LV Gesundheitspsychologie und Verhaltensepidemiologie. Willkommen! Thomas von Lengerke

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1 1 LV Gesundheitspsychologie und Verhaltensepidemiologie Willkommen! Thomas von Lengerke Medizinische Hochschule Hannover Forschungs- & Lehreinheit Medizinische Psychologie

2 LV Gesundheitspsychologie und Verhaltensepidemiologie 2 PD Dr. phil. Dipl.-Psych. Thomas von Lengerke Modul: Sozial- und Verhaltenswissenschaften Übergreifendes Thema der LV: Faktoren, die die Veränderung und die Stabilisierung gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen beeinflussen - innere und äußere - psychische und soziale - individuelle und überindividuelle tel.: 0511 /

3 LV Gesundheitspsychologie und Verhaltensepidemiologie 3 Ziele der LV: Interdisziplinäre Darstellung der Determinanten gesundheitsrelevanten Verhaltens (Psycho- und Soziologie) Erwerb breiten Wissens zu Gesundheitsverhaltenstheorien Herstellung von Bezügen zur Prävention und Kuration Kompetenzerwerb in der Erfassung psychischer Einflussfaktoren sowie in verhaltensepidemiologischen Methoden (Messmethoden & -instrumente, Surveillance, Evaluation) Kurz: Verhalten als zentrales Thema von Public Health

4 Montag , 13:30-18: :30-15:15 15:45-16:30 Überblick Organisatorisches Intro: Vorstellungsrunde VL-Input: Warum überhaupt Verhalten? RABE and more Kurz- Plenum Was würde Ihnen helfen, ein Verhalten zu ändern? VL-Input: Verhaltensmodelle der Gesundheitspsychologie 16:45-18:00 Referat 1: Stichwort International Tobacco Control Project VL-Input: Verhaltensmodelle der Gesundheitspsychologie Referat 2: Stichwort Financial Incentives VL-Input: Verhaltensmodelle der Gesundheitspsychologie

5 Dienstag , 08:30-12:00 und 13:00-18: :30-10:00 10:30 12:00 Mittag 13:30-14:15 14:45-16:15 16:30-17:45 Referat 3: Stichwort Implementation Intentions VL-Input: Verhaltensmodelle der Gesundheitspsychologie Referat 4: Stichwort Kurzintervention bei Alkoholproblemen VL-Input: Verhaltensmodelle der Gesundheitspsychologie (a. Messung Kernkonstrukte, b. Gewohnheiten) Kleingruppen: Standardklassifikation präventiver Interventionen VL-Input: Systematik gesundheitsbezogener Interventionen Kurz- Plenum VL-Input: Verhaltensepidemiologie: Grundlagen Referat 5: Stichwort Person vs. Umwelt bzgl. k. Bewegung VL-Input: Verhaltensepidemiologie: Grundlagen VL-Input: Verhaltensepidemiologie: Grundlagen Plenum: Abschluss Tag 2

6 Mittwoch , 08:30-12:00 und 13:00-16: :30-10:15 10:45-11:45 Mittag 13:00-14:00 14:15-16:15 Referat 6: Mehrebenenanalyse (McLaren/Gauvin) VL-Input: Verhaltensepidemiologie: Methoden Referat 7: Stichwort Surveillance VL-Input: Verhaltensepidemiologie: Methoden Referat 8: RE-AIM VL-Input: Verhaltensepidemiologie: Methoden Plenum: Offene Fragen VL-Input: Extro: Gesundheitsförderung? Empowerment! Public Health-Psychologie?! Plenum: Abschluss - Ende der LV -

7 Intro: Partnergespräche (ca. 15 min) + Vorstellungsrunde 7 Bitte tauschen Sie sich über möglichst konkrete Situationen aus, in denen es um die Veränderung einer Verhaltensgewohnheit ging. 1. Was hat Ihre Motivation gefördert oder gehemmt, die Verhaltensgewohnheit zu verändern (unabhängig davon, ob Sie sie verändert haben)? 2. Was hat Ihnen geholfen oder Sie daran gehindert, diese Motivation in Verhaltensänderung umzusetzen? Bitte schreiben Sie die beiden wichtigsten Stichworte pro Frage auf die grünen und roten Moderationskarten. Vorstellung Ihrer Person (Name, Alter, MPH/MSc, ggf. berufl. Hintergrund + was Sie sonst noch mögen) und Ihrer Stichworte

8 LV Gesundheitspsychologie und Verhaltensepidemiologie 8 Modul: Sozial- und Verhaltenswissenschaften Verantwortlich: PD Dr. Thomas von Lengerke Übergreifendes Thema der LV: Faktoren, die gesundheitsrelevantes Verhalten beeinflussen - innere und äußere - psychische und soziale - individuelle und überindividuelle z. B. Risikowahrnehmungen; Nutzen und Kosten; Selbstwirksamkeitserwartungen; Wann-Wo-Wie-Pläne; Gewohnheitsstärke; soziale Beziehungen; sozioökonomische Ungleichheiten; das Schwimmbad um die Ecke (oder im Garten); u. a. m.

9 9 Warum überhaupt Verhalten? RABE and more

10 Zwei Fragestellungen der Verhaltensepidemiologie 10?? Verhalten Gesundheit Weitkunat & Wildner (2002)

11 Warum überhaupt Verhalten? 11 Determinanten globaler Gesundheit (Daten: World Health Report 2002 [WHO 2002, eigene Berechnung) 10 leading preventable risk factors to global health (estimated for 2020) unsafe sex high blood pressure smoking hypercholesterolaemia underweight abusive alcohol consumption overweight low fruit and vegetable intake iron deficiency physical inactivity 59% of 56 million deaths in % of loss of healthy life years in 2000 Vinck J, Oldenburg B, von Lengerke T. J Health Psychol 2004;9(1):5-12

12 Gesundheits- und Risikoverhaltensweisen 12 RABE Rauchen Alkoholkonsum Bewegung - Ernährung weitere Beispiele: - Safer Sex - Sonnenbaden ([noch] bes. in Australien) - Riskantes Verhalten im Straßenverkehr - (Richtiges) Zähneputzen - Inanspruchnahme von Versorgung (z. B. Früherkennung) - Politisches Engagement für Gesundheitsziele (Partizipation) - auf heiße Herdplatten fassen; Selbstverletzungen; in den Krieg ziehen... es gibt aber noch viel mehr...

13 Verhaltensweisen im Spotlight: Rauchen, Alkohol, Bewegung, Ernährung 13 Determinanten globaler Gesundheit (Daten: World Health Report 2002 [WHO 2002, eigene Berechnung) 10 leading preventable risk factors to global health (estimated for 2020) unsafe sex high blood pressure smoking hypercholesterolaemia underweight abusive alcohol consumption overweight low fruit and vegetable intake iron deficiency physical inactivity (RABE) 59% of 56 million deaths in % of loss of healthy life years in 2000 Vinck J, Oldenburg B, von Lengerke T. J Health Psychol 2004;9(1):5-12

14 RABE in D: Die Studie GEDA aktuell % 90% 80% 70% 60% 50% 40% 30% 20% 10% 0% 33,9 33,8 26,1 21,5 61,9 53,9 46,2 62,8 28,5 47,5 Frauen Männer 14 Rauchen Risiko-Alk.k. Inaktivität (<2,5h/W) Gemüse täglich Obst täglich eigene Darstellung

15 Beispiel für ein Risiko von Inaktivität (statt Studien) 15

16 Unsachgemäßer Gebrauch : Beispiel Sport und Bewegung 16 Lippke S, Vögele C (2006). In: Renneberg B, Hammelstein P, eds.: Gesundheitspsychologie. Berlin: Springer

17 Zwei Fragestellungen der Verhaltensepidemiologie 17?? Verhalten Gesundheit Weitkunat & Wildner (2002)

18 Verhaltensmodelle der Gesundheitspsychologie 18

19 Verhaltensveränderung: Die Ausgangslage 19 Verhalten ist (grundsätzlich) veränderbar (im Gegensatz z. B. zum Risikofaktor Genom) Es ist häufig sehr schwierig, Verhalten zu verändern. Es ist häufig sogar noch schwieriger, Verhalten dauerhaft ( nachhaltig ) zu verändern. Warum?

20 Anm.: Handeln = absichtsvolles (intentionales) Verhalten 20

21 Kognitionen als Determinanten des Gesundheitsverhaltens (social cognition models) 21 Kognitionen = gedankliche Prozesse und Ergebnisse, die zwischen unserer inneren und äußeren Umwelt und unserem Verhalten und unseren Handlungen vermitteln bzw. sie integrieren, z. B.: Wissen Einstellungen Erwartungen Intentionen zentrale Kognitionen für Gesundheitsmotivation und -verhalten: Risikowahrnehmung Konsequenz- und Selbstwirksamkeitserwartungen Zielintentionen (Gesundheitsmotivation) und Implementationsintentionen (Handlungspläne)

22 Ausgewählte Modelle 22 Health Belief Model / Modell gesundheitlicher Überzeugungen Becker / Rosenstock Protection Motivation Theory / Theorie der Schutzmotivation Rogers Social Cognitive Theory / Sozialkognitive Theorie Bandura Theory of Planned Behavior / Theorie des geplanten Verhaltens Ajzen Transtheoretical Model of Behavior Change / Transtheoretisches Modell der Verhaltensänderung Prochaska / DiClemente Health Action Process Approach / sozial-kognitives Prozessmodell des Gesundheitsverhaltens Schwarzer

23 Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (Health Action Process Approach: HAPA) 23 Gewohnheitsstärke Schwarzer (2004; Abb.: Keller & Nigg, 2007; um Gewohnheitsstärke ergänzt)

24 Risiken in aller Munde: Zu Titelbilder Risiken und zweier Pro Nebenwirkungen und Montagsmagazine, Kontra Küssen fragen Sie Ihren 24 oder

25 Allgemeine Risiken Risikowahrnehmung in aller Munde: Titelbilder zweier Neue Presse, Montagsmagazine, Mittels objektiver Risikoabschätzungen werden absolute oder relative Risiken für bestimmte Personengruppen anhand von wissenschaftlichen Daten bestimmt Subjektive Risikowahrnehmungen (allgemein oder selbstbezogen) werden zusätzlich durch qualitative Charakteristika der Gefahrenquelle und durch kognitive und emotionale Faktoren beeinflusst

26 26 Risikowahrnehmung (risk perception) Wahrgenommene Verwundbarkeit ( Vulnerabilität ) für Krankheit X (Wahrscheinlichkeit). Wahrgenommenes Risiko für Krankheit X Bedrohung durch Krankheit X Wahrgenommener Schweregrad der Krankheit X (Schaden)

27 Verzerrung von Risikowahrnehmungen: 3 Beispiele 27 Framingeffekte (z. B. Kahneman & Tversky, 1984) Gedächtniseffekte (z. B. Tversky & Kahneman, 1973) Optimistischer Fehlschluss (z. B. Weinstein, 1984) ( ) DANIEL KAHNEMAN Princeton University Department of Psychology Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2002

28 Framing-Effekte bei riskanten Entscheidungen: Die asiatische Krankheit 28 Ausgangssituation: Es droht eine schwere asiatische Grippe, an der ohne Intervention 600 Menschen sterben würden. Es gibt 2 Interventionen: A + B. Situation 1 Intervention A 200 Menschen überleben Intervention B p = 1/3, dass alle 600 überleben (p: Wahrscheinlichkeit) p = 2/3, dass keiner der 600 überlebt 72% der Probanden wählen Intervention A, 28% Intervention B Situation 2 Intervention A Intervention B 400 Menschen sterben p = 1/3, dass keiner der 600 stirbt p = 2/3, dass alle 600 sterben 22% der Probanden wählen Intervention A, 78% Intervention B Fazit: RISIKOAVERSION BEI GEWINNEN; RISIKONEIGUNG BEI VERLUSTEN Tversky & Kahneman (1981)

29 Gedächtniseffekt Verfügbarkeitsheuristik : Das Beispiel Todesursachen 29 Hohe Schrecklichkeit und/oder geringe Kontrollierbarkeit fördern Überschätzung Lichtenstein et al. (1978)

30 Risikowahrnehmung im sozialen Vergleich: Der unrealistische Fehlschluss 30 Risikowahrnehmung bzgl. KHK 0,5 Ziel selbst andere 0,32 0,53 0 0,12 0,1-0,5-1 -0,17-0,18-0,28-0,38-0,57-0,76 Weinstein (1984) < >60 Alter Renner, Knoll & Schwarzer (2000)

31 Risiken und die Gegenwahrscheinlichkeit: Das Beispiel hypertonieattributable Mortalität nach 19 J. 31 neu entdeckte Hypertonie keine Hypertonie tot lebt Gesamt Absolutes Risiko AR Absolute Chance, zu leben % 76% % 88% gesamt Relatives Risiko: 2 Absolute Chance bei Hyper. = 3 x AR Daten: Nilsson et al. (2008), Malmö Preventive Project, Männer (27-60 Jahre)

32 32 Wahrscheinlichkeiten vs. Häufigkeiten: Bsp. Mammographie 32 bedingte Wahrscheinlichkeiten Befragte: GynäkologInnen natürliche Häufigkeiten Frage: Wahrscheinlichkeit, dass Pat. Brustkrebs hat, gg. einen positiven Befund Gigerenzer (2002); Gigerenzer et al. (2008)

33 Psychologische Risikokommunikation Furchtappelle Wahrgenommenes Risiko Informationsappelle

34 Risikokommunikation in der Arztpraxis: Tools für die Praxis Das Beispiel arriba 34 34

35 Fallbeispiel Herr M. 45 Jahre Verheiratet, 2 Töchter (12 und 8 Jahre alt) Technischer Mitarbeiter (mittelgroßer Betrieb, z. Z. Kurzarbeit) Raucher (10 Zigaretten/Tag, 3 Zigarren/Tag) Riskanter Alkoholkonsum (ca. 30g/Tag) Cholesterin: 250 mg/dl Gesamt, 38 mg/dl HDL Mittelschwere Hypertonie (162/100 mmhg) Hat als Kind gerne Sport gemacht (Fußball) Therapieempfehlung (u. a.): Aufnahme Ausdauersport mit möglichst geringem Blutdruckanstieg, z. B. Fahrradfahren

36 Also dennoch Zahlen sind wichtig: Risikoinformation zu Nebenwirkungen und Einnahmepräferenz Fischer & Jungermann (2003)

37 Individualisierte Risikoinformation mögliche Effekte: Das Beispiel Cholesterin 37 konsistent mit früherer Diagnose ja nein Valenz der aktuellen Diagnose gut schlecht Beruhigung Erleichterung Akzeptanz Verunsiicherung Renner & Fuchs (1997)

38 Referat 1 38

39 Warnhinweise zur Induktion von Risikowahrnehmung und Bedrohung ( Furchtappelle ) 39

40 EU-Kampagne (optional): Beispiele 40

41 International Tobacco Control Four Country Survey (Hammond et al., 2007) 41

42 Wirkung von Warnhinweisen auf Alkoholgetränken in den USA (seit 1989) 42 Entsprechend der Warnung des Gesundheitsministers: (1) sollten Frauen wegen des Risikos von Schädigungen des Säuglings keine alkoholischen Getränke während der Schwangerschaft zu sich nehmen. (2) Der Konsum von Alkohol schränkt Ihre Fähigkeit ein, Auto zu fahren oder eine Maschine zu bedienen und kann zu gesundheitlichen Problemen führen. Feldstudien zur Effektivität dieser Warnhinweise: (1) Hankin et al. (1993a,b): Lesen der Warnhinweise (nach 5-7 Monaten) (2) Mazis et al. (1991): Risikowahrnehmung bzgl. Alkoholkonsumfolgen (nach 6 Monaten) (3) MacKinnon et al. (1993): Verhalten (Alkoholkonsum) +/- 0 (nach 1 Jahr) zit. nach: Barth & Bengel (1998)

43 Systematische Fehler bei der Einschätzung von Risiken 43 Unterschätzen der Wahrscheinlichkeit häufiger Risiken des kumulativen Risikos mit zunehmender Häufigkeit des Risikoverhaltens synergistischer Effekte zwischen Risikofaktoren Überschätzen der Wahrscheinlichkeit seltener Risiken der Effektivität präventiver Maßnahmen

44 Zwischenfazit Risikowahrnehmung/Bedrohung 44 - Individualisierte Risikokommunikation ist notwendig zur Veränderung selbstbezogener Risikowahrnehmung - eine Grundlage für Motivation - kann kurzfristig wirken - kann vielfach verzerrt sein - enthält keine Informationen über konkrete Möglichkeiten der Verhaltensveränderung Ohne Kommunikation und Aufbau persönlicher verhaltensrelevanter Ressourcen langfristig wirkungsfrei.

45 Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (Health Action Process Approach: HAPA) 45 Gewohnheitsstärke Schwarzer (2004; Abb.: Keller & Nigg, 2007; um Gewohnheitsstärke ergänzt)

46 Erwartungen (expectancies) 46 ALBERT BANDURA Stanford University Department of Psychology Erfinder der Sozial-kognitiven Verhaltenstheorie (Bandura, 1977; 1997)

47 Erwartungen (expectancies) 47 Person Verhalten Ergebnis Selbstwirksamkeitserwartungen Ergebniserwartungen Bandura (1977)

48 Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (Health Action Process Approach: HAPA) 48 Gewohnheitsstärke Schwarzer (2004; Abb.: Keller & Nigg, 2007; um Gewohnheitsstärke ergänzt)

49 49 Konsequenzerwartungen (auch: Handlungs-Ergebnis-Erwartungen bzw. Ergebniserwartungen; engl.: outcome expectancy) expectation that an outcome will follow a given behavior (Williams et al., 2005, p. 70). Wahrgenommene Zusammenhänge zwischen Verhaltensweisen / Handlungen und bestimmten Ergebnissen

50 Ergebnisse /Konsequenzen des Rauchens Positive Effekte des Rauchens Entspannung Anregung Bessere Konzentration Kontakte Kommunikation Stressbewältigung etc. Ambivalenz Negative Effekte des Rauchens Krankheit und Tod Mangelnde körperliche Fitness Entzugserscheinungen Finanzielle Kosten Sozialer Druck Unangenehmer Geruch etc. Abwägen von positiven und negativen Konsequenzen

51 Fuchs & Göhner (2010) 51

52 Health Belief Model (HBM): Das älteste - und ein insuffizientes Modell 52 aus: Lippke S, Renneberg B (2006). In: Renneberg B, Hammelstein P, eds.: Gesundheitspsychologie. Berlin: Springer

53 Referat 2 53

54 54 A Randomized, Controlled Trial of Financial Incentives for Smoking Cessation Volpp et al., N Engl J Med 2009;360:

55 55 55 Förderung einer positiven Nutzen-Kosten-Waage bei Patienten: Beispiele für die Gesprächsführung - Offene Fragen stellen (z. B. Was wären die Vorteile einer solchen Veränderung? ; Inwiefern gibt Ihnen das Rauchen zu denken? ) Explorieren der Entscheidungswaage - Themen entwickeln (z. B. um ein Beispiel bitten) - Extreme erwägen (z. B. Angenommen, Sie machten so weiter wie bisher: Was könnte im schlimmsten Fall passieren?, Angenommen, Sie würden Ihr Verhalten erfolgreich vollständig umstellen: Was wäre dann anders? )

56 Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (Health Action Process Approach: HAPA) 56 Gewohnheitsstärke Schwarzer (2004; Abb.: Keller & Nigg, 2007; um Gewohnheitsstärke ergänzt)

57 57 Selbstwirksamkeitserwartungen (auch: Kompetenzerwartungen; engl.: self-efficacy expectancy) beliefs in one s capabilities to organize and execute the courses of action required to produce given levels of attainments (Bandura, 1998, p. 624) Überzeugung, in der Lage zu sein, ein Verhalten mit Hilfe eigener Ressourcen organisieren und zeigen zu können und zwar auch angesichts neuer, unvorhergesehener, schwieriger oder stressreicher Hindernisse

58 Selbstwirksamkeitserwartung: Beispielitems 58 Ich bin mir sicher, dass ich mein Leben auf einen körperlich aktiven Lebensstil umstellen kann. (Motivation) auch wenn die Planung dafür sehr aufwändig ist. (Initiative) mich auch dann dauerhaft regelmäßig körperlichen betätigen kann, wenn sich meine Blutdruckwerte dadurch nicht sofort verbessern. (Aufrechterhaltung) wieder regelmäßig körperlich aktiv werden kann, auch wenn ich meine konkreten Pläne mehrmals verschoben habe. (Wiederherstellung nach Rückfall)

59 Vier Quellen von Selbstwirksamkeitserwartungen 59 z. B. Fertigkeitentraining in Patientenschulungen Eigene Erfolgserfahrung (mastery experience; eigene Erfolge) z. B. Selbsthilfegruppe z. B. Beratungsgespräch Stellvertretende Erfahrung (vicarious experience; Modelllernen) Verbale Verstärkung (social persuasion; Überzeugung/Zuspruch) Selbstwirksamkeitserwartungen z. B. Angstreduktionstechniken Physiologische und affektive Zustände (emotional arousal; interpretierte Gefühle) nach Schwarzer (2004)

60 Empirisches Beispiel für Selbstwirksamkeitserwartung: Verläufe von Kompetenzerwartung für erfolgreiche Entsager und für rückfällige Raucher über ein Jahr 60 5 Kompetenzerwartung 4 3 Entsager Rückfällige 2 1 vor Intervention kurz nach Intervention 6 Wochen danach 1 Jahr danach Quelle: Mudde et al. (1989)

61 Förderung der Selbstwirksamkeitserwartung von Patienten: Beispiele für Gesprächsführung Die Zuversichtsskala (Miller & Rollnick, 2005) a) Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie erreichen können? gar nicht sehr zuversichtlich zuversichtlich b) Warum sind Sie bei und nicht bei 0? c) Was wäre nötig, um Sie von auf zu bringen? LIEBER NICHT: Warum sind Sie bei und nicht bei 10?

62 Förderung der Selbstwirksamkeitserwartung von Patienten: Was können Sie konkret tun? Frühere Erfolge besprechen Beispiel: MoVo-Test 6 (aus Fuchs & Göhner, 2009 TK-Broschüre Hoch motiviert )

63 Zwischenbemerkung: Nicht verwechseln: Health Locus of Control vs. Self-efficacy 63 Selbstwirksamkeitserwartungen Ich könnte auch dann Verhalten, wenn Barriere. Health Locus of Control Meine Gesundheit wird in erster Linie dadurch bestimmt, was ich selbst tue. Siegrist (2005): Selbstwirksamkeit ist somit eine Form internaler Kontrollüberzeugung (engl. internal health locus of control) (S. 53) Wallston (2004): An internal locus of control connotes self-responsibility and selfblame for outcomes but does not necessarily connote self-efficacy for the behaviors that lead to those outcomes. For instance, I can believe that it is my eating behavior that determines how much I weigh (an internal locus of control belief) and, at the same time, I can feel hopeless about my ability to change my eating behavior. (via ; vgl. auch Wallston, 1992) Wenn es um Verhalten geht: Selbstwirksamkeitserwartung!

64 Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (Health Action Process Approach: HAPA) 64 Gewohnheitsstärke Schwarzer (2004; Abb.: Keller & Nigg, 2007; um Gewohnheitsstärke ergänzt)

65 65 Zielintentionen (auch: Ziele; engl.: behavioral intentions, goal intentions) Vorsätze ohne Planungscharakter, die sich auf ein Ziel oder ein Zielverhalten beziehen können Absicht als Endpunkt des motivationalen Prozesses nur Silvestervorsatz - aber wichtiger Schritt!

66 66 Motivation entstanden aus dem lateinischen movēre = bewegen Sammelbegriff für Prozesse und Effekte, deren gemeinsamer Kern darin besteht, dass ein Lebewesen sein Verhalten um der erwarteten Folgen willen auswählt und hinsichtlich Richtung und Energieaufwand steuert (Heckhausen, 1989, S. 10) Motiv: überdauernde und relative konstante Wertungsdisposition (z. B. Leistungsmotiv, Gesundheitsmotiv ) mit einer definierten Inhaltsklasse von Handlungszielen

67 67

68 Primäre Motive hohe biologische Verankerung; geringe Erlerntheit ; dienen v. a. dem biologischen Überleben von Individuum oder Art (z. B. Hunger, Sexualität, Angst-/ Schmerzvermeidung, soziale Bindung) Sekundäre Motive niedrigere biologische Verankerung; hohe Erlerntheit ; dienen v. a. psychosozialem und soziokulturellem Wachstum (z. B. Leistungsmotiv, soziale Anerkennung, Machtmotiv, Selbstverwirklichung, religiöse Motive) Bedürfnishierarchie nach Abraham Maslow Maslow (1943, 1970; nach Faller & Lang, 2010)

69 Protection Motivation Theory (PMT): Schon besser aber noch nicht gut genug 69 aus: Lippke S, Renneberg B (2006). In: Renneberg B, Hammelstein P, eds.: Gesundheitspsychologie. Berlin: Springer

70 aus: Lippke S, Renneberg B (2006). In: Renneberg B, Hammelstein P, eds.: Gesundheitspsycholoie. Berlin: Springer 70

71 Zwischenfazit 71 - Risikowahrnehmung und Erwartungen wirken zusammen auf Schutzmotivation (Intention) - Schutzmotivation (Intention) geht Verhalten voraus - Selbstwirksamkeitserwartung wirkt sowohl auf Schutzmotivation (Intention) als auch auf Verhalten - Erklären eher Intentionsbildung als Verhalten - Intentions-Verhaltens-Lücke - Bilden keine Prozesse bzw. Stufen der Verhaltensgenerierung ab

72 72

73 Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (Health Action Process Approach: HAPA) 73 R U B I K O N Gewohnheitsstärke Schwarzer (2004; Abb.: Keller & Nigg, 2007; um Gewohnheitsstärke ergänzt)

74 Referat 3 74

75 Quelle: 75

76 76 Implementationsintentionen Struktur: Wenn Situation S eintritt, werde ich die Handlung (oder Handlungssequenz) H ausführen S resultiert dabei aus eigener, möglichst konkreter Planung Schnellere Umsetzung von Zielintentionen und schnelleres Erkennen von Cues to actions und förderlichen Umweltbedingungen

77 Bewegung bei Hypertonie: Antworten auf einige W-Fragen in der aktuellen Leitlinie Wer? Alle Patienten mit hohem Blutdruck sollten zu regelmäßiger körperlicher Aktivität ermutigt werden Was? Beispielsweise Wandern, Laufen, Schwimmen Wann? 3-4 Mal pro Woche Wie lange? Minuten Was eher nicht? Isometrische Kraftanstrengungen wie z. B. Gewichtheben sowie schwere körperliche Belastungen bei schlecht kontrolliertem Hochdruck Deutsche Hochdruckliga & Deutsche Hypertonie Gesellschaft (2008, AWMF-Reg.-Nr. 046/001)

78 Studie 78 Quelle:

79 Interventionen 79 Expt 1: Beispiel Konsequenzerwartungen Expt 2: Expt 1 + Implementation Intentions

80 Ergebnis 80

81 Quelle: 81

82 Quelle: 82

83 Minutenpapier Was ist das Wichtigste, was Sie heute gelernt haben? 2. Was haben Sie am wenigsten verstanden?

84 Nachtrag: Theory of Planned Behavior (I. Ajzen) (Weiterentwicklung der Theory of Reasoned Action von Fishbein & Ajzen) 84

85 85 Beispielitems TPB-Konstrukte Behavioral beliefs: Wenn ich rauche, dann vermindert dies meine körperliche Fitness. Das finde ich schlecht gut. * Dessen bin ich mir sehr unsicher sehr sicher. Attitude toward the behavior: Selbst körperlich aktiv zu sein, bewerte ich als positiv negativ. Normative Beliefs: Mein Freund findet, ich sollte nicht ich sollte rauchen. * Ich möchte das tun, was meine Freund von mir erwartet: gar nicht auf jeden Fall. (motivation to comply) Subjective Norm: Die meisten Leute, die mir wichtig sind, finden, ich sollte nicht ich sollte Alkohol trinken. Control beliefs: Wie häufig passieren unerwartete Ereignisse, die viel von Ihrer Zeit in Anspruch nehmen? sehr selten sehr häufig Perceived behavioral control: Wie schwierig ist es für Sie, regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren? sehr schwierig sehr einfach

86 aus: Lippke S, Renneberg B (2006). In: Renneberg B, Hammelstein P, eds.: Gesundheitspsychologie. Berlin: Springer 86

87 Stadienmodelle des Gesundheitsverhalten 87 Modellieren Verhaltensveränderungen über die Zeit Nehmen distinkte Phase der Verhaltensänderung an Unterschiedliche Phasen unterschiedliche Prädiktoren ( Diskontinuitätshypothese )

88 Quelle: 88

89 Die Handlungsphasen des Rubikonmodells 89 aus: Lippke S, Renneberg B (2006). In: Renneberg B, Hammelstein P, eds.: Gesundheitspsychologie. Berlin: Springer

90 Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (Health Action Process Approach: HAPA) 90 R U B I K O N Gewohnheitsstärke Schwarzer (2004; Abb.: Keller & Nigg, 2007; um Gewohnheitsstärke ergänzt)

91 Referat 4 91

92 Transtheoretical Model (Prochaska & DiClemente, 1984; Prochaska et al. 1992) 92

93 Stufen der Veränderung im Rahmen des Transtheoretischen Modells (TTM) 93 Sorglosigkeit ("pre-contemplation") Bewusstwerden ("contemplation") Keine Intention, das problematische Verhalten in den nächsten sechs Monaten zu verändern Vereinfacht: Nie Es wird erwägt, das problematische Verhalten in den nächsten sechs Monaten zu verändern Vorbereitung ("preparation") Handlung ("action") Aufrechterhaltung ("maintenance") Erste Schritte zur Veränderung wurden eingeleitet, Zielverhalten wird in den nächsten 30 Tagen angestrebt Zielverhalten wird seit weniger als sechs Monaten gezeigt Zielverhalten wird seit mehr als sechs Monaten beibehalten Stabilisierung ("termination") wie Aufrechterhaltung, keine situative Versuchung bzw. Rückfallgefahr mehr vorhanden DiClemente CC et al. J Consult Clin Psychol 1991;59: Prochaska JO, Velicer WF. Am J of Health Promotion 1997;12:38-48

94 Stufen der Veränderung im Rahmen des TTMs 94 aus: Lippke S, Renneberg B (2006). In: Renneberg B, Hammelstein P, eds.: Gesundheitspsychologie. Berlin: Springer

95 Zielgruppengerechte Interventionen für Stufenmodelle 95 aus: Lippke S, Renneberg B (2006). In: Renneberg B, Hammelstein P, eds.: Gesundheitspsychologie. Berlin: Springer

96 Zielgruppengerechte Interventionen für die Stufen der Veränderung im Rahmen des TTMs 96 aus: Lippke S, Renneberg B (2006)

97 Zusammenfassung Stadien: Vom Erleben zum Verhalten 97 Kognitiv-affektive Strategien Behaviorale Strategien

98 Erfassung von Verhaltensstadien: Screening-Frage 98 Haben Sie in der letzten Zeit (Verhalten)? Bitte kreuzen Sie die Aussage an, die auf Sie am besten zutrifft Nein, und ich habe es auch nicht vor Nein, aber ich denke darüber nach Nein, aber ich habe die feste Absicht dazu Ja, aber es fällt mir sehr schwer Ja, und es fällt mir leicht TTM: 1 PC, 2 C, 3 P, 4 A, 5 M HAPA: 1-2 Preintender, 3 Intender, 4-5 Actors nach: von Lengerke, 2009, in Anlehnung an Lippke et al., 2009

99 Zusammenfassung Stadienmodelle 99 pros: Sie stellen gute Fragen Sind Prozesse der Verhaltensänderung kontinuierlich, oder durchleben Menschen systematisch verschiedene Stufen? Wenn ja: Wie viele Stufen können unterschieden werden? Welche Variablen spielen in verschiedenen Phasen eine Rolle? Können Interventionen nach Stufen zielgruppengerecht gestaltet werden? cons: Sie beantworten manche Fragen nicht Wirklich qualitativ unterschiedliche Stufen? Rolle von Unterschieden zwischen Verhaltensweisen Rolle von früherem Verhalten (Verhaltensstabilität)

100 Wirklich qualitativ unterschiedliche Stufen? 100

101 aus: Lippke S, Renneberg B (2006). In: Renneberg B, Hammelstein P, eds.: Gesundheitspsychologie. Berlin: Springer 101

102 102 Zusammenhang zwischen Stadien und Vor- und Nachteilen des Sporttreibens Nachteile Vorteile

103 103 Zusammenhang zwischen Stadien und Vor- und Nachteilen des Nichtrauchens Nachteile Vorteile

104 Gesundheitsverhalten = Gesundheitsverhalten? 104 Gesundheitsverhaltensweisen unterscheiden sich u. a. in: - Bewusste Motivierung durch das Ziel Gesundheit - Effektivität im Hinblick auf Gesundheit - Unabhängigkeit vom Gesundheitszustand - Substanzgebundenheit - Bezug Krankheit oder Gesundheit - Häufigkeit der Durchführung - Dauer der Durchführung - Intensität der Durchführung - Identifikation mit dem Verhalten - Soziale Erwünschtheit - Prävalenz - Vor- und Nachteile - Aufhören vs. Initiierung - Grundsätzliche Notwendigkeit (man kann nicht rauchen, aber man kann nicht nicht essen!)

105 Zusammenfassung Gesundheitsverhaltenstheorien 105 aus: Lippke S, Renneberg B (2006). In: Renneberg B, Hammelstein P, eds.: Gesundheitspsychologie. Berlin: Springer

106 Verhaltensmodelle der Gesundheitspsychologie 106

107 Gewohnheiten: Fluch und Segen 107 Charakteristika der bisherigen Ansätze: Rational Choice -Tradition Verhalten als Ergebnis rationaler Reflektion - Abwägung Risiko - Abwägung Nutzen und Kosten - Abwägung eigener Selbstwirksamkeit/Kompetenz Verhalten als Umsetzung zielgerichteter Intention - Auswahl des Verhaltens nach seiner Gesundheitsdienlichkeit - Ausführung des Verhaltens nach bewussten Plänen Problem: Gewohnheiten als Fluch Riskantes Verhalten ist oft Gewohnheit ( habit ), die schon in Kindheit und Jugend geformt wird und z. T. außerordentlich stabil sind

108 108 Gewohnheiten als Segen : Ziel von Verhaltensveränderung

109 Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (Health Action Process Approach: HAPA) 109 R U B I K O N Gewohnheitsstärke Schwarzer (2004; Abb.: Keller & Nigg, 2007; um Gewohnheitsstärke ergänzt)

110 Was sind Gewohnheiten bzw. Verhaltensweisen mit hoher Gewohnheitsstärke? Verhalten, das sich durch eine Automatizität auszeichnet, die Menschen in Reaktion auf stabile außere Verhältnisse entwickeln. 110 Neues Verhalten (bei Erwachsenen) oft Ergebnis innerer Entscheidung; bei Habituation des Verhaltens sind äußere Verhältnisse entscheidend. Verplanken & Wood (2006)

111 Quelle: Verplanken & Wood (2006) 111

112 Prädiktion von Intention und Verhalten bei mäßig stabilem Verhalten 112 Hahn & von Lengerke (1998)

113 Prädiktion von Intention und Verhalten bei sehr stabilem Verhalten 113 Hahn & von Lengerke (1998)

114 Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (Health Action Process Approach: HAPA) 114 R U B I K O N Gewohnheitsstärke Schwarzer (2004; Abb.: Keller & Nigg, 2007; um Gewohnheitsstärke ergänzt)

115 Rückfälle sind Teil des Prozesses: Hypothetisches Beispiel des Veränderungsprozesses bei Sporttreiben 115 M A PR C Berufliche + familiäre Sicherheit Gewichtszunahme und Arztempfehlung Viel Stress auf Arbeit Sportlichen Part- ner kennengelernt Bemerkungen von Kollegen PC Jahre

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