Europa versinkt im Schuldensumpf

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1 1 von :01 gedruckt am Freitag, 18. Oktober Europa versinkt im Schuldensumpf Michael Brückner Neben den hohen Staatsschulden in der Euro-Zone entsteht durch die Politik des billigen Geldes ein zweites Pulverfass. In vielen Ländern steigt die private Verschuldung, und die Spardisziplin sinkt deutlich. Schon heute steht fast jeder dritte Europäer ohne Rücklagen da. Was nichts kostet, ist nichts wert, lautet eine alte Kaufmanns-Weisheit. Geld ist nach wie vor so billig wie nie. Die Zinsen also die Miete für s Geld verharren auf einem extrem niedrigen Niveau. Nun könnte man vom Preis auf den Wert des Papiergeldes schließen und ziemlich nachdenklich werden. Viele Verbraucher sehen aber in erster Linie die Chance, sich zu sehr günstigen Konditionen zu verschulden und so manchen Wunsch Realität werden zu lassen. Ein neues Auto der gehobenen Mittelklasse, das die Nachbarn garantiert neidvoll staunen lässt? Der letzte Schrei der Unterhaltungselektronik? Die luxuriöse Designer-Küche oder ein extravaganter Urlaub an den angesagtesten Locations? In Zeiten extrem niedriger Zinsen kein Problem. Manche Anbieter locken Kunden gar mit 0,0 Prozent Zinsen. Nach dem kreditfinanzierten Immobilienboom wird in vielen Ländern Europas jetzt verstärkt auf Pump konsumiert. Die Summe der allein in Deutschland ausgegebenen Ratenkredite liegt derzeit bei rund 147 Milliarden Euro. Darin sind nicht die Überziehungskredite auf den Girokonten

2 2 von :01 mit 50 Monatsraten abgestottert. (»Dispokredite«) enthalten, deren Zinsen noch immer sehr hoch sind. Für das neue Auto werden nach Angaben der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Schnitt mehr als Euro aufgenommen. Der durchschnittliche Kredit für Möbel macht etwa 2000 Euro aus, und für Unterhaltungselektronik pumpt sich der deutsche Kreditnehmer etwa 800 Euro. Der Kredit für ein neues Auto wird im Schnitt Die Strategie des billigen Geldes funktioniert nach Plan. Die Pleitestaaten können sich zu günstigen Konditionen weiter verschulden, und die Verbraucher in den Geberländern pfeifen aufs Sparen, konsumieren lieber und halten damit die Wirtschaft in Schwung zumindest kurzfristig. Denn die vermeintlich schöne Welt des billiges Geldes hat zumindest zwei gravierende Nachteile: Wenn es für Spareinlagen allenfalls noch 0,5 Prozent Zinsen gibt, die offizielle Inflationsrate aber bei 1,6 Prozent liegt (tatsächlich dürfte sie deutlich höher sein), dann spart sich der Bankkunde auf Dauer arm. Gemessen an der Kaufkraft sinken seine Rücklagen von Jahr zu Jahr. Und zweitens steigt durch den kreditfinanzierten privaten Konsum die Verschuldung beträchtlich. Die Kombination von hohen Staatsschulden und deutlich steigenden privaten Verbindlichkeiten erweist sich als Pulverfass mit doppelter Sprengkraft. Die zunehmende Verschuldung vieler Verbraucher ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere: In Zeiten der finanziellen Repression, wenn also die Inflationsrate über den Guthabenzinsen liegt, werden Sparer schleichend enteignet. Viele von ihnen ziehen daraus die logische Konsequenz, nicht mehr zu sparen. Sogar in Staaten wie Deutschland, wo vor allem in den südlichen Regionen das Sparen geradezu als eine der ersten bürgerlichen Tugenden gilt, lässt die Spardisziplin nach. Rund ein Drittel aller europäischen Haushalte verfügt über keine oder nur sehr geringe Ersparnisse, hat das Marktforschungsinstitut TNS im Auftrag einer Direktbank unlängst festgestellt. In Deutschland hat jeder Dritte keine oder nicht ausreichende Rücklagen. Etwa jeder zweite Europäer wäre darüber hinaus nicht in der Lage, bei einer Verschlechterung seiner Einkommensverhältnisse drei Monate von seinen Ersparnissen leben zu können. Lediglich in Österreich, den Niederlanden und in Luxemburg ist die Sparneigung etwas größer. Noch problematischer erscheint die Situation in den südeuropäischen Krisenstaaten. In Portugal etwa stieg die Verschuldung des privaten Sektors von unter 300 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2008 auf nunmehr deutlich über 350 Prozent. Mit einem ähnlichen Zuwachs der privaten Schulden

3 3 von :01 kämpft derzeit Slowenien. Zu den Euro-Ländern mit hochverschuldeten Privathaushalten gehören ferner Spanien, Irland, die Niederlande und Zypern. Doch die Verschuldung der privaten Konsumenten, die Kredite aufnehmen, um sich Immobilien, Fernseher oder moderne Unterhaltungselektronik anschaffen zu können, spiegelt nur einen Aspekt der kritischen Gesamtsituation wider. Hinzu kommt die Verschuldung der Unternehmen. Spanien, Portugal, Irland und Zypern etwa weisen nach Angaben der EU-Kommission eine besonders schwierige Kombination von hoch verschuldeten Privathaushalten und hoch verschuldeten Unternehmen auf. Der Druck zur Schuldenreduzierung werde in Irland, den Niederlanden und auf Zypern am stärksten ausfallen, sagt Brüssel voraus. Und das wiederum dürfte das Wirtschaftswachstum in diesen Staaten in den nächsten Jahren erheblich bremsen. Hinzu kommt der Schuldenabbau im europäischen Bankensektor, der notwendig ist, um die strengeren Kapitalvorschriften zu erfüllen. Großbanken können sich Geld an den Finanzmärkten holen. Aber die kleinen und mittelgroßen Institute sind in der Regel nicht börsennotiert. Ihnen bleibt nur, Schulden massiv abzubauen, indem sie zum Beispiel fällige Anleihen nicht mehr ersetzen. Die Konsequenz: Die Kreditvergabe kleinerer Banken dürfte markant zurückgehen und das Wachstum in Europa weiter bremsen. Die zunehmende Verschuldung des privaten Sektors blieb in den vergangenen Monaten und Jahren weitgehend unbeachtet. Im Mittelpunkt standen die immensen Staatsschulden. Doch nun wird aus dem Schuldenberg gleichsam ein Schuldengebirge. Zu den Staatsschulden kommen die Schulden kriselnder Unternehmen, Banken und privater Konsumenten. Jeder Verbraucher, der mit Blick auf die günstigen Zinsen hohe Verbindlichkeiten eingeht, sollte sich aber immer der Tatsache bewusst sein, dass für ihn mit Sicherheit kein Rettungsschirm aufgespannt wird. Interesse an mehr Hintergrundinformationen? Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen! Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist. In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

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