Die Zwei-Prozess-Theorie des Vermeidungslernens

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1 Die Zwei-Prozess-Theorie des Vermeidungslernens Eine Fluchtreaktion ist relativ leicht zu erklären: Durch sie erfolgt eine Veränderung der Stimulation, was als Verstärker dienen kann. Bsp.: Durch Flucht wird ein Elektroschock beendet. Eine Vermeidungsreaktion führt dagegen zu keiner Veränderung der Stimulation. Bsp.: Vor und nach der Vermeidung wird kein Schock präsentiert. => Vermeidungsparadox: Wie kann das Nichteintreten eines Ereignisses als Verstärker dienen? Die Ergebnisse des Experimentes von Brodgen et al. (1938) zeigten klar, dass bei der Möglichkeit zur Vermeidung höhere Reaktionsraten resultieren als ohne diese Möglichkeit. Wie kann das sein? Die erste und bis heute einflussreichste Antwort stammt von Mowrer (1947) und Miller (1951) und ist bekannt unter den Namen Zwei-Prozess-Theorie des Vermeidungslernens. 1 Exkurs: Flooding zur Behandlung von Phobien Durch die Konfrontation mit der für ihn maximal angstauslösenden Situation soll der Patient Angst in maximalem Ausmaß erleben und durchhalten. => Damit erlebt er, dass die von ihm gefürchteten Konsequenzen (umfallen, sterben etc.) nicht eintreten. => Diese Methode erfordert vom Patienten ein hohes Ausmaß an Motivation und Belastbarkeit. Er muss dem Verfahren natürlich zustimmen. [vgl. Reinecker, 1999] Beispiel (Yule et al., 1974): Elfjähriger Junge hatte Angst vor lauten Geräuschen (platzende Luftballons etc.). Sitzung 1: Junge betrat Raum mit Luftballons. => Nervosität; Weinen, als der Therapeut die Ballons zum Platzen brachte. Dann sollte der Junge dabei helfen. Sitzung 2: Junge anfangs noch ängstlich. Aber nachdem er mehrere hundert Ballons zum Platzen gebracht hatte, schien er es fast zu genießen. Folgeuntersuchung nach 25 Monaten: Die Phobie trat nicht wieder auf. 2

2 Experiment von Schiff et al. (1972): Phase 1: Vermeidungstraining Ratten in einer Shuttle-Box konnten einen Schock vermeiden, indem sie bei einem Ton (CS) den Raum wechselten. Phase 2: Blockierung der Reaktion und Darbietung des CS ohne US Eine Barriere verhinderte den Raumwechsel. Der CS wurde ohne US präsentiert. Die Ratten erhielten entweder 1, 5 oder 12 CS-Darbietungen. Der CS wurde dabei jeweils entweder 1, 5, 10, 50 oder 120 s präsentiert. Phase 3: Test Die Barriere wurde entfernt und der CS präsentiert (ohne US). AV: Trialanzahl, bis 3-mal nacheinander mind. 2 min bis zum Raumwechsel gewartet wird. 3 Ergebnis:! Je länger die Dauer der CS- Exposition, desto mehr Extinktion. Dieser Befund steht im Einklang mit der Zwei- Prozess-Theorie (durch Exposition Extinktion von Furcht). Die unabhängige Messung des Ausmaßes an Furcht (mit CER-Paradigma) liefert aber auch der Theorie widersprechende Ergebnisse: Manchmal geht die Vermeidungsreaktion schneller zurück als die Furcht und manchmal die Furcht schneller als die Vermeidungsreaktion.! Vermutlich wirkt noch mind. ein weiterer Faktor. 4

3 Wovon hängt der Effekt der Bestrafung ab? 1) Intensivere oder länger andauernde aversive Reize sind effektiver als kurze oder wenig intensive Reize. 2) Es ist besser, mit einem intensiven Reiz zu beginnen und dann die Bestrafung zu mildern als umgekehrt (anders: Rechtsprechung). Azrin et al. (1963): Stromstoß von 80 Volt nach jedem Tastenpicken reichte aus, um bei Tauben eine völlige Unterdrückung der Reaktion zu erreichen, wenn die 80-Volt von Anfang an eingesetzt wurden. Wenn aber die Bestrafung mit niedrigerer Voltzahl begann und langsam gesteigert wurde, reagierten die Tauben sogar noch bei 130 Volt. 5 3) Reaktionskontingente Bestrafung ist effektiver als eine reaktionsunabhängige Bestrafung. Ein aversives Ereignis kann zu einer allgemeinen Abnahme des aktuellen Verhaltens führen (vgl. CER-Paradigma). Eine Bestrafungskontingenz bewirkt aber, dass ein bestraftes Verhalten deutlich stärker zurückgeht (vgl. Domjan, 2003, S. 304 f.). 4) Bestrafung ist um so effektiver, je unmittelbarer sie auf die Reaktion hin erfolgt (anders: Rechtsprechung). Es ist wahrscheinlich keine gute Strategie, wenn die Mutter die Ungezogenheit ihres Kindes beeinflussen möchte, indem sie warnt: Warte nur, bis dein Vater nach Hause kommt. 6

4 5) Immerbestrafung ist effektiver als intermittierende Bestrafung. 6) Der Effekt der Bestrafung hängt davon ab, von welchem Verstärkungsplan das zu unterdrückende Verhalten aufrecht erhalten wird (nach welchem Plan positiv verstärkt wird). -Bei FI-oder VI-Plänenreduziert die Bestrafung die Häufigkeit, nicht aber die zeitliche Verteilung der Reaktionen (Girlande bei FI, stabile Rate bei VI). -Bei FR-Plänenverlängert Bestrafung die Postreinforcement Pause, hat aber kaum Einfluss auf den Ratio Run. 7) Bestrafung ist effektiver, wenn eine Alternative geboten wird, sich den Verstärker zu beschaffen, der die bestrafte Reaktion positiv verstärkt. Wenn durch Bestrafung z.b. Zankereien unter Kindern beseitigt werden sollen, dann könnte gleichzeitig ein damit unvereinbares Verhalten, wie z.b. kooperatives Spiel, positiv verstärkt werden. 7 8) Die Verhaltensunterdrückung durch Bestrafung kann unter die Kontrolle diskriminativer Reize gebracht werden (problematisch, wenn die Unterdrückung generell sein soll; z.b. Wirkung nur bei dem strengen Lehrer). 9) Bestrafung reduziert nicht immer Verhalten; bisweilen wird Bestrafung aktiv aufgesucht (z.b. Masochismus). Wenn es nur dann zu einer positiven Verstärkung kommt, wenn auch bestraft wird, dann kann der Strafreiz ein Signal für die positive Verstärkung werden. Beispiel: Selbstschädigendes Verhalten führt oft die Verstärker Mitgefühl und Aufmerksamkeit herbei. Damit kann der aversive Aspekt dieses Verhaltens als diskriminativer Hinweisreiz für bevorstehende positive Verstärkung dienen. 8

5 Beispiel 2: Kinder, die in der Schule ausgeschimpft werden, können sich der Aufmerksamkeit ihrer Klassenkameraden sicher sein. => O Leary et al. (1970): Störendes Verhalten nimmt stärker ab, wenn Lehrer die Schüler ermahnen, ohne, dass die anderen Kinder mithören können. 9 Exkurs: Ein paar Beispiele für die Nachteile von Bestrafung (aus Mazur, 2004) Bestrafung kann emotionale Auswirkungen haben (z.b. Angst, Wut), wodurch Lernen und Performanz beeinträchtigt werden können. => Werden Fehler bestraft, können diese auch häufiger auftreten. => Wenn z.b. eine Lehrerin auf die Frage einer Schülerin antwortet: Das ist eine dumme Frage, kann dies ein Rückgang aller Fragen zur Folge haben. Da möglichst eine Immerbestrafung erfolgen sollte, ist eine ständige Überwachung des Verhaltens nötig. Beispiel: Wird ein Kind belohnt, wenn es sein Zimmer aufräumt, wird es selbst dafür sorgen, dass seine Eltern das aufgeräumte Zimmer sehen. Wird das Kind dagegen bestraft, wenn es in seinem Zimmer Chaos anrichtet, wird es die Eltern nicht auf das Chaos hinweisen. Individuen versuchen Tricks anzuwenden, um die Bestrafung zu umgehen. Aszrin & Holz (1966): Kluge Ratte Ratte bekam für Hebeldrücken Futter. Ab und zu wurde Hebeldrücken mit Schock gepaart. Dieser wurde über den Metallboden des Käfigs appliziert. => Die Ratte lernte, sich auf den Rücken zu legen, während sie den Hebel drückte; das Fell diente dabei als Isolierung. 10

6 Beispiel 2 (Prochaska et al., 1974): Neunjähriges, geistig zurückgebliebenes Kind, dass sich mit der Faust bis zu 200-mal pro Stunde ins Gesicht schlug, wenn es nicht fixiert wurde. Versuche, dieses selbstverletzende Verhalten mittels positiver Verstärkung von Alternativverhalten etc. zu unterbinden scheiterten. => Schlagen wurde durch milden Schock am Bein bestraft. => Verhalten ging drastisch zurück. Aber: Keine Generalisierung auf Zuhause und Schule (Schlagen wurde nur in der Klinik bestraft, wenn die Elektroden am Bein befestigt waren). => Elektroschocks über Fernbedienung. => Verhalten verschwand innerhalb von einer Woche. Jetzt Generalisierung auf Zeiten ohne Schock-Generator. => Die Bestrafungsmaßnahme konnte eingestellt werden. => Das Verhalten kehrte nicht zurück. Mit der Beseitigung des Schlagens verbesserten sich auch andere Verhaltensweisen (z.b. hörten die bis dahin häufigen Weinanfälle auf). => Die Eltern konnten das Kind nun an öffentliche Orte (Einkaufszentren, Restaurants etc.) mitnehmen. [In diesem Fall scheint der Schmerz durch einige dutzend Schocks von jeweils einer halben Sekunde hinnehmbar, verglichen mit einem Leben der 11 Selbstverletzung, physischen Ruhigstellung und Isolierung.] Exkurs: Bestrafung automatischen Verhaltens Bsp.: Zähneknirschen (Heller & Strang, 1973) Zähneknirschen im Schlaf wurde durch ein 3 s andauerndes unangenehmes Geräusch bestraft. => Das Zähneknirschen ging bald von 100-mal pro Stunde auf 30-mal zurück. (Das verbleibende Zähneknirschen war zu schwach um das Geräusch zu aktivieren, ansonsten hätte das Zähneknirschen wahrscheinlich weiter nachgelassen.) 12

7 Exkurs: Beispiele für andere Techniken der Verhaltensreduktion Löschung (vgl. Kap. 9) Omission Training (negative Bestrafung) [Wenn R, dann nicht O, wobei O angenehm ist; vgl. Kap. 5] Gebräuchlichste Form: Time-Out (Auszeit) Erwünschte Stimuli (O) werden weggenommen, wenn unerwünschte Verhaltensweisen (R) gezeigt werden. Beispiel (White & Bailey, 1990): Jedes Kind, das im Sportunterricht störte, musste sich sofort für 3 min an den Rand der Turnhalle setzen (=> Entzug einer beliebten Aktivität). => Die Störungen gingen um 95 % zurück. Sättigung Ein Verstärker kann seine Wirksamkeit durch massierte Präsentation verlieren. Beispiel (Ayllon, 1963): Psychiatriepatientin hortete in ihrem Zimmer Handtücher. => Im Rahmen eines Sättigungsprogramms, erhielt sie jeden Tag vom Personal weitere Handtücher. => Nach einiger Zeit beschwerte sich die Frau. Als sie etwa 600 Handtücher im Zimmer hatte, fing sie an, sie wegzuschaffen. Danach wurde kein weiteres Horten mehr beobachtet. 13

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