Horrende Fehler in Spitalrechnungen bleiben unbemerkt

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1 Auflage: Gewicht: Titelseite, gross 13. Mai 2014 Zurück zum Inhaltsverzeichnis TITELSEITE Horrende Fehler in Spitalrechnungen bleiben unbemerkt Ein Experte verdächtigt Ärzte, die mangelnde Kontrolle durch Patienten und Krankenkassen auszunützen. Von Simone Schmid Fehlerhafte Spitalrechnungen können enorme Kosten verursachen. Dem «Tages-Anzeiger» liegen mehrere Fälle vor, bei denen sich eine Spitaladministration «vertippt» hat. Im extremsten Fall wurden einer Patientin für einen fünfwöchigen Spitalaufenthalt Franken zu viel berechnet. Viele solche Fehler werden gar nicht entdeckt. Denn nur die Patienten wissen, welche Leistungen sie tatsächlich erhalten haben. Und die meisten Patienten schauen Spitalrechnungen gar nicht an oder verstehen die komplizierten Aufstellungen nicht. Die Krankenkassen wiederum sind zwar verpflichtet, die Spitalrechnungen zu überprüfen. Doch es wäre viel zu teuer, die Tausenden von Abrechnungen alle im Detail von einer Fachperson kontrollieren zu lassen. So entsteht eine Grauzone, in der Fehler oder auch Betrug nur schwer erkannt werden. Dies wird laut Felix Schneuwly, dem Krankenkassenexperten von Comparis, von einigen Leuten ausgenützt. Er kenne viele Fälle von zu hohen Spitalrechnungen, die bei einer Patientenreklamation kommentarlos korrigiert worden seien. «Ich habe den Verdacht, dass gewisse Ärzte einfach mal probieren, ob sie zu viel abrechnen können, denn in der Regel wehrt sich niemand», sagt Schneuwly. Wie einfach horrende Kosten verursacht werden, ohne dass es die Krankenkasse bemerkt, zeigt ein Fall aus dem Jahr Bei der Abrechnung eines Kontrastmittels hat sich die Administration vertippt und statt 2.75 Franken Franken berechnet. Die Rechnung wurde von der Kasse anstandslos beglichen. Erst als die Patientin sich über den hohen Betrag beklagt hat, wurde die Rechnung vom Spital korrigiert. Um in Zukunft Missbrauch und Fehler zu verhindern, fordert Comparis für Laien verständliche Rechnungen und Anreize für Patienten, diese auch zu kontrollieren. Einen Schritt in diese Richtung möchte der Krankenverband Santésuisse nun machen: Bei der Revision des Tarmed-Tarifwerks sollen zumindest die Rechnungen für den ambulanten Bereich verständlicher werden. --- SEITE 2 Kommentar Markus Brotschi, Bundeshausredaktor, über Abrechnungsfehler bei medizinischen Behandlungen. 1 / 6

2 Auch Patienten sind gefordert Arzt- und Spitalrechnungen sind für die Patienten häufig so kompliziert, dass das Studium Kopfschmerzen oder Schwindel verursachen kann. Da werden unverständliche Diagnosecodes mit Taxpunkten versehen und Basisfallpreise mit Kostengewichten multipliziert. Am Schluss resultiert ein Frankenbetrag, der einem zu hoch oder auch angemessen erscheint und der in der Regel von der Krankenkasse bezahlt wird. Für die Patienten ist entscheidend, dass die Behandlung hilft und von der Versicherung getragen wird. Doch ein Blick auf die Rechnung lohnt sich trotzdem, weil ein Selbstbehalt von 10 Prozent zu zahlen ist. Die Kostenkontrolle zu Hause liegt zudem im Interesse aller Patienten, weil diese mit ihren Prämien und Steuern das Gesundheitswesen finanzieren. Zwar kann der medizinische Laie kaum beurteilen, ob für das Einsetzen eines neuen Kniegelenkes zu Recht Franken verrechnet werden oder ob 4500 Franken angemessen wären. Aber die Patienten können nachfragen, und sie sehen, ob sie an den aufgeführten Behandlungsterminen tatsächlich beim Arzt waren oder ob verrechnete Medikamente wirklich verabreicht wurden. Die Patienten sind neben den Spitälern und Arztpraxen meist die Einzigen, die wissen, welche Behandlungen durchgeführt wurden. Die Hauptverantwortung für die Rechnungsprüfung tragen jedoch die Kassen und bei stationären Spitalbehandlungen zusätzlich die mitzahlenden Kantone. Sie müssen mit computergestützten Plausibilitätsprüfungen Fehler erkennen, die dem Einzelnen im Dickicht der Tarifpositionen entgehen. Dass diese Überprüfungen nicht über alle Zweifel erhaben sind, zeigt das Beispiel eines Spitals, das für ein Kontrastmittel statt 2.75 Franken verrechnete. Wenn solche Fehler unentdeckt bleiben, machen Kassen, Kantone und Spitäler ihre Arbeit nicht richtig. Schwierig wird es für die Kontrolleure aber, wenn in Spitälern aus den unzähligen Fallpauschalen bewusst zu hohe Rechnungsbeträge konstruiert werden. Sollte dies systematisch geschehen, wäre dies ein Skandal. Bis zum Beweis des Gegenteils nehmen wir an, dass es sich um Einzelfälle handelt. --- SCHWEIZ SEITE 3 Spitalkosten Teure «Tippfehler» Eine Spitalrechnung ist Franken zu hoch, eine andere Haben sich die Rechnungssteller vertippt? Oder nutzen sie die Schwächen des Abrechnungssystems aus? Von Simone Schmid 2 / 6

3 Die Injektion eines Kontrastmittels wurde statt mit 2.75 Franken mit Franken verrechnet. Symbolbild: Gaëtan Bally (Keystone) Sie hat eine Wut im Bauch: Silvia Bachmann, eine Baselbieterin, deren 68-jährige Mutter vor zwei Jahren nach einem komplizierten Eingriff im Basler Universitätsspital verstarb. Zwischenmenschlich sei einiges schiefgelaufen, sagt Bachmann. Doch wirklich wütend macht die Frau die Spitalrechnung, die sie nach dem Tod ihrer Mutter erhalten hat. Auf der Rechnung sind Leistungen aufgeführt, die nie erbracht worden sind. «Ich stolperte zuerst über das Wort Cholezystektomie», erzählt Bachmann, die als medizinische Praxisassistentin arbeitet und daher weiss, was das Wort bedeutet: eine Gallenblasenentfernung. «Meiner Mutter wurde nie die Gallenblase entfernt, und darum begann ich, die Rechnung genauer zu studieren.» Die Ärzte haben ihr später erklärt, dass es zwar keine Entfernung, aber eine Gallenblasenpunktion gegeben habe. Doch bei der Lektüre der 60-seitigen Rechnung tauchten noch andere seltsame Positionen auf. Doppelt berechnete Leistungen. Physio- und Ergotherapie-Sitzungen, die stattgefunden haben sollen, als die Patientin bereits palliativ betreut wurde. Es sei seltsam, dass man eine Patientin rehabilitieren wolle, die bereits im Sterben liege, sagt die Tochter. Sie habe zudem nie einen Physiotherapeuten bei ihrer Mutter gesehen. Vierfach verrechnet Silvia Bachmann protestierte bei der Krankenkasse CSS und verlangte, dass die Rechnung nicht bezahlt werde. Daraufhin veranlasste die Kasse eine genauere Prüfung und entdeckte mehrere Fehler. Diverse Leistungen sind doppelt und dreifach abgerechnet worden, obwohl sie nur einmal durchgeführt worden waren. Eine Magenspiegelung für 1680 Franken stand gleich viermal auf der Rechnung. Bei einer künstlichen Beatmung, die mit Franken zu Buche schlug, hat man laut Spital «die Abrechnungsziffer falsch eingegeben». Die Position wurde gestrichen. Und da es für 43 Physiotherapie-Sitzungen keine schriftliche Dokumentation gab, wurden diese ebenfalls gestrichen. Am Anfang hätte der Spitalaufenthalt Franken gekostet. Nach den diversen Korrekturen schrumpfte der Betrag auf Franken, mehr als ein Drittel weniger als zu Beginn. Auffallend ist, dass die Kürzungen nur die Zusatzversicherung betreffen: Ursula Bachmann war privat versichert. Hat hier jemand versucht, sich auf Kosten der Privatversicherung zu bereichern? Das bestreitet das Spital vehement. «Das Universitätsspital Basel hat in der Rechnung zwei Fehler gemacht. Das tut uns 3 / 6

4 «Das Universitätsspital Basel hat in der Rechnung zwei Fehler gemacht. Das tut uns sehr leid», heisst es bei der Pressestelle. Und weiter: «Gegen einen Vorwurf, dass Leistungen wissentlich nicht korrekt abgerechnet werden, wehren wir uns entschieden.» Tatsache ist, dass es im Gesundheitssystem eine Schwachstelle gibt, die ausgenutzt werden kann: Die meisten Patienten schauen die Rechnungen nicht an oder verstehen die komplizierten Auflistungen nicht. Die Krankenkassen wiederum haben nicht die Mittel, um alle Rechnungen im Detail zu prüfen. «Der Kontrollaufwand ist meist teurer als das, was allenfalls eingespart werden könnte», sagt Felix Schneuwly, der Krankenkassenexperte des Internet-Vergleichsdienstes Comparis. Patienten mit zu wenig Wissen, Kassen mit zu wenig Mitteln: In diesem Graubereich gibt es Platz für Fehler und Betrug. Was für krasse Fehler vom automatischen Kontrollsystem der Kassen nicht entdeckt werden, zeigt eine zweite Rechnung von Silvia Bachmann musste ihre Mutter wegen einer Gefässverengung operiert werden, diesmal im Kantonsspital Bruderholz. Drei Tage lag die Frau im Spital. Die Kosten: Franken. «Wir sahen den Betrag erst, als die Krankenkasse die Rechnung bereits bezahlt hatte», sagt Bachmann. Sie hielt die Rechnung für zu hoch und besorgte sich beim Spital eine detaillierte Auflistung der Leistungen. Da entdeckte sie, dass die Injektion eines Kontrastmittels Franken kostete statt lediglich 2.75 Franken. Das Bruderholzspital erklärt heute, dass beim Erfassen der Rechnung der Faktor falsch eingegeben worden sei mal zu hoch. «Der Fehler wurde festgestellt, und unmittelbar danach kam es selbstverständlich auch zu einer Refakturierung», schreibt die Pressestelle. «Massive Interessen» Bleibt die Tatsache, dass die Krankenkasse den Fehler übersehen hat und Franken zu viel bezahlt hätte, wenn die aufmerksame Tochter nicht interveniert hätte. Krankenkassenexperte Felix Schneuwly ist nicht überrascht. «Ich höre immer wieder von zu hohen Spitalrechnungen, die erst bei einer Patientenreklamation gekürzt werden, manchmal gar um die Hälfte des Betrags.» Die Frage ist: Sind die zu hohen Beträge tatsächlich das Resultat menschlicher Fehler, wie die Spitäler sagen? Schneuwly glaubt das nicht: «Ich habe den Verdacht, dass gewisse Ärzte einfach mal probieren, ob sie zu viel abrechnen können, denn in der Regel wehrt sich niemand.» Man dürfe nicht vergessen, dass es um massive wirtschaftliche Interessen gehe. «Dadurch kommt es zwangsläufig auch zu Fehlanreizen», sagt Schneuwly. Ein Arzt in einem Basler Spital sagt, dass bestimmte Chirurgen gerade bei Privatpatienten versuchten, mehr Geld zu verdienen. «Es fällt auf, dass manche Kollegen bei Privatpatienten eher sinnlose Operationen durchführen und Privatpatienten eher operiert werden als Allgemeinversicherte mit der gleichen Diagnose.» Leitende Ärzte stünden teilweise nur zum Abrechnen als Operateur auf dem OP-Bericht drauf, obwohl sie nie mitoperiert hätten. Zudem herrsche im System der Zusatzversicherungen ein Wildwuchs an Preisen, welcher die Kontrollen zusätzlich schwierig mache. Laut den Aussagen des Arztes, der nicht mit Namen genannt werden möchte, kann ein Chirurg für das Einsetzen einer Knieprothese im Basler Merian-Iselin-Spital Franken in Rechnung stellen. Im Bruderholz-Spital macht er genau dieselbe Arbeit für nur 4500 Franken. Sind die Krankenkassen zu wenig streng beim Prüfen und Verhandeln? Treiben hier gierige Ärzte die Kosten des Gesundheitssystems in die Höhe? Bei der Krankenkasse CSS ist man überzeugt, dass alles mit rechten Dingen zu- und hergeht. «Ein Spital 4 / 6

5 kann es sich fast nicht leisten, systematisch zu betrügen», sagt Stefan Wülser, der Chef der Leistungsabrechnung bei der CSS. Die entdeckten Fehler seien meist durch technische Probleme oder menschliches Versagen entstanden. Eine einzelne Position könne zwar versehentlich doppelt gebucht werden. «Wenn wir jedoch vermehrt Fehler entdecken, dann setzen wir uns mit dem betreffenden Spital an einen Tisch und analysieren das», sagt Wülser. Laie soll Rechnung verstehen Beim Universitätsspital Basel hat es im letzten Jahr laut der CSS tatsächlich eine Häufung von Fällen gegeben, bei denen Leistungen doppelt abgerechnet worden sind. Das Spital sagt dazu: «Eine Untersuchung ist einem Verdacht nachgegangen, dass Fälle von Vorhofflimmern und Vorhofflattern doppelt berechnet wurden.» Dieser Verdacht habe sich jedoch nicht bestätigt. Um falsche Rechnungen zu verhindern, fordert Felix Schneuwly mehr Kontakt zwischen Krankenkassen und Patienten. Die Rechnungen sollten verständlicher werden, damit Laien sie überprüfen könnten. Zumindest im ambulanten Bereich stellen die Kassen Verbesserungen in Aussicht. «Bei der anstehenden Gesamtrevision des Tarifwerks Tarmed streben wir an, die Rechnungen verständlicher zu machen», sagt Paul Rhyn vom Dachverband Santésuisse. --- Behandlungskosten Die Kontrolle von Millionen Rechnungen ist schwierig Die Überprüfung von Arztund Spitalrechnungen erfolgt vorwiegend automatisiert. Von Markus Brotschi, Bern Jährlich führen die Spitäler über eine Million stationäre Behandlungen aus. So viele Rechnungen können nur durch automatisierte Vorgänge überprüft werden Gleiches gilt für die Rechnungen ambulanter Arztbehandlungen. Dafür gibt es Programme, die Ungereimtheiten aufdecken. Dazu gehört etwa, dass bestimmte Behandlungen oder deren Kombination bei Patienten eines bestimmten Alters unwahrscheinlich sind. Die Rechnungen von stationären Spitalbehandlungen werden von den Kassen und den Kantonen nach einem Kostenteiler beglichen. Deshalb können die Spitalrechnungen von zwei Kostenträgern kontrolliert werden. Bei ambulanten Behandlungen erfolgt die Prüfung in der Regel nur durch die Kasse, vorgängig allenfalls noch durch den Patienten. Transparenz war das Ziel der Fallpauschalen, mit denen die Spitäler seit 2012 die Kosten einer stationären Behandlung berechnen. Die Spitäler verrechnen nicht mehr Spitaltage, sondern aufgrund der Diagnose und der Behandlungskomplexität eine Pauschale. Das Fallpauschalensystem ist in der ganzen Schweiz gleich, womit die Kosten der einzelnen Spitäler vergleichbar werden. Ob die aus einem Katalog mit rund 1000 Fallgruppen zusammengestellten Rechnungen der effektiven Behandlung des Patienten entsprechen, ist für die Patienten aber unmöglich und für die Kassen schwer zu prüfen. Spitalrechnungen werden im Gegensatz zu Arztrechnungen immer von der Kasse direkt beglichen. Falls der Patient auf dem Beleg einen Fehler entdeckt, ist die Rechnung schon bezahlt. 5 / 6

6 Noch schwieriger als bei allgemein Versicherten sind die Spitalrechnungen von Privatpatienten zu überprüfen. Denn anders als bei der obligatorischen Grundversicherung handeln die Kassen mit einzelnen Spitälern Verträge für die Privatpatienten aus. Der Preis für eine bestimmte Behandlung kann je nach Spital stark variieren. -- GLEICHENTAGS EBENFALLS ERSCHIENEN IN: DER BUND Tages-Anzeiger 6 / 6

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