Welche Massnahmen zugunsten behinderter und betagter Menschen sind zu berücksichtigen?

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1 Hindernisfreies Bauen Juli 2008 / Nr. 21 Vorwort Umfangreiche Case Management Anpassungen bei Pro sind Infirmis manchmal nötig! Wie in anderen Städten auch sind in Basel viele Mehrfamilienhäuser alt und sanierungsbedürftig. Lange wurde dies vernachlässigt. Doch nun scheinen die Liegenschaftsbesitzer aufgewacht zu sein. Kein Wunder also, dass die Beratungen in diesem Bereich stark zugenommen haben. Auch bei uns. Am meisten interessiert hierbei die Frage, wie weit das Gebäude an die Bedürfnisse behinderter und betagter Menschen angepasst werden muss. Diesem Thema ist das folgende Infoblatt gewidmet. Eines ist klar: Bei Sanierungen gibt es keine Standardlösung aus der Schublade. Je nach Gegebenheiten sind einfache oder aufwendige Verbesserungen vorzusehen. Natürlich wünschen sich die meisten Bewohner/-innen eine sanfte Renovation. Doch der Zahn der Zeit nagt auch an diesen Türen. Ältere Liegenschaften werden oft von betagten Menschen bewohnt und viele von ihnen wollen möglichst lange dort wohnen bleiben. Mit zunehmendem Alter sind sie auf eine gute, hindernisfreie Erschliessung angewiesen. Diese kann aber vielfach nur durch eine umfangreiche Anpassung realisiert werden. Auch wenn diese kurzfristig für grossen Ärger sorgt, lohnt sie sich auf Dauer für alle. Eric Bertels Sanierung von Mehrfamilienhäusern Welche Massnahmen zugunsten behinderter und betagter Menschen sind zu berücksichtigen? Von Gesetzes wegen müssen heute auch Mehrfamilienhäuser, die saniert oder umgebaut werden, den Bedürfnissen behinderter und betagter Menschen entsprechen. Im Gegensatz zu Neubauten lassen sich hier aber nicht immer alle Anforderungen für das hindernisfreie Bauen umsetzen. Es sind situative Lösungen zu suchen. Dabei stellen sich oft zahlreiche Fragen. Zum Beispiel: Welche Massnahmen sind erforderlich? Wie sehen die rechtlichen Rahmenbedingungen aus? Gibt es finanzielle Hilfen für solche Anpassungen? Auf diese und weitere Fragen geben die kommenden Seiten Antwort. Folgende Themen werden dabei behandelt: 1. Geltungsbereich: Bei welchen Mehrfamilienhäusern beziehungsweise Umbauvorhaben ist das hindernisfreie Bauen einzubeziehen? 2. Verhältnismässigkeit: Was gilt als zumutbar? 3. Anpassungsumfang: Welche Bauteile und Bereiche sind zu prüfen? 4. Vorgehen: Welche Aspekte spielen eine zentrale Rolle? 5. Schlussfolgerungen Anschliessend sind auf den Seiten 6 und 7 zwei verschiedene Beispiele von Sanierungen dargestellt. Sie zeigen auf unterschiedliche Art und Weise, wie das hindernisfreie Bauen bei solchen Vorhaben umgesetzt werden kann. Geltungsbereich Es gibt immer noch Architekten, die glauben, das hindernisfreie Bauen sei ausschliesslich bei Neubauten zu berücksichtigen und Umbauvorhaben, insbesondere bei Mehrfamilienhäusern, würden nicht unter diese Regelungen fallen. Dem ist jedoch nicht so. Die gesetzlichen Bestimmungen verlangen im Rahmen von Sanierungen auch Anpassungen bei bestehenden Bauten. Hierbei ist zu beachten, dass heute für die Anliegen behinderter Menschen im Bauwesen zwei verschiedene Gesetze massgebend sind: zum einen das nationale Behindertengleichstellungsgesetz (abgekürzt BehiG genannt), das seit in Kraft ist; zum anderen das kantonale Baugesetz. Welches Gesetz, so stellt sich die Frage, hat nun Vorrang? 1

2 2 Das BehiG äussert sich sehr klar zu dieser Frage. In diesem Gesetz gibt es einen Paragrafen, der festhält, dass das BehiG weitergehenden Bestimmungen der Kantone zu gunsten der Menschen mit einer Behinderung nicht entgegensteht. Im Falle des Kantons Basel-Stadt ist dies das kantonale Baugesetz. Dieses hält fest, dass die Anliegen behinderter Menschen bei allen Wohnbauten zu prüfen sind, bei denen eine bewilligungspflichtige Sanierung oder eine Umnutzung stattfindet. Diese Regelung gilt selbst dann, wenn das Gebäude nur eine oder zwei Wohnungen besitzt (z.b. Geschäftshäuser, Schulbauten usw.) Im Kanton Basel-Landschaft geht der Geltungsbereich nicht so weit. Dort hat der Regierungs- und Landrat vor 10 Jahren entschieden, dass diesen Anliegen ausreichend Genüge getan ist, wenn eine solche Prüfung erst bei Mehrfamilienhäusern mit 7 oder mehr Wohnungen stattfindet. Da in der ländlichen Gegend aber häufig kleinere und mittelgrosse Wohnbauten vorkommen, fallen leider viele Gebäude nicht in diesen Geltungsbereich. Diese basellandschaftliche Regelung wird heute von vielen Fachleuten als ungenügend betrachtet. Zum einen hat der Anteil älterer Leute stark zugenommen und Wohnungen für betagte und behinderte Menschen fehlen auch in Baselland an allen Ecken und Enden. Zum anderen haben die Erfahrungen gezeigt, dass die Aufwendungen für solche Anpassungen wesentlich tiefer sind als befürchtet. In ganz wenigen Fällen verursachen sie hohe Zusatzkosten. Meistens bewegen sich die Mehrkosten bei den bestehenden Bauten im Bereich von 4 bis 7% des Gebäudewertes (bei Neubauten zwischen 1 bis 3%). Zudem fliessen, so wurde festgestellt, über 70% dieser Mehrkosten in die stufenlose Erschliessung, also in Aufzüge oder Rampen. Diese kommen auch Eltern mit Kinderwagen, Rentnerinnen und Rentnern usw. zugut und erhöhen damit den Gebäudewert. Dass im Kanton Basel-Landschaft bei den Regelungen im Wohnungsbau noch Nachholbedarf besteht, zeigt auch ein Vergleich mit den anderen Kantonen. Viele sind bei Wohnbauten weit fortschrittlicher als der basellandschaftliche Kanton. So hat beispielsweise der Kanton Aargau vor Kurzem die Schwelle für eine Anpassungspflicht auf Gebäude mit 4 und mehr Wohnungen korrigiert. Verhältnismässigkeit In den meisten Baugesetzen so auch in BS und BL wird grundsätzlich nicht unterschieden, ob es sich um einen Neu- oder einen Umbau handelt. Die in den Baugesetzen aufgeführten Bestimmungen zum behindertengerechten Bauen gelten in der Regel für beide Fälle. Das bedeutet aber nicht, dass beim Umbau alles verlangt werden kann. Die Frage der Verhältnismässigkeit spielt hier eine zentrale Rolle. So kann auf die hindernisfreie Bauweise teilweise verzichtet werden, wenn der Aufwand unverhältnismässig ist. Was ist aber unter «unverhältnismässig» zu verstehen? Zur Bestimmung der Verhältnismässigkeit muss auf das BehiG zurückgegriffen werden. Der Bundesrat hat sich seinerzeit bei der Erarbeitung des nationalen Gleichstellungsgesetzes mit dieser Frage intensiv auseinandergesetzt. Er ist dabei zum Schluss gekommen, die erforderliche Kostenschranke mittels zweier Ansätze zu regeln, wobei jeweils der tiefere Wert entscheidend ist. So gelten gemäss BehiG die Massnahmen zugunsten behinderter Menschen als wirtschaftlich zumutbar, wenn sie 5% des Gebäudeversicherungswerts bzw. des Neuwerts der Anlage nicht übersteigen oder nicht höher sind als 20% der vorgesehenen Erneuerungskosten (gerechnet wird hier ohne die Kosten für die Massnahmen hinsichtlich des hindernisfreien Bauens). Zahlreiche Erfahrungen zeigen, dass die Aufwendungen für das hindernisfreie Bauen meist unter diesen Kostenlimiten liegen. Sie werden nur in ganz wenigen Fällen übertroffen, vorwiegend dann, wenn im Gebäude grössere Liftein- oder -umbauten Erfahrungen haben gezeigt, dass die Aufwendungen für solche Anpassungen wesentlich tiefer sind als befürchtet. erforderlich sind. Eine solche Anpassung ist jedoch nicht nur von der Höhe der Kosten abhängig, sondern auch von verschiedenen anderen Faktoren wie z.b. Platzverhältnissen, Ein- und Umbaumöglichkeiten, Grösse und Alter der Anlage, kantonalen Normen usw. Vorgängig ist daher beim Lift immer erst eine genaue Kosten-Nutzen-Strukturanalyse vorzunehmen. Erst dann zeigt sich, ob eine Liftanpassung wirklich Sinn macht. Die finanzielle Seite spielt dabei eine wichtige, meist aber nicht die entscheidende Rolle. Zum Aspekt «Verhältnismässigkeit» gehört auch die Frage, ob irgendwo um finanzielle Unterstützung für solche Anpassungen nachgesucht werden kann. Im Ge-

3 gensatz zu Deutschland sind wir diesbezüglich in der Schweiz nicht in einer komfortablen Lage. Es bestehen keine kantonalen Hilfen und auch beim Bund fehlt ein solches Förderinstrument. Die einzige Möglichkeit besteht darin, gemeinnützige Stiftungen, die sich für die Integration behinderter Menschen einsetzen, anzufragen. Doch die meisten werden absagen, denn sie dürfen aufgrund ihres Stiftungszweckes oft nur Direkthilfen an Menschen mit einer Behinderung entrichten. Anpassungsumfang Auch der Aspekt der Besitzstandswahrung wirft oft Fragen auf. Hier ist Folgendes zu berücksichtigen: Die gesetzlichen Bestimmungen im Baubereich für Menschen mit einer Behinderung betreffen im Grunde genommen immer das ganze Gebäude. Sie sind nicht begrenzt durch den Umfang der Erneuerung. Die baugesetzlichen Regelungen für Menschen mit einer Behinderung reduzieren sich daher nicht auf den unmittelbaren Gegenstand des Baugesuches, sondern sie haben auch Gültigkeit für andere, relevante Bereiche. Bei einem Projekt, welches beispielsweise ausschliesslich eine Fassadensanierung vorsieht, kann daher auch die Beseitigung von Eingangsstufen verlangt werden. Entscheidend ist hierbei lediglich, ob diese Massnahmen von Bedeutung und verhältnismässig sind oder nicht. Dass mit diesem Grundsatz die Besitzstandsgarantie ein Stück weit aufgehoben wird, ist nachvollzieh- bar. Folgende Argumente sprechen aber für die Richtigkeit dieses Vorgehens: Sobald ein Baugesuch vorliegt, sind in der Regel verschiedene bauliche oder nutzungsmässige Veränderungen vorgesehen. Eine Anpassung zugunsten behinderter Menschen ist daher zumutbar, denn der Eigentümer verwandelt sein Grundstück ohnehin in eine Baustelle, verändert das Bestehende, tätigt neue Investitionen und kann unter Ausnützung von Synergieeffekten generelle Verbesserungen erzielen. Neue restriktivere Bestimmungen können dann angewandt werden, wenn wichtige öffentliche Interessen es verlangen und wenn das Prinzip der Verhältnismässigkeit gewahrt bleibt. Dass an behindertengerechten Baumassnahmen ein ganz erhebliches öffentliches Interesse besteht, wurde von der Bundesregierung bzw. dem Stimmvolk mit der Annahme der neuen Bundesverfassung bzw. dem Diskriminierungsverbot (Artikel 8 Abs. 4 BV) klar unterstrichen. Auch andere Bestimmungen, wie zum Beispiel jene für Brandschutz, Sicherheit, Energie usw., heben je nach Situation die Besitzstandsgarantie auf. Es ist nur folgerichtig, wenn die Pflicht zur Anpassung des «Bisherigen» an neuere Bauvorschriften auch im Bezug auf das hindernisfreie Bauen angewandt wird, zumal in einer Zeit der stetig wachsenden Überalterung. Und last but not least: Diesem Prinzip des eingeschränkten Besitzstandsschutzes folgt auch das BehiG. Die Anpassungspflicht wird klar «an den Bau oder die Erneuerung einer Baute, wenn dafür eine Bewilligung erteilt wird», geknüpft. Der Umfang einer Erneuerung ist in diesem Zusammenhang nicht von Belang; das Gesetz verlangt als einzige Voraussetzung, dass die Erneuerung bewilligungspflichtig ist. Vorgehen Wichtig ist nun, zu entscheiden, was genau verbessert werden muss. Hier ein paar Aspekte für die Entscheidungsfindung: Miet- oder Eigentumswohnung? Zuerst muss geklärt sein, ob die zu sanierende Liegenschaft in Zukunft Miet- oder Eigentumswohnungen aufweisen wird. Dies ist deshalb wichtig, weil bei Eigentumswohnungen die Käufer wie auch die Banken oft eine gute Rollstuhlgängigkeit der Anlage voraussetzen bzw. verlangen. Eine Wohnung kauft man in der Schweiz nur einmal im Leben. Die meisten Käufer wünschen sich, dass sie auch im hohen Alter dort wohnen bleiben können. Damit sich dies erfüllt, muss die Liegenschaft möglichst hindernisfrei sein. Für den Eigentümer einer alten Liegenschaft, welche saniert wird, bedeutet dies, dass er das Gebäude diesbe- Vorkehrungen für Rollstuhlfahrende Zugangstreppe im Vorgarten durch Rampe überbrücken. Die Rampe sollte nicht steiler als 6% sein. Dort, wo eine solche Steigung nicht möglich ist, darf die Rampe ausnahmsweise eine Steigung bis 12% aufweisen. Rampen über 6% sind mit griffigen Handläufen zu versehen. Falls vorhanden, sind auch Gartenausgänge, Spielplätze, Nebenwege und vor allem die Autoeinstellhalle hindernisfrei zu erschliessen. Gebäudeeingang so anpassen, dass die Türe stufenlos erreichbar ist. Unnötige Schwellen entfernen. Falls nicht möglich, sind sie auf 2,5 cm zu reduzieren. Neben dem Schwenkbereich der Gebäudeeingangs- und Wohnungstüre sollte eine Freifläche von 60 cm für Rollstuhlfahrende bestehen. Briefkästen und Sonnerieanlagen so anordnen, dass sie auch vom Rollstuhl aus bedienbar sind. Rollstuhlgängige Schmutzschleusenteppiche verwenden. Falls nötig Lift anpassen (siehe Seite 4). Wohnungskorridore so gestalten, dass sie mit dem Rollstuhl befahren werden können. Alle Türen sind min. 0,80 m breit (i. L.). Dort, wo dies nicht realisiert werden kann, ist ausnahmsweise eine Mindestbreite von 0,75 m zulässig. Balkon- und Terrassentürschwellen sollten möglichst niedrig sein (Ziel: 2,5 cm). Weitere wohnungsinterne Anforderungen siehe Seite 4, «Massnahmen für gehbehinderte, ältere Menschen». Auf Maisonnettewohnungen ist wo möglich zu verzichten. Falls unumgänglich, sollten die primären Wohnräume (Essraum, Wohnzimmer) stufenlos zugänglich sein. Auf dieser Ebene ist ein mit dem Rollstuhl erreichbares WC vorzusehen (für behinderte Besucher). Bei der internen Treppe sollte der Einbau eines Treppenliftes möglich sein. Hindernisfreies Bauen Juli 2008 / Nr. 21 3

4 züglich anzupassen hat. Das geht so weit, dass auch ein Lift eingebaut werden muss, wenn er noch nicht vorhanden ist. Nicht mit der gleichen Vehemenz fordert man dies bei Mietwohnungen. Natürlich, ein rollstuhlgängiger Lift ist auch dort immer willkommen. Aber wenn die bestehenden Rahmenbedingungen den Einbau wesentlich erschweren, so kann eher darauf verzichtet werden als bei Gebäuden mit Eigentumswohnungen. Eine Ausnahme bilden hier Bauten, die den Pensionskassen und der öffentlichen Hand gehören. Diese sollten als gutes Beispiel vorangehen und im Interesse ihrer Geldgeber möglichst alles unternehmen, damit ihre Wohnungen hindernisfrei werden. 4 Massnahmen für gehbehinderte, ältere Menschen Einzelne Stufen im Vorgarten, Gebäudezugang und Treppenhaus entfernen oder mit Rampen ergänzen. Den Zugang zu den Wohnungen so weit wie möglich stufenlos gestalten. Griffige Handläufe (beidseitig) an sämtlichen Treppen anbringen, auch wenn diese nur aus wenigen Stufen bestehen. Alle Treppen gut und gleichmässig beleuchten. Stufenvorderkanten kontrastreich markieren. Nur rutschsichere Bodenbeläge verwenden (auch im nassen Zustand). Besonders beim Eingang oder in Bad bzw. Dusche darauf achten. Unabdingbare Türschliesser möglichst schwach einstellen. Unnötige Schwellen entfernen. Schmutzschleusenteppiche in Boden einlegen. Gegensprechanlage, Türklingel, Briefkästen usw. gut bedienbar anordnen. Im Bad- oder Duschraum solide Duschengleitstangen und Handtuchstangen vorsehen (sie werden als Haltegriffe verwendet). Ideal sind Duschplätze mit niedrigen Schwellen. WC in Raumecke anordnen, damit bei Bedarf direkt neben dem WC ein Haltegriff montiert werden kann. Pro Zimmer eine Steckdose mindestens auf Höhe cm (auch im Bad) montieren. Sicherungskasten so platzieren, dass er gut erreichbar ist. In der Küche sollten die Spüle und das Kochfeld in einer Linie sein (dazwischen Arbeitsfläche von mind. 50 cm). Keine Zweifrontenlösungen mit getrennter Anordnung von Kochfeld und Spüle. Überall Einhebelmischer anbringen. Hat das Eingangsgeschoss einen stufenlosen Zugang? Von der baulichen Seite her entscheidend sind das Eingangsgeschoss und der Lift, wobei zuerst die Gebäudezugangssituation beurteilt werden muss. Zur Hauptsache interessiert die Frage, ob eine stufenlose Verbindung zum Lift oder zu den Erdgeschosswohnungen vorhanden ist, bzw. vernünftig realisiert werden kann. Muss dies verneint werden, so beschränken sich die Anforderungen, die dann zu berücksichtigen sind, einzig auf jene für gehbehinderte und ältere Menschen. Massnahmen zugunsten von Rollstuhlfahrenden entfallen. Der Einbau eines Treppenliftes wird nicht verlangt, da dieses Gerät in dieser Situation erfahrungsgemäss nicht wirklich von Nutzen ist. Eher kommt eine Hebebühne infrage. Doch leider fehlen dafür oft die entsprechenden Einbaumöglichkeiten. Für Betagte und Menschen mit einer Gehbehinderung ist es wichtig, dass die Wohnung ohne Sturzgefahren und möglichst angenehm erreicht und benutzt werden kann. Das bedeutet, dass beispielsweise die Treppe über einen guten Handlauf (beidseitig) und über Treppenmarkierungen verfügen muss. Wünschbar sind auch eine gute Beleuchtung und ein gleitsicherer Bodenbelag, sowohl aussen wie innen. Die Anpassungen, welche gehbehinderte und ältere Menschen betreffen, sollten möglichst immer berücksichtigt werden. Lift genügend gross? Kann ein stufenloser Zugang ins Gebäude realisiert werden, so wird der Lift zum nächsten Thema. Gibt es bereits einen Lift, dann muss geprüft werden, ob er rollstuhlgängig ist oder allenfalls dementsprechend angepasst werden kann. Nicht immer lassen die Verhältnisse den Einbau eines nach Norm SN «Behindertengerechtes Bauen» rollstuhlgängigen Lift zu (Kabine 1,10 x 1,40 m). Im Umbaufall kann dort, wo der rollstuhlgängige Normlift nicht eingebaut werden kann, ausnahmsweise auf kleinere Anlagen zurückgegriffen werden. Als Minimum sollte der Lift aber eine Breite von 0,90 und eine Tiefe von 1,20 m aufweisen. Liftvergrösserungen sind Knacknüsse und brauchen viel Fingerspitzengefühl. Es gibt verschiedene Tricks, wie in einem engen Schacht ein grösserer Lift untergebracht werden kann. Beispielsweise können mit der Verwendung einer Türfront aus Metall anstelle einer massiven Türfront sowohl bei der Schachttiefe als auch bei der Türleibung einige Zentimeter Platz gewonnen werden. Auch durch neuere Technologien lassen sich grössere Liftkabinen realisieren. Zum Beispiel wird mit dem MaxiSpace-Lift von Kone «rund ein Drittel mehr Kabinenraum» geschaffen. Eine weitere Variante ist, den Schacht zu vergrössern. Dies hat aber grössere Kosten zur Folge und es wird dadurch ein Teil der Wohnungen oder des Treppenhauses kleiner, was nicht immer möglich ist. Was ist in den Wohnungen anzupassen? Ist ein genügend grosser Lift vorhanden, dann ist zu prüfen, was in den Wohnungen verbessert werden kann. Wichtig in diesem Zusammenhang sind vor allem die Tür- und Korridorbreiten sowie die Balkonund Terrassentürschwellen. Ein besonderes Augenmerk ist auch auf den Zugang zum WC zu legen. Mindestens eine Toilette sollte für den Gast mit Rollstuhl benutzbar sein. Fehlt der Lift oder lässt er sich nicht auf das Rollstuhlmass vergrössern, dann bedeutet das nicht, dass nichts in den Wohnungen unternommen werden soll. Bei Mehrfamilienhäusern, wo das Eingangsgeschoss stufenlos zugänglich ge-

5 gemacht werden kann, sind auf jeden Fall die Wohnungen auf diesem Stockwerk zu verbessern. Sie sind so zu gestalten, dass sie bei Bedarf einfach an die Bedürfnisse eines Rollstuhlfahrenden angepasst werden können. Mieter, welche plötzlich auf einen Rollstuhl angewiesen sind, haben so die Möglichkeit, im Haus zu bleiben, auch wenn sie vielleicht die Wohnung mit jemandem im Erdgeschoss tauschen müssen. Schlussfolgerungen Die rechtlichen Grundlagen zeigen also klar, dass in vielen Fällen eine Anpassung im Zusammenhang mit dem hindernisfreien Bauen vorzunehmen ist. Wie aus den vorangegangenen Zeilen entnommen werden kann, richten sich die Massnahmen zugunsten von Rollstuhlfahrenden vor allem nach der Zugänglichkeit. Je besser das Gebäude für Rollstuhlfahrer erschlossen ist, desto eher sind auch die Wohnungen oder Nebenräume einer Prüfung hinsichtlich der Rollstuhlgängigkeit zu unterziehen. Dort, wo nur die Erdgeschosswohnungen stufenlos zugänglich gemacht werden können, sind verständlicherweise nur in diesen Wohnungen rollstuhlgängige Massnahmen zu treffen. Die Anpassungen, welche gehbehinderte und ältere Menschen betreffen, sollten möglichst immer berücksichtigt werden, unabhängig davon, ob das Gebäude oder die Wohnungen für Rollstuhlfahrende tauglich sind. In jeder Wohnung kann eine ältere Person wohnen oder zu Besuch sein. Herr Orschulko, Sie sind Projektleiter der Bauherrschaft für die Sanierung der Wohnsiedlung Bäumlihof in Basel. Bei diesen Liegenschaften handelt es sich um Mitte der 1950er-Jahre erstellte Familienwohnungen. Der Ausbaustandard, die energietechnische Bilanz wie auch die Wohngrundrisse entsprechen nicht mehr den heutigen Bedürfnissen. Die mehrheitlich nicht mehr zeitgemässen Kleinwohnungen werden nun in grössere 3,5- und 4,5- Zimmer-Wohnungen umgebaut. Es wird ein mittlerer, soweit als möglich behindertengerechter Komfort für Familien mit Kindern sowie ältere Menschen angestrebt. Welche Erfahrungen machten Sie bei der Umsetzung des hindernisfreien Bauens? Wo gab es besonders viele Schwierigkeiten? Bei der tiefgreifenden Sanierung und Modernisierung der Gebäude mussten die Möglichkeiten einer Verbesserung, im Sinne des hindernisfreien Bauens, bereits am Anfang der Planung geprüft und berücksichtigt werden. Die Ausgangslage war ein Bestand, welcher auf diese Aspekte nahezu keine Rücksicht nahm. Keine Wohnung war ohne Überwindung von Treppen erreichbar. Die Höhenlagen der Geschosse und der einzelnen Eingänge waren unterschiedlich und nicht einfach anzupassen. Eine Chance, diese Missstände zu beheben, wurde lediglich bei den Gebäuden in der Bäumlihofstrasse gesehen. Durch den Neubau der Tiefgaragen und die Absicht, die Gebäude mit Liftanlagen zu versehen, konnte die Planung so entwickelt werden, dass eine durchgehend hindernisfreie Erschliessung vom Garagenplatz bis zur Wohnung möglich wurde. Die Interview mit Bernhard Orschulko, dipl. Ing. Architekt, Hochbau- und Planungsamt Basel-Stadt, Hauptabteilung Hochbau «Diese Massnahmen stellen eine wesentliche Aufwertung dar.» Voraussetzungen am bestehenden Gebäude sind durch Niveausprünge nicht an jedem Ort optimal, dennoch konnte das Ziel erreicht werden. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass ohne zusätzliche Liftanlagen, welche wirtschaftlich nur in genügend grossen Gebäuden interessant sind, das Ziel nicht erreichbar ist. In unserem Projekt konnte erfreulicherweise für 72 von 156 Wohnungen die Situation in diesem Sinne verbessert werden. Hatten diese Anforderungen besondere Auswirkungen auf das Projekt? Die Erfüllung der Anforderungen waren für uns immer erklärtes Ziel. Es musste dabei ein vernünftiger Kompromiss aus Machbarkeit, Aufwand, Kosten und Nutzen gefunden werden. Die Budgetvorgabe ist auf die Erreichung von günstigen Mietzinsen ausgelegt, dies bedeutet, dass Spielräume für Zusatzleistungen äusserst knapp bemessen sind. Die Vorgaben bei den niedrigen Gebäuden waren dafür denkbar ungünstig, weshalb wir uns dann auf die hohen Gebäude in der Bäumlihofstrasse konzentrierten. Erfahren die Liegenschaften durch diese Massnahmen eine Aufwertung? Diesen Massnahmen stellen eine wesentliche Aufwertung der Gebäude dar. Es weiss sicher jeder der Mieter, nicht nur jene, die darauf angewiesen sind, die Vorteile einer hindernisfreien Erschliessung zu schätzen. Aus diesem Grund wird mit dem erreichten Ziel ein Mehrwert für alle Gebäudenutzer geschaffen. Juli 2008 / Nr. 21 Hindernisfreies Bauen 5

6 Totalrenovation Mehrfamilienhäuser Mittlere Strasse 24 28, Basel Erdgeschoss Eigentümer: Migros-Pensionskasse, Zürich Architekturbüro: MPK Immobilien, Zürich Bauentscheid: 2002 Bauvollendung: 2003 Auflagen behindertengerechtes Bauen: Stufen beim Gebäudeeingang durch Rampe ersetzen. Zugang Briefkasten möglichst hindernisfrei. Lift vergrössern, sodass Kabine eine Tiefe von mind. 1,20 m aufweist. Lifttableau nicht in Ecke und nicht höher als 1,10 m anordnen. Neben Schwenkbereich Wohnungstüre Freifläche von 0,60 m Breite schaffen (wo möglich). Wohnungskorridore auf mind. 1,20 m verbreitern, dort, wo für die Einfahrt in einen Raum eine 90 -Drehung nötig ist. Alle Zimmer- und Nasszellentüren auf mind. 0,80 m i. L. verbreitern. Lavabo neben Badewanne anordnen (ist auf Plänen falsch eingezeichnet und wurde nachträglich korrigiert). Balkonausgangstüren überprüfen Obergeschoss 6

7 Hindernisfreies Bauen Juli 2008 / Nr. 21 Sanierung 6 Mehrfamilienhäuser Bettingerstrasse 7 17, Riehen Eigentümer: Credit Suisse Anlagestiftung Architekturbüro: Vischer AG, Basel Bauentscheid: 2005 Bauvollendung: 2006 Auflagen behindertengerechtes Bauen: Im Vorgarten ist eine zentrale Rampe vorzusehen, die einen hindernisfreien Zugang zu allen Wohnhäusern schafft. Die Rampe und Treppe ist mit einem Handlauf zu versehen. Die Eingangsstufen beim Gebäudeeingang sind anzuschrägen. Türschliesser beim Gebäudeeingang sind möglichst leicht einzustellen. Alle Erdgeschosswohnungen sind so anzupassen, dass sie bei Bedarf an eine Person mit Rollstuhl angepasst werden können. So ist unter anderem die Trennwand zwischen Bad und WC so zu gestalten, dass sie bei einem Umbau zu einer behindertengerechten Situation abgerissen und durch eine breitere Türe ersetzt werden kann. 7

8 Juli 2008 / Nr. 21 Hindernisfreies Bauen Übrigens Orientierungshilfen für Sehbehinderte Die an der Klybeckstrasse erprobten Aufmerksamkeitsfelder vor Trottoirüberfahrten bewähren sich. Andere stark befahrene Strassenzüge in Basel erhalten nun ebenfalls solche Orientierungshilfen. Finanziert wird dies vom Tiefbauamt zulasten des Rahmenkredits «Fussgänger». Besser benutzbar ist auch das Bahnhofsgebäude. Die Leitlinien, die wegen der hohen Beanspruchung langsam am Verschwinden waren, hat der Maler aufgefrischt. Einführungskurs «Hindernisfreies Bauen» Seit Jahren wird in Zürich ein zweitägiger Kurs durchgeführt. Dieser vermittelt Grundkenntnisse über die Anforderungen, Bauvorschriften und Planungsgrundlagen. Über 300 Personen haben diesen Kurs bereits besucht. Das nächste Mal findet er am 23./24. Oktober 2008 statt (Anmeldung: Herausgeberin: Pro Infirmis, Kantonale Geschäftsstelle und Beratungsstelle Basel-Stadt, Bachlettenstrasse 12, CH-4054 Basel, Telefon , Fax Redaktion: E. Bertels Pro Infirmis, Auflage: 2000 P.P Basel 11 In Basel werden staatliche Gebäude besser zugänglich In den letzten Jahren hat der Kanton Basel-Stadt zahlreiche Anstrengungen in der Verbesserung der Infrastruktur zugunsten behinderter und betagter Menschen unternommen. Nun wird ein weiterer grosser Schritt eingeleitet. Alle staatlichen Liegenschaften, die über Publikumsverkehr verfügen, sollen zugänglich werden. Um dies innert nützlicher Frist zu realisieren, hat das Baudepartement ein besonderes Programm entwickelt. Damit sollen bei allen kantonalen Verwaltungsbauten, die Publikumsverkehr aufweisen, im Minimum folgende Voraussetzungen geschaffen werden: rollstuhlgängiger Zugang (am besten identisch mit dem Haupteingang des Gebäudes) bedienter Empfang oder übersichtliche Information mit Kommunikationsmöglichkeit (z.b. Telefon) mit dem Rollstuhl erreichbarer Besprechungsraum behindertengerechte Toilettenanlage auf dem gleichen Niveau wie der Besprechungsraum. Auch bei Schulbauten sind Nachrüstungen geplant. Obwohl die Hälfte heute bereits behindertengerecht ist, gibt es hier den grössten Anpassungsbedarf. 22 weitere Gebäude werden im Zuge dieses Programms nutzbar gemacht. Geplant ist, dass mindestens das Erdgeschoss wie auch die Aulen oder andere Versammlungsräume, die öfters von Vereinen usw. genutzt werden, für behinderte Menschen erreichbar sind. Ebenfalls sind entsprechende Sanitärräume vorgesehen. Eine Überprüfung erfolgt auch bei den kantonalen Museen, beim Sportbad St. Jakob und bei den Friedhöfen. Die meisten dieser Bauten können aber heute bereits von Behinderten genutzt werden, weshalb hier nur mit geringen Aufwendungen gerechnet wird. Kosten auf 4 Jahre verteilt Für die Umsetzung der notwendigen Massnahmen wurde ein Rahmenkredit von 7 Mio. Franken bewilligt. Dieser wird auf 4 Jahre verteilt. Die Anpassungen richten sich nach den angebotenen Dienstleistungen in den Gebäuden und den Bedürfnissen von behinderten Menschen. Umfangreichere Massnahmen werden als einzelne Projekte abgewickelt, da je nach Gebäude andere Rahmenbedingungen gelten (Nutzer, Denkmalpflege usw.). Neben diesen Projekten sind kleine Eingriffe in praktisch allen Gebäuden mit Publikumsverkehr notwendig. Dies beinhaltet u.a. den Einbau von zusätzlichen Handläufen und Anpassungen von Bodenbelägen für gehbehinderte Menschen wie auch Markierungen von Stufen und eine Optimierung der Beleuchtung für Sehbehinderte. Die Verantwortung für die Umsetzung liegt in der Hand einer speziellen Baukommission. Kleinere Arbeiten mit einem Kostenrahmen bis Fr pro Gebäude bewilligt die Baukommission. Für grössere Eingriffe muss eine Vollzugsermächtigung des Regierungsrates eingeholt werden. 8

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