WER WEISS, WELCHE ENTWICKLUNG EIN (ENTWICKLUNGS-)LAND BRAUCHT? Helmut Danner

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1 WER WEISS, WELCHE ENTWICKLUNG EIN (ENTWICKLUNGS-)LAND BRAUCHT? Helmut Danner Wenn die Geber (allein) bestimmen, was gut und was Entwicklung ist, dann besteht die Gefahr, dass sie das Entwicklungsland wie ihr eigenes Land wahrnehmen: was gut und richtig, was wünschenswert und was verdammenswert ist. Die Realitäten, vor allem die sozio-kulturellen, werden nicht oder zumindest verzerrt wahrgenommen. Entwicklungsmaßnahmen können dann zwar gut gemeint sein; aber nach Erich Kästner ist gut meinen das Gegenteil von gut. Ein Beispiel: Ein deutscher Entwicklungshelfer wollte auf Sansibar den kleinen Leuten wirtschaftlich helfen und für sie eine Schweinezucht etablieren; er scheiterte weil Moslems nichts mit Schweinen zu tun haben wollen. Erfahrungsgemäß tendieren Vertreter eines Entwicklungslandes dazu, Entwicklungsprojekte anzupreisen, die letztlich ihrem persönlichen Nutzen dienen, aber nicht der Gesamtstruktur des Landes. Privatpersonen und NGOs haben gelernt zu formulieren, was die Geberinstitutionen hören wollen: Armutsbekämpfung, Gleichberechtigung der Geschlechter, Infrastrukturverbesserung, Civic Education, etc. Andererseits werden Zustände nicht genuin als Probleme wahrgenommen, etwa Verletzung von Menschenrechten, Beschneidung von Mädchen, oder beispielsweise die Notwendigkeit politischer Maßnahmen bei der wirtschaftlichen Liberalisierung. Das sind zwei Klischees, die dennoch etwas Richtiges aussagen. Entwicklung wird verfehlt, wenn Probleme und Maßnahmen zu ihrer Behebung nicht in ihrem soziokulturellen Kontext wahrgenommen werden und wenn auf der anderen Seite der Wille zur Entwicklung fehlt. Letzteres hängt auch damit zusammen, dass Probleme von den Betroffenen nicht als solche wahrgenommen werden. Erst unsere Wertvorstellungen lassen häufig bestimmte Zustände als Probleme erscheinen: die Ungleichstellung der Frauen, Verletzung von Menschenrechten, undemokratische Strukturen, female genital mutilation, etc. Dennoch finden wir Ansätze zur Entwicklung vor, die von den Betroffenen gewollt werden und die im Wesentlichen nur Unterstützung für ihre Vorhaben suchen. Dann wird Entwicklungszusammenarbeit unproblematisch und fruchtbar. Politische Bildung, Civic Education, Verfassungsreform, Strukturierung des Landwirtschaftsmarktes, Diskussion und Förderung wirtschaftlicher Zustände das sind Entwicklungsansätze, die von den Kenianern selbst stammen. Unser Einfluss auf die Entwicklungsrichtung besteht darin, dass wir bestimmte, vorhandene Ansätze auswählen und andere nicht fördern und dass wir bestimmte inhaltliche Richtungen verstärken und andere vernachlässigen. Unsere Auswahl provoziert unter Umständen auch Konflikte, wenn etwa Civic Education von der Zivilgesellschaft gewollt, von der Regierung aber eher unterdrückt wird. Entwicklungszusammenarbeit bedeutet also auf Geberseite auf jeden Fall eine Stellungnahme, das Vertreten bestimmter Werte, die Unterstützung bestimmter Gruppen eines Landes. Letzteres gilt beispielsweise auch bei der Armutsbekämpfung; denn diese hat nur dauerhaften Erfolg, wenn korrupte Reiche in ihrer Macht beschnitten werden. Das Verhältnis der Parteien in der Entwicklungszusammenarbeit kann in Analo- 1

2 gie aber nicht in Gleichsetzung zum pädagogischen Verhältnis gesehen werden. Die eine Partei ist nicht nur die reichere, sondern auch die mit einem (wirklich oder vermeintlich) besseren Know How. Wenn dem nicht so wäre, dann könnte sich Entwicklungshilfe in der Überweisung von Geldern erschöpfen. Analog dazu ist der Erzieher dem Heranwachsenden einen Schritt voraus. Aber während mit Martin Buber der Heranwachsende nicht durchschaut, dass er erzogen wird, muß der Entwicklungs- Betroffene darüber im Klaren sein, dass es um Entwicklung geht. Wie im Erziehungsverhältnis muss das Verhältnis in der Entwicklungszusammenarbeit in völlige Selbständigkeit münden. Und wer auch immer bestimmt, in welche Richtung Entwicklung gehen soll, müssen die Beteiligten sich als Partner anerkennen. Das gilt in beide Richtungen; denn wenn etwa der eine Partner zum Geber degradiert wird, dann hat er im Entwicklungsprozess nichts mehr mitzureden. Im Idealfall geschieht Entwicklungszusammenarbeit dialogisch, d.h. im gegenseitigen Verstehen und in Rücksichtnahme auf die jeweils andere Seite. Das darf eine kritische Einstellung nicht ausschließen. Bedeutsam aber ist, dass Entwicklung nicht mechanisch von außen aufgesetzt und aufgedrängt wird. Sie soll keinen Bruch mit der sozio-kulturellen Tradition darstellen, sondern diese modernisieren. Im Idealfall bestimmen die Partner der Entwicklungszusammenarbeit gemeinsam, welche Entwicklung ein (Entwicklungs-)Land braucht. 2

3 EINIGE GRUNDSÄTZE ZUR EZ 1 Helmut Danner Nach 19 Jahren Tätigkeit als Auslandsmitarbeiter der Hanns-Seidel-Stiftung in Ägypten und in Kenia und nun seit 1996 in Nairobi lebend, beschäftigen mich Afrika, das Verhältnis zwischen Afrika und dem Norden und die Frage der Entwicklung intensiv. Darum auch begrüße ich den Anstoß des Bonner Aufrufs zur Diskussion dieser Bereiche. Allerdings stimme ich mit dessen Thesen und Forderungen nur teilweise überein. Ohne ausführlich zu wiederholen, was andere Beiträge zu dieser Diskussion bereits anführen, skizziere ich zunächst meine Position: 1. EZ darf nicht provinziell auf Deutschland allein bezogen werden es gab bzw. gibt die europäischen Organisationen, die amerikanischen, die Japaner, etc. Kritik an der Entwicklungspolitik der vergangenen Jahrzehnte betrifft alle. Darum ist es nicht ganz verständlich, wenn BMZ, SPD und Grüne meinen, sich gegen den Bonner Aufruf verteidigen zu müssen. (Ich vermisse Beiträge von CDU/CSU.) Zudem besteht Übereinkunft darüber, dass Afrika trotz Entwicklungshilfe sich nicht entwickelt hat. Es wäre auch wünschenswert, wenn die angeregte Diskussion über Deutschland hinausginge und nicht zuletzt Afrikaner einbeziehen würde. 2. Ich bin gegen die pauschale Forderung, die berühmten 0,7% des BSP für Entwicklungshilfe zu erreichen und auszugeben. Nicht die Menge des Geldes macht die Qualität der EZ aus. Begrenzte Mittel können eine kreative Herausforderung sein. Zudem müssen die politischen und administrativen Rahmenbedingungen für die Verwendung von Geldern günstig sein. Schließlich ist die Vermittlung von Know-how im Prinzip nachhaltiger als der Transfer von Finanzen. Insgesamt sollte es um die Qualität der EZ gehen. 3. So richtig und wichtig Armutsbekämpfung ist, so einseitig ist die entwicklungspolitische Konzentration auf sie. Vor allem darf Armutsbekämpfung nicht auf materielle Besserung reduziert werden. Diese tendiert gerade dazu, nicht nachhaltig zu sein. Es geht auch und im Letzten um Mitsprache, um politische Mündigkeit der Armen und der Bevölkerung als ganzer. Armutsbekämpfung wird erst fruchtbar und nachhaltig, wenn die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen dies zulassen. Kleinkredite helfen den Kleinbauern erst dann, wenn die Infrastruktur sie gleichzeitig unterstützen und sie ihre Produkte transportieren und vermarkten können. Passierbare Straßen, Wasser und Strom muss die staatliche bzw. städtische Verwaltung bereitstellen. 4. Darum wäre die Abkehr von einer Zusammenarbeit mit Regierungen als pauschale Forderung falsch. Hier muss differenziert werden. EZ mit zivilen Gruppen und mit der Regierung muss Hand in Hand gehen. 1 Beitrag zum Bonner Aufruf (www.bonner-aufruf.eu) am

4 Darüber hinaus möchte ich auf einige grundlegende Zusammenhänge aufmerksam machen, die mir in der Diskussion fehlen: 5. Herrn Pingers Ansicht, es könne nicht die Aufgabe eines Staates sein, ein Land zu entwickeln, ist mir unverständlich. Wozu sonst ist unter anderem ein Staatsgebilde da, wenn nicht dazu, politische, wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen zu schaffen, zu schützen und permanent zu reformieren, damit Entwicklung möglich ist? Ich vermute, dass Herr Pinger einen Entwicklungsbegriff verwendet, der speziell im Kontext von Entwicklungs-Land, -Politik, -Hilfe, etc. verwendet wird und der dem Gegenstand dieser Entwicklung Unterentwicklung unterstellt. Ich bin zunehmend der Meinung, dass die Entwicklungs-Idee und die Abstempelung als 'Entwicklungs'-Land ein falscher Ansatz ist und zum Misserfolg der EZ beigetragen hat. Beispielsweise hat sich das Land Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Agrarland zu einem Technologie-Zentrum entwickelt, einhergehend mit der Verbesserung der Lebensbedingungen für die Bevölkerung. Aber niemand redet in diesem Zusammenhang von 'Entwicklung' in jenem Sinne einer Entwicklungs -Hilfe. Bayern oder Deutschland oder andere europäische Länder waren nie ein 'Entwicklungs'-Land im Sinne von Entwicklungshilfe, obwohl sie sich in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten fortlaufend entwickelt haben. Wenn wir in unserer Wahrnehmung in der Lage wären, einem Entwicklungs -Land einen gleichberechtigten Status zuzugestehen, dann müssten wir unsere 'Entwicklungs'-Politik und die Entwicklungs -Hilfe im Sinne von Unterentwicklung zurücknehmen und könnten eher etwa von staatlichen und sozialen Reformen reden. Reformen sind überall und permanent erforderlich, in jedem Land der Welt. 'Reform' wäre ein ideologisch weniger belasteter Begriff. In diesem Sinne müsste in Kenia und in Afrika vieles reformiert werden. Aber man dürfte Begriffe nicht einfach austauschen - Entwicklung mit Reformen -, man dürfte nicht mit einem Reform- Koffer nach Afrika reisen und sagen: So, jetzt macht mal; hier ist die Anleitung, wie es geht. Denn das haben wir großenteils mit Entwicklungs -Hilfe zu lange getan. Es ginge also um eine Abkehr von der ideologisch belasteten Entwicklungs -Politik und Entwicklungs -Hilfe, nämlich von einer Entwicklung als Überwindung von Unterentwicklung zu einer völlig normalen, reformorientierten Entwicklung, oder anders ausgedrückt: es ginge um ein Ernstnehmen der Afrikaner. 6. Neben dieser zentralen Frage, wie wir Entwicklung überhaupt verstehen wollen oder müssen, steht die nicht weniger fundamentale Frage, WER denn die reformorientierte Entwicklung eines Landes BESTIMMEN soll. Der Bonner Aufruf sagt am Anfang, dieses sei eine falsche Annahme: Der Norden könne Afrika entwickeln. Richtig. Die nachfolgenden Forderungen des Aufrufs sprechen dann aber genau wieder davon, wie WIR die EZ organisieren sollen. Es sieht so aus, als käme kaum jemand aus diesem zirkularen Denken heraus. Denn die Argumentation der Initiatoren des Aufrufs sowie vieler Diskutanten denkt im Grunde nur von uns aus, nämlich wie wir Entwicklungshilfe und Entwicklungspolitik gestalten sollen. Dazu nur ein Beispiel aus der SPD- Erwiderung vom : Trotzdem liegt mit Blick auf die UN-Millenniums- 4

5 Entwicklungsziele noch einiges an Arbeit vor uns Es geht lediglich um eine Diskussion der Instrumente; es geht um die Frage über mehr oder weniger Gelder, über Regierung oder Zivilgesellschaft als Partner, usw., aber es geht nicht darum, von wem Entwicklung auszugehen hat. Es wäre wirklich schrecklich, wenn die Afrikaner uns erklärten, sie brauchen uns nicht siehe Shikwati 7. Fortschritte machen afrikanische Länder dort, wo ihre politische Elite politischen Willen zu Reformen hat. Dies ist meistens nicht der Fall, weil Politiker keine Staats- DIENER sind. Sie sind Pseudo-Elders, weil sie zwischen Tradition und Moderne, zwischen patrimonialistischen Strukturen und unverdauten Ideologie-Importen, zwischen Dorf und Stadt (als Chiffren verstanden) existieren. Die politische Kaste versteht sich der oberen Schicht der Gesellschaft zugehörig, jener Schicht, die bedient wird, aber nicht selbst bereit ist zu dienen, nur sich zu bedienen. Im Übrigen dürfen wir nicht vergessen, dass jene afrikanischen Ideologie-Importe - Demokratie, Good Governance, Rechtsstaatlichkeit usw. Ergebnis eines fünf hundert Jahre dauernden Aufklärungsund Emanzipationsprozesses in Europa sind. Der erforderliche Wandel von Pseudo-Elders zu Staats-Dienern mit Interesse und Engagement am Gemeinwohl kann nicht von außen, nicht von uns gemacht werden. Dieser Wandel bedarf eines langwierigen, tiefgehenden Aufklärungsprozesses, den Afrika selbst leisten muss. Eine Diskussion um Entwicklungspolitik und hilfe muss aber diese Zusammenhänge im Auge haben, wenn sie sich aus dem Irrweg des Eurozentrismus befreien will. 5

6 WANN FÄNGT DER WESTEN AN ZU LERNEN? 2 Helmut Danner Zunächst ist dem zuzustimmen, dass Entwicklungshilfe von unten beginnen, das heißt dass sie die Betroffenen einbeziehen sollte. Entwicklungshilfe scheitert, wenn über die Köpfe der Empfänger hinweg etwas durchgeführt wird, das ihnen fremd ist und zu dem sie keinen inneren, d.h. sinnhaften Bezug haben. Allerdings sollte die Aussage Nebes dahingehend ergänzt werden, dass Politik und Verwaltung ebenso einbezogen werden müssen; sie dürfen Entwicklungsmaßnahmen zumindest nicht behindern und unterlaufen. Auch Kleinprojekte brauchen zum Beispiel Infrastruktur, die von Politik und Verwaltung geschaffen werden muss. Die Frage nach der Wirksamkeit von Entwicklungshilfe wird jedoch besonders dann brisant, wenn wir fragen, was Anstöße, Vorschläge oder gar Vorschriften von außen bewirken können, wenn also Geberorganisationen und Geberländer genau wissen, was Afrikaner zu tun haben. Ein sehr einfaches Beispiel illustriert die Dringlichkeit dieser Frage: Ein gutmeinender Entwicklungshelfer wollte der Bevölkerung von Sansibar eine Einkommensmöglichkeit schaffen, indem er Schweinezucht einführte. Natürlich scheiterte das Unternehmen, weil Moslems nichts mit Schweinen zu tun haben wollen. Nicht immer liegt die Diskrepanz zwischen gutgemeinter westlicher Idee und kultureller Realität in Afrika so offen auf der Hand. Doch im Prinzip muss immer davon ausgegangen werden, dass eine kulturelle Kluft vorliegt, die westliche Entwicklungsprojekte unterläuft und am Ende scheitern lassen kann. Das trifft beispielsweise auch auf technische Projekte zu, bei denen eigentlich alles eindeutig sein sollte. Denn es kommt auf den Umgang mit der Technik an, etwa auf die Einstellung zur Wartung von Geräten. Die kulturelle Kluft ist nun bei Versuchen, die die afrikanische Gesellschaft und Politik verändern d.h. verwestlichen wollen, noch größer. Unter ausländischer Perspektive hätten die zahlreichen Entwicklungs-Anstrengungen Kenia vor der bürgerkriegsähnlichen Katastrophe von Anfang 2008 bewahren sollen. Dutzende von ausländischen Organisationen waren an Civic Education, politischer und Wähler-Bildung zumindest zwei Jahrzehnte lang beteiligt. Und doch konnten sie die kenianischen Kämpfe nicht verhindern. Offensichtlich ging die gutgemeinte politische Bildung an der afrikanischen politischen Realität vorbei, die von einem Pseudo-Elder-System bestimmt wird, von Stammesidentität, fehlender Achtung der Eliten für die gewöhnlichen Bürger, von einer Wertschätzung von Grund und Boden, die weit über den materiellen Wert hinausgeht. Haben die Entwicklungsanstrengungen der Ausländer jene kulturellen Aspekte in Betracht gezogen? Waren sie dazu in der Lage? Viele afrikanische Staaten haben sich auf demokratische Strukturen eingelassen; es gibt eine Verfassung, ein Parlament, einen Präsidenten und Minister, Gewaltenteilung, politische Parteien, Wahlen Doch diese demokratischen Strukturelemente bil- 2 Antwort auf einen Beitrag von J.M. Nebe im Trierer Volksfreund vom : Die Hilfe muss von unten beginnen. 6

7 den eine Fassade, hinter der die Dinge auf afrikanische Weise geregelt werden: Parlamentarier werden vor einer Abstimmung auf die Stammeszugehörigkeit eingeschworen; die Verfassung wird geändert, um dem Präsidenten ein Amt auf Lebenszeit zu sichern; was zählt, sind persönliche, Stammes- und Peer-Verbindungen, aber nicht politische Funktionen und Aufgaben des Politikers; werden kriminelle Akte von einem Politiker bekannt, dann protestiert seine Gemeinschaft, weil einer von uns angegriffen worden ist; politische Parteien sind in der Regel auf eine führende Person bezogen sind stammesorientiert und ausschließlich Machtinstrumente. Sind sich die Entwicklungsexperten (und Politiker) aus dem Westen bewusst, dass der Afrikaner, der ihnen in Anzug und Krawatte begegnet und der ein geschliffenes Englisch oder Französisch spricht, gleichzeitig in seiner Herkunft und seinen afrikanischen Bräuchen verwurzelt ist? Verstehen sie ihn und seine Tradition? Bemühen sie sich überhaupt um ein Verstehen? Oder ist das nicht der Mühe wert, weil sie ja vom Westen kommen und ohnehin die höhere Kultur und Zivilisation mitbringen? Die Zeiten der Missionierung und Kolonisation sollten eigentlich vorbei sein. Doch die Haltung der Entwicklungs-Hilfe sitzt tief in den Menschen des Nordens: Die Afrikaner brauchen uns; wir müssen ihnen helfen; wir wissen, was für sie gut ist und was sie zu tun haben, um entwickelt zu werden. Entwicklung wohin? Kann der Westen heute noch ein Vorbild sein? Aus drei Gründen ist das nicht der Fall: Die Denkweisen und Weltanschauungen Afrikas und des Westens sind nicht unmittelbar kompatibel; afrikanische Kulturen haben ihre eigene Stärke, aufgrund derer sie ihren ganz eigenen Weg zu einem Standard finden können, der ihnen Kommunikation und Wettbewerb global erlaubt; und schließlich stellen Gesellschaften des Westens sich selbst, ihren Lebensstil und dessen Folgen nicht nur die ökologischen in Frage. Der Westen sollte anfangen, zu lernen und zu akzeptieren, dass Afrika nicht einfach zurückgeblieben ist Afrika ist verschieden, verschieden zum Westen und zu Asien. Wegen der fundamentalen geistigen Differenz ist es falsch und zu oberflächlich zu behaupten, Afrika sei fünfzig oder drei hundert Jahre hinter Europa zurück. Denn Afrikas Sozialstruktur, Ethik und Spiritualität sind prinzipiell von der europäischen Weltsicht verschieden. Letztere ist von Individualismus und Rationalität bestimmt, was auf Afrika nicht zutrifft. Dieses Anderssein erlaubt nicht, von einem zeitlichen Früher und Später zu sprechen. Wenn wir darum den gegenwärtigen Standard des Westens von Wissenschaft, Technologie, sozialen, ökonomischem und politischen Strukturen als den einzigen Maßstab nehmen, ist Afrika natürlich unter-entwickelt und zurückgeblieben. Doch wir müssen begreifen, dass Afrikas eigentümliche Weltsicht eine unterschiedliche Art zu denken und zu leben zur Folge hat. Aufgrund der Kolonialgeschichte und der aktuellen westlichen Einstellung gegenüber Afrika wurde und wird Entwicklung als ein Aufholen gegenüber dem Westen begriffen. Diese Entwicklung definiert sich von einer Unter-Entwicklung her. Den Standard hierfür liefert der Westen. Doch, wie bereits gesagt, den Westen als absolutes Entwicklungs-Ziel zu begreifen, ist nicht mehr haltbar. Wenn es uns also gelänge, unse- 7

8 re Sicht auf Afrika von Unter-Entwicklung zu befreien, dann könnten und müssten wir anfangen, afrikanische Menschen und Länder als normal zu sehen, normal in dem Sinne, dass Afrikaner von sich aus an Verbesserungen und Reformen interessiert sind, dass Afrikaner mit ihren Regierungen nicht zufrieden sind, dass sie sich aus Armut und Unterdrückung befreien wollen. Die nordafrikanischen Länder sind das beste aktuelle Beispiel hierfür. Doch auch dort muss sich erst herausstellen, welchen Weg diese Länder gehen werden; dieser kann sich deutlich vom Westen unterscheiden. Diese Überlegungen mögen in der Debatte über die richtige Entwicklungshilfe ungewohnt sein. Denn sie folgen nicht der Verrechnung von geeigneten Inputs im Hinblick auf einen erwünschten Output. Sie stellen vielmehr die Haltung des Westens gegenüber Afrika in Frage zugleich indirekt auch die Haltung Afrikas gegenüber dem Westen. Eines scheint unbedingt erforderlich zu sein: Der Westen muss die Haltung des Besserwissens und des Belehrens aufgeben; er muss bereit sein, hinzuhorchen und zu verstehen; er muss seine Überheblichkeit gegenüber Afrika ablegen. Es bedarf des Endes der westlichen Arroganz. 8

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