Kreditvergabe, Bepreisung und neue Geschäftsfelder der österreichischen Banken vor dem Hintergrund von Basel II

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1 Study by the University of Applied Sciences bfi Vienna Kreditvergabe, Bepreisung und neue Geschäftsfelder der österreichischen Banken vor dem Hintergrund von Basel II Wien, April 2006 Johannes Jäger Fachhochschule des bfi Wien

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3 Vorwort Diese in Kooperation mit der OeNB durchgeführte Studie stellt einen wichtigen Schritt zur ökonomischen Analyse der Veränderungen der Strategien der Banken vor dem Hintergrund von Basel II dar. Die Wirkungen von neuen Regelungen können nicht aus vergangenen Verhaltensmustern und damit historischen Daten abgeleitet werden. Vielmehr gilt es zu untersuchen, wie die Regulierungen von den betroffenen Akteuren aufgenommen werden bzw. zu geänderten Strategien führen und welche Ergebnisse sich aus der Interaktion veränderter Strategien erwarten lassen. Im Rahmen der Befragung eines repräsentativen Samples von 25 Banken wurden daher direkt die aktuellen sowie sich ändernden Strategien und Verhaltensmuster bezogen auf Bepreisung, Kreditvergabe und neue Geschäftsfelder der österreichischen Banken untersucht. Besonderer Dank gilt all jenen, die diese Studie möglich gemacht haben, allen voran den Banken, die an der Befragung teilgenommen haben und für Expertengespräche zur Verfügung standen. Ebenso gilt besonderer Dank Direktor Mag. Andreas Ittner, Mag. Helmut Ettl sowie Mag a. Vanessa Redak für die hervorragenden Kooperationsbedingungen seitens der OeNB. Überdies möchte ich an der Fachhochschule Rektor (FH) Prof. (FH) Dr. Rudolf Stickler, Prof. (FH) Dipl.-Vw. Michael Jeckle, Dr. Christian Cech und Mag. Robert Schwarz für die Mitarbeit im Projekt sowie Frau Mag a. Karen Imhof für die gewissenhafte Durchführung und Auswertung der Interviews und Prof. (FH) Dr. Günter Strauch für die Korrektur des Textes recht herzlich danken. Wie üblich, verbleibt die alleinige Verantwortung für den Text beim Autor. Johannes Jäger Wien, im April

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5 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung Wissenschaftstheoretische Grundlagen, Methoden und Forschungsdesign Wissenschaftstheoretische Grundlagen und Methoden Konkrete Vorgangsweise Stand der Forschung und Ergebnisse der Befragung Rolle und Verhalten der Banken im Kontext von Basel II Zur Struktur der befragten Kreditinstitute Bepreisung Anwendung und Veränderung kostenrechnerischer Grundlagen Aktuelle Bepreisungsstrategien und deren Veränderung Veränderung von Entscheidungsstrukturen Veränderung der Kreditvergabestrategien und Geschäftsfelder Eigenmittel und Kreditvergabestrategien Bepreisung, Akzeptanz, Kreditvergabe und Geschäftsfelder Mitbewerber und Marktentwicklung Bedeutung von Quersubventionierung und Cross-Selling Umgang mit laufenden Krediten und sich ändernden Bonitäten Alternative Finanzierungsformen und neue Geschäftsfelder Aktuelle Bedeutung von alternativen Finanzierungsformen Zukünftige Bedeutung von alternativen Finanzierungsformen Nachfrage nach alternativen Finanzierungsformen Bedeutung staatlicher Förderung für die Entwicklung der Geschäftsfelder Langfristige Tendenzen im Bankensektor Zusammenfassende Schlussfolgerungen Anhang Literaturgrundlagen Interviewpartner Fragebogen

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7 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Gewählter Bewertungsansatz für Mindesteigenmittel...21 Abbildung 2: Basel II als ausschlaggebender Anstoß für die Veränderung des Risiko- Managementsystems...21 Abbildung 3: Kalkulationsschema für Mindestmargenermittlung...23 Abbildung 4: Kostenbestandteile des Kalkulationssystems...23 Abbildung 5: Refinanzierungssätze für Mindestmargen...24 Abbildung 6: Veranschlagung der Standardrisikokosten...25 Abbildung 7: Berechnung der Standardrisikokosten...25 Abbildung 8: Angestrebte Eigenmittelverzinsung vor Steuern...26 Abbildung 9: Derzeitige Methode des Aufschlags von Eigenmittelzusatzkosten...27 Abbildung 10: Veränderung in der Kalkulation der Standardrisikokosten...27 Abbildung 11: Veränderungen der Kalkulation der Eigenmittel-Zusatzkosten...28 Abbildung 12: Zukünftige Veränderung in der Kalkulation...28 Abbildung 13: Änderung in der Kalkulation der Standardrisikokosten...29 Abbildung 14: Änderung in der Kalkulation der Eigenmittel-Zusatzkosten...29 Abbildung 15: Zukünftige Veränderungen des kalkulatorischen Aufschlags der Risiko- und Eigenmittelkosten...30 Abbildung 16: Gründe der Mitbewerber für günstige Preissetzung am Markt...31 Abbildung 17: Änderung der Bepreisungsstrategien in den letzten Jahren...32 Abbildung 18: Veränderung der Bepreisungsstrategie nach Segmenten...33 Abbildung 19: Richtung der Veränderung der Bepreisungsstrategie...33 Abbildung 20: Reihung der Ursachen für die Veränderung der Bepreisungsstrategie...33 Abbildung 21: Wichtigkeit der Forderung von Akteuren für eine risikoadäquate Bepreisung...34 Abbildung 22: Zukünftige Bedeutung risikoadäquater Bepreisung von Krediten für ihr Institut...35 Abbildung 23: Verständnis risikoadäquater Bepreisung nach Kundengruppen...36 Abbildung 24: Relevante Strategien zur Durchsetzung risikoadäquater Preise...37 Abbildung 25: Abhängigkeit der Durchsetzbarkeit geänderter Bepreisungsstrategien...38 Abbildung 26: Veränderung der Bedeutung des Risiko-Managements...40 Abbildung 27: Flexibilisierung versus Standardisierung in der Kreditvergabe...41 Abbildung 28: Zukünftige Bedeutung einer Anpassung der Kreditkonditionen bei Ratingänderungen

8 Abbildung 29: Flexiblere versus stärker standardisierte Anpassung der Konditionen bei Ratingveränderungen...42 Abbildung 30: Veränderung regulatorischer Eigenmittel im Zuge von Basel II...47 Abbildung 31: Veränderung des Eigenmittelpuffers im Zuge von Basel II...48 Abbildung 32: Bedeutung der aktiven Steuerung über Eigenmittel...48 Abbildung 33: Zukünftige Veränderung der Zielgröße bei Kernkapital...49 Abbildung 34: Durchsetzbarkeit risikoadäquater Bepreisung bei bestehenden Kunden und bei Neukunden im Vergleich...50 Abbildung 35: Durchsetzung von höheren/niedrigeren Preisen nach Marktsegmenten...51 Abbildung 36: Mittelfristige Veränderung der Wichtigkeit der Geschäftsfelder...51 Abbildung 37: Quantitative Veränderung des Portfolios der Mitbewerber...52 Abbildung 38: Veränderungen des Portfolios der Mitbewerber...53 Abbildung 39: Zukünftige Finanzierung von Banken anhand von Bonitätskriterien...54 Abbildung 40: Bedeutung von Quersubventionierung...54 Abbildung 41: Zukünftige Berücksichtigung weiterer Ziele (z.b. regionale Wirtschaftsförderung) bei Kreditvergabe...55 Abbildung 42: Zukünftige Bedeutung von Kreditvergabe als Cross-Selling Strategie56 Abbildung 43: Eigener Umgang mit Kunden, deren Bonität sich erheblich verschlechtert...57 Abbildung 44: Umgang der Mitbewerber mit Kunden, deren Bonität sich verschlechtert...57 Abbildung 45: Aktuelle Bedeutung von alternativen Finanzierungsformen...60 Abbildung 46: Zukünftige Bedeutung von Geschäftsfeldern...61 Abbildung 47: Zukünftige Nachfrage nach alternativen Finanzierungsformen...61 Abbildung 48: Zukünftige Bedeutung von staatlichen Fördermaßnahmen

9 Abstract An der Fachhochschule des bfi Wien wurde in Kooperation mit der Oesterreichischen Nationalbank eine Studie über die Veränderungen von Kreditvergabe, Bepreisung und Geschäftsfeldauswahl der österreichischen Banken vor dem Hintergrund von Basel II durchgeführt. Aufbauend auf einer theoretischen Analyse und den quantitativen Daten wurde eine Fragebogenerhebung mit anschließender Interpretation der Ergebnisse durchgeführt. Im Zuge dieser Umfrage wurden 25 Banken im Rahmen eines repräsentativen Samples befragt. Alle erhobenen Daten und die daraus ableitbaren Ergebnisse werden ausschließlich in anonymisierter Form veröffentlicht. Credit Lending, Pricing and New Business Areas for Austrian Banks in the Context of Basel II The study was produced at the University of Applied Sciences BFI Vienna in cooperation with the Austrian Central Bank. It is based on theoretical analysis, quantitative data and the interpretation of data obtained by a standardised questionnaire. The representative sample included 25 banks. All the obtained data and the resulting conclusions are published exclusively in an anonymous form. 9

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11 1. Einleitung Ziel dieser Studie war es, die Praktiken der Bepreisung und Kreditvergabe der österreichischen Banken vor dem Hintergrund von Basel II zu untersuchen. Dabei ging es insbesondere um die Frage, inwieweit im Rahmen der Umsetzung von Basel II Veränderungen in den Kreditvergabestrategien bereits erfolgt bzw. noch zu erwarten sind und welche neuen Geschäftsfelder als besonders wichtig zu erachten sind. Hauptbestandteil der Untersuchung war es, aufbauend auf einer Analyse der relevanten Literatur sowie den empirischen Eckdaten des Bankensektors in Österreich eine standardisierte persönliche Befragung von repräsentativen Kreditinstituten durchzuführen. Damit konnten Primärdaten gewonnen werden, deren Aufarbeitung und Interpretation vor dem Hintergrund der theoretischen Basis erfolgte. Um genauere Rückschlüsse auf mögliche Veränderungen im österreichischen Bankensektor zu gewinnen, wurden die Umfragedaten überdies mit Daten zum Markt und den Marktteilnehmern verbunden. Die Einschätzung der zukünftigen Bepreisung und Kreditvergabe der Banken sowie der Erschließung neuer Geschäftsfelder setzte bei der Untersuchung der aktuellen Handlungsmuster sowie der beabsichtigten Strategien an. Der Abschätzung der Veränderungsprozesse im Kontext von Basel II war eine theoretische Reflexion in Zusammenhang mit möglichen Veränderungen der Kreditkalkulation voranzustellen. Erfolgt etwa eine genauere Einschätzung des Risikos, stellt sich die Frage, ob es den einzelnen Banken gelingt, ihre Vorstellungen einer stärker ausdifferenzierten risikoadäquaten Bepreisung durchzusetzen und Quersubventionierung zwischen Kreditnehmern zu vermeiden bzw. entsprechend zu reduzieren. Das hängt wiederum wesentlich vom Verhalten der Mitbewerber ab, welches im Rahmen des Forschungsprojektes untersucht wurde. Im Folgenden wird zunächst ein Überblick über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen, die verwendeten Methoden sowie das konkrete Forschungsdesign gegeben. Daran anschließend erfolgen eine kurze theoretische Darstellung der Grundproblematik sowie eine kurze Übersicht über den österreichischen Bankensektor und das ausgewählte Sample. In den weiteren Unterkapiteln werden in vier Schritten zunächst die Fragen der sich ändernden Bepreisungsstrategien, die Fragen der Kreditvergabestrategien, der zukünftigen Geschäftsfelder sowie der allgemeinen Entwicklungsdynamiken des Sektors analysiert. Dabei werden 11

12 theoretische Überlegungen mit den Ergebnissen der Fragebogenuntersuchung verknüpft und systematisch dargestellt. In den Schlussfolgerungen erfolgt eine integrative Zusammenschau der wichtigsten Ergebnisse der Studie. 12

13 2. Wissenschaftstheoretische Grundlagen, Methoden und Forschungsdesign 2.1 Wissenschaftstheoretische Grundlagen und Methoden Die Komplexität der Fragestellung erfordert eine adäquate wissenschaftstheoretische Basis. Vor dem Hintergrund der Annahme, dass sich im Kontext von Basel II Österreichs Banken in einem erheblichen Strukturwandel befinden, kann auf deren zukünftiges Verhalten in punkto Bepreisung, Kreditvergabe und Bedeutung neuer Geschäftsfelder nicht ausschließlich durch einen Rückgriff auf historische Daten geschlossen werden. Vielmehr ist es nötig, neben strukturellen Determinanten auch die Intentionen und damit Strategien der Akteure explizit zu berücksichtigen. Als wissenschaftstheoretische Grundlage des Forschungsprojektes drängte sich daher ein interpretativ-hermeneutischer Zugang auf (vgl. Lueger 2001). Dieser geht davon aus, dass weder eine theoriefreie Erkenntnis möglich (Bernstein 1983: 31), noch Empirie für sich selbst spricht, wie es Anthony Giddens formuliert: Alle sogenannten quantitativen Daten erweisen sich bei sorgfältiger Betrachtung als Bestandteile qualitativer d.h. kontextuell lokalisierter und indexikalischer Interpretationen, die situierte Forscher, Kodierer, Regierungsbeamte und andere Personen erstellen. Die hermeneutischen Probleme, die von ethnographischen Untersuchungen aufgeworfen werden, existieren auch im Falle quantitativer Studien, obwohl sie dort zum großen Teil in dem Maße verborgen sein können, in dem die darin enthaltenen Daten bearbeitet worden sind. (Giddens 1988: 390) Im Rahmen dieses Zugangs kann damit eine kohärente Verknüpfung von quantitativen wie qualitativen Daten erfolgen, da beide im Kern dieselbe Qualität aufweisen. Gleichzeitig ermöglicht dieser wissenschaftstheoretische Zugang eine theoretisch konsistente Verbindung von Strukturen und Strategien, indem er sowohl die Verwendung von quantitativen und qualitativen Methoden als auch deren integrierte Kombination vorsieht. Die Untersuchung basiert somit auf einem Methoden-Mix, bei dem sowohl hermeneutische (Lamnek 2005) als auch analytische Instrumente (Friedrichs 1990) zum Einsatz kommen. Während hermeneutische Zugänge vor allem in der explorativen Phase wichtige Erkenntnisse bringen und die Validität erhöhen, sind 13

14 analytisch orientierte Zugänge für die Zuverlässigkeit der Ergebnisse von zentraler Bedeutung. Hermeneutische Zugänge werden insbesondere dafür eingesetzt, um jenseits von aus der Literatur bzw. Theorie deduzierbaren Fragestellungen den Raum für weitere Phänomene, Zusammenhänge und Fragen aufzumachen. Konkret wurden vor dem Beginn der standardisierten Befragung drei Tiefeninterviews geführt und in Anlehnung an die aufwendigen Richtlinien der interpretativen Sozialforschung ausgewertet (vgl. Froschauer/Lueger 1992). Diese Tiefeninterviews zielten darauf ab, Fragestellungen und Themenkomplexe und Zusammenhänge zu identifizieren, die allein auf Basis der vorliegenden Daten- und Literaturgrundlagen nicht ableitbar waren. Die Erstellung des Fragebogens für die standardisierten Interviews sowie deren Durchführung und Auswertung basiert primär auf Frankfort- Nachmias/Nachmias (1996), Babbie (2004) und Diekmann (2005). Konkret wurde der Fragebogen so aufgebaut, dass sowohl Fragen nach dem Verhalten bzw. Standpunkt des eigenen Institutes als auch Fragen nach dem Verhalten der Mitbewerber gestellt werden. Mögliche Diskrepanzen in der Beantwortung der Fragen können damit wichtige Ansatzpunkte für die Interpretation liefern und damit die Validität der Ergebnisse weiter erhöhen. Weiters wurden die Antwortkategorien so gewählt, dass bewusst ein breiter Möglichkeitsraum auch in aufgrund vorläufiger Forschungsergebnisse nicht zu erwartende Dimensionen reichend aufgemacht wurde. 2.2 Konkrete Vorgangsweise In enger Zusammenarbeit und in Abstimmung mit der OeNB wurde eine theoretische Analyse vorgenommen sowie eine Auswertung von Sekundärdaten zur Marktstruktur (Bilanzsumme, Kreditportfolio, Eigenmittelunterlegung) durchgeführt. Darauf aufbauend wurden vorläufige Hypothesen zu den Feldern Bepreisungsstrategien, Kreditvergabepraxen und neue Geschäftsfelder entwickelt. Ausgehend von den Hypothesen wurden Leitfragen entwickelt. Diese bildeten den Ausgangspunkt für die Konkretisierung des Forschungs- und Fragebogendesigns sowie für die konkrete Formulierung der Fragen. Im Anschluss an eine Runde von Expertengesprächen (Tiefeninterviews) wurde ein standardisierter Fragebogen fertig gestellt sowie eine empirische Erhebung im Rahmen von persönlichen Interviews durchgeführt. Ein repräsentatives 14

15 Bankensample von 25 österreichischen Banken, das ca. 88,7% der konsolidierten österreichischen Bilanzsumme entspricht, wurde in Zusammenarbeit mit der OeNB (Mag. Helmut Ettl, Dr. Johannes Turner und Mag a. Vanessa Redak) erstellt. Die Kooperationsbereitschaft der Banken zeigte sich besonders hoch. Nur drei Banken zeigten sich nicht bereit, an der Untersuchung teilzunehmen. Deren Ausfall wurde durch die Hereinnahme von drei weiteren Banken in das Sample kompensiert. Die Auswahl der zu befragenden Personen erfolgt unter Berücksichtigung der Fragen: Was wissen diese Personen? In welche Diskurse sind sie eingebunden? Welche Informationen geben diese Personen wieder? Vor diesem Hintergrund wurde entschieden, Personen aus der zweiten Managementebene (bei kleineren Banken aus der obersten Ebene), die einen besonderen Bezug zu Fragen der Kreditvergabepraxis-Strategie (Preise, Konditionen) und Überblick zu Geschäftsfeldern aufweisen, anzusprechen. Die Aussagen waren entsprechend vor dem spezifischen Hintergrund der Personen zu reflektieren. In einigen Fällen standen in den einzelnen Banken gleichzeitig auch mehrere Personen zur Verfügung. Zunächst wurden die Interviewpartner ausgewählt und telefonisch bzw. per kontaktiert. Der standardisierte Interviewbogen wurde nach der Vereinbarung eines persönlichen Interviewtermins elektronisch zugesendet. Die interviewten Personen wurden gebeten, bereits im Vorfeld die Fragen durchzusehen und allenfalls intern zusätzliche, für die Beantwortung nötige Informationen einzuholen. Die Befragung nahm etwa 1,5 Stunden pro Interviewpartner in Anspruch. Bei der Auswertung der Ergebnisse wurden sowohl eine erste quantitative Abschätzung wie auch qualitative Abschätzungen der Veränderungen vorgenommen. Die Ergebnisse wurden auch einer abschließenden theoretischen Reflexion unterzogen. Die Fragebogenergebnisse erlauben wichtige Rückschlüsse auf die Strategien der Banken und damit einhergehenden (Struktur-)Veränderungen des Bankensektors. Ebenso wird zwischen unterschiedlichen Bankentypen und deren unterschiedlichen Strategien unterschieden. Darauf aufbauend werden jeweils Schlussfolgerung aus der Kombination von Struktur- und Strategieanalyse vorgenommen. Im Anschluss an die Auswertung der Befragungsergebnisse werden diese im Rahmen der hier vorliegenden Studie in anonymisierter Form festgehalten und an die 15

16 OeNB übermittelt. Des weiteren wird in Abstimmung mit der OeNB eine Studie mit öffentlich zugänglichen Informationen sowohl auf der Homepage der Fachhochschule des bfi Wien veröffentlicht als auch den befragten Personen in gedruckter Form übermittelt. 16

17 3. Stand der Forschung und Ergebnisse der Befragung 3.1 Rolle und Verhalten der Banken im Kontext von Basel II Das Verhalten der Banken wird in der volkswirtschaftlichen Theorie mittels mikroökonomischer und makroökonomischer Zugänge thematisiert (Stichworte: Bank Behaviour, Lending Behaviour, Credit Crunch etc.) (vgl. Duwendag et al. 1999, Basu 2002, Werner/Padberg 2003). Bei betriebswirtschaftlichen Zugängen ist Literatur aus dem Umfeld der Gesamtbanksteuerung sowie zu diversen Verhaltensmodellen etc. zu berücksichtigen, wobei Publikationen, die die besondere Problematik von Basel II behandeln, vorliegen (vgl. Bruckner/Schmoll/Stickler 2003). Kerngeschäftsfeld der Banken sind nach wie vor das Einlagengeschäft und die Kreditvergabe (OeNB 2005). Basel II mündet in bzw. beschleunigt nach Ansicht zahlreicher Arbeiten ein stärker risikosensitives Verhalten der Banken. Dies erfolgt vor dem Hintergrund eines stärkeren internationalen Wettbewerbs, der Banken zu höherer Ertragsorientierung (ROE) zwingt (vgl. Bruckner 2004). Damit ist möglicherweise auch eine Änderung seitens des Nachfrageverhaltens von Unternehmen zu erwarten (vgl. Riess/Schmid 2003). Zusätzlich zu theoretischen Arbeiten zu möglichen Auswirkungen von Basel II auf das Bankenverhalten (z.b. Danielsson et al. 2004, Lindquist 2004, Estrella 2004) gibt es neben QIS3 auch eine Reihe von Untersuchungen zu möglichen Wirkungen von Basel II, die stärker empirisch orientiert sind (siehe z.b. FSA 2005, PWC 2004, Hahn 2003). Bisherige empirische Untersuchungen für Österreich (z.b. Jäger 2005, Messner 2005, Schwaiger 2004) lassen vermuten, dass sich die Situation hierzulande vom gesamteuropäischen Durchschnitt (und gar vom angloamerikanischen Bereich) unterscheidet. Es weisen sowohl das österreichische Finanzsystem als auch die reale ökonomische Wirtschaftsstruktur Besonderheiten auf, die durch die starke Dominanz des Hausbankensystems, eine hohe Anzahl von KMUs und die im Vergleich zum Teil hohe Bedeutung des Kredits geprägt sind (Dirschmid/Waschiczek 2005). Für Österreichs Banken, Finanzsystem und Wirtschaft stellt daher Basel II welches stärker an Bankpraktiken im finanzmarktbasierten anglo-amerikanischen Modell angepasst ist eine besondere Herausforderung dar. 17

18 Die länderspezifischen Besonderheiten werden zwar z.t. bei überblicksartigen Vergleichsstudien (vgl. PWC 2004) berücksichtigt, ausreichend differenzierte umfassende Analysen, insbesondere in Hinblick auf die strategische Untersuchung der Kreditvergabepraxis, Bepreisungsstrategien und Veränderungen der Geschäftsfelder stehen jedoch bislang aus. Die Klärung dieser Fragen ist jedoch wichtig, um mögliche Veränderungen zu erkennen, denn im Zusammenhang mit der Untersuchung möglicher Wirkungen von Basel II stellt sich die Frage, wie die Regelungen von den betroffenen Akteuren aufgenommen werden und wie diese damit umgehen. Überdies wird den Fragen nachgegangen, inwieweit beobachtbare bzw. absehbare Verhaltensänderungen auf Basel II zurückzuführen sind und inwieweit es sich dabei um durch Basel II verstärkte generelle Trends handelt. Diese Fragen stellen sich deshalb, weil Basel II explizit alleinig die Vorschriften zur Eigenkapitalunterlegung modifiziert, die Bepreisungsstrategien und auch die Entwicklung möglicher neuer Geschäftsfelder und alternativer Finanzierungsformen davon allerdings nicht unmittelbar, möglicher Weise aber indirekt beeinflusst werden. Es geht daher um das Aufspüren von möglichen Veränderungen in den Handlungsstrategien der Banken sowie um das Herausarbeiten von Prozessen ihrer Grunddeterminanten, Dynamiken und Entwicklungsrichtungen. Vor diesem Hintergrund werden Kernfragen zu den kostenrechnerischen Grundlagen der Kreditkalkulation, zu Bepreisungsstrategien im engeren Sinne, zur Veränderung der Entscheidungsstrukturen (die sowohl für Bepreisungs- als auch Kreditvergabepraxis von zentraler Bedeutung sind) sowie eine Veränderung der Geschäftsfelder im Kreditbereich untersucht. Die Fragen beziehen sich meist auf das jeweilige Kreditinstitut und zum Teil auch auf die Mitbewerber und das Marktumfeld (siehe Anhang 5.3). 3.2 Zur Struktur der befragten Kreditinstitute Insgesamt sind 25 in Österreich tätige Banken im Rahmen persönlicher Interviews anhand des standardisierten Fragebogens im Zeitraum Dezember 2005 bis Februar 2006 untersucht worden. Das repräsentative Sample ist so ausgewählt, dass einerseits die unterschiedlichen Größen- und Organisationsstrukturen im österreichischen Bankensektor ausreichend Berücksichtigung finden und andererseits eine möglichst hohe Abdeckung der Grundgesamtheit gegeben ist 18

19 (siehe Anhang 5.2). Während sich damit im Bereich der größeren Universalbanken und daher für das betroffene Marktvolumen beinahe eine Vollabdeckung ergibt, muss auf die Beschaffenheit des restlichen Volumens aus Stichproben geschlossen werden. Die Bilanzsumme der österreichischen Kreditinstitute betrug per Ende ,7 Mrd. Euro. Insgesamt bestanden per Banken in Österreich. Der Stand der Forderungen an Nichtbanken lag per Ende 2005 bei 328,4 Mrd. Euro (OeNB 2006). Den größten Marktanteil gemessen an der Bilanzsumme wies der Aktienbankensektor (inkl. BA-CA) mit 31,7% auf. Der Raiffeisensektor kam auf 23,4%, die Sparkassen kamen auf 17,9%, Sonderbanken auf 9,3%, Landeshypothekenbanken auf 8,5% und die Volksbanken auf 5,3%. Insgesamt werden im Sample bezogen auf die konsolidierte Bilanzsumme 88,7% der Banken erfasst. Bezogen auf die Kreditvergabe werden damit auf Basis unkonsolidierter Daten ca. 61,5% des gesamten Marktes durch die Befragungen der Banken abgedeckt (Berechnungen basierend auf OeNB 2006). Damit wird ein großer Teil der für den Markt relevanten Grundgesamtheit im Sample erfasst. Überdies ist das Sample so ausgewählt, dass auch Sektoren und Größenklassen entsprechend enthalten sind. Plausibilitätstests in Form der Verbindung von quantitativen und qualitativen Methoden (Expertengespräche) stellen eine ausreichende Validität der Ergebnisse sicher. So kann festgestellt werden, dass innerhalb einzelner Sektoren relativ einheitliche Vorgangsweisen aufgrund zentraler Vorgaben vorzufinden sind. Dabei sind die Banken immer auch befragt worden, inwieweit einzelne Banken als repräsentativ für den Sektor gelten bzw. wo Abweichungen liegen. Diese qualitative Vorgangsweise ermöglicht damit eine hohe Validität der Ergebnisse. Neben einer adäquaten Erfassung der Bankentypen und Sektoren ist auch eine geographische Ausgewogenheit der Stichprobe gegeben. Die quantitative Auswertung der Daten ist sowohl für das gesamte Sample als auch bezogen auf Klassen bzw. Typen vorgenommen. Dabei wird sowohl zwischen Spezialbanken und großen Universalbanken als auch mittleren und kleineren Banken unterschieden. Damit erfolgt eine bewusste Abweichung von der traditionellen Bankenstatistik, da damit über die Sektorenzugehörigkeit hinaus explizit der Größenfaktor berücksichtigt wird. Dort, wo sich signifikante und erhebliche Abweichungen der Ergebnisse zwischen einzelnen Untergruppen ergeben, werden diese in der Studie auch gesondert angeführt. 19

20 Die Banken sind im Rahmen der Erhebung gebeten worden, ihre Tätigkeitsfelder (Privatkredit, Kredit an KMU etc.) nach ihrer Wichtigkeit zu reihen. Die Angaben sind einem Plausibilitätstest unterzogen worden, wobei festgestellt wurde, dass sie weitgehend mit den statistisch feststellbaren Daten übereinstimmen (OeNB 2005). Darüber hinaus ist diese Information wichtig, um Bankenverhalten und betroffene Marktsegmente einzuschätzen. Des Weiteren sind die Kreditinstitute nach dem im Rahmen von Basel II bezogen auf die Berechnung der Mindesteigenmittel gewählten Bewertungsansatz gefragt worden (siehe Abbildung 1). Insgesamt zeigt sich, dass Spezialbanken und große Banken häufig den Advanced IRB-Ansatz oder den Foundation IRB-Ansatz für die Berechnung der Mindesteigenmittel verwenden werden, während kleinere und mittlere Banken in der Regel den Standardansatz anwenden werden. Ausnahmen gibt es im Sparkassensektor, wo über den Haftungsverbund auch kleinere und mittlere Kreditinstitute einen internen Ansatz zu verwenden beabsichtigen. Es kann angenommen werden, dass die Wahl des Bewertungsansatzes für die Strategien der Banken in punkto Kreditvergabe und Geschäftsfelder von wesentlicher Bedeutung ist. Wird etwa der Standardansatz gewählt, so verändert sich in der Berechnung der Eigenmittel-Zusatzkosten auf Ebene der individuellen Schuldner kaum etwas was auch eine nicht-risikoadäquate Zurechnung dieser Kosten nahe legen würde. Rathgeber und Wallmeier (2005) argumentieren jedoch, dass generell Eigenkapitalkosten vor dem Hintergrund von kapitaltheoretischen Überlegungen für höhere oder niedrigere Zinsen kaum die Ursache sind, denn in der Kapitalstrukturtheorie sei es keineswegs evident, dass sich der Gesamtkapitalkostensatz ändere, wenn mehr oder weniger Eigenkapital eingesetzt würde. Allfällige Veränderungen bei den Preisen wären damit primär auf eine risikoadäquate Zurechnung der Standardrisikokosten zurückzuführen und somit weitgehend unabhängig vom gewählten Bewertungsansatz. Um die Position des jeweiligen Instituts sowie die Wettbewerbsstruktur zu erfassen, wurde nach den wichtigsten Mitbewerbern gefragt. Die systematische Auswertung dieser Frage erlaubt es überdies, Fragen zum möglichen Verhalten der Mitbewerber zu kontextualisieren und auf Plausibilität zu prüfen. Die Frage nach dem von dem wichtigsten Mitbewerber voraussichtlich gewählten Bewertungsansatz erlaubt es abzutesten, welche Informationen bezüglich der Mitbewerber bezogen auf ihre Strategien vorliegen. Aus der Auswertung kann geschlossen werden, dass bei den befragten Personen ein hoher Wissenstand über die Konkurrenz vorliegt. 20

21 Abbildung 1: Gewählter Bewertungsansatz für Mindesteigenmittel Anzahl Frage 2: Verwendete Berechnungsansätze Standard Foundation IRB Advanced IRB Im Rahmen der Erhebung ist abgefragt worden, inwieweit Basel II den ausschlaggebenden Anstoß für Veränderungen in den Bereichen Bepreisung, Kreditvergabe und neue Geschäftsfelder darstellt. Vom Großteil der befragten Banken wird das Basel II-Regelwerk als zum Teil für die Veränderung des Risiko- Managements in ihrem Institut ursächlich angegeben (siehe Abbildung 2). Damit zeigt sich die in der Studie von PWC (2004) geäußerte Aussage bestätigt, dass Basel II jedenfalls als Beschleuniger eines Veränderungsprozesses im Bankmanagement betrachtet werden kann. Eine Auswertung nach Typen zeigt ein noch differenzierteres Bild. Während Großbanken durchwegs angeben, dass Basel II nur zum Teil einen bzw. keinen Anstoß zur Veränderung des Risikomanagements darstellt, so ist dies für kleinere Kreditinstitute nicht der Fall. Für diese stellt Basel II häufig einen wesentlichen Auslöser für die Veränderung des Risiko-Managements dar. Abbildung 2: Basel II als ausschlaggebender Anstoß für die Veränderung des Risiko- Managementsystems Frage 4: Bedeutung von Basel II für die Veränderung des Risikomanagementsystems Anzahl Basel II sehr Basel II zum Teil Basel II nicht 21

22 3.3 Bepreisung War das Kreditgeschäft der Banken bislang meist generell vom Risikoausgleich geprägt, so soll durch Basel II der Risiko-orientierte Preis auch im Bankgeschäft (und nicht nur im Kapitalmarkt) Einzug halten. In diesem Zusammenhang wird von manchen Autoren (z.b. Bruckner 2004: 8) sogar von einem Kulturschock gesprochen. Möglichkeiten risikoadäquater Bepreisung und Kalkulationsstrategien werden nunmehr auch vor diesem Hintergrund diskutiert (vgl. z.b. Hirt 2003). In Österreich ist im Schnitt ein deutlicher Eigenmittelüberschuss im Vergleich zu den bisherigen Mindestvorschriften vorhanden (OeNB 2005). Es stellt sich daher die Frage, ob in den Banken aufgrund einer Modifikation der Unterlegungsvorschriften, die lt. BCBS (2004) jedenfalls in der Regel nicht zu einer allgemeinen Erhöhung des regulatorischen Eigenkapitals führen, die Eigenkapitalunterlegung überhaupt merkbar verändert wird (vgl. Tscherteu 2003). Geringeres Eigenkapital würde zwar den Return on Equity erhöhen, insbesondere Analysten (wie etwa die Rating- Institutionen) scheinen bislang jedoch sehr wohl einen deutlichen Eigenmittelpolster zu honorieren (vgl. Gambacorta/Mistrulli 2003). Das tatsächlich gehaltene Kapital liegt daher häufig deutlich über dem regulatorischen Minimumkapital Anwendung und Veränderung kostenrechnerischer Grundlagen Die Banken sind zu den Grundlagen sowie zur genauen Durchführung der Kalkulation befragt worden, da dies für die Einschätzung möglicher unterschiedlicher Bepreisungsstrategien und allfälliger Wirkungen von Basel II eine wesentliche Voraussetzung darstellt. Veränderungen in der Kalkulation deuten überdies darauf hin, dass damit Grundlagen für geänderte geschäftspolitische Strategien geschaffen werden. Die überwiegende Mehrheit der befragten Kreditinstitute gibt an, über ein Kalkulationsschema zu verfügen, bei dem Mindestmargen für Kredite berücksichtigt werden. Einige verfügen nur über ein eingeschränktes Kalkulationsschema (siehe Abbildung 3). Eine differenzierte Analyse der unterschiedlichen Kreditinstitutstypen zeigt, dass es sich dabei ausschließlich um kleinere und zum Teil mittlere Institute handelt, die ein eingeschränktes Kalkulationsschema verwenden. 22

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