierig, in Rumänien einen Ort zu finden, an dem eine grosse Konferenz mit über 100 Teilnehmern durchgeführt werden kann, an dem Unterkunft, Verpflegung und Service generell gut sind und der Preis konkurrenzfähig ist. Nicht zu guter Letzt ist auch die Erreichbarkeit eines derartigen Ortes nicht unwichtig.

13 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:58 AM Page 13 INTERVIEW Weiterhin steckt viel Potenzial im Handel mit lokal hergestellten Produkten. Um dabei jedoch in Europa konkurrenzfähig zu sein, ist es außerordentlich wichtig, dass wir in Rumänien die dringend benötigte Logistik-Infrastruktur erstellen. Sicherlich werden ebenso die Bau- und Lebensmittelindustrie in diesem Jahr ein großes Potenzial aufweisen. Auch die Beratungsunternehmen werden entsprechend der gesteigerten Aktivitäten aller Branchen von einer lebhaften Nachfrage nach Dienstleistungen profitieren. Die eidgenössischen Behörden erörtern zurzeit das Thema der Personenfreizügigkeit für Rumänien. Wäre aus schweizerischer Sicht eine Arbeitnehmerfreizügigkeit gegenüber Rumänen kurz- oder mittelfristig begrüßenswert? Ich habe in Rumänien viele sehr gute Mitarbeiter kennengelernt. Einige von ihnen haben Stellen in verschiedenen Unternehmen in der Schweiz erhalten. Ich selbst begrüße es, wenn gute Arbeitnehmer ohne große Hindernisse in der Schweiz eine Stelle antreten können. Welches ist unverschönt das Image unseres Landes in der Schweiz? Viele Leute wissen zwar, wo Rumänien liegt, habe aber keine Ahnung, dass es hier viele sehr gut ausgebildete Leute mit einer außerordentlich positiven Einstellung zur Arbeit und zu ihrer Firma gibt. Kann man dort überhaupt richtig leben? ist nur eine der Fragen, die ich schon einige Male in der Schweiz beantworten musste. Große Armut, Straßenkinder und geringe Sicherheit sind die am meisten genannten Attribute. Meine Antwort darauf ist oft ein: Komm einfach nach Rumänien, mich besuchen. Viele Leute haben das getan sie sind ausnahmslos mit guten Eindrücken zurückgereist. Im letzten Jahr war das Unternehmen, dem ich selbst vorstehe Holcim Romania Gastgeber der jährlich irgendwo in Europa stattfindenden Europa-Konferenz mit dem Top-Management und dessen Partnern. Nach drei Konferenztagen sind schließlich über 200 Geschäftsleute, die größtenteils noch nie in Rumänien gewesen waren, mit vielen guten Eindrücken heimgereist. Welches waren die häufigsten Probleme, die Ihre Mitgliedsunternehmen 2007 zu bewältigen hatten? Wie viele Klagen über Korruption, Arbeitskräftemangel und rasant steigende Löhne hören Sie als Präsident der Wirtschaftskammer? Umständliche und zeitraubende bürokratische Prozesse sowie unvorhergesehene Gesetzesänderungen erschweren die Entwicklung von Geschäften in Rumänien. Dabei treten auch Fälle von Korruption auf. Manchmal werden von Staatsangestellten unvorhergesehene Finanzkontrollen in den Unternehmen durchgeführt. Das Vorgehen ist oft wenig transparent und die Beanstandungen können meist nicht mit gesetzlichen Grundlagen erklärt werden. Solche Prozesse sind zeitraubend und binden unnötigerweise Arbeitskapazitäten. Die mangelhafte Infrastruktur, insbesondere der Verkehrswege, ist ein weiteres Hindernis zur zügigen Entwicklung des Landes. Die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften ist größer als das Angebot am Arbeitsmarkt. Aus diesem Grund kommt es häufig vor, dass gut ausgebildete Mitarbeiter mit bis zu doppelten Salärangeboten von einer aktuellen Stelle abgeworben werden. Viele westliche Unternehmen ziehen aus den eben erwähnten Gründen bereits weiter ostwärts. Ist der Trend auch bei schweizerischen Unternehmen bemerkbar? Ich glaube nicht, dass eine Entscheidung gegen Rumänien und für weiter ostwärts häufig gefällt wird. Eher wird entschieden, in Rumänien UND weiter ostwärts zu investieren. Analysten etlicher internationaler Finanzinstitutionen warnen seit Monaten vor einer Konjunkturüberhitzung hierzulande. Anzeichen dafür gibt es genügend bereiten sie Ihnen als Manager eines in Rumänien tätigen Großunternehmens zunehmende Kopfschmerzen? Steigende Personalkosten und Teuerung sind Probleme, die uns mehr beschäftigen werden. Die Abwertung der lokalen Währung gegenüber dem Euro wird sowohl die Erfolgsrechnung als auch die Bilanz der Unternehmen beeinflussen. Diese Veränderungen werden mir jedoch keine zunehmenden Kopfschmerzen verursachen. Ich erwarte eine zunehmende Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen. Die Unternehmen werden weiter investieren, um die erreichten Positionen am Markt halten oder ausbauen zu können. In diesem Sinne welche Konjunktur erwarten Sie für 2008? Eine leicht verbesserte oder eine verschlechterte? Ich erwarte eine zunehmende Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen. Die Unternehmen werden weiter investieren, um die erreichten Positionen am Markt halten oder ausbauen zu können. Ich erwarte folglich eine gleich gute Konjunktur für das Jahr Last but not least welches wäre das Hauptargument, das Sie einem Unternehmer Ihres Landes nennen würden, um ihm eine Investition in Rumänien schmackhaft zu machen? Der rumänische Markt ist groß, er hat enormes Entwicklungspotenzial. Wir finden hier eine Generation von Leuten, die gut ausgebildet ist und den Willen hat, weiter zu lernen, die bereit ist außerordentliche Leistungen zu erbringen, um mit einem Unternehmen Erfolge zu erreichen. Auch als Standort für Firmen, die aus Rumänien exportieren wollen, sehe ich Vorteile. Die Produktionskosten sind vorläufig noch günstiger als in hoch entwickelten Ländern. Des Weiteren erachte ich das politische System als stabil und die Wirtschaft als reif genug, um auch mit unerwarteten Problemen fertig zu werden. Und schließlich bin ich überzeugt, dass ausländische Investoren in Rumänien sowohl bei den Behörden als auch bei den Arbeitnehmern willkommen sind. Lieselotte Millitz Stoica debizz 13

14 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:58 AM Page 14 BANAT Siemens VDO gehört auch in Rumänien der Geschichte an Conti mit drei neuen Divisionen: Chassis & Safety, Powertrain und Interior Fast gleichzeitig sind der Reifenhersteller Continental und Siemens mit ihrer VDO-Sparte in Rumänien eingestiegen, ihre ersten und bisher auch größten Niederlassungen gründeten beide deutschen Konzerne im westrumänischen Temeswar/Timi[oara. Seit kurzem prangt nun auch auf dem Frontispiz der Siemens VDO das gelbe Continental-Banner. Wie bei jeder Veränderung hatte sich auch hierzulande das Personal zunächst vor allem bei Siemens Sorgen um Arbeitsplätze und Zukunft gemacht. Wir wollen ausbauen und nicht Arbeitsplätze streichen, hieß es als Antwort auf pessimistische Zeitungsbeiträge aus dem Pressebüro der Temeswarer Continental-Niederlassung, nachdem bekannt worden war, dass Continental die VDO-Sparte von Siemens kauft. Aus der zweiten Managementebene von Siemens VDO war in Temeswar zu hören, dass die Lösung ein gute war, an ein deutsches und noch dazu renommiertes Unternehmen zu verkaufen. Mittlerweile ist auch beim Personal Eintracht eingekehrt. Ich rechne fest damit, dass es durch die Übernahme keine Probleme geben wird, sagte der debizz eine Arbeitnehmerin aus der ehemaligen Siemens VDO-Sparte. In Temeswar befindet sich das modernste Reifenwerk des Konzerns in Europa. 11,2 Mio. Reifen verließen das Werk letztes Jahr, für 2008 ist eine Produktion von über 13 Mio. Reifen geplant. Continental Reifen Temeswar beschäftigt zurzeit rund 1200 Mitarbeiter, betreibt zusammen mit der Logistikfirma Dietrich-Honold in der Nähe von Temeswar ein Reifen-Vertriebszentrum für den osteuropäischen Markt. Nach der Übernahme von Siemens VDO hat Continental in Rumänien nun insgesamt mehr als 5000 Arbeitnehmer. Über die neuen Strukturen, über Arbeitsplätze und neue Produktionssegmente von Continental nach der Siemens-VDO-Übernahme gab die Pressesprecherin von Continental Romania, Ildiko Kovacs, Auskunft. 14 debizz

15 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:58 AM Page 15 BANAT eine Hierarchie der gefährdeten Standorte vornehmen müsste? Worum geht es, um die Produktions- oder Entwicklungssparte? Grundsätzlich stehen alle Continental- Standorte ständig auf dem Prüfstand hinsichtlich ihrer Wettbewerbsfähigkeit und Leistungskraft, das gilt logischerweise auch für die neu erworbenen. Darauf hat Manfred Wennemer, der Vorstandsvorsitzende der Continental, hingewiesen. Rumänien ist ein wichtiger Standort für die Continental AG und alle Investitionen hier sind in Erweiterung. Ich bitte um eine Bilanz 2007 zu Continental. Gehen Sie dabei kurz auf alle vier Divisionen ein. Mit dem Zusammenschluss von Continental und Siemens VDO entsteht einer der größten und innovativsten Automobilzulieferer weltweit. Siemens VDO wird erstmals für Dezember 2007 in der Bilanz des Continental-Konzerns geführt haben wir einen Umsatz von 14,9 Mrd. Euro generiert. Addiert man den Umsatz von Siemens VDO dazu, wären es rund 25 Mrd. Euro. Detaillierte Ergebnisse für das Jahr 2007 liegen uns bislang noch nicht vor. Dazu können wir Ende Februar mehr sagen. Ein Teil der Arbeitsplätze bei Continental in Deutschland soll ins Ausland verlagert werden. Inwiefern ist Rumänien davon positiv oder auch negativ betroffen? Das lässt sich derzeit noch nicht sagen. Dies hängt auch von der Entwicklung der Märkte, der jeweiligen Produkte und den Kunden ab, die beliefert werden. Was heißt in Rumänien, in Temeswar, Billigreifen zu produzieren? Welche Qualität, welche Preise, welches Personal? Rumänien entwickelt sich von einem kostengünstigen Standort zu einem interessanten Absatzmarkt. Besonders die Personalkosten sind im letzten Jahr gestiegen. Continental hat dieselben Produktionsstandards weltweit und diese gelten auch in Rumänien. Wir sind Partner der wichtigsten Automobilhersteller weltweit, wir halten alle unsere Verpflichtungen ein und bemühen uns ständig, beste Qualität zu liefern. ILDIKO KOVACS, Pressesprecherin Continental Romania Welche Qualität haben Billigreifen, die sich angeblich auf 9,99 Euro/Stück belaufen sollen, um den chinesischen Billigreifen die Stirn zu bieten? Die Performance der Reifen entspricht den gesetzlichen Anforderungen in jedem Land sowie die Anforderungen des jeweiligen Fahrzeugherstellers. Was fehlt an den rumänischen Standorten sowohl auf die gestandene Continental als auch auf die Ex-Siemens VDO bezogen? Wir sind auf der Suche nach geeigneten Fachkräften. Siegfried Thiel Zu welcher Division wird die neu hinzugekommene VDO-Sparte gehören? Siemens VDO wird in den Continental-Konzern integriert. Aus der ehemaligen Siemens VDO und der bisherigen Continental-Division Automotive Systems entstehen die drei neuen Divisionen: Chassis & Safety, Powertrain und Interior. Alles, was auf Dauer aus dem Ex-Siemens-Bereich keine Rendite zwischen 9% - 12 % ergibt, wird verkauft, so ähnlich zitiert die deutsche Presse Aufsichtsratschef Manfred Wennemer. Können Sie das bestätigen? Wo stehen die rumänischen Niederlassungen, wenn man debizz 15

16 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:58 AM Page 16 BANAT Agrarsektor über Oberösterreichische Raiffeisen-Landesbank gefördert Der Begriff Bank ist, gemessen an der Strategie der Raiffeisen Landesbank Oberösterreich, eigentlich untertrieben oder fehl am Platz. Die Bank sucht Partner, um mit diesen in Rumänien als Anteilseigner Gesellschaften zu gründen, Finanzierung zu sichern, Consulting zu gewährleisten, aber auch in Siloanlagen, Transportlogistik und sogar in Ölpressen für Biodiesel zu investieren, sollte die verfügbare Rapsmenge solche Anlagen vor Ort rechtfertigen, sagte in diesem Kontext Dr. Ludwig Scharinger, Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender der Oberösterreichischen Raiffeisen Landesbank. Anlass seines Rumänien-Aufenthaltes war eine Kontaktaufnahme zur rumänischen Landwirtschaft. Österreich und Rumänien sollen im Agrarbereich zusammenarbeiten, um brach liegende Flächen optimal nutzbar zu machen, meinte Dr. Scharinger gegenüber den Lokalunternehmern und Geschäftsführern aus der Landwirtschaft. Außer Präsente werden vergeben: ADRIAN R~DULESCU (links) und LUDWIG SCHARINGER Landwirten waren Interessenten aus dem Vertriebssektor von Saatgut gekommen, dazu Händler im Bereich Landmaschinen, Fachleute von Landwirtschaftsämtern und Agrarhochschulen. Bereits einige Monate davor hatte Josef Stockinger, Minister für Land- und Forstwirtschaft in Oberösterreich, sein Interesse für eine Zusammenarbeit der beiden Länder bekundet: Das Banat, als Kornkammer, könnte in der Rohstofffrage ein guter Partner sein. Echte Euphorie machte sich bei Adrian R`dulescu, Kabinettschef des rumänischen Landwirtschaftsministers, breit: Ich kannte bisher nur die eine Variante: Banken nehmen dir immer viel mehr, als sie dir geben. Nun konnte ich sehen, dass es auch anders sein kann. IT-High-Light aus Temeswar: Online-Lösung für Hausärzte Diese Internetadresse sollten sich Ärzte ab sofort merken: Es geht um das jüngste Produkt des Anbieters von IT-Lösungen, Syonic, der als neuesten Renner eine Software, das ICMed, auf den Markt bringt. Bei Syonic in Temeswar/Timi[oara wurde die Software entwickelt sie ermöglicht eine einfache Bedienung zum Erledigen der täglichen Schreibarbeit, die in den Arztpraxen anfällt. Die innovative Software-Online-Lösung kann vom Benutzer ohne Einrichtungsaufwand von jedem x-beliebigen Arbeitsplatz aus angewendet werden. Krankengeschichte aufrufen, Laborwerte erfassen und kontrollieren, Rezepte schreiben und sofort ausdrucken, Weiterempfehlungen an Fachärzte sind nur einige der High-lights. Nachfrage und Interesse ließen folglich auch nicht lange auf sich warten: Die Erfahrungen der ersten Anwender der neuen Software hatten gezeigt, dass 40 % des Zeitaufwandes eingespart wird. Hausärzte haben es nunmehr leichter und demzufolge auch viel mehr Zeit für ihre Patienten letztere dürfte dies am meisten freuen. Das Syonic-Team bei der Arbeit Es geht dabei jedoch nicht nur um Krankenbetreuung schlechthin, sondern auch die Kommunikation zwischen Arzt und Krankenkasse, die eine neue Dimension erhält. Vertraglich an die Krankenkasse gebundene Ärzte werden ab diesem Jahr an das so genannte einheitliche und integrierte Informationssystem angeschlossen. Berichterstattung und Kommunikation zum integrierten System können mit ICMed nun automatisiert und problemlos ablaufen. Nicht nur das IT- und Ärzte- Team des deutsch-rumänischen Unternehmens hat dieses Projekt gestaltet, weitere Ärzte und Fachleute aus der Pharmakologie wurden ebenso hinzugezogen. Nahezu 140 Ärzte waren schon bei der ersten Präsentation von Syonic dabei, mittlerweile wurde ICMed in mehreren Städten Westrumäniens vorgestellt. Natürlich sind wir an einer solchen Software interessiert, sagen die Ärzte, da bislang nur ein Bruchteil des Zeitaufwandes beim Arztbesuch dem Kranken selbst zukam, der Rest bestand stets aus Papierkram. All dies soll sich mit ICMed zum Guten wenden. Einfacher wird es bei der Patientenbetreuung nicht nur für den Arzt, sondern auch für die Sprechstundenhilfe. Alles um 200 Lei pro Monat für Nutzung der Online-Lösung inklusive Wartung. In dieser Gebührenhöhe dürfte die Kostenfrage, gemessen am Preis-Leistungsverhältnis, eine ganz nebensächliche sein, ließen Insider bereits wissen. S. T. 16 debizz

17 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:58 AM Page 17 BANAT Hobbywinzer mit Fachwissen und Überpoduktion Sathmarer Gegend bietet Edelsorten wie Feteasc` Regal` und Italienischer Riesling einen Keller habe ich von meinem Vater geerbt, den anderen habe ich dazugekauft. Schemenhaft liegen die Den Weinkeller im Dunkeln am Dorfrand von Bildegg/Beltiug. Nur das matte Licht der wenigen Glühbirnen des Dorfes erhellt, zum Teil, den Hügel, wo Familie Pech ein idyllisches Plätzchen mit Weinkeller, Küche und Empfangsraum hat. Franz Pech geht voraus, um die elektrische Beleuchtung anzuschalten. Ich bin Hobby-Winzer, das hier mache ich alles aus Leidenschaft, jedoch erst nach der beruflichen Arbeit. Die ersten Reben hier haben noch unsere Vorfahren aus Baden-Württemberg gebracht. Dabei lässt der Winzer einen nostalgischen Blick in die Ferne schweifen - weit hinten liegt sein Heimatdorf, wo kurz davor seine Frau Maria noch stolz ihr Öko-Projekt vorgestellt hatte, mit dem die Kindergärtnerin zusammen mit ihren Schützlingen letzten Herbst für Unterrichtseinheit und Kommune die grüne Öko-Fahne bei einem nationalen Wettbewerb gewinnen konnte. Und dann sind wir oben im Gebäude. Ein Empfangsraum, um den wohl manch ein Weinkellerinhaber unseren Gastgeber Franz Pech beneidet. Mit dem rustikalen, jedoch zweckmäßig eingerichteten Raum, mit den edlen Getränken und den appetitlich angerichteten Fleischtellern haben die Pechs überzeugende Argumente zum Bleiben auf Lager. Beilage nur, wer unbedingt will, verkündet der Hausherr, muntert zum Zulangen auf und deutet zwischendurch auf das Gästebuch: Schreiben Sie im Laufe des Abends was hinein, Gutes und auch Schlechtes. In meiner Funktion als Journalist rangiere ich im Titel-Ranking weit unten. Ehemalige deutsche Botschafter wie Armin Hiller und Wilfried Gruber, britische Botschafter, Minister...alle hatten das Vergnügen, bei den Pechs zu Gast gewesen zu sein. In Pechs Weinkeller reiht sich Fass an Fass aneinander: Über Nacht wird keiner zum Winzer. Da muss schon an Familientradition angeknüpft werden können. Auch den entsprechenden Kostenaufwand hat Pech nicht gescheut: Ich habe die nötigen Geräte, Traktor, Rebenspritze. Und dann folgt das Novum und der ganze Stolz des Winzers eine mit Sensoren ausgestattete Maschine, die nicht nur zwischen den Reihen, sondern auch zwischen den Reben zu hacken vermag. Früher hatten die Vorfahren aus Deutschland die Grünspitz-Rebe in die Sathmarer Gegend gebracht, mittlerweile sind Edelsorten wie Feteasc` Regal` und Italienischer Riesling hier zu Hause. Feteasc` Neagr` ist der neueste Versuch des Hobbywinzers 500 Reben hat er letztes Jahr angepflanzt. Franz Pech beim Verkosten seiner Eigenproduktion Viorica Rain Die Top-Weingegend Rumäniens ist das Sathmarer Land nicht. Im Vergleich zu den Gegenden in der Moldau und insbesondere im Süden Rumäniens ist die Sathmarer Gegend nicht gerade ideal für den Weinbau. Dort gibt es viel mehr Sonnentage. Bei uns sind viel mehr Arbeit und Rebenspritzen gefragt. In guten Jahren gibt ein Hektar einen Traubenertrag von Tonnen ab Trauben von einem Hektar können dann bis Liter Wein ergeben. Und als Vergleich für den Laien: Vor 1945 erzielten unsere Großväter von 10 Ar Weingarten mehr als von einem Hektar Ackerland Liter Wein sind derzeit in Pechs Weinkellern gelagert, darunter Liter zum Abfüllen für düstere Zeiten, meint der Winzer schelmisch. Die Abfüllanlage dafür hat er bereits in Ungarn gekauft. Fünf Minuten später hat Pech seine Gedanken betreffend Altersvorsorge jedoch ad acta gelegt. Der im Hauptberuf als Abteilungsleiter des Straßenbauamtes tätige Hobbywinzer schließt natürlich nicht aus, dass er sich vielleicht irgendwann mal auch dem Tourismus widmet, zudem sind erste Exporte schon in absehbarer Zeit sind keinesfalls abwegig. Der Start letzteren Vorhabens könnte im Mini-Format schon im kommenden Jahr erfolgen, wenn er seine nach Deutschland ausgesiedelten Töchter besucht und als kleines Präsent selbstverständlich auch eine Flasche Rotwein aus dem eigenen Keller mitbringt. Schließlich hat jeder mal ganz klein angefangen... Siegfried Thiel debizz 17

18 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:58 AM Page 18 SIEBENBÜRGEN Es war die unglaubliche Dynamik des rumänischen Marktes, die uns zurücklockte Erfolgsstory einer Heimkehrerin, die sich in Hermannstadt bestens bewährt hat 18 debizz Die 30 Jahre junge Caroline Selea verließ Rumänien noch als Kind. Nach einem mit Auszeichnung abgeschlossenen Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main und anschließender zweijähriger Tätigkeit als Projektmanagerin im Business Development bei der Stinnes-Tochter TFG International GmbH beschloss sie, gemeinsam mit ihrem ebenfalls aus Rumänien stammenden Ehemann nach Rumänien zurückzukehren und den ersten Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Es war die unglaubliche Dynamik, mit der sich der rumänische Markt entwickelte, die uns zurückgelockt hat erklärt Caroline Selea. Im Vergleich zu dem teilweise recht übersättigten Markt in Deutschland versprach uns Rumänien eine Vielzahl an Chancen und Alternativen für Neugründungen. Es gab sehr viele Möglichkeiten, sich in fast jedem geschäftlichen Bereich erfolgreich niederzulassen, die Anzahl der zu erwartenden Konkurrenten war gering oder erst gar nicht vorhanden. Caroline Selea gründete ihr Unternehmen JBC EDEN SRL und entschied sich als Tätigkeitsschwerpunkt für den Import und Vertrieb von zumeist deutschen Produkten auf dem rumänischen Markt. So zählen zu dem angebotenen Produktportfolio der JBC EDEN beispielsweise Melitta-Kaffee, Vollkornbrote der Mestemacher Gmbh, Kölln-Zerealien und Ready-tobake Kuchen- und Brotbackmischungen. Eine weitere wichtige Entscheidung war damals jene des Marktsegments, das wir zu bedienen gedachten, sagt Caroline Selea. Gemeinsam mit ihren sechs fest angestellten Mitarbeitern erstellte sie zahlreiche Analysen bezüglich der Entwicklung des traditionellen Marktes sowie der Expansion der internationalen Handelsketten. Wir entschieden letztendlich, nur mit den Key-Accounts also unseren derzeitigen Großkunden wie Metro, Selgros, Real, Penny, Plus, Kaufland usw. zusammenzuarbeiten. Die Amortisation der nötigen Anfangsinvestitionen für die Bedienung des traditionellen Marktes mit knapp kleinen und mittleren Einzelhandelsgeschäften schien uns fraglich. Caroline Selea sollte mit den damals getroffenen Prognosen Recht behalten. Die Entwicklung des traditionellen Marktes über die letzen 3-4 Jahre bezeigt, dass die Anzahl der kleinen und mittleren Einzelhandelsgeschäfte jährlich um rund 30 % abnimmt. Damit sinkt die Gesamtanzahl an Verkaufsstellen für den Lebensmitteleinzelhandel, während im Gegensatz dazu die Gesamtumsätze momentan jährlich noch im zweistelligen Bereich zunehmen. Es kommt also, ähnlich wie vor Jahren auf den westeuropäischen Märkten, zu einer Marktkonsolidierung der großen Player. Die Entscheidung, Deutschland zu verlassen und den wirtschaftlichen Neuanfang in Rumänien zu wagen, hat Caroline Selea nie bereut. Ich liebe meinen Job, das ist genau das, was ich auch weiterhin machen möchte, erklärt die Geschäftsfrau, die nun darauf hofft, den Umsatz in den letzten Jahren jeweils deutlich im zweistelligen Bereich steigern zu können hatte sich der Umsatz des Unternehmens auf knapp 7 Millionen Lei belaufen. Auch für das Jahr 2008 plant Caroline Selea Großes: die weitere Ausweitung der Produktpalette in Richtung hochwertige und gesunde Kost, wie zum Beispiel tiefgefrorene Vollkornbackwaren. Unsere Beobachtungen der letzten Jahre zeigen, dass sich die Ernährungsgewohnheiten der Rumänen deutlich in Richtung einer gesunden Alimentation entwickeln. Allerdings werden wir auch unser bestehendes Portfolio weiterhin verstärkt durch Marketing- und Sonderaktionen auf dem Markt unterstützen. Aufgrund dieser geplanten Aktionen zur Verkaufsunterstützung sowie der weiterhin ehrgeizigen Expansionspläne ihrer Key-Accounts, den internationalen Handelsketten, betreffend ein fortschreitendes Ausweichen aus der Metropole in die Provinz erwartet die Betriebswirtin für 2008 einen Gesamtumsatz von etwa 10 Millionen Lei. S.B. Unternehmerin CAROLINE SELEA: Ich liebe meinen Job

19 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:58 AM Page 19 SIEBENBÜRGEN GTZ und DWS widmen sich städtischem Wachstumspol Themenabend fokussierte Bedürfnisse, Ressourcen und Möglichkeiten zur Stärkung der lokalen Wettbewerbsfähig- Der Deutsche Wirtschaftsclub Siebenbürgen (DWS) hat das neue Jahr gleich mit einem Business Event der besonderen Art gestartet: Im Kooperation mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), dem Schweizer Restaurant Max und der Pressmedia wurde Mitte Januar ein Themenabend zum aktuellen Stand und den Erneuerungsperspektiven Hermannstadts organisiert. Referenten waren die aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung vor Ort bestens informierten GTZ-Experten sowie der Berater Steffen Mildner, der das Hermannstädter Kooperationsprojekt Altstadtsanierung im Auftrag der GTZ und des lokalen Bürgermeisteramtes in der Zeitspanne September April 2007 geleitet hat. Als Nachfolgeorganisation des Altstadt-Projektes wurde mittlerweile die Stiftung Stadterneuerung gegründet, der Christina Muntoiu vorsteht. In ihrem Vortrag erinnerte die Direktorin der Stiftung unter anderem daran, dass die Europäische Union über drei Milliarden Euro für die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft, der Verkehrsinfrastruktur, für den Umweltschutz, für die Stärkung des Humankapitals- und der Verwaltungskapazität sowie der technischen Unterstützung Rumäniens zur Verfügung stellt. Es gehe nun darum, wie jede Region Gelder abrufen, verwalten und einsetzen kann in diesem Zusammenhang solle auch nicht außer Acht gelassen werden, dass jede Region unterschiedliche Fonds erhält. Über die lebenswichtige Rolle der Infrastruktur für die Wirtschaftslage der einzelnen Regionen sowie des ganzen Landes waren sich sämtliche der zahlreichen Anwesenden einig das Thema bot Anlass zu einem regen Ideenaustausch. Seitens der GTZ wurde hervorgehoben, dass sämtliche Projekte der Gesellschaft die ausgeglichene wirtschaftliche und soziale Entwicklung der acht Entwicklungsregionen in Rumänien, entsprechend ihrer spezifischen Bedürfnisse und Ressourcen vorsehen und dabei schwerpunktmäßig städtische Wachstumspole, Infrastruktur und die lokale Wirtschaft ins Auge fassen. Die Ergebnisse bezwecken eine klare Steigerung der Lebensqualität sowie die Schaffung neuer Arbeitsplätze in Städten, um somit der lokalen Wirtschaft zum Aufschwung und/oder Stabilität zu verhelfen. So werde die Erweiterung der Gewerbeflächen- und Gebäude ebenso in Angriff genommen wie auch die Modernisierung von Hauptversorgungseinrichtungen wie zum Beispiel Wasser, Energie, Gas und Kanalisation. Die Umsetzung der Projekte für die öffentliche städtische Infrastruktur soll vermehrt auch auf die Sanierung von ungenutzten Gebäuden und deren Funktionswechsel für andere wirtschaftliche oder soziale Nutzungen abzielen. Jedoch werden auch Sanierungen von öffentlichen Räumen Straßen, Gehsteigen, Fußgängerzonen, Brücken, Passagen, Bahnübergängen, die Modernisierung von öffentlichen Grünräumen Gärten, Parks, Stadtmöbel anvisiert. Weitere förderungsfähige Aktivitäten, die zur Entwicklung der städtischen Infrastruktur und Dienstleistungen beitragen können, sind, nicht zu guter Letzt, der Bau von Haltestellen für Busse und Trolleybusse, Einrichtungen für Fahrradwege sowie Systeme für die Verkehrsverwaltung. Natürlich soll das lokale Kulturerbe auch nach Beendung des Kulturhauptstadtjahres nicht vernachlässigt werden es stehen noch jede Menge Sanierungsund Restaurierungsaktivitäten an. Sibiu, so Cristina Muntoiu, gehöre zur Kategorie städtischer Entwicklungspole, da die Einwohnerzahl der Stadt unter liegt. Sowohl das wirtschaftliche Entwicklungspotenzial als auch das soziale Potenzial einer Stadt werden bei dieser Kategorisierung berücksichtigt. Der Boom dürfte ergo weiter gehen und die Hermannstädter Wirtschaft ist bemüht, daran nicht nur teilzuhaben, sondern sich auch maßgebend an der regionalen Entwicklung zu beteiligen. Sorana Bradu debizz 19

20 debizz #50.qxd:debizz 50 6/23/10 10:58 AM Page 20 SIEBENBÜRGEN Im Kurbereich könnte ganz Europa von einem preiswerten System profitieren Rumänischer Europaabgeordneter strebt steuerliche Begünstigungen für die Branche an Nicolae Vlad Popa, Jahrgang 1950 und von Beruf Anwalt, ist seit kurzem einer der drei liberal-demokratischen Europaabgeordneten Rumäniens. In seinem Kronstädter Büro sprach Popa über seine ersten EP-Projekte, die auf Probleme der Wirtschaft und der Rechtssprechung abzielen. Viorel L`z`rescu/Rompres Sie haben Ende letzten Jahres ein neues Mandat im Europäischen Parlament erzielt, nachdem Sie davor ebenda als Beobachter aktivierten. Welches sind Ihre derzeitigen Projekte? Projekte habe ich mehrere, doch will ich nichts überstürzen und die Dinge gründlich und systematisch angehen. Ende Januar habe ich mit Hans-Gert Pöttering, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, über folgenden Aspekt gesprochen, der für diese meine Initiative ausschlaggebend war: Wir leben in einem Europa, das nur noch über Außengrenzen verfügt, im europäischen Innenraum herrscht schließlich vollständige Bewegungsfreiheit. Schön für jeden rechtschaffenen Bürger, der seinen Urlaub irgendwo in Europa genießen will und kann. Doch es gibt auch die Kehrseite, bestehend aus der grenzübergreifenden Kriminalität. Stellen wir uns folgenden Ablauf vor: Jemand begeht in Rumänien ein Verbrechen, wandert danach aber noch quer durch Europa. Er zieht durch Ungarn, Österreich, Deutschland, Dänemark, Frankreich, Italien oder England, wo er weitere Verbrechen begehen kann, bevor er zu guter Letzt geschnappt wird. Dies ist das Problem, auf das unser erstes Projekt abzielt. Aus welchem Grund? Der Täter ist ja schließlich gefasst, er wird vor Gericht gestellt und verurteilt! Wo liegt das Problem? Eben in dem vor Gericht gestellt! Europa hat eine Einheitswährung, eine gemeinsame Außengrenze, hat eine Vielzahl EU-weit geltender Regelungen, doch die Mitgliedstaaten haben noch kein gemeinsames Strafverfolgungsgesetz. Es gibt keine einheitliche Definition für Vergehen, für Straftaten! Daran arbeiten wir. Manche der Kollegen behaupten, ich sei ein Idealist, ein Träumer. Damit kann ich leben, so lange die Zukunft Europa auch eine diesbezügliche, einheitliche Gesetzgebung bringt. Und die wird kommen! Mein Mandat ist zwar kurz, nichtsdestotrotz je früher man beginnt, desto mehr kann man erzielen. Persönlich stehe ich hinter all dem, was die EU bedeutet, und zwar aus einem einfachen Grund: Ich bin in dem Jahr geboren, in welchem die Schuman-Erklärung unterzeichnet wurde, aus der sich im Verlauf der Jahre dann die heutige EU ent- 20 debizz

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