Manual für das Praxisteam. 2. Was ist Kostenerstattung überhaupt?

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1 Manual für das Praxisteam Seit dem 1. Januar 2004 besteht für alle Kassenpatienten die Möglichkeit, anstatt des traditionellen Sachleistungssystems die sogenannte Kostenerstattung nach 13 SGB V zu wählen. Bereits bisher hatten freiwillig versicherte Kassenpatienten diese Möglichkeit, die jetzt allen gesetzlich versicherten Patienten eingeräumt wurde. Es ist daher zu erwarten, dass in den nächsten Jahren auch in Ihre Praxis Patienten kommen, die sich für das Prinzip der Kostenerstattung entschieden haben. Das vorliegende Manual gibt Ihnen daher einen Überblick über das Thema Kostenerstattung und Hinweise zum Umgang mit Kostenerstattungspatienten. 2. Was ist Kostenerstattung überhaupt? Im traditionellen Sachleistungssystem gibt der Kassenpatient an der Rezeption der Praxis seine Chipkarte ab und wird in der Praxis von seinem Arzt behandelt. Die Abrechnung des Arztes erfolgt quartalsweise mit der Kassenärztlichen Vereinigung. Im Rahmen des Sachleistungsprinzips hat der Patient bei der Inanspruchnahme einer ärztlichen Leistung dem Arzt die Krankenversicherungskarte vorzulegen. Die Abrechnung der Leistung erfolgt dann zwischen dem Arzt und der Kassenärztlichen Vereinigung. Bei der Kostenerstattung gibt es keine Chipkarte mehr. Der Kassenpatient mit Kostenerstattung betritt die Praxis quasi als Privatpatient. Er wird von seinem Arzt behandelt und erhält danach eine Rechnung nach GOÄ, die er direkt an den Arzt bezahlt. Diese Rechnung kann der Patient bei seiner Krankenkasse einreichen und erhält dort denjenigen Betrag erstattet, den die Kasse für den Patienten im Rahmen des traditionellen Sachleistungssystems über die Kassenärztliche Vereinigung an den Arzt überwiesen hätte. Im Rahmen der Kostenerstattung erfolgt die Abrechnung der ärztlichen Leistung zwischen Arzt und Patient. Der Patient rechnet also zuerst mit dem Arzt ab und erhält dann diese Kosten auf Antrag von seiner Krankenkasse ganz oder zum Teil erstattet. Die Kostenerstattung ist das typische Prinzip der Versicherung. Der Name Ersatzkasse zeigt, dass früher die Kostenerstattung üblich war. Das Prinzip der Sachleistung gab es früher nur für sozial schwache Patienten. Kontakt: Seite 1 von 8

2 Der Patient, der sich für das Prinzip der Kostenerstattung nach 13 SGB V entscheidet, ist an diese Entscheidung für mindestens ein Jahr gebunden. In der Regel werden Wahl und Widerruf der Kostenerstattung zu dem Kalendermonat wirksam, der auf den Eingang der schriftlichen Mitteilung des Patienten folgt. Einzelne Kassen mögen hierbei auch abweichende Regelungen in ihren Satzungen haben. Hat sich ein Patient für die Kostenerstattung entschieden, so gilt diese Wahl für den gesamten ambulanten Bereich, also für Besuche bei Ärzten aller Fachrichtungen, auch für Zahnärzte, Kieferorthopäden oder Psychotherapeuten. Bei Besuch von Heilpraktikern oder von Nicht-Vertragsärzten erstattet die Krankenkasse hingegen, wie im traditionellen Sachleistungssystem dem Patienten nichts. Die unterschiedlichen Abläufe bei Behandlung und Abrechnung im Rahmen des traditionellen Sachleistungssystems und im Rahmen der Kostenerstattung verdeutlicht die folgende Darstellung. Kostenerstattung 13 Abs. 2 SGB V zahlt KV rechnet ab (EBM) lässt erstatten (EBM) rechnet ab (GOÄ) Krankenkasse Privat- Versicherung lässt erstatten (Rest) behandelt Autor: Frielingsdorf Consult Folie 1 Es wird deutlich, dass die Behandlung von Kassenpatienten mit Sachleistungssystem und mit Kostenerstattung zunächst identisch ist (blauer Pfeil). Der Unterschied zwischen traditionellen Kassenpatienten und Kassenpatienten mit Kostenerstattung besteht insbesondere in der Form der Abrechnung. Kontakt: Seite 2 von 8

3 Während bei Kassenpatienten im Sachleistungssystem die Abrechnung zwischen Arzt und Kassenärztlicher Vereinigung erfolgt (rote Pfeile), spielt die Kassenärztliche Vereinigung bei der Abrechnung von Kostenerstattungspatienten (grüne Pfeile) keine Rolle mehr. Der Arzt rechnet wie bei einem Privatpatienten direkt mit dem Patienten ab, der den Rechnungsbetrag teilweise von seiner Krankenkasse und teilweise von einer evtl. abgeschlossenen Zusatzversicherung erstattet bekommt (vgl. zu Details das folgende Kapitel). 3. Was bekommt der Patient erstattet? Der Patient reicht bei seiner Krankenkasse die Rechnung seines Arztes ein. Diese Rechnung wurde nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) gestellt, wie bei einem Privatpatienten. Die Krankenkasse muss dem Patienten nun denjenigen Betrag erstatten, den der Arzt bei Behandlung im traditionellen Sachleistungssystem von der Kassenärztlichen Vereinigung erhalten hätte. Dazu ist es zunächst erforderlich, die GOÄ-Rechnung, die der Patient bei der Krankenkasse einreicht, in die Gebührenordnung EBM umzurechnen, die dem Sachleistungssystem zugrunde liegt. Die exakte Umrechnung von GOÄ in EBM ist jedoch kaum möglich, denn die Leistungs-Ziffern in diesen beiden Gebührenordnungen sind nicht identisch. Für die Umrechnung von GOÄ in EBM haben daher einige Krankenkassen ein Computer-Programm entwickelt (z. B. die Techniker-Kasse), andere geben feste Umrechnungsfaktoren zwischen GOÄ und EBM vor. Zudem sind die Krankenkassen berechtigt, für den anfallenden Verwaltungsaufwand einen bestimmten Honorar-Anteil einzubehalten. Dieser Abzug liegt je nach Krankenkasse zwischen 7,5% und 10% des Erstattungsbetrages. Wichtig: Die Praxisgebühr wird von dem Kassenpatienten, der Kostenerstattung erstattung gewählt hat, in der Praxis nicht erhoben. Die Krankenkasse zieht dem Patienten stattdessen ihrerseits die 10 bei dem Erstattungsvorgang ab. Kontakt: Seite 3 von 8

4 Die Abrechnung einer Krankenkasse gegenüber dem Patienten, der eine GOÄ-Rechnung seines Arztes zur Kostenerstattung einreicht, könnte damit wie folgt aussehen: Position Rechnungsbetrag der Abrechnung nach GOÄ Umrechnung in den Kassensatz nach EBM Betrag Kommentar 300,00 Privatbehandlung beim Arzt (2,3fach GOÄ) 110,00 Kassensatz (0,6-0,85 x 1fach GOÄ) abzüglich Praxisgebühr -10,00 Wurde in der Praxis nicht erhoben = Erstattungsbetrag vor Abschlag abzüglich Abschlag fehlende Wirtschaftlichkeitsprüfung/ Verwalt.kosten 100,00-7,50 Abschlag (7,5% von 100 ) = Erstattungsbetrag für Patient 92,50 Für den verbleibenden Differenzbetrag (im Beispiel Rechnungsbetrag 300,00 Erstattungsbetrag 92,50 = Differenz 207,50) schließt der Kostenerstattungspatient in der Regel eine sogenannte ambulante Zusatzversicherung bei einer privaten Krankenversicherung ab. Auf diese Weise muss er selber keinen oder (je nach Zusatzversicherung) nur einen geringen Restbetrag bezahlen. Mittlerweile existieren neben den schon lange bekannten Krankenhaus- Zusatzversicherungen (für Chefarzt-Behandlung, Ein-Bett-Zimmer etc.) nun also auch zahlreiche Angebote für solche ambulanten Zusatzversicherungen am Markt. Die Kosten für eine Zusatzversicherung im ambulanten humanmedizinischen Bereich sind abhängig von Alter, Geschlecht, versichernder Gesellschaft und gewünschtem Leistungsumfang. Kontakt: Seite 4 von 8

5 Die folgende Tabelle zeigt eine Übersicht über die verschiedenen monatlichen Prämien der ambulanten Zusatz-Versicherungen: Eintrittsalter Prämien für Männer in /Monat von - bis Prämien für Frauen in /Monat von bis 25 Jahre Jahre Jahre Jahre Mit diesen Prämien sichert der Kostenerstattungs-Patient den Differenz-Betrag zwischen der Kostenerstattung seiner Krankenkasse und der Arztrechnung nach GOÄ teilweise oder vollständig ab. Bei sogenannten IGeL-Leistungen erstattet die Krankenkasse dem Patienten in der Regel nichts, denn im traditionellen Sachleistungssystem hätte der Arzt diese Leistungen auch nicht mit der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen können. Bei solchen Leistungen erstatten die privaten Zusatzversicherungen meist eine pauschale Quote der Arztrechnung, die je nach Gesellschaft zwischen 30% und 70% der Arztrechnung liegen kann. Es ist letztlich Sache des Patienten, das für seine Bedürfnisse richtige Zusatzversicherungs-Angebot zu wählen. 4 Für welche Patienten ist Kostenerstattung interessant? Die Gründe, aus denen ein Kassenpatient sich für die Kostenerstattung entscheidet, können vielfältig sein. Das Prinzip der Kostenerstattung ist dabei keineswegs für alle Kassenpatienten geeignet. Für einzelne Kassenpatienten bietet die Kostenerstattung jedoch attraktive Möglichkeiten und Vorteile. Insbesondere trifft dies zu auf die Gruppe der freiwillig versicherten Patienten. Diese Patienten sollten in der Praxis auf die neue Möglichkeit der Kostenerstattung hingewiesen werden. Kontakt: Seite 5 von 8

6 Freiwillig versicherte Patienten haben ein Einkommen oberhalb der Pflichtversicherungsgrenze (derzeit pro Monat bei 13 Gehältern pro Jahr). Damit könnten sie sich bei einer Privaten Krankenversicherung versichern lassen. Dennoch bleiben diese Patienten (freiwillig) gesetzlich krankenversichert und stützen damit weiterhin das Solidarsystem. Als erster Vorteil sind die Familienmitglieder der freiwillig krankenversicherten Patienten ebenfalls in der gesetzlichen Krankenversicherung mitversichert. Freiwillig gesetzlich krankenversicherte Patienten sind häufig beruflich stark eingespannt und bei Arztbesuchen besonders auf kurze Wartezeiten und schnelle Termine angewiesen. Für diesen besonderen Service sind einige Patienten auch bereit, etwas mehr zu bezahlen. Diese Möglichkeit steht den Patienten mit der Wahl der Kostenerstattung als zweiter Vorteil nun offen. Weiterhin begrenzt die gesetzliche Krankenversicherung die ärztliche Behandlungsfreiheit durch gesetzliche Regelungen auf solche Behandlungen, die wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig sind. Über dieses Maß hinausgehende Behandlungen darf der Arzt von Gesetzes wegen für Kassenpatienten nicht erbringen. Die Wahl der Kostenerstattung ermöglicht nun dem Kassenpatienten als dritter Vorteil, selber nach Beratung durch den Arzt darüber zu entscheiden, auf welche Art und Weise er behandelt werden möchte. Wie erkennt man freiwillig Versicherte in der Praxis? Hierzu haben wir einen Aufsteller entwickelt, der in der Praxis auf dem Anmeldungstresen aufgestellt werden kann. Dieser Aufsteller spricht speziell die freiwillig versicherten Patienten an, die auf diese Weise ihrerseits den Arzt oder die Helferin ansprechen sollen. 5. Auswirkungen von Kostenerstattung für die Praxis 5.1 Finanzielle Auswirkungen Die guten Leistungen von Praxisteam und Arzt werden heute im traditionellen Sachleistungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung leider immer seltener angemessen vergütet. Mit Einführung des neuen EBM (voraussichtlich noch im Jahr 2004) wird sich diese Situation noch verschärfen. Bis zu 20% der Praxen in Deutschland sollen nach internen Plänen der Bundesregierung verschwinden! Die Einführung der Praxisgebühr zum hat bereits zu einem spürbaren Rückgang der Patientenzahlen in den Praxen geführt und zwingt viele Ärzte zu einer Verkleinerung der eigenen Praxis. Kontakt: Seite 6 von 8

7 Ein Kostenerstattungspatient hingegen trägt durch den Abschluss einer Zusatzversicherung dazu bei, dass die Arbeit von Arzt und Praxisteam wieder angemessen vergütet wird. Durch die ihm vorliegende Rechnung hat der Kostenerstattungspatient zudem volle Transparenz über die entstehenden Kosten. Viele Patienten gewinnen so ein neues Bewusstsein für den Wert der Arbeit von Arzt und Praxisteam. Ein Kostenerstattungspatient nutzt also der Praxis, ohne dem Solidarsystem der gesetzlichen Krankenversicherung zu schaden. Kostenerstattungspatienten stützen das Solidar-System, in dem sie trotz hohen Einkommens in der gesetzlichen Krankenversicherung verbleiben. Zusätzlich sind sie bereit, eine private Zusatzversicherung abzuschließen und so für eine angemessene Vergütung der ärztlichen Arbeit zu sorgen. Auch der Patient erhofft sich dadurch natürlich Vorteile, z.b. die freie Wahl der Behandlungsmethode sowie einen optimalen Service in der Praxis. Organisatorische Auswirkungen Je nach Absprache zwischen Praxisteam und Praxisleitung sollten also Kostenerstattungspatienten in der Praxis wie Privatpatienten behandelt werden. Der Kassenpatient, der eine private Zusatzversicherung für den ambulanten Bereich abschließt, tut dies in der Regel aus denselben Gründen, wie der Patient mit einer Zusatzversicherung für das Krankenhaus. Kontakt: Seite 7 von 8

8 6 Checkliste für die Praxis Die drei Nutzenvorteile der Kostenerstattung für Kassen-Patienten werden auf der folgenden Abbildung noch einmal zusammengefasst: Zielgruppe: Freiwillig Versicherte 1. Bestmögliche Medizin ohne ökonomische Zwänge 2. Privatpatienten-Status 3. Familie bleibt gesetzlich mitversichert! Autor: Frielingsdorf Consult Folie 2 Da sich ein Patient für ein Jahr und für den gesamten ambulanten Bereich auf die Kostenerstattung festlegen muss, ist jeder Kostenerstattungspatient, den ein Arzt gewinnt, gleichzeitig auch ein Kostenerstattungspatient für die Praxen der Kollegen. Dies gilt derzeit auch für die Zahnärzte und Kieferorthopäden, die häufig eine Vorreiterrolle übernehmen und bereits zahlreiche Patienten für die Kostenerstattung gewonnen haben. Es ist daher zu erwarten, dass im Laufe der nächsten Jahre ein spürbarer Anteil an Kassenpatienten auch in Ihrer Praxis in das System der Kostenerstattung wechseln wird. Die folgende Checkliste soll für das ganze Praxisteam eine Hilfe beim Umgang mit Kostenerstattungspatienten sein: Kostenerstattungspatienten haben teilweise keine Chipkarte, sind also u.u. nicht von Privatpatienten zu unterscheiden. Bei Kostenerstattungspatienten keine Praxisgebühr erheben. Kostenerstattungspatienten je nach Praxis-Philosophie wie Privatpatienten behandeln. Keine Abrechnung nach EBM-Ziffern, sondern nach GOÄ-Ziffern. Kontakt: Seite 8 von 8

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