Schuldenberater Mario Roncoroni: «Hackt doch nicht ständig auf den Jungen herum»

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1 Text vom 8. Februar 2010 Schuldenberater Mario Roncoroni: «Hackt doch nicht ständig auf den Jungen herum» Die Armut nimmt zu und immer mehr Menschen geraten in die Schuldenfalle. Darauf haben die schweizerischen Stellen für Schuldensanierungen reagiert und nennen sich seit Anfang 2010 Schuldenberatungsstellen. Statt Schulden sanieren heisst das Ziel immer öfter Schulden stabilisieren. Mario Roncoroni von der Schuldenberatung Bern gibt Tipps, wie die Schuldenfallen zu umschiffen sind und wie die Beratungsstellen helfen können. Welche Ursachen führen die Menschen in die Schulden? Mario Roncoroni: Die Hauptmerkmale der Schuldner sind seit Jahren dieselben. In der Mehrheit sind es Männer, zwischen 45 und 55 Jahre alt; sie haben eine erste Lebenskrise hinter sich und vielleicht in den vorangehenden Jahren das Budget bis ans Limit ausgereizt. Vieles haben sie sich auf Pump geleistet, das Auto geleast und keine oder zuwenig Rückstellungen für die Steuern gemacht, schliesslich Privat- und Kleinkredite aufgenommen.as Krisenereignis hat dann das labile Gleichgewicht zerstört. Der typische Schuldenberg beträgt zwischen 50'000 und 60'000 Franken. Warum häuft sich trotz ausreichendem Einkommen ein solcher Schuldenberg an? Versuchen die Betroffenen ihren Lebensstil aufrecht zu erhalten, obwohl sie ihn sicht nicht mehr leisten können? Vielen Ueberschuldeten tut man mit einem solchen Schema F Unrecht. Häufig führt eine Lebenskrise wie Trennung, Scheidung oder Arbeitsplatzverlust zur akuten Krise. Solange zwei Partner einen Haushalt mitfinanzieren, ist ein lockerer Umgang mit den Finanzen noch verkraftbar, wenn aber die Partnerin oder der Partner auszieht oder die Stelle verloren geht, kommt es zum finanziellen Crash. Den die Betroffenen wohl einige Zeit noch nicht wahrhaben wollen? Das Muster ist bekannt: Eine Zeit lang schauen sie nicht genau hin. Wenn die Probleme akut werden, machen sie einen Bogen um den Briefkasten oder öffnen die Briefe nicht und holen eingeschriebene Mahnungen nicht ab. Können die Leute, welche bei Ihnen Rat suchen, mit einer Sanierung rechnen? Wir können lange nicht so viele Sanierungen machen, wie wir ursprünglichen planten. Es gibt immer mehr Personen und Haushalte, die über zu wenig oder ein unsicheres Einkommen verfügen. Vielleicht hat die Frau nur eine Stelle auf Abruf oder beide arbeiten in einer Tieflohnbranche: im Reinigungs- oder Gastgewerbe. Haushalte mit einem Einkommen unter dem Existenzminimum müssen sich also rechtzeitig an die Sozialhilfe wenden und die Schulden nicht anwachsen lassen. Sind sie bei euch trotz Schulden an der falschen Adresse?

2 Wenn nicht genügend Einkommen da ist, können wir keine Schuldensanierung machen. An der falschen Adresse sind sie bei uns trotzdem nicht: Wir haben auf diese Entwicklung reagiert und gesamtschweizerisch den Namen angepasst: von Schuldensanierung zu Schuldenberatung. Für eine sehr grosse Zahl von verschuldeten Haushalten ist nicht mehr die klassische Sanierung das Ziel, sondern die Stabilisierung der finanziellen Situation. Dieses Beratungsziel wird zunehmend wichtiger. Statt Schulden sanieren heisst es nun weiter leben mit Schulden. Sind die ihre Kunden eher dem Mittelstand zuzurechnen? Haben oder hatten sie ein Einkommen, das einen gewissen Spielraum zulässt, es aber in einer Krisensituation verpasst, rechtzeitig ihr Budget anzupassen und zu sparen? Die Klienten, die freiwillig zu uns kommen und daran glauben, dass eine Lösung möglich ist und sich dann auch an das Sanierungsbudget halten, sind uns natürlich am liebsten. Früher hatte es häufig gereicht, dass der Schuldner auf sein Auto verzichtete um Spielraum für eine Sanierung zu erhalten. Der Mittelstand ist auch nicht mehr was er einmal war: Wenn ich früher bei einem Klienten dachte, mit diesem Beruf und Einkommen ist er auf der sicheren Seite, so muss ich heute oft feststellen: dieses Einkommen reicht nur knapp. Einen grossen Anteil an dieser Misere haben die explodierenden Krankenkassenkosten. Wie könnt ihr Menschen mit Schulden und einem zu tiefen Einkommen unterstützen? Anstelle der Sanierung tritt dann die Stabilisierung der Situation. Unsere Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind z.b. behilflich, Geld aufzutreiben um die Krankenkassenprämien nachzuzahlen, damit die Leistungssperre aufgehoben wird. Über all die Jahre sind wir mehr und mehr in die Nähe der Sozialhilfe gerutscht. Bei uns arbeiten in der Mehrheit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Sozialarbeitende wissen wie schwierige Gespräche zu führen sind, haben einen guten Riecher für die schwarzen Löcher im Budget und können sowohl Konsequenzen eines Weiterwurstelns aufzeigen als auch zu Veränderungen motivieren. Dazu brauchen unsere Mitarbeitenden eine spezifische Weiterbildung; sie müssen wissen, wie das Konsumkreditgesetz anzuwenden ist und ein Betreibungsverfahren läuft. Leasingverträge, Privat- und Konsumkredite sind grosse Schuldenfallen. Müsste da nicht noch mehr Präventionsarbeit, gerade bei den Jungen, geleistet werden? In den Medien wird immer auf den Jungen herum gehackt, das ist übertrieben und ungerecht. Die grossen Schulden machen nicht Jugendliche und junge Erwachsene, sondern 40-jährige und Ältere. Jugendliche bis 20 haben vor allen bei ihren Eltern Schulden oder pumpen Kollegen an. Natürlich ist es wichtig, ihnen einen gesunden Umgang mit Geld beizubringen. Also sollte doch mehr davor gewarnt werden, sich das erste Auto auf Pump zu finanzieren. In der Schule und vor allem in der Berufsschule können die Lehrerinnen und Lehrer gute Präventionsarbeit leisten, indem sie den Umgang mit Geld in den Unterricht einbauen. Die Jungen müssen wissen, was ein Budget ist, und wie es erstellt wird. Ich vertrete klar die Meinung, sie sollten auch mehr über unser

3 Steuersystem und unser Krankenversicherungswesen erfahren und lernen damit umzugehen. Dass beim Stichwort Kredit deine Ampel nicht gleich rot zeigt überrascht mich! Da die Jungen durch die Politik dazu gezwungen werden, ihre Aus- und Weiterbildung auf Pump zu finanzieren, indem die Politik die Stipendien gekürzt und das Gewicht auf die Darlehen verschoben hat, ist deine Haltung wohl realistisch, wenn auch für einen Schuldenberater eher ungewöhnlich. Es hilft nicht weiter, immer nach noch mehr Einschränkungen zu rufen. Beispielsweise bin ich im Gegensatz zu vielen Schuldenberatern in der Schweiz nicht begeistert, dass es nicht mehr möglich ist, mit einer EC-Karte das Konto Ende Monat etwas zu überziehen; das erhöht auf Menschen mit einem knappen Budget den Druck. Wer über wenig Einkommen verfügt und ein prekäres, schwankendes Einkommen hat, kommt unweigerlich in die Situation, dass er gegen Monatsende kein Geld mehr auf dem Konto hat und Engpässe überbrücken muss. Die Leute werden immer ärmer und haben zunehmend Mühe ihr Budget einzuhalten. Das ist eine Tatsache und keine Frage der Moral oder von Ueberkonsum. Die grossen Schuldenberge entstehen nicht deswegen. Wie denn? Durch nicht bezahlte Krankenkassenprämien und vor allen nicht bezahlte Steuern. Praktisch alle Verschuldeten haben Steuerschulden. Sie legen nicht genug oder überhaupt nichts auf die Seite für die Steuern. Wenn sie arbeitslos werden oder eine andere Lebenskrise hinzukommt, wächst der Schuldenberg rasch in die Zehntausende von Franken. Wäre eine Art Quellensteuer nicht eine gewaltige Erleichterung für Haushalte, die Mühe haben, genug für die Steuern auf die Seite zu legen? Das fordern die Schuldenberatungsstellen seit etwa zwanzig Jahren! Die Quellensteuer ist aber nur dann eine Lösung, wenn das Existenzminimum von der Besteuerung ausgenommen wird. Leider hat sich das Bundesgericht bisher gewunden, einen klaren Entscheid zu fällen. In einigen Kantonen, z.b. Luzern, ist es möglich, dass die Steuerpflichtigen auf Antrag monatlich einen Betrag auf ein Konto der Steuerverwaltung einzahlen können. Dieses Geld wird von Anfang an verzinst. Eine gute und faire Lösung. Dank dem heutigen Steuerbezugssystem ist in der Schweiz der Staat der erste faktische Kreditgeber - und wohl auch der grösste. Damit ist es möglich die noch nicht definitiv veranschlagten Steuern als Spielmasse oder günstigen Kredit einzusetzen. Das kann als Ueberbrückungslösung auch für uns durchaus Sinn machen. Man muss aber wissen, wie die Schulden später zu bezahlen sind und es darf nur eine Übergangslösung sein. Die Schuldenberatung arbeitet gut mit den Steuerbehörden zusammen; ohne ihre Mithilfe wäre in den meisten Fällen eine Sanierung gar nicht möglich. Trotzdem: Gerade im Kanton Bern setzt die Besteuerung schon bei sehr tiefen Einkommen ein. Viele Haushalte setzen den 13. Monatslohn als Reserve für die Steuern ein. Das ist die weniger gute Lösung. Besser ist neben dem Lohnkonto ein Depositokonto bei der Post oder ein Sparkonto bei einer Bank, auf die per Lastschrift automatisch pro Monat ein Betrag für die Steuern überwiesen wird. Der 13. Monatslohn sollte als Reserve für besondere Ausgaben oder fürs

4 Sparen eingesetzt werden. Bei höheren Einkommen reicht er allein für die Steuern ohnehin nicht. Was sollte Otto Normalverbraucher über Leasingverträge, Privat- und Kleinkredite wissen? Für eine Privatperson ist davon abzuraten, ein Auto über einen Leasingvertrag anzuschaffen. Viele wissen nicht, dass nach Ablauf des Vertrags das Auto zurückgegeben werden muss. Das böse Erwachen kommt schon vorher, wenn der Leasingnehmer vorzeitig aus dem Vertrag aussteigen muss. Die Schlussabrechnungen stimmen fast nie. Wer trotzdem einen Leasingvertrag abschliesst, sollte unbedingt durch eine Rechtsschutzversicherung abgesichert sein, deren Experten sich in dieser Branche auskennen. Zum Beispiel? Die Assista, die Rechtsschutzversicherung des TCS oder die Coop- Rechtsschutzversicherung. Was kann die Schuldenberatungsstelle bei den Konsumkrediten ausrichten? Besser ist, gar nie einen aufzunehmen und sich eher um ein Privatdarlehen bei Verwandten zu bemühen. Wir staunen oft, wie hohe Konsumkredite gewisse Banken gewähren. Kürzlich kam ein tamilisches Ehepaar; beide arbeiten zu einem tiefen Lohn in der Reinigungsbranche. Der Mann hatte Kredite von 50'000, die Frau über 40'000 Franken. Da wurde die Prüfung, ob das wirtschaftlich tragbar ist, nicht seriös gemacht. Viele Tamilen haben extrem hohe Schulden, weil sie die Tamil Tigers unterstützten. Wir vermuten, dass die LTTE sie dazu aufforderte Kredite aufzunehmen und ihnen die Raten zahlte. Nun haben die Tamil Tigers den Krieg verloren und die tamilischen Familien hier in der Schweiz stehen mit ihren Schulden allein da. Das ist kein Einzelfall, wie der Tagesanzeiger kürzlich berichtet hat. Wie läuft eine Schuldensanierung bei euch ab? Schuldenberatung ist zuerst einmal Budgetberatung. Wer freiwillig zu uns kommt, glaubt daran dass eine Lösung möglich ist und ist bereit, sich an das erarbeitete Sanierungsbudget zu halten. Viele Klientinnen und Klienten werden uns auch durch Sozialdienste oder andere Stellen zugewiesen. Bis das Sanierungsbudget steht, sind einige Besprechungen nötig. Häufig benötigen die Betroffenen mehrere Anläufe, bis sie sich zu einer Sanierung und den damit verbundenen Einschnitten durchringen können Eine Sanierung läuft bei uns in der Regel über drei Jahre. Dies ist ein vernünftiger Zeitrahmen: Die Betroffenen haben ein erreichbares Ziel vor Augen und sind so motiviert, sich an die Abmachungen zu halten. Wann kommt es zum Privatkonkurs? Wir empfehlen den Privatkonkurs nur dann, wenn er zur Konsolidierung der Lage beiträgt und die Betroffenen nach dem Privatkonkurs voraussichtlich ohne Betreibungen und Pfändungen über die Runden kommen werden. Der Privatkonkurs schützt seit der Revision des SchKG, des Gesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs, weniger effizient vor Betreibung für die alten Schulden. Damals waren die Schuldenberatungsstellen gegen die Revision. Die Gläubiger haben auch früher schon versucht, eine Schuldanerkennung unterschreiben zu lassen oder haben immer wieder mal eine neue Betreibung eingeleitet in der Hoffnung, dass der Schuldner vergisst, die Einrede des

5 mangelnden neuen Vermögens geltend zu machen. Leider wird die Einrede auch heute noch häufig vergessen. Wenn der Hauptgläubiger zwei Jahre nach dem Konkurs wieder eine Betreibung beantragt und die Einrede vergessen wird oder zu spät erfolgt, geht die Lohnpfändung wieder von neuem los. Darüber ärgere ich mich manchmal grün und blau. Was hat sich nun wirklich seit der Revision des SchKG 1997 geändert? Das Dossier geht bei einer Einrede wegen mangelnden Vermögens automatisch ans Gericht. Das Gericht prüft nicht nur, ob neues Vermögen vorhanden ist sondern auch, ob der Schuldner ein Einkommen erzielt hat, das die Bildung eines neuen Vermögens erlaubt hätte. Je nach Gericht kann das Urteil ziemlich streng sein. Das heisst, es wird unter Umständen ein Vermögen angerechnet, das der Schuldner gar nicht hat. Richtig. Der Richter berechnet aufgrund der Unterlagen z.b., dass der Schuldner während zwei Jahren pro Monat 500 Franken hätte sparen können, plus den 13. Monatslohn und errechnet so ein fiktives Vermögen von 12'000 Franken das in Tat und Wahrheit gar nicht vorhanden ist. Trotzdem kann der Gläubiger die Rechtsöffnung verlangen und die Betreibung inklusive Lohnpfändung wieder weiterführen. Wie häufig kommt es vor, dass die Leute ihre Schulden nie mehr los und immer wieder betrieben werden? Unsere Befürchtungen von damals haben sich nicht ganz bewahrheitet. Was wir und wohl auch die damaligen Befürworter unterschätzt haben ist das Kostenrisiko des Gerichtsweges. Das Gesetz sieht zwar eine automatische Weiterleitung ans Gericht vor, aber in vielen Kantonen schreibt das Betreibungsamt den Gläubigern vorher einen Brief, worauf dann in vielen Fällen auf den Weiterzug verzichtet wird. Carola Burger: Besten Dank für das Gespräch.

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