Warum die Energieversorgung dezentral gestaltet werden muss:

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1 Regenerativ-dezentrale Energieversorgung in Entwicklungsländern Warum sie der einzig sinnvolle Entwicklungsansatz ist, und wie Industriestaaten zu ihrer Verwirklichung beitragen können Zusammenfassung: Entwicklung braucht Energie! Eine sinnvolle Entwicklungspolitik muss auf eine Energieversorgung setzen, die nachhaltig und finanzierbar ist. Weiterhin muss das entsprechende Energiekonzept eine schnelle Elektrifizierung ermöglichen, da dies Voraussetzung für die Entwicklung weiter Sektoren der Volkswirtschaft und der öffentlichen Versorgung ist. Diese Ziele können nur durch ein regenerativdezentrales Energiesystem erreicht werden. Dessen Aufbau sollte zentraler Bestandteil der Politik der jeweiligen Entwicklungsländer sowie der Entwicklungszusammenarbeit sein. Warum die Energieversorgung dezentral gestaltet werden muss: In vielen Entwicklungsländern existieren in weiten Gegenden, insbesondere in den ländlichen Regionen, keine Stromnetze. 1 Auf absehbare Zeit werden hier auch keine Netze gebaut werden. Grund hierfür ist das mangelnde Investitionsinteresse der Energieversorgungsunternehmen: In

2 Anbetracht der Kundenstruktur (geringe Bevölkerungsdichte auf dem Land, geringer Stromverbrauch, geringe Kaufkraft) würden sich die großen Investitionen nicht rentieren. 2 Abgesehen davon stellen die Errichtung und der Betrieb von Stromnetzen einen entscheidenden Kostenpunkt bei der Energieversorgung dar. In Anbetracht der Finanzlage der Bevölkerung ist es daher von Vorteil auf Energiesysteme zu setzen, die keine derart kostspielige Netzinfrastruktur benötigen. 3 Andernfalls könnte sich ein prohibitiver Strompreis einstellen. Demgegenüber ermöglicht ein regenerativ-dezentraler Ansatz den schnellen Aufbau einer lokalen Energieversorgung (ohne langwierigen Netzausbau) zu niedrigen Kosten (vermiedene Netzkosten und kostenlose Primärenergie aus Sonne und Wind). In einem dezentralen Mix regenerativer Energiequellen lässt sich der Vorteil der kostenlosen Primärenergie aus Sonne und Wind verbinden mit deren verbrauchsnahen und nachhaltigen Gewinnung. 4 Darüber hinaus führt ein dezentral-regeneratives Energiesystem zu regionaler Wertschöpfung und schafft Arbeitsplätze vor Ort. Die schnelle Elektrifizierung fördert zudem die lokale Wirtschaftsentwicklung (Stromversorgung für lokales Gewerbe) und erhöht die Lebensqualität der Menschen (z.b. durch eine schnelle Verbesserung der medizinischen Versorgung). Warum die Energieversorgung aus regenerativen Quellen gespeist werden muss: Ein erster Grund ist der globale Klimawandel, von dem die Entwicklungsländer ungleich stärker betroffen sein werden als Industriestaaten. Grund hierfür ist neben der (häufigen) Lage in extremen klimatischen Regionen auch die Tatsache, dass Entwicklungsländer weniger finanzielle Ressourcen besitzen, um sich an eine veränderte Klimasituation anzupassen. Neue Studien belegen, dass Afrika aufgrund von Mehrfachbelastungen und niedriger Anpassungskapazität einer der verwundbarsten Kontinente gegenüber Klimaschwankungen und -änderungen ist, so der IPCC. 5 Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, dass auch Entwicklungsländer zum Klimaschutz beitragen, indem sie ihr Wirtschaftswachstum vom CO²-Ausstoß entkoppeln. Eine fossile Energieversorgung kommt für eine nachhaltige Entwicklungsstrategie folglich nicht in Frage. Eine regenerative Energieversorgung trägt nicht nur zum globalen Klimaschutz bei, sondern fördert auch den Umweltschutz vor Ort: Die Energieversorgung der Bevölkerung in den ärmeren Entwicklungsländern basiert zu großen Teilen auf Holz aus der näheren Umgebung. In Mali, firewood and charcoal are the most common sources of energy, contributing to about 90 % of all energy use, and over 95% of domestic energy needs. ( ) This wood is supplied by surrounding countryside. 6 Die Folge dieser Energieversorgung ist eine zunehmende Entwaldung, welche wiederum weitere Umweltprobleme nach sich zieht. In trockenen Ländern trägt die Entwaldung zur Versteppung und zur Ausbreitung der Wüsten bei. 2

3 Zu erwähnen ist weiterhin der Kostenaspekt. Ein fossil-atomares Energiesystem setzt den Import von Brennstoffen voraus (falls nicht im Land selbst entsprechende Rohstoffe gefördert werden). Die Importe belasten jedoch die Volkswirtschaft. Diese Problematik verschärft sich in Zeiten steigender Ölpreise. So führte insbesondere die Ölpreiskrise in den 70er Jahren zu einem dramatischen Anstieg des Schuldenstandes zahlreicher Entwicklungsländer. Im Zuge der Ölkrise versechsfachte sich der Schuldenstand der Entwicklungsländer, hauptsächlich auf Grund der gestiegenen Kosten für den Ölimport. Dieses Problem dauert bis heute an. Im Jahr 2005 mussten etwa 40 Entwicklungsländer mehr für den Import von Erdöl ausgeben, als sie durch eigene Exporte erwirtschafteten. 7 Ein auf fossilen Ressourcen beruhendes Energiesystem wird daher zum Hemmschuh für die wirtschaftliche Entwicklung der Länder. Auch auf der lokalen Ebene zeigt sich, dass ein atomar-fossiles Energiesystem wirtschaftlich inadäquat ist, da sich große Teile der Bevölkerung eine derartige Energieversorgung schlichtweg nicht leisten können. 8 Hinzu kommt die Problematik des weltweit steigenden Energiebedarfs. Laut Schätzungen der International Energy Agency (IEA), ist mit einem weltweiten Wachstum des Primärenergieverbrauchs von 55 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 2005 zu rechnen. ( ) 74 Prozent des voraussichtlichen Verbrauchsanstiegs entfällt auf Entwicklungsländer, 33 Prozent allein auf China und 12 Prozent auf Indien. 9 Trotz dieser steigenden Nachfrage stehen fossil-atomare Energieträger weltweit nur in begrenztem Umfang zur Verfügung. Daher ist eine langfristige Verknappung des Angebots bei perspektivisch weiter steigender Nachfrage unvermeidbar. Diese Situation wird einen Anstieg des Weltmarktpreises für Brennstoffe nach sich ziehen. Beim Öl konnte ein solcher Preisanstieg in den letzten Jahren ja bereits beobachtet werden. Steigende Preise führen jedoch zu einer weiteren finanziellen Überlastung der Volkswirtschaften der Entwicklungsländer und ihrer Bürger. Eine Entkopplung von der Preisspirale der Energiemärkte wird nur durch ein regeneratives Energiesystem ermöglicht, das mit kostenloser Primärenergie arbeitet. Vor dem Hintergrund der vorab genannten Argumente kommt die 100 prozent erneuerbar stiftung zu folgendem Schluss: Der einzig gangbare Ansatz für eine nachhaltige, schnelle und erschwingliche Energieversorgung in Entwicklungsländern besteht im Aufbau einer dezentralregenerativen Stromversorgung. Ein solches System: - ist kostengünstig (kein Netzausbau, keine permanenten Brennstoffkosten dafür kostenlose Primärenergie) - ermöglicht ein autarkes Energiesystem, das Energie unabhängig von Preisentwicklungen auf dem Weltenergiemarkt bereitstellt - setzt infolgedessen Finanzmittel für andere wichtige Investitionen frei - ermöglicht eine schnelle Elektrifizierung; kann problemlos auch in abgelegenen Gebieten installiert werden - trägt zur regionale Wertschöpfung bei und schafft Arbeitsplätze vor Ort 3

4 - beschleunigt die wirtschaftliche Entwicklung (Stromversorgung für lokales Gewerbe, Verbesserung der Rahmenbedingungen für Bildung) - erhöht den Lebensstandard (ermöglicht z.b. den Betrieb von Lampen, Pumpen und anderen Geräten, führt zu einer besseren medizinischen Versorgung u.a. durch Kühlmöglichkeiten für Medikamente) - beteiligt die Bürger an ihrer Energieversorgung und schafft Selbständigkeit - schont das globale Klima und die unmittelbare Umwelt - entschärft die Konflikte um knapper werdende Energieträger - Wie können die Industriestaaten die Entwicklungsländer beim Aufbau einer regenerativ-dezentralen Stromversorgung unterstützen? Beim Aufbau einer regenerativ-dezentralen Energieversorgung können Entwicklungsländer sowohl auf nationaler als auch auf regionaler Ebene unterstützt werden. Auf regionaler Ebene: (1) Entwicklung von Konzepten für die Finanzierung von Erneuerbare-Energien-Anlagen: Der Betrieb von Erneuerbare-Energien-Anlagen ist, abgesehen von der Wartung, kostenlos. Zu Beginn müssen jedoch hohe Ausgaben für den Kauf und die Installation der Anlagen getätigt werden. Diese Anfangsfinanzierung stellt ein entscheidendes Hindernis für den Ausbau regenerativer Energien in Entwicklungsländern dar. Hier gilt es sinnvolle Finanzierungskonzepte zu entwickeln, die auf die wirtschaftliche Situation der Personen vor Ort zugeschnitten sind. Als Beispiel sei hier auf das Konzept der Mikrokredite verwiesen. 10 (2) Knowledge-Transfer: Die Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen der Entwicklungsländer müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Menschen vor Ort ihre Stromversorgung selbständig organisieren können (Einkauf bzw. Herstellung, Installation und Wartung der Anlagen). Nur so kann eine wirklich nachhaltige Entwicklung ermöglicht werden. Die Industriestaaten sind aufgefordert, den Austausch von praktischem und theoretischem Wissen über den Aufbau und den Betrieb von dezentral-regenerativen Energieversorgungssystemen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zu fördern. Schwerpunkte sollten gelegt werden auf die Ausbildung von Technikern vor Ort und auf die Unterstützung bei der Einrichtung energiebezogener Studiengänge an den Hochschulen der Entwicklungsländer. 4

5 (3) Initiierung von Modell-Projekten: Durch positive Beispiele wird die Verbreitung der Technologie gefördert. Modell-Projekte sind so anzulegen, dass sie skalierbar sind und auf andere lokale Kontexte übertragen werden können. Insgesamt sind Kooperationen mit regionalen Partnerinstitutionen anzustreben, die die Situation vor Ort kennen und angepasste Lösungsansätze entwickeln und umsetzen können. Als Beispiel sei hier das Mali Folkecenter genannt, das sich für den Ausbau erneuerbarer Energien in Mali einsetzt. Existieren derartige Institutionen in einer bestimmten Region noch nicht, so kann es ein erster sinnvoller Schritt einer Entwicklungszusammenarbeit sein, dort entsprechende Institutionen aufzubauen. Auf nationaler Ebene: (1) Unterstützung der Entwicklungsländer bei der Entwicklung geeigneter nationaler Förderpolitiken: Die Regierungen der Entwicklungsländer können den Ausbau regenerativer Energien durch eine günstige Politikgestaltung (finanzielle Anreize, Subventionen, Abbau von administrativen Hemmnissen, Informations-kampagnen, etc.) beschleunigen. Gerade Deutschland verfügt auf diesem Gebiet über große Expertise. Daher bietet sich eine Unterstützung der Entwicklungsländer bei einer erfolgreichen Politikgestaltung an. Hierbei müssen jedoch die unterschiedlichen Rahmenbedingungen vor Ort berücksichtigt werden. (2) Demonstration positiver Entwicklungswege: Industriestaaten werden durch die Umstellung ihrer eigenen Stromversorgung auf regenerative Energien zum Vorbild für die Entwicklung anderer Länder. Sie demonstrieren dadurch, dass ein Wechsel möglich ist und welche Vorteile er bietet. Zudem können sie ihre Erfahrungen an andere Staaten weitergeben (beispielsweise in Form von Best-Practice-Beispielen). Außerdem haben die Industriestaaten, die Hauptverursacher des Klimawandels sind, eine gewisse moralische Verpflichtung, eine Lösung für das Klimaproblem zu entwickeln und umzusetzen. Quellen: Eurosolar (2004): Wieczorek-Zeul: Erneuerbare Energie entlastet Entwicklungsländer drastisch von Ölrechnungen; Eurosolar (2005): Einzige Chance für die Entwicklungsländer; Fell, Hans-Josef (2003): Globale Solarwirtschaft Eine Chance auch für Entwicklungsländer; Grameen banking for the poor: Kreditvergabe Mikrokredite; 5

6 IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) (2007): Klimaänderung 2007: Auswirkungen, Anpassung, Verwundbarkeiten - Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger; KfW (Kreditanstalt für Wideraufbau) Entwicklungsbank (2009): Erneuerbare Energien - Als Quelle etabliert; erbare_energie/index.jsp Mali-Folkecenter (2011): Homepage; Netz e.v.: Bangladesch - Selbsthilfe und Kleinkredite; Peracod: L électricité pour plus de villageois au Sénégal : Le projet Electrification Rurale SENEGAL (ERSEN); 1 So haben beispielsweise in Mali weniger als ein Prozent der Landbevölkerung Zugang zu Elektrizität. (vgl. Mali-Folkecenter 2011) Im Senegal waren 2008 über 80 Prozent der ländlichen Haushalte nicht an die Stromversorgung angeschlossen (vgl. Peracod) 2 Vgl. Mali-Folkecenter Vgl. Eurosolar Vgl. Fell IPCC 2007, S.27 6 Mali-Folkecenter Vgl. Eurosolar 2005, Eurosolar Vgl. Fell KfW Entwicklungsbank Vgl. Netz e.v., Grameen 6

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