Psychiatrie im 19. Jahrhundert

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1 Psychiatrie im 19. Jahrhundert Autor Ditmar Müller Institut Hans-Weinberger-Akademie, München Erschienen KPDL Kurs 95/97 Sonstiges Referat im Fach Berufskunde, Dozentin Frau Pfünder-Götz Inhaltsverzeichnis Vorwort Vorstellung der These 1. Einleitung 2. Gesellschaftspolitisches Umfeld und die Entwicklung der psychiatrischen Anstalten im 19. Jahrhundert 3. Die historische Auseinandersetzung in der Wärterfrage 4. Umfrage an deutschsprachigen Anstalten in den Jahren 1895 und 1907 zur Pflegerfrage 5. Ausblick auf die weitere Entwicklung der allgemeinen Krankenpflege und der psychiatrischen Pflege 6. Zusammenfassung Literaturverzeichnis Vorwort Ich möchte in diesem Referat ganz bewußt auf die psychiatrische Theoriebildung zu dieser Zeit verzichten und ausschließlich auf die Problematik des Wärterstandes eingehen. Die in dieser Arbeit verwendeten Begriffe wie Irre, Irrenwärter, Irrenhaus etc, sind Begriffe aus der Terminologie jener Zeit und wurden auch in der damaligen Literatur so verwendet ohne daß sie einen diskreminierenden Beigeschmack gehabt hätten. Dieses Referat ist keine persönliche Bewertung der damaligen Situation, sondern eine möglichst sachliche Darstellung des Berufsstandes des Irrenwärters im 19. Jahrhundert. Vorstellung der These Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kämpften die deutschen Psychiater um die Anerkennung der Psychiatrie als eigenständige medizinische Wissenschaft.

2 Die benötigte veränderte Fachkompetenz des Wärters im 19. Jahrhundert ebnete den Weg für die Anerkennung der Psychiatrie als eigenständige Wissenschaft und bewirkte eine soziale Absicherung und Hebung des Ansehens des Wärterstandes. 1. Einleitung In der folgender Ausarbeitung soll ein Bild von der Entwicklung der psychiatrischen Pflege von ihren Anfängen bis ins Jahr 1910 gezeichnet werden. Dies muß anhand der Diskussion der deutschen Psychiater in der deutschsprachigen Fachliteratur geschehen, da andere Quellen - insbesondere von Wärterinnen und Wärtern selbst - kaum zur Verfügung stehen Die deutschen Psychiater bemühten sich zum einen um eine Einigung über das Berufsbild des Wärters zum anderen mußten sie Mittel und Wege beratschlagen, um das Ziel - ein für ihre Zwecke geeignetes Wartpersonal - zu erreichen. Im 18. Jahrhundert waren die Narren und Tollen noch im Zucht- und Tollhaus untergebracht und verwahrt. Die Beaufsichtigung geschah durch die Person des "Irrenschließers". Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten eigenständigen Irrenhäuser, dies waren erstmals Einrichtungen, die eigens für die Aufrahme von Geisteskranken eingerichtet wurden. Bis zur Mitte des l9. Jahrhunderts formierte sich nach den Bedürfnissen dieser Irrenhäuser das Berufsbild des Irrenwärters. Dieser mußte den Irren aufwarten, das heißt sie umsorgen und bedienen. Durch die zunehmende Orientierung der neu entstehenden Psychiatrie an der naturwissenschaftlichen Medizin glaubten die Psychiater, eine umfassende Verbesserung der Therapie erreichen zu können - sie entwickelten einen Heilungsanspruch. Aus den Irrenanstalten entwickelten sich Heil- und Pflegeanstalten. Die Irren wurden zunehmend als Kranke betrachtet. So waren auch die Anforderungen an das Pflegepersonal einem Wandel unterworfen. Ebenso wie die Krankenpfleger hätten die Irrenpfleger einer umfassenden Ausbildung bedurft, um den Erfordernissen einer psychiatrischen Therapie genügen zu können. Den gehobenen Ansprüchen an die Irrenpflege seitens der Psychiater standen jedoch immer noch ihr schlechtes Ansehen in der Bevölkerung und die schlechten Arbeitsbedingungen sowie ihr geringer Lohn gegenüber. Auch in Kunst und Literatur bekam der Irrenwärter durchweg die Rolle des Zauberlehrlings zugesprochen und zwar des tumben, doofen und leider fast immer brutalen. Eine Konkurrenz zur Pflegetätigkeit bildete von Anfang an die Industrie in der eine soziale Absicherung hinsichtlich Krankenversicherung Altersversorgung und Beschränkung der Arbeitszeit bereits Fuß gefaßt hatte. Um die Jahrhundertwende (1900) spitzte sich die Wärterfrage durch den großen Bedarf an Arbeitskräften zu. Dieser Personalmangel resultierte aus der erheblichen Zunahme eingewiesener Patienten und einem daraus folgenden forcierten Anstaltsneubau der Landesregierungen (1870 bis 1910). Allmählich begann ein Teil der Irrenärzte zu begreifen, daß ohne große materielle und ideelle Anstrengungen qualifiziertes und ausreichendes Pflegepersonal nicht zu bekommem war.

3 2. Das gesellschaftspolitische Umfeld und die Entwicklung der psychiatrischen Anstalten im 19. Jahrhundert In ganz Europa gab es in der Zeit von 1650 bis 1800 eine Epoche der "Ausgrenzung der Unvernunft". Es wurden Zucht-Korrektions- und Arbeitshäuser gebaut, um all jene, die sich den Forderungen des Zeitalters der Vernunft entzogen, aufzunehmen. Es waren die Bettler, Vagabunde, Arbeitslose, Verbrecher, politisch Aufällige, Dirnen, mit "Lustseuchen" Behaftete, Verrückte und Idioten. Wer außerhalb der Grenzen der Vernunft, der Arbeit und des Anstandes stand, war somit aus der Gesellschaft ausgegrenzt. In der Regel waren Geisteskranke ohne Unterschied mit Sträflingen untergebracht. Die Pflege, wenn davon überhaupt die Rede sein konnte, geschah durch sogenannte Zuchtmeister und Strafgefangene. Mit zunehmender Industrialisierung ( ) entstand eine vermehrte Nachfrage nach Arbeitskräften, und so kamen diese Randgruppen ins Blickfeld. Es wurde vermehrt nach dem Kriterium der Arbeitsfähigkeit differenziert. Die Entstehung der Psychiatrie als Wissenschaft fällt nicht zufällig in diesen Zeitraum. Dem Arzt, als einen Vertreter einer rational, naturwissenschaftlich begründeten Medizin, wurde die Aufgabe zugesprochen, die Differenzierung in Vernünftige, also Arbeitsfähige und Kranke vorzunehmen. Bisher war dies der Sozialbürokratie und den Gerichten vorbehalten gewesen. Die Ärzte in den Anstalten seien nicht als Anwälte der Irren zu verstehen gewesen, sondern als Interessenvertreter des Staaates, als Sachwalter der Ordnung. Die Anstaltsdirektoren begnügten sich vielfach damit, statt therapeutischer Probleme architektonische, administrative, hygienische und Ernährungsprobleme zu diskutieren. Sie praktizierten die Kunst der Disziplinierung der großen Masse in den überfüllten Anstalten im Interesse der Staatsraison. Die Universitätspsychiatrie hingegen brauchte sich nicht um die Masse der Irren zu kümmern. Der Vorreiter der Universitätspsychiatrie, ab 1864 Leiter der Abteilung für Gemüts- und Nervenerkrankungen der Berliner Charite, Wilhelm Griesinger ( ), forderte, daß sich Irrenhausverwalter nicht länger als Irrenärzte auszugeben hätten. Infolge der kapitalistischen Umwälzung, insbesondere in den städtischen Ballungsräumen, wurde es für das verarmte Proletariat immer schwieriger, ihre Erkrankten selbst zu betreuen. Schuld waren die fortschreitenden Auflösungen ländlicher Lebensverhältnisse der dörflichen, die Mobilisierung neuer Arbeitskräfte mit Zusammenballung in den neuen industriellen Zentren sowie die Kinder- und Frauenarbeit. Die zunehmend schlechter werdenden sozialen Verhältnisse wurden jedoch vom Sozialstaat nicht aufgefangen. Zwar war er gezwungen für mehr Aufnahmekapazität in den Anstalten zu sorgen, andererseits wurde versucht, Kosten für die Unterbringung von Geisteskranken zu vermeiden. Alte leerstehende Klöster und Schlösser, ob geeignet oder nicht, wurden so insbesondere im südlichen Deutschland als Anstalten verwendet. Doch die Problematik des überfüllten Irrenhauses, der Anstalt, die viele aufnehmen muß und

4 zuwenige von denen wieder los wird, die sie einmal in ihren Mauern hat verschärfte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1900 entstanden dann viele große Neubauten mit dem Ziel, möglichst viele Irre möglichst billig unterzubringen. Zahl der Anstalten (in Klammern adaptierte Klöster) (3) (2) (3) (1) (6) (3) (o) (1) (1) (1) Während die ersten Anstalten noch Platz für Kranke bot, lag Mitte des Jahrhunderts die Norm bei Patienten. Gegen 1900 waren Großanstalten mit 1000 Patienten und mehr die Regel. In den früh gegründeten Heilanstalten fanden zunächst nur die bürgerlichen Klassen Aufnahme, während die Unterschicht vorerst nicht versorgt wurde. Die Masse der chronischen, ruhigen Fälle blieb anscheinend weiterhin in der Familie. Noch 1871 waren nur 25 % der Irren in Anstalten untergebracht, während 75 % von ihren Familien versorgt wurden. Eine Weitergabe eines Kranken konnte Angehörige in die Armut treiben. Eine Änderung trat ein, als das sogenannte Landarmengesetz 1892 eingeführt wurde. Das Gesetz änderte die Fürsorgepflicht für Geisteskranke. Nun mußten die Landarmenverbände sie unterbringen und für die Kosten aufkommen. Dies bedeutete sozialpolitisch eine Umverteilung der Zuständigkeit für die psychisch Kranken. Dieses Gesetz führte zu einer Verschärfung der Situation in den Anstalten, die bis dahin bereits chronisch überfüllt waren. Durch diesen vermehrten Patienten- andrang wurde die bereits bestehende desolate Wärterfrage in ihrer Aktualität weiter verschärft. Während man früher die Irren einsperrte und sie sogar zur Schau stellte, um zu zeugen, was mit der Unvernunft geschieht, erhob die naturwissenschaftliche Medizin den Anpruch der Therapie und Heilung. Die Umbenennung in Heilanstalten sollte diesen Heilanspruch nach außen hin verdeutlichen. Mit den damit verbundenen Therapievorstellungen wurde eine Umorganisation und Neugestaltung des Berufsbildes des Pflegepersonals nötig. Der Pastor der sächsischen Landesanstalt Hubertusberg, Wilhelm Bergsträsser, formulierte 1842 das Problem folgendermaßen: "Kunst und Wissenschaft des Arztes scheitern an rohen und rücksichtslosen Wärtern, die als Gehilfen des Arztes dessen psychische Behandlung weiterführen sollen": Der unheimliche brutale Wärter sei somit ein Hemmnis für den edlen, heilenden Arzt.

5 3. Die historische Auseinandersetzung um die Wärterfrage von a) Beschreibung des Berufsbildes des Irrenhüters bis 1850 Bereits früh nach der Gründung der ersten Irrenanstalten klagten einige Anstaltsdirektoren über das schlechte Wärterpersonal. So bemerkte Ernst Horn ( ), ärzlicher Direktor der Berliner Charite, 1819: Ohne Unterricht und Anweisung lassen sich tüchtige Irrenwärter nicht anschaffen, veraltete Taglöhner, verdorbene Handwerksgesellen und zweideutig abgelebte Mädchen, die ehemals dem Bordell angehörten und jetzt zu alt und kränklich sind, um ein solches Sündenleben fortzusetzen: solche Individuen können die Bestrebungen des Irrenarztes nicht befördern... Bereits zu diesem Zeitpunkt machte Horn folgende Verbesserungsvorschläge: - Man stelle den Krankenwärter vorteilhafter und sorgenfreier und teile sie in Klassen ein. - Man sorge, daß sie von der Anstalt sorgfälltig verköstigt werden. - Man eröffne ihnen eine freundliche Aussicht für die Zukunft. Ein Wärter muß nach einer gewissen Anzahl vor Dienstjahren Anspruch auf Versorgung haben. - Man errichte eine besondere Wärterschule. Es sollte hundert Jahre dauern, bis diese Forderungen von Horn annähernd erfüllt waren. Die erste umfassende Diskussion um das Wartpersonal fand in Deutschland dann im Jahre 1842 statt. Anlaß war ein von dem Medizinalinspektor und Geheimen Rat Rühl ausgeschriebenes öffentliches Preisauschreiben der,leipziger Zeitung. Die Ausschreibung lautete folgendermaßen. "Wie können für Irrenanstalten menschenliebende Wärter und Aufseher gewonnen werden?". b) Soziale Herkunft des Wärterstandes Wer kam damals als Wärter in Betracht? In der "Anleitung zur Krankenwartung für die Pflegeschule der Berliner Charite" war es 1846 folgendermaßen beschrieben: "in der Realität sind es gescheiterte Existenzen, die zu jedem anderen Geschäft untauglich sind. Es bestand jedoch ein Mangel an Bewerbern durch die ein der Bevölkerung bestehenden Vorurteile gegen die Anstalt. Der Lohn war niedrig. Viele betrachteten den Wärterjob als Durchgangsbeschäftigung, z.b. im Winter bis sich etwas Besseres bot. So stand die Irrenanstalt in direkter Konkurrenz mit der Industrie in der Umgebung. Je nach allgemeiner wirtschaftlicher Lage und dem Arbeitskräftebedarf der Fabriken blieb für die Anstalten nur noch das mehr oder weniger geeignete Personal übrig. Meist bestand besonders bei

6 Anstaltsneugründungen, keinerlei Auswahlmöglichkeit; genommen wurde, wer sich bewarb und entlassen wurde, wer sich als untragbar erwies. Im Jahre 1834 charakterisierte Jacobi folgendermaßen; "Es bleibt also nichts anderes übrig, als unter denen, die solche Stellen um des Lohn willens suchen, mit Vorsicht die Geeigneten auszuwählen und bei diesen die mit dem Amte verbundenen Vorteile an Lohn und Verpflegung den Diensteifer und die Pflichttreue zu unterstützen durch steigende Lohnsätze und Aussicht auf Pensionen, wenn sie im Dienste der Anstalt alt und gebrechlich werden, die Ausgezeichneteren zu belohnen, die sich unbrauchbar und schlecht erweisen alsbald wieder zu entlassen, endlich den Dienst durch möglichst umfassende Wärter- und Heimordnung zu bestimmen und dann die genaueste Aufsicht und Kontrolle walten zu lassen". Dieses Vorgehen führte zu einer hohen Fluktuation unter dem Personal. Basting erkannte, daß der Wärter damals wie auch heute eine zentrale Rolle im Anstaltsleben spielte. Der Wärter war ständig in der Umgebung des Kranken, als Glied der "Anstaltsfamilie" war seine Präsenz Tag und Nacht selbstverständlich. Er sollte gewissermaßen ein organischer Bestandteil der Anstalt sein. Die Wärter hatten keine eigenen Räume und mußten als Gehilfen des Arztes und dessen langer Arm in Schlafräumen der Irren schlafen, wobei sich ihr Bett in nichts von dem der Irren unterscheiden durfte. Dieses Vorgehen sollte eine genaue Berichterstattung an den Arzt ermöglichen. Die Tätigkeit war eine vollkommen abhängige, der unbedingte Gehorsam des Wärters wurde immer wieder betont. Welche Anforderungen wurden seitens der Psychiater an die Persönlichkeit der Wärter gestellt? Nach Bastings zeichnet sich ein guter Wärter durch Liebe, Teilnahme, völlige Selbstverleugnung, Furchtlosigkeit, Engelsgeduld, Sanftmut, Selbstbeherrschung, Gehorsam gegen Vorgesetzte, Fleiß, Eifer, gesunden Verstand, männlich festen Charakter und Gewissenhaftigkeit aus. Bezüglich des Eintrittalters wünschte man sich Leute zwischen 24 und 36 Jahren, denn in diesem Alter wären sie noch gelehrig und gefügig. Später würden sie eigensinnig und rechthaberisch und wollten sich selbst ein Wort erlauben. Zur Frage des Geschlechts war man folgender Meinung. "Im allgemeinen eigent sich das weibliche Ge-

7 schlecht zur Krankenwartung besser, ist teilnehmender und gemütlicher, aber auch reizbarer und eigensinniger. Frauen sollten einen gesunden, kräftigen Körper haben, nervenschwache und hysterische Personen taugten nicht in die Anstalt, denn diese bräuchten eine eigene Wärterin. c) Anstaltsalltag für den Wärterstand Zur damaliger Zeit wollte man den Wärter und dessen Arbeitskraft ausschließlich für die Anstalt benutzen. Die Anstalt sollte das Familienleben ersetzen. Deshalb konnte eine Verheiratung des Pflegepersonals eigentlich nur schweren Herzens geduldet werden. Man hatte konkrete Dienstanweisungen erarbeitet. Kirmsse führte z. B 40 Paragraphen auf, deren erster der unbedingte Gehorsam ohne Widerrede war. Auszüge der Dienstanweisung 1. Der Wärter muß unbedingten Gehorsam leisten. Er hat demnach die Verordnungen des Hausarztes oder aller übrigen Oberbeamten der Anstalt, so wie die seines nächsten Vorgesetzten, des Aufsehers, ohne Widerrede und pünktlich zu vollziehen. 2. Erst nach Vollziehung derselben darf er daher etwaige Beschwerden gegen den letztem dem Hausverwalter, und dann nur in bescheidener Weise, vortragen. 4. Allen Verpflegten ist er treueste Fürsorge, Geduld und Achtung schuldig. 6. Die Höflichkeitsbezeugungen von Seiten des Wärters gegen die Kranken sind dem verschiedener Stande der Letzteren anzumessen. Jede Nichtbeachtung dieser Vorschriften sowie auch das verschweigen heimlicher Vergehen anderer Wärter zieht eine verhältnismäßige Strafe und nach Befinden Dienstentlassung nach sich. Sofortige Entlassung aber erfolgt: 1) wenn ein Wärter durch sein Verschulden sich eine syphilitische Krankheit zuzieht; 2) wenn er sich betrinkt; 3) wenn er des Diebstahls überführt wird; 4) wenn er sich an einem Kranken tätlich vergreift, oder ihn absichtlich kränkt oder ihn in

8 seinem Wahne bestärkt, oder ihn verspottet, oder ihn lächerlich macht; 5) wenn er gegen die Officianten der Anstalt ungeachtet eines erhaltenen Verweises, fortfährt, ein grobes Betragen zu zeigen. d) Vorschläge zur Verbesserung des Wartpersonals im Jahre 1842 Erst 1877 griff Direktor Hasse aus Königslutter die Vorschläge von 1842 in einer Veröffentlichung in der,,allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie wieder auf. Nach seinen Ausführungen schien sich gegenüber 1842 allerdings nicht viel geändert zu haben. Nach den inzwischen vergangenen Jahrzehnten der Bemühungen gab er zwar zu, daß vereinzelt gute Wärter gewonnen worden waren aber die Masse durchschnittlich schwerlich auf das Prädikat brauchbar Anspruch machen kann. Die guten Wärterinnen wurden regelmäßig weggeheiratet. Was neu kommen würde, wäre für gewöhnlich zu jung und der Ausschuß der Dienerschaft draußen. Obwohl dem männlichen Personal in der Industrie und als Dienstboten zeitweilig bis zu den, Doppelten der Anstaltslöhne gezahlt würden, so lockte doch die Sicherheit der Stelle mit Staatsdienereigenschaft Pension und Mietunterstützung. Daraus folgerte Hasse, daß allein der materielle Ansatzpunkt der Wärterfrage zu verfolgen sei, um eine bessere Auswahl und auch höhergestellte Bevölkerungsschichten zu erreichen. 4. Umfrage an deutschsprachigen Anstalten in den Jahren 1895 und 1907 zur Pflegerfrage Josef Starlinger, der Primararzt der niederösterreichischen Anstalt Maueröhling, führte 1907 eine Umfrage im deutschsprachigen Raum zur Pflegerfrage durch. 100 deutschsprachige Anstalten und Kliniken wurden von ihm befragt und eine quantitative Beurteilung der Pflegerfrage versucht. Eine vergleichbare Umfrage liegt von Karrer aus dem Jahr 1895 vor, also noch vor der Wärterdiskussien im Verein Deutscher Irrenärzte. Dieser hatte 78 deutschsprachige Anstalten zum Problem der Wärterfrage angschrieben. Beide bekamen einen Rücklauf vor 78 Antworten. Das Verhältnis Pfleger zu Patient, welches vor Jahrzehnten roch 1:10 betragen hatte, war 1895 von 1:8 auf 1:7 angstiegen und 1907 bei 1:6,8 angelangt. Die,,Berufspf!ege, die sich nach Starlingers Meinung durch die größere Anzahl der Anstalten, durch die aufkommende Beschäftigungstherapie, die Wachsaal-und Dauerbadbehandlung allmählich herausbildete, wurde inzwischen von 60 Anstaltsdirektoren als unbedingt notwendig erachtet. Sieben waren unentschiden und sieben Direktoren dagegen. Von 78 Anstalten berichteten 1905 nur fünf über reichlich Nachfrage an Bewerbern für

9 den Pflegedienst. Besonders in Industrie- und Stadtnähe bstünde ein Mangel an weiblichen Personal. Die Pflegepersonen kämen hauptsächlich aus ländlichen Gebieten. Nur vier Anstalten stellten Bewerber aus der Stadt ein, klagten aber über deren minderwertige Qualität. 5. Ausblick auf die weitere Entwicklung der allgemeinen Krankenpflege und der psychiatrischen Pflege Die Auseinandersetzung darüber, ob das lrrenpflegepersona[ dieselbe Ausbildung haben sollte wie das Krankenpflegepersonal, datieren in das Jahr 1906 zurück und werden erst 1962 entschieden. Am 22. März 1906 legte der Bundesrat Prüfungsvorschriften für die allgemeine Krankenpflegeausbildung vor. Der Bundesrat schlug vor, Krankenpflegeschulen überall in geeigneten Krankenanstalten zu gründen und einjährige Kurse abzuhalten. Als erstes Land folgte Preußen am 10. Mai 1907 diesen Empfehlungen. Sie wurden in Preußen am 12. Juli 1921 revidiert, indem eine zweijährige Ausbildung gefordert wurde. In Anlehnung an die Vorschriften über eine Staatliche Prüfling von Preußen folgten die einzelnen Länder zu verschiedenen Zeitpunkten: Lübeck 1906, Württemberg Hessen und Lippe 1908, Sachsen und Bremen 1909, Mecklenburg- Schwerin 1915, Baden 1919, Hamburg 1921, Thüringen 1922, Bayern Die beschriebenen staatlichen Regelungen für die allgemeine Krankenpflege galten nicht für die Irrenptlege. Hier blieb der Status erhalten, daß die einzelnen Direktoren je nach Gutdänken mehr oder weniger Unterricht hielten. Ausdrücklich hielt der preußische Mlnisterialerlaß vom 29. Juni 1910 eine gleichmäßige Regelung des Unterrichts für nicht notwendig. Am 1. August 1920 sprach sich die 14. Jahresversammlung des Vereins bayerischer Psychiater dafür aus, indem sie forderte, daß die Irrenpflegepersonen die allgemeine Prüfung in der Krankenpflege ablegen soll.. Trotz vielfältiger Diskussionen blieb der Status quo erhalten: Eine staatliche Regelung der Irrenpflege kam in der Weimarer Zeit nicht zustande - im Gegensatz zu eigenständigen Ausbildungsregelungen z.b. in Österreich und in der Schweiz wurde schließlich die Irrenpflege in die allgemeine Krankenpflege einbezogen. Bundesweit wurden Krankenpflegeschulen an psychiatrischen Kliniken eingerichtet um den Nachwuchsmangel zu kompensieren, das gesamte Pflegepersonal der psychiatrischen Landeskliniken wurde durch gesonderte Übergangsbestimmungen in die Krankenpflege eingeführt. Ab diesen Zeitpunkt begann nun auch die Geschichte der Weiterbildungsstätten für Fachkrankenpflege in der Psychiatrie. 6. Zusammenfassung Anfang des 19. Jahrhunderts war die Psychiatrie strukturell durch die Ausgliederung von Irrenabteilungen aus den Zuchthäusern charakterisiert. Daher war das Beruttbild des Irrenwärters bis ca den, eines Gefängniswärters ähnlich.

10 Im Verlauf des 19. Jhd. kämpften die deutschen Psychiater um die Anerkennung als eigenständige medizinische Wissenschaft. Aus dem ausgegrenzten Irren wurde ein Kranker mit ärztticher Zuständigkeit. Hierzu benötigten sie auch eine veränderte Kompetenz des Wärters, eine fachkompetente Pflegetätgkeit. Bis zur Jahrhundertwende hatten die Wärter keinen Kündigungsschutz, überlange Arbeitszeiten und so gut wie kein Privatleben. So war die Irrepflege ein Durchgangsjob mit hohem Personalwechsel und kurzen Anstellungszeiten. Dem gegenüber stand seitens der Psychiater der ständig wachsende Abspruch nach einer naturwissenschaftlich begründeten Pflege, nach höherem Ausbildungsniveau und besserer Qualifikation der Pflegenden. Anfangs sah man die Losung der Wärterfrage in der Erhöhung des Verdienstes und der Unterrichtung des Personals. Doch diese Maßnahmen änderten die Lage nicht, zumal das Ansehen der Anstalt und der in der Anstalt tätigen in der Bevölkerung schlecht war. Die konkurrierende Industrie bot bessere Löhne bei bedeutend größereer persönlicher Freiheit. Gegen Ende des 19. Jhd. kam es durch die fortschreitende Industrialisierung und die Auswirkungen des preußischen Landarmengesetzes zu einer enormen Zunahme der Untergebrachten und somit auch des Bedarfs an Pflegekräften. Da die Anstatt in direkter Konkurrenz zu den Arbeitsplätzen in der Industrie stand, wurde es 1900 notwendig, mit Verbesserungen der Arbeitsbedingungen nachzuziehen. Im Pflegerstand selbst kam es nur zögernd zur Entwicklung eines Standesbewußtseins. Erst 1902 begannen erste zaghafte Versuche sich zu organisieren. Die jeweilige therappeutische Ideologie der Irrenärzte prägte den Alltag der Pflegekräfte entscheidend. Man denke hierbei, daß das tägliche 24-stündige Zusammensein des Personals mit den psychisch Kranken die alltagsweltliche Wahrnehmung und Orientierung der Untergebrachten sehr viel entscheidender geprägt hat, als jegliche irrenärztliche Therapie. Der Psychiater Bimswanger stellte in einem Entmündigungsverfahren foldendes fest:,,selbstverständlich ist der Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt kein Ort der Freude. Man kann es nur schon glauben, daß Ärzte und Pflegepersonal dort ein stetiges Martyrium erdulden. Es muß eigentlich Wunder nehmen, wie sich immer noch Menschen finden, die für klägliche Bezahlung sich von dem Kranken schlagen, treten und mißhandeln lassen, während sie,wenn sie ein gleiches tun, ihre Bestrafung zu gewärtigen haben. Wenn in den Zeitungen das Gegenteil geschrieben wird so kann ich nur einen der Herren bitten, sich einmal vier Wochen hindurch einschließen zu lassen, damit er sieht, wie es tatsächlich zugeht.

11 Literaturverzeichnis Höll, Thomas:,,Irrenpflege im 19.Jahrhundert" Psychiatrie-Verlag 1989

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