Die Angst vor dem Erblinden Oder: Herr Tur-Tur, der Scheinriese

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1 Die Angst vor dem Erblinden Oder: Herr Tur-Tur, der Scheinriese Vielleicht kennen Sie die Geschichte von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer? Auf ihrer langen Reise mit Emma, der Lokomotive, kamen sie einmal in eine Wüste. Sie sahen in der Ferne einen unglaublich großen Riesen und waren sehr erschrocken. Aber sie nahmen ihren ganzen Mut zusammen und fuhren mit Emma auf den Riesen zu. Und je näher sie ihm kamen, desto kleiner wurde er. Als sie ihn erreichten, war er nicht größer als sie selber. Es war Herr Tur-Tur, der Scheinriese, der sich sehr freute, dass jemand die Angst überwunden hatte und ihn besuchen kam. So ähnlich verhält es sich mit der Angst, z.b. der Angst vorm Erblinden. Seit ca. 4 Jahren erlebte ich eine dramatische Sehverschlechterung von 60 % auf ca 2%. Ich kann nichts mehr lesen, Gesichter von Menschen nicht mehr erkennen, weiß nicht, was in Schaufenstern liegt und welche U-Bahn als nächstes kommt. In diesen Jahren habe ich viele Phasen der Realitätsbewältigung durchlaufen. In den Phasen der Verzweiflung ist das Erblinden wie der sehr beängstigende Riese. Immer wieder, wenn ich lerne, mit einem neuen Sehverlust in Frieden zu kommen, wird der Riese kleiner. Es ist eine Gratwanderung, einerseits zu versuchen, den Krankheitsverlauf aufzuhalten, andererseits den Ist-Zustand anzunehmen. Es ist am Anfang sehr schwer, nicht immer auf das zu schauen, was ich nicht mehr kann, sondern auf das, was mir noch möglich ist. Und ich stelle fest, dass ich jetzt, wo mein Sehen einen Zustand erreicht hat, der mir vor einem Jahr als Horrortrip erschienen wäre, die Welt so schön erscheint wie nie zuvor. Jeder Baum, der sich gegen den Winterhimmel abzeichnet, ist ein einmaliges Kunstwerk.

2 Aber wie kann ich mit all den schwierigen Gefühlen zurechtkommen, die einen bedrohlichen Krankheitsverlauf begleiten? Auf diesem Weg gibt es weder Abkürzungen noch Umwege, das heißt, dass ich meine Gefühle von Trauer, Verzweiflung, Angst, Wut oder Depression annehmen muss. Aber ich muss nicht in diesen Gefühlen baden, muss mich nicht von ihnen vollkommen überfluten lassen. Wenn ich sehr traurig bin, stelle ich mir vor, mein Schmerz ist ein Baby, das ich in den Armen wiege, ihm meine ganze Liebe und Aufmerksamkeit zuwende. Beruhigt sich das Gefühl mit der Zeit, versiegen die Tränen und ich spüre wieder meinen Atem. Ich bemerke, dass es mir jetzt in diesem Moment gar nicht so schlecht geht. Der vietnamesische Meditationslehrer Thich Nhat Hanh sagt: Deine Verabredung mit dem Leben ist in diesem Augenblick. Das hört sich banal an, ist aber bei genauem Hinspüren eine wunderbare Sache: ich sitze hier am PC mit meiner Vergrößerungs- und Sprachsoftware, ich kann meinen Atem spüren. Ich habe keine Schmerzen, ich bin satt, trinke in Ruhe einen Tee, bin ganz präsent in diesem Augenblick. Wenn ich mir Sorgen mache über die Zukunft, bin ich nur in Gedanken, aber nicht in Verbindung mit dem Leben. Leid entsteht immer dann, wenn ich die Tatsachen anders haben möchte, als sie sind. Alles, was ich früher konnte und jetzt nicht mehr kann, ist wie ein kleiner Tod im Leben. Das gilt natürlich nicht nur für Sehverlust, sondern auch für jede andere Krankheit, die mit körperlichen oder seelischen Einschränkungen einhergeht. Diese Tode bewußt zu erleben und doch weiterzugehen und immer wieder Freude zu spüren, ist eine große Herausforderung, aber sie wird mit großem persönlichem Wachstum belohnt.

3 Ehre deinen Weg in die Dunkelheit, Ehre das Sterben. Das neue Leben hält Versprechen bereit, die dem alten unvorstellbar waren. Aus meiner persönlichen und sehr aktuellen Erfahrung sind verschiedene Dinge nötig, um mit einer Krisensituation wie dem Umgang mit dem Verlust der Sehkraft oder anderer Körperfunktionen auf positive Weise umgehen zu können. 1. das Annehmen von schwierigen Gefühlen, 2. das realistische Anschauen meiner Behinderung und sich kundig machen über Hilfsmittel und Unterstützung 3. Pflegen von Freundschaften, Knüpfen von Netzwerken 4. therapeutische Hilfe suchen 5. etwas finden, was mich beglückt bei mir ist es das Gitarrespielen und singen und Anleiten von Chantgruppen, wandern, Die Herausforderungen in dieser Situation sind vielfältig, das Wichtigste scheint mir im Moment die selbsthliebe zu sein. Wenn ich mich z.b. nicht mehr im Spiegel erkennen kann, muss ich mich schön fühlen, sonst bin ich dauernd unsicher. Es ist nicht einfach, von den anderen gesehen zu werden, aber weder mich selbst noch die anderen zu sehen. Aber hier hilft nur der Satz wenn mir egal ist, was die anderen denken, wird das Leben leicht. Ich bin gezwungen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, Oberflächlichkeiten, haben immer weniger Bedeutung, nicht mehr, wie Dinge oder Menschen aussehen, sondern wie sie sind. Was fasziniert mich an anderen Menschen? Es ist das Herzliche, das Offene, Fachkompetenz in

4 Verbindung mit einem offenen Herzen und ohne dogmatische Überstülpungen. Ich bin in den letzten Jahren oft gefragt worden, was ich nicht sehen wolle, was ich verdrängen würde. Es ist diese mechanistische Bewertung, dass heil ist, der keinerlei physische Einschränkungen hat. Aber gibt es jemanden, auf den das wirklich zutrifft? Ist heil sein nicht eher, mit mir wie immer ich auch bin in Frieden zu sein? Das Erblinden ist für die meisten Menschen mit so viel Angst oder Grauen besetzt, weil damit die Vorstellung verbunden ist, dass ich abhängig von anderen werde, dass ich ständig um Hilfe bitten muss. Es ist mit dem Gefühl verbunden, dass das Leben ganz eng und eingeschränkt wird. Und der spirituelle Weg, mit solchen realen Einschränkungen umzugehen und das gilt ja auch für jede andere Behinderung kann für mich nur darin bestehen, innerlich weit zu werden. Das heißt konkret, mich als Teil eines großen Ganzen zu begreifen. Als ein Knoten in einem weiten Netzwerk. Wenn Freundinnen mit mir einkaufen gehen oder mein Büro organisieren oder mit mir eine Gruppe zusammen leiten, dann ist es, als ob die Egogrenzen sich auflösen, jeder steuert seinen Beitrag zum gemeinsamen Energiefeld bei. Dazu ist natürlich notwendig, dass ich ganz konkret und gezielt um Hilfe bitten kann je konkreter, desto einfacher für die anderen und dass ich auch meine Fähigkeiten und Ressourcen gut kenne. Aufgaben können fast immer so verteilt werden, dass alle Spaß dabei haben. Und die wichtigste Aufgabe ist, mich selbst immer wieder mit den inneren Augen der Liebe anzuschauen. Natürlich hat sich mein Leben in den letzten 4 Jahren vollkommen verändert, ich war Sehlehrerin, jetzt arbeite ich als Therapeutin, singe mit Menschen, gebe Massagen und Klangbehandlungen mit Klangschalen und Monochord.

5 Aber ich bin doch trotzdem dieselbe geblieben. das ist nur möglich, wenn ich keinen Widerstand leiste, weil ich das Geschenk bekommen habe, so flexibel und lebensfroh zu sein, dass ich mich immer wieder wandeln darf. Eckart Tolle schreibt: Ganz gleich, wie lang deine Reise zu sein scheint, es gibt nie mehr als dies: einen Schritt, einen Atemzug, einen Augenblick JETZT. So ist es also auch mit Herrn Tur-Tur, dem Scheinriesen: wenn ich Schritt für Schritt auf ihn das Grauen, die Angst zugehe und mir dabei meines Atems und meiner Gefühle bewusst bin und mich immer wieder entspanne, werde ich die Angst verlieren und bei mir selbst, bei Freundschaft und einem liebevollen Herzen ankommen. Gisela Wesche-Nielsen Heilpraktikerin, Dipl. Sozialpädagogin (FH) Kössenerstr. 13a München Telefon

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