И лѐд горит. Какой там был вопрос?

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1 И лѐд горит. Какой там был вопрос? Barbara Pichler (Salzburg, Österreich) Mag.a phil. Barbara Pichler aus Salzburg (Österreich), Sozialarbeiterin der Caritas für Menschen in Not (Oberösterreich), Flüchtlingshilfe, ist bei unseren DolmetschstudentInnen nicht unbekannt. Im März 2013 nahm sie an einer Diskussion unter dem Titel Dolmetschstandards - Wunsch und Wirklichkeit teil. Im vorliegenden Essay findet der Leser ihre Eindrücke vom winterlichen Baikal. Die Farben des Baikal Was hast du bloß in dieser Eiswüste verloren? In diesem grauenhaften Land, in dem der Mensch nichts zählt. 53

2 Du schweigst. Und lächelst. Dein Lächeln ähnelt jenem, mit dem man dich aus einem tiefen, ruhigen Schlaf weckt: Willst du den Sonnenaufgang sehen? Ein stolzes, heiteres und ruhiges Lächeln, voll Erinnerung daran, wie er sein kann. Es. Das Meer. Das Heilige Meer. Und du tauchst ein in diese Schönheit, öffnest dich der Weite, kommst zur Ruhe. Nicht sofort. Die Kälte erinnert dich an die Verletzlichkeit deines Körpers, die Hektik deines Lebens passt hier nicht, die Stille macht Angst. Doch die rosafarbenen Wolken begrüßen dich leise, fast schüchtern. Hundegebell verrät dir, dass hier Menschen leben. Auf einem Holzschlitten bringt jemand den Nachbarn Milch. Weißer Rauch steigt aus den Holzhäusern in einen hellgrauen Himmel. Es wird Zeit sich aufzuwärmen, mit Tee und Gesprächen. Weißt du, mit dem ersten Pfannkuchen gedenkt man... - Ja. Und du erfährst, dass dieser Ort Geschichte hat. 54

3 Schwarzweiße Fotos. 55

4 56

5 Und vergilbte. Und dann geht hinter den dunkelblauen Bergen die Sonne auf, der Himmel öffnet sich, 57

6 die Linie am Horizont verschwimmt. Es leuchtet das Eis, die dünne Schneedecke, die es bedeckt, 58

7 es leuchten die hellblauen und grünen Fenster, 59

8 ja sogar die Schnitzereien auf der Holzveranda. Und jene unbeschreibliche Kraft, ob aus dem Meer oder von der Insel, die schon lange vergessene Generationen kannten und die auch die folgenden spüren werden, nimmt dich auf und erfüllt dich. 60

9 Und es zieht dich aufs Eis. Der Weg führt vorbei an der alten Fischfabrik und an vereisten Schiffen, schwer wie die Geschichte. Nur mit vereinten Kräften zu bewältigen. Doch die Schulbücher sind schon in Arbeit. 61

10 Dem Frühling entgegen. Keine Angst, das Eis ist dick. Der Frost hält sich schon fast ein halbes Jahr. Schneesturm und Schönheit lassen dir den Atem stocken, 62

11 Weite und Dankbarkeit treiben dir die Tränen in die Augen. Und von da an gehst du wie auf einem anderen Planeten, in einer neuen Dimension, die Körper und Seele stärkt. Auf lange. 63

12 Wie ein kleines Kind kannst du dich ehrlich wundern über die Vielfalt an Formen, Farben und Schönheiten, die aus nichts anderem bestehen als aus Wasser, Luft und Licht. Die Natur schafft Wunderwerke. 64

13 Gleißend-weißes Sonnenlicht. 65

14 Zwillinge. 66

15 Eine Schwalbe. 67

16 Ein Blitz. 68

17 Wasser wirft Schatten. 69

18 Sand im Schnee gibt es den Sommer wirklich? 70

19 Aus der Tiefe dringt die Wärme an die Oberfläche und trotzt der weißen Wüste mit warmem Orange. 71

20 Ein Schritt und blau wird zu hellblau, grün zu türkis. 72

21 73

22 Beeindruckende weiße Risse im schwarzen Eis. Vertrocknetes Gras erinnert an den so unglaublich erscheinenden Sommer. 74

23 Eis, so durchsichtig wie Wasser. 75

24 Du drehst dich um... eine Spiegelung! 76

25 Ein Kristall. 77

26 Bernstein. Nein, nicht nur die Augen können sich wundern, wenn sie sich von einem Meisterwerk zum nächsten bewegen. Auch die Ohren wundern sich, wie sich der Klang der brechenden Eisschollen unter deinen Füßen verändert. 78

27 Du beginnst vorsichtig einen Schritt vor den anderen zu setzen, willst die Schönheit nicht zerstören. Du berührst das Eis und kannst nur staunen wie perfekt die Natur ist. Doch auch dem Auge kannst du nicht trauen, unmerklich verrinnt die Zeit und derselbe Punkt erscheint in neuer Schönheit. Die Kälte spürst du nicht mehr, du möchtest dich hinlegen, der Stille lauschen und warten bis die Sonne an Kraft gewinnt. Und du vergisst, dass hunderte Meter Wasser unter dir sind... 79

28 Doch dann siehst du schon wieder neue Wunder, weiße und blaue Schattierungen, für deren Beschreibung dein Wortschatz nicht reicht. 80

29 Du verstehst, dass Geometrie 81

30 und Kunst keine menschlichen Erfindungen sind, man hat nur die Worte dafür gefunden. Und du kannst nur erahnen, welche Kräfte hier wirken. 82

31 Es ist schon Zeit, nachhause zu gehen, doch die Sonne zeigt dir im Untergehen noch, dass du nichts gesehen hast. Oder nicht das Richtige. Plötzlich tauchen Farben auf, die in deinem Kopf nichts mit der dich umgebenden Kälte gemeinsam haben: 83

32 orange, gelb, rot, dunkelrot. 84

33 Und das Eis brennt. Wie war nochmal die Frage? 85

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