Das ist halt so passiert. Von Migration und Entwicklung und möglichen Anknüpfungspunkten für die Caritas Steiermark

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1 Das ist halt so passiert. Von Migration und Entwicklung und möglichen Anknüpfungspunkten für die Caritas Steiermark Verfasserin: Mag. a Daniela PAMMINGER MASTERTHESIS für MAS Migrationsmanagement Universität Salzburg Wissenschaftliche Betreuung: Dr. Bernhard PERCHINIG Graz, April 2009

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3 (www.migrantas.org) 3

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5 VORAB DAS VORWORT Es begann damit, dass ich als Kind jedes Jahr die Gelbe unter den SternsingerInnen war. Um es mit den Worten des österreichischen Kabarettisten Josef Hader [o.j.] zu sagen: Die Unterberger-Buben haben mir einmal die Krone vom Kopf gerissen und gestohlen, aber wir haben ihnen dafür die Schi in den Graben geworfen. Und oft hat es statt Fruchtsaft Most gegeben bei den Bauern und wir haben kaum mehr heimgefunden. Und es gibt kaum eine Kindheitserinnerung, die gleichzeitig so sinnvoll war. So wurde mein entwicklungspolitisches (Unrechts-)Bewusstsein u.a. über heruntergeleierte Gedichtfetzen und durchgefrorene Zehen geschärft. Im Laufe meiner fortschreitenden Lebensjahre kam ehrenamtliches Engagement in verschiedensten entwicklungspolitischen NGOs 1 hinzu, Reisen in unterschiedlichste Länder, schlussendlich ein Job in der Flüchtlingsarbeit. Für mich persönlich war der Konnex zwischen Migration und Entwicklung immer latent vorhanden, umso überraschter war ich, dass ich seinerzeit - kaum Literatur dazu fand, kaum praktische Überschneidungsfelder. Auch nicht in meiner eigenen Arbeitsstätte, der Caritas Steiermark, die Migrations- und Integrationsprojekte genauso beherbergt wie eine Abteilung für Auslandshilfe. Von der Verknüpfung zweier zentraler Lebens- und Arbeitsbereiche handeln nun die folgenden Seiten: einer Verknüpfung in meinem eigenen Leben sowie für unzählige MigrantInnen. Was wir aufgrund persönlicher Erfahrungen schon längere Zeit erfahren, erwachte in wissenschaftlichen und politischen Diskussionen gerade aus dem Tiefschlaf. Wie so oft ist auch hier die Praxis der Theorie voraus. 1 Non-Governmental-Organization = Nicht-Regierungs-Organisation 5

6 Auch wenn als Name der Autorin ein einziger aufscheint im Ende ist es doch ein Gemeinschaftsprojekt, wie gelungenes Leben es oft ist: herzlichen Dank an alle Caritas-Menschen, die mich ideell, finanziell, mit Computertipps und mit Interviewspenden unterstützten; herzlichen Dank an alle -KorrespondentInnen, die auf meine Fragen antworteten; herzlichen Dank an meinen Betreuer Bernhard Perchinig für höchst brauchbare Literaturhinweise und wertvolle Anmerkungen, der mir aber dennoch freie Hand ließ; herzlichen Dank an Helga und Sandra für ihr überaus engagiertes Korrekturlesen und sowieso für alles; herzlichen Dank an all meine FreundInnen, die mich mit Essen, Kaffee, Informationen, Beistand versorgten und mich auch in größten Stressmomenten noch immer nicht auf den Mond schossen; und herzlichen Dank auch an mich selbst, dass ich inmitten all meiner turbulenten und graue-haare-fördernden Jobs und erstaunlichen Zeiten nie die Überzeugung aufgab, dass sich alles schon irgendwie ausgehn wird. HERZLICHEN DANK! 6

7 INHALTSVERZEICHNIS 1.Einleitung 1.1 Zu Ausgangsüberlegungen und Vorannahmen Zum Aufbau der Arbeit Zu den verwendeten Methoden Zur Caritas Steiermark Zu einigen Schlüsselbegriffen Migration Entwicklung Entwicklungsländer Vom plötzlichen Interesse an Migration und Entwicklung 2.1 Von den Vorabverknüpfungen Von aktuellen Zahlen und Trends Vom Defizitansatz zur enthusiastischen Rhetorik Vom Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung Von Widersprüchen und Paradoxien Entwicklungsgelder und Migrationskontrolle Dominanz der Zielländer und internationaler Agenturen Absenz des Begriffes Entwicklung Exkurs: Vom Mythos, dass Entwicklung Migration stoppen wird AkteurInnen des Diskurses über Migration und Entwicklung 4.1. Internationale und nationale AkteurInnen Meilensteine der internationalen Diskussion Positionen und Strategien der Vereinten Nationen (UN) Positionen und Strategien der Europäischen Union (EU) Positionen und Strategien der OECD Positionen und Strategien der IOM Positionen und Strategien österreichischer AkteurInnen 36 7

8 4.2 Von RückkehrerInnen und zirkulären MigrantInnen RückkehrerInnen Zur Idee von Rückkehr Faktoren für erfolgreiche Rückkehr Zur Praxisrelevanz von Rückkehroptionen Zirkuläre Migration Zur Definition von zirkulärer Migration Von Gefahren und Chancen zirkulärer Migration Voraussetzungen für zirkuläre Migration Diasporas und MigrantInnen/selbst/organisationen Von Begriffen und Bedeutungen der Diaspora Von Diasporas als AgentInnen für Entwicklung Diasporas are good? Diasporas are bad? Über politische Ansätze Diasporas/MigrantInnenorganisationen in Österreich Handlungsfelder im Bereich Migration und Entwicklung 5.1 Soziale Rücküberweisungen Zum Begriff der sozialen Rücküberweisungen Zur Bedeutung von sozialen Rücküberweisungen Vom Brain Drain zu Brain Gain Finanzielle Rücküberweisungen Vom Begriff der finanziellen Rücküberweisungen Über das Ausmaß der finanziellen Rücküberweisungen Die Wege der finanziellen Rücküberweisungen Einflussfaktoren auf finanzielle Rücküberweisungen Positive Aspekte von finanziellen Rücküberweisungen Negative Aspekte von finanziellen Rücküberweisungen 80 8

9 5.2.7 Finanzielle Rücküberweisungen und die Geschlechterrollen Ausblicke und Empfehlungen Politische Kohärenz Politische Kohärenz in den Zielländern Politische Kohärenz in den Herkunftsländern Ausleitung Literaturverzeichnis Anhang 8.1 Organigramm der Caritas Steiermark InterviewpartnerInnen Interviewleitfaden 105 9

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11 1. EINLEITUNG Wenn man weiß, was bei einer Sache herauskommt, braucht man sie gar nicht erst zu machen. [Joseph Beuys] Das Thema Migration und Entwicklung ist seit einigen Jahren auf der Tagesordnung in internationalen Diskussionen, Österreich scheint allerdings noch im Dornröschenschlaf versunken zu sein. Von Chancen und Grenzen der Migration als neuem development mantra (Devesh Kapur), von AkteurInnen und Handlungsfeldern, wird in dieser Arbeit die Rede, bzw. die Schreibe, sein. Die folgenden Seiten sollen einen möglichst kompakten Überblick der Handlungs- und Diskursstränge geben, so soll eine Art Handbuch entstehen, um bei etwaigen zukünftigen Projekteinreichungen eine schnell verfügbare Basislektüre vorzufinden. Die vorgestellte Literatur soll zudem mit dem Erfahrungswissen von sieben Personen der Caritas Steiermark verbunden werden, um den Migration-Entwicklungs-Nexus mit einem Theorie-Praxis-Nexus zu koppeln. 1.1 Zu Ausgangsüberlegungen und Vorannahmen Dieser Arbeit liegen folgende Überlegungen und Annahmen zugrunde: Die Verknüpfung von Migration und Entwicklung wird international breit diskutiert, wie die Fülle an derzeit vorliegender Literatur zeigt. Der Migration-Entwicklungs-Nexus umfasst eine große Breite an inhaltlichen Themen: so treten unterschiedlichste AkteurInnen und verschiedene Handlungsfelder auf, die miteinander in engen Beziehungen stehen. In Österreich werden die Bereiche Migration sowie Entwicklung meist getrennt voneinander gesehen und bearbeitet, es gibt kaum - theoretische und/oder praktische Verknüpfungen. 11

12 Die Caritas Steiermark hat hervorragende Ausgangsbedingungen, um die Thematik von Migration und Entwicklung auch in Projekten zu verbinden, da das Unternehmen bereits Migrations- und Integrationsagenden behandelt sowie auch einen Auslandshilfeschwerpunkt hat und sich viele der relevanten Themen bereits im Arbeitsalltag spiegeln. Schlüsselpersonen in der Caritas Steiermark haben einerseits ExpertInnenwissen zur Struktur und zu den jeweiligen Betätigungsfeldern, außerdem sind mehrere unter ihnen entwicklungspolitisch interessiert und auch motiviert. Die Caritas Steiermark könnte sich verstärkt in den derzeit in Österreich beginnenden Diskurs einbringen, es würden sich dabei auch neue Projektpläne ergeben. 1.2 Zum Aufbau der Arbeit So werde ich in dieser Arbeit: 1. einen Überblick über die derzeitigen Diskussionsstränge vor allem in Bezug auf AkteurInnen und Handlungsfelder geben und 2. diesen Überblick mit bereits vorhandenen Projektmaßnahmen und neuen Ideen verknüpfen. Dieses Wissen wird aus ExpertInneninterviews mit EntscheidungsträgerInnen der Caritas Steiermark sowie der vorhandenen Literatur generiert. 3. Je nach Wissensstand kann es zu weiterführenden Empfehlungen für die Caritas Steiermark kommen, diese sind jedenfalls als Vorschläge und nicht als Handlungsanleitungen zu verstehen. Diese Arbeit erhebt keinen Verallgemeinerungs- oder Vollständigkeitsanspruch für dieses breite Themenfeld, auch stellt sie keine strategischen Ausrichtungsüberlegungen für die steiermarkweite Caritasarbeit dar; sie ist vielmehr als Anregung für weitere Diskussionsprozesse gedacht und gewünscht. 12

13 1.3 Zu den verwendeten Methoden Für den Punkt 1 verwende ich aus der Fülle der international publizierten Studien eine Auswahl der mir relevant erscheinenden Literatur. Dabei gilt anzumerken, dass der überwiegende Teil ausschließlich in Englisch publiziert wurde, so kann dies manchmal zu begrifflichen Unschärfen (aufgrund der geographisch unterschiedlichen Verwendung von Begriffen ebenso wie aufgrund von übersetzungstechnischen Feinheiten) führen. Für die Punkte 2 und 3 führe ich sieben teilstrukturierte ExpertInneninterviews 2 mit jeweils ausgewählten Schlüsselpersonen der Caritas Steiermark: je eine Person aus den drei großen Fachbereichen Hilfe für Menschen in Not, Betreuung und Pflege sowie Bildung und Interkultur sowie den vier Servicestellen Kommunikation & Fundraising, Organisationsentwicklung & Qualitätsmanagement, Caritas & Pfarren sowie Auslandshilfe 3. Bei der Auswahl der Personen aus den drei Fachbereichen achtete ich darauf, dass die/der Interviewte ein persönliches Interesse an der Thematik (Migration und/oder Entwicklung) hat, diese Einschätzung bzw. dieses Wissen ist mir aufgrund meiner nun jahrelangen Tätigkeit in der Caritas Steiermark möglich; bei den Interviewten der Servicestellen war eine Auswahl aufgrund der beschränkten Personalressourcen nicht machbar. Der Interviewleitfaden gestaltete sich aufgrund der Breite der Thematik als teilstrukturiert, je nach InterviewpartnerIn gewinnt das Interview teilweise auch an explorativem Charakter. Anzumerken gilt, dass die Interviewten als ExpertInnen der Betriebsorganisation angefragt und ausgewählt wurden, nicht als wissenschaftliche ExpertInnen zum Themenkomplex Migration und Entwicklung. 2 Diese Interviewzitate werden aufgrund der leichteren Identifizierbarkeit für LeserInnen kursiv gesetzt. 3 Das Organigramm der Caritas Steiermark, die Liste der InterviewpartnerInnen sowie der Interviewleitfaden sind im Anhang zu finden. 13

14 1.4 Zur Caritas Steiermark Eine Kurzcharakteristik der Caritas Steiermark vorab: Die Caritas ist ein gemeinnütziges Unternehmen; ein Teil der Weltkirche mit einer steirischen, österreichischen und internationalen Dimension; eine Vermittlerin zwischen Menschen und eine Brückenbauerin zwischen Lebenswelten, Kulturen und Religionen; die Caritas fördert ein Klima der Solidarität und der sozialen Aufmerksamkeit ( ) (Caritas Steiermark [o.j.]). Personell hat die Caritas Steiermark mit Stand hauptamtlich Beschäftigte 4, davon arbeiten rund 92 Personen (oder 70,63 Dienstposten) im Bereich Asyl & Integration (welcher u.a. alle Flüchtlings- sowie Integrationsprojekte umfasst); die Auslandshilfe hält bei vier Mitarbeiterinnen (2,34 Dienstposten) (vgl. E- mail FK, ). 1.5 Zu einigen Schlüsselbegriffen Bevor die inhaltlichen Debatten beginnen erfolgen einige kurze Begriffsklärungen: Migration Ich halte mich hierbei an die Definition der Vereinten Nationen, welche einen internationalen MigrantIn als eine Person beschreibt, ( ) die in ein anderes Land einreist und dort mindestens 12 Monate bleibt, nachdem sie vorher mindestens 12 Monate nicht in diesem Land war (UN 2006, S. 7). Die wichtigsten Ursachen von Migration werden im Allgemeinen in Schub- und Sogfaktoren unterteilt: Schubfaktoren sind z.b. Krieg, Armut, Naturkatastrophen, Arbeitslosigkeit und politische Verfolgung; als Sogfaktoren gelten z.b. Frieden, ein funktionierender Rechts- und Wohlfahrtsstaat, Arbeitsmöglichkeiten und eine intakte Umwelt. Diese Betrachtungsweise alleine würde aber zu kurz greifen, es braucht zu diesen ursächlichen Gründen (root causes) auch noch unmittelbare Ursachen, die einen Migrationsprozess auslösen (proximate causes, z.b. ein aktueller Konflikt). Außerdem spielen ermöglichende Faktoren (enabling causes, z.b. Reiserouten von MenschenschmugglerInnen und händlerinnen) eine wichtige Rolle, darüber hinaus 4 Bei einem durchschnittlichen Beschäftigungsausmaß von 75,21% entspricht dies rund 845 Vollzeitmitarbeitenden. 14

15 sind nicht zuletzt aufrechterhaltende Ursachen (sustaining causes, z.b. MigrantInnennetzwerke, Diaspora) für eine Migration entscheidend (vgl. Reisle et al. 2007, S. 49) Entwicklung Wie im nächsten Kapitel ausführlicher kritisiert wird, ist der Entwicklungsbegriff ein erstaunlicherweise kaum diskutierter; die meisten Ansätze tendieren zur Annahme, dass Entwicklung durch eine Steigerung des (Brutto)Inlandproduktes belegt werde (vgl. de Haas 2007a, S. 1). Grundsätzlich bedeutet Entwicklung die Veränderung der sozioökonomischen Strukturen innerhalb gesellschaftlicher Beziehungen, je nach historischem und politischem Kontext erfuhr diese Definition immer wieder Veränderung. In den 1960er-Jahren wurde Entwicklung als ökonomisch orientiertes Konzept verstanden, das sich im wirtschaftlichen Wachstum, gemessen am Bruttosozialprodukt pro EinwohnerIn, zeigte 5. In den 1970er-Jahren entstanden im Zuge internationaler Solidaritätsbewegungen mit ärmeren Ländern des Weltsüdens neue Begrifflichkeiten, ab diesem Zeitpunkt war Entwicklung gleichbedeutend mit Reduzierung von Arbeitslosigkeit und Armut innerhalb einer wachsenden Wirtschaft und generell mit der Überwindung strukturell bedingter Ungleichheit. In den 1990er-Jahren setzte sich der Begriff der nachhaltigen Entwicklung (sustainable development) durch, der auch an die Bedürfnisse zukünftiger Generationen denkt. Derzeit herrscht in Fachkreisen der Entwicklungspolitik und zusammenarbeit weitgehend der Konsens, dass Entwicklung sehr umfassend zu definieren sei; sie kann als die allgemeine Verbesserung der Lebensqualität und der Erweiterung von Lebensgestaltungsmöglichkeiten gefasst werden (Livelihood-Ansatz) 6 (vgl. Hungerbühler 2007, S. 24f.). 5 Die Debatten über den Migrations-Entwicklungs-Nexus scheinen oftmals in diesen Schulen stecken geblieben zu sein, wie die folgenden Kapitel auch zeigen werden. 6 Hier gibt es Parallelen zum Begriff der Verwirklichungschancen in der Armutsdefinition von Amartya Sen, der Armut als Verunmöglichung von Verwirklichungschancen sieht und damit einen rein ökonomischen Ansatz transzendiert (vgl. Sen 1999 sowie das Kapitel über die Absenz des Begriffes Entwicklung ). 15

16 Diese klare Kritik an einem zu einseitigen Entwicklungsbegriff wurde auch von einem meiner Interviewpartner anfangs sogleich kritisch hinterfragt: Zuerst muss man auch klar eine Entwicklung definieren, was versteht man unter Entwicklung, ich seh da immer viel zu schnell den Zugang, Entwicklung heißt, Drittweltländer auf unser Niveau zu bringen. Das ist für mich viel zu einseitig, ist auch nicht mehr der moderne Begriff. Was mir prinzipiell in dem, bei dem Zugang fehlt ist, was welches Potential - ich sag ja, Hilfe ist ja ein Austausch auf gleicher Augenhöhe - welches Potential und welche Lernbereitschaft hätten wir auch von den Migranten, von den Ressourcen, die sie mitbringen. Ich bin eher da skeptisch, dass wir uns auf diese Frage wirklich einlassen. Weil klar ist, dass die Entwicklung - wie auch immer - ein Geben und Nehmen ist (Interview 4). Aus wissenschaftlich-entwicklungspolitischer Perspektive lässt sich Migration als Strategie von Menschen zur Verbesserung einerseits ihrer jeweils persönlichen Lebensumstände wie andererseits auch zur Reduktion der Risiken eines Haushaltes bzw. der Verbesserung der Lebensumstände im Herkunftshaushalt erklären. Die Entwicklungszusammenarbeit verwendet verschiedene Modelle eines so genannten livelihood-framework, das von den persönlichen Ressourcen und Kompetenzen der Menschen ausgeht: Auf Grund der konkreten finanziellen, sozialen, politischen, physischen und psychischen Situation den livelihood assets werden die Risiken und Gefahren, aber auch die bestehenden Opportunitäten eingeschätzt. Außerdem spielt der Kontext, das Umfeld eine wichtige Rolle. ( ) Daraus ergibt sich eine Überlebensstrategie des Individuums, einer Familie oder eines Clans (Reisle et al. 2007, S. 49f.). So wird auch in dieser Arbeit der Begriff der Entwicklung als ein möglichst breit gefasster verstanden, wiewohl dies in der zitierten Literatur nicht immer der Fall ist Entwicklungsländer Mir ist die damit einhergehende Bewertung des Begriffes der Entwicklungsländer sehr wohl bewusst, daher verwende ich diesen Ausdruck synonym mit Least developed countries, Länder des Südens, etc., auch um die sprachliche Abwechslung zu fördern. Weitere Ausführungen zu den jeweilig problematischen Bezeichnungen füllen inzwischen viele Bücher, würden den Umfang dieser Arbeit aber bei weitem sprengen. 16

17 2. VOM PLÖTZLICHEN INTERESSE AN MIGRATION UND ENTWICKLUNG Misch dich nicht ein, du bist eingemischt. Was geschieht, bist du. Es geschieht dir recht. [Friedrich Dürrenmatt] 2.1 Von den Vorabverknüpfungen Am Anfang stellt sich mir und hoffentlich auch den geneigten LeserInnen - die Frage, wodurch es zu diesem plötzlichen Aufflackern des Interesses am eigentlich jahrhunderte alten Phänomen der Verknüpfung von Migration und Entwicklung kam. Die Edition Le Monde diplomatique konstatiert, dass im 21. Jahrhundert die internationalen Migrationsprozesse immer komplexer würden, schnelle und relativ preiswerte Kommunikationsmittel die Entfernungen und Zeitunterschiede schrumpfen lassen: Sie tragen die Bilder vom guten und satten Leben ebenso wie die Zeugnisse von Krieg, Elend und Hunger in Echtzeit um den Globus. Das fördert eine gefühlte Nähe zu privaten und öffentlichen Ereignissen, die tatsächlich Tausende von Kilometern entfernt stattfinden. Die genauere Kenntnis der Möglichkeiten und Ressourcen in anderen Ländern verstärkt die Bereitschaft der verwandtschaftlichen und lokalen Netzwerke, ihre stärksten, geschicktesten Mitglieder gegen Bezahlung in den Strom der grenzüberschreitenden Migration einzureihen (Edition Le Monde diplomatique 2008, S. 23). Auch die UN ist davon überzeugt, dass die heutigen internationalen MigrantInnen mehr als je zuvor einen dynamischen menschlichen Link zwischen Kulturen, Ökonomien und Gesellschaften darstellen (vgl. UN 2006, S. 7). Dennoch dreht sich nicht nur in Zeiten von internationalen Wirtschaftskrisen vieles um den schnöden Mammon : seit nachgewiesen wurde, dass die Summe der Rücküberweisungen von MigrantInnen weltweit jene der internationalen Entwicklungshilfe um mehr als das Doppelte übersteigt, gilt Migration auf nationaler und internationaler Ebene als Chance für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung sowohl der Herkunfts- als auch der Zielländer von MigrantInnen (vgl. Stuker 2007, S. 9). 17

18 2.2 Von aktuellen Zahlen und Trends Die WeltbankmitarbeiterInnen John Page und Sonia Plaza gehen davon aus, dass sich die Zahl der internationalen MigrantInnen weltweit von 76 Millionen (im Jahr 1960) auf 82 Millionen (zehn Jahre später) erhöhte, sich dann bis ins Jahr 2000 auf 174,9 Millionen jedoch mehr als verdoppelte, derzeit wird von rund 200 Millionen internationaler MigrantInnen ausgegangen; vor allem die Anzahl der Hochqualifizierten aus Entwicklungsländern ist in den letzten vier Jahrzehnten explodiert. Zudem prognostizieren sie eine starke Bevölkerungsveränderung in den nun folgenden 20 bis 30 Jahren: so werden 2050 in Afrika rund 20 Prozent, in Europa hingegen nur mehr sieben Prozent der weltweiten BewohnerInnen ansässig sein. Durch diese zunehmenden demographischen wie ökonomischen Unterschiede wird auch der Migrationsdruck steigen (vgl. Page/Plaza 2005, S. 3ff.), dennoch weist die UN (2006, S. 6) darauf hin, dass jene MigrantInnen, die aus einem Entwicklungsland in ein anderes migrieren, eine ungefähr ebenso hohe Anzahl darstellen wie jene, die vom Süden in den Norden wandern. Zudem gilt die Feminisierung der Migration mittlerweile sind mit einem Anteil von 48,6% beinahe die Hälfte der internationalen MigrantInnen Frauen (vgl. IOM 2005) als Antwort auf eine zunehmende Nachfrage an weiblicher Arbeitskraft in spezifischen Wirtschaftssektoren, unter anderem im Dienstleistungsbereich des Gesundheitswesens, in Privathaushalten oder im Sexund Unterhaltungsgewerbe (vgl. Hungerbühler 2007, S. 15). 2.3 Vom Defizitansatz zur enthusiastischen Rhetorik In der Migrationsforschung gilt als nachgewiesen, dass sich grenzüberschreitende Migration grundsätzlich auf die Entwicklung der Herkunftsländer auswirkt, dennoch wurden Entwicklungs- und Migrationsforschung bisher weitgehend voneinander getrennt betrieben (vgl. Thränhardt 2005, S. 3). In den 1960er Jahren stand die Debatte um negative Auswirkungen der Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften aus den Entwicklungsländern im Mittelpunkt, in den 1980er Jahre beschäftigte man sich mit dem Entwicklungsbeitrag der RückkehrerInnen, das derzeitige Topthema lautet Diaspora und Entwicklung (vgl. Baraulina/Borchers 2008). Die Diskurslinien spiegeln die der Öffentlichkeit und auch der Wissenschaft jahrzehntelang zugrunde liegenden vom deutschen 18

19 Politikwissenschaftler Thränhardt stark kritisierten Mängelperspektiven wider: MigrantInnen ( ) werden als defizitäre Wesen geschildert, die es zu integrieren und zu kulturalisieren gelte: Migration wird in diesem Zusammenhang generell als Krisenerscheinung gezeichnet und mit Überflutung assoziiert ( ). Als defizitär gelten auch die Entwicklungsländer, die es mit westlicher Hilfe zu Leistungen zu befähigen gelte (Thränhardt 2005, S. 3). Somit stellt die derzeitige Hinwendung zum Migrations-Entwicklungs-Nexus, dem Schnittpunkt zwischen Migration und Entwicklung also, einen grundlegenden Paradigmenwechsel sowohl in der Migrations- als auch in der Entwicklungsdebatte dar, welcher die Ressourcen und Potentiale der MigrantInnen als handelnde AkteurInnen in den Mittelpunkt rückt. Insgesamt wird mit einem solchen Paradigmen-Wechsel ein realistisches und optimistisches Szenario an die Stelle eines pessimistischen gesetzt (Thränhardt 2008, S. 110), teilweise ist diese Wandlung von enthusiastischer Rhetorik (Aikins 2008) geprägt. So werden MigrantInnen auch als die neuen heroes of development (Castles/Wise 2008, S. 3) bezeichnet, sie werden nicht länger als Opfer oder als Abhängige vom Wohlwollen der Aufnahmegesellschaft, sondern als selbstbestimmte AgentInnen für die Entwicklung in ihrem Herkunftsland, gesehen (vgl. Hilber 2008). Eine nicht ganz freiwillige und optimistische Hinwendung zur Thematik konstatieren die Migrationsexperten Castles und Wise, indem sie auf ein vehement auftretendes Dilemma aufmerksam machen: einerseits wird Migration als unausweichliches Resultat v.a. globalisierungsbedingt - ökonomischer und demographischer Faktoren sowohl im Norden als auch im Süden gesehen. Andererseits werden MigrantInnen aus ärmeren Ländern (insbesondere ungelernte ArbeiterInnen und AsylwerberInnen) in Bezug auf Sicherheit, Stabilität und Lebensstandard als Problem, manchmal sogar als Bedrohung von den reicheren Ländern identifiziert. Da Migration nicht gänzlich verhindert werden kann, versuchen nun PolitikerInnen mit den Instrumenten des Migrationsmanagements Migrationsbewegungen zu kontrollieren sowie den daraus resultierenden Gewinn für die Zielländer zu maximieren. Dabei sind sie auf Kooperationen mit Herkunfts- 19

20 sowie Transitstaaten angewiesen, was jedoch nur Erfolg versprechend scheint, wenn es wiederum auch für diese Gewinnchancen birgt. Die Verbindungen zwischen Migration und Entwicklung erscheinen nun als ein Weg zur Verwirklichung dieser euphemistischen Win-win-Situationen (vgl. Castles/Wise 2008, S. 3). 2.4 Vom Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung Grundsätzlich wird ein vielschichtiger, positiv als auch negativ bewerteter, Konnex zwischen Migration und Entwicklung gezogen: Migration kann sowohl eine Ursache als auch ein Resultat von Unterentwicklung sein, während Unterentwicklung durch Migration entweder erleichtert oder auch verschlimmert werden kann. Während durchgängig positive Auswirkungen auf globaler Ebene gefunden werden, variieren die migratorischen Konsequenzen für Entwicklungsförderung in den unterschiedlichen Ländern und Gesellschaften je nach politischem, sozialem, rechtlichem und ökonomischem Umfeld des Herkunftslandes sowie je nach persönlichen Merkmalen, Ressourcen und Verhaltensweisen der individuellen MigrantInnen (vgl. IOM 2006, S. 1). So wird Migration beispielsweise zugeschrieben, dass sie Arbeitslosigkeit in den Herkunftsländern verringern, Entwicklung durch finanzielle Rücküberweisungen fördern, Wissen und Fähigkeiten verbessern und neue Technologien einführen kann. Migration kann das individuelle Haushaltseinkommen erhöhen, kann Menschen zu hochwertigerer Nahrung verhelfen, zu besserer Gesundheit, Wohnmöglichkeit und Ausbildung. Im Hinblick auf Gemeinschaftsaktivitäten können verschiedene Fortschritte (wie etwa die Verbesserung lokaler Gesundheit, der Sanitäranlagen oder der gesamten Infrastruktur) auch für Familien erreicht werden, die keine MigrantInnen ins Ausland entsendet haben. Zudem können MigrantInnen auch selbst im Herkunftsland Investitionen tätigen bzw. diesbezügliches Lobbying betreiben. Migration kann jedoch auch Ungleichheit erhöhen, notwendige Arbeitskräfte der produktivsten Gesellschaftsmitglieder ins Ausland schicken sowie Familienleben und soziale Beziehungen irritieren 7 (vgl. Dayton-Johnson et al. 2007, S. 65 sowie CDR 2002). 7 Für Details siehe die folgenden Kapitel. 20

21 Der Ökonom Philip L. Martin versuchte den Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung im Jahr 2004 in einer Studie für die International Labour Organization (ILO) folgendermaßen zusammenzufassen: die 3 R s beschreiben den Einfluss der MigrantInnen, den sie auf die Entwicklung ihrer Herkunftsländer haben könnten: Recruitment (abhängig davon, ob MigrantInnen arbeitslose oder hochqualifizierte Personen in den Herkunftsländern seien); Remittances (also die Rücküberweisungsgelder, die von MigrantInnen nach Hause gesendet werden); Returns (in Herkunftsland zurückkehrende MigrantInnen)(vgl. Martin 2004, S. 7) 8. Der wohl entscheidendste Grund, warum die entwicklungspolitische Relevanz von MigrantInnen in den vergangenen Jahren in Wissenschaft und Politik verhältnismäßig hohe Aufmerksamkeit erlangte, ist der rasante Anstieg weltweiter Rücküberweisungen. Die Weltbank stellte fest, dass zwischen 1990 und 2007 die Summe der registrierten Rücküberweisungen in Entwicklungsländer von 31 auf 251 Mrd. US $ anstieg (World Bank 2008). Ihr Volumen ist damit allein auf offiziellem Wege - doppelt so groß wie die gesamte offizielle Entwicklungshilfe (vgl. Baraulina/Borchers 2008). Zudem erreichen sie mit weit weniger Reibungsverlusten die Bevölkerung direkt und fließen kontinuierlicher, während bei der Entwicklungszusammenarbeit hohe Overhead-Kosten entstehen und viele InteressentInnen Einfluss auf die Verwendung sowohl in den Geber- wie in den Empfängerländern nehmen. Staatliche Entwicklungshilfe ist zudem von den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den reichen Ländern abhängig und daher großen Schwankungen unterworfen (vgl. Thränhardt 2008, S. 102f.). Diese hohen Geldsummen veranlassten u. a. internationale Organisationen, wie eben beispielsweise die Weltbank, das Potential der rücküberweisenden 8 Diese Aufzählung ist m. E. nach unvollständig, da beispielsweise soziale Rücküberweisungen und zirkuläre Migrationsformen völlig außer Acht gelassen werden (vgl. dazu auch die folgenden Kapitel dieser Arbeit). 21

22 Diasporagemeinden genauer in den Blickwinkel zu nehmen und diese Gelder als Chance für ökonomische Entwicklung und Armutsreduktion in ihren Herkunftsländern anzusehen, was sich wiederum in einer Flut von Studien, Konferenzen und politischen Handlungsempfehlungen niederschlug (vgl. Vertovec 2006, S. 6 sowie Knerr 2008). Doch auch in vielen anderen politischen Bereichen ist Migration von Bedeutung: hierzu zählen Außenpolitik, Handel, Beschäftigung, Menschenrechte, Gleichheit von Frauen und Männern, Gesundheit, Sicherheit und Grenzkontrolle (vgl. GCIM 2005, S. 67). 2.5 Von Widersprüchen und Paradoxien Entwicklungsgelder und Migrationskontrolle In der politischen Praxis hat die Verknüpfung von Entwicklungshilfe und Migration aber ein weniger freundliches Gesicht, so der Journalist Beat Weber (2008, S. 21): Die EU und andere Industriestaaten suchen vor allem Sicherheitslösungen : Es geht darum, die Ursprungsländer von Migration zu bewegen, gegen die Auswanderung vorzugehen bzw. abgeschobene MigrantInnen wieder aufzunehmen. Diese Zusammenarbeit werde dann mit Geld belohnt, es gäbe zudem starke Tendenzen innerhalb der EU, die Gewährung finanzieller Unterstützung für Drittstaaten an deren Kooperationsbereitschaft in Migrationsfragen zu knüpfen, also Maßnahmen gegen irreguläre AuswandererInnen zu fordern (vgl. Weber 2008, S. 21). Auch ein Bericht der OECD von 2007 beschreibt deutlich, worauf Entwicklungsgelder keinesfalls abzielen sollen: die Immigration zu stoppen oder zu kontrollieren. Da die Verbindungen zwischen Hilfsgeldern und wirtschaftlichem Wachstum schwach seien gäbe es keine Garantie, dass sich die Migrationsbereitschaft verringern würde. Wiederum wird auf die bereits von Weber scharf kritisierte Verknüpfung von Entwicklungsförderung und der Kontrolle von irregulärer Migration hingewiesen und als nicht zielführend bewertet; Entwicklungsgelder sollen auch weiterhin der Armutsreduktion und nicht der Migrationskontrolle dienen (vgl. Dayton-Johnson et al. 2007, S. 66). 22

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