Warten mit Franzosen oder ein Jahr in Paris

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1 Warten mit Franzosen oder ein Jahr in Paris Es gibt in der Medizin das so genannte Französische Paradoxon. Es war Wissenschaftlern nie wirklich möglich, zu ergründen, warum die Franzosen so viel seltener einen Herzinfarkt haben als andere Menschen. Sie essen viel, sie essen fettig und wer französische Filme kennt, hat sicher schon einmal beobachtet, dass es kaum eine Filmeinstellung gibt, in der nicht geraucht wird. Dazu kommt, dass sie auch noch unfassbar viel Wein trinken. Einige Ärzte waren der Überzeugung, eben dieser französische Rotwein sei einfach besonders gesund. Ein viel überzeugender Erklärungsversuch war jedoch die ausgleichende Wirkung der französischen Lebensart. Nach meinem Auslandsjahr in Paris bin ich mit einer festen Überzeugung zurückgekommen: Dank Erasmus werde ich länger leben! Schon direkt nach meinem Umzug von Bayreuth ins 7. Arrondissement in Paris merkte ich, dass ich mit deutschen Gewohnheiten nicht weit kommen könnte: Ich brauchte Strom in meiner Wohnung. Eigentlich dürfte man erwarten, dass ich nicht der erste war, der einen Stromvertrag brauchte, doch ließ sich einfach kein Verantwortlicher finden. So wurde ich von einem Büro des Konzerns EdF (Électricité de France) zum nächsten geschickt immer auf der Suche nach einem Zuständigen, der mir das passende Formular für einen Stromanschluss geben könnte. Ich legte an 2 Tagen gefühlte 100km zurück, wartete vor Büros und hörte immer wieder zwei Sätze, die ich in diesem Jahr noch sehr häufig von Franzosen hören sollte: Das weiß ich nicht. Und Dafür bin ich nicht verantwortlich. Gerne auch in der bewährten Kombination: Ich weiß nicht, wer dafür verantwortlich ist.. Den Vertrag bekam ich dann letztendlich, nachdem ich meinen französischen Vermieter nach einer Lösung fragte. Eine der vielen Lehren französischen Alltagslebens: Man darf nie jemanden fragen, der offiziell zuständig sein sollte. So lief es auch mit der Wahl meiner Kurse an der Universität. Es gab einen offiziellen Vertrauensdozenten allein für deutsche Jurastudenten. Dessen Existenz musste man allerdings selbständig über die Webseite der Universität ausfindig machen. Doch die naive Hoffnung des Unerfahrenen, dass dieser Dozent nachdem er sich schon so gut versteckt hatte einem irgendwie behilflich sein könnte erfüllte sich natürlich nicht. Seine Beratung bestand daraus, dass er empfahl, so etwa 2 Kurse pro Semester zu belegen. Welche und wo man herausfinden könnte was für Kurse es überhaupt gebe? Wenn man das als Student schon nicht herausgefunden hätte, woher sollte er das denn dann bitteschön wissen?! Geholfen hat dann letztendlich eine Sekretärin einer Forschungsstelle für Internationales Privatrecht. Die größte der Pariser Universitäten unsere hatte übrigens keine Vorlesungsverzeichnisse, sondern schlug die Kurse in kleinen Glaskästen überall in Paris verteilt an. Jeweils da, wo die Forschungsstelle saß, die die Kurse anbot. Der Vertrauensdozent hat dann bei unserem nächsten Termin ohne jegliche Kontrolle oder Rückfrage einfach einen Stempel unter den Stundenplan gesetzt. Wir müssten schließlich selbst wissen, was wir hier studieren wollten. Er ahnte wahrscheinlich nicht, dass er unter denjenigen war, die mir in Paris die ersten Lektionen Französisch gelehrt haben. Auch fernab jeglicher Verwaltung lernte ich in Paris, geduldig zu sein und mich nicht unnötig zu beschweren. Egal was man tun, erledigen oder kaufen will, es ist mit Wartezeit verbunden. Monoprix, mein Supermarkt um die Ecke, hatte 4 Schnellkassen und etwa 8 normale Kassen. An allen musste man tageszeitunabhängig für Ewigkeiten anstehen. Das lag nicht unbedingt daran, dass es zu wenige Kassierer gab oder etwa ein enormer Andrang herrschte. Die Angestellten hatten lediglich eine Mentalität wie früher Tante Emma. Auch wenn hinter der bedienten Person eine schier endlose Schlange stand, wurde sie gefragt, wie der Tag sei, wurden die unterschiedlichen Einkäufe kommentiert ( Das ist sehr lecker, das kaufe ich auch

2 immer. oder Das gibt es aber auch in einer günstigeren Packung ) und wurde nach dem Bezahlen beim Einpacken geholfen. Zur Sicherheit immer in 2 Tüten ineinander, denn die Frankreich-typischen 10+2 gratuit -Packungen sind in ihrem Gewicht nicht zu unterschätzen. Ich wurde in Frankreich auch zu einem kleinen Meister der Improvisation. Ursprünglich wohnte ich mit einer spanisch-französischen Juristin in einer WG zusammen. Auf ihren Namen lief auch unser Telefonvertrag, den sie ganz pflichtbewusst kündigte als sie nach einigen Monaten auszog. Leider war ich von da an praktisch von der Außenwelt abgeschlossen, was sich dank der geduldigen und gemütlichen Angestellten bei den Telekommunikationsunternehmen auch nicht schnell ändern ließ. Ein guter neuer Internetanschluss dauert schließlich sein Weilchen wie ein guter Wein. Es musste also eine Lösung her, wie ich meine s abrufen und Nachrichten lesen konnte. Schnell war klar, dass ich offene Internetzugänge nutzen konnte. Leider hatten alle meine Nachbarn ihre Funknetze verschlüsselt, weshalb ich zum WiFi-Nomaden wurde. Zunächst fand ich meine Laptop-familie in der Filiale eines großen amerikanischen Frikadellenbräters direkt an meiner Uni. Dort saßen wir in kleinen Gruppen mit unseren Computern auf dem Schoß und versuchten uns nicht zu schnell vertreiben zu lassen, weil Internet nur für Kunden sei. Dieser ständige Kampf gegen die Restaurantangestellten ließ mich nach einem besseren Ort suchen. Mit dem Laptop setzte ich mich in den Bus zur Uni und suchte nach geeigneten Netzen und fand den perfekten Ort direkt um die Ecke von meiner Wohnung, eine Ecke an der ich in der kommenden Zeit viele Stunden verbrachte. Es gab dort eine kleine, gläserne Telefonzelle mit einer kleinen Ablage, auf der ich den PC gerade so abstellen konnte und guten Internetempfang hatte. Nach kurzer Eingewöhnungszeit bemerkte ich schon gar nicht mehr die Leute um mich herum und so hatte ich mein kleines Homeoffice auf einem knappen Quadratmeter an einer der belebtesten Kreuzungen in Paris. So hat mich Paris gelehrt, an jedem beliebigen Ort meine Ruhe finden zu können. Apropos Telefon. Ich wollte nicht nur einen Internetanschluss in Frankreich haben, sondern auch einen Mobilfunkvertrag. Voraussetzung für die Anmeldung des Vertrags war zunächst die Angabe, in welchem französischen Département man geboren worden sei. Jedes dieses Départements hat eine 2-stellige Nummer, die auch auf jedem französischen Autokennzeichen angegeben ist. Paris hat z.b. die berühmte Nummer 75. Leider wusste ich nicht welche Nummer meinem Geburtsort Köln zugeordnet wird und ahnte bereits, dass Köln wohl gar nicht in einem französischen Département lag. Nach einiger Recherche erfuhr ich dann aber, dass die französische Verwaltung sich zwar nicht sehr für Regionen außerhalb des eigenen Herrschaftsbereichs interessierte, aber doch penibel genug war, ihnen eine Nummer zu geben. Es gibt nämlich tatsächlich auf der einen Seite die 100 Départments auf französischem Boden und auf der anderen Seite bekommt der Rest der Welt in diesem französischen Zahlenspiel die Nummer 99 gewidmet. Mit diesem Geheimwissen ausgestattet hatte ich aber noch nicht die größte Hürde genommen. Um einen Vertrag mit Einzugsermächtigung abzuschließen genügte es nicht, einfach meine französische Kontoverbindung anzugeben. Der Registrierungsprozess setzte voraus, dass an das Mobilfunkunternehmen ein Scheck geschickt wurde in Höhe von 0 (null). Bis zum Ende meines Aufenthalts ist mir dies ein Rätsel geblieben. Hier machte mir allerdings meine französische Bank einen Strich durch die Rechnung. Auf ihre urfranzösische Art und Weise schafften es die Angestellten meiner Agence, das bestellte Scheckheft zu verlegen. Nun konnte ich aber nicht einfach ein neues Heft bekommen, weil ja irgendwo mein erstes sein müsste. Hier setzte dann wieder die Geduldslehre ein. Es bringt nichts aufbrausend zu werden am besten ist es, man wartet einfach ab. Nach einigen Wochen und hartnäckigem Nachfragen ist das Scheckheft dann

3 tatsächlich wieder aufgetaucht und ich konnte meinem Mobilfunkunternehmen 0 als Scheck senden. Überhaupt hatte ich sehr viel Freude mit meiner Bank, zu der alle Erasmus-Studenten gegangen sind, weil sie ein kostenloses Girokonto mit Visakarte für ein Jahr lang anbot. Obwohl diese Bank eine der größten weltweit ist, ist es nicht möglich irgendeine andere Transaktion als Geld abheben außerhalb der eigenen Agence zu machen. Interessanterweise ist es auch nicht möglich, von einer Zweigstelle zu einer anderen umzuziehen. So mussten Freunde nach ihrem Umzug von der einen Seite der Stadt zur anderen immer wieder zu ihrer alten Agence, um ganz alltägliche Bankgeschäfte zu erledigen. Nicht umsonst gibt es auf facebook, das bei französischen Studenten ähnlich beliebt ist wie studivz in Deutschland, eine Gruppe mit dem Titel I HATE MY FRENCH BANK und dem Logo eben dieser Bank als Gruppenemblem. Man lernt in Paris auch, in zufriedener Bescheidenheit zu leben. Es ist kein Geheimnis, dass die Lebenshaltung in der französischen Hauptstadt nicht gerade billig ist. Bei Lebensmitteln kann man sich noch einigermaßen günstig durchschlagen: Es gab eine komplettes Mensamenü für 2,75, es gab Aldi-ähnliche Supermärkte und Leitungswasser ist in Frankreich überall kostenlos. Wohnen hingegen definitiv nicht. Ich lebte zwar zentral, aber in einem Zimmer mit Bett, Schreibtisch, Waschbecken und Doppelherdplatte, das von seiner Grundfläche her gegen die internationalen Tierschutzauflagen für Pferdehaltung verstoßen hätte. Knappe 9qm Lebensfläche gaben mir erst die richtige Motivation rauszugehen, in den Parks zu sitzen und die Stadt zu genießen. Das Leben in Paris findet wahrscheinlich nicht zuletzt wegen der winzigen Wohnungen in den Cafés statt. Zuhause sitzt man so beengt. Es ist eine immer wieder erzählte Erfahrung, dass man eine Landessprache erst richtig lernt, wenn man sich in jemanden verliebt, der sie als Muttersprache spricht. Schon in meinen ersten Tagen an der Uni, als ich mich noch regelmäßig mehr mit Händen und Füßen denn mit tatsächlichen Worten ausdrückte, bekam ich von einer resoluten Unisekretärin den Ratschlag, ich solle mir doch gefälligst eine süße Französin suchen sie hätte da auch eine wirklich liebe Mitarbeiterin! Leider war mein Französisch noch nicht gut genug, um da weiter nachzuhaken. Ich habe diese liebe Mitarbeiterin folglich nie kennenlernen können. Und so lief es, dass ich zunächst, wie unter Erasmusstudenten üblich, nicht sehr häufig in Kontakt mit echten Franzosen kam. In dieser Erasmus-Zweitwelt verbesserte sich mein Englisch beträchtlich, mein Deutsch blieb flüssig, ich lernte Polnisch von Russisch zu unterscheiden und Italienisch überraschend gut zu verstehen. Das Französische auf Herzensebene ließ aber auf sich warten. Und es gab auch niemanden, der dafür verantwortlich war. Schließlich war ich in Frankreich. haha Das Leben in Paris hatte mich ja bereits gelehrt, dass folglich wahrscheinlich jemand helfen könnte, der ganz bestimmt nicht verantwortlich sein könnte. Genau so kam es dann auch: Ich habe es nicht nur dem Zufall, sondern auch dem spanischen König zu verdanken, dass ich doch noch die Liebe zu einer fast echten Französin gefunden habe. Der König organisiert regelmäßig eine Reise für junge Liebhaber der spanischen Sprache. Auf einer dieser Reisen hatten sich vor einigen Jahren in Peru ein Mädchen aus London und ein Mädchen aus Shanghai angefreundet. Und wie es das Schicksal wollte, haben sich beide in Paris wiedergetroffen. Das Mädchen aus London war nach ihrem Schulabschluss für ein gap year nach Paris gekommen und war schon früh in meinem engeren Freundeskreis. Das Mädchen aus Shanghai war nach ihrem Schulabschluss an der dortigen Deutsch-Französischen Schule zurück nach Paris gezogen, wo sie die meisten Zeit ihres Lebens gelebt hatte, um dort zu studieren. Eines Abends schloss sich der globale Zirkel: Das Mädchen aus London traf auf einer Party zusammen mit mir das Mädchen aus Shanghai, das seit ihrer Schulzeit offenbar eine große Schwäche für Deutsche hatte und ich stellte somit

4 ein geeignetes Opfer dar. In der Folgezeit wuchsen meine französischen Sprachkenntnisse tatsächlich dramatisch ebenso wie mein französischer Freundeskreis. Als homo erasmus, den die Süddeutsche Zeitung einmal in einem kritischen Artikel beschrieb, habe ich natürlich sehr viele internationale Freunde gewonnen. Zunächst waren da die Partyitaliener, die es wahrscheinlich an jeder europäischen Universität gibt. Zwar bestand die besagte Gruppe etwa zur Hälfte aus Spaniern, doch mischten diese sich ganz vorbildlich unter. Diese Gruppe war für große Teile des gesamten Erasmusnachtlebens verantwortlich. Sie organisierten Picknicks, Barabende, berüchtigte WG-Parties und sogar gemeinsame Reisen durch Frankreich und Nordeuropa. Die Italiener integrierten auf diese Weise auch alle anderen Nationalitäten, die sich schon rein mengentechnisch nicht zu eigenen Gruppen zusammenschließen konnten. Ein Phänomen, das sich wahrscheinlich stark auf Paris konzentriert, sind die Amerikanerinnen. Sie übertrumpften zahlenmäßig locker die Italiener. Sie waren überall! Ob aus Chicago, Boston oder Los Angeles, eine polyglotte US-Amerikanerin, die etwas auf sich hält, muss wohl in Paris studiert haben. Ein absurder Trend ist, dass sie für nur ein Trimester ins Ausland gehen. Das bedeutete leider, dass man häufig Amerikaner kennenlernte, die schon kurze Zeit später wieder zurück in ihre Heimat fliegen mussten. Dennoch gaben sie sich in dieser Zeit höchste Mühe möglichst pariserisch zu sein oder zu werden. Paris verändert sicherlich jeden Menschen, den es umgibt. Amerikanerinnen erlebten dort jedoch regelmäßig eine wahrhafte Transformation: Unvergessen wird die Erzählung meiner Freundin Megan bleiben: Simon! Ich habe mich in Chicago und New York nie geschämt, im Jogginganzug einkaufen zu gehen. In Paris fühle ich mich dabei körperlich schlecht! Ich werf das Ding jetzt weg. Sie war sicherlich nicht die Erste, die die pariser Mülltonnen auf solche Weise gefüllt hat. Last but not least gab es auch die französischen Freunde. Es ist tatsächlich nicht einfach, sich einen Freundeskreis aus pariser Eingeborenen aufzubauen, wie man ihn sich erträumt bevor man dorthin zieht. Ich bin irgendwann dazu übergegangen, unterschiedliche Cliquen für unterschiedliche Tageszeiten zu haben. Zunächst gab es die Tagesfranzosen. Meine französischen Studienkollegen waren zwar sehr herzlich und offen, allerdings außerhalb der Universität vollkommen ausgelastet mit ihrem Studium. Das bedeutete, dass man regelmäßig zusammen zu Mittag aß und Kaffee trank, sie aber ab dem Nachmittag praktisch nicht mehr sah, weil sie ihre Vorlesungen ausnahmslos auswendig lernen und Übungen vorbereiten mussten. Und dann gab es für die Nacht die Partyfranzosen. Junge und junggeblieben Berufstätige sowie einige glücklich Arbeitslose, die man allesamt nicht vor 18 Uhr auf der Straße treffen konnte. In diese große Familie bin ich durch einen verrückten Zufall eingeführt worden. In einem Internetforum bot jemand Karten für eine mir damals unbekannte Literaturpreisverleihung an und ich antwortete, weil ich mir dachte, auch das sei sicher ein interessanter Aspekt der Pariser Welt. Auf der Veranstaltung angekommen traf ich den mir damals unbekannten Innenarchitekten Jérôme, der mir Zutritt verschaffte und mich seinen ganzen Freunden vorstellte, die nicht aus Liebe zur Literatur gekommen waren, sondern weil diese Preisverleihung Champagner und Austern versprach kostenlos. In den darauf folgenden Monaten habe ich bei diesen Gelegenheiten immer mehr Pariser kennengelernt, Partypariser. Ich habe nur ein einziges Mal einen von ihnen vor 18 Uhr getroffen er war auf dem Weg zu einer kleinen Literaturmesse für aufstrebende Künstler. Und ja, es gab auch die Deutschen. Wie wahrscheinlich die meisten Erasmusstudenten bin ich mit dem festen Ziel ins Ausland gegangen, meine Landesgenossen möglichst zu meiden. Das hat ganz und gar nicht funktioniert. Am Anfang waren die deutschen Freunde ein Notanker in

5 der fremdsprachigen Welt und später, als die Sprache kein Problem mehr war, einfach ein bisschen Heimat im Exil. Zwar würde ich jedem Erasmusstudenten wieder raten, zumindest zu versuchen, wenig mit Deutschen zu unternehmen, weil es sicher nicht besonders gut für die Fremdsprache ist. Wenn man aber eine gesunde Mischung findet, dann sind deutsche Freunde ein ganz wundervoller Teil des Auslandserlebnisses, den ich auf keinen Fall hätte missen wollen. Zu guter letzt bin ich in Paris auch in einer Überzeugung bestätigt worden, die ich aus Deutschland mitgebracht und die mich letztendlich auch erst nach Paris geführt hatte: Man muss Chancen und verrückte Zufälle beim Schopfe greifen und das Beste daraus machen. Eines Tages ging über einen -Verteiler für Deutsche in Paris eine Nachricht, dass für ein Filmset deutsche Darsteller gesucht würden. Ich sagte mir: Warum nicht? und ging zu dem Casting in einem eigenen Arbeitsamt für Schauspieler und Musiker (auch so etwas gibt es in Frankreich ). Dort wurde mir erklärt, dass es sich um einen Film über drei Widerstandskämpferinnen gegen die Nazis in Frankreich mit Sophie Marceau, Julie Dépardieu (Gerards Tochter) und Moritz Bleibtreu handeln würde. Um meine schauspielerischen Fähigkeiten zu testen, wollten mich die Castingbeuftragten in unterschiedlichen Soldatenrollen spielen sehen. Der Antimilitarist in mir hat mich kläglich scheitern lassen! Es war beeindruckend, wie ich etwa 4 Anläufe brauchte, bis ich einen auch nur ansatzweise glaubhaften Deutschen Gruß spielen konnte. Auch sonst war ich offenbar ganz und gar kein überzeugender Nazi erst recht nicht so wie sich die Franzosen einen gelungenen Nazi vorstellten. Wahrscheinlich sollte ich darüber glücklich sein. Nach einigen Tagen riefen mich die Castingbeauftragten jedenfalls an, dass ich leider keine richtige Rolle bekommen hätte, sie mich aber trotzdem gerne als Statisten engagieren würden. Diese Erfahrung ließ ich mir nicht nehmen und einige Wochen später ging es zuerst zum Filmfriseur, der mir eine veritable Nazisoldatenfrisur verpasste und einige Tage später frühmorgens zu einem Bus, der uns weit raus aus Paris in ein verfallenes Irrenhaus brachte, das für diesen Film noch einmal in seinem alten Glanz erscheinen durfte. Überall hingen Bilder von Adolf Hitler, Hakenkreuzfahnen und eine Hundertschaft von Statisten und Schauspielern in Soldatenkostümen gab dem Ganzen dann das letzte Bisschen um die Atmosphäre richtig gruselig zu machen. Aufgelockert wurde das ganze allerdings dadurch, dass in dem gesamten Gebäude Anweisungen an die fiktiven Soldaten aufgehängt waren, die in unfassbar gebrochenem Deutsch geschrieben waren. Und wie es sich gehörte, wusste natürlich niemand wer für diese Schilder verantwortlich war. So wurde man doch immer wieder daran erinnert, dass das eben nur ein Film war. Der eigentliche Dreh bestand hauptsächlich aus Warten. Ständig lagen wir vor dem Gebäude im Gras und warteten nur darauf, dass wir wieder reingeholt wurden, um eine Kameraeinstellung zu drehen und sofort wieder rauszugehen, damit die Kameras wieder umgebaut werden konnten. Eine tolle Erfahrung, durch die ich keinen Film mehr so sehen werde, wie ich das vorher getan habe. Zwar habe ich meinen Film noch nicht gesehen, aber das Warten darauf habe ich in Frankreich ja bereits gelernt

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