Die Sinngebung menschlichen Daseins

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1 Die Sinngebung menschlichen Daseins und verantwortlichen Handelns aus christlicher Motivation Oberstufe Sandra Bertl Ernst Klett Verlag Stuttgart Leipzig

2 Auflage Alle Drucke dieser Auflage sind unverändert und können im Unterricht nebeneinander verwendet werden. Die letzte Zahl bezeichnet das Jahr des Druckes. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis 2 a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne eine solche Einwilligung eingescannt und in ein Netzwerk eingestellt werden. Dies gilt auch für Intranets von Schulen und sonstigen Bildungseinrichtungen. Fotomechanische oder andere Wiedergabeverfahren nur mit Genehmigung des Verlages. Auf verschiedenen Seiten dieses Heftes befinden sich Verweise (Links) auf Internet-Adressen. Haftungshinweis: Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle wird die Haftung für die Inhalte der externen Seiten ausgeschlossen. Für den Inhalt dieser externen Seiten sind ausschließlich die Betreiber verantwortlich. Sollten Sie daher auf kostenpflichtige, illegale oder anstößige Inhalte treffen, so bedauern wir dies ausdrücklich und bitten Sie, uns umgehend per davon in Kenntnis zu setzen, damit beim Nachdruck der Verweis gelöscht wird. Ernst Klett Verlag GmbH, Stuttgart 13. Alle Rechte vorbehalten. Redaktion: Julia Scherer Herstellung: Antje Heusing Autorin: Sandra Bertl, Apelern Gestaltung: Ernst Klett Verlag GmbH Umschlaggestaltung: Ernst Klett Verlag GmbH Satz: Markus Schmitz, Büro für typographische Dienstleistungen, Altenberge Reproduktion: Meyle + Müller, Medien-Management, Pforzheim Druck: Mediahaus Biering GmbH, München Printed in Germany ISBN

3 Inhalt 1 Ethik Die Lehre vom guten Handeln Einführung Ethische Ansätze bzw. Theorien Deontologische Ethik: Die Pflichtethik Immanuel Kants Gesinnungs- und Verantwortungsethik Utilitarismus Biblische Grundlagen Die Schöpfungserzählungen Der sogenannte Sündenfall Die Zehn Gebote Prophetische Kritik Die Jesusüberlieferung Heilungswunder Jesu Bergpredigt Medizinethische Konfliktfelder 4.1 Sterbehilfe/Euthanasie Umgang mit Tod und Sterben Exkurs: Geschichte der Euthanasie Sterbehilfe in Deutschland Euthanasie in den Niederlanden Theologische Positionen zum Umgang mit dem Tod Organspende Die postmortale Organspende Das Hirntod-Kriterium in der Diskussion Kritische Stimmen zur derzeitigen Explantationspraxis Wie entscheiden Sie? Werbung für die Organspende Exkurs: Ethische Konflikte zu Beginn des Lebens Methoden 74 6 Operatoren 76 Quellenverzeichnis... 78

4 1 Ethik Die Lehre vom guten Handeln 1.1 Einführung M 1 Georg Laurisch, 06 1 M 2 4 Ralf Ludwig: Die Frage nach dem richtigen Handeln Mensch sein heißt handeln müssen. Mit diesen Zeilen beginnt ein uraltes Ethik-Schulbuch seine erste Seite. Der Satz stimmt. Menschliches Leben ist nichts anderes als eine notwendige Aneinanderreihung von Entscheidungen. Nur: sich nicht entscheiden, ist nicht möglich. Klingelt der Wecker in der Frühe, und ich kann mich nicht entscheiden, aufzustehen, habe ich bereits trotz Schläfrigkeit eine Entscheidung getroffen: nämlich die, nicht aufzustehen. Will ich mein ganzes Leben ohne Entscheidungen schleifen und durchhängen lassen, ist dies bereits eine Entscheidung, sich nicht entscheiden zu wollen. Vielleicht ist die einzige Möglichkeit, sich nicht mehr entscheiden zu müssen, der Selbstmord. Und selbst dazu brauche ich eine Entscheidung. Aber ist dies richtig? Genau mit dieser Frage sind wir beim nächsten Schritt. Wir werden fragen müssen: Welches Handeln betrachten wir als richtig bzw. welche Entscheidung ist richtig? Dies zu entscheiden ist die Aufgabe der Ethik. Ethik: Der Begriff kommt vom griechischen Wort ethos. Es heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung Weideplatz für Tiere, auf den Menschen übertragen gewohnter Sitz, später dann Gewohnheit, Sitte und Charakter. Ethos in der Übertragung ins Lateinische ergibt das Wort mos/moris, dessen Adjektiv-Form zu dem Begriff moralisch führt. So meinen ethisch und moralisch streng genommen dasselbe, allerdings ist man im heutigen Gebrauch übereingekommen, dass Moral das ist, was menschliches Handeln bestimmt, und Ethik das, was als philosophische Disziplin die Moral zum Thema und Gegenstand der Untersuchungen macht. 2

5 1 Ethik Die Lehre vom guten Handeln M 3 Einteilung der Ethik Zahl der avisierten Personen Individualethik Begründung ethischer Aussagen Sozialethik Theologische Ethik Jüdische Ethik Christliche Ethik Protestantische Ethik Katholische Ethik Orthodoxe Ethik Islamische Ethik Hinduistische Ethik Religiös-philosophische Ethik Buddhistische Ethik Konfuzianische Ethik Philosophische Ethik Rationalismus Prinzipien/Werte Teleologische Ethik Deontologische Ethik Verantwortungsethik Gesinnungsethik Utilitarismus Prinzipienethik Pflichtenethik Mögliche Einteilung der Ethik Legende Gegensätze Entsprechung Behandlung ethischer Aussagen Metaethik deskriptive Ethik normative Ethik angewandte Ethik (= Bereichsethik) Anwendungsbereiche Bioethik Medizinethik Umweltethik Tierethik Wirtschaftsethik Unternehmensethik Informationsethik Politische Ethik Friedensethik Staatsethik Wissenschaftsethik Technikethik

6 1 Ethik Die Lehre vom guten Handeln 1 2 M 4 6 Albert Schweitzer: Ethik als Kompass Unbefangen nehmen wir an, dass sie [die Ethik] in dem Sinne ein Gesetz ist, dass sie in klar festgelegten und begrenzten Geboten gebietet und nur durchaus Zweckmäßiges und Erfüllbares fordert. [] Die Ethik ist nicht ein Park mit planvoll angelegten und gut unterhaltenen Wegen, sondern eine Wildnis, in der jeder von seinem Pflicht- und Verantwortungsgefühl angetrieben sich seinen Pfad suchen und bahnen muss. [] Fest steht nur die Richtung, in der wir zu gehen haben. M Johannes Fischer: Zu den Anfängen ethischen Denkens Die Geschichte der Ethik ist von ihren Anfängen an mit sozialen und politischen Entwicklungen und Konstellationen verknüpft gewesen. Sie ist keine reine Geistes-Geschichte, die sich lediglich in den Köpfen der Menschen abgespielt hat, sondern wesentlich Sozial-Geschichte. [] Der Beginn des ethischen Denkens wird durch die sog. Sophistik markiert. Die Sophisten waren philosophische Wanderlehrer, die im Mittelmeerraum herumkamen. Sie machten die Entdeckung, dass die Sitten und Bräuche an verschiedenen Orten sehr unterschiedlich sein konnten und dass z. B. Gerechtigkeit am einen Ort etwas anderes bedeuten konnte als an einem anderen. Das warf die Frage auf, ob das, was unter Gerechtigkeit zu verstehen ist, nur auf Brauch oder Sitte beruht und ob es daher Gerechtigkeit nur in einem relativen Sinne gibt als die Gerechtigkeit, die in Athen, oder als die Gerechtigkeit, die in Korinth gilt. Oder gibt es in einem absoluten Sinne die Gerechtigkeit, und wenn es sie gibt, worin besteht sie? Ein anderes Beispiel für diese Art des Fragens betrifft das Wort gut. Bei Homer begegnet es im 8. Jahrhundert in einem funktionalen Sinn, wie er etwa in der Wendung aner agathos ein guter, trefflicher Mann zum Ausdruck kommt. Gut ist jemand in einer bestimmten Funktion. In diesem Sinn ist uns auch das Wort gut geläufig, etwa in der Rede von einem guten Messer, das gut ist im Hinblick auf seine Funktion zu schneiden. Ersichtlich ist dies eine andere Bedeutung des Wortes gut als in der Aussage Mutter Theresa war ein guter Mensch. Mit dem gut in der zweiten Aussage verbinden wir einen moralischen Sinn und diesen verstehen wir offensichtlich in einem absoluten und nicht in einem relativen Sinne bezogen auf eine bestimmte Funktion. [] M 6 M 7 Günter Altner: Konzentrische Typisierung der Ethik Natur Leben leidensfähige Tiere Menschheit Großgruppe, Ethnie Nahgruppe Ich Mensch egozentrische plesiozentrisch e ethnozentrische a nthro poz entrisch e pathozentrische biozentrische ph ysio zen tris ch e E T H I K Konrad Hilpert: Die theologische Dimension in der ethischen Urteilsfindung Wo bleibt nun eigentlich das Theologische in der ethischen Urteilsfindung? Zunächst einmal ist daran zu erinnern, dass die Schriften des Neuen Testaments, namentlich Paulus in seinen Briefen, nicht nur Erinnerung an Altbekanntes und den Verweis auf die grundlegenden Gebote des Alten Testaments und der Verkündigung Jesu kennen, sondern auch den Aufruf an die Christen beinhalten, sich selber ein ethisches Urteil zu bilden. Diese Aufforderung setzt voraus, dass das, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene (vgl. Röm 12,2), nicht schon klar definiert vor ihnen liegt, jedenfalls nicht vollständig und nicht für jede Situation verfügbar wie eine Ordnung für sämtliche Lebenssituationen. Insofern ergeben sich aus der Verkündigung keine spezifischen Erkenntnisse und Kriterien für die konkreten ethischen Probleme. Das schließt natürlich nicht aus, dass in den Texten, in ihrer theologischen Auslegung und in der Tradition viel Erfahrungswissen aufbewahrt ist. Das ist der tiefere Grund, weshalb die Christen immer wieder aufgefordert werden, zu prüfen bzw. wie man verschärfend übersetzen könnte selbst zu prüfen (Röm 12,2; Phil 1,; 4,8; 1 Thess,21; Lk 12,6 f.; Apg 4,19). Durch das Kommen des Glaubens haben die Christen also die Vollmacht, mitten in einer von Sünde gezeichneten Welt zu prüfen, zu urteilen und entsprechend zu handeln. (Heinz E. Tödt) [] Das Theologische ist der Horizont und die Gesamtsicht, aus der der Urteilende seine Situation und die Notwendigkeit zu handeln deutet, gewichtet, ordnet und sortiert. [] Zum Kernbestand des christlichen Glaubens gehört die Überzeugung, dass das Leben ein Geschenk ist, ferner, dass der Mensch im Rahmen seines Weltauftrags auch in der Verantwortlichkeit für Weitergabe, Gestaltung und Sorge für das Leben steht, und schließlich, dass jeder Mensch Ebenbild 1 2

7 1 Ethik Die Lehre vom guten Handeln Gottes ist. Er besitzt eine unverlierbare Würde und darf deshalb nicht zum Objekt von Manipulation gemacht werden. Zum christlichen Glauben gehört aber auch die elementare Einsicht, dass menschliche Existenz auf Erden endlich und obendrein fehlbar ist, sogar dass das Projekt der Weltgestaltung von daher prinzipielle Grenzen hat. Der theologische Beitrag hört sich noch ziemlich allgemein an. Und tatsächlich wirkt er sich nicht in der Weise aus, dass es ganz bestimmte christliche Sondernormen für das konkrete Handeln gibt. Wohl aber spielt er in der Urteilsbildung eben doch eine Rolle, am deutlichsten dort, wo es um die ethischen Kriterien, die impliziten anthropologischen Vorannahmen und die Einschätzung der Handlungsalternativen geht. Der religiöse Bezug ermöglicht Hoffnung und Annahme und Vertrauen darauf, von der Güte Gottes getragen zu sein auch dort und dann, wo sich eine schwierige Situation nicht beheben lässt oder die Versuche scheitern, das, was wehtut und schmerzt, zu beseitigen. M 8 Martin Honecker: Deontologische und Teleologische Ethik Die teleologische Argumentation (abgeleitet von télos, Ziel) misst ein Handeln am Ziel: am Ergebnis, das es bewirkt. [] Die deontologische Argumentation ist begrifflich abgeleitet von tó déon, die Pflicht, das Erforderliche, das Geforderte. Eine deontologische Ethik orientiert sich an Grundsätzen. Ihre Leitfrage ist: Was wird gesollt? Was soll ich wollen, und zwar unabhängig von empirisch-pragmatischen Erwägungen, ob es realisierbar ist? Das Beispiel einer deontologischen Argumentation ist Kants Ethik mit dem Pflichtgedanken und der Forderung des Kategorischen Imperativs. Deontologie beruft sich auf Gebote, Verbote, Moralprinzi pien. [] Vor allem die theologische Ethik gilt traditionell als deontologische Ethik. Denn sie geht aus von Fragen wie den folgenden: Was ist der unbedingt geltende Wille Gottes? Was ist Gottes Gebot? Was ist die Forderung der Natur? Wenn freilich die metaphysische Begründung der Ethik, also eine Ableitung konkreter Einzelforderungen aus Gottes Willen, Gottes Gebot, aus der Ordnung der Natur problematisiert wird, dann erhält die teleologische Argumentation den Vorzug. Ethik kann man dann nicht mehr aus der Struktur einer ewigen Seinsordnung, eines unveränderlichen Naturrechts, aus dem Naturgesetz begründen. Ethisches Handeln hat sich an seinen eigenen sittlichen Zwecken zu legitimieren. [] Aufgrund der Diskussion um die Alternative von Teleologie oder Deontologie stellt sich die Frage, ob diese Alternative zwingend ist. [] Man wird in einer argumentierenden Ethik deshalb vorrangig teleologisch verfahren, also ein Prüfen der Handlungsfolgen vornehmen. Aber es gibt Grenzen der teleologischen (und utilitaristischen!) Argumentation. So kann beispielsweise kein noch so guter Zweck die Verletzung der Menschenwürde als oberster Norm rechtfertigen: Das Folterverbot als oberster Grundsatz gilt unbedingt, deontologisch. Oder: Gute Folgen für viele können nicht eine einzelne schlechte Tat erlauben (Joh 11,0: besser ein Mensch stirbt, als ein ganzes Volk verdirbt ). Keine Güterabwägung legitimiert die Vernichtung eines Einzelnen in der Absicht, andere abzuschrecken. Eine gemäßigte Deontologie, wonach auch die Folge einer Pflichterfüllung zu prüfen ist, und eine teleologische Argumentation, die nicht alle Handlungen ausschließlich von ihren Folgen her bestimmt, bilden keinen kontradiktorischen Gegensatz. [] Ethik zielt auf das, was man gut bzw. sittlich gut, wertvoll nennt. Das ist ihr Telos. Sie hat für die Erreichung dieses Ziels freilich plausible ethische Argumente beizubringen. Man kann also von einer deontologisch begründeten Teleologie [] sprechen. Deontologisch ist der unbedingte Anspruch, die Verpflichtung auf das sittlich Gute, die Grundentscheidung für das Sittliche; teleologisch ist dann die Anwendung der Grundsätze auf konkrete Situationen. Die sittliche Grundentscheidung kann deontologisch verstanden werden; die jeweilige Einzelentscheidung ist teleologisch zu begründen Anregungen zur Weiterarbeit 1. Beschreiben Sie das Bild M 1 und überlegen Sie sich einen passenden Titel. 2. Vergleichen Sie M 1 und M 2 und versuchen Sie, Gemeinsamkeiten zu finden. 3. Orientieren Sie sich in der Grafik M 3, sodass Sie die Grafik kurz erläutern können. a) Notieren Sie dazu zunächst für sich allein, welche Bereiche Ihnen bereits bekannt sind, aus welchen Bereichen Sie z. B. bereits gearbeitet haben. Ergänzen Sie ggf. Autoren, deren Texte Sie z. B. bereits gelesen haben. b) Notieren Sie dann, was Sie nicht verstehen/wozu Sie sich keine Vorstellung machen können. c) Tauschen Sie nach der Stillarbeitsphase mit Ihrem Tischnachbarn/Ihrer Tischnachbarin Ihre Ergebnisse aus. 4. Formulieren Sie zu M 3 ethische Fragestellungen, die Sie unter Anwendungsbereichen den jeweiligen ethischen Bereichen/Zuständigkeiten zuordnen (z. B. die Frage nach der ethischen Zulässigkeit von Tierversuchen Tierethik Bioethik). Ergänzen Sie ggf. in Ihren Notizen die Grafik um weitere Bereiche.. Fassen Sie die Informationen aus den vier Materialien M 1 bis M 4 zu einem gut verständlichen Lexikonartikel zusammen. 6. Diskutieren Sie Fischers Frage M, ob es in absolutem Sinne Gerechtigkeit gibt und definieren Sie, worin eine absolute Gerechtigkeit bestehen müsste. 7. Ergänzen Sie die Grafik M 3 auf S. im Bereich der Prinzipien/Werte mithilfe von M 8. 7

8 2 Ethische Ansätze bzw. Theorien 2.1 Deontologische Ethik: Die Pflichtethik Immanuel Kants M 1 8 Immanuel Kant: Ethik der Pflicht Der kategorische Imperativ Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille. Verstand, Witz, Urteilskraft und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen, oder Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit im Vorsatze als Eigenschaften des Temperaments sind ohne Zweifel in mancher Absicht gut und wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse und schädlich werden, wenn der Wille, der von diesen Naturgaben Gebrauch machen soll und dessen eigentümliche Beschaffenheit darum Charakter heißt, nicht gut ist. [] Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zur Erreichung irgend eines vorgesetzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen, d. i. an sich gut. [] Wenngleich durch eine besondere Ungunst des Schicksals, oder durch kärgliche Ausstattung einer stiefmütterlichen Natur es diesem Willen gänzlich an Vermögen fehlte, seine Absicht durchzusetzen; wenn bei seiner größten Bestrebung dennoch nichts von ihm ausgerichtet würde, und nur der gute Wille (freilich nicht etwa als ein bloßer Wunsch, sondern als die Aufbietung aller Mittel, soweit sie in unserer Gewalt sind) übrig bliebe: so würde er wie ein Juwel doch für sich selbst glänzen, als etwas, das seinen vollen Wert in sich hat. [] Eine Handlung aus Pflicht hat ihren moralischen Wert nicht in der Absicht, welche dadurch erreicht werden soll, sondern in der Maxime, nach der sie beschlossen wird, hängt also nicht von der Wirklichkeit des Gegenstandes der Handlung ab, sondern bloß vom Prinzip des Wollens. [] Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz. [] Alle Imperative werden durch ein Sollen ausgedrückt. [] Alle Imperative nun gebieten entweder hypothetisch oder kategorisch. Jene stellen die praktische Notwendigkeit einer möglichen Handlung als Mittel zu etwas anderem, was man will [], zu gelangen vor. Der kategorische Imperativ würde der sein, welcher eine Handlung als für sich selbst, ohne Beziehung auf einen anderen Zweck, als objektivnotwendig vorstellte. [] Wenn ich mir einen hypothetischen Imperativ überhaupt denke, so weiß ich nicht zum Voraus, was er enthalten werde: bis mir die Bedingung gegeben ist. Denke ich mir aber einen kategorischen Imperativ, so weiß ich sofort, was er enthalte. [] Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger und zwar dieser: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde []. [Es] könnte der allgemeine Imperativ der Pflicht auch so lauten: Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte. M 2 Ralf Ludwig: Guter Wille und Pflicht Den wohl am häufigsten zitierten Text in Kants Ethik finden wir gleich zu Beginn der Grundlegung. Ohne große Umschweife sagt Kant, was Sache ist. [vgl. Z. 1 3 in M 1 ] [] Warum sind eigentlich bestimmte menschliche Eigenschaften, unabhängig von Kants unwichtiger Unterscheidung in Talente des Geistes, Charakter oder Glücksgaben nicht von Haus aus gut? Die Antwort liegt auf der Hand. Der Verstand ist natürlich etwas Erstrebenswertes, mag man einwenden; aber ob er an sich gut ist, muss man spätestens dann bezweifeln, wenn man daran denkt, dass der Mörder einen messerscharfen Verstand benötigt, um einen perfekten Mord zu planen. Jeder weiß, das Witz und Humor nicht nur zur geselligen Erheiterung beitragen können, sondern dass sie auch imstande sind, mit einer negativen Grundeinstellung, den anderen Menschen bloßzustellen oder fertigzumachen. Ebenso verhält es sich mit Mut, Entschlossenheit und Beharrlichkeit: als Markenzeichen des Kriminalinspektors sind sie gut, als Eigenschaften des eiskalten Bankräubers nicht unbedingt. Hier können sie äußerst böse und schädlich werden, wenn der Wille nicht gut ist, meint Kant zu Recht. Dass Macht, Reichtum und Ehre nicht an sich gut sind, leuchtet ein; aber es wird selbst die Gesundheit als etwas nicht unbedingt Gutes genannt. Die Erläuterung dafür fällt schon etwas schwerer, aber es ist durchaus vorstellbar, dass der vor Gesundheit strotzende Mensch in der Lage ist, sich in selbstherrlicher Selbstsicherheit über den Kranken oder Behinderten zu erheben. So gibt es nun nichts, was ohne Einschränkung für gut erklärt werden kann, außer dem guten Willen, bekräftigt Kant noch einmal []. Die entscheidende Frage wird nun lauten müssen: Wann ist denn ein guter Wille gut? [] Wir erfahren nur, wodurch er nicht gut wird: durch seine Tauglichkeit zur Erreichung eines wie auch immer wertvollen Zwecks. Damit bricht Kant mit der Jahrhunderte alten Tradition, in der Sittlichkeit dadurch bestimmt ist, dass irgendein als sittlich wertvoll erachtetes Gut oder Zweck (z. B. Tapferkeit, Enthaltsamkeit, Glück ) als oberstes Ziel erstrebt werden soll. Ja, Kant geht sogar noch einen Schritt weiter: Selbst wenn der gute Wille unter widrigen Umständen ( kärgliche Ausstattung einer stiefmütterlichen Natur ) überhaupt nichts hervorbrächte, würde dieser gute Wille, wenn er ein bisschen mehr ist als bloßes Wunschdenken, wie ein glänzendes Juwel dastehen. []

9 2 Ethische Ansätze bzw. Theorien Jetzt erst, mit diesem zweiten Schritt auf dem Weg zum kategorischen Imperativ, erfahren wir, wann ein guter Wille wirklich gut ist: Wenn er allein durch die Pflicht bestimmt wird. [] Kants Beispiel vom Krämer eignet sich vorzüglich zur Erläuterung der Unterscheidung zwischen pflichtmäßig [heute: pflichtgemäß] und aus Pflicht. Ein Kaufmann berechnet die Preise für seine Ware und entschließt sich, ehrlich zu sein. Er will seine Kunden, ob sie nun unerfahren sind, oder ob es sich um Kinder handelt, nicht übers Ohr hauen. Eine solche Handlung geschieht noch lange nicht aus Pflicht, behauptet Kant, sie ist pflichtmäßig und äußerlich nicht von derselben Handlung aus ehrlichen Grundsätzen heraus zu unterscheiden. Warum? Weil es sein kann, dass er aus einem Vorteilsdenken heraus ehrlich ist, damit ihm die Kunden nicht davonlaufen. In diesem Fall geschieht seine Handlung nicht aus Pflicht, sondern ist nur pflichtmäßig und geschieht in Wahrheit aus eigennütziger Absicht. [] Was Kant über den guten Willen sagte, dass er gut sei, nicht durch das, was er bewirkt, gilt auch für die Handlung aus Pflicht. Aber hier geht Kant noch einen Schritt weiter. [] Bestimmte Absichten, Zwecke, Handlungen und Objekte meines Begehrens sagen nichts über den moralischen Wert meiner Handlung aus. Der moralische Wert liegt allein in der Maxime meines Handelns, stellt Kant lapidar fest. [] Das Wort Maxime ist abgeleitet vom lateinischen Begriff maximae propositiones (höchste Aussagen) []. Was er bei Kant bedeutet, sagt Kant selbst. Es ist ein Prinzip des Wollens. [] Maxime ist eine beabsichtigte Handlungsweise mit dem Anspruch, über die singuläre Verwirklichung hinauszugehen. M 3 Ralf Ludwig: Der kategorische Imperativ Da wir keinen Leser zurücklassen wollen, machen wir einen kurzen Halt und blicken auf die bis jetzt zurückgelegte Wegstrecke zurück. Bei der Frage nach dem obersten Prinzip von Sittlichkeit setzt Kant mit der Feststellung ein: Nichts ist gut, außer dem guten Willen. Aber wann ist ein Wille gut? Er ist dann gut, wenn sein Wollen an sich gut ist. Dies ist nicht der Fall, wenn das Handeln nur pflichtmäßig ist. Hier erteilt Kant der Neigung eine eindeutige Absage; später wird die Erfahrung folgen, die ebenfalls schroff abgelehnt wird. Das Wollen ist nur dann an sich gut, wenn eine Handlung aus Pflicht geschieht. Dies ist der Fall, wenn sie nach einer bestimmten Maxime ausgerichtet ist, ohne dass die bestimmte Maxime bis jetzt klar ist. Das Wollen ist ferner dann an sich gut, wenn dahinter die Achtung für das Gesetz steckt. Gemeint ist das Sittengesetz, welches nicht in der Natur vorkommt und welches das Gesetz einer Welt ist, die als intelligible [geistig erkennbar] oder noumenale [Begriff Kants, der etwas Seiendes bezeichnet, das jedoch mit den beschränkten menschlichen Sinnen nicht als Subjekt wahrgenommen werden kann] Welt über unsere Welt der Erscheinungen hinausgeht. [] Dass alles in der Natur nach Gesetzen wirkt, ist leicht zu verstehen: Der Bach fließt nach unten, der Baum wächst nach oben und das Tier frisst, wenn der Hungertrieb sich regt. All dies trifft natürlich auch auf uns Menschen zu, aber: darüber hinaus haben wir als Vernunftwesen die Möglichkeit, ein eigenes Gesetz unserem Willen vorauszustellen, d. h. ein Prinzip aufzustellen. Nehmen wir als Beispiel den Vorsatz, für eine Woche einen Diätplan aufzustellen. Befolge ich diesen Plan, ist dies ein Vorstellen eines eigenen Gesetzes gegenüber dem Naturgesetz des Hungertriebes. Für die Befolgung von Naturgesetzen brauche ich keine Vernunft, dafür aber das Handeln aus Prinzipien. Wenn nun das Handeln gewählt wird, was die Vernunft als notwendig erkannt hat, nennt Kant das den Willen oder die praktische Vernunft. Hier ist Vorsicht geboten, der Begriff des Willens ist bei Kant nicht der Begriff, den wir als freien Willen kennen. Wille, oder freier Wille, ist bei Kant der schon am praktischen Gesetz ausgerichtete oder der noch auszurichtende Wille. [] Nun ist es nach Kant eine Illusion, zu glauben, die Vernunft habe totale Gewalt über unsere Handlungen. Tatsache hingegen ist, dass zwischen uns und der Vernunft oft gewisse Triebfedern und subjektive Bedingungen (Lust, Laune, Neigungen ) stehen. Aus diesem Grunde muss der Wille durch Gründe der Vernunft gezwungen werden, da er nicht notwendigerweise der Vernunft gehorcht. Kant nennt dies Nötigung. Genötigt wird jedoch durch ein Gebot, und die Formel des Gebotes ist der Imperativ. [] Jetzt haben wir zwei Arten von Imperativen kennengelernt, den hypothetischen Imperativ und den kategorischen Imperativ. Was ist der Unterschied zwischen beiden? Eine Hypothese ist eine Vorweg-Annahme: Wenn du A willst, musst du B tun. Nehmen wir einmal an, Karl will eines Tages ein guter Klavierspieler werden. In diesem Fall wird seine Mutter ihn auffordern: Wenn du ein guter Klavierspieler werden willst, musst du täglich eine Stunde üben! [] Ein solcher Imperativ kann natürlich nicht kategorisch oder notwendig für alle gelten, sondern nur hypothetisch (= unter der Voraussetzung der Vorweg-Annahme), dass einer überhaupt Klavier lernen möchte. [] Die Nötigung des Willens ist das, was beide Imperative voneinander unterscheidet. Die Nötigung des hypothetischen Imperativs hat nicht den Charakter eines unbedingten Gesetzes, sie gilt nur bedingt, und zwar nur in unserem Beispiel unter der Bedingung, dass ich überhaupt Klavierspielen lernen will. Wenn die Nötigung dagegen unter allen Umständen, d. h. bedingungslos gilt, dann hat sie unbedingten oder kategorischen Charakter. [] Anregungen zur Weiterarbeit 1. Fassen Sie Ihr Textverständnis von M 1 in einem grafischen Konspekt zusammen (S. 7, Methodenseite). Nutzen Sie zur Erarbeitung von Kants Pflichtethik auch die gut verständlichen Quellen M 2 und M 3. Versuchen Sie dabei, die logische Gedankenfolge Kants in Ihrem Konspekt nachzuzeichen

10 2 Ethische Ansätze bzw. Theorien 2.2 Gesinnungs- und Verantwortungsethik M 1 Philipp Heinisch: Verantwortung Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können und sollen. [] M 3 Albert Schweitzer: Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben Albert Schweitzer war Theologe, Philosoph, Organist und Musikwissenschaftler. An seinem. Geburtstag beschloss er, sein Leben in den Dienst der Bedürftigen zu stellen, studierte Medizin und gründete im heutigen Gabun das Urwaldkrankenhaus Lambaréne. Sein Engagement für seine rational nachvollziehbare Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, die sich für Umwelt-/Tierschutz und gegen das atomare Wettrüsten aussprach, wurde 192 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. 1 2 M 2 Max Weber: Gesinnungs- und Verantwortungsethik Max Weber war Soziologe, Jurist und Ökonom. In seinem Vortrag Politik als Beruf (1919) stellt Weber zwei Typen ( politischer) Ethik einander dialektisch gegenüber. Wir müssen uns klarmachen, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann gesinnungsethisch oder verantwortungsethisch orientiert sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt religiös geredet: Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat. [] [Auch der Nachweis negativer Folgen gesinnungsethisch motivierter Handlungen wird auf den Gesinnungsethiker] gar keinen Eindruck machen. Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die Dummheit der anderen Menschen oder der Wille Gottes, der sie so schuf. Der Verantwortungsethiker dagegen rechnet mit jenen durchschnittlichen Defekten der Menschen, [] er fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen. Er wird sagen: diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet. Verantwortlich fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z. B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will. [] Wie in meinem Willen zum Leben Sehnsucht ist nach dem Weiterleben und nach der geheimnisvollen Gehobenheit des Willens zum Leben, die man Lust nennt, und Angst vor der Vernichtung und der geheimnisvollen Beeinträchtigung des Willens zum Leben, die man Schmerz nennt: also auch in dem Willen zum Leben um mich herum, ob er sich mir gegenüber äußern kann, oder ob er stumm bleibt. Ethik besteht also darin, dass ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. Damit ist das denknotwendige Grundprinzip des Sittlichen gegeben. Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen. [] Wahrhaft ethisch ist der Mensch nur, wenn er der Nötigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgend etwas Lebendigem Schaden zu tun. Er fragt nicht, inwiefern dieses oder jenes Leben als wertvoll Anteilnahme verdient, und auch nicht, ob und inwieweit es noch empfindungsfähig ist. Das Leben als solches ist ihm heilig. Er reißt kein Blatt vom Baume ab, bricht keine Blume und hat acht, dass er kein Insekt zertritt. Wenn er im Sommer nachts bei der Lampe arbeitet, hält er lieber das Fenster geschlossen und atmet dumpfe Luft, als dass er Insekt um Insekt mit versengten Flügeln auf seinen Tisch fallen sieht. Geht er nach dem Regen auf der Straße und erblickt den Regenwurm, der sich darauf verirrt hat, so bedenkt er, dass er in der Sonne vertrocknen muss, wenn er nicht rechtzeitig auf Erde kommt, in der er sich verkriechen kann, und befördert ihn von dem todbringenden Steinigen hinunter ins Gras. [] Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt. [] Mit drei Gegnern hat sich diese Ethik auseinanderzusetzen: mit der Gedankenlosigkeit, mit der egoistischen Selbstbehauptung und mit der Gesellschaft

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